Pfeifen Huber | Selected Blend Virginia

Wissen sie lieber Leser, was ein „Guilty-Pleasure“ ist?
Nein? So nennt man neu-deutsch ein Vergnügen, für welches man sich eigentlich schämt.
Ein Literaturkenner, der manchmal heimlich ein „Walt Disney’s Lustiges Taschenbuch“ zur Hand nimmt, ein ernsthafter Cineast, der sonst nur französischen Arthouse, sich in einer fremden Stadt heimlich ins Kino schleicht um einen Marvel-Superhelden-Film zu sehen. Ein Sternekoch mit dunkler Brille am Currywurststand … Sie wissen, was ich meine …
Haben Sie auch ein „Guilty-Pleasure“? Dann schreiben Sie doch bitte einen Kommentar (gerne auch anonym, ich werde ihn diesmal ausnahmsweise trotzdem freischalten)
Die Liste meiner eigenen „verschämten Genüsse“ ist mindestens so lang, wie die meiner Laster, das würde hier zu weit führen. Allerdings ist es mit meinem Schamgefühl nicht so weit her und so ergötze ich mich offen und breitbeinig an Countrymusik, Marillenschnaps, Spitzweggemälden, Krankenhausserien und Toffifee. Toffifee? Ja, Sie wissen schon: *singt*: „Mit Karamell und Haselnuss mit Nougatcreme und Schokoguss … Es steckt viel Spaß in Toffifee“ Das einzige mir bekannte Nahrungsmittel, welches die komplette Zutatenliste im Werbe-Jingle Preis gibt. Dafür hätte die Firma Storck eigentlich einen Transparenz-Preis verdient, aber das ist eine andere Geschichte.


Präambel:
Bei dem Autor dieser Zeilen handelt es sich um einen der letzten wirklich ernsthaften Pfeifenraucher. Einem bei dem nur ausgewählte, limitierte, geagede Bio-Tabake absoluter Natürlichkeit, in ausschliesslich von skandinavischen Highgradern handgeschnitzten Pfeifen mit makellosem Straight-Grain genossen werden. Einem der maximal drei schwefelfreie Streichhölzer pro Pfeife verwendet, der eher das Rauchen aufgeben würde, als zum Beispiel (ich traue mich kaum dieses Wort zu tippen), einen Aromaten zu rauchen.
Ausgerechnet mir, schickt Pfeifen Huber aus München den „SELECTED BLEND – Virginia“ zur Rezension zu. Einen, Sie werden es erraten – aromatisierten Tabak.
„Virgina“ klingt ja erstmal jungfräulich und rein … aber weit gefehlt…

Arglos öffne ich die Dose und mir bleibt die Luft weg. Die Schokolade und die Vanille, die bei meinen Tabakreviews von Chocolate Flake und Perfection, obgleich versprochen, völlig fehlten, strömen jetzt aus dieser Dose. Als gäbe es einen universellen Joulschen-Aromen-Erhaltungssatz „Die Anzahl der Aromamoleküle in allen Pfeifentabaken ist immer konstant“ Möglicherweise haben die Herren Kohlhase und Kopp ein paar Kanister Aromastoffe aus dem Lager von Samuel Gawith entwendet und diese dann über den Huber Virginia gekippt …

Das hört sich jetzt unschön an, das ist mir bewusst, aber bevor mir Herr Huber jetzt gleich Hausverbot erteilt und ich im Tal ein für immer Geächteter sein werde, bitte ich sie sich meine Eingangsworte in Erinnerung zu rufen: Die von meinem Guilty-Pleasure. Dieser Dose entströmt der wundervolle, einzigartige und unverwechselbare Duft von Toffifee! Auf der Herstellliste finden sich zwar andere Angaben, aber wir wissen ja alle, was wir von diesen zu halten haben. „Sahnekaramell, Vanille, Cappuccino und Holunderbeeren“ Sahnekaramell und Vanille ja … der Rest ist Quatsch.
Das Aroma heisst: Toffifee!

Nachdem ich mehrere Minuten den Geruch genossen habe, stopfe ich mir die Mischung gierig in eine Pfeife –  eine 2018er Caminetto (auch von Pfeifen Huber) Ich zünde, rieche, ziehe, hauche … unglaublich … erst schmecke ich nur etwas Virginia, aber dann kommt die Toffifee-Keule. Wundervoll! Während ich mich also an diesen satten und süßen Aromen ergötze, versuche ich den Tabak zu dekonstruieren:

Ein paar Curlyscheiben entdecke ich sofort. Helle Virginias, mittelbraune Burleystreifen und auch ein Bisserl zerrissener Flake, aber das könnte auch eine zerfledderte Curlyscheibe sein und dann auch etwas tiefschwarzer Black Cavendish. Ich traue letzterem kein Stück über den Weg, nicht zu unrecht ist er als Rauchpappe verschrien. Ich bin mir sicher, spätestens nach 17,5 Zügen wird das Aromaverflogen sein und ich werde an einer farblosen, langweiligen Knöselmischung herum nuckeln.
Ich starte meinen Computer, logge mich im Adminbereich des Pfeifenblogs ein und beginne zu tippen. Ich fotografiere die Dose, deren Inhalt und so weiter, was ein Tabakrezensent eben den ganzen Tag so macht. Eine knappe Stunde später ist die Pfeife aus. Ich habe kein einziges Mal nachgefeuert, höchsten ein, zwei mal gedankenverloren nachgestopft. Aus dem Pfeifenkopf rieselt hellgraue Asche. Ich stopfe die nächste Pfeife und kann es kaum glauben. Das Toffifee-Aroma hat auch diesmal die g e s a m t e Füllung durchgehalten! Unglaublich! Auch die zweite Pfeife (eine Peter Klein aus Dänemark) schmeckt gleichermassen lecker und lässt an keiner Stelle nach. Was für ein Tabak oder besser: Was für eine Aromat!

Ich bin mir sicher, wären alle Aromaten von einer solchen Qualität, wie der Selected Blend Virginia, sie hätten nicht einen solch schlechten Ruf. Auch bei Aromaten merkt man ganz klar, die Qualität der Grundtabake und die ist bei diesem Blend definitiv außerordentlich hoch.

Fazit: Dieser Tabak reiht sich ein in meine (fast endlose) Liste von Guilty-Pleasures, aber ich werde es natürlich immer abstreiten, jemals Aromaten zu rauchen, versteht sich – oder?




Pfeifen Huber | Selected Blend English

Pfeifen Huber, Freitagnachmittag gegen 14.00 Uhr: „Und, gibt’s irgendwas Neues?“ „Ne, eigentlich nicht… Doch Halt! Wir haben fünf neue Tabake! Gestern gekommen!“ Also wenn das nichts Neues ist! Diese fünf neuen Tabake sind eigentlich eine kleine Reihe, die sich „Selcted Blend“ nennt und sich in erster Linie einmal dadurch auszeichnet, dass die Tabake einheitlich in 50g Dosen konfektioniert sind. Das ist vor allem bei der hier besprochenen „Englischen Mischung“ sinnvoll und schließt eine Lücke im Sortiment der Huber Haustabake, denn alle anderen Huber-Latakiamischungen sind bislang nur in 100g Dosen erhältlich.

Huber Selected Blend English10 verschiedene „Englische Mischungen“ gibt es unter den Huber Tabaken, darunter auch den von mir sehr geschätzten „English Balkan“ oder die „Smoking Mixture“. So stellt sich die Frage, wie sich der „Selected Blend English“ innerhalb des Portfolios positioniert und ob eine Erweiterung um einen elften Latakiablend sinnvoller ist als etwa eine der bewährten Mischungen als 50g Dose anzubieten?

Die Herstellerpanegyrik lautet: „Eigenständig. Unverwechselbar. Rauchig duftiger Latakia aus Nordzypern wird abgerundet mit Virginia aus drei Kontinenten. Abseits von zugeführter Aromatisierung bietet diese Mischung unverfälschten Rauchgenuss für Puristen. Langfaseriger Schnitt.“

Huber Selected Blend EnglishVirginias und Latakia, sonst nichts. Das klingt erstmal wenig spektakulär, ist auch wenig spektakulär, aber es ist ziemlich gut gemacht und so ist der Selected Blend English ein Tabak, der mir vom ersten bis zum letzten Zug schmeckt und Freude macht. Diese fast schon puristische Reduzierung ist eigentlich gar keine, zeigt sich doch von Anfang an, wie vielschichtig eine gekonnte Kombination verschiedener Virginias sein kann. Kohlhase & Kopp, aus deren Haus der Huber Selected Blend English stammt, hat hier wieder einmal erstklassige Arbeit geleistet. Und genau deshalb kann sich der Tabak im Huber-Latakia-Sortiment auch gut behaupten und ergänzt das Angebot auf absolut überzeugende Art und Weise.

Der Huber Selected Blend English ist ein klassischer Ribbon Cut der neben den verschiedenen Virginia Grades aus einer anständigen Portion Latakias besteht, was ihn auf der einen Seite ordentlich rauchig macht, auf der anderen stehen aber die Virginias, die durchaus kräftig genug sind, um dem Tabak genügend Körper zu verleihen und ihm malzig süsse und erdige Noten mitgeben. Huber Selected Blend EnglishDas Geschmackserlebnis ist einerseits sehr direkt und fast ein bisschen rustikal, aber auch komplex und vielschichtig, wobei allerdings eine große geschmackliche Entwicklung über die ganze Füllung hinweg ausbleibt. Hier ist er vielleicht stilistisch am ehesten mit Samuel Gawiths Squadron Leader vergleichbar, der – obwohl er noch Orientals enthält – ähnlich direkt bei überschaubarer Entwicklung schmeckt. Auch qualitativ ist er diesem absolut ebenbürtig. Der Latakiaanteil wirkt nicht so sehr ätherisch wie etwa beim Huber English Balkan, dafür ist er perfekt eingebunden. Sein geschmacklicher Bruder ist der Dunhill BB 1938, der aber im vergleich zum Huber Selected Blend English ein wenig schmalbrüstiger wirkt.

Durch die verschiedenen Virginias ist der Selected Blend English unter den englischen Mischungen durchaus nicht leichtfüßig und ich empfinde ihn zwar nicht so rauchig voll wie den English Balkan, dafür aber als gehaltvoller und kräftiger. Die perfekte Balance das Tabaks verhindert, dass er langweilig wirkt, sodass ich ihn lieber rauche als den BB 1938, der für mich genau an dieser Stelle etwas kränkelt. Das ist aber ein Eindruck aus dem Gedächtnis mangels eines direkten Vergleichs der zwei Tabake.

Huber Selected Blend EnglishFür Freunde schnörkelloser Latakiamischungen hat der Selected Blend English absolut meine Empfehlung! Er ist in etwa das, was für den Virginia/Perique Liebhaber die alte Elizabethian Mixture war: eher wenig spektakulär aber schlicht herausragend gut! Wer das Spektakel sucht, möge unter den Huber Latakias den English Balkan probieren!

Stopfen, Anzünden und Rauchen lässt sich der Selected Blend English vollkommen problemlos, was ihn auch durchaus für Anfänger empfiehlt, die einen kräftigen Engländer probieren möchten.

Erhältlich ist der Huber Selected Blend English ausschließlich bei Pfeifen Huber in München zum derzeitigen Preis von Euro 12,50/50g (Stand März 2020).




Samuel Gawith | Perfection

Mit der Perfektion habe ich es persönlich gar nicht so. Perfektion ist die Suche nach den 100%. Wir alle wissen, spätestens seit Vilfredo Pareto (1848–1923), dass 80% des Ergebnisses mit einem Aufwand von 20% zu erreichen sind … umgekehrt bedeuten die letzten paar Prozent bis zur Perfektion den allergrößte Aufwand. Nach diesem Pareto-Prinzip zu leben, macht einen zum „perfekten“ Mittelmaß zum „mit-geringstem-Aufwand-irgendetwas-ausreichend-Macher“. Deshalb ist dieses Prinzip perfekt für amerikanische und amerikanisierte Vollpfosten, die nichts wirklich können, aber hocheffektiv blöd daherreden … Schreibe ich mich gerade in Rage? Kann sein. Da ist jetzt auch ganz viel Selbsthasskritik dabei. Fehlt es mir selbst doch oft an der Zeit, der Lust und auch am Fleiß wirklich 100% zu geben, um 100% zu erreichen.

Das schöne an der Kunst ist, dass man die letzten 20% manchmal geschenkt bekommt. Von den Musen, vom eigenen Genius vom Universum oder dem heiligen Geist … keine Ahnung von wem, aber manchmal gelingt einem etwas, was man im Grunde nicht verdient hat. Das ist zum einen tröstlich aber zum anderen auch Futter für den Schweinehund, denn lieber hofft man, denn zu arbeiten … Aber ich werde mich bessern, ich verspreche es, hoch und heilig bei den Musen, der Sarasvati (meiner indischen Lieblingsgöttin) und dem heiligen Aloisius.

Was erwartet man nun von einem Tabak oder allgemein einem Produkt, welches „Perfection“ heisst? Da liegt die Latte hoch, oder? Je höher die Latte, desto wahrscheinlicher reisst man sie, vor allem wenn man nur zu 80 Prozent anläuft. Was soll ich sagen, ich war sehr skeptisch, als ich die Dose beim Huber im Tal erworben habe. Eigentlich gefiel mir nur das Zamperl (Mundart: Hund), die hübsche hellblaue Farbe und die Tatsache, dass es über den Perfection von Samuel Gawith noch kein Review hier auf dem Blog gibt.

Die Dose öffnete ich gleich noch im Geschäft und wie meistens bei etwas weniger verbreiteten Tabak, steckte jeder der Anwesenden seinen Riechkolben in die Dose und nahm sich bei Gefallen, eine Füllung in seine Probierpfeife. Ich muss irgendwann noch versuchen dahinter zu kommen, warum immer, wenn ich einen neuen Tabak kaufe, alle auf einmal eine Liebe zu Giant-Pfeifen entwickeln – ein merkwürdiges Phänomen … Ich nahm mir also die paar Brösel, die noch in der Dose verblieben waren und stopfte mir eine Dunhill Nummer 1 zur Hälfte.

Der Tabak war perfekt konditioniert und ließ sich perfekt in die Pfeife stopfen und perfekt anzünden. Er brannte auch perfekt, absolute Perfektion bis hier her.
Es gibt Menschen, die empfinden Perfektion als langweilig und suchen nach dem Unperfektem, den Ecken und Kanten, dem Besonderen. Ich denke mal, die Suche nach zu feuchtem und schwer entzündbaren Tabak wird von wenigen betrieben, das ist etwas, was man einfach voraussetzt, was man glaubt erwarten zu können.

Beim Perfection handelt es sich um einen „milden Engländer“ etwas Latakia, mehr als eine Prise aber auch keine Balkanportion. Perfekt ausgewogen? Ja, irgendwie schon. Die Balance zwischen Virginias und Latakia stimmt. Aber? Keine Jubelrufe? Keine elegischen Ausführungen? Nein, leider nicht. Es ist ein toller Tabak, gute Qualität, 1a Geschmack, aber doch lässt er mich nicht jubeln. Vielleicht ist er doch zu perfekt? Ich würde ihn jedem empfehlen, der keine oder wenig Erfahrungen mit englischen Tabaken hat. Ich würde ihm sagen, dass das der perfekte Engländer ist, ein wohlschmeckender und einfach zu rauchender Pfeifentabak. Aber einem Kenner würde ich ihn niemals empfehlen.

Ist vielleicht Perfektion nur etwas für Anfänger? Liebt nur der erfahrene Connaisseur das Raue, das Extreme, das Skurrile kurz das Unperfekte?
Mir scheint, ein wenig könnte das so sein…

 

 

 




Ein Gruß mit Rückblick: 2019

Pfeifenblog.de wird betrieben von drei Köpfen, die in ihrer Ausprägung, den Ansichten und „Irgendwie und Sowieso“ durchaus eigenständig und unterschiedlich sind. Und so ist es nur logisch, dass der Rückblick auf das heute zu Ende gehende Jahr 2019 verschiedene Sichtweisen erlaubt. Das ist alles andere als dogmatisch und so leistet sich der Blog demnach auch drei Rückblicke. Unseren Abonnenten und der Leserschaft wünschen wir einen geruhsamen Übergang in das nächste Jahr. Bleiben Sie uns gewogen.

Ihr TRIO PFEIFENBLOG


BODO FALKENRIED

Jahresrückblicke sind längst nicht mehr, was sie waren. Erstens wurde das Jahr auf 11 Monate gekürzt, da vermutlich die „Moderatoren“ dieser bahnbrechenden Medienereignisse die Zwölf, vom „Dutzend“ ganz zu schweigen, nicht mehr kennen, so daß der Dezember  nicht mehr vorkommt. Ob die meisten von ihnen ohnehin nicht einmal bis Drei zählen können, lasse ich offen. Also, zu Beginn des Fernsehzeitalters gab es exakt am 31.12. eines Jahres den Jahresrückblick, zuerst im Ersten, später dann gefolgt von den Mainzern. Und bei beiden Sendern hieß die Sendung Jahresrückblick und nicht wie heute z.B. beim Herrn Überflüssig Lanz „Menschen 2019“ mit Sarah Connor, den Toten Hosen und der Kelly Family, gesendet bereits am 20.Dezember. Demnach ist für die restlichen 11 Tage des Jahres diese Spezies scheinbar eliminiert. Politik gibt es bei dem Lanz-Format nur marginal, dafür aber ein bedeutsames Statement vom neuen Kapitän der Nation, dem diese Rolle eine Herzensangelegenheit sei, kann aber eigentlich noch nicht als Rückblick gelten, denn er gleitet erst heute Abend zum ersten Mal durch die Gewässer. Zurück blicken auch Dieter Bohlen und ein gewisser Bruce Darnell (?) bei RTL, im SAT gibt es gleiche mehrere Jahresrückblicke, darunter besonders erwähnenswert der von Annemarie Carpendale am 17.12. in Prosieben, wer immer diese Dame auch ist.

Eine Inflation finden wir bei den satirischen Jahresrückblicken und eingedenk der Tatsache, daß heute jeder, der einen Satz in normaler deutscher Umgangssprache nicht einmal unverständlich beenden kann, bereits ein Comedian sein soll, gilt offensichtlich als TV-Förderprogramm für diese Semantik-Eleven. Gespannt sein darf man wohl nur auf die Platzhirsche des Genres, Dieter Nuhr und den klugerweise unterjährig so abwesenden Urban Priol mit TILT.

Wie anders sieht es da in der unüberschaubaren, riesigen Gemeinde der Pfeifentabakgenießer, Pfeifen- und Zigarrenrauchern aus, mit ihrer stetig wachsenden Anzahl von abermillionen Mitgliedern? Wie hat sich deren Welt in 2019 gedreht, wann ist sie stillgestanden , wann hat sie Fahrt aufgenommen und wie lange wird das noch alles so weitergehen? Wobei letztere Frage ja in einem Rückblick gar nicht gestellt werden darf.

Der Anfang des Jahres hat uns den bereits im letzten Quartal 2018 Fahrt aufnehmenden Tsunami um die Dunhill Tabake deutlicher beschert, der dann im Juni/Juli gerüchterweise und endlich im September realiter die Welt der Dunhillianer wieder eingenordet hat. (Fast) alles wieder da und alles wieder unverändert wie zuvor, STG sei`s gedankt. Den Robert McConnell Heritage-Spuk von Kohlhase & Kopp mag man als durchaus daseinsberechtigtes Interregnum betrachten, wenn es auch in die Nähe einer Eselei gerückt werden kann. Egal, Schnee von …. diesem Jahr.

Planta hat die Segel gestrichen und ist unter das Dach von MacBaren geschlüpft, das Unternehmen existiert nicht mehr. Dafür ist Hans Wiedemann mit seiner HU Tobacco kreativ wie eh und je, wahre Meisterleistungen sind der Dark Moor und die Night Owl geworden. Das bayerische 100jährige Jubiläum der Abschaffung der Monarchie brachte uns u.a. den Kurt Eisner Tabak und ….. das war es auch schon. Ansonsten gähnende Langeweile an der Tabakfront (eigentlich haben wir doch alles, was wir uns wünschen) und gleiches gilt auch für die Holzfront. Alte Protagonisten, die üblichen sicheren Bänke, wenig Neues und Kreatives, in Deutschland macht einzig CO Pipes neugierig. Anders in Asien, wo sich viel Interessantes auftut, zum Beispiel in Taiwan und Indonesien.

Zugenommen in 2019 hat die Anzahl der You Tube Kanäle, die Wissen und Anreiz rund um Pfeife und Tabak bieten wollen. Hier sehen wir eine ähnliche Entwicklung wie bei den satirischen Jahresrückblicken: nur wenige sind berufen. Bei diesen Formaten ist festzustellen, dass die Sprechpausen durch unzählig zu wiederholendes Anzünden der Pfeife oftmals mehr Zeit einnehmen als die eigentliche Berichterstattung. Das es eine Schneidetechnik gibt, scheint da keine Rolle zu spielen.

Fazit kurz und bündig: Der zum Jahresanfang erwähnte Tsunami hat sich sehr schnell in ein schmalbrüstiges, plätscherndes Rinnsaal geformt und so war das gesamte pipologische Jahr 2019.


ALEXANDER BROY

Ich habe schon seit Jahrzehnten kein „Fernsehen“ mehr geschaut, deshalb kann ich zu dieser Form von Jahresrückblick wenig beitragen, aber dass am 20. Dezember ein erster Jahresrückblick erscheint, ist nicht ganz unsinnig. Der 20. Dezember ist der Tag des Ungläubigen Thomas und in einigen Kulturen beginnt mit diesem Tag die Zeit der Raunächte. Die alten Kalender konnten die Tage der Sonnenwenden nicht so genau bestimmen und so blieben durch ein paar Rechenfehler immer ein paar Tage übrig. Das sind die Raunächte, die nicht den Lebenden, sondern den Toten, den Göttern, Geistern und Dämonen gehören. Am 20. schlachtete man einen Eber einerseits als Opfer und andererseits als Weihnachtsschmaus, denn während der Raunächte verlässt man besser nicht sein Heim. Ob man nun einen heiligen Eber schlachtet, oder nur wieder eine andere Sau durchs Dorf treibt, egal. Das Jahr ist rum, da kommt nichts mehr, ausser der Perchta oder dem Heiland.

Was das Tabakjahr angeht, so gab es für mich tatsächlich auch nur diese drei Tabake Kurt Eisner Tabak, Dark Moor und die Night Owl da stimme ich meinem Vorredner zu.  Hans Wiedemann hat spätestens mit diesen Dreien bewiesen, dass HU-Tobacco zu den ganz Grossen zählt. Diese drei Tabake waren auch mit Abstand seine erfolgreichsten Kreationen. Ich freue mich sehr, dass wir zu diesem Erfolg auch einen kleinen Teil beitragen konnten. An Planta verschwende ich keinen einzigen Gedanken (Mist, schon passiert) und Dunhill ist eine wunderbare Erinnerung an vergangene, goldene Zeiten. Ob die Navy Rolls von Dunhill, STG, Peterson oder sonst wem kommen, ist mir egal, ich rauche nur Escudo 😉 (Egal, ob Mailand oder Madrid, Hauptsache Italien)

Ich liebe YouTube und ich mag auch die neuen und alten „Pfeifen-Tabak-Youtuber“. Viele Videos haben vielleicht nicht den „Production-Value“ von HBO und nicht jeder PfeifenTuber hat das Charisma von Luis Trenker oder auch den Sachverstand von … weiss nicht ich hör jetzt auf … aber es ist eine nette, sympathische und liebenswerte Community entstanden, die zwischen lehrreich, meditativ, entspannend und (auch unfreiwillig) komisch schwankt. Also ich schau da sehr gerne immer wieder rein.
Und da ich der einzige von uns Bloggern bin, der einen Facebook-Account hat, will ich auch da einen kleine Rückschau liefern.
Die Foren sind tot, danke DSGVO! *Sarkasmus-Schild-hoch* was blieb sind ein paar Blogs und Facebook. Und auch auch was dieses sonst sehr zwiespältige Social-Network angeht, hege ich was die Pfeifengruppen angeht auch dahingehend überwiegend positive Gefühle. Auch da sind viele sympathische, nette und auch kauzige Menschen unterwegs, die man einfach gern haben muss und von denen man gern Bilder sieht und Geschichten liest. (Naja, nicht alle, aber eben doch recht viele).

Von mir also nur Versöhnliches, 2019 war für mich ein schönes Pfeifenjahr. Kommt gut rüber, bleibt gesund, bis nächstes Jahr, euer Alexander.


PETER HEMMER

Mit den Rückblicken ist es immer so eine Sache. Sie machen nur Sinn, wenn man so Erblicktes mitnimmt in den Blick nach vorne. Und trotz manchen Lichtblicks war das Jahr 2019 in fast jeder Hinsicht ein eher dunkles Jahr, auf das wir da zurückblicken.

Mein persönlicher Lichtblick – und das meine ich vollkommen ehrlich und aufrichtig – ist Greta Thunberg! Nicht, dass sie schnell mal die Welt verändert hätte, die Klimaerwärmung gestoppt oder das Artensterben aufgehalten hätte, oder wir schlechte Menschen wären, weil wir nicht im Segelboot reisen. Nein, es ist diese bewundernswerte Kompromisslosigkeit, mit der sie versucht, sich unserem kollektiven Selbstmord auf Raten entgegenzustellen und an der all diese professionelle, gezielt ins Nirwana führende Kompromissphrasendrescherei des Politbetriebes einfach mal folgenlos abperlt!

Uns kommt unsere Lebensgrundlage abhanden. Mal wird sie uns weggespült, dann trocknet sie uns weg oder sie brennt uns weg und sie stirbt uns weg, immer irgendwo, immer in noch bedrohlicheren Ausmaßen, erst reicht noch das Saarland als Größenvergleich, dann ist es Brandenburg und ein Ende ist irgendwie nicht in Sicht. Da sitzt jemand bei einem Vortrag in der LMU und ein Agrarwissenschaftler erklärt, dass in Bayern aufgrund des Insektensterbens und des Klimas Landwirtschaft, je nach Gutachten, in 10 – 30 Jahren unmöglich sein würde. Nicht im australischen Busch oder im Mündungsdelta Bangladeshs, nein bei uns!

Und dann schauen wir uns an, wie politische Entscheidungsprozesse bei uns ablaufen. Mit ihren verdeckten Lobbyschlachten, dem anbiedernden Kampf um Wählerstimmen, die von immer mehr alten Menschen stammen, obwohl Politik langfristig für junge Menschen gemacht werden muss. Das alles gestaltet sich schwierig und braucht Zeit. Zeit, die wir nicht mehr haben. Von globalen wirtschaftlichen Interessen und nationalem Machtstreben ganz zu schweigen. Und dem stellt sich dieses Mädchen entgegen – „Hier stehe ich. Ich kann nicht anders. Amen.“ – und blamiert diesen ganzen Zirkus bis ins Mark! Wir sollten uns ein Stück von diesem Lichtblick mitnehmen!

Pfeife 2019? Gab’s da was außer Horror?

Untaugliche Influencer, die eher ihrer eigenen Eitelkeit fröhnen als die horriblen Entwicklungen, an denen sie teilweise selbst Schuld sind, zu benennen. Immer mehr Pfeifenmacher, die immer weniger können – Ausnahmen bestätigen die Regel. Ein Fachhändler, der mit 65% Rabatt einen der besten deutschen Pfeifenmacher aus seinem Sortiment schießt und damit natürlich beschädigt, einfach, weil sich dessen Pfeifen nicht von ganz alleine verkauft haben.

Und letztlich das Aus von Butz-Choquin im September. Mal nur zum Überlegen: da geht es nicht nur um eine Marke mittelprächtigen aber durchaus seriösen Rufs weniger, da geht es viel mehr um einen der großen Zulieferer der Pfeifenwelt. Das ist Krise pur, denn wenn da noch andere nachfolgen, wird es keine Coupeure mehr geben, denn die leben nicht von der Hand voll Kanteln, die sie einzelnen Pfeifenmachern verkaufen, die leben von den Mengen für die Industrie. Das ist eine existenzielle Frage für das Fortbestehen der Pfeifenkultur. Was kann man machen? Serienpfeifen, wenn es nicht seltene oder alte Sammlerstücke sind, gefälligst nicht als Estates kaufen! Leute, die auf Pfeifenmessen stolz mit einer Plastiktüte voll unaufgearbeiteter einfacher Serienpfeifen daherkommen und deren Verkäufer, dienen nicht der Pfeifenkultur, das sind die Totengräber derselbigen! Das gilt natürlich genauso für den Online-Handel! Der Markt ist eh schon so unter Druck, da sollten diejenigen, die ihn stützen könnten, ihn nicht auch noch schwächen, in dem sie sich keinerlei Gedanken machen, welche Folgen ihr Kaufverhalten hat.

Und Tabak?

HU Tobacco „Darkmoor“ forever! Mein Tabak des Jahres! Und vor allem, die Freude, zu sehen, wie Hans Wiedemann mit einem Tabak, der stilistisch so sehr „seiner“ ist, einen richtigen Volltreffer gelandet hat! Gleich danach folgen auch bei mir der „Kurt Eisner“ von HU für Huber und der Night Owl. Anders als Bodo bin ich aber auch ein großer Fan der McConnell Heritage Reihe, denn da sind etliche Tabake, die deutlich interessanter geraten sind als ihre Vorbilder und deshalb für mich einen Gewinn darstellen. Dieses Marketingdesaster am Anfang hin oder her, die Tabake sind erstklassig! Und die Wiedergeburt der Dunhills als Petersons ist für Leute, die immer schon 911er gefahren haben und denen jetzt wurscht ist, dass da nicht mehr Porsche sondern FIAT drauf steht. Recht so, schließlich rauchen wir keine Dosen mit ihren Etiketten sondern den Inhalt und der ist gut!

In der Süddeutschen der letzten Tage war zu lesen, dass in deutschen Haushalten mehr als ein Drittel allen gekauften Brotes weggeworfen wird, dass die Anzahl der SUV Zulassungen auf einem Rekordhoch ist und weiter steigen soll, und vor allem, dass 15% der jährlichen Feinstaubbelastung ausschließlich in der Silvesternacht erzeugt wird! Für unsere Gattungsbezeichnung haben wir „Homo sapiens“ gewählt, irgendwann mal, wobei sapiens für „verständig, vernünftig, klug, weise, einsichtsvoll“ steht. In diesem Sinne mit dem schönsten und lustigsten aller Silvesterfeuerwerke ins Neue Jahr 2020 mit allen guten Wünschen!

 

 

 




Dupont: Blödsinn ohne System

Ein Feuerzeug ist ein Feuerzeug ist ein Feuerzeug. Wir Pfeifenraucher wissen, daß es ein nachgerade sinnentleerter Spruch ist. Vielmehr gilt, daß die Wichtigkeit dieses Utensils gleich nach Pfeife und Tabak gesetzt ist, also noch vor Stopfern und Reinigern. Unikate Anwender von Streich- oder Zündhölzern, die man in der Regel oftmals in einsamen Almregionen in den Landschaften um Tirol herum noch antrifft, mögen hier bitte nicht weiterlesen. Das am weitesten verbreitete Feuerungsmittel ist zweifelsohne das „Old Boy“ des japanischen Herstellers ITT Corona. Ein edles, nahezu unkaputtbares Werkzeug, ohne das ich z.B. nie außer Haus gehe. Ich kann wundersame Geschichterln aus über 50 Jahren mit Old Boy erzählen, vielleicht mache ich das am Ende dieses Artikels.

Jetzt aber zum besten aller besten Feuerzeuge. Das stammt vom Franzosen, nein, nicht vom Emmanuel. Auch nicht vom Chemie- und Life Style Multi DuPont. Ich spreche von der Pariser ST Dupont.

ST ist das Initial des Gründers Simon Tissot Dupont, der 1872 eine Werkstatt für erlesene Reisekoffer ins Leben rief. Aus Gründen, die nun einmal in der Bestimmung der Menschen liegen, hat der Gründer die Aufnahme der Feuerzeugherstellung ab dem Zweiten Weltkrieg nicht erlebt.

Ich rauche und sammle (vor allem) Pfeifen seit genau 52 Jahren. Niemals habe ich eine Zigarette oder gar eine Zigarre angerührt. Letzters mag sich vielleicht einmal ändern, zumal die Anzahl der „auch Zigarren“-Raucher in meiner Umgebung zunimmt. Am Anfang standen die Welthölzer, dann aber begann mit dem Ende der studentischen Klammheit das werkzeugunterstützte Zünden. Natürlich mit Old Boys, die unverändert eingesetzt werden.

Irgendwann bekam ich ein Dupont in die Hand. Und war hin und weg. Was für eine Präzision bei Material und Funktion, was für eine Wertigkeit und …. ganz wichtig ….was für eine Haptik. Dazu der hi-fi taugliche Klang des zuschnappenden Deckels. Kein ZIPPO Gescheppere, sondern ein ikonischer, sonorer, mitteldumpfer Ton mit ganz leichtem Delay. Der TabaK & Pfeifenhändler meines uneingeschränkten Vertrauens  aus dem Münchner Tal brauchte mich nicht zu überreden und nachdem das Dupont von ihm auf Pfeifenbetrieb umgerüstet wurde, ward ich zum Adepten dieser Luxusmarke. Das alles ereignete sich in den 1980er Jahren und Dupont ist seitdem ein Synonym für höchste Zufriedenheit für mich. Bis gestern.

Das Befüllen unserer Zündwerkzeuge – egal ob Dunhill oder Old Boy – verläuft aus verschiedenen Anlässen immer mal wieder aus dem Ruder. Wir kennen das und brauchen diesen Umstand nicht weiter zu vertiefen.

Nicht so bei Dupont. Da gibt es eine Kartusche, die exakt der Füllmenge des Tanks entspricht und über ein Schraubgewinde verfügt. Diese Schraubverbindung ist der Clou, der zu einer präzisen, verlustfreien Füllung führt. Passt zum Perfektionsanspruch von Dupont. Außerdem: selbst wenn ich mein Dupont über Monate hinweg nicht benutze, nie entweicht Gas. Nun haben offensichtlich diese überall präsenten Kostencontroller oder schwachmatige Marrkettingnianer auch bei der St Dupont zugeschlagen und sind wohl der Meinung, dass eine Profitsicherung nur durch Fortfall der bewährten Gaskartusche zu erreichen sei.

Und so gibt es sie nicht mehr und der Luxus-Affine muß sich nun in die Reihe der schnöden Allzweckgasflaschennutzer einreihen. Wie doof ist das denn? Eine technische perfekte Prozedur wird durch ein oftmals tückisches Verfahren ersetzt. Nun muß mit irgendwelchen Adaptern an der Allzwecksampulle gearbeitet werden, um in das Innengewinde des Feuerzeugs zu passen. Und die schiere Lust am Objekt ist getrübt.

Was bleibt? Zurück zum Old Boy und / oder Zündhölzern.


Ach so, ja, die Geschichterl.

Es war im Juli 198? im Hafen von Paimpol an der Côtes-d’Armor in der Bretagne, jahrelang mein „Heimathafen“ im Juli und November. Zwei Mal im Jahr findet sich die „Grande Marée“ ein, die Große Ebbe, bei der sich der Tidenhub bis zu 20 m auswirkt. Man segelt einige Meilen hinaus und steht dann mit zunehmend abfliessendem Wasser irgendwann auf dem Meeresgrund. Ideal zum Suchen von Muscheln aller Art, die roh unter Zuführung einiger Flaschen Sauternes genossen werden. Meine Favoriten sind die Praire mit ihrem nußgleichen Geschmack und ihrer wundervollen Bißfestigkeit. Wie auch immer, irgendwann setzt die Flut ein und man begibt sich peu à peu zurück in den Hafen.

Erst die Flut – dann die Ebbe, in etwa gleicher Standort

Sei es, daß der Sauternes ein gut Maß daran hatte oder am Ende das Boot sogar ein wenig angetrunken war, jedenfalls fiel mir mein altes, bewährtes Old Boy, das mit dem rotbraunen Bruyeremantel, beim offensichtlich untauglichem Versuch, eine Pfeife anzuzünden, direkt zwischen Bordwand und Kaimauer ins wieder voll geflutete Hafenbecken. Entkleidet war ich schnell und Schillers Taucher („ich wag es [..] zu tauchen in diesen Schlund“) brachte mir zusätzlichen Ansporn, obwohl ich dessen nicht gebraucht hätte. Dennoch war den zig-„Tauchgängen“ kein Erfolg beschieden und mit großer Trauer mußten einige Flaschen Cidre brut, nur wenige Stunden zuvor gefangene Araignées und die eine oder andere Auster helfen, den Eiweißspiegel stabil zu halten und die Gedanken an den herben Verlust wenigstens für die Nacht zu verdrängen.
Nach einem stärkenden Frühstück mit Galettes und frisch im Kamin geräucherten kleinen Makrelen ging ich zum Hafen, es war wieder Ebbe. Die Boote lagen auf dem Grund und ich begab mich in den Schlick. Und das Glück war mir hold, trotz der „Charybdis` Geheul“. Unter einem kleinen Granitfelsen lugte das blitzende Gold meines Old Boys hervor. Nach der Bergung habe ich es zunächst entlüftet und mit einem Fön getrocknet, der Holzmantel hatte durch das Salzwasser bereits einige Farbe verloren. Auffüllen und anzünden – das war es. Bis heute. Einwandfrei.

 

Einige Jahre später, Dezember, viel Schnee in München. Auf dem Weg vom Haus zum Gartenhaus, in dem sich mein Polierwerkplatz befindet, so ca. 20 m, rutscht mir das selbige Old Boy von einem Tablett mit zu reinigenden Pfeifen in den Schnee ….. und ward verschwunden. Stundenlange Suche, trotz Schneeschaufel, Katze, Nachbarshund und familiärer Hilfe, es blieb perdu. Tags darauf habe ich mir ein neues Old Boy, diesmal mit dunkelbrauner Strahlung gekauft, damit ich überleben konnte. Dann kam der März, der Schnee hatte keine Chance mehr gegen die Frühlingssonne und siehe da …… das Old Boy fand sich wieder ein.


Es gibt einen Film mit Peter Ustinov und Michael York, Flucht ins 23 Jahrhundert. Nach einem Weltkrieg (?) halten sich die Menschen nur noch innerhalb einer Glaskuppel auf, die Außenwelt (New York) ist völlig verdschungelt und in einer Höhle findet Ustinov einen über 200 Jahre alten, verrosteten VW Käfer, in dem noch der Schlüssel steckt. Er dreht diesen um und der Motor springt an.

 


Warum ich diesen Schlenker mache? So erging es mir mit dem Old Boy: finden, Reibrad drehen – und brennt! Nach zweieinhalb Monaten unter Schnee.




Robert McConnell Heritage | Paddington

Ich weiß nicht, was mich getrieben hat, den Paddington zu kaufen. Wahrscheinlich wollte ich ein Review drüber schreiben, weil ich die Robert McConnell Heritage Reihe ganz grundsätzlich als interessant und gelungen empfinde. Und weil die STG Version des Dunhill „The Royal Yacht“ mir ganz gut gefallen hat. Na ja, also im Vergleich zur Murray’s Version zumindest.

McConnell PaddingtonEin Lieblingstabak war das nie von mir, aber einer, den man ganz gut immer mal rauchen konnte, wenn man einen mittelkräftigen leicht aromatisierten Virginia haben wollte. Die Murray’s Version war von STG in diesem Fall natürlich vollständig entstellt worden, was meinem Geschmack diesmal aber entgegen kam, denn aus extrem breit, erdig, schwer und stark mit einer zwar geschmacklich eher dezenten, aber tonnenschwer lastenden Aromatisierung wurde ein Tabak, auf dem auch problemlos WØ Larsen hätte stehen können. Deshalb war ich schon neugierig, wie K&K die Sache angegangen ist.

Kurz gesagt, wenn der Tabak, der in meiner Dose war, der Tabak ist, der der STG Version des Royal Yachts nachempfunden wurde, dann ist das Vorhaben in dieser Hinsicht geringfügig misslungen. Aber da muss man vielleicht ein bisschen ausholen: In der Produktbeschreibung des STG Dunhill „Ye Olde Signe“ stand, dass ein kleiner Anteil des Royal Yachts im Ye Olde Signe enthalten wäre. Und der Paddington scheint dieses Prinzip umgekehrt zu haben. In dieser Royal Yacht Nachempfindung ist geschmacklich eine gehörige Portion rauchig erdiger Ye Olde Signe bei offensichtlicher Knappheit an Aromastoffen.

McConnell PaddingtonSo wird ein schöner und kraftvoll erdiger Tabak daraus, der ein bisschen so daherkommt, als hätte man bei der Murray’s Version die Aromatisierung vergessen. Oder anders, um im STG Dunhill Portfolio zu bleiben: das Vorbild scheint ein imaginärer „Ye Olde Yacht“ gewesen zu sein. McConnell PaddingtonAls vollmundig kraftvoller Tabak, mit sehr schönen verschiedenen Virginias, darunter auch dunkle rauchig erdige, gefällt er mir wirklich gut und wird sicherlich seine Liebhaber finden. Ein wirklich gut gelungener, schöner charaktervoller Tabak, der sich problemlos rauchen lässt. In meinen Augen, für sich gesehen, lässt der Paddington die STG Version des Royal Yachts deutlich hinter sich!

Jetzt stellt sich nur noch die Frage, was aus der „Ye Olde Signe“ Nachbildung geworden ist? Aber ich habe keine Lust mehr auf diesen Zirkus. Das soll jemand anderes machen…




Wermut? Vermouth (stile torinese) selbst gemacht – ein Erfahrungsbericht

Es gibt Projekte, die man sich in den Kopf gesetzt hat, die macht man um ihrer selbst Willen. Um der Erfahrung Willen, um etwas besser verstehen zu können und nicht, um irgendetwas, was man kaufen kann, einfach billiger selber zu machen. Ich habe mir gedacht, einen Vermouth, also einen mit Botanicals aromatisierten und aufgespriteten Wein, müsste man doch mit überschaubarem Aufwand selbst machen können. Ich habe also gelesen, im Netz recherchiert und etliche Artikel, Videos und Rezepte gefunden. Auf deutsch eher weniger, aber ein paar brauchbare englische und vor allem italienische Artikel habe ich doch gefunden. So richtig überzeugt haben mich die allerdings nicht, auch wenn der Aufwand der Rezepte einfach bis überschaubar war.

Artemisia absinthum

Frisches Wermutkraut – Artemisia absinthum

Die Idee

Meine Überlegung war, wenn ich sowas beginne, dann soll etwas sinnvolles und besonderes rauskommen und ein Produkt entstehen, das zumindest mit dem, was ich kaufen kann, nicht nur mithalten kann, sondern auch etwas anders ist, als das, was ich kaufen kann. Die Tatsache, dass ich mich seit über 30 Jahren intensiv mit Wein beschäftige, war hierbei sehr hilfreich. Die Tatsache, dass ich ein leidenschaftlicher (Kräuter-)Gärtner bin, nicht weniger. Die einzige Erfahrung, die ich mit Vermouth hatte, war die des engagierten Liebhabers klassischer Cocktails, wo eigentlich immer die Frage im Raum steht, welchen Vermouth man am besten mit welchen Spirituosen und Likören paaren kann, um einem Drink eine bestimmte Richtung zu geben. Das war der Ausgangspunkt und der war vor ziemlich genau einem Jahr. Solange verfolge ich dieses Projekt, das ich jetzt vor drei Tagen abgeschlossen habe.

Weinraute

Weinraute

Ich hatte bei diesem Projekt unbezahlbar wertvolle Hilfe von einem ebenso leidenschaftlichen wie ausgezeichneten jungen Barkeeper, der mir nicht nur mit einem essentiellen Tipp entscheidend geholfen hat, sondern der mir auch die Möglichkeit gegeben hat, meine Produktkenntnis zu vertiefen, indem er mir mal in der Bar zu meinem Manhattan einfach sieben kleine Degustiergläser aufgebaut hat und mich alle gerade offenen roten Vermouths gegeneinander probieren lies oder immer mal wieder bei einem Besuch mit der Frage „Kennst du den schon?“ ein „neues“ Produkt testen lies, aus dem dann nicht selten mit einem „neuen“ Whiskey eine für mich neue Manhattan-Version wurde. Gerade dieses Gegeneinander-Degustieren war für mich sehr wichtig, weil man von einem Vermouth-Typ zu Hause höchstens eine offene Flasche im Kühlschrank hat, denn eine offene Flasche Vermouth hält sich ohne Qualitätsverlust eigentlich nur einen Monat, wenn überhaupt. Und wir sind ja Cocktailliebhaber, keine Trinker.

Wermut oder Vermouth

Grundsätzlich kurz zur Erklärung für diejenigen, die mit Cocktails eher wenig am Hut haben (den Text aber trotzdem lesen wollen): Man unterscheidet grob drei verschiedene Typen von Vermouth:

1.) Dry Vermouth (French Vermouth) – das ist ein trockener, weißer Vermouth, wie man ihn etwa für Dry Martinis braucht oder in der Küche für Fischgerichte. Meine liebsten Vertreter wären der große Klassiker Nouilly Prat oder der Dolin.

2.) Blanc Vermouth  – das ist ein süßer weißer Vermouth. In der Bar meist anstelle oder in Kombination mit den anderen beiden Typen oder mit Bitters im Vesper verwendet. Am hinreissendsten ist er aber pur als Aperitiv mit einer Zitronen- oder Orangenzeste auf Eis. Ich persönlich finde den deutschen Belsazar White besonders gelungen.

3.) Sweet Vermouth (Italian Vermouth) – das ist ein süßer, meist dunkel bernsteinfarbener oder rötlicher Vermouth. Es ist der wichtigste Vermouth der klassischen Cocktailkultur und auch die Ur-Form des Vermouths, erfunden in Turin im 18. Jahrhundert. Meine Lieblingsprodukte sind Carpano Antica Formula, Cocchi und del Professore. Um diese Form des Vermouths geht es hier in diesem Artikel.

Alle Typen werden ausschließlich oder zumindest größtenteils aus meist trockenen Weissweinen gemacht, mit Zuckersirup gesüsst und gegebenfalls mit dunkel karamellisiertem Sirup gefärbt, danach mit dem Botanical-Mazerat aufgespritet. Die meisten Do-it-yourself-Rezepte werfen einfach alles zusammen und spriten dann mit irgendeinem Schnaps auf. Das war für mich keine Option.

Lavendelblüten

Lavendelblüten

Die Botanicals

Die erste Überlegung bei der Planung des Projektes war für mich die Auswahl der Botanicals: die meisten in Frage kommenden Kräuter wachsen bei uns sowieso, weil bei uns sehr viel mit frischen Kräutern gekocht wird. Genauso sieht es mit den Gewürzen aus, die bei uns in der Küche immer vorrätig sind. Die Wurzeln wurden im Kräuterladen oder in der Apotheke gekauft und so blieb eigentlich nur das Kernstück des Kräutersortiments, aus dem ein Vermouth besteht, übrig, nämlich der Wermut selbst, nachdem das Produkt ja auch benannt ist. Nun findet sich im Wikipedia-Artikel zum Vermouth der Hinweis, dass es Kräuter der Familie „Artemisia“ sein müssen, also nicht zwangsweise nur Wermut (Artemisia absinthum) und so habe ich mich schlau gemacht und beschlossen, mehrere Kräuter aus dieser Familie zu verwenden. Wermut kann man getrocknet vollkommen problemlos kaufen, die anderen aber nicht. So beschloss ich im Dezember, Saatgut zu bestellen, diese Kräuter selbst anzubauen und sie alle frisch zu mazerieren. Während des Sommers habe ich mit dem frischen Wermut und trockenem Weisswein mal so etwas wie einen „Dry-Martini-Smash“ probiert, indem ich ein paar kleine Blättchen Wermutkraut mit Weisswein im Mörser zerstoßen und dann mit dem Gin und ein bisschen Orangenbitter auf Eis verrührt habe: Das ist, als ob man seinen trockenen Martini inmitten einer frisch gemähten Wiese trinken würde.

Vermouth MazerateDas Mazerieren

Apropos mazerieren: nun kommt der entscheidende Tipp des Barkeeper-Profis ins Spiel: „Mach‘ die Mazerationen möglichst getrennt, dann hast du die Kontrolle! Wenn du alles auf einmal machst, läufst du Gefahr, dass irgendwas besonders vorschmeckt und du kannst alles wegschütten!“ Keines der Rezepte, die ich gefunden hatte, berücksichtigte diese Überlegung und kein Rezept hatte Maßangaben, die so präzise waren, dass man davon ausgehen konnte, dass die Balance wirklich stimmt. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser und so habe ich mich für hohen Aufwand entschieden. Zum Glück!

Um den Aufwand aber nicht ganz ausufern zu lassen, habe ich die gängigeren Kräuter und Gewürze in „Geschmacksgruppen“ zusammengefasst und zwar so, wie ich sie auch in der Küche kombinieren würde. Auf diese Weise habe ich die Anzahl der Mazerate von 27, denn soviel Botanicals sind enthalten, auf zehn reduziert. Das war ein gute Entscheidung, aber trotzdem tauchte hier das einzige, zugegeben kleine, Problem auf, denn ich würde, wenn ich je nochmal so ein Vermouth-Projekt beginnen sollte, Sternanis und Kardamom getrennt für sich alleine mazerieren, um diese Aromen noch besser balancieren zu können. Alles andere würde ich genauso wieder machen.

Vermouth MazerateEnthalten sind folgende „Likörkräuter“: Wermut, Edelraute, Weinraute, Lakritztagetes. Ich hatte auch noch Eberraute angepflanzt, aber der hat irgendeine Wurzelkrankheit im Juli den Garaus gemacht. An aromatischen Kräutern sind darin: Thymian, frische Lorbeerblätter, Salbei, Rosmarin, Zitronenverbene, Minzblüte, Lavendelblüte und frisches Zitronengras. An Gewürzen: Canehl-Zimtstangen, Vanillestangen, Sternanis, grüner Kardamom, Muskatblüte, Koriandersamen, Wacholderbeeren, Nelken, Jamaika-Piment, Voatsiperifery-Pfeffer, Zitronenschalen, Orangenschalen und frischer Ingwer. An getrockneten Wurzeln kommen noch Enzianwurzel und Angelikawurzeln hinzu.

Vermouth Mazerate

Die Mazerate wie die Weine wurden mehrfach gefiltert.

Zum Mazerieren habe ich in den allermeisten Fällen neutralen 40%igen Vodka genommen, lediglich bei der Edelraute habe ich eine Grappa benutzt, bei der Lakritztagetes einen fränkischen Vogelbeergeist (mein österreichischer Vogelbeerbrand war mir zu kraftvoll) und bei den „süßen“ Gewürzen einen Wachauer Marillenbrand. Die Grappa würde ich im Nachhinein auch durch Vodka ersetzen, weil das geschmacklich kein Gewinn war, aber die beiden anderen „markanten“ Spirituosen funktionierten perfekt. Alle Botanicals mazerierten zwei Monate und wurden dann abgefiltert.

Der Wein

Nun kam der nächste und nicht weniger bedeutsame Schritt: die Auswahl des Weines, bzw. der Weine. Und hier hatte ich eine wirklich fantastische Idee, die den klassischen Herstellungsprozess von Vermouth allerdings vollkommen auf den Kopf stellt. Anstelle einfacher Weissweine, die mit karamellisiertem Sirup gesüsst und gefärbt werden, beschloss ich, aus hochwertigen gereiften Süßweinen in Kombination mit frischeren Weinen eine Cuvée zu machen, die das billige Süßen überflüssig macht.

Vermouth Weine

Die Weine für den Vermouth

Erstens habe ich einen sehr gut bestückten Weinkeller mit einer gemessen am Verbrauch fast zu großen Anzahl an Dessertweinen und zweitens muss ich im Gegensatz zu den Vermouthproduzenten nicht auf Wirtschaftlichkeit achten. Für dieses eine Projekt wählte ich also eine 1993er Welschriesling Trockenbeerenauslese, eine 1995er Welschriesling Beerenauslese, eine 1999er Weißburgunder Trockenbeerenauslese, die im Barrique ausgebaut war, alle aus dem Burgenland, und die durch die lange Reife bereits bernsteinfarben sind. Für die nötige frische Aromatik sorgte ein 2017er Gelber Muskateller halbtrocken vom Kaiserstuhl und für ein paar rotbeerige kirschige Aromen mit leichtem Tannin ein 2016er roter Zweigelt Spätlese süß, ebenfalls aus dem Burgenland. Das Fantastische daran ist, dass alle Süsse des Vermouths ausschließlich aus dem Produkt kommt und nicht billig hinzugefügt wurde in Form von Sirup oder Traubensaft. Außerdem erhielt der Vermouth auf diese Weise eine unglaubliche Komplexität.

Mazerate mit Weinbasis

Mazerate mit Weinbasis zum Verschneiden

Das Verschneiden und Aufspriten

Jetzt wurde es kompliziert und besonders schön und spannend, denn es galt nun, aus den Mazeraten und der Weinbasis das richtige Verhältnis zu finden, also ein noch wesentlich komplexeres Cuvéetieren als bei der Weinbasis zuvor! Hierzu habe ich entsprechend meiner zehn einzelnen Mazerate zehn Kleinstmengen der Weincuvée erstellt und mit jedem Mazerat einzeln gespritet. So konnte ich schmecken, wie sich jedes einzelne Mazerat auf die Weincuvée auswirkt. Aus diesen zehn kleinen Einzelcuvées habe ich mir dann in vielen Versionen und Versuchen den endgültigen Vermouth verschnitten. Alles Verschneiden erfolgte bisher mit der Pipette. Als dieses endgültige Verhältnis gefunden war, habe ich aus den Mazeraten die entsprechende Botanicalmazeratcuvée gebaut und mit dieser dann die „große“ Weincuvée aufgespritet. Mein Vermouth war fertig und wurde in Flaschen gefüllt.

Glas VermouthDas Resultat

Ich bin glücklich und zufrieden, ich habe einen „italienischen“ Vermouth, der so komplex ist, dass er sich problemlos in allen Cocktails behaupten kann. Selbst ein klassischer Drittelnegroni mit Tanqueray und Campari lässt die Komplexität des Vermouths eindeutig im Vordergrund ohne dass er zu süss wäre. Auch im Boulevardier und im Manhattan funktioniert er wundervoll. Die Herausforderung Chartreuse im Greenpoint habe ich noch nicht probiert. Mir ist allerdings auch klar, dass diese Komplexität einen hohen Preis hat, denn die verwendeten Weine machen das Projekt, wenn man sie heute erwerben müsste, natürlich vollkommen absurd. Bei mir war das ein bisschen anders, denn die Weine wurden in den 90ern zu ganz anderen Preisen gekauft als sie heute kosten würden. Auch der Faktor Reifezeit muss nicht kalkuliert werden. Von allen Weinen habe ich noch einige Flaschen, aber die werde ich mit Roquefort oder Fourme d’Ambert geniessen oder pur. Von dem Mazeratcuvée habe ich auch noch genug für ein paar Liter Vermouth und werde, wenn der hier (insgesamt zwei Liter, die ich gemacht habe) zu Ende ist, es mal klassisch mit Weißweinen und Sirup veruchen oder auch nur mit Weissweinen, um mich an die anderen Vermouth-Versionen heranzutasten. Alleine die Erfahrung war es wert. Und meine Frau, die mir beim Verschneiden mit Ratschlägen und großem Elan geholfen hat, ist auch begeistert.

 




Neues von HU Tobacco: Night Owl und Dark Moor

Night Owl DoseIn Zeiten, in denen mal hier ein Tabakhersteller zu sperrt, mal dort ein Pfeifenhersteller und bedeutender Zulieferer die Produktion einstellt, von diversen Fachgeschäften ganz zu schweigen, und wir uns aufrichtig freuen, dass diese erschütternd lächerliche Posse um die skelettierten Reste von Dunhill-Tabak nun ihren Höhepunkt in ihrer Platzierung als Peterson-Tabake gefunden hat, in solchen Zeiten haben es Nischen Produzenten leicht, im tristen Gefilde des Mainstream-Marktes für Licht zu sorgen.

Natürlich sind diese Lichter klein und in Relation zum Gesamtmarkt gesehen nicht besonders hell, sodass sie nur von jenen gesehen werden, die danach schauen. Aber hat man sie mal gefunden, diese erleuchteten Nischen, dann merkt man schnell, wie außergewöhnlich schön solche Plätze sein können. Im eher dichten und herbstlich kalten Nebel bin ich gerne Wegweiser zu solchen kleinen Sonnen. Dark Moor DoseHans Wiedemann von HU Tobacco hat zwei neue Tabake herausgebracht, zwei ungewöhnliche Tabake bzw. zwei ungewöhnliche Interpretationen von stilistisch eigentlich gar nicht so Ungewöhnlichem. Und um es gleich vorweg zu nehmen: diese zwei Tabake gehören für mich zum Besten, was Hans in den letzten Jahren gemischt hat. Warum? Weil sich hier jemand sehr viele Gedanken um etwas stilistisch sehr individuelles, ausgefeiltes gemacht hat – jenseits davon Everybody’s Darling sein zu wollen und dabei trotzdem etwas geschaffen hat, was von vielen als das Besondere erkannt wird. Ich habe gehört, dass die Tabake, die gerade mal eine gute Woche auf dem Markt sind, bereits nachproduziert werden müssen. Das freut mich umso mehr!

Night Owl DoseAber jetzt endlich zum Tabak: Der erste heißt „Night Owl“, es ist eine Ribbon Cut Mixture auf Basis sehr vollmundiger, kraftvoller und süßer Red Virginias mit schokoladigen Burleys und etwas Perique. Die Besonderheit besteht in einer kleinen Menge Kentucky, welche der Mixture einen einzigartigen Charakter verleiht.

Nun gibt es im Portfolio von HU Tobacco ja schon ein paar sehr respektable Burley-Virginia basierte Mischungen und trotzdem eröffnet der Night Owl eine ganz neue stilistische Facette! Da sind der „Nashville County“ und der Huber/Pfeifenblog „Kurt Eisner“, die eher mittelkräftige, geradlinige Vertreter dieser Richtung sind, und der Makhuwa aus der Afrika-Reihe, der exaltiert schokoladig und trockenfrüchte-süss die Malawi-Burleys und den Perique ins Zentrum rückt. Der Night Owl dagegen ist deutlich kraftvoller und gänzlich anders balanciert, denn die intensive malzige Süße der Virginias findet mit der Schokolade des Burley-Anteils und der Trockenfrüchte Herrlichkeit des Periques zwar ein perfektes würziges Gegengewicht, aber es ist der Kentucky, der dafür sorgt, dass der Night Owl eine verhangene Erdigkeit erhält, die den Tabak nicht zu lieblich erscheinen lässt. Geschmacklich tritt der Kentucky nie in den Vordergrund, aber er wirkt im Wechselspiel der anderen Solisten wahre Wunder und macht den Tabak ungemein interessant, weil sich der Night Owl so nie auf eine Seite schlägt und doch alle Seiten vortrefflich bedient! Vollmundig malzig süß, cremig schokoladig, pikant und erdig mit den nötigen Kanten. Was will man mehr?

Night Owl TabakMan sollte den Night Owl vielleicht nicht vor dem Frühstück auf leeren Magen rauchen, da kann er schnell hinsichtlich seiner nicht unbeträchtlichen Stärke allzu fordernd wirken, aber wie der Name Night Owl schon sagt, nach einem anständigen Abendessen ist er auch mit seiner Kraft eigentlich kein Problem. Und wenn man doch Angst hat, dann nimmt man einfach eine kleinere Pfeife! Der Night Owl ist jeden Versuch wert! Dieser Tabak ist nicht nur Nachteule, er ist auch Nachtigall zugleich!

Füllen, Stopfen, Entzünden und Rauchen lässt sich der Night Owl vollkommen problemlos, gleichmäßig und kühl. Ein Füllung ist Hochgenuss pur voller Charakter, voll kreativer Originalität und ich wünschte, es würde viel mehr solche ausgefeilten Tabake geben, über die es sich zu sprechen lohnt, als dass wir uns darüber unterhalten müssten, welcher schale Schatten des Dunhill 965 jetzt der längere ist!

Dark Moor DoseDer zweite neue Tabak von HU Tobacco heißt Dark Moor. Hier handelt es sich um eine Ribbon Cut Mixture mit kleinen Ready Rubbed Flakes darunter. Im wesentlichen sind es hier verschiedene mittelbraune Virginias, die mit Kentucky und Perique balanciert sind. Wie der Night Owl auch ist der Dark Moor kein Bruder Leichtfuß, seine Stärke würde ich ähnlich dem Night Owl bei einer Skala von 1-6 auf 5 einschätzen.

Anders als beim Night Owl hält sich der Kentucky hier aber nicht so im Hintergrund, sondern gibt mit seiner leicht rauchigen Erdigkeit einen gewichtigen Solopart, der wiederum von einer schönen Portion Perique trockenfruchtig kontrastiert wird. Die Virginias liefern einen breiten und schön cremig süßen Teppich, ohne dass dieser Teppich je zu flauschig weich oder gar pappig wirken würde. Der Kentucky balanciert die Virginias mühelos aus und es entsteht, um beim Bild des Moores zu bleiben, eine Stimmung von dunkel schwerem feuchtem Waldboden, in dem die kühlen Nebelschwaden es gerade noch nicht vermochten, die Reste der verbliebenen Herbstsonnenwärme des vergangenen Tages zu vertreiben. Zwischendurch und nur in Ansätzen schafft es der Dark Moor, eine schöne sehr leichte und ätherische Ledrigkeit zu zeigen, wie sie bei Pfeifentabaken ziemlich selten ist. Zweifellos ist der Dark Moor bildlich genommen ein Herbsttabak, der den Weg in die häusliche Stube zu einem wärmenden Kaminfeuer und einem Glas Portwein weist.

Dark Moor TabakIch würde auch den Dark Moor eher für eine Pfeife nach dem Abendessen empfehlen, aber er ist kein Tabak, vor dem man hinsichtlich seiner Kraft Angst haben müsste. Er ist weit von Petersons Irish Flake oder MacBarens HH Bold Kentucky mit ihrer geschmacklich gewaltig kräftigen Kentucky-Donimanz entfernt. Von den S.Gawith Twists ganz zu schweigen. Ich habe den Dark Moor aus verschiedenen Pfeifen geraucht, aus neutralen Meerschaumpfeifen wie aus Pfeifen, aus denen ich sonst nur Virginias rauche, wie aus Latakia-Pfeifen und mir hat er am besten aus den Latakia-Pfeifen geschmeckt, denn das ätherische Latakia-Crossover im Hintergrund bekommt dem Dark Moor meines Erachtens sehr gut, weil es der erdigen Kentucky-Rauchigkeit eine zusätzlich andersartige rauchige Komponente gibt, ohne den Geschmack des Tabaks zu beeinträchtigen. Der Dark Moor ist im Geschmack ohnehin kräftig genug um sich nicht allzu sehr beeinträchtigen zu lassen.

Beide Tabake sind als Gruppentabake für die „Pipe Enthusiasts Germany“ entstanden. Das ist, soviel ich weiß, eine Facebookgruppe. Falls ich falsch liege (ich nutze Facebook nicht), möge man mich bitte berichtigen! Ich weiß nicht, wie groß der Anteil dieser Gruppe oder der Organisatoren aus dieser Gruppe am Stil und am Charakter dieser beiden Mischungen ist, aber man kann allen Beteiligten nur sagen, dass sie es gut gemacht haben. Sehr gut sogar! Und das gilt auch für die wunderschönen Etiketten, denen Chiaroscuro-Aquarelle von Alexander Broy zugrunde liegen, aber dazu kann er sicher selbst mehr sagen!?

Peter Hemmer

Über die Etiketten

von Alexander Broy

Night Owl Pfeifentabak

Es war eine sehr gute Entscheidung Peter das Tabakreview der beiden Tabake, schreiben zu lassen, ich hätte das niemals so gekonnt. Ich kenne die beiden schon etwas länger, denn Hans hatte mich mit Vorabproben versorgt. Ich hatte den Auftrag die Dosen-Etiketten zu designen und tat mich mit den gelieferten Logos und Fotos sehr schwer. Nicht nur, weil die – alle Grafiker kennen das Problem – nicht in druckfähiger Auflösung waren, sondern das Alles war für mich sehr schwer fassbar. Also bat ich Hans Wiedemann, mir Proben zu schicken, damit ich mir ein vernünftiges Bild von dem Produkt machen könne, für das ich eine Verpackung designen sollte. Das war jetzt keine so revolutionäre Idee, ich denke auch die Designer für Früchstücksflocken probieren erst die Zuckerbrösel, bevor sie den Tiger malen …

Spätestens nach der zweiten oder dritten Pfeife war mir klar, dass ich da mit Handyfotos, Photoshop und ein paar flockigen Comic-Sans-Fonts nicht arbeiten würde können. Also ab ins Atelier. Diese beiden Kräuter verlangten nach Handgemachtem. Ich empfand sie als so erdig, schwer und düster, dass mir sofort klar wurde, dass ich mit schwarzer Tusche auf dunklem Papier arbeiten wollte. Ich bin eigentlich kein Sumi-e Maler, aber ich habe natürlich Tusche für meine Holzschnitte im Atelier.

Es waren einige Eulen und Moore, die ich gemalt habe, jedes Bild nach wenigen Minuten fertig und zu Fidibussen fürs Kaminfeuer degradiert. So läuft das bei solchen Bildern, es muss schnell gehen, oder gar nicht. 🙂

Aber was soll ich lang reden, ich habe einen relativ neuen YouTube-Channel und auf dem habe ich ein Video zu diesem Projekt veröffentlicht. Dieses darf ich euch hier empfehlen und artig fragen, ob ihr mich nicht abonnieren mögt – jeden Freitag gibt es ein neues Video vom Landschaftsmaler eures Vertrauens 😉




++++ Neues und nicht ganz so Neues ++++

++++ Der 1953 gegründete Berliner Tabakhersteller und Distributor Planta wurde von der dänischen MacBaren Tobacco Company /Svendborg übernommen und ist als Tabakhersteller Geschichte +++++ Die 1948 in Berlin von Pfeifenmacher Hubert Hartmann gegründete Pfeifenfabrik wurde im Jahre 1983 von der  Planta Tabak Manufaktur Dr. Manfred Obermann GmbH & Co. KG übernommen und in Pfeifenstudio Hartmann DB Design Berlin umbenannt. Bereits 2017 wurde der Betrieb eingestellt. ++++ Butz Choquin , einer der ältesten unabhängigen Pfeifenhersteller, der neben den eigenen Brands sehr aktiv im OEM-Geschäft tätig war (darunter auch für Dunhill), hat nach über 160 Jahren die Pforten geschlossen. Der bekannte Hersteller wurde 1858 im lothringischen Metz gegründet und 1951 nach St. Claude im französischen Jura verlegt, einem ehemaligen Zentrum der Pfeifenherstellung in Frankreich ++++




Peterson (Dunhill): die Rolls und der Flake sind zurück!

Zeit war`s. Nun müßen wir uns endlich nicht mehr einreden, daß der Robert McConnell Heritage Highgate der Nachfolger des mittlerweile legendären Escudo / Dunhill DeLuxe Navy Rolls sei, obwohl er eigentlich ausschaut wie der Orlik Bulls Eye Flake und auch so riecht und schmeckt (vermutlich ist das bei Kohlhase & Kopp eh noch keinem aufgefallen :)) und der in der Mark II Auflage quietschgelb mutierte Flake keineswegs auch nur annähernd an den Dunhill Flake heranreicht. Beide Original STG Produktionen sind zurück und verfügbar. Sie schmecken so, wie wir es lieben und viele von uns so schmerzlich vermißt haben und in deren Folge gibt es auch wieder die Early Morning Pipe, die Night Cap und die 965 Mixture, nicht als gelbe Chimären, sondern in der von STG in der Murray`s Nachfolge hergestellten „Fassung“.

Im gestrigen Freitagsclub der Münchner Runde wurden die Rolls und der Flake ausgiebig getestet …. und ja, die Dunhills sind wieder da, originalgetreu, schmackhaft, wundervoll.

Wen stört es da, dass statt des Dunhill Schriftzugs nun aus vertragsrechtlichen Gründen Peterson steht, das übrige Design ist wie zuvor.

Für diese beiden Tabake brauchen wir kein neues Review schreiben und können auf die hier bereits veröffentlichten verweisen, die nun wieder Gültigkeit haben. Das zeigt, wie nachhaltig der pfeifenblog.de arbeitet :))

Petersen (Dunhill) DELUXE NAVY Rolls

Peterson (Dunhill) FLAKE