Heinz Schwarzkopf | 1950 – † 2020

Wer die Zeit, die er auf Erden verbringt, als Reise begreift, für den ist das für uns alle unausweichliche Ende ein gegebenes Ziel. Gestern nun hat der gebürtige Hamburger Heinz Schwarzkopf, eines der Urgesteine der Tabak- und Pfeifengemeinde und ein lieber, langjähriger Freund, seine irdische Reise in seiner Wahlheimat Köln beenden müßen. Eine fast überwundene Krankheit, die sein Leben vor einiger Zeit bestimmt hatte und auf deren Folgen er sich in der ihm eigenen charakterlichen Stärke und Klarsicht so lebenstauglich eingerichtet hatte, hat durch widrige Umstände, die nichts mit dieser Krankheit zu tun hatten,  seinen Reiseweg während eines erneuten Klinikaufenthaltes unerwartet und unnötig zu einem Ende geführt. Wir, die wir ihn gut kannten, die seit langen Jahren mit ihm nicht nur durch die gemeinsame Leidenschaft für Tabak und Pfeife, für Musik und Literatur verbunden waren, die auch, wann immer wir uns getroffen haben, gutem Essen und Trinken zuneigten, sind fassungslos.

Als 2007 das heute geschlossene Forum „Pfeifen und mehr“ ins Leben gerufen wurde, war Heinz einer der Mitbegründer und Administratoren (neben Christian Zach, Wien und Rainer Klinger, München). Unsere Freundschaft begann zwei Jahre zuvor, als wir uns auf der Plattform „Welt der Pfeife“ getroffen hatten. Heinz war nicht nur ein lebensphilosophischer Reisender, beileibe nicht. Zusammen mit seiner Ehefrau Ulrike hat er die Welt bereist, auf Kreuzfahrtschiffen, hat die USA und Kanada mit dem Wohnmobil durchquert. Gemeinsam begegneten wir unseren Freunden in „Pfeife & Tabak“ in Wien und eine zeitlang fanden zahlreiche gegenseitige Besuche statt. Eine ganz besondere Verbundenheit bestand (und besteht weiterhin, sogar noch intensiver) mit den Freunden des Singapore Pipe & Cigar Clubs um den Impressario Dr. Mike Loh. Mike und Heinz pflegten eine besonders innige Freundschaft und so nimmt es nicht wunder, dass wir gemeinsam einige Reisen nach Singapore unternommen haben. Von Mike und einigen Freunden gab es zahlreiche Gegenbesuche in Köln, der Heimatstadt von Heinz. Mit dem Wissen um seinen Fortgang sind wir besonders dankbar, dass Heinz zusammen mit Ulrike, Mike Loh und weiteren Freunden aus Singapore im Januar diesen Jahres zu einem zweitägigen Besuch bei uns in München weilte und wir wieder einmal eine wunderschöne Zeit mit ihm verbringen konnten. Nichts, aber auch gar nichts deutete daraufhin, das sein Weg nur sieben Monate später zu einem Ende kommen würde.

Heinz war mit der Stillegung von Pfeifen und mehr im Jahre 2013 keineswegs einverstanden und ist nicht den Weg hin zum Pfeifenblog mitgegangen. Wie es seine offene und ehrliche Art war, hat er frank und frei erklärt, ein Blog sei nicht seine Welt, er vermisse das Forum und den ständigen, direkten Kontakt zu den Mitgliedern. Unserer Freundschaft und dem regelmäßigen Kontakt aber war diese seine Entscheidung keineswegs abträglich, im Gegenteil.

Heinz & Dr. Mike Loh auf dem Ersten Singapore Pfeifen Konvent 2011

Heinz wird vor allem bei den Kölner Pfeifenfreunden, der Loh Society (Singapore Pipe & Cigar Club) und unserer Münchner Runde nicht vergessen werden. Und seiner Familie, Ulrike mit Kindern und bereits Enkelkindern, wünschen wir eine friedvolle Zeit der Erinnerung an einen wunderbaren Menschen.


English translation

Whoever understands the time he spends on earth as a journey, for those the end that is inevitable for all of us is a given goal. Yesterday, Heinz Schwarzkopf, one of the founding fathers of the tobacco and pipe community in Cologne and Munich and a dear, long-time friend, had to end his earthly journey in his home town of Cologne.

An almost overcome illness, which had determined his life some time ago and on whose consequences he had prepared himself in his own strength of character and clear-sightedness so suitable for life, unexpectedly and unnecessarily brought his journey to an end during another stay in the clinic due to adverse circumstances, which had nothing to do with this illness. We, who knew him well, who had been connected with him for many years not only by a common passion for tobacco and pipe, but for for music and literature as well, who also, whenever we met, tended to good food and drink, are stunned.

When in 2007 the now closed forum „Pfeifen und mehr“ was founded, Heinz was one of the co-founders and administrators (besides Christian Zach, Vienna and Rainer Klinger, Munich). Our friendship began two years earlier, when we had met on the platform „World of Pipes“. Heinz was not only a life philosophical traveller, by no means. Together with his wife Ulrike he travelled the world, on cruise ships, crossed the USA and Canada by motor home. Together we met our friends in „Pfeife & Tabak“ in Vienna and for a while numerous mutual visits took place. A very special bond existed (and still exists, even more intensively) with the friends of the Singapore Pipe & Cigar Club around the impresario Dr. Mike Loh. Mike and Heinz cultivated a particularly intimate friendship and so it is not surprising that we made several trips to Singapore together. Mike and some friends paid numerous return visits to Cologne, Heinz‘ home town. Knowing his progress, we are especially grateful that Heinz, together with Ulrike, Mike Loh and other friends from Singapore, came to Munich for a two-day visit this January 2020 and we were once again able to spend a wonderful time with him. Nothing, absolutely nothing, indicated that his journey would come to an end only seven months later.

Heinz did not agree at all with the shutdown of Pfeifen und mehr in 2013 and did not follow the path to the pipe blog. As was his open and honest way, he declared frankly and freely that a blog was not his world, he missed the forum and the constant, direct contact with the members. However, his decision was in no way detrimental to our friendship and the regular contact, on the contrary.

Heinz will not be forgotten especially by the Cologne Pipe Friends, the Loh Society (Singapore Pipe & Cigar Club) and our Munich group. And we wish his family, Ulrike with children and already grandchildren, a peaceful time of remembrance of a wonderful person.

official obituary

Heinz Schwarzkopf




HU Tobacco | Gran Reserva Limitada 2 Años CERVANTES

Eine ganz und gar unseriöse Erscheinung! Nicht vertrauenserweckend und vollkommen unzuverlässig! So wäre unser Bild von Cervantes und nicht mal unseres sondern das irgendwelcher lokalpatriotischer Hobbyhistoriker, denn wir würden ihn trotz aller fehlenden Seriosität gar nicht kennen, hätte er denn nicht diesen einen tollen Roman geschrieben. Und nach ihm wäre ohne dieses Ritterromans auch nie und nimmer ein Tabak benannt worden, geschweige denn ein Institut oder irgendwelche Strassen und Plätze.

Im Gegensatz zur Autorenpersönlichkeit sind Institut, Strassen und Plätze und der Tabak vor allem allerdings gar nicht halbseiden, sondern Monumente der Seriosität! Und wo findet man das denn heute noch, Seriosität zum Aufrauchen? Noch dazu mit Genuss! Großem Genuss! Ganz real. Phantasielos sozusagen!

HU Tobacco Gran Reserva LimitadaIn ganz realen Dosen, die man aufheben und sogar stapeln kann! Ganz seriöser Spitzentabak, von Vollprofis gemischt, gelagert und gereift! Vollprofis mit vielen Jahren Erfahrung und Know How! Hier in dieser Oase geschriebenen Wortes besprochen, frei von unbeholfen videoaffinen Plastiksackerlapologeten, denen man in jeder Hinsicht als Zwangslektüre das Märchen von des Kaisers neuen Kleidern anheimstellen möchte, damit sie vielleicht mal drüber nachdenken, womit sie da eigentlich ihr mediales Über-Ego füttern, wenn’s der eigene Geschmackssinn und das Urteilsvermögen mangels Sachkenntnis schon nicht hergeben…

HU Tobacco CervantesAber zurück zum Tabak: der Cervantes ist der zweite limitierte Tabak, den Hans Wiedemann/HU-Tobacco eigentlich für die diesjährige Pfeifenshow in Hamm geplant hatte und der jetzt am 24.8. auf den Markt kommt, nachdem die Show ja bekanntlich COVID-19 zum Opfer fiel. Natürlich ist auch der Cervantes wieder in Zusammenarbeit mit Kohlhase&Kopp entstanden! Wie der Rocinante auch, ist der Cervantes limitiert. Limitiert heißt in diesem Fall, wie auch beim Rocinante, ein paar hundert Dosen à 50g. Dafür, dass das ein Versuch war, ein paar professionell gereifte Tabake zu machen, sind diese Mengen für einen so kleinen Betrieb sehr respektabel wie ich finde. Und wenn der sogenannte Fachhandel in der Lage war, dieses Mal mit etwas mehr Augenmaß zu planen, dann wird auch nicht das Zerrbild entstehen, der Tabak wäre nach ein paar Stunden komplett ausverkauft… Wir werden sehen was passiert! Trotzdem, mit der Erfahrung des Rocinante im Gedächtnis, dürfte es nicht schaden, wenn man den Cervantes haben will, sich auch drum zu kümmern und nicht all zu lange zu warten?

HU Tobacco CervantesWar der Rocinante ein Virginia-Blend mit einem kleineren, aber durchaus respektablen Burley-Anteil, so ist der Cervantes ein Burley-Blend mit einem respektablen Virginia-Anteil! Dazu gesellen sich Perique und Kentucky. Im Tabakbild erscheint der Cervantes dem Rocinante auf den ersten Blick relativ ähnlich, eine mittelbraune Ribbon-Cut Mixture schönen Kontrasts mit ein klein bisschen Ready-Rubbed-Anteilen und ein paar dunkleren Tabaksprengseln, die den Cervantes vom Rocinante abheben. Hier ist mehr Perique im Spiel als beim Rocinante. Das kann man auch riechen, denn wir haben nicht nur all die schokoladig-nussigen Noten, die uns die Burleys geben und ganz dezent im Hintergrund die malzigen Noten der Virginias, sondern auch deutlich Trockenfrüchtearomen und zwar sehr viel präsenter als beim Rocinante! Dass man einen Tabak von dieser Schnittart problemlos stopfen, anzünden und gleichmäßig langsam rauchen kann, bedarf eigentlich keiner Erwähnung zumal die Feuchtigkeit in der Dose perfekt ist.

Bereits die ersten Züge des Cervantes zeigen uns, was den Tabak ausmacht: geschmackliche Opulenz mit Tiefgang! Opulenz der Burleys, Schokolade und Nüsse mit Röstaromen, gebrannte Mandeln, malzige Brotnoten mit den Röstaromen dunkler doppelt gebackener Brotkruste. Getrocknete Feigen, Dörrzwetschgen und saftige Sultaninen! Und wieder Schokolade und Nüsse! Durch die Virginias hat der Tabak auch Creme und Tiefgang – und auch die nötige Kraft, um diese Aromenvielfalt zusammenzuhalten und ihr eine solide Basis zu verleihen! Ganz klar: beim Cervantes ist deutlich mehr Lametta als beim Rocinante! Das sehe ich aber nicht als einen qualitativen Unterschied sondern als einen stilistischen: der Rocinante wirkt eher wie eine schüchterne Schönheit, mehr wie Audrey Hepburn als Marilyn Monroe, mit der der Cervantes vielleicht besser charakterisiert wäre! Man verzeihe mir den Vergleich! Gefallen tun sie mir natürlich beide und Ihr wisst, was ich meine!

Beide Tabake haben etwas gemeinsam, das ist ihr Tiefgang und das sind die fehlenden Kanten! Dass der Cervantes viel akzentuierter wirkt, hat seine Ursache in der Konzeption der Mischung! Aber ihm „fehlen“ (in Wirklichkeit fehlt gar nichts!) die Kanten genauso wie dem Rocinante, nur äussert sich das anders. Dazu muss man sich eigentlich nur die Frage stellen, warum man Tabake eigentlich überhaupt reift? Was will man denn damit, mit diesem ganzen Aufwand, der viel Geld kostet, eigentlich erreichen? (Dass bei dieser ganzen peinlichen Youtube-Diskussion um den Rocinante kein einziger aus dieser ganzen „Community“ auf die Idee kommt, diese Frage zu stellen, spricht Bände!!!) Was passiert bei diesem Reifeprozess? Ganz einfach: die einzelnen Geschmackskomponenten vereinen sich, der Geschmackseindruck wird komplexer, intensiviert sich und die Unterschiede der einzelnen Bestandteile der Mischung, also die Kanten oder das, was wir Kanten nennen, nehmen sich immer mehr zurück zugunsten eines einzigen komplexen Geschmacksbildes.

HU Tobacco CervantesGenau das passiert auch beim Cervantes! Nur wirkt es anders, weil die Mischung per se viel extrovertierter komponiert ist als der introvertierte, in sich ruhige Rocinante. Da steht auf der einen Seite ein Feuerwerk mit Champagner und auf der anderen eine kleine Abendgesellschaft mit Cocktails. Die Freunde des einen mögen dem anderen nicht vorwerfen, anders zu sein! Für den Cervantes heißt das, dass wir die ganze Füllung über diese geschmackliche Opulenz im Mund haben, kontinuierlich und ohne dass man sagen könnte, dass sich zum Ende etwa der Perique deutlicher meldete als die Virginias oder der Kentucky noch ein kleines rauchiges Solo gibt, nein, wir haben hier einen unendlich schönen und fein gewobenen Teppich, der uns überall mit seiner Vielfalt begeistert, ohne dass wir von Weitem schon sehen könnten, dass er rot gelb blau und grün ist. Der Cervantes ist ein sehr kraftvoller Tabak, aber dabei kein übermäßig starker Tabak – ich würde ihn so bei den Navy Rolls einpendeln.

Gerade für einen Burley-Blend ist der Cervantes ein extrem tiefgründiger Tabak, der eben nicht (nur) die Schokoladenherrlichkeit ins Rampenlicht schiebt, eine Schokoladenherrlichkeit, von der er reichlich hat, sondern dem der Reifeprozess extrem gut getan hat! Ich habe den Tabak vor einem guten Jahr schon mal probieren dürfen und ich würde fast sagen, dass sich der Cervantes unter den drei Blends am meisten verändert hat in diesem zweiten Jahr: Extrem attraktiv fand ich den auch schon vorher, aber dieses zweite Jahr des Reifens hat dem Tabak einen ziemlich beeindruckenden „Schliff“ verliehen, weg von jeder Vordergründigkeit, indem vor allem die Burleys sich mit dem Perique noch mehr verbunden haben und gleichzeitig der Perique sich auch noch intensiver eingebracht hat. Der Cervantes ist für mich eher ein Burley-Perique-Tabak als ein Burley-Virginia-Tabak! Und so, wie sich der Tabak im Moment präsentiert, einer von allererster Klasse! Um ganz ehrlich zu sein, da fällt mir jetzt nicht vieles ein, was auf diesem Burley-Niveau mitspielt – auch wenn ich ins Burley-Stammland über den großen Teich blicke… Der Cervantes ist schon ziemlich großes Kino!

Wie für den Rocinante gilt auch für den Cervantes:

P.S.: Normalerweise sind alle Tabake, über die ich schreibe, käuflich erworben. In diesem Fall hat mir Hans Wiedemann eine Dose zu Testzwecken geschickt, was mein Urteilsvermögen allerdings nicht im Geringsten beeinflusst hat.

 




Eine Pfeife von: Sven Knudsen

Es grenzt schon fast ein bisschen an Tragik, dass, wann immer der Name Sven Knudsen fällt, vom älteren Bruder Teddy Knudsens gesprochen wird. Dabei könnte man sich natürlich fragen, ob es nicht passender wäre, von Teddy als dem kleinen Bruder Sven Knudsens zu reden? Okay, das klingt erstmal nach Haarspalterei! Der eine, Teddy, lebt noch, fertigt noch Pfeifen, die zu den teuersten der Welt zählen, während der andere seit fast zehn Jahren tod ist und seit mindestens 23 Jahren keine Pfeifen mehr gemacht hat. Pfeifen, die im Vergleich zu denen Teddys ziemlich erschwinglich sind. Aus dem Blick aus dem Sinn?

Trotzdem ist Sven Knudsen der bei weitem bedeutendere der beiden Brüder, denn er gehört zu den Gründervätern des dänischen Freeform-Stils und hat, im wesentlichen zusammen mit Sixten Ivarsson, Gert Holbek und Poul Rasmussen, diese Formenwelt an maßgeblichen Stellen mit erschlossen und damit die Grundlage für die moderne Designerpfeife im Allgemeinen mitgelegt. Von der ersten Generation der Pfeifenmacher ist er neben Sixten sicherlich der stilbildendste und formal einflussreichste gewesen! Bis heute finden sich in den Portfolios berühmter Pfeifenmacher manche Shapes, die auf Sven Knudsen zurückgehen. Nun möchte ich zu seiner beeindruckenden Pfeifenmachervita nur auf den recht passablen Pipedia-Artikel verweisen anstatt hier irgendwas abzuschreiben um den Eindruck zu erwecken, es sei von mir. Sowas überlasse ich lieber dem einschlägigen Spezialisten eines anderen Mediums.

Sven Knudsen PipeMir geht es um etwas anderes, um den Stil und um die Formentwicklung, was ich am Beispiel einer meiner Pfeifen erläutern möchte. Nun hat Sven Knudsen gerade in seinen späteren Jahren eine relativ große Anzahl klassischer Pfeifen gemacht, meist Billiards, die er zu personalisieren verstand, obwohl sie doch nah am klassischen Kanon angelehnt waren. Mir geht es um die freieren Formen, die er aber ebenso mit einer regelrecht klassischen Attitude verbinden konnte. Auf diese Weise erreichte er mit seiner Formgebung die Wirkung leisen Understatements und damit eine Größe, die auf gestalterischer Bescheidenheit basiert. Extrovertierte Effekte, seien sie auch noch so beeindruckend, waren seine Sache nicht – auch darin unterschied er sich vom Stil seines jüngeren Bruders.

Sven Knudsen PipeSven Knudsen PipeDie hier vorgestellte Pfeife ist eine Freeform, bei der ich schon Schwierigkeiten habe, das Shape zu benennen, obwohl sie auf den ersten Blick „normal“ oder „gängig“ aussieht. Es ist im Prinzip eine Bent mit schlichtem rundem Holm und einem linearen Mundstück. Allein die Wahl dieses vollen linearen Mundstücks irritiert, würden wir doch hier eher ein Sattelmundstück erwarten, was ästhetisch weniger stark in Richtung „Serienpfeife“ weist. Dieser Verzicht auf die Gestaltungsmöglichkeit eines Sattels (der ansonsten bei nahezu allen seinen Billiards in verschiedensten Ausführungen sein Standard war) lenkt den Blick ohne jedwede Ablenkung auf den Kopf, der seine Form absolut dem Maserungsverlauf des verwendeten Kantels verdankt.

Sven Knudsen PipeWird bei streng klassischen Formen, auch herstellungsbedingt durch die Kopierfräse, aus der die Köpfe oft kommen, der Form der Vorrang vor dem Maserungsverlauf eingeräumt und auch der Tatsache geschuldet, dass die einzigen klassischen Shapes, die den natürlichen Maserungsverlauf des Holzes aufnehmen, die Brandy und die Dublin mit ihren jeweiligen Variationen sind, ist die Wahl einer Freeform für den Kopf hier zwingend. Allerdings bedient sich auch diese Freeform Anleihen aus der Welt der Kassik, denn die dem Holm zugewandte Seite des Kopfes ist im Prinzip eine Brandy, eine halbe Brandy um genau zu sein, die just da abgeschnitten wird, wo der Maserungsverlauf den Fächer nach vorne nicht mehr bieten kann.

Sven Knudsen PipeSo entstehen links und rechts symmetrisch zwei Kanten, die exakt der Maserung folgen und den Kopf in zwei (für sich gesehen klassische) Formen teilen: nämlich die gerade erwähnte Brandy auf der hinteren, dem Holm zugewandten, Seite und eine Billiard auf der Vorderseite. Diese Freeform entsteht also durch die Kombination zweier klassischer Formen, was auch letztlich für ihre strenge und erstmal wenig spektakuläre Erscheinung verantwortlich ist. Und gerade dieser Kunstgriff ist spektakulär!

Sven Knudsen PipeZwangsweise ergibt sich daraus, dass der Großteil des Kopfes nicht rund ist, sondern der Kopfrand aus der Form zweier Kreissegmente gebildet ist, die sich an den beiden Kanten treffen. Erst da, wo die beiden Kanten auslaufen, also am Kopfboden in der Bauchung, hat der Kopf eine nahezu runde Form. So entstand eine eher „leise“ Pfeife von großer Raffinesse und gerade dafür stehen viele der Freeforms von Sven Knudsen. Und genau das macht Sven Knudsen als Vorbild so interessant, denn je „lauter“ und extrovertierter eine Form ist, desto schwieriger wird es für den Pfeifenmacher, sie zu adaptieren ohne sich der Gefahr auszusetzen, zu nah am Vorbild oder stilistisch zu sehr im Fahrwasser eines anderen Pfeifenmachers zu sein!

Gestempelt ist die Pfeife, die ich in die achtziger Jahre datieren würde, mit „S.Knudsen“ und dem Korsenkopf.Sven Knudsen Pipe




Pfeifen Diehl | The Dickens

Es gibt gute und schlechte Tabake. Und es gibt prätentiöse und unprätentiöse Tabake. Schlechte prätentiöse Tabake sind selten und dafür selten ärgerlich: sie scheitern meist an ihrem Anspruch und ihrem Preis, weil sie etwas sein wollen, was sie nicht einlösen können. Gute prätentiöse Tabake dagegen gehören zum Interessantesten der Tabakwelt, ihre Anzahl ist vergleichsweise überschaubar und für sie bezahlen wir schon mal mehr als für den Rest, manche von ihnen betrachten wir als Klassiker – und was besonderes. Schlechte unprätentiöse Tabake gibt es wie Sand am Meer, von Tankstellen wie von Fachgeschäften und werden von Rauchern geraucht, die sich gar keinen Kopf machen wollen über die Frage, wie verschieden Tabake sein können und warum. Sie sind zufrieden damit und haben sich über die Jahrzehnte so daran gewöhnt, dass sie jeder Blick nach links oder rechts nur unnötig irritieren würde. Und dann gibt es noch die guten unprätentiösen Tabake, die nicht selten das Gros unseres Tabakkonsums ausmachen, seien es schlicht gut gemachte Aromaten mit einer guten Tabakbasis oder seriöse Virginia- oder Latakiamischungen, denen nur die besonderen Alleinstellungsmerkmale fehlen, die wir an den guten prätentiösen Tabaken so lieben. Die bezeichnen wir als Alldayssmoke und wir finden sie in erster Linie bei den Fachhändlern, nicht selten auch als deren Eigenmarken.

Diehl The DickensUm einen solchen Tabak geht es hier, nämlich um Diehls „The Dickens“, eine Virginia- basierte Latakiamischung von Pfeifen Diehl aus München, die von Kohlhase & Kopp für Diehl hergestellt wird. Ob dieser Tabak exklusiv für Diehl gemacht wird oder unter anderen Namen bei anderen Fachhändlern angeboten wird, entzieht sich meiner Kenntnis. „What the dickens“ heisst soviel wie „was zur Hölle/was zum Teufel“ und ich kann nur vermuten, dass man sich hier vom Rauch hat leiten lassen, denn an und für sich ist „The Dickens“ eine recht milde und runde englische Mixture klassischen Zuschnitts, die sich absolut weich präsentiert allerdings ohne große natürliche Grundsüsse! Das ist in diesem Fall kein Nachteil, denn der Tabak ist vollkommen harmonisch balanciert, es gibt keine extremen Geschmackskompononenten, die eine hohe Süsse zur Balance benötigen würden.

Diehl The DickensBetrachten wir uns das Tabakbild, dann sehen wir eine recht kontrastreiche Ribbon Cut Mixture eher hellerer Prägung, bei der verschiedene Virginia-Grades dominieren und zwar deutlich mehr hellere und mittelbraune Virginias als rötlich dunkelbraune, sehr vereinzelt auch grünliche Blattsprenkel und dann einen nicht ganz unbeträchtlichen Anteil an schwarzem Latakia. Also eine ganz klassische hellere englische Mischung! Und genau so schmeckt der „The Dickens“ auch.

Diehl The DickensDer Tabak lässt sich vollkommen problemlos stopfen und entzünden, er glimmt ruhig und langsam vor sich hin, fordert keinerlei Aufmerksamkeit beim Rauchen und ist somit auch für Anfänger bestens geeignet. Vor allem auch, weil der „The Dickens“ hinsichtlich seines Körpers ein eher leichter Tabak ist, obwohl er doch eine ganz beträchtliche Geschmacksfülle entwickelt. Gerade das macht ihn in meinen Augen auch zu einem wundervollen Alldaystabak, denn er wirkt weder langweilig noch wird er auf Dauer sättigend, was der überschaubaren Süsse geschuldet ist: Man kann, so man möchte, problemlos und mit großem Genuss mehrere Pfeifen hintereinander rauchen! Es ist gerade dieses unprätentiöse Understatement, was den „The Dickens“ so attraktiv macht!

Diehl The DickensGeschmacklich brennt der „The Dickens“ kein Feuerwerk ab. Es sind die eher „frischen“ Virginias, die im Zusammenspiel mit dem Latakia die Füllung dominieren und dem Latakia einen hellen Teppich ausbreiten, auf dem sich dieser sehr schön präsentieren und kontrastreich entfalten kann. Der Latakia wird geradezu „ausgestellt“ und seine Rauchigkeit verbindet sich dann perfekt mit den frischen, vielleicht auch ganz leicht heuigen Virginianoten! Diese Dualität von Virginias und Latakia bestimmt die komplette Füllung konsistent und gleichmäßig bis zum Ende hin: da wird nichts stärker oder schwächer, dunkler oder rauchiger – der „The Dickens“ schmeckt im Prinzip beim letzten Zug nicht anders als beim ersten. Normalerweise mag ich solche Tabake, bei denen nicht viel passiert, eher weniger, aber beim „The Dickens“ ist das anders und zwar in erster Linie, weil der Tabak so schlank und „trocken“ (nicht im Sinn von Feuchtigkeit, die ist perfekt, sondern im Sinn von trockenem Weisswein) daherkommt! Da ist nichts, was ermüdet oder langweilt oder mehr will als es ist: der „The Dickens“ schmeckt einfach nur kontinuierlich gut. Und das ist ziemlich viel!




HU Tobacco | Gran Reserva Limitada 2 Años ROCINANTE

Neues von HU Tobacco: „… kam er zuletzt darauf, ihn Rosinante zu heißen, ein nach seiner Meinung hoher und volltönender Name, bezeichnend für das, was er gewesen, als er noch ein Reitgaul nur war, bevor er zu der Bedeutung gekommen, die er jetzt besaß, nämlich allen Rossen der Welt als das Erste voranzugehen.“

Mit der Namenssuche ist es immer so eine Sache: werdende Eltern können ein Lied davon singen, wenn sie nicht aus Familien stammen, wo der erstgeborene Knabe seit -zig Generationen immer Scipione und das Töchterchen Olympia zu heißen haben, und sich somit ein gewisser Gestaltungsspielraum ergibt, der möglichst vorteilhaft ausgefüllt werden will. Da geht es Hans Wiedemann von HU Tobacco mit seinen neuen Tabaken nicht anders wie dem Ritter von der traurigen Gestalt mit seinem Hengst. Das soll nun aber auch die einzige Parallele sein, die wir zwischen Don Quichotte und dem Hans ziehen wollen, denn schließlich sind die Einfälle, die uns Hans Wiedemann zu teil werden läßt, höchst real in Form meist großartigen Tabaks und nicht die faszinierende Blüte träumerischer Einbildungskraft!

HU Tobacco Gran Reserva LimitadaFür die Namen seiner drei neuen Tabake, die man durchaus als eine in sich geschlossene Reihe sehen kann, hat Hans dieses Mal ganz große Weltliteratur bemüht, nämlich Miguel de Cervantes und dessen satirischen Ritterroman Don Quichotte, vor etwas mehr als 400 Jahren geschrieben und veröffentlicht. Das ist, wenn man einen Sinn dahinter vermutet, eine ziemliche Ansage! Nun haben diese drei Tabake etwas gemeinsam, was sie vom restlichen Sortiment von HU Tobacco unterscheidet, nämlich die Tatsache, dass die fertigen Mischungen etwas mehr als zwei Jahre klimatisch kontrolliert gelagert und gereift wurden, dabei immer wieder neu gewendet werden mussten, bevor sie im Frühjahr 2020 in 50g Dosen konfektioniert worden sind. Das klingt nicht nur aufwändig, das ist es auch und es erklärt, warum die drei Tabake erstens einen höheren Preis haben (müssen) und zweitens, bedingt durch den Produktionsprozess, warum es sich um limitierte Tabake handelt. Die Gestaltung der Dosenetiketten von Alexander Broy trägt diesem Gestaltungsprozess Rechnung und Alexander hat es hier dokumentiert.

HU Tobacco RocinanteDie Frage, die sich jetzt natürlich stellt, lautet: hat sich der Aufwand gelohnt und ist der damit verbundene höhere Preis gerechtfertigt? Dazu schauen wir uns als ersten Tabak mal den Rocinante an, denn es ist der einzige der drei Tabake, den ich auch „frisch“ geraucht habe, während ich die beiden anderen bislang nur „als Fassprobe“ in einem Zwischenstadium nach etwa einem Jahr kannte.

Rocinante ist ein Virginia Blend mit verschiedenen Virginia Grades und Burley, dazu in minimalen Anteilen etwas Kentucky und Perique. Das Tabakbild ist ein normaler Ribbon Cut mit ein paar Ready Rubbed Streifen, mittelbraun mit hellerem Blattgut vermischt. Eher normal als spektakulär und durchaus attraktiv. Der Geruch, welcher der Dose entströmt, ist genau so, wie wir ihn erwarten würden: Viel Malz, eher schwer und cremig süss, gepaart mit bitterschokoladigen Noten im Hintergrund. Da ist nichts zitrisch Frisches, auch nichts Heuiges und auch Kanten fehlen, aber was man wahrnimmt ist rund, voll und vor allem sehr harmonisch. Dieser optische und olfaktorische Eindruck macht richtig Lust auf den Tabak!

HU Tobacco RocinanteDie Feuchtigkeit ist perfekt, der Rocinante lässt sich vollkommen problemlos stopfen, ob in kleine oder große Pfeifen spielt gar keine Rolle, das Anzünden gestaltet sich kinderleicht und der Rocinante glimmt langsam und gleichmäßig bis zum Schluß. Ich glaube, ich mußte keine einzige der etlichen Füllungen, die ich bislang geraucht habe, jemals nachzünden. Das macht den Tabak auch für Einsteiger interessant, die mal in die Welt der volleren und komplexeren Virginia-Blends eintauchen möchten!

Entzündet man den Rocinante, dann erlebt man als erstes die Virginias mit einer vollen malzigen Süsse, einer eher dunklen Süsse, cremig und ergiebig und dazu ganz intensive Noten von Brot und Brotkruste mit ihren Röstaromen. Wie schon im Geruch fehlen auch hier die frischen Zitrusnoten und die heuigen Noten, die manche Virginias nicht selten auffahren, was daran liegt, dass beim Rocinante Dark Virginias und Red Virginias die breite Basis der Mischung bilden. Im Hintergrund haben wir den Burley mit seiner Bitterschokolade. Anfangs wirklich im Hintergrund, aber mit zunehmender Dauer tritt der Burley dann doch deutlicher nach vorne ohne sich aber je in die erste Reihe zu mogeln: er bleibt immer die ergänzende Komponente, wird nie zur bestimmenden. Der enthaltene Kentucky ist für mich als Akteur nicht wahrnehmbar, aber der Rocinante hat durchaus eine gewisse Erdigkeit, die ich allerdings auch eher den Virginias zuschreiben würde und vermutlich wird diese vom Kentucky unterstützt. Aber das ist sicher kein Grund für jemanden, der Kentucky nicht mag (das soll’s  ja geben), den Rocinante zu meiden! Und dann ist ja noch minimal Perique enthalten. Auch der ist fürchterlich leise, aber darin liegt ein bisschen Raffinesse, denn ihn kann man wahrnehmen – vor allem im Vergleich mit dem frischen Tabak, was der langen Reifung geschuldet sein dürfte, und dieses Mininum an Perique wirkt wie eine Vierteldrehung aus der Pfeffermühle über einem guten Pistazieneis: es öffnet durch eine kleine Irritation dem ansonsten zwar sehr komplexen Virginia/Burley Blend eine Tür aus der Geradlinigkeit hin zum Raffinierten!

HU Tobacco RocinanteDer aufwändige Reifeprozess, bei dem Kohlhase & Kopp wieder einmal gezeigt hat, wie hervorragend dort gearbeitet wird, hat also im Wesentlichen zwei Effekte: Erstens lässt er die Virginias noch deutlich dunkler, voller und komplexer erscheinen und zweitens hat der Perique erwartungsgemäß ein ziemliches Durchsetzungsvermögen, was auch bei Minimaldosierung zum Tragen kommt. Verstehen wir uns nicht falsch: der Rocinante ist stilistisch nie ein Perique Blend, aber der Perique wirkt nach – ganz ganz leise und raffiniert! Und zum Schluss dann doch nochmal was zum Namen: Cervantes‘ Rocinante ist bekanntlich ein dürrer Klepper, der nur in Don Quichottes Fantasie zum heldenhaften Schlachtross mutiert, Hans Wiedemanns Rocinante ist real kräftig genug, um weit davon entfernt zu sein, ihn für einen dürren Klepper zu halten. Vielleicht wäre die imaginäre Angebete Don Quichottes, Dulcinea, vor allem wenn man sie sich mit einem frühbarocken Schönheitsideal leicht füllig vorstellen mag, der passendere Name gewesen? Andererseits wirkt der Tabak für mich nicht feminin, also vielleicht passt’s doch?

P.S.: Normalerweise sind alle Tabake, über die ich schreibe, käuflich erworben. In diesem Fall hat mir Hans Wiedemann eine Dose zu Testzwecken geschickt, was mein Urteilsvermögen allerdings nicht im Geringsten beeinflusst hat.




Samuel Gawith | Cabbie’s Mixture

Ich hätte gerne ein bisschen Virginia-Perique-Pfeifentabak und ein großes Glas Wasser! Neeiiin! Doch nicht zusammen! Wie? Einfacher zu verpacken? Also getrennt wäre es mir lieber gewesen! Das etwa wäre als Kurzversion ein denkbarer Einstieg in ein Review der Cabbie’s Mixture von Samuel Gawith. Aber es gibt noch einen anderen Einstieg, einen, der etwas mit Verpackung zu tun hat und den möchte ich hier wählen.

Vor ein paar Tagen bin ich eher zufällig bei meinem Tabakhändler vorbei gekommen und beschloss spontan, obwohl ich überhaupt nichts gebraucht habe, irgendwas zu kaufen. Ich habe mehr als genug Pfeifen, genug Zigarren, genug Pfeifentabak und Pfeifenreiniger erst recht. Feuerzeuggas auch. Feuersteine schienen mir für einen Besuch unangemessen, also entschied ich mich doch für Tabak. Kann man ja immer brauchen. Und es sollte einer sein, den ich schon länger nicht mehr geraucht habe. Cabbie's MixtureVielleicht einer, der mir sonst eher zu teuer ist? Genau! Die Wahl fiel auf die Cabbie’s Mixture von Samuel Gawith. Irgendwie war ich irritiert. Irgendwas war an der anders im Vergleich zum fast soldatisch aufgestellten Restsortiment von Samuel Gawith. Das Blech. Es war die Farbe des Dosenblechs! Nicht mehr dieses seit zig Jahren gewohnte distinguiert hellgelbe Blech, nein, sattes orangegold, das ungefähr so edel wirkt, wie die „Goldringe“ an so besonderen Markenpfeifen wie „Dr.Bruyère“ oder so ähnlich. Dass die das nötig haben? Sieht irgendwie aus wie Nordindien! Feinster englischer Pfeifentabak im Mustafa-Centre-Style? Aber was soll’s, ich rauche ja nur den Tabak, die Dose werfe ich danach weg oder rühre Beize oder Klebstoff darin an. Ich will mich nicht beschweren!

Diese neue Dosenfarbe ist aber der erste Hinweis auf eine neue bzw. neuartige Verpackung bei Samuel Gawith, das heißt, um genau zu sein, bei Gawith und Hoggarth, die den Tabak ja seit der Fusionierung vor ein paar Jahren herstellen, und genau das kann man jetzt auch sehen, denn deren Logo prangt einem direkt entgegen, wenn man die Dose öffnet.

Cabbie's MixtureUnd um gleich irgendwelche falschen Hoffnungen im Keim zu ersticken: natürlich haben die Dosen nur eine neue Farbe, sie schließen, einmal geöffnet, genau so schlecht wie seit Menschengedenken. Dennoch scheint diesbezüglich nach all den Jahren unverwüstlicher englischer Tradition des Festhaltens am Nutzlosen ein klitzekleiner Funken von Problembewußtsein in Kendal aufgekeimt zu sein: dieses ganz zarte Pflänzchen zeigt sich uns in Gestalt eines dicken, ja eines wirklich dicken Kartons, der da fest in die Dose gepresst ist. So fest, dass man ihn ohne die zwei glücklicherweise eingestanzten Grifflöcher nur unter Zuhilfenahme von Werkzeug herausnehmen könnte. Cabbie's MixtureMit den Grifflöchern geht es aber ganz gut und nach dem Entnehmen von Tabak zeigt sich beim Wiederverschliessen sofort der Vorteil: dieser Karton sitzt so fest in der Dose, dass er nicht verrutscht, das heißt, man presst den Karton nach unten und drückt so das Papier mit dem Tabak darin einigermaßen dicht und hat dadurch den Eindruck, dass man dem Tabak beim Austrocknen nochmal eine kleine Barriere in den Weg legen kann! Und damit das auch ganz sicher funktioniert, ist die Cabbie’s Mixture von Anfang an so patschnass, dass sich die Frage des Austrocknens höchstens für Raucher stellt, die mit ein bis zwei Füllungen pro Jahr auskommen! Anders gesagt: der einzige, der mit dem Problem des Austrocknens eines patschnassen Tabaks in einer nicht schliessenden Dose mit „Schutzfunktionskarton“ konfrontiert wäre, das wäre ein Nichtraucher, womit das Problem als solches wiederum überzeugend gelöst wäre!?!

Damit sind wir endlich beim Tabak angekommen. Nachdem wir also den dicken Karton entnehmen konnten und das Papier aufgefaltet haben, werden wir belohnt! Die Cabbie’s Mixture bietet wahrscheinlich das schönste und aufregendste Tabakbild, das derzeit überhaupt auf dem Markt ist!

Cabbie's MixtureHier haben wir fein und sauber geschnittene Curlies mit allen Farbschattierungen, die man sich bei Virginia-Perique-Pfeifentabak nur denken kann, abwechselnd mit angerubbelten und angerissenen Curlies. Streng genommen ist die Cabbie’s Mixture also gar keine Mixture im klassischen Sinn sondern ein Curly Cut oder Ready Rubbed Roll Cake! Was die Sache aber natürlich nur noch interessanter macht, zumal sich zum optischen Eindruck ein olfaktorischer gesellt, der mindestens so spektaklär wirkt: da wechseln sich Trockenfrüchtearomen, wie Feigen, Datteln und Rosinen mit Malzsüsse und Brotkruste und natürliche Honigsüsse und Zitrusfrüchte, alles schön schokoladig unterlegt, ab! Ein Feuerwerk sondergleichen! Nur halt eines, das irgendwann einmal gründlich nass wurde, was gerade das Entzünden desselbigen beschwerlich gestaltet!

Bevor wir zum Entzünden kommen, müssen wir die Cabbie’s Mixture aber erstmal in die Pfeife füllen und das ist so ziemlich das einzige, was bei diesem Tabak vollkommen unkompliziert vonstatten geht: einfach ein paar kleine Päckchen zwischen die Finger nehmen, leicht kugelig formen und rein in den Pfeifenkopf, am Ende ein bisschen festdrücken – wie eigentlich immer. Cabbie's MixtureAber dann kommt das Anzünden. Einmal. Zweimal. Dreimal. Immer nur ganz leicht ziehen, um die langsam, nein, um die sehr langsam entstehende Glut nicht zu sehr nach innen zu ziehen. Immer kreisend. Bis eine gleichmäßige Glut an der Oberfläche entsteht. Das braucht bei mir meistens zwischen vier bis sieben Anläufe! Für Menschen mit Geduld eigentlich kein Problem. Die anderen seien gewarnt! Wenn die Cabbie’s Mixture aber mal brennt bzw. glimmt, dann glimmt sie ganz langsam und gleichmäßig – allerdings nur bis zum nächsten Anzünden nach ungefähr fünf bis zehn Minuten! Wenn man die Möglichkeit hat, sich ausschließlich dem Tabak zu widmen, also nicht nebenher zu lesen, mit irgendjemandem zu reden oder sonst was zu tun, was vom Tabak ablenkt, dann schafft man es schon, die Cabbie’s Mixture einigermaßen zivilisiert „durchzurauchen“, aber es ist ein Tabak, der Aufmerksamkeit einfordert und zwar auch für Samuel Gawith’sche Verhältnisse viel Aufmerksamkeit!

Jetzt fragt man sich natürlich unweigerlich, warum man sich das alles aufhalsen sollte und das noch dazu für einen vergleichsweise stattlichen Preis? Ganz einfach: weil die Cabbie’s Mixture, und zwar vollkommen egal, wie of man sie nachzünden muß, geschmacklich ein absolut herausragender Tabak ist, der einen für allen Aufwand, auch den finanziellen, in jeder Hinsicht mehr als entlohnt! Cabbie's MixtureNeben dem Escudo/den Navy Rolls (oder wie auch immer sie im moment heißen) ist die Cabbie’s Mixture in meinen Augen DER Maßstab für einen Virginia/Perique Tabak schlechthin. Ein Tabak, der alles hat, was man sich wünscht: wuchtige malzige Süße, fruchtige Süße, cremige Süße, frische Zirtusnoten, ganz ganz leichte heuige Noten, dann dazu das ganze Trockenfrüchteportpourri des Periques mit feinen schokoladigen Noten unterlegt, die sich manchmal dominanter, manchmal dezenter präsentieren! Die Cabbie’s Mixture ist ein absolut komplexer und harmonischer Tabak mit großer geschmacklicher Tiefe, der nie langweilig oder gleichmäßig wirkt, sondern immer mit neuen Nuancen aufwarten kann. Der Cabbie’s Mixture fehlt vielleicht ein bisschen die überbordende Vollmundigkeit des Escudos, aber dafür ist sie vielschichtiger, ihr fehlt vielleicht die wundervolle Erdigkeit und die Kraft der ALTEN Three Nuns, dafür ist sie süßer und cremiger, aber insgesamt ist das ein Tabak, der in der Champions League der Virginia/Perique Tabake immer mindestens ins Halbfinale kommt! Man merkt mit jedem Zug, was für herausragendes Blattgut hier verarbeitet wird und letztlich zeigt uns die Cabbie’s Mixture wieder eindrucksvoll, dass man, wenn es hauptsächlich um Virginia geht, an dem Haus in Kendal nicht vorbei kommt!

Cabbie's MixtureWill man sich das ganze Trara um Entzünden und Abbrand sparen, dann empfielt es sich, die Pfeife mit Cabbie’s Mixture rechtzeitig zu panen und den benötigten Tabak vorher eine Stunde in der Sonne oder zwei bis drei Stunden drinnen trocknen zu lassen! Dann hat man das Problem gelöst und wird mit einem gleichmäßig und sehr langsam abbrennenden Curly Cut belohnt! Diese extreme Langsamkeit im Abbrand und damit die Ergiebigkeit entschädigt auch ein bisschen für die letztlich kostspielige Feuchtigkeit, denn eine Pfeifenfüllung (meine Pfeifen sind meist Dunhill Group 3 Größe, also eher klein) dauert locker ihre zwei Stunden! Alles in allem würde ich die Cabbie’s Mixture wirklich jedem ans Herz legen wollen, solange er ein bisschen Erfahrung mit Presstabaken hat. Anfänger könnten daran verzweifeln! Und ich persönlich sehe die Cabbie’s Mixture als einen durchaus preiswerten Tabak trotz des gehobenen Preises, denn ihre Qualität ist mindestens so herausragend wie ihr Preis! Viel Vergnügen!

 

P.S.: Vor vier Jahren hat Bodo Falkenried hier schon einmal was zur Cabbie’s Mixture geschrieben, war ebenfalls sehr glücklich mit dem Tabak, hatte aber offenbar kein Problem mit der Feuchtigkeit.


 

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Léo Malet | Nestor Burma der Detektiv mit der Stierkopf-Pfeife

Den Anlaß für diesen Artikel, gab mir das Geburtstagsgeschenk eines lieben alten Freundes (er ist tatsächlich 5 Tage älter als ich), welches mich vor ein paar Tagen (etwas verspätet) erreichte.
Wir teilen unter anderem die Liebe zu etwas abseitiger, skurriler Literatur und im Speziellen die zum Genre der Detektivgeschichte.
Beide sind wir begeisterte Fans der Kriminal-Romane von Léo Malet.
Léo Malet, wie auch seine Romanfigur der Privatdetektiv Nestor Burma sind passionierte Pfeifenraucher und haben einen ganz speziellen Faible für eine spezielle Pfeife mit einem geschnitzten Stierkopf. Nestor Burma erwirbt in einem der Romane 1939 eine solche Pfeife für 60 Franc. Später sieht man auf Fotos seinen Schöpfer Malet auch immer wieder mit einer solchen Pfeife posieren.

Sie, lieber Leser, werden es schon erraten haben, genau so eine Pfeife erhielt ich von meinem Freund zum Geburtstag.
Sie, ein distiguierter Pfeifenraucher mit Stil und Geschmack, der Sie gerade eine zierliche Dunhill im Mundwinkel schweben haben, werden sich die ungebändigte Freude und die kindliche Begeisterung für dieses Geschenk leider nicht einmal im Anstz vorstellen können. Aber ich habe mich unglaublich gefreut. Eine richtige, echte Nestor-Burma-Pfeife – ein Wahnsinn!

DIE PFEIFE

Ein gebogenes Mundstück ein kurzer Holm und dann ein wuchtiger Stierschädel mit angeklebten Hörner aus echtem Horn und dazu auch noch kleine Glas-Kulleraugen wei bei einer Puppe: eine wahre Schönheit (im Auge des Betrachters natürlich) Auf dem Holm finde ich folgene eingestempelte Worte: „FOREIGN REAL BRIAR“
Leider kein Hinweis auf den Hersteller, ich finde leider nichts ausser Spuren, die auch wieder ins Nichts führen. Die Pfeife kam aus England zum Schenker, aber ob für die Engländer Frankreich „foreign“ ist? ich weiss es leider nicht.
Der Franzose Leo Malet hat seine Stierkopf-Pfeife sicher nicht aus England, ich vermute sehr stark, dass er sie aus Saint-Claude hat, dem Mekka der Pfeifenbauer dieser Zeit und so suche ich nach Spuren in dieser Gegend.

Meine Recherchen werden immer ausufernder und weitgreifender, ich lande immer mehr auf französischen Webseiten und die Tatsache, dass mich meine Eltern trotz der vielen gallischen und französischen Vorfahren, in der Schule statt Französisch, Latein lernen liessen, ist dabei wenig hilfreich, denn dadurch bin auf Gedeih und Verderb auf den Google-Übersetzer angewiesen. Ich weiss nicht welcher picklige und chronisch untervögelte Computer-Nerd, den programmiert hat, aber er übersetzt eine Artikelüberschrift über eine Pfeife mit Stier-Kopf von: „Une Pipe a Cornes“ in „A Horny Blowjob„. es ist zum verrückt werden. (Quelle: pipegazette.com)

ich finde folgende Angaben zu Pfeifen-Machern und vor allem Pfeifenschnitzern, die in Saint Claude Stierköpfe geschnitzt haben:

Paulo Lanier: Link: tobaccopipeartistory.blogspot.com
Jean Masson: Link: fumeursdepipe.net
Roger Vincent: Link: contenu.adhocpipe.com

Obwohl zum Teil schon tot, oder sehr alte Herren in Rente, sind alle drei sind etwas zu jung, um 1939 Malets Pfeife hergestellt zu haben.
Vielleicht der Vater von Roger, Léon Vincent?
Die Fabrik der beiden hieß wohl Gardhill – J. Vincent Fils: pipephil.eu
Bei Ebay-England finde ich eine ähnliche Pfeife: „Darvill Pipe, Real Briar Foreign Made“
Könnte es sein, dass sich „Gardhill“ in England „Darvill“ nennt? Das ist für mich noch die beste Spur, aber leider verfüge ich nicht über die exzellenten detektivischen Fähigkeiten meines Idols Nestor Burma.

Und deshalb höre ich jetzt auf über die Herkunft dieser Pfeife zu spekulieren und erzähle Ihnen lieber etwas über Literatur.

DER AUTOR: LEO MALET

Leo Malet wurde 1909 in Montpellier geboren und wurde schon in seinem ersten Lebensjahr Vollwaise. Beide Eltern starben an der Schwindsucht. Seine Großeltern zogen den kleinen Leo auf. Er schloss eine Banklehre ab und ging dann 1925 nach Paris, wo er sich mehr schlecht als recht durchschlug. Er war Clochard, Gelegenheitsarbeiter, Chansonnier, Filmstatist und tauchte immer mehr in die Halbwelt der Großstadt ab. Angelblich schrieb er für einen Gangsterboss Erpresserbriefe, weil dieser selbst des Schreibens nicht mächtig war. Er schloss sich den Anarchisten und Vegetaliern an und fing an, immer mehr für verschiedene anarchistische und surrealistische Zeitschriften zu schreiben und beteiligte sich an anarchistischen Aktionen. 1940 wurde er wegen „Gefährdung der inneren und äußeren Staatsicherheit“ verhaftet und geriet dann, mehr aus Versehen, in deutsche Gefangenschaft. Ein Jahr später konnte er nach Paris zurückkehren und begann seine schriftstellerische Karriere. Malet war wie viele Autoren von den „Hard-Boiled“ Kriminalromanen der Amerikaner begeistert. Wegen der deutschen Besatzung konnte man damals in Frankreich keine Raymond Chandlers oder Dashiell Hammetts bekommen und so schrieb er, wie auch George Simenon, selbst solche Romane. Während Simenon allerdings in seinen ersten Schaffensjahren hunderte von Groschenromanen verfasste, waren die Bücher Malets von einer sehr viel größeren Tiefe, er arbeitete auch länger an seinen Werken und schrieb auch nicht so viele. Auch wenn Malet literarisch mit dem späten Simenon nie mithalten konnte, sind Malets Geschichten, dunkler, ironischer, härter und näher am Leben im Großstadt-Dschungel. Er war der wahre König des Krimi-Noir.

DER DETEKTIV: NESTOR BURMA

Nestor Burma ist Privatdetektiv, ein einsamer Wolf, der nur nach seinen eigenen Regeln und Gewissen denkt und handelt. Es gibt unzählige Parallelen zu seinem Schöpfer Leo Malet. Auch er hat eine dunkle Vergangeheit in der anarchistischen Bewegung, auch er ist ein Underdog, ständig in Geldnot und in viele zwielichtige Geschichten verwickelt. Seine Fälle zeigen immer die Abgründe der Gesellschaft, die miesen Typen, professionelle Verbrecher, aber auch die Abgründe, die in der High-Society zu finden sind. Burma ist immer politisch, er ist im Herzen noch der Anarchist, der ethische Rebell und Verteidiger der Unterpriviligierten.

Die Opfer und auch seine Auftraggeber sind Penner, Zigeuner, Kollaborateure, Widerstandskämpfer, Reiche, Politiker, Zuhälter, Nutten, Antisemiten und Gauner, nie scheint etwas im „normalen“ Rahmen zu sein. Auch darin unterscheidet sich Burma von Simemons Figur Jules Maigret, der bei seinen Fällen viel weniger in so tiefe Abgründe der Gesellschaft zu schauen hat. Überhaupt sind die beiden wunderbar gegeneinander zu lesen und ich vergleiche sie gern.

Vordergründig sind sie durch ihr „Pfeife-rauchender-Detektiv-sein“ ähnlich und doch sind sie grundverschieden. Burma der „Privat-Flic“ mit seinen Verbindungen zur Unterwelt, der ewige Junggeselle, der gerne flirtet und zotige Sprüche macht und der brave Kommissar Maigret, der Ehemann und aufrechte Polizist. (Interessanterweise ist Simenon im echten Leben viel weniger solide als sein Held oder auch sein Schriftstellerkollege Malet)

Bei seinen Fällen helfen Burma oft seine Freunde aus der Vergangenheit und seine profunde Kenntnis des Millieus, aber auch seine Sekretärin die „Schöne Hélène“, die seine große platonische Liebe zu sein scheint. Sie ist sein hilfreicher Geist. Sie ist Mutter, Muse und bester Freund in einer Person und das in jeder Lebenslage. Und während Maigret nach der Arbeit zu seiner lieben Ehefrau heimkehrt, die ihm die Pantoffeln bringt, pumt sich Burma bei seiner Sekretärin Geld und versumpft in irgendeinem billigen Etablissement.

Wie schon ein Running-Gag bekommt Nestor jedes Mal eine über den Schädel gebraten, gerät in eine Schiesserei oder Messerstecherei, aber niemals ist er selbst der Agressor. Hélène muss ihn dann verarzten und er zieht sich schmollend mit seiner geliebten Stierkopf-Pfeife zurück und denkt über die Lösung seines aktuellen Falles nach. Während seinen Kollegen Poirot und Holmes die Fälle mit Scharfsinn und Intellekt lösen, kommt Burma meist über seine Intuition und manchmal auch nur zufällig auf die Lösung. Wie auch Maigret ist er mehr ein Mann der Psychologie und Sensorik, kein kühler Intellektueller.

PARIS

Malet muss Paris sehr geliebt haben. Einige seiner Romane „Les nouveaux mystères de Paris“ sind nach den Arrondissements nummeriert. Jeder Fall spielt in einem anderen Viertel, aber niemals beschreibt Malet irgendwelche touristischen Sehenswürdikeiten, er zeigt dem Leser seine Stadt, die schmale Gassen und verwinkelten Höfe, die schäbigen Bistros und die verdreckten Strassen.

In der deutschen Auflage des Elster- bzw. Rohwolt Verlags ist jedesmal ein wunderbarer Nachgang von Peter Stephan am Ende zu finden. In den Achtziger Jahren wanderte Stephan die Strecken des Romans nach und fotografierte die Orte der Handlung circa 30-40 Jahre später. Allein deshalb muss man als Liebhaber der Stadt Paris diese Bücher lesen und lieben.

RÉSUMÉ

Ich fürchte dieser Artikel war jetzt ganz furchtbar trocken. Ist doch der Leser von mir nur elegisches Schwadronieren gewohnt und ich fürchte ich konnte mit meiner Literaturkritik gar nicht den Geist der Bücher treffen … Malet ist ein Prolet wie Mickey Spillane, kein Sir Conan Doyle, seine Sprache ist derb und sein Humor tief schwarz. Ganz anders als der bräsige Poirot oder der feine Herr Maigret ist Burma ist so witzig, so verspult, so selbstironisch.

Wie kann ich es nun wirklich anschaulich machen? Mmmm … lassen Sie mich nachdenken. Ich stopfe mir eine Pfeife, lehne mich in meinem Sessel zurück und grüble, während ich dem Tabak zusehe, wie er als Rauch den Pfeifenkopf verlässt. Mir brummt der Schädel, vielleicht waren das ein paar Glas Pastis zu viel? Ich sollte betrunken nicht bloggen, oder eben nicht zu viel bloggen und dafür mehr trinken, ich weiss es nicht. Da schleicht sich ein nicht ganz abwegiger Gedanke in mein trübes Bewusstsein …

Das ist doch hier ein Pfeifenblog, oder? Was wenn ich die Detektive anhand ihrer Rauchgewohnheiten vergleiche?

Rauch-Tabelle

Agatha Cristie | Hercule Poriot: ab und zu kleine russische Zigaretten
Mickey Spillane | Mike Hammer: filterlose amerikanische Zigaretten
Raymond Chandler | Philip Marlowe: Pfeife und Zigaretten
Sir Arthur Conan Doyle | Sherlock Holmes: Full-Bent Pfeifen
George Simenon | Kommissar Jules Maigret: Pfeife – Billard-Shapes
Leo Malet | Nestor Burma: Eine Pfeife die wie ein Stierkopf aussieht.

Damit sind alle Fragen geklärt, oder?

P.S. Zu diesem Thema gibt es auch ein aktuelles Video auf meinem YouTube Kanal

P.P.S. Für Sachdienliche Hinweise, Spuren und Indizien zum Hersteller der Pfeife, wäre ich sehr, sehr dankbar




Unterhaltung in Krisenzeiten – das Pfeifenblog-Radio

Die Mitglieder des Forums „Pfeifen und mehr“ werden sich noch an die zwei webbasierten Radiosender Brainradio und Brainradio Klassik erinnern. Zwar laufen diese immer noch als Wochenprogramm im 24-Stundenbetrieb mit Sendungen über Rock, Jazz und Klassik, werden aber seit geraumer Zeit nicht mehr aktualisiert. Denn mittlerweile gibt es mit dem Streamingdienst Spotify eine viel einfacher zu bestückende und abzuhörende Möglichkeit von „Sendungen“ aller Art.

Spotify wird in verschiedenen Versionen angeboten, angefangen von der kostenlosen bis hin zum Family Premium Abo. Das monatliche Premium Abo für bis zu fünf Familienmitglieder kostet gerade mal so viel wie eine CD, deren Vinyl Fassung gäbe es nicht einmal zu diesem Preis. Spotify läuft über Smartphone, Tablet und Desktops, also überall.

Nun machen wir hier keine Werbung für Spotify, sondern für die von uns für alle Pfeifenblog-Leser angebotenen Playlisten, die ursprünglich ausschließlich für die Münchner Runde erstellt wurden. Wir ergänzen diese Playlisten ständig und legen laufend weitere an, während der Corona-Zeit gibt es sogar eine, die als 60-Tage Kerkerliste täglich um einen besonderen Song erweitert und zwischenzeitlich mit der Folge 60 beendet ist, aber nach wie vor angehört werden kann.


Standard Playlisten (einfach anklicken)

Jazz At the Bar

Soul und R&B

Oldies -Mix of 300 from 1960 to 1979

Pop

Rock

Klassik am Tageeinzelne Sätze, Einzelstücke u.ä.

Klassik am Abendganze Werke


Spezielle Playlisten (werden laufend ergänzt)

60 Tage Freitags-KerkerPlaylist wurde vom 17.3. bis 15.05.2020 bis zur Folge 60 täglich um einen Titel erweitert

Reference Recordings Spring 2003

Mark Selby Mix (1961-2017)

Bryan Ferry Mix

Cat Stevens Mix

Chris Rea Mix

Rolling Stones 1964-2005

Paul Rodgers Mix

Arlen Roth Mix

Nachmittag mit Debussy


TIPP !

Es gibt einen komfortablen Weg, bei dem Sie nicht den oben aufgeführten Links folgen müßen und auch stets die aktuellen Inhalte hören können. Wir haben den öffentlichen Spotify Account „Hamish Falkenried“ angelegt. Nehmen Sie die einzelnen Playlisten einmal in Ihre Bibliothek auf und sie stehen Ihnen stets in der aktuellen Fassung auf Knopfdruck zur Verfügung. Und das geht wie folgend:

1. Öffnen Sie Spotify

2. Eingabe in das Suchfeld ganz oben: Hamish Falkenried – Sie sehen den folgenden Bildschirm (Klick ins Bild zum vergrößern):

Spotify zeigt eine komprimierte Übersicht. Um alle Playlist angezeigt zu bekommen, klicken Sie den Button „Alle ansehen“ (rechter Rand).

3. Klicken Sie mit der rechten Maustaste in ein Playlist Bild und wählen Sie die Option „In Bibliothek speichern“

4. Dann finden Sie zukünftig diese Playlist(en) links in Ihrer Spotify Mediathek.

5. Zur besseren Unterscheidung zu Ihren eigenen Playlists empfehlen wir, in Spotify einen Playlistordner anzulegen, in dem Sie die Pfeifenblog-Playlisten speichern:

Sehen Sie ab und zu in Spotify unter „Hamish Falkenried“ (HF) nach, ob es neue Playlisten gibt. Um die, die Sie bereits in Ihrer Bibliothek aufgenommen haben, brauchen Sie sich nicht mehr zu kümmern. Außerdem konnen Sie zusätzlich dem Account „Hamish Falkenried“ automatisch folgen. Diese Option finden Sie durch einen Klick in das Profil von HF.

Und nun viel Vergnügen beim Erforschen unserer Playlisten. Sollten Sie Fragen zur Verwendung der Playlisten haben, so verwenden Sie bitte die Kommentarfunktion am Ende dieses Artikels.





Samuel Gawith | RB Plug

Also wenn schon alle anderen im Moment Aromaten testen, dann muss ich wohl auch mal wieder. Unter den wenigen Aromaten, die ich rauche, sind die meisten aus den Lakelands. Manchmal stärker aromatisiert, manchmal weniger, alle haben eines gemeinsam: ich rauche sie sehr selten, aber ich rauche sie mit großer Freude! Und ums Testen geht’s eigentlich gar nicht, denn die Tabake kenne ich schon lange, es sind schließlich keine Neuheiten, es geht eher darum, mal ein paar Eindrücke aufzuschreiben.

Der Tabak, den ich mir dafür ausgesucht habe, ist der RB Plug von Samuel Gawith, von dem ich noch einen kleinen Rest habe und der so alle zwei bis drei Monate mal abgeschnitten, gefüllt und geraucht wird. „Um Gottes Willen“ hör‘ ich schon den einen oder anderen entsetzt aufschreien, „RB Plug, bist du wahnsinnig! Das kann man doch nicht rauchen!“ Kann man. Meistens gut sogar und wenn man auf eine zahmere Version stösst, denn die Versionen sind hinsichtlich ihrer Aromatisierungsintensität nicht immer gleich (Samuel Gawith eben!), dann kann man das sogar sehr sehr gut!

Meine Version ist so eine zahmere. Der Plug hat schon ein paar Jahre auf dem Buckel, ist aber natürlich immer noch perfekt konditioniert. Dieser RB Plug ist relativ feucht und nicht so ultrastark gepresst, wie es manchmal vorkommt. Von der Konsistenz her am ehesten vergleichbar mit dem Epikur!

Nun gibt es verschiedene Möglichkeiten, Plugs aufzubereiten. Jeder hat da so seine persönliche Vorliebe. Ich schneide mit einem meiner Kochmesser, das eine einseitig geschliffene Klinge hat, extrem dünne Scheiben ab. Fast wie Späne sind diese Scheibchen. Aus jeweils zwei drei solcher Späne forme ich Tabakkügelchen, die ich dann nacheinander in die Pfeife stopfe. Die Brösel obendrauf. Das Anzünden gestaltet sich vollkommen problemlos, der Tabak brennt gleichmäßig langsam ab und entfaltet seinen Geschmack und sein Aroma.

RB PlugJa, und welches Aroma und was für einen Geschmack? Der RB Plug besteht aus verschiedenen Virginiablättern, die zu einem Block gepresst sind. Das Besondere an diesen Hocharomaten aus den Lakelands ist, dass ihre Basis immer herausragende Virginias enthält, die geschmacklich auch präsent bleiben – bis zum Ende der Füllung. Bei vielen unserer hiesigen Aromaten ist es oft nur die Herstellerpanegyrik von erlesenstem Dingsbums, die neben der Aromatisierung bleibt. Wir haben also beim Samuel Gawith RB Plug so etwas wie den Kendal Plug oder Full Virginia Plug, nur dass das Blattgut eben mit Aromen angereichert wurde.

Geschmacklich ist der RB Plug ein Tabak, bei dem die intensive Malzsüsse der dunkleren Virginias dominiert. Dann kommen noch Trockenfrüchtenoten und eine gehörige Portion natürlicher „Cremigkeit“ dazu. Soweit die Basis. Die Aromatisierung ist erstmal ein wenig seifig, quasi die Aromatisierungs-DNA aus Kendal! Aber nur sehr sehr dezent im Hintergrund! Also kein Seelenverwandter des parfümigen Ennerdales zum Beispiel! Das eigentliche Aromenzepter, das der RB Plug schwingt, sind Gewürze! Pfeffriger Piment, Vanille, Zimt, Nelken und Kardamom. In Kombination mit der Malzsüsse und den Trockenfrüchtenoten der Virginias entsteht der Eindruck von Weihnachtsbackwerk. Geschmacklich wirkt das mehr wie ein schweres Panpepato/Panforte als wie Lebkuchen, wenngleich man den auch finden kann.

RB PlugAber so geradlinig einfach (Weihnachtsbackwerk) geht’s in Kendal nicht zu! Da gibt es immer irgendwas irritierendes, was irgendwo eingebaut wurde. Da ist der RB Plug keine Ausnahme. Und diese Iriitation führt uns schnurstracks doch wieder in die Welt der Parfümerie und der 68er Flower Power Aromen: hier sind Patchouli-Noten unterlegt, die schwül, holzig süß und erdig unserem Panpepato zu einem einzigartigen Höhenflug an Raffinesse verhelfen! Raffinesse deshalb, weil diese holzigen und erdigen Noten wiederum fantastisch mit den Virginias korrespondieren. Die Grenze zwischen den Patchouli-Noten und dem Virginia-Tabak ist hier vollkommen fließend und dazu die orientalische Gewürzwelt – unwiderstehlich! Aber für mich nur alle zwei bis drei Monate mal. Nicht umsonst ist der Samuel Gawith RB Plug einer der ganz großen Klassiker unter den englischen Hocharomaten! Bodenständig seriös und ausgelassener Hippie zugleich! Probiert’s aus!

Beste Grüsse

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Restauration einer Deckelpfeife | Passatore

Meine Leidenschaft für Deckelpfeifen ist vermutlich in diesem Kreise niemanden verborgen geblieben. Ständig darauf bedacht, meine kleine Sammlung an Kuriositäten zu erweitern, streife ich ständig durchs Internet und begebe mich auf die Jagd nach diesen, auch Jägerpfeifen genannten …. AH! Jetzt weiss ich endlich, warum die so heissen! *Dem Autor geht ein Licht auf*

Dieses eine Mal war ich jedoch nicht auf der Suche nach der perfekten, seltenen und limitierten Pfeife, welche im allerbesten Zustande dargeboten wurde, sondern mein Begehr war es, ein ganz besonders häßliches Entlein zu ergattern. Eine schwarz lackierte Passatore Full-Bent mit rostigem Deckel fiel mir dabei ins Auge. Die unscharfen Fotos der Pfeife, die der Verkäufer bei Ebay eingestellt hatte, liessen mich hoffen. Kein normaler Mensch mit einem Smartphone ist noch in der Lage unscharfe, verwackelte Fotos zu schiessen, es sei denn, er will dies bewusst tun und auch dann ist das nicht einmal so einfach.
Ich rechnete also mit dem Schlimmsten, also eigentlich mit dem Besten, mit einem perfekten Stück Holz und Blech, um meine Restaurationskünste unter Beweis zu stellen. Denn genau das wollte ich tun, ich wollte ein häßliches Entlein zu einem stolzen, schönen Schwan erstrahlen lassen, oder wenigstens zu einer Schneegans oder zur Not auch zu einer Stockente.

Zwei besondere Herausforderungen reizten mich an der Aufarbeitung dieser Pfeife: einmal die Frage, wie kann ich den scheußlichen (persönliches Empfinden des Autors) schwarzen Lack vom Pfeifenkopf entfernen und zum zweiten, wird es mir gelingen den Deckel sowohl vom Rost zu befreien, also auch künftig vor diesem zu schützen.

Der Lack auf der Pfeife

Recherchiert man das Thema Lackentfernung von Pfeifen, findet man auch in internationalen Foren und Blogs wenig. Anscheinend ist das für die Pfeifenwelt nicht so ein großes Thema. Wohl aber für Gitarristen und Gitarrenbauer. Ich stöberte also durch unzählige Gitarrenforen und versuchte alles über dieses Thema zu verschlingen. Lackentfernung mittels Chemie fällt für mich schon einmal kategorisch aus. Erstens stecke ich mir eine Pfeife in den Mund, anders als das die breite Masse von Gitarristen mit ihrem Instrument vermutlich zu tun pflegt. Wobei ich nicht ausschliessen möchte, dass nicht der ein oder andere Musikschüler nach dem hundertsten Versuch eines ganz besonders verzwickten Riffs, verzweifelt seiner Gitarre in den Hals beisst und zum Zweiten bin ich ein schon fast unsympathischer, fanatischer Umweltaktivist und Ökofaschist. Also keine Lackbeize, auch „Paint Stripper“ genannt. Eine andere, weit verbreitete Methode der Saiteninstrument-Restaurateure ist, neben dem schnöden Abschleifen des Holzes, das Lösen des Lackes mittels Heißluftfön. Die warme Luft soll dadurch die Lösungsmittel des Lackes auflösen und man könne ihn dann mit einem Spachtel abschaben, so die Erfahrungen.

In Pfeifenforen, Facebookgruppen etc. kann man oftmals Berichte über lackierte Pfeifen lesen, bei denen der Lack durch zu heisses Rauchen unschöne Blasen schlägt. Das ließ mich Aufhorchen und weckte in mir die Hoffnung, dass ich meine häßliche Passatore vielleicht doch nicht werde abschleifen müssen. Wobei es mir absurd vorzukommt, dass ein Hersteller bei einem zum Verbrennen von Tabak vorgesehenen Holzstück, einen nicht hitzebeständigen Lack verwenden sollte. Aber diese schlechten Erfahrungen mit blasenschlagenden Lackpfeifen sind beileibe keine Seltenheit. Ich finde solche Berichte sowohl über Vauen als auch Peterson Pfeifen und auch von allerlei No-Names, zu denen vermutlich auch meine Passatore zählt, wenn sie nur endlich geliefert würde.

Der rostige Deckel

Rost zu lösen ist jetzt kein so großes Geheimnis. Es gibt unzählige Methoden, dies zu tun und ich habe es auch unzählige Male schon getan. Werkzeuge, Messer, Teekessel und so weiter. Das für mich einfachste Mittel war immer die Essigsäure. Sie löst den Rost an und danach kann man ihn einfach abschleifen. Bei besonders dicken Rostschichen ist die Opfermetall/Strom Methode sehr erfolgreich. So wird in einem Wasser/Natronbad ein Opferblech und das zu reinigende Stück unter Strom gesetzt und die Rostpartikel wandern wie von Zauberhand von einem Stück zum anderen. Das wäre aber für ein bisserl Flugrost mit Tauben auf Trompeten geschossen, oder waren es Kanonen auf Athen? Nein mit Spatzen auf Eulen … sie wissen was ich meine – ich habe jetzt keine Lust ein blödes Sprichwort zu googeln, ich muss mich auf den Pfeifendeckel konzentrieren. Was würde diesen denn daran hindern, wieder zu rosten anzufangen, wenn ich ihn denn erst von ihm befreit haben werde? Vermutlich bestand er aus einfachem Blech, dass verchromt oder vernickelt wurde. Diese Schicht war vermutlich durch Hitze oder unsachgemäße Behandlung abgesprungen und dann war der Rost gekommen. Das passiert natürlich nicht, wenn man wie Peterson oder Dunhill Silberdeckel verwendet oder sie wenigstens versilbert. Auch Edelstahl wäre eine akzeptable, wenn auch eine nicht so elegante Lösung. Nicht aber so bei meiner künftigen Passatore-Pfeife. Habe ich schon erwähnt, dass sie zu diesem Zeitpunkt meiner Überlegungen immer noch nicht angekommen war?

Würde ich den Pfeifendeckel versilbern können? Das schien mir die allerbeste aller Lösungen zu sein, als ich mich jedoch mit dem Galvanisieren von Metallen zu beschäftigen begann, wurde mir ganz schwummerig. Man kann keinesfalls einfach einen Blechdeckel in eine Brühe halten, Strom darauf geben und den Anblick einer wundersamen Versilberung geniessen. Bei dieser Methode ist eine strenge Reihenfolge von Galvanisierschritten einzuhalten. So haftet Silber nicht auf jedem Metall, man muss es zuerst vernickeln, dann verzinken, verkupfern, dann vergolden und nach einer dünnen Platinschicht kann man mit dem eigentlichen Versilbern beginnen. Nein, so ist es natürlich nicht, aber ich erspare uns hier einen Haufen langweiliger Details, über die ich ohnehin nichts genaues weiss.

Lassen sie uns zusammenfassen: Es ist kompliziert!
Was aber recht einfach zu sein schien, war das vernickeln. Das kann man anscheinend mit einem einfachen Versuchsaufbau und mit Bordmittel realisieren und Nickel ist auch ein sehr guter Rostschutz. Nickel würde meiner „Proleten-Passatore“ ohnehin viel besser stehen, als irgendein Edelmetall für die ganz feinen Leute.

Sie ist endlich da!

In einer verbeulten Kartonage erreichte mich die Pfeife endlich. Der Hermes-Bote in einen Ganzkörpersseuchenchutzanzug gekleidet, warf sie mir von weitem über den Zaun und verzichtete auf eine schriftliche Empfangsbestätigung. Ich rief ihm zu, dass sei schon in Ordnung in dem Paket wäre ohnehin keine wertvolle Hinge-Lid-Peterson, sondern nur eine alte Passatore. Der Bote schüttelte verwirrt den Kopf und flog mit seinen Flügelschuhen stieg in seinen Kleinlaster und fuhr zum nächsten Kunden.

Als Blogger und YouTuber kann man natürlich nicht einfach ein Packerl aufreissen. Nein, wo käme man da hin, man macht natürlich ein „Box-Opening“ oder „Unboxing-Video“.

Ich laufe mit dem Packerl unter dem Arm zum Atelier. Cutter, Kameras, Stativ … Ungeduldig wische ich mit einem Lappen über mein altes Bankerl, welches auf der kleinen Terrasse vor meinem Atelier steht, richte zwei Filmkameras auf mich und setze mich in die Sonne. Ton? läuft! Kamera? läuft! Action!
Mit geschmeidigen Bewegungen, mit gekonnter, eleganter Finesse eines Schönheitschirurgen aus einer amerikanischen Arzt-Serie, schneide ich mit einem golden Skalpell durch die Karton-Ummantelung meiner neuen Pfeife. Totale, Gegenschnitt, Nahe auf das Packerl, Kranfahrt entlang des Verpackungsmaterials ….

Schmarrn! Ich schneide einfach das blöde Paket auf und … bin … etwas enttäuscht.

Die Pfeife ist ja gar nicht so hässlich, wie ich gehofft hatte. Das Mundstück hat nur wenig Bissspuren, der Lack ist unbeschädigt. Gut, mir fällt die Metallapplikation gleich entgegen, als ich das Mundstück entferne. Der Zapfen ist sehr dünnwandig und die Schutzbeschichtung des Pfeifendeckels ist wie erhofft abgeplatzt und verrostet. Die Pfeife ist häßlich genug, mit ihr werde ich eine Geschichte erzählen können und darum ging ist mir ja schliesslich.

Lack ab?

An lackierten Pfeifen scheiden sich die Geister, stelle ich immer wieder fest. Manche mögen die etwas sterile, aber perfekt glatte und gleichmäßige Schicht. Sie ist pflegeleicht und abwaschbar. Zur Pfeifenpflege braucht man keinen Polierbock und Bienen- und Carnaubawachs, ein Lappen und eine Flasche „Meister Proper“ reichen aus (oder natürlich auch „Der General“, „Biff“, eine „WC-Ente“, oder Froschreiniger … keine Werbung). Andere glauben in der Lackschicht den Untergang des Abendlandes oder auch der Morgenlandes oder von mir aus auch Mittelerdes zu erkennen.

Sie verdeckt die Schönheit des Holzes, übertüncht die Maserung und jetzt kommt es ganz dick: hindert die Pfeife am Atmen!

Ja, jetzt wird es heikel, religiös und esoterisch. Ganz glattes Eis! Einige behaupten nämlich, dass die Poren des Holzes durch die Laxckschicht-Versiegelung keine Feuchtigkeit nach aussen abgeben kann und deshalb die Pfeife und der Rauch feuchter würden. Dass der Lack die Poren versiegelt, ist vermutlich unstrittig, aber wird denn das Kondenswasser – denn um nichts anderes handelt es sich bei dieser Feuchtigkeit – überhaupt durch das Holz nach aussen transportiert? Dass die meiste Hitze und damit auch die Feuchtigkeit durch den Kamin verdampft, ist vermutlich auch unstrittig und dass auch einiges der Feuchtigkeit auf den Raucher übergeht, hat sicher auch schon der eine oder andere von uns erlebt (würde es natürlich niemals zugeben).

Aber was ist mit der Aussenseite des Holzes? Wird die feucht?
Ich persönlich konnte das noch nie feststellen. Auch gibt es Bilder von der Länge nach aufgesägten Pfeifen – barbarische Ingenieursseelen waren das bestimmt – bei denen man erkennen kann, dass nur der allererste Millimeter im Holz hinter der Rauchkammer dunkel gefärbt ist. Müsste nicht auch der ganze Holzkopf dunkel werden, wenn die Feuchtigkeitkeit ihn ganz durchdringt? Und tut er das nicht auch? Pfeifen dunkeln nach, unzweifelhaft, aber tun sie das von innen? oder nur durch die „Drecksgriffeln“ des Rauchers von außen.
Und würde denn das „Wasser“, das sich durch die feinen Poren des Wurzelholzes kämpft, in der Mitte überhaupt noch schwarz sein? Könnte nicht dieser besagte erste Millimeter auch als eine Art Partikelfilter fungieren? Fragen über Fragen, die ich nicht beantworten kann. Sie, lieber Leser? ich würde mich über Kommentare dazu freuen.

Was ich aber ohne mit der Wimper zu zucken beantworten kann, ist die Frage, ob der Lack ab muss. Ja, er muss, ich mag ihn nicht. Aus basta.
Die Frage, die mich wirklich beschäftigt ist, ob der Heißluftfön den Lack wird lösen können, oder ist der – wie es ja eigentlich anzunehmen sein sollte – hitzebeständig?

Soll ich euch jetzt alles verraten? Oder soll ich euch auf mein Youtube-Video verweisen, ohne zu „Spoilern“?
Ich werde euch jetzt das Video verlinken und wer es sich nicht angucken mag, der soll jetzt weiterlesen …

ACHTUNG SPOILER!

Sie wollen also mein Video nicht sehen? Sie wollen lieber weiterlesen? Na toll, warum mache ich mir denn die ganze Mühe?
Na gut, ich werde Ihnen vielleicht zugute halten, dass sie möglicherweise sehbehindert sind und sich diesen Text von einer Roboterstimme vorlesen lassen.
Oder sie halten vielleicht auch die unendliche Spannung nicht aus, die ich durch meine herausragenden cinematographischen und erzählerischen Fähigkeiten aufzubauen im Stande bin. Sie würden das Filmchen nur durch die Schlitze ihrer Finger vor den Augen betrachten können, weil sie die Dramatik meiner „hitchcockesten“ Filmkunst nicht ertragen.
Na gut, dann werde ich sie nicht länger auf die Folter spannen und sie von der Last der Spannung befreien und die Ergebnisse meiner Experimente verraten.

Das mit dem Fön und dem Lack war ernüchternd. Ich weiss nicht, wie heiß manche Raucher ihre Pfeifen werden lassen, mit meinem Heißluftfön schlug der Lack kein einziges Bläschen. Und ich habe ihn ja sogar von aussen angewendet. Wie heiss muss dann erst ein Holz innen werden, dass der Lack aussen zu schmelzen beginnt? Oder aber der Lack meiner Passatore ist ganz besonders hochwertig und hitzebeständig. Ich will das einfach jetzt einmal annehmen, ich habe ohnehin viel zu sehr auf dem armen Pfeiferl herumgehackt. Also, herunterfönen ging nicht, ich musste mühsam schleifen.

Jetzt zum Deckel-Spoiler – Sind sie sicher, dass sie nicht doch lieber den Film schauen wollen?
Na gut, dann los:  Der Essig hat – vor allem als ich ihn mit dem Fön etwas erhitzt hatte (so war er wenigstens nicht völlig für die Katz) den Rost sehr schön gelöst. Mit etwas Sandpapier konnte ich ihn dann mühelos abreiben. Nicht zu lösen war allerdings das Problem mit der abgeplatzten Chromschicht. Dieses Phänomen hatte sich durch die Säure eher verschlechtert. Ich musste also den Deckel komplett abschleifen.

Und dann kam die wahre Herausforderung, das Vernickeln. Ich hatte viel im Internet recherchiert und mir auch ein Nickelblech besorgt. Flink in zwei Streifen geschnitten, Löcher gebohrt und mit Kupferdrähten aus einem Lampenkabel an einem alten Ladegerät befestigt (Ich hoffe, das Ladegerät gehörte wirklich zu einem alten Handy und fehlt jetzt nicht an irgendeiner hochwichtigen Backup-Festplatte)
In ein Marmeladenglas Essig und einen Esslöffel Salz gekippt (als hätte ich das allen Ernstes abgemessen), die Nickelanoden reingehängt und Strom drauf.
Sofort fing eine der Anoden an, Blasen zu bilden. Ein munteres Treiben und Blubbern in meinem Marmeladenglas. Nach ein paar Stunden des gebannt Beobachtens wurde es mir langweilig und ich rauchte lieber eine Pfeife (ohne Deckel) draussen in der Sonne. Irgendwann kehrte ich in mein nach Essig stinkendes Atelier zurück (natürlich ohne Pfeife, ich wollte ja keine Knallglasexplosion verursachen) und der Essig wies eine schöne grüne Farbe auf, die mich spontan zu einem irischen Folk-Soundtrack für meinen Film inspirierte.

Eine der Anoden oder Kathoden – ich habe doch keine Ahnung – tauschte ich nun durch ein Pfeifendeckelteil aus und erneut blubberte und sprudelte die grüne Brühe, dass es eine wahre Freude war. An dieser Stelle erlaube ich mir, auf die erhabenen cinematischen Makroaufnahmen meines Filmes zu verweisen, hüstel …

Tatsächlich hatte sich an den Pfeifendeckeln ein neues Metall angelegt (es wird wohl Nickel sein, sollte mich der Verkäufer des Bleches nicht betrogen haben). Es hatte einen leicht matten Glanz und nach etwas behutsamer Polierarbeit nahm es ein ganz manierliches, leicht glänzendes Aussehen an.
Als die Pfeife gebeizt, poliert und auch wieder zusammengesetzt war, fand ich sie richtig hübsch. Nicht makellos, das verhinderte schon meine ungestüm rustikale Herangehensweise, aber doch hübsch, charaktervoll und sauber, vielleicht wie eine Sennerin in einem ausgebesserten Drindlgewand beim Almabtrieb, weder jungfräulich noch klassisch schön, aber sonnengebräunt und vergnügt. Kein glattes Top-Model, sondern eine leicht herbe Naturschönheit. Jetzt gehen mit mir schon wieder die Pferde und die Fantasie durch…

Ich sollte wirklich langsam zum Ende kommen.
Nur gut, dass niemand einen so langen Text liest, ich also hier ganz einsam und allein vor mich hin tippen kann und keiner merkt, was ich für einen Unsinn verzapfe …

Macht es gut, und bleibt gesund!