Pfeifen Diehl | The Dickens

Es gibt gute und schlechte Tabake. Und es gibt prätentiöse und unprätentiöse Tabake. Schlechte prätentiöse Tabake sind selten und dafür selten ärgerlich: sie scheitern meist an ihrem Anspruch und ihrem Preis, weil sie etwas sein wollen, was sie nicht einlösen können. Gute prätentiöse Tabake dagegen gehören zum Interessantesten der Tabakwelt, ihre Anzahl ist vergleichsweise überschaubar und für sie bezahlen wir schon mal mehr als für den Rest, manche von ihnen betrachten wir als Klassiker – und was besonderes. Schlechte unprätentiöse Tabake gibt es wie Sand am Meer, von Tankstellen wie von Fachgeschäften und werden von Rauchern geraucht, die sich gar keinen Kopf machen wollen über die Frage, wie verschieden Tabake sein können und warum. Sie sind zufrieden damit und haben sich über die Jahrzehnte so daran gewöhnt, dass sie jeder Blick nach links oder rechts nur unnötig irritieren würde. Und dann gibt es noch die guten unprätentiösen Tabake, die nicht selten das Gros unseres Tabakkonsums ausmachen, seien es schlicht gut gemachte Aromaten mit einer guten Tabakbasis oder seriöse Virginia- oder Latakiamischungen, denen nur die besonderen Alleinstellungsmerkmale fehlen, die wir an den guten prätentiösen Tabaken so lieben. Die bezeichnen wir als Alldayssmoke und wir finden sie in erster Linie bei den Fachhändlern, nicht selten auch als deren Eigenmarken.

Diehl The DickensUm einen solchen Tabak geht es hier, nämlich um Diehls „The Dickens“, eine Virginia- basierte Latakiamischung von Pfeifen Diehl aus München, die von Kohlhase & Kopp für Diehl hergestellt wird. Ob dieser Tabak exklusiv für Diehl gemacht wird oder unter anderen Namen bei anderen Fachhändlern angeboten wird, entzieht sich meiner Kenntnis. „What the dickens“ heisst soviel wie „was zur Hölle/was zum Teufel“ und ich kann nur vermuten, dass man sich hier vom Rauch hat leiten lassen, denn an und für sich ist „The Dickens“ eine recht milde und runde englische Mixture klassischen Zuschnitts, die sich absolut weich präsentiert allerdings ohne große natürliche Grundsüsse! Das ist in diesem Fall kein Nachteil, denn der Tabak ist vollkommen harmonisch balanciert, es gibt keine extremen Geschmackskompononenten, die eine hohe Süsse zur Balance benötigen würden.

Diehl The DickensBetrachten wir uns das Tabakbild, dann sehen wir eine recht kontrastreiche Ribbon Cut Mixture eher hellerer Prägung, bei der verschiedene Virginia-Grades dominieren und zwar deutlich mehr hellere und mittelbraune Virginias als rötlich dunkelbraune, sehr vereinzelt auch grünliche Blattsprenkel und dann einen nicht ganz unbeträchtlichen Anteil an schwarzem Latakia. Also eine ganz klassische hellere englische Mischung! Und genau so schmeckt der „The Dickens“ auch.

Diehl The DickensDer Tabak lässt sich vollkommen problemlos stopfen und entzünden, er glimmt ruhig und langsam vor sich hin, fordert keinerlei Aufmerksamkeit beim Rauchen und ist somit auch für Anfänger bestens geeignet. Vor allem auch, weil der „The Dickens“ hinsichtlich seines Körpers ein eher leichter Tabak ist, obwohl er doch eine ganz beträchtliche Geschmacksfülle entwickelt. Gerade das macht ihn in meinen Augen auch zu einem wundervollen Alldaystabak, denn er wirkt weder langweilig noch wird er auf Dauer sättigend, was der überschaubaren Süsse geschuldet ist: Man kann, so man möchte, problemlos und mit großem Genuss mehrere Pfeifen hintereinander rauchen! Es ist gerade dieses unprätentiöse Understatement, was den „The Dickens“ so attraktiv macht!

Diehl The DickensGeschmacklich brennt der „The Dickens“ kein Feuerwerk ab. Es sind die eher „frischen“ Virginias, die im Zusammenspiel mit dem Latakia die Füllung dominieren und dem Latakia einen hellen Teppich ausbreiten, auf dem sich dieser sehr schön präsentieren und kontrastreich entfalten kann. Der Latakia wird geradezu „ausgestellt“ und seine Rauchigkeit verbindet sich dann perfekt mit den frischen, vielleicht auch ganz leicht heuigen Virginianoten! Diese Dualität von Virginias und Latakia bestimmt die komplette Füllung konsistent und gleichmäßig bis zum Ende hin: da wird nichts stärker oder schwächer, dunkler oder rauchiger – der „The Dickens“ schmeckt im Prinzip beim letzten Zug nicht anders als beim ersten. Normalerweise mag ich solche Tabake, bei denen nicht viel passiert, eher weniger, aber beim „The Dickens“ ist das anders und zwar in erster Linie, weil der Tabak so schlank und „trocken“ (nicht im Sinn von Feuchtigkeit, die ist perfekt, sondern im Sinn von trockenem Weisswein) daherkommt! Da ist nichts, was ermüdet oder langweilt oder mehr will als es ist: der „The Dickens“ schmeckt einfach nur kontinuierlich gut. Und das ist ziemlich viel!




HU Tobacco | Gran Reserva Limitada 2 Años ROCINANTE

Neues von HU Tobacco: „… kam er zuletzt darauf, ihn Rosinante zu heißen, ein nach seiner Meinung hoher und volltönender Name, bezeichnend für das, was er gewesen, als er noch ein Reitgaul nur war, bevor er zu der Bedeutung gekommen, die er jetzt besaß, nämlich allen Rossen der Welt als das Erste voranzugehen.“

Mit der Namenssuche ist es immer so eine Sache: werdende Eltern können ein Lied davon singen, wenn sie nicht aus Familien stammen, wo der erstgeborene Knabe seit -zig Generationen immer Scipione und das Töchterchen Olympia zu heißen haben, und sich somit ein gewisser Gestaltungsspielraum ergibt, der möglichst vorteilhaft ausgefüllt werden will. Da geht es Hans Wiedemann von HU Tobacco mit seinen neuen Tabaken nicht anders wie dem Ritter von der traurigen Gestalt mit seinem Hengst. Das soll nun aber auch die einzige Parallele sein, die wir zwischen Don Quichotte und dem Hans ziehen wollen, denn schließlich sind die Einfälle, die uns Hans Wiedemann zu teil werden läßt, höchst real in Form meist großartigen Tabaks und nicht die faszinierende Blüte träumerischer Einbildungskraft!

HU Tobacco Gran Reserva LimitadaFür die Namen seiner drei neuen Tabake, die man durchaus als eine in sich geschlossene Reihe sehen kann, hat Hans dieses Mal ganz große Weltliteratur bemüht, nämlich Miguel de Cervantes und dessen satirischen Ritterroman Don Quichotte, vor etwas mehr als 400 Jahren geschrieben und veröffentlicht. Das ist, wenn man einen Sinn dahinter vermutet, eine ziemliche Ansage! Nun haben diese drei Tabake etwas gemeinsam, was sie vom restlichen Sortiment von HU Tobacco unterscheidet, nämlich die Tatsache, dass die fertigen Mischungen etwas mehr als zwei Jahre klimatisch kontrolliert gelagert und gereift wurden, dabei immer wieder neu gewendet werden mussten, bevor sie im Frühjahr 2020 in 50g Dosen konfektioniert worden sind. Das klingt nicht nur aufwändig, das ist es auch und es erklärt, warum die drei Tabake erstens einen höheren Preis haben (müssen) und zweitens, bedingt durch den Produktionsprozess, warum es sich um limitierte Tabake handelt. Die Gestaltung der Dosenetiketten von Alexander Broy trägt diesem Gestaltungsprozess Rechnung und Alexander hat es hier dokumentiert.

HU Tobacco RocinanteDie Frage, die sich jetzt natürlich stellt, lautet: hat sich der Aufwand gelohnt und ist der damit verbundene höhere Preis gerechtfertigt? Dazu schauen wir uns als ersten Tabak mal den Rocinante an, denn es ist der einzige der drei Tabake, den ich auch „frisch“ geraucht habe, während ich die beiden anderen bislang nur „als Fassprobe“ in einem Zwischenstadium nach etwa einem Jahr kannte.

Rocinante ist ein Virginia Blend mit verschiedenen Virginia Grades und Burley, dazu in minimalen Anteilen etwas Kentucky und Perique. Das Tabakbild ist ein normaler Ribbon Cut mit ein paar Ready Rubbed Streifen, mittelbraun mit hellerem Blattgut vermischt. Eher normal als spektakulär und durchaus attraktiv. Der Geruch, welcher der Dose entströmt, ist genau so, wie wir ihn erwarten würden: Viel Malz, eher schwer und cremig süss, gepaart mit bitterschokoladigen Noten im Hintergrund. Da ist nichts zitrisch Frisches, auch nichts Heuiges und auch Kanten fehlen, aber was man wahrnimmt ist rund, voll und vor allem sehr harmonisch. Dieser optische und olfaktorische Eindruck macht richtig Lust auf den Tabak!

HU Tobacco RocinanteDie Feuchtigkeit ist perfekt, der Rocinante lässt sich vollkommen problemlos stopfen, ob in kleine oder große Pfeifen spielt gar keine Rolle, das Anzünden gestaltet sich kinderleicht und der Rocinante glimmt langsam und gleichmäßig bis zum Schluß. Ich glaube, ich mußte keine einzige der etlichen Füllungen, die ich bislang geraucht habe, jemals nachzünden. Das macht den Tabak auch für Einsteiger interessant, die mal in die Welt der volleren und komplexeren Virginia-Blends eintauchen möchten!

Entzündet man den Rocinante, dann erlebt man als erstes die Virginias mit einer vollen malzigen Süsse, einer eher dunklen Süsse, cremig und ergiebig und dazu ganz intensive Noten von Brot und Brotkruste mit ihren Röstaromen. Wie schon im Geruch fehlen auch hier die frischen Zitrusnoten und die heuigen Noten, die manche Virginias nicht selten auffahren, was daran liegt, dass beim Rocinante Dark Virginias und Red Virginias die breite Basis der Mischung bilden. Im Hintergrund haben wir den Burley mit seiner Bitterschokolade. Anfangs wirklich im Hintergrund, aber mit zunehmender Dauer tritt der Burley dann doch deutlicher nach vorne ohne sich aber je in die erste Reihe zu mogeln: er bleibt immer die ergänzende Komponente, wird nie zur bestimmenden. Der enthaltene Kentucky ist für mich als Akteur nicht wahrnehmbar, aber der Rocinante hat durchaus eine gewisse Erdigkeit, die ich allerdings auch eher den Virginias zuschreiben würde und vermutlich wird diese vom Kentucky unterstützt. Aber das ist sicher kein Grund für jemanden, der Kentucky nicht mag (das soll’s  ja geben), den Rocinante zu meiden! Und dann ist ja noch minimal Perique enthalten. Auch der ist fürchterlich leise, aber darin liegt ein bisschen Raffinesse, denn ihn kann man wahrnehmen – vor allem im Vergleich mit dem frischen Tabak, was der langen Reifung geschuldet sein dürfte, und dieses Mininum an Perique wirkt wie eine Vierteldrehung aus der Pfeffermühle über einem guten Pistazieneis: es öffnet durch eine kleine Irritation dem ansonsten zwar sehr komplexen Virginia/Burley Blend eine Tür aus der Geradlinigkeit hin zum Raffinierten!

HU Tobacco RocinanteDer aufwändige Reifeprozess, bei dem Kohlhase & Kopp wieder einmal gezeigt hat, wie hervorragend dort gearbeitet wird, hat also im Wesentlichen zwei Effekte: Erstens lässt er die Virginias noch deutlich dunkler, voller und komplexer erscheinen und zweitens hat der Perique erwartungsgemäß ein ziemliches Durchsetzungsvermögen, was auch bei Minimaldosierung zum Tragen kommt. Verstehen wir uns nicht falsch: der Rocinante ist stilistisch nie ein Perique Blend, aber der Perique wirkt nach – ganz ganz leise und raffiniert! Und zum Schluss dann doch nochmal was zum Namen: Cervantes‘ Rocinante ist bekanntlich ein dürrer Klepper, der nur in Don Quichottes Fantasie zum heldenhaften Schlachtross mutiert, Hans Wiedemanns Rocinante ist real kräftig genug, um weit davon entfernt zu sein, ihn für einen dürren Klepper zu halten. Vielleicht wäre die imaginäre Angebete Don Quichottes, Dulcinea, vor allem wenn man sie sich mit einem frühbarocken Schönheitsideal leicht füllig vorstellen mag, der passendere Name gewesen? Andererseits wirkt der Tabak für mich nicht feminin, also vielleicht passt’s doch?

P.S.: Normalerweise sind alle Tabake, über die ich schreibe, käuflich erworben. In diesem Fall hat mir Hans Wiedemann eine Dose zu Testzwecken geschickt, was mein Urteilsvermögen allerdings nicht im Geringsten beeinflusst hat.




Samuel Gawith | Cabbie’s Mixture

Ich hätte gerne ein bisschen Virginia-Perique-Pfeifentabak und ein großes Glas Wasser! Neeiiin! Doch nicht zusammen! Wie? Einfacher zu verpacken? Also getrennt wäre es mir lieber gewesen! Das etwa wäre als Kurzversion ein denkbarer Einstieg in ein Review der Cabbie’s Mixture von Samuel Gawith. Aber es gibt noch einen anderen Einstieg, einen, der etwas mit Verpackung zu tun hat und den möchte ich hier wählen.

Vor ein paar Tagen bin ich eher zufällig bei meinem Tabakhändler vorbei gekommen und beschloss spontan, obwohl ich überhaupt nichts gebraucht habe, irgendwas zu kaufen. Ich habe mehr als genug Pfeifen, genug Zigarren, genug Pfeifentabak und Pfeifenreiniger erst recht. Feuerzeuggas auch. Feuersteine schienen mir für einen Besuch unangemessen, also entschied ich mich doch für Tabak. Kann man ja immer brauchen. Und es sollte einer sein, den ich schon länger nicht mehr geraucht habe. Cabbie's MixtureVielleicht einer, der mir sonst eher zu teuer ist? Genau! Die Wahl fiel auf die Cabbie’s Mixture von Samuel Gawith. Irgendwie war ich irritiert. Irgendwas war an der anders im Vergleich zum fast soldatisch aufgestellten Restsortiment von Samuel Gawith. Das Blech. Es war die Farbe des Dosenblechs! Nicht mehr dieses seit zig Jahren gewohnte distinguiert hellgelbe Blech, nein, sattes orangegold, das ungefähr so edel wirkt, wie die „Goldringe“ an so besonderen Markenpfeifen wie „Dr.Bruyère“ oder so ähnlich. Dass die das nötig haben? Sieht irgendwie aus wie Nordindien! Feinster englischer Pfeifentabak im Mustafa-Centre-Style? Aber was soll’s, ich rauche ja nur den Tabak, die Dose werfe ich danach weg oder rühre Beize oder Klebstoff darin an. Ich will mich nicht beschweren!

Diese neue Dosenfarbe ist aber der erste Hinweis auf eine neue bzw. neuartige Verpackung bei Samuel Gawith, das heißt, um genau zu sein, bei Gawith und Hoggarth, die den Tabak ja seit der Fusionierung vor ein paar Jahren herstellen, und genau das kann man jetzt auch sehen, denn deren Logo prangt einem direkt entgegen, wenn man die Dose öffnet.

Cabbie's MixtureUnd um gleich irgendwelche falschen Hoffnungen im Keim zu ersticken: natürlich haben die Dosen nur eine neue Farbe, sie schließen, einmal geöffnet, genau so schlecht wie seit Menschengedenken. Dennoch scheint diesbezüglich nach all den Jahren unverwüstlicher englischer Tradition des Festhaltens am Nutzlosen ein klitzekleiner Funken von Problembewußtsein in Kendal aufgekeimt zu sein: dieses ganz zarte Pflänzchen zeigt sich uns in Gestalt eines dicken, ja eines wirklich dicken Kartons, der da fest in die Dose gepresst ist. So fest, dass man ihn ohne die zwei glücklicherweise eingestanzten Grifflöcher nur unter Zuhilfenahme von Werkzeug herausnehmen könnte. Cabbie's MixtureMit den Grifflöchern geht es aber ganz gut und nach dem Entnehmen von Tabak zeigt sich beim Wiederverschliessen sofort der Vorteil: dieser Karton sitzt so fest in der Dose, dass er nicht verrutscht, das heißt, man presst den Karton nach unten und drückt so das Papier mit dem Tabak darin einigermaßen dicht und hat dadurch den Eindruck, dass man dem Tabak beim Austrocknen nochmal eine kleine Barriere in den Weg legen kann! Und damit das auch ganz sicher funktioniert, ist die Cabbie’s Mixture von Anfang an so patschnass, dass sich die Frage des Austrocknens höchstens für Raucher stellt, die mit ein bis zwei Füllungen pro Jahr auskommen! Anders gesagt: der einzige, der mit dem Problem des Austrocknens eines patschnassen Tabaks in einer nicht schliessenden Dose mit „Schutzfunktionskarton“ konfrontiert wäre, das wäre ein Nichtraucher, womit das Problem als solches wiederum überzeugend gelöst wäre!?!

Damit sind wir endlich beim Tabak angekommen. Nachdem wir also den dicken Karton entnehmen konnten und das Papier aufgefaltet haben, werden wir belohnt! Die Cabbie’s Mixture bietet wahrscheinlich das schönste und aufregendste Tabakbild, das derzeit überhaupt auf dem Markt ist!

Cabbie's MixtureHier haben wir fein und sauber geschnittene Curlies mit allen Farbschattierungen, die man sich bei Virginia-Perique-Pfeifentabak nur denken kann, abwechselnd mit angerubbelten und angerissenen Curlies. Streng genommen ist die Cabbie’s Mixture also gar keine Mixture im klassischen Sinn sondern ein Curly Cut oder Ready Rubbed Roll Cake! Was die Sache aber natürlich nur noch interessanter macht, zumal sich zum optischen Eindruck ein olfaktorischer gesellt, der mindestens so spektaklär wirkt: da wechseln sich Trockenfrüchtearomen, wie Feigen, Datteln und Rosinen mit Malzsüsse und Brotkruste und natürliche Honigsüsse und Zitrusfrüchte, alles schön schokoladig unterlegt, ab! Ein Feuerwerk sondergleichen! Nur halt eines, das irgendwann einmal gründlich nass wurde, was gerade das Entzünden desselbigen beschwerlich gestaltet!

Bevor wir zum Entzünden kommen, müssen wir die Cabbie’s Mixture aber erstmal in die Pfeife füllen und das ist so ziemlich das einzige, was bei diesem Tabak vollkommen unkompliziert vonstatten geht: einfach ein paar kleine Päckchen zwischen die Finger nehmen, leicht kugelig formen und rein in den Pfeifenkopf, am Ende ein bisschen festdrücken – wie eigentlich immer. Cabbie's MixtureAber dann kommt das Anzünden. Einmal. Zweimal. Dreimal. Immer nur ganz leicht ziehen, um die langsam, nein, um die sehr langsam entstehende Glut nicht zu sehr nach innen zu ziehen. Immer kreisend. Bis eine gleichmäßige Glut an der Oberfläche entsteht. Das braucht bei mir meistens zwischen vier bis sieben Anläufe! Für Menschen mit Geduld eigentlich kein Problem. Die anderen seien gewarnt! Wenn die Cabbie’s Mixture aber mal brennt bzw. glimmt, dann glimmt sie ganz langsam und gleichmäßig – allerdings nur bis zum nächsten Anzünden nach ungefähr fünf bis zehn Minuten! Wenn man die Möglichkeit hat, sich ausschließlich dem Tabak zu widmen, also nicht nebenher zu lesen, mit irgendjemandem zu reden oder sonst was zu tun, was vom Tabak ablenkt, dann schafft man es schon, die Cabbie’s Mixture einigermaßen zivilisiert „durchzurauchen“, aber es ist ein Tabak, der Aufmerksamkeit einfordert und zwar auch für Samuel Gawith’sche Verhältnisse viel Aufmerksamkeit!

Jetzt fragt man sich natürlich unweigerlich, warum man sich das alles aufhalsen sollte und das noch dazu für einen vergleichsweise stattlichen Preis? Ganz einfach: weil die Cabbie’s Mixture, und zwar vollkommen egal, wie of man sie nachzünden muß, geschmacklich ein absolut herausragender Tabak ist, der einen für allen Aufwand, auch den finanziellen, in jeder Hinsicht mehr als entlohnt! Cabbie's MixtureNeben dem Escudo/den Navy Rolls (oder wie auch immer sie im moment heißen) ist die Cabbie’s Mixture in meinen Augen DER Maßstab für einen Virginia/Perique Tabak schlechthin. Ein Tabak, der alles hat, was man sich wünscht: wuchtige malzige Süße, fruchtige Süße, cremige Süße, frische Zirtusnoten, ganz ganz leichte heuige Noten, dann dazu das ganze Trockenfrüchteportpourri des Periques mit feinen schokoladigen Noten unterlegt, die sich manchmal dominanter, manchmal dezenter präsentieren! Die Cabbie’s Mixture ist ein absolut komplexer und harmonischer Tabak mit großer geschmacklicher Tiefe, der nie langweilig oder gleichmäßig wirkt, sondern immer mit neuen Nuancen aufwarten kann. Der Cabbie’s Mixture fehlt vielleicht ein bisschen die überbordende Vollmundigkeit des Escudos, aber dafür ist sie vielschichtiger, ihr fehlt vielleicht die wundervolle Erdigkeit und die Kraft der ALTEN Three Nuns, dafür ist sie süßer und cremiger, aber insgesamt ist das ein Tabak, der in der Champions League der Virginia/Perique Tabake immer mindestens ins Halbfinale kommt! Man merkt mit jedem Zug, was für herausragendes Blattgut hier verarbeitet wird und letztlich zeigt uns die Cabbie’s Mixture wieder eindrucksvoll, dass man, wenn es hauptsächlich um Virginia geht, an dem Haus in Kendal nicht vorbei kommt!

Cabbie's MixtureWill man sich das ganze Trara um Entzünden und Abbrand sparen, dann empfielt es sich, die Pfeife mit Cabbie’s Mixture rechtzeitig zu panen und den benötigten Tabak vorher eine Stunde in der Sonne oder zwei bis drei Stunden drinnen trocknen zu lassen! Dann hat man das Problem gelöst und wird mit einem gleichmäßig und sehr langsam abbrennenden Curly Cut belohnt! Diese extreme Langsamkeit im Abbrand und damit die Ergiebigkeit entschädigt auch ein bisschen für die letztlich kostspielige Feuchtigkeit, denn eine Pfeifenfüllung (meine Pfeifen sind meist Dunhill Group 3 Größe, also eher klein) dauert locker ihre zwei Stunden! Alles in allem würde ich die Cabbie’s Mixture wirklich jedem ans Herz legen wollen, solange er ein bisschen Erfahrung mit Presstabaken hat. Anfänger könnten daran verzweifeln! Und ich persönlich sehe die Cabbie’s Mixture als einen durchaus preiswerten Tabak trotz des gehobenen Preises, denn ihre Qualität ist mindestens so herausragend wie ihr Preis! Viel Vergnügen!

 

P.S.: Vor vier Jahren hat Bodo Falkenried hier schon einmal was zur Cabbie’s Mixture geschrieben, war ebenfalls sehr glücklich mit dem Tabak, hatte aber offenbar kein Problem mit der Feuchtigkeit.


 

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Léo Malet | Nestor Burma der Detektiv mit der Stierkopf-Pfeife

Den Anlaß für diesen Artikel, gab mir das Geburtstagsgeschenk eines lieben alten Freundes (er ist tatsächlich 5 Tage älter als ich), welches mich vor ein paar Tagen (etwas verspätet) erreichte.
Wir teilen unter anderem die Liebe zu etwas abseitiger, skurriler Literatur und im Speziellen die zum Genre der Detektivgeschichte.
Beide sind wir begeisterte Fans der Kriminal-Romane von Léo Malet.
Léo Malet, wie auch seine Romanfigur der Privatdetektiv Nestor Burma sind passionierte Pfeifenraucher und haben einen ganz speziellen Faible für eine spezielle Pfeife mit einem geschnitzten Stierkopf. Nestor Burma erwirbt in einem der Romane 1939 eine solche Pfeife für 60 Franc. Später sieht man auf Fotos seinen Schöpfer Malet auch immer wieder mit einer solchen Pfeife posieren.

Sie, lieber Leser, werden es schon erraten haben, genau so eine Pfeife erhielt ich von meinem Freund zum Geburtstag.
Sie, ein distiguierter Pfeifenraucher mit Stil und Geschmack, der Sie gerade eine zierliche Dunhill im Mundwinkel schweben haben, werden sich die ungebändigte Freude und die kindliche Begeisterung für dieses Geschenk leider nicht einmal im Anstz vorstellen können. Aber ich habe mich unglaublich gefreut. Eine richtige, echte Nestor-Burma-Pfeife – ein Wahnsinn!

DIE PFEIFE

Ein gebogenes Mundstück ein kurzer Holm und dann ein wuchtiger Stierschädel mit angeklebten Hörner aus echtem Horn und dazu auch noch kleine Glas-Kulleraugen wei bei einer Puppe: eine wahre Schönheit (im Auge des Betrachters natürlich) Auf dem Holm finde ich folgene eingestempelte Worte: „FOREIGN REAL BRIAR“
Leider kein Hinweis auf den Hersteller, ich finde leider nichts ausser Spuren, die auch wieder ins Nichts führen. Die Pfeife kam aus England zum Schenker, aber ob für die Engländer Frankreich „foreign“ ist? ich weiss es leider nicht.
Der Franzose Leo Malet hat seine Stierkopf-Pfeife sicher nicht aus England, ich vermute sehr stark, dass er sie aus Saint-Claude hat, dem Mekka der Pfeifenbauer dieser Zeit und so suche ich nach Spuren in dieser Gegend.

Meine Recherchen werden immer ausufernder und weitgreifender, ich lande immer mehr auf französischen Webseiten und die Tatsache, dass mich meine Eltern trotz der vielen gallischen und französischen Vorfahren, in der Schule statt Französisch, Latein lernen liessen, ist dabei wenig hilfreich, denn dadurch bin auf Gedeih und Verderb auf den Google-Übersetzer angewiesen. Ich weiss nicht welcher picklige und chronisch untervögelte Computer-Nerd, den programmiert hat, aber er übersetzt eine Artikelüberschrift über eine Pfeife mit Stier-Kopf von: „Une Pipe a Cornes“ in „A Horny Blowjob„. es ist zum verrückt werden. (Quelle: pipegazette.com)

ich finde folgende Angaben zu Pfeifen-Machern und vor allem Pfeifenschnitzern, die in Saint Claude Stierköpfe geschnitzt haben:

Paulo Lanier: Link: tobaccopipeartistory.blogspot.com
Jean Masson: Link: fumeursdepipe.net
Roger Vincent: Link: contenu.adhocpipe.com

Obwohl zum Teil schon tot, oder sehr alte Herren in Rente, sind alle drei sind etwas zu jung, um 1939 Malets Pfeife hergestellt zu haben.
Vielleicht der Vater von Roger, Léon Vincent?
Die Fabrik der beiden hieß wohl Gardhill – J. Vincent Fils: pipephil.eu
Bei Ebay-England finde ich eine ähnliche Pfeife: „Darvill Pipe, Real Briar Foreign Made“
Könnte es sein, dass sich „Gardhill“ in England „Darvill“ nennt? Das ist für mich noch die beste Spur, aber leider verfüge ich nicht über die exzellenten detektivischen Fähigkeiten meines Idols Nestor Burma.

Und deshalb höre ich jetzt auf über die Herkunft dieser Pfeife zu spekulieren und erzähle Ihnen lieber etwas über Literatur.

DER AUTOR: LEO MALET

Leo Malet wurde 1909 in Montpellier geboren und wurde schon in seinem ersten Lebensjahr Vollwaise. Beide Eltern starben an der Schwindsucht. Seine Großeltern zogen den kleinen Leo auf. Er schloss eine Banklehre ab und ging dann 1925 nach Paris, wo er sich mehr schlecht als recht durchschlug. Er war Clochard, Gelegenheitsarbeiter, Chansonnier, Filmstatist und tauchte immer mehr in die Halbwelt der Großstadt ab. Angelblich schrieb er für einen Gangsterboss Erpresserbriefe, weil dieser selbst des Schreibens nicht mächtig war. Er schloss sich den Anarchisten und Vegetaliern an und fing an, immer mehr für verschiedene anarchistische und surrealistische Zeitschriften zu schreiben und beteiligte sich an anarchistischen Aktionen. 1940 wurde er wegen „Gefährdung der inneren und äußeren Staatsicherheit“ verhaftet und geriet dann, mehr aus Versehen, in deutsche Gefangenschaft. Ein Jahr später konnte er nach Paris zurückkehren und begann seine schriftstellerische Karriere. Malet war wie viele Autoren von den „Hard-Boiled“ Kriminalromanen der Amerikaner begeistert. Wegen der deutschen Besatzung konnte man damals in Frankreich keine Raymond Chandlers oder Dashiell Hammetts bekommen und so schrieb er, wie auch George Simenon, selbst solche Romane. Während Simenon allerdings in seinen ersten Schaffensjahren hunderte von Groschenromanen verfasste, waren die Bücher Malets von einer sehr viel größeren Tiefe, er arbeitete auch länger an seinen Werken und schrieb auch nicht so viele. Auch wenn Malet literarisch mit dem späten Simenon nie mithalten konnte, sind Malets Geschichten, dunkler, ironischer, härter und näher am Leben im Großstadt-Dschungel. Er war der wahre König des Krimi-Noir.

DER DETEKTIV: NESTOR BURMA

Nestor Burma ist Privatdetektiv, ein einsamer Wolf, der nur nach seinen eigenen Regeln und Gewissen denkt und handelt. Es gibt unzählige Parallelen zu seinem Schöpfer Leo Malet. Auch er hat eine dunkle Vergangeheit in der anarchistischen Bewegung, auch er ist ein Underdog, ständig in Geldnot und in viele zwielichtige Geschichten verwickelt. Seine Fälle zeigen immer die Abgründe der Gesellschaft, die miesen Typen, professionelle Verbrecher, aber auch die Abgründe, die in der High-Society zu finden sind. Burma ist immer politisch, er ist im Herzen noch der Anarchist, der ethische Rebell und Verteidiger der Unterpriviligierten.

Die Opfer und auch seine Auftraggeber sind Penner, Zigeuner, Kollaborateure, Widerstandskämpfer, Reiche, Politiker, Zuhälter, Nutten, Antisemiten und Gauner, nie scheint etwas im „normalen“ Rahmen zu sein. Auch darin unterscheidet sich Burma von Simemons Figur Jules Maigret, der bei seinen Fällen viel weniger in so tiefe Abgründe der Gesellschaft zu schauen hat. Überhaupt sind die beiden wunderbar gegeneinander zu lesen und ich vergleiche sie gern.

Vordergründig sind sie durch ihr „Pfeife-rauchender-Detektiv-sein“ ähnlich und doch sind sie grundverschieden. Burma der „Privat-Flic“ mit seinen Verbindungen zur Unterwelt, der ewige Junggeselle, der gerne flirtet und zotige Sprüche macht und der brave Kommissar Maigret, der Ehemann und aufrechte Polizist. (Interessanterweise ist Simenon im echten Leben viel weniger solide als sein Held oder auch sein Schriftstellerkollege Malet)

Bei seinen Fällen helfen Burma oft seine Freunde aus der Vergangenheit und seine profunde Kenntnis des Millieus, aber auch seine Sekretärin die „Schöne Hélène“, die seine große platonische Liebe zu sein scheint. Sie ist sein hilfreicher Geist. Sie ist Mutter, Muse und bester Freund in einer Person und das in jeder Lebenslage. Und während Maigret nach der Arbeit zu seiner lieben Ehefrau heimkehrt, die ihm die Pantoffeln bringt, pumt sich Burma bei seiner Sekretärin Geld und versumpft in irgendeinem billigen Etablissement.

Wie schon ein Running-Gag bekommt Nestor jedes Mal eine über den Schädel gebraten, gerät in eine Schiesserei oder Messerstecherei, aber niemals ist er selbst der Agressor. Hélène muss ihn dann verarzten und er zieht sich schmollend mit seiner geliebten Stierkopf-Pfeife zurück und denkt über die Lösung seines aktuellen Falles nach. Während seinen Kollegen Poirot und Holmes die Fälle mit Scharfsinn und Intellekt lösen, kommt Burma meist über seine Intuition und manchmal auch nur zufällig auf die Lösung. Wie auch Maigret ist er mehr ein Mann der Psychologie und Sensorik, kein kühler Intellektueller.

PARIS

Malet muss Paris sehr geliebt haben. Einige seiner Romane „Les nouveaux mystères de Paris“ sind nach den Arrondissements nummeriert. Jeder Fall spielt in einem anderen Viertel, aber niemals beschreibt Malet irgendwelche touristischen Sehenswürdikeiten, er zeigt dem Leser seine Stadt, die schmale Gassen und verwinkelten Höfe, die schäbigen Bistros und die verdreckten Strassen.

In der deutschen Auflage des Elster- bzw. Rohwolt Verlags ist jedesmal ein wunderbarer Nachgang von Peter Stephan am Ende zu finden. In den Achtziger Jahren wanderte Stephan die Strecken des Romans nach und fotografierte die Orte der Handlung circa 30-40 Jahre später. Allein deshalb muss man als Liebhaber der Stadt Paris diese Bücher lesen und lieben.

RÉSUMÉ

Ich fürchte dieser Artikel war jetzt ganz furchtbar trocken. Ist doch der Leser von mir nur elegisches Schwadronieren gewohnt und ich fürchte ich konnte mit meiner Literaturkritik gar nicht den Geist der Bücher treffen … Malet ist ein Prolet wie Mickey Spillane, kein Sir Conan Doyle, seine Sprache ist derb und sein Humor tief schwarz. Ganz anders als der bräsige Poirot oder der feine Herr Maigret ist Burma ist so witzig, so verspult, so selbstironisch.

Wie kann ich es nun wirklich anschaulich machen? Mmmm … lassen Sie mich nachdenken. Ich stopfe mir eine Pfeife, lehne mich in meinem Sessel zurück und grüble, während ich dem Tabak zusehe, wie er als Rauch den Pfeifenkopf verlässt. Mir brummt der Schädel, vielleicht waren das ein paar Glas Pastis zu viel? Ich sollte betrunken nicht bloggen, oder eben nicht zu viel bloggen und dafür mehr trinken, ich weiss es nicht. Da schleicht sich ein nicht ganz abwegiger Gedanke in mein trübes Bewusstsein …

Das ist doch hier ein Pfeifenblog, oder? Was wenn ich die Detektive anhand ihrer Rauchgewohnheiten vergleiche?

Rauch-Tabelle

Agatha Cristie | Hercule Poriot: ab und zu kleine russische Zigaretten
Mickey Spillane | Mike Hammer: filterlose amerikanische Zigaretten
Raymond Chandler | Philip Marlowe: Pfeife und Zigaretten
Sir Arthur Conan Doyle | Sherlock Holmes: Full-Bent Pfeifen
George Simenon | Kommissar Jules Maigret: Pfeife – Billard-Shapes
Leo Malet | Nestor Burma: Eine Pfeife die wie ein Stierkopf aussieht.

Damit sind alle Fragen geklärt, oder?

P.S. Zu diesem Thema gibt es auch ein aktuelles Video auf meinem YouTube Kanal

P.P.S. Für Sachdienliche Hinweise, Spuren und Indizien zum Hersteller der Pfeife, wäre ich sehr, sehr dankbar




Unterhaltung in Krisenzeiten – das Pfeifenblog-Radio

Die Mitglieder des Forums „Pfeifen und mehr“ werden sich noch an die zwei webbasierten Radiosender Brainradio und Brainradio Klassik erinnern. Zwar laufen diese immer noch als Wochenprogramm im 24-Stundenbetrieb mit Sendungen über Rock, Jazz und Klassik, werden aber seit geraumer Zeit nicht mehr aktualisiert. Denn mittlerweile gibt es mit dem Streamingdienst Spotify eine viel einfacher zu bestückende und abzuhörende Möglichkeit von „Sendungen“ aller Art.

Spotify wird in verschiedenen Versionen angeboten, angefangen von der kostenlosen bis hin zum Family Premium Abo. Das monatliche Premium Abo für bis zu fünf Familienmitglieder kostet gerade mal so viel wie eine CD, deren Vinyl Fassung gäbe es nicht einmal zu diesem Preis. Spotify läuft über Smartphone, Tablet und Desktops, also überall.

Nun machen wir hier keine Werbung für Spotify, sondern für die von uns für alle Pfeifenblog-Leser angebotenen Playlisten, die ursprünglich ausschließlich für die Münchner Runde erstellt wurden. Wir ergänzen diese Playlisten ständig und legen laufend weitere an, während der Corona-Zeit gibt es sogar eine, die als 60-Tage Kerkerliste täglich um einen besonderen Song erweitert und zwischenzeitlich mit der Folge 60 eingestellt wurde, aber nach wie vor angehört werden kann.


Standard Playlisten (einfach anklicken)

Jazz At the Bar

Soul und R&B

Oldies -Mix of 300 from 1960 to 1979

Pop

Rock

Klassik am Tageeinzelne Sätze, Einzelstücke u.ä.

Klassik am Abendganze Werke


Spezielle Playlisten (werden laufend ergänzt)

60 Tage Freitags-KerkerPlaylist wurde vom 17.3. bis 15.05.2020 bis zur Folge 60 täglich um einen Titel erweitert

Reference Recordings Spring 2003

Mark Selby Mix (1961-2017)

Bryan Ferry Mix

Cat Stevens Mix

Chris Rea Mix

Rolling Stones 1964-2005

Paul Rodgers Mix

Arlen Roth Mix

Nachmittag mit Debussy


TIPP !

Es gibt einen komfortablen Weg, bei dem Sie nicht den oben aufgeführten Links folgen müßen und auch stets die aktuellen Inhalte hören können. Wir haben den öffentlichen Spotify Account „Hamish Falkenried“ angelegt. Nehmen Sie die einzelnen Playlisten einmal in Ihre Bibliothek auf und sie stehen Ihnen stets in der aktuellen Fassung auf Knopfdruck zur Verfügung. Und das geht wie folgend:

1. Öffnen Sie Spotify

2. Eingabe in das Suchfeld ganz oben: Hamish Falkenried – Sie sehen den folgenden Bildschirm (Klick ins Bild zum vergrößern):

Spotify zeigt eine komprimierte Übersicht. Um alle Playlist angezeigt zu bekommen, klicken Sie den Button „Alle ansehen“ (rechter Rand).

3. Klicken Sie mit der rechten Maustaste in ein Playlist Bild und wählen Sie die Option „In Bibliothek speichern“

4. Dann finden Sie zukünftig diese Playlist(en) links in Ihrer Spotify Mediathek.

5. Zur besseren Unterscheidung zu Ihren eigenen Playlists empfehlen wir, in Spotify einen Playlistordner anzulegen, in dem Sie die Pfeifenblog-Playlisten speichern:

Sehen Sie ab und zu in Spotify unter „Hamish Falkenried“ (HF) nach, ob es neue Playlisten gibt. Um die, die Sie bereits in Ihrer Bibliothek aufgenommen haben, brauchen Sie sich nicht mehr zu kümmern. Außerdem konnen Sie zusätzlich dem Account „Hamish Falkenried“ automatisch folgen. Diese Option finden Sie durch einen Klick in das Profil von HF.

Und nun viel Vergnügen beim Erforschen unserer Playlisten. Sollten Sie Fragen zur Verwendung der Playlisten haben, so verwenden Sie bitte die Kommentarfunktion am Ende dieses Artikels.





Samuel Gawith | RB Plug

Also wenn schon alle anderen im Moment Aromaten testen, dann muss ich wohl auch mal wieder. Unter den wenigen Aromaten, die ich rauche, sind die meisten aus den Lakelands. Manchmal stärker aromatisiert, manchmal weniger, alle haben eines gemeinsam: ich rauche sie sehr selten, aber ich rauche sie mit großer Freude! Und ums Testen geht’s eigentlich gar nicht, denn die Tabake kenne ich schon lange, es sind schließlich keine Neuheiten, es geht eher darum, mal ein paar Eindrücke aufzuschreiben.

Der Tabak, den ich mir dafür ausgesucht habe, ist der RB Plug von Samuel Gawith, von dem ich noch einen kleinen Rest habe und der so alle zwei bis drei Monate mal abgeschnitten, gefüllt und geraucht wird. „Um Gottes Willen“ hör‘ ich schon den einen oder anderen entsetzt aufschreien, „RB Plug, bist du wahnsinnig! Das kann man doch nicht rauchen!“ Kann man. Meistens gut sogar und wenn man auf eine zahmere Version stösst, denn die Versionen sind hinsichtlich ihrer Aromatisierungsintensität nicht immer gleich (Samuel Gawith eben!), dann kann man das sogar sehr sehr gut!

Meine Version ist so eine zahmere. Der Plug hat schon ein paar Jahre auf dem Buckel, ist aber natürlich immer noch perfekt konditioniert. Dieser RB Plug ist relativ feucht und nicht so ultrastark gepresst, wie es manchmal vorkommt. Von der Konsistenz her am ehesten vergleichbar mit dem Epikur!

Nun gibt es verschiedene Möglichkeiten, Plugs aufzubereiten. Jeder hat da so seine persönliche Vorliebe. Ich schneide mit einem meiner Kochmesser, das eine einseitig geschliffene Klinge hat, extrem dünne Scheiben ab. Fast wie Späne sind diese Scheibchen. Aus jeweils zwei drei solcher Späne forme ich Tabakkügelchen, die ich dann nacheinander in die Pfeife stopfe. Die Brösel obendrauf. Das Anzünden gestaltet sich vollkommen problemlos, der Tabak brennt gleichmäßig langsam ab und entfaltet seinen Geschmack und sein Aroma.

RB PlugJa, und welches Aroma und was für einen Geschmack? Der RB Plug besteht aus verschiedenen Virginiablättern, die zu einem Block gepresst sind. Das Besondere an diesen Hocharomaten aus den Lakelands ist, dass ihre Basis immer herausragende Virginias enthält, die geschmacklich auch präsent bleiben – bis zum Ende der Füllung. Bei vielen unserer hiesigen Aromaten ist es oft nur die Herstellerpanegyrik von erlesenstem Dingsbums, die neben der Aromatisierung bleibt. Wir haben also beim Samuel Gawith RB Plug so etwas wie den Kendal Plug oder Full Virginia Plug, nur dass das Blattgut eben mit Aromen angereichert wurde.

Geschmacklich ist der RB Plug ein Tabak, bei dem die intensive Malzsüsse der dunkleren Virginias dominiert. Dann kommen noch Trockenfrüchtenoten und eine gehörige Portion natürlicher „Cremigkeit“ dazu. Soweit die Basis. Die Aromatisierung ist erstmal ein wenig seifig, quasi die Aromatisierungs-DNA aus Kendal! Aber nur sehr sehr dezent im Hintergrund! Also kein Seelenverwandter des parfümigen Ennerdales zum Beispiel! Das eigentliche Aromenzepter, das der RB Plug schwingt, sind Gewürze! Pfeffriger Piment, Vanille, Zimt, Nelken und Kardamom. In Kombination mit der Malzsüsse und den Trockenfrüchtenoten der Virginias entsteht der Eindruck von Weihnachtsbackwerk. Geschmacklich wirkt das mehr wie ein schweres Panpepato/Panforte als wie Lebkuchen, wenngleich man den auch finden kann.

RB PlugAber so geradlinig einfach (Weihnachtsbackwerk) geht’s in Kendal nicht zu! Da gibt es immer irgendwas irritierendes, was irgendwo eingebaut wurde. Da ist der RB Plug keine Ausnahme. Und diese Iriitation führt uns schnurstracks doch wieder in die Welt der Parfümerie und der 68er Flower Power Aromen: hier sind Patchouli-Noten unterlegt, die schwül, holzig süß und erdig unserem Panpepato zu einem einzigartigen Höhenflug an Raffinesse verhelfen! Raffinesse deshalb, weil diese holzigen und erdigen Noten wiederum fantastisch mit den Virginias korrespondieren. Die Grenze zwischen den Patchouli-Noten und dem Virginia-Tabak ist hier vollkommen fließend und dazu die orientalische Gewürzwelt – unwiderstehlich! Aber für mich nur alle zwei bis drei Monate mal. Nicht umsonst ist der Samuel Gawith RB Plug einer der ganz großen Klassiker unter den englischen Hocharomaten! Bodenständig seriös und ausgelassener Hippie zugleich! Probiert’s aus!

Beste Grüsse

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Restauration einer Deckelpfeife | Passatore

Meine Leidenschaft für Deckelpfeifen ist vermutlich in diesem Kreise niemanden verborgen geblieben. Ständig darauf bedacht, meine kleine Sammlung an Kuriositäten zu erweitern, streife ich ständig durchs Internet und begebe mich auf die Jagd nach diesen, auch Jägerpfeifen genannten …. AH! Jetzt weiss ich endlich, warum die so heissen! *Dem Autor geht ein Licht auf*

Dieses eine Mal war ich jedoch nicht auf der Suche nach der perfekten, seltenen und limitierten Pfeife, welche im allerbesten Zustande dargeboten wurde, sondern mein Begehr war es, ein ganz besonders häßliches Entlein zu ergattern. Eine schwarz lackierte Passatore Full-Bent mit rostigem Deckel fiel mir dabei ins Auge. Die unscharfen Fotos der Pfeife, die der Verkäufer bei Ebay eingestellt hatte, liessen mich hoffen. Kein normaler Mensch mit einem Smartphone ist noch in der Lage unscharfe, verwackelte Fotos zu schiessen, es sei denn, er will dies bewusst tun und auch dann ist das nicht einmal so einfach.
Ich rechnete also mit dem Schlimmsten, also eigentlich mit dem Besten, mit einem perfekten Stück Holz und Blech, um meine Restaurationskünste unter Beweis zu stellen. Denn genau das wollte ich tun, ich wollte ein häßliches Entlein zu einem stolzen, schönen Schwan erstrahlen lassen, oder wenigstens zu einer Schneegans oder zur Not auch zu einer Stockente.

Zwei besondere Herausforderungen reizten mich an der Aufarbeitung dieser Pfeife: einmal die Frage, wie kann ich den scheußlichen (persönliches Empfinden des Autors) schwarzen Lack vom Pfeifenkopf entfernen und zum zweiten, wird es mir gelingen den Deckel sowohl vom Rost zu befreien, also auch künftig vor diesem zu schützen.

Der Lack auf der Pfeife

Recherchiert man das Thema Lackentfernung von Pfeifen, findet man auch in internationalen Foren und Blogs wenig. Anscheinend ist das für die Pfeifenwelt nicht so ein großes Thema. Wohl aber für Gitarristen und Gitarrenbauer. Ich stöberte also durch unzählige Gitarrenforen und versuchte alles über dieses Thema zu verschlingen. Lackentfernung mittels Chemie fällt für mich schon einmal kategorisch aus. Erstens stecke ich mir eine Pfeife in den Mund, anders als das die breite Masse von Gitarristen mit ihrem Instrument vermutlich zu tun pflegt. Wobei ich nicht ausschliessen möchte, dass nicht der ein oder andere Musikschüler nach dem hundertsten Versuch eines ganz besonders verzwickten Riffs, verzweifelt seiner Gitarre in den Hals beisst und zum Zweiten bin ich ein schon fast unsympathischer, fanatischer Umweltaktivist und Ökofaschist. Also keine Lackbeize, auch „Paint Stripper“ genannt. Eine andere, weit verbreitete Methode der Saiteninstrument-Restaurateure ist, neben dem schnöden Abschleifen des Holzes, das Lösen des Lackes mittels Heißluftfön. Die warme Luft soll dadurch die Lösungsmittel des Lackes auflösen und man könne ihn dann mit einem Spachtel abschaben, so die Erfahrungen.

In Pfeifenforen, Facebookgruppen etc. kann man oftmals Berichte über lackierte Pfeifen lesen, bei denen der Lack durch zu heisses Rauchen unschöne Blasen schlägt. Das ließ mich Aufhorchen und weckte in mir die Hoffnung, dass ich meine häßliche Passatore vielleicht doch nicht werde abschleifen müssen. Wobei es mir absurd vorzukommt, dass ein Hersteller bei einem zum Verbrennen von Tabak vorgesehenen Holzstück, einen nicht hitzebeständigen Lack verwenden sollte. Aber diese schlechten Erfahrungen mit blasenschlagenden Lackpfeifen sind beileibe keine Seltenheit. Ich finde solche Berichte sowohl über Vauen als auch Peterson Pfeifen und auch von allerlei No-Names, zu denen vermutlich auch meine Passatore zählt, wenn sie nur endlich geliefert würde.

Der rostige Deckel

Rost zu lösen ist jetzt kein so großes Geheimnis. Es gibt unzählige Methoden, dies zu tun und ich habe es auch unzählige Male schon getan. Werkzeuge, Messer, Teekessel und so weiter. Das für mich einfachste Mittel war immer die Essigsäure. Sie löst den Rost an und danach kann man ihn einfach abschleifen. Bei besonders dicken Rostschichen ist die Opfermetall/Strom Methode sehr erfolgreich. So wird in einem Wasser/Natronbad ein Opferblech und das zu reinigende Stück unter Strom gesetzt und die Rostpartikel wandern wie von Zauberhand von einem Stück zum anderen. Das wäre aber für ein bisserl Flugrost mit Tauben auf Trompeten geschossen, oder waren es Kanonen auf Athen? Nein mit Spatzen auf Eulen … sie wissen was ich meine – ich habe jetzt keine Lust ein blödes Sprichwort zu googeln, ich muss mich auf den Pfeifendeckel konzentrieren. Was würde diesen denn daran hindern, wieder zu rosten anzufangen, wenn ich ihn denn erst von ihm befreit haben werde? Vermutlich bestand er aus einfachem Blech, dass verchromt oder vernickelt wurde. Diese Schicht war vermutlich durch Hitze oder unsachgemäße Behandlung abgesprungen und dann war der Rost gekommen. Das passiert natürlich nicht, wenn man wie Peterson oder Dunhill Silberdeckel verwendet oder sie wenigstens versilbert. Auch Edelstahl wäre eine akzeptable, wenn auch eine nicht so elegante Lösung. Nicht aber so bei meiner künftigen Passatore-Pfeife. Habe ich schon erwähnt, dass sie zu diesem Zeitpunkt meiner Überlegungen immer noch nicht angekommen war?

Würde ich den Pfeifendeckel versilbern können? Das schien mir die allerbeste aller Lösungen zu sein, als ich mich jedoch mit dem Galvanisieren von Metallen zu beschäftigen begann, wurde mir ganz schwummerig. Man kann keinesfalls einfach einen Blechdeckel in eine Brühe halten, Strom darauf geben und den Anblick einer wundersamen Versilberung geniessen. Bei dieser Methode ist eine strenge Reihenfolge von Galvanisierschritten einzuhalten. So haftet Silber nicht auf jedem Metall, man muss es zuerst vernickeln, dann verzinken, verkupfern, dann vergolden und nach einer dünnen Platinschicht kann man mit dem eigentlichen Versilbern beginnen. Nein, so ist es natürlich nicht, aber ich erspare uns hier einen Haufen langweiliger Details, über die ich ohnehin nichts genaues weiss.

Lassen sie uns zusammenfassen: Es ist kompliziert!
Was aber recht einfach zu sein schien, war das vernickeln. Das kann man anscheinend mit einem einfachen Versuchsaufbau und mit Bordmittel realisieren und Nickel ist auch ein sehr guter Rostschutz. Nickel würde meiner „Proleten-Passatore“ ohnehin viel besser stehen, als irgendein Edelmetall für die ganz feinen Leute.

Sie ist endlich da!

In einer verbeulten Kartonage erreichte mich die Pfeife endlich. Der Hermes-Bote in einen Ganzkörpersseuchenchutzanzug gekleidet, warf sie mir von weitem über den Zaun und verzichtete auf eine schriftliche Empfangsbestätigung. Ich rief ihm zu, dass sei schon in Ordnung in dem Paket wäre ohnehin keine wertvolle Hinge-Lid-Peterson, sondern nur eine alte Passatore. Der Bote schüttelte verwirrt den Kopf und flog mit seinen Flügelschuhen stieg in seinen Kleinlaster und fuhr zum nächsten Kunden.

Als Blogger und YouTuber kann man natürlich nicht einfach ein Packerl aufreissen. Nein, wo käme man da hin, man macht natürlich ein „Box-Opening“ oder „Unboxing-Video“.

Ich laufe mit dem Packerl unter dem Arm zum Atelier. Cutter, Kameras, Stativ … Ungeduldig wische ich mit einem Lappen über mein altes Bankerl, welches auf der kleinen Terrasse vor meinem Atelier steht, richte zwei Filmkameras auf mich und setze mich in die Sonne. Ton? läuft! Kamera? läuft! Action!
Mit geschmeidigen Bewegungen, mit gekonnter, eleganter Finesse eines Schönheitschirurgen aus einer amerikanischen Arzt-Serie, schneide ich mit einem golden Skalpell durch die Karton-Ummantelung meiner neuen Pfeife. Totale, Gegenschnitt, Nahe auf das Packerl, Kranfahrt entlang des Verpackungsmaterials ….

Schmarrn! Ich schneide einfach das blöde Paket auf und … bin … etwas enttäuscht.

Die Pfeife ist ja gar nicht so hässlich, wie ich gehofft hatte. Das Mundstück hat nur wenig Bissspuren, der Lack ist unbeschädigt. Gut, mir fällt die Metallapplikation gleich entgegen, als ich das Mundstück entferne. Der Zapfen ist sehr dünnwandig und die Schutzbeschichtung des Pfeifendeckels ist wie erhofft abgeplatzt und verrostet. Die Pfeife ist häßlich genug, mit ihr werde ich eine Geschichte erzählen können und darum ging ist mir ja schliesslich.

Lack ab?

An lackierten Pfeifen scheiden sich die Geister, stelle ich immer wieder fest. Manche mögen die etwas sterile, aber perfekt glatte und gleichmäßige Schicht. Sie ist pflegeleicht und abwaschbar. Zur Pfeifenpflege braucht man keinen Polierbock und Bienen- und Carnaubawachs, ein Lappen und eine Flasche „Meister Proper“ reichen aus (oder natürlich auch „Der General“, „Biff“, eine „WC-Ente“, oder Froschreiniger … keine Werbung). Andere glauben in der Lackschicht den Untergang des Abendlandes oder auch der Morgenlandes oder von mir aus auch Mittelerdes zu erkennen.

Sie verdeckt die Schönheit des Holzes, übertüncht die Maserung und jetzt kommt es ganz dick: hindert die Pfeife am Atmen!

Ja, jetzt wird es heikel, religiös und esoterisch. Ganz glattes Eis! Einige behaupten nämlich, dass die Poren des Holzes durch die Laxckschicht-Versiegelung keine Feuchtigkeit nach aussen abgeben kann und deshalb die Pfeife und der Rauch feuchter würden. Dass der Lack die Poren versiegelt, ist vermutlich unstrittig, aber wird denn das Kondenswasser – denn um nichts anderes handelt es sich bei dieser Feuchtigkeit – überhaupt durch das Holz nach aussen transportiert? Dass die meiste Hitze und damit auch die Feuchtigkeit durch den Kamin verdampft, ist vermutlich auch unstrittig und dass auch einiges der Feuchtigkeit auf den Raucher übergeht, hat sicher auch schon der eine oder andere von uns erlebt (würde es natürlich niemals zugeben).

Aber was ist mit der Aussenseite des Holzes? Wird die feucht?
Ich persönlich konnte das noch nie feststellen. Auch gibt es Bilder von der Länge nach aufgesägten Pfeifen – barbarische Ingenieursseelen waren das bestimmt – bei denen man erkennen kann, dass nur der allererste Millimeter im Holz hinter der Rauchkammer dunkel gefärbt ist. Müsste nicht auch der ganze Holzkopf dunkel werden, wenn die Feuchtigkeitkeit ihn ganz durchdringt? Und tut er das nicht auch? Pfeifen dunkeln nach, unzweifelhaft, aber tun sie das von innen? oder nur durch die „Drecksgriffeln“ des Rauchers von außen.
Und würde denn das „Wasser“, das sich durch die feinen Poren des Wurzelholzes kämpft, in der Mitte überhaupt noch schwarz sein? Könnte nicht dieser besagte erste Millimeter auch als eine Art Partikelfilter fungieren? Fragen über Fragen, die ich nicht beantworten kann. Sie, lieber Leser? ich würde mich über Kommentare dazu freuen.

Was ich aber ohne mit der Wimper zu zucken beantworten kann, ist die Frage, ob der Lack ab muss. Ja, er muss, ich mag ihn nicht. Aus basta.
Die Frage, die mich wirklich beschäftigt ist, ob der Heißluftfön den Lack wird lösen können, oder ist der – wie es ja eigentlich anzunehmen sein sollte – hitzebeständig?

Soll ich euch jetzt alles verraten? Oder soll ich euch auf mein Youtube-Video verweisen, ohne zu „Spoilern“?
Ich werde euch jetzt das Video verlinken und wer es sich nicht angucken mag, der soll jetzt weiterlesen …

ACHTUNG SPOILER!

Sie wollen also mein Video nicht sehen? Sie wollen lieber weiterlesen? Na toll, warum mache ich mir denn die ganze Mühe?
Na gut, ich werde Ihnen vielleicht zugute halten, dass sie möglicherweise sehbehindert sind und sich diesen Text von einer Roboterstimme vorlesen lassen.
Oder sie halten vielleicht auch die unendliche Spannung nicht aus, die ich durch meine herausragenden cinematographischen und erzählerischen Fähigkeiten aufzubauen im Stande bin. Sie würden das Filmchen nur durch die Schlitze ihrer Finger vor den Augen betrachten können, weil sie die Dramatik meiner „hitchcockesten“ Filmkunst nicht ertragen.
Na gut, dann werde ich sie nicht länger auf die Folter spannen und sie von der Last der Spannung befreien und die Ergebnisse meiner Experimente verraten.

Das mit dem Fön und dem Lack war ernüchternd. Ich weiss nicht, wie heiß manche Raucher ihre Pfeifen werden lassen, mit meinem Heißluftfön schlug der Lack kein einziges Bläschen. Und ich habe ihn ja sogar von aussen angewendet. Wie heiss muss dann erst ein Holz innen werden, dass der Lack aussen zu schmelzen beginnt? Oder aber der Lack meiner Passatore ist ganz besonders hochwertig und hitzebeständig. Ich will das einfach jetzt einmal annehmen, ich habe ohnehin viel zu sehr auf dem armen Pfeiferl herumgehackt. Also, herunterfönen ging nicht, ich musste mühsam schleifen.

Jetzt zum Deckel-Spoiler – Sind sie sicher, dass sie nicht doch lieber den Film schauen wollen?
Na gut, dann los:  Der Essig hat – vor allem als ich ihn mit dem Fön etwas erhitzt hatte (so war er wenigstens nicht völlig für die Katz) den Rost sehr schön gelöst. Mit etwas Sandpapier konnte ich ihn dann mühelos abreiben. Nicht zu lösen war allerdings das Problem mit der abgeplatzten Chromschicht. Dieses Phänomen hatte sich durch die Säure eher verschlechtert. Ich musste also den Deckel komplett abschleifen.

Und dann kam die wahre Herausforderung, das Vernickeln. Ich hatte viel im Internet recherchiert und mir auch ein Nickelblech besorgt. Flink in zwei Streifen geschnitten, Löcher gebohrt und mit Kupferdrähten aus einem Lampenkabel an einem alten Ladegerät befestigt (Ich hoffe, das Ladegerät gehörte wirklich zu einem alten Handy und fehlt jetzt nicht an irgendeiner hochwichtigen Backup-Festplatte)
In ein Marmeladenglas Essig und einen Esslöffel Salz gekippt (als hätte ich das allen Ernstes abgemessen), die Nickelanoden reingehängt und Strom drauf.
Sofort fing eine der Anoden an, Blasen zu bilden. Ein munteres Treiben und Blubbern in meinem Marmeladenglas. Nach ein paar Stunden des gebannt Beobachtens wurde es mir langweilig und ich rauchte lieber eine Pfeife (ohne Deckel) draussen in der Sonne. Irgendwann kehrte ich in mein nach Essig stinkendes Atelier zurück (natürlich ohne Pfeife, ich wollte ja keine Knallglasexplosion verursachen) und der Essig wies eine schöne grüne Farbe auf, die mich spontan zu einem irischen Folk-Soundtrack für meinen Film inspirierte.

Eine der Anoden oder Kathoden – ich habe doch keine Ahnung – tauschte ich nun durch ein Pfeifendeckelteil aus und erneut blubberte und sprudelte die grüne Brühe, dass es eine wahre Freude war. An dieser Stelle erlaube ich mir, auf die erhabenen cinematischen Makroaufnahmen meines Filmes zu verweisen, hüstel …

Tatsächlich hatte sich an den Pfeifendeckeln ein neues Metall angelegt (es wird wohl Nickel sein, sollte mich der Verkäufer des Bleches nicht betrogen haben). Es hatte einen leicht matten Glanz und nach etwas behutsamer Polierarbeit nahm es ein ganz manierliches, leicht glänzendes Aussehen an.
Als die Pfeife gebeizt, poliert und auch wieder zusammengesetzt war, fand ich sie richtig hübsch. Nicht makellos, das verhinderte schon meine ungestüm rustikale Herangehensweise, aber doch hübsch, charaktervoll und sauber, vielleicht wie eine Sennerin in einem ausgebesserten Drindlgewand beim Almabtrieb, weder jungfräulich noch klassisch schön, aber sonnengebräunt und vergnügt. Kein glattes Top-Model, sondern eine leicht herbe Naturschönheit. Jetzt gehen mit mir schon wieder die Pferde und die Fantasie durch…

Ich sollte wirklich langsam zum Ende kommen.
Nur gut, dass niemand einen so langen Text liest, ich also hier ganz einsam und allein vor mich hin tippen kann und keiner merkt, was ich für einen Unsinn verzapfe …

Macht es gut, und bleibt gesund!

 

 

 

 




Pfeifen Huber | Selected Blend Virginia

Wissen sie lieber Leser, was ein „Guilty-Pleasure“ ist?
Nein? So nennt man neu-deutsch ein Vergnügen, für welches man sich eigentlich schämt.
Ein Literaturkenner, der manchmal heimlich ein „Walt Disney’s Lustiges Taschenbuch“ zur Hand nimmt, ein ernsthafter Cineast, der sonst nur französischen Arthouse, sich in einer fremden Stadt heimlich ins Kino schleicht um einen Marvel-Superhelden-Film zu sehen. Ein Sternekoch mit dunkler Brille am Currywurststand … Sie wissen, was ich meine …
Haben Sie auch ein „Guilty-Pleasure“? Dann schreiben Sie doch bitte einen Kommentar (gerne auch anonym, ich werde ihn diesmal ausnahmsweise trotzdem freischalten)
Die Liste meiner eigenen „verschämten Genüsse“ ist mindestens so lang, wie die meiner Laster, das würde hier zu weit führen. Allerdings ist es mit meinem Schamgefühl nicht so weit her und so ergötze ich mich offen und breitbeinig an Countrymusik, Marillenschnaps, Spitzweggemälden, Krankenhausserien und Toffifee. Toffifee? Ja, Sie wissen schon: *singt*: „Mit Karamell und Haselnuss mit Nougatcreme und Schokoguss … Es steckt viel Spaß in Toffifee“ Das einzige mir bekannte Nahrungsmittel, welches die komplette Zutatenliste im Werbe-Jingle Preis gibt. Dafür hätte die Firma Storck eigentlich einen Transparenz-Preis verdient, aber das ist eine andere Geschichte.


Präambel:
Bei dem Autor dieser Zeilen handelt es sich um einen der letzten wirklich ernsthaften Pfeifenraucher. Einem bei dem nur ausgewählte, limitierte, geagede Bio-Tabake absoluter Natürlichkeit, in ausschliesslich von skandinavischen Highgradern handgeschnitzten Pfeifen mit makellosem Straight-Grain genossen werden. Einem der maximal drei schwefelfreie Streichhölzer pro Pfeife verwendet, der eher das Rauchen aufgeben würde, als zum Beispiel (ich traue mich kaum dieses Wort zu tippen), einen Aromaten zu rauchen.
Ausgerechnet mir, schickt Pfeifen Huber aus München den „SELECTED BLEND – Virginia“ zur Rezension zu. Einen, Sie werden es erraten – aromatisierten Tabak.
„Virgina“ klingt ja erstmal jungfräulich und rein … aber weit gefehlt…

Arglos öffne ich die Dose und mir bleibt die Luft weg. Die Schokolade und die Vanille, die bei meinen Tabakreviews von Chocolate Flake und Perfection, obgleich versprochen, völlig fehlten, strömen jetzt aus dieser Dose. Als gäbe es einen universellen Joulschen-Aromen-Erhaltungssatz „Die Anzahl der Aromamoleküle in allen Pfeifentabaken ist immer konstant“ Möglicherweise haben die Herren Kohlhase und Kopp ein paar Kanister Aromastoffe aus dem Lager von Samuel Gawith entwendet und diese dann über den Huber Virginia gekippt …

Das hört sich jetzt unschön an, das ist mir bewusst, aber bevor mir Herr Huber jetzt gleich Hausverbot erteilt und ich im Tal ein für immer Geächteter sein werde, bitte ich sie sich meine Eingangsworte in Erinnerung zu rufen: Die von meinem Guilty-Pleasure. Dieser Dose entströmt der wundervolle, einzigartige und unverwechselbare Duft von Toffifee! Auf der Herstellliste finden sich zwar andere Angaben, aber wir wissen ja alle, was wir von diesen zu halten haben. „Sahnekaramell, Vanille, Cappuccino und Holunderbeeren“ Sahnekaramell und Vanille ja … der Rest ist Quatsch.
Das Aroma heisst: Toffifee!

Nachdem ich mehrere Minuten den Geruch genossen habe, stopfe ich mir die Mischung gierig in eine Pfeife –  eine 2018er Caminetto (auch von Pfeifen Huber) Ich zünde, rieche, ziehe, hauche … unglaublich … erst schmecke ich nur etwas Virginia, aber dann kommt die Toffifee-Keule. Wundervoll! Während ich mich also an diesen satten und süßen Aromen ergötze, versuche ich den Tabak zu dekonstruieren:

Ein paar Curlyscheiben entdecke ich sofort. Helle Virginias, mittelbraune Burleystreifen und auch ein Bisserl zerrissener Flake, aber das könnte auch eine zerfledderte Curlyscheibe sein und dann auch etwas tiefschwarzer Black Cavendish. Ich traue letzterem kein Stück über den Weg, nicht zu unrecht ist er als Rauchpappe verschrien. Ich bin mir sicher, spätestens nach 17,5 Zügen wird das Aromaverflogen sein und ich werde an einer farblosen, langweiligen Knöselmischung herum nuckeln.
Ich starte meinen Computer, logge mich im Adminbereich des Pfeifenblogs ein und beginne zu tippen. Ich fotografiere die Dose, deren Inhalt und so weiter, was ein Tabakrezensent eben den ganzen Tag so macht. Eine knappe Stunde später ist die Pfeife aus. Ich habe kein einziges Mal nachgefeuert, höchsten ein, zwei mal gedankenverloren nachgestopft. Aus dem Pfeifenkopf rieselt hellgraue Asche. Ich stopfe die nächste Pfeife und kann es kaum glauben. Das Toffifee-Aroma hat auch diesmal die g e s a m t e Füllung durchgehalten! Unglaublich! Auch die zweite Pfeife (eine Peter Klein aus Dänemark) schmeckt gleichermassen lecker und lässt an keiner Stelle nach. Was für ein Tabak oder besser: Was für eine Aromat!

Ich bin mir sicher, wären alle Aromaten von einer solchen Qualität, wie der Selected Blend Virginia, sie hätten nicht einen solch schlechten Ruf. Auch bei Aromaten merkt man ganz klar, die Qualität der Grundtabake und die ist bei diesem Blend definitiv außerordentlich hoch.

Fazit: Dieser Tabak reiht sich ein in meine (fast endlose) Liste von Guilty-Pleasures, aber ich werde es natürlich immer abstreiten, jemals Aromaten zu rauchen, versteht sich – oder?




Pfeifen Huber | Selected Blend English

Pfeifen Huber, Freitagnachmittag gegen 14.00 Uhr: „Und, gibt’s irgendwas Neues?“ „Ne, eigentlich nicht… Doch Halt! Wir haben fünf neue Tabake! Gestern gekommen!“ Also wenn das nichts Neues ist! Diese fünf neuen Tabake sind eigentlich eine kleine Reihe, die sich „Selcted Blend“ nennt und sich in erster Linie einmal dadurch auszeichnet, dass die Tabake einheitlich in 50g Dosen konfektioniert sind. Das ist vor allem bei der hier besprochenen „Englischen Mischung“ sinnvoll und schließt eine Lücke im Sortiment der Huber Haustabake, denn alle anderen Huber-Latakiamischungen sind bislang nur in 100g Dosen erhältlich.

Huber Selected Blend English10 verschiedene „Englische Mischungen“ gibt es unter den Huber Tabaken, darunter auch den von mir sehr geschätzten „English Balkan“ oder die „Smoking Mixture“. So stellt sich die Frage, wie sich der „Selected Blend English“ innerhalb des Portfolios positioniert und ob eine Erweiterung um einen elften Latakiablend sinnvoller ist als etwa eine der bewährten Mischungen als 50g Dose anzubieten?

Die Herstellerpanegyrik lautet: „Eigenständig. Unverwechselbar. Rauchig duftiger Latakia aus Nordzypern wird abgerundet mit Virginia aus drei Kontinenten. Abseits von zugeführter Aromatisierung bietet diese Mischung unverfälschten Rauchgenuss für Puristen. Langfaseriger Schnitt.“

Huber Selected Blend EnglishVirginias und Latakia, sonst nichts. Das klingt erstmal wenig spektakulär, ist auch wenig spektakulär, aber es ist ziemlich gut gemacht und so ist der Selected Blend English ein Tabak, der mir vom ersten bis zum letzten Zug schmeckt und Freude macht. Diese fast schon puristische Reduzierung ist eigentlich gar keine, zeigt sich doch von Anfang an, wie vielschichtig eine gekonnte Kombination verschiedener Virginias sein kann. Kohlhase & Kopp, aus deren Haus der Huber Selected Blend English stammt, hat hier wieder einmal erstklassige Arbeit geleistet. Und genau deshalb kann sich der Tabak im Huber-Latakia-Sortiment auch gut behaupten und ergänzt das Angebot auf absolut überzeugende Art und Weise.

Der Huber Selected Blend English ist ein klassischer Ribbon Cut der neben den verschiedenen Virginia Grades aus einer anständigen Portion Latakias besteht, was ihn auf der einen Seite ordentlich rauchig macht, auf der anderen stehen aber die Virginias, die durchaus kräftig genug sind, um dem Tabak genügend Körper zu verleihen und ihm malzig süsse und erdige Noten mitgeben. Huber Selected Blend EnglishDas Geschmackserlebnis ist einerseits sehr direkt und fast ein bisschen rustikal, aber auch komplex und vielschichtig, wobei allerdings eine große geschmackliche Entwicklung über die ganze Füllung hinweg ausbleibt. Hier ist er vielleicht stilistisch am ehesten mit Samuel Gawiths Squadron Leader vergleichbar, der – obwohl er noch Orientals enthält – ähnlich direkt bei überschaubarer Entwicklung schmeckt. Auch qualitativ ist er diesem absolut ebenbürtig. Der Latakiaanteil wirkt nicht so sehr ätherisch wie etwa beim Huber English Balkan, dafür ist er perfekt eingebunden. Sein geschmacklicher Bruder ist der Dunhill BB 1938, der aber im vergleich zum Huber Selected Blend English ein wenig schmalbrüstiger wirkt.

Durch die verschiedenen Virginias ist der Selected Blend English unter den englischen Mischungen durchaus nicht leichtfüßig und ich empfinde ihn zwar nicht so rauchig voll wie den English Balkan, dafür aber als gehaltvoller und kräftiger. Die perfekte Balance das Tabaks verhindert, dass er langweilig wirkt, sodass ich ihn lieber rauche als den BB 1938, der für mich genau an dieser Stelle etwas kränkelt. Das ist aber ein Eindruck aus dem Gedächtnis mangels eines direkten Vergleichs der zwei Tabake.

Huber Selected Blend EnglishFür Freunde schnörkelloser Latakiamischungen hat der Selected Blend English absolut meine Empfehlung! Er ist in etwa das, was für den Virginia/Perique Liebhaber die alte Elizabethian Mixture war: eher wenig spektakulär aber schlicht herausragend gut! Wer das Spektakel sucht, möge unter den Huber Latakias den English Balkan probieren!

Stopfen, Anzünden und Rauchen lässt sich der Selected Blend English vollkommen problemlos, was ihn auch durchaus für Anfänger empfiehlt, die einen kräftigen Engländer probieren möchten.

Erhältlich ist der Huber Selected Blend English ausschließlich bei Pfeifen Huber in München zum derzeitigen Preis von Euro 12,50/50g (Stand März 2020).




Samuel Gawith | Perfection

Mit der Perfektion habe ich es persönlich gar nicht so. Perfektion ist die Suche nach den 100%. Wir alle wissen, spätestens seit Vilfredo Pareto (1848–1923), dass 80% des Ergebnisses mit einem Aufwand von 20% zu erreichen sind … umgekehrt bedeuten die letzten paar Prozent bis zur Perfektion den allergrößte Aufwand. Nach diesem Pareto-Prinzip zu leben, macht einen zum „perfekten“ Mittelmaß zum „mit-geringstem-Aufwand-irgendetwas-ausreichend-Macher“. Deshalb ist dieses Prinzip perfekt für amerikanische und amerikanisierte Vollpfosten, die nichts wirklich können, aber hocheffektiv blöd daherreden … Schreibe ich mich gerade in Rage? Kann sein. Da ist jetzt auch ganz viel Selbsthasskritik dabei. Fehlt es mir selbst doch oft an der Zeit, der Lust und auch am Fleiß wirklich 100% zu geben, um 100% zu erreichen.

Das schöne an der Kunst ist, dass man die letzten 20% manchmal geschenkt bekommt. Von den Musen, vom eigenen Genius vom Universum oder dem heiligen Geist … keine Ahnung von wem, aber manchmal gelingt einem etwas, was man im Grunde nicht verdient hat. Das ist zum einen tröstlich aber zum anderen auch Futter für den Schweinehund, denn lieber hofft man, denn zu arbeiten … Aber ich werde mich bessern, ich verspreche es, hoch und heilig bei den Musen, der Sarasvati (meiner indischen Lieblingsgöttin) und dem heiligen Aloisius.

Was erwartet man nun von einem Tabak oder allgemein einem Produkt, welches „Perfection“ heisst? Da liegt die Latte hoch, oder? Je höher die Latte, desto wahrscheinlicher reisst man sie, vor allem wenn man nur zu 80 Prozent anläuft. Was soll ich sagen, ich war sehr skeptisch, als ich die Dose beim Huber im Tal erworben habe. Eigentlich gefiel mir nur das Zamperl (Mundart: Hund), die hübsche hellblaue Farbe und die Tatsache, dass es über den Perfection von Samuel Gawith noch kein Review hier auf dem Blog gibt.

Die Dose öffnete ich gleich noch im Geschäft und wie meistens bei etwas weniger verbreiteten Tabak, steckte jeder der Anwesenden seinen Riechkolben in die Dose und nahm sich bei Gefallen, eine Füllung in seine Probierpfeife. Ich muss irgendwann noch versuchen dahinter zu kommen, warum immer, wenn ich einen neuen Tabak kaufe, alle auf einmal eine Liebe zu Giant-Pfeifen entwickeln – ein merkwürdiges Phänomen … Ich nahm mir also die paar Brösel, die noch in der Dose verblieben waren und stopfte mir eine Dunhill Nummer 1 zur Hälfte.

Der Tabak war perfekt konditioniert und ließ sich perfekt in die Pfeife stopfen und perfekt anzünden. Er brannte auch perfekt, absolute Perfektion bis hier her.
Es gibt Menschen, die empfinden Perfektion als langweilig und suchen nach dem Unperfektem, den Ecken und Kanten, dem Besonderen. Ich denke mal, die Suche nach zu feuchtem und schwer entzündbaren Tabak wird von wenigen betrieben, das ist etwas, was man einfach voraussetzt, was man glaubt erwarten zu können.

Beim Perfection handelt es sich um einen „milden Engländer“ etwas Latakia, mehr als eine Prise aber auch keine Balkanportion. Perfekt ausgewogen? Ja, irgendwie schon. Die Balance zwischen Virginias und Latakia stimmt. Aber? Keine Jubelrufe? Keine elegischen Ausführungen? Nein, leider nicht. Es ist ein toller Tabak, gute Qualität, 1a Geschmack, aber doch lässt er mich nicht jubeln. Vielleicht ist er doch zu perfekt? Ich würde ihn jedem empfehlen, der keine oder wenig Erfahrungen mit englischen Tabaken hat. Ich würde ihm sagen, dass das der perfekte Engländer ist, ein wohlschmeckender und einfach zu rauchender Pfeifentabak. Aber einem Kenner würde ich ihn niemals empfehlen.

Ist vielleicht Perfektion nur etwas für Anfänger? Liebt nur der erfahrene Connaisseur das Raue, das Extreme, das Skurrile kurz das Unperfekte?
Mir scheint, ein wenig könnte das so sein…

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