VASCELLO: die unbekannte Kultmarke

Ein paar wenige Jahre waren es, zwischen den späten 70er Jahren und den frühen 80ern, in denen einige der wichtigsten und prägendsten italienischen Pfeifenmacher ihre Aktivität begannen oder sich auf eigene Beine gestellt haben. Neben Oberitalien und der Gegend um Pesaro war Rom ein Zentrum dieser Entwicklung. Und wenn ich schreibe Rom, dann meine ich das damals führende Pfeifengeschäft, Carmignani, eine der ersten Adressen des Landes, und wenn ich schreibe Carmignani, dann meine ich seinen damaligen Geschäftsführer Giorgio Musicò!

DIE GESCHICHTE

Giorgio lebt Pfeifen! Ich kenne niemanden in dem ganzen Pfeifenbusiness, dessen Liebe zur Pfeife derart ansteckend und anregend gewirkt hat! Er war der erste in Italien, der die skandinavischen Meisterwerke von Bo Nordh bis Bang bei Carmignani verkauft hat, und obwohl seine persönliche Leidenschaft den kleinen kurzen englischen Pfeifen galt, war er doch auch immer für Neues zu haben. Warum also keine „neuen“ italienischen Handmades? So ebnete er den Weg für eine kleine Gruppe individuell arbeitender Pfeifenmacher aus dem kulturellen Umkreis von Carmignani, indem er sie nicht nur ermunterte, Pfeifen zu gestalten und zu machen, sondern ihnen das Wichtigste für einen Erfolg bot: eine kommerzielle Plattform in einem der besten Pfeifenläden Italiens!

Es gibt da diese kleine Photographie, vor vielen Jahren abgedruckt in der längst eingestellten Zeitschrift „Amici della Pipa“, für die Giorgio Musicò auch als Gastautor tätig war, die ihn im Kreise „seiner“ Pfeifenmacher zeigt: Giorgio vorne sitzend und hinter ihm von links nach rechts Claudio Munalli, Francesco di Mento, Fritz Becker und Baldo Baldi. Ein Stück italienische Pfeifengeschichte.

Francesco di Mento

Francesco di Mento an der Drehbank.

Der zweite in der Reihe, Francesco di Mento, ist zusammen mit seinen Pfeifen Thema dieses Artikels. Ich muß vorweg sagen, daß ich vor knapp 20 Jahren schon einmal einen Text zu diesem Thema verfasst und bei Willi Albrechts legendärem Forum „Pfeife und Tabak“ gepostet habe. Aber da der Text nicht mehr greifbar ist, mir das Thema aber am Herzen liegt, habe ich mich entschlossen, nochmal was zu schreiben. Nicht, dass noch jemand mit einem Elefantengedächtnis denkt, ich hätte abgeschrieben.

Francesco di Mento war nie ein hauptberuflicher Pfeifenmacher, sondern Offizier in der italienischen Marine, in den Jahren damals stationiert auf Sardinien. Der Pfeifenraucher und Nebenerwerbspfeifenmacher saß quasi an der Quelle, denn damals gab es noch Coupeure auf Sardinien, die dieses hochgepriesene sardische Bruyère-Holz mit seinem ganz leichten Rosastich geschlagen, gesägt und aufbereitet haben. Soweit ich weiß, gibt es das heute nicht mehr, Tom Spanu war der letzte, der teilweise mit diesem Holz gearbeitet hat.

Logo VascelloNun war Francesco di Mentos Pfeifenmacherei schnell erfolgreich, weshalb er eine eigene Marke gegründet und sich Unterstützung von zwei Freunden geholt hat, die mit ihm zusammen die steigende Nachfrage bewältigt haben. Die Marke hieß „Vascello“ zu deutsch „Schiff“, was seinen Ursprung natürlich in di Mentos eigentlichem Beruf hatte. Auch ein passendes Logo war schnell gefunden: ein Bootshaken auf der Mundstückoberseite. Dementsprechend gibt es für die glatten Modelle auch ein Grading, das den Offiziersrängen der Marine entlehnt war. Und Admiräle gibt es nicht viele! Die Farbe des Logos richtete sich nach dem Grading: weiß für die Standardqualität, blau für die glatte „Capitano“ und golden für die „Ammiraglio“. Gestempelt sind die Pfeifen: „Vascello“ „Sarda“ „a mano“.

Vascello Pipes

Als Werkstatt diente damals eine umgebaute Blechgarage, in der die drei die Vascello-Pfeifen fertigten, und man mag sich gar nicht vorstellen, wie körperlich fordernd das Pfeifenmachen in der Sommerhitze Sardiniens unter diesem Blechdach gewesen sein mag!

Allerdings ist der Marke „Vascello“ nur eine recht kurze Zeit beschieden gewesen, was nicht am Erfolg lag, sondern an einer rechtlichen Verfügung der Marine, die ihren Offizieren plötzlich jegliche Nebenerwerbstätigkeit verboten hat: Francesco di Mento und seine Mitstreiter haben sich für ihren eigentlichen Beruf entschieden und die Marke Vascello war Geschichte.

Nach seiner Pensionierung hat Francesco di Mento allerdings wieder in der Pfeifenwelt angeheuert, nämlich in Teilzeit als Verkäufer bei Fincato, einem anderen feinen Pfeifenladen im Zentrum Roms, nur wenige Meter von Carmignani entfernt. Francesco di Mento habe ich durch Giorgio Musicò bei Becker&Musicò kennengelernt und danach hin und wieder auf dem Heimweg vom Büro, wenn er Pfeife rauchend in der Tür bei Fincato stand, ein paar Worte mit ihm gewechselt. Im Frühjahr 2006 ist er gestorben.

Vascello-Pfeifen sind extrem selten, da es entsprechend der kurzen Lebensdauer der Marke nur eine recht kleine Stückzahl gibt. Diese Pfeifen genießen in Italien absoluten Kultstatus, was einerseits an der Qualität der Pfeifen liegt, andererseits natürlich auch an ihrer Seltenheit! Die Preise für Vascello-Estates liegen höher als vergleichbare Castello-Pfeifen. Neue Pfeifen gibt es natürlich nicht mehr, aber schon eine Estate zu bekommen ist schwierig genug! Außerhalb Italiens sind diese Pfeifen weitgehend unbekannt. Schade eigentlich!

Wenn wir uns heute diese Pfeifen anschauen, dann wirken diese auf uns erst einmal relativ unspektakulär. So als hätte man dergleichen schon oft gesehen und sie scheinen wenig besonders. Das stimmt auch. Aber wenn wir uns die Mühe machen, diese Pfeifen mit den Augen des Pfeifenrauchers oder auch des Pfeifenmachers von 1979 anzuschauen, dann kommen wir zu einem anderen Ergebnis. Dazu muß man wissen, wie der Pfeifenmarkt in Italien in diesen Jahren geprägt war. Internet gab es nicht, stilbildend und identitätsstiftend war, was in den Schaufenstern der Pfeifengeschäfte lag. Das waren Serienpfeifen: Für die begüterte Oberschicht Dunhill-Pfeifen, dann die übrigen englischen Klassiker Comoy’s, Orlik, BBB, Peterson etc., dann, günstiger, italienische Pfeifen wie Savinelli, Brebbia, La Raganella und natürlich Rossi, die damals aber alle mit dem Gros der Produktion der englischen Klassik verbunden waren. Dazu kommen Castello, Caminetto und Tagliabue mit ihrer Abwandlung der Klassik und als stilistischer „Sonderfall“ Stanwell. Die skandinavischen Freeform-Pfeifen mit ihrem so stilbildenden Design spielten damals in Italien noch keine Rolle.

Vascello Pipe

Extrem lange rustizierte Lovat und eine kleinere rustizierte Canadian, die Francesco di Mento selbst geraucht hat.

DIE FORM

In diesem Umfeld begannen die Pfeifenmacher, eigene Wege zu gehen, die aber anfangs alle stark an der Klassik ausgerichtet waren und zwar egal ob in Oberitalien, Pesaro oder Rom. Und während Pfeifenmacher wie die beiden Becker oder Baldo Baldi sich irgendwann von dieser Klassik emanzipierten, verblieb Vascello in diesem „anfangs“, schlicht weil der Marke und ihren Machern nicht genug Zeit für so eine Entwicklung blieb. Wir haben es bei der Marke Vascello stilistisch eigentlich mit einem eingefrorenen Umbruchsmoment zu tun!

Vascello PipeSchauen wir uns die Pfeifen an: Es fällt sofort auf, dass wir es mit klassischen Formen zu tun haben, denen gemeinsam ist, dass die vordere Konturlinie in ihrer Kurvung besonders stark betont ist und in einem starken Gegensatz zur hinteren Konturlinie des Kopfes steht, die fast Castello-artig streng gerade ausfällt. Der gestalterische Trick, der nun zum stilistischen Alleinstellungsmerkmal führt, ist die Wahl des Kopf-Holm-Übergangs: dieser ist im Gegensatz zur hinteren Kopfkonturlinie ebenfalls relativ stark gekurvt, allerdings nicht so, wie man es bei vielen an dieser Stelle „weichen“ Pfeifen kennt, nämlich indem der Holm sich leicht ansteigend nach oben kurvt, sondern indem die eigentlich streng gerade Kopfkontur gerade das, was man erwarten würde, nicht macht, nämlich hart abzuschließen, sondern ausschwingt. In dieser Kombination unterscheiden sich die Pfeifen sowohl von der englischen Klassik als auch von der Castello-Klassik. Die Köpfe gewinnen auf diese Art eine ganz eigene Dynamik, denn die Holme sind entsprechend der hinteren Kopfkontur ebenfalls von streng gerader Linearität.

Vascello Pipe

Eine Bullmoose-Variante mit einem unklassisch quadratischen Holm und etwas geraderem Kopfabschluss. Grading:“Capitano“

In meinen Augen ist das ein recht attraktives Wechselspiel zwischen Strenge und Verunklarung selbiger. Es wirkt wie eine gestalterische Nischenwelt, denn die Wege der italienischen Pfeifen lassen das letztlich links liegen und führen woanders hin. Was man, im Gegensatz zu ganz vielen anderen „neuen“ italienischen Marken dieser Zeit, bei Vascello kaum findet, das sind die für Italien so typischen, gestalterisch „billigen“ Straight-Grain Dublin-Varianten, bei denen die Maserung des Holzes das Gewicht des Gestaltungsprozesses in den Hintergrund rückt. Das soll nicht heißen, dass es keine erstklassig gemaserten Vascello-Pfeifen gibt, aber die Formgebung steht vor der Maserung. Hier wirkt der Herstellungsprozess fast englisch, obwohl es sich nicht um Serienpfeifen und Standardshapes, sondern immer um individuell gestaltete Pfeifen handelt.

Vascello PipeDas, was mich persönlich an den Vascello Pfeifen aber am meisten fasziniert und was für mich der Grund ist, warum ich sie sehr gerne mag, das ist, abgesehen von den herausragenden Raucheigenschaften als Kombination von handwerklicher Solidität mit erstklassigem Holz, bei den rustizierten Basisqualitäten die Art und Weise der Rustizierung!

DIE RUSTIZIERUNG

Nun ist die Rustizierung bei Pfeifen keine italienische Erfindung, aber es gibt wohl kein Land, wo Pfeifenbauer sich flächendeckend so intensiv mit den stilistischen Möglichkeiten von Rustizierungen auseinandergesetzt haben wie in Italien. Und das auch gerade in den 70er und 80er Jahren! Grundlage dafür war natürlich der enorme Erfolg von Castellos Sea Rock Finish, das seit Ende der 40er Jahre populär war und vor allem den Effekt hatte, die Rustizierung vom Ruf der billigen Resteverwertung zu befreien. Hier muß man allerdings unterscheiden, denn natürlich liegt nicht jeder Rustizierung ein ausgeklügelter und vergleichsweise aufwändiger Gestaltungs- und Herstellungsprozess im Finish zu Grunde, es gibt natürlich auch die „Billigversionen“!

Vascello PipeDass wir es hier nicht mit einer solchen zu tun haben, wird aber auf den ersten Blick deutlich: Eine fast skulpturale Non-Finito Oberfläche ziert etwa den Kopf und Holm der langen Lovat! Die Rustizierung ist gleichmäßig tief, trotzdem wird genügend Holz „stehengelassen“ um kraftvoll zu wirken und damit ein allzu kantiger Eindruck vermieden wird, erfährt die Rustizierung nach dem Abbürsten mit einer Metallbürste einen substantiellen Polierprozess. Dafür wurde der Kopf mit zwei verschiedenen Brauntönen gebeizt, einem leicht rötlichem „warmen“ Mahagonibraun und einem dunklen Walnussbraun, sonst würden die stark polierten „Höhen“ nur zu kühl hell und der Kopf verlöre seine farbliche Homogenität und damit seine Ruhe. Im Vergleich zu einer „normalen“ Sandstahlung ist ein solcher Rustizierungsprozess ein unglaublicher Aufwand, der eigentlich nur Sinn macht, wenn man damit auch gestalten will! Und das kann man hier mustergültig sehen.

Zum Schluss also der Tipp: wem jemals eine dieser seltenen Pfeifen in einem annehmbaren Zustand über den Weg laufen sollte: Zuschlagen! Man erhält micht nur eine erstklassige Pfeife zum Rauchen aus seltenem sardischem Bruyère, sondern auch ein kleines und seltenes Stück Pfeifengeschichte!

 

 




McClelland | BOMBAY EXTRA Personal Reserve

Schon wieder ein Tabak, den man nicht so ohne weiteres kaufen kann. Diesmal aber wirklich! Okay, vielleicht noch in irgendwelchen abgelegenen Schweizer Bergtälern oder für Millionenbeträge in der US-Bucht? Aber eigentlich ist dieser amerikanische Pfeifentabak schon ein Stück Geschichte, denn der Hersteller McClelland hat vor einiger Zeit unwiderruflich seine Produktion eingestellt.

Ursache für dieses Review war vor ein paar Monaten ein bisschen Corona-Frust! Als innerlich ziemlich gelassener Mensch kann ich damit eigentlich ganz gut umgehen, aber irgendwie dachte ich, ich müßte mir mal was gutes tun und eine wirklich besondere Dose Tabak öffnen. Ich meine, diese Dose Bombay Extra ist nur deshalb „besonders“, weil es meine letzte war! Und weil der Bombay Extra neben Frog Morton, Wilderness und Old Dog mein Lieblingslatakia aus dem Hause McClelland war!

Deshalb liegt über diesem Review auch ein Stück Melancholie. Dieses ganze Dunhill-McConnell-Peterson-Gedöns tangierte mich innerlich nur höchst peripher, aber die Nachricht, dass McClelland die Produktion einstellt, die hat mich wirklich getroffen! Das ist der größte Verlust für die Welt des Pfeiferauchens in den letzten Jahren! Einfach, weil hier eine ganze stilistisch einzigartige Tabakwelt fast von einem Tag auf den anderen verschwunden war.

Was aber war das stilistisch Einzigartige? Klar, an erster Stelle stehen hier die Virginias bzw. Virginia/Perique Mixtures und Flakes mit ihren prägnanten essig-saueren-süßen Fermentationsnoten, die einem zusammen mit der Malzsüße als Ketchupnoten in die Nase stiegen! Dann all die raffinierten Orientals, die zu wahren Meisterwerken komponiert waren. Und die Latakia-Mischungen, nicht selten fast ondoliert extrem und extrovertiert in der Komposition, die alle eines gemeinsam hatten: selbst die kantigsten und maskulinsten unter ihnen kamen alle auf einem breiten Teppich aus purem weich-dunklem Samt im Mund an! Diese Einzigartigkeit gibt es nicht mehr.

McClelland Bombay ExtraUnd um so eine Latakia-Mischung handelt es sich beim Bombay Extra! An dieser Stelle muß man ein bisschen ausholen, denn der Bombay Extra ist keine hundertprozentige Neumischung, sondern streng genommen ein Flanker zu einer der Standard Latakia-Mischungen aus McClellands Portfolio, dem Bombay Court, zu dem es hier ein Review gibt. Schauen wir uns dazu den Herstellertext an:

McClelland Bombay Extra„We began with Bombay Court, darkened the Virginias, added a touch of perique and increased the latakia, resulting in an enriched version of a unique and popular formula. This blend provides added depth and complexity for those seeking a richer, fuller, Oriental Mixture for after dinner or evening enjoyment.“

Wir haben es also mit einer klassischen Ribbon Cut Mixture zu tun, die aus dominantem Latakia, verschiedenen Orientals, etwas kraftvoll dunkel-süßer Virginias und einer nicht ganz kleinen Menge Periques besteht. Genau das können wir auch am Tabakbild, das für mich zu den schönsten überhaupt zählt, sehen.

McClelland Bombay ExtraErwartungsgemäß lässt sich der Bombay Extra ganz einfach stopfen, entzünden und langsam und kühl bis zum Ende der Füllung durchrauchen! Das garantiert einen langen entspannten Genuss und der stellt sich auch sofort nach dem Entzünden ein: Von Anfang an hat man ein volles und dabei sehr weiches rauchiges Latakia-Aroma im Mund, unterstützt von ein wenig malziger Grundsüße und durch die Orientals versehen mit einer unglaublich eleganten, ätherisch feinen Cremigkeit. Der Perique liefert mit seinen leicht schokoladigen Trockenfrüchtearomen den Gegenpart zum dominanten Latakia. Und das macht er nicht in der ersten Reihe, die dem Latakia vorbehalten ist, sondern quasi aus dem Hintergrund heraus aber doch merklich!

McClelland Bombay ExtraLatakia und Perique sollte man also mögen, denn zwischen den beiden Protagonisten entwickelt sich der Bombay Extra während des Rauchens. Die Virginias bilden mehr und mehr den Hintergrund, dabei aber immer eine schöne Basis bildend, und die Orientals ziehen sich gegen das Ende hin fast ganz zurück. Das heißt, diese ätherische Cremigkeit vom Anfang weicht einem Wechselspiel zwischen Latakia und Perique, wobei der Latakia für sich genommen sehr sehr weich daherkommt. Das ist eine Grundqualität, die auch den reinen Latakia zum Selbermischen von McClelland ausgezeichnet hat, weshalb er unter den reinen Latakias früher immer meine erste Wahl war! So bietet der Bombay Extra bis zum letzten Krümel wirklich Genuß der Extraklasse! Er erfüllt alle Anforderungen, die man an eine Spitzenmischung haben kann!

Wer bis jetzt lesend durchgehalten hat, bekommt noch eine Pfeifenraucher-Anekdote dazu: Während des letzten Lockdowns saß ich eines Vormittags bei mir ganz in der Nähe in einem Park auf der Bank eine Dunhill mit Bombay Extra rauchend. Eine junge Frau mit ihrem etwa dreijährigen Sohn kommen vorbei, der kleine Bub auf einem Laufrad einige Meter vor der Mutter. Auf meiner Höhe bleibt er kurz stehen, schaut mich neugierig an und sagt ganz freundlich „Hallo!“ Ich: „Hallo!“ Er fährt weiter und sagt zu seiner Mutter: „Mama, hier riechts nach Kohle!…Von dem Mann!“ Mutter: „Das riecht nicht nach Kohle, das riecht nach Pfeife!““Mama, ich will auch eine Pfeife!““Aber da bist du noch viel zu klein das ist nichts…(Rest unverständlich)““Mama ich möchte aber eine Pfeife!““Nein das…(unverständlich)“ „Mamma, ICH  WILL  AABERR!“

Also sollte jemand noch eine Dose haben oder irgendwie noch an eine Dose kommen: meine Empfehlung hat der Bombay Extra allemal, ein toller Tabak!

 

 

 




Perfect? Über einen japanisch-deutsch-französisch-italienischen Hybrid-Martini

Bekanntlich zählt der Martini Dry zu den ganz großen Klassikern der Cocktailwelt. Und alle großen Klassiker haben irgendwann ihre mehr oder minder interessanten Twists bekommen; Variationen, die neue Geschmacksrichtungen hinzufügen oder Gewichtungen verändern. Manchmal überflüssig, manchmal witzig, aber vollkommen unbekannt, manchmal selber fast schon Klassiker. Um sowas geht’s hier!

Wer jetzt denkt, oh Gott, jetzt erklärt mir der Hemmer auch noch, wie ich einen richtigen Martini machen soll, der liegt falsch! Das würde ich mich gar nicht trauen, dazu kenne ich mich viel zu wenig aus! Dazu gibt es Berufenere. Das einzige, was ich will, ist etwas vorstellen, was nicht ganz so alltäglich ist und was mir persönlich taugt! Und ich könnte mir vorstellen, dass andere das vielleicht auch ganz lustig finden?!

GIN

Aber ich muß etwas ausholen: Ich glaube, es gibt keine Spirituose, die in den letzten Jahren international einen derartigen Hype ausgelöst hat wie der Gin! War vor 10-15 Jahren das Angebot durchaus überschaubar, so sind in den letzten Jahren die Designer-Gins, die Regional-Gins aus dem Boden geschossen wie die Schwammerl in einem warm-verregneten August! Dabei ist Gin eigentlich eine tendenziell bescheidene Spirituose: Einfacher Agraralkohol mit verschiedenen Botanicals mehrfach destilliert. Da ist eigentlich nichts drin, was so besonders wäre, dass es richtig Geld kosten müsste und Zeit im Sinne von mehrjähriger Fasslagerung muss auch nicht bezahlt werden.

Trotzdem entstand eine große Produktvielfalt an Gins zum Teil zu exorbitanten Preisen: überall hat man dem Botanical-Kanon irgendeine lokale „Spezialität“ hinzugefügt und geschicktes Marketing betrieben à la „Kleinberghofen Dry Gin“ mit seinen unverwechselbaren Noten von Futtermais und Solaranlagen! Bevor jetzt jemand Google bemüht: den gibts‘ natürlich nicht wirklich! Zumindest noch nicht.

Diese neue Produktvielfalt ist per se begrüßenswert und ein Gewinn! Sie ist aber mit einem anderen Hype einhergehend erklärbar: dem um das Tonic-Water! Im Prinzip die gleiche Entwicklung. Mit vielen dieser neuen Gins kann man tolle Gin Tonics machen, die meisten dieser Regional-Gins, soweit ich das überblicke und ich überblicke nicht die ganze neue Gin Welt, haben aber eines gemeinsam: für klassische Martinis fallen sie aus! Zu extrovertiert, zu einseitig, zu fruchtig, zu floral, zu was weiß ich! Dabei hat uns dieser Gin-Hype auch ein paar ganz klassische neue London Dry Gins beschert, mit denen man gloriose Dry Martinis machen kann! Also ein Gewinn allemal. Aber um die geht’s hier nicht.

ROKU GIN

Roku Gin

Roku Gin. Die sechs japanischen Botanicals sind reliefartig auf der sechseckigen Flasche abgebildet.

Es geht um einen Regional-Gin aus Japan! Kein neues und auch kein besonders rares Produkt im Sinne von Nischenproduktion, aber von einem Produzenten, der weiß, wie gute Spirituosen gehen: Suntory! Bekannt vor allem für erstklassige Whiskies, hat man bei Suntory die Produktpalette um Vodka und Gin erweitert. Einen Gin, dem zusätzlich zu seinen klassischen Botanicals sechs typisch japanische Botanicals hinzugefügt werden: Kirschblüten, Kirschblätter, zwei verschiedene grüne Teesorten, Sansho-Pfeffer und Yuzu-Schale, welche entsprechend ihrem jeweiligen idealen Erntezeitpunkt einzeln destilliert und dann zum Endprodukt vereint werden. Dass dieses Endprodukt, der Roku Gin, keine Spirituose ist, die mit monumentalen Primäraromen aufwartet, versteht sich von selbst: es entspräche nicht dem japanischen Geschmacksideal, das darauf ausgelegt ist, die Reinheit der Zutaten möglichst raffiniert auszubalancieren. Auch wenn der Roku Gin durch die Verwendung der klassischen Bitterorangenschalen und Zitronenschalen und dem Hinzufügen der Yuzuschalen einen leichten zitrischen Schwerpunkt hat, handelt es sich um einen fast cremig-trockenen Gin mit sehr feinem Understatement. Das wiederum heißt, dass es sich durchaus lohnt, den Roku Gin auch für klassische Gin-basierte Cocktails auszuprobieren, also auch für Martinis!

PERFECT MARTINI

Kann man mit dem Roku Gin durchaus gute Dry Martinis machen, so gefällt er mir am besten in einem „Perfect Martini“! Dass ein Dry Martini zum großen Teil aus Gin und einem sehr kleinen Teil aus trockenem weißen Vermouth besteht, ist klar, aber was ist ein „Perfect Martini“? Das gängige Rezept, sofern es sowas überhaupt gibt, besteht zu 50% aus Gin und zu 50% aus Vermouth, wobei der Vermouth-Anteil zu gleichen Teilen aus trockenem weißen Vermuth und süßem dunklen Vermouth besteht. Einen solchen „Perfect Martini“ finde ich persönlich furchtbar und vollkommen verzichtbar, weil der Drink zu süß wird und die Gin-Aromen vollkommen hinter den dunkel-süßen Vermouth Aromen verschwinden. Gerade einem so raffinierten Produkt wie dem Roku Gin sollte man das nicht antun! Dennoch kann man an dem Rezept schrauben und ein paar Dinge verändern um einen wirklich schönen Drink zu erhalten:

Die erste Veränderung besteht in der Gewichtung von Gin und Vermouth. Ich mag es gerne, wenn der „Perfect Martini“ einen signifikant größeren Gin-Anteil hat im Verhältnis zum Vermouth-Anteil! Natürlich nicht so dominant wie im Dry Martini, aber doch deutlich größer. Und ich mag es gerne, wenn der „Perfect Martini“ deutlich süßer ist als ein klassischer Martini, aber eben nicht pappsüss! Der Grundgeschmack dieses „Perfect Martinis“ sollte durchaus noch auf der trockenen Seite sein! Das erreicht man ganz einfach dadurch, dass man auch die Vermouth-Anteile zu Gunsten des trockenen Vermouths verschiebt. Um geschmacklich einen feineren, vielleicht homogeneren Eindruck zu erzielen, ersetze ich darüberhinaus den dunklen süßen Vermouth durch weißen süßen Vermouth! Das ist eigentlich der bedeutendste Eingriff! Er hat zur Folge, dass diese trocken-cremige Stilistik des Dry Martinis zwar gesüsst wird aber erhalten bleibt und nicht durch die dunklen Aromen des Turiner Vermouth verändert wird!

Die verwendeten Zutaten für meinen Perfect Martini: Roku Gin, zwei Arten von Vermouth und eine Bergamotte

Wie man nun im Detail balanciert, hängt von den verwendeten Gins bzw. den zwei gewählten Vermouths ab! Mir persönlich gefällt unter den süßen weißen Vermouths ein deutsches Produkt am besten: der Belsazar Vermouth aus dem Badischen! In diesem Vermouth sind sehr gute Grundweine verbaut, was man sofort schmecken kann und er hat die nötige Komplexität, um einen Turiner Vermouth zu ersetzen.

Für meinen „Perfect Martini“ wähle ich ein Verhältnis von fünf Teilen Roku Gin zu drei Teilen Vermouth und diese wiederum aufgeteilt in zwei Teile trockenen Noilly Prat und einen Teil Belsazar White. Nehme ich bei klassischen Dry Martinis gerne auch einen Spritzer Orange Bitters, so verzichte ich hier darauf, weil der Roku Gin, wie oben schon erwähnt, eh leicht auf der zitrischen Seite ist und ich diese fein-cremige geschmackliche Textur nicht beeinträchtigen will. Alles zusammen ins Rührglas und auf Eis kalt rühren! Fertig!? Nein!

Perfect Martini

Ein Perfect Martini mit Bergamottezeste

Wieder muß ich ein bisschen ausholen: Ich mache und trinke zwar das ganze Jahr über Martinis, aber für mich ist der wirklich perfekte Martini, egal ob „Dry“, „Perfect“, „Dirty“ oder Vesper oder wie auch immer, eigentlich ein saisonaler Drink! Das liegt daran, dass ich Martinis immer mit der Zeste einer Zitrusfrucht parfümiere! Das ist eine Frage des persönlichen Geschmacks, aber für mich essentiell. Normalerweise nimmt man eine Zitronenzeste. Von Spätherbst bis ins Frühjahr hinein gibt es aber auch noch andere Zitrusfrüchte neben den ganzjährig vorhandenen Zitronen und Orangen und hier wird’s spannend, denn es sind in erster Linie Bergamotte und Bitterorangen, die nur dann reif sind und deren Schalen man unter anderem perfekt für Cocktails verwenden kann und die Cocktails eine ganz besondere Note verleihen! Bitterorangenzeste zum Manhattan etwa, aber das gehört nicht hierher.

BERGAMOTTE

Bergamotte

Bergamotte aus Kalabrien

In unserem Fall ist die Bergamotte die Zitrusfrucht der Wahl! Zugegeben nicht überall und nicht ganz einfach zu bekommen, da die Bergamotte eigentlich nicht zum Verzehr angebaut wird (Bergamotten schmecken sehr sauer und sehr bitter zugleich, eine unvorteilhafte Kombination). Sie wird der ätherischen Öle wegen angebaut, die in den Schalen vorhanden sind und die zur Herstellung von Earl Grey Tee, aber in erster Linie für die Parfümindustrie benötigt werden! Und was für die Parfümherstellung recht ist, sollte uns für unseren „Perfect Martini“ nur billig sein! Das Aroma der Bergamotte ist herb, beintrocken grün, zitrisch frisch, immer irritierend, komplex und einzigartig! Eine Bergamotteschale über einen erstklassigen Martini zu pressen ist seine Apotheose, denn es unterstützt bei aller Parfümierung seine „Trockenheit“ auf einzigartige Weise! Und genau so eine Bergamottezeste sprühe ich über den „Perfect Martini“ und gebe sie dann in den Cocktail. Aber Vorsicht: die Schale ist bitter, auch wenn es gelungen ist, nur das grün-gelbe Äußere abzuschneiden! Das heißt, sie verändert unseren Martini über die Zeit und je nach Geschmack (ich persönlich mag „bitter“) muss man sie früher oder später rausnehmen! Das ist vor allem der Tipp für die langsameren Trinker unter uns!

Viel Vergnügen beim Ausprobieren!




Cornell & Diehl | Byzantium

Boah! Was für ein fürchterlicher Scheisstabak ist das denn? Muffig ohne Ende! Dazu noch patschnass! Dabei kommt der gar nicht in Plastiktüten sondern kultiviert in Dosen mit ansehnlichem Etikett über den Atlantik geflogen! Mein erster Eindruck war schlicht schockierend. Aber er war auch einem unglücklichen Umstand geschuldet:

Kurzfristig beschlossen, einen Spaziergang im Olympiapark zu unternehmen, Bus fährt gleich und nur alle zwanzig Minuten am Sonntag, schnell noch eine Pfeife gestopft, neue Dose unbekannten Tabaks geöffnet, Cornell & Diehl, die sonst immer auf der trockenen Seite konfektioniert sind, diesmal nicht. Trotzdem gestopft. Bus gerade noch erwischt. Angekommen und nach wenigen Minuten versucht, den Tabak anzuzünden. Versucht, den Tabak anzuzünden. Nochmal. Und nochmal. Frau ungeduldig. Katastrophe biblischen Ausmaßes! Dagegen muss die Durchquerung des Roten Meeres ein Spaziergang gewesen sein! Geschworen, mich nie wieder über das Anzünden eines frischen S. Gawith Flakes zu beschweren! Irgendwann, vermutlich in Folge göttlichen Eingreifens (Gott konnte sicher das Elend nicht mehr mit ansehen), doch noch erfolgreich gewesen! 50 Meter spaziert. Stehengeblieben. Musste Nachzünden. 100 Meter spaziert. Nachzünden! Frau genervt (so stelle ich mir das Gekeife zwischen Moses und Aaron vor)! Usw. usw.. Nach zwanzig Minuten entnervt die Pfeife notgeräumt! Gottseidank hatte ich noch Toscanelli dabei: großer, zutiefst befriedigender Genuss stellte sich unmittelbar ein! Entspannung der Lage! Zufriedenheit. Toscanelli sind schwer unterschätzt!

Cornell & Diehl ByzantiumDie Dose Byzantium habe ich erst einmal ein paar Tage nur von außen angeschaut und mich gefragt, warum der Tabak nicht besser „Sultan Mehmets Rache“ heißt? Dann tat er mir leid und ich dachte, versuch’s nochmal! So einen Tabak wirft man doch nicht einfach weg! Und wenn du Zeit und Ruhe hast, dann kann man den vielleicht doch noch rauchen? Und was soll ich sagen: ein Wunder, ein Wunder!

Na ja, okay, kein wirkliches Wunder, eher eines, das diesen lausig schlecht schließenden Plastikdeckeln der Cornell & Diehl Dosen geschuldet ist, denn der Tabak war nach den paar Tagen genau da, wo die Tabake von Cornell & Diehl sonst beim Öffnen sind: auf der leicht trockenen Seite! Und eigentlich beginnt erst jetzt das Review.

Der Byzantium ist eine Ribbon Cut Mixture, die aus einem wirklich großen Latakia-Anteil besteht, Orientals und etwas Perique. Das Tabakbild ist fast schwarz, grünlich dunkelbraun durchsetzt und neben gröber geschnittenem Blattgut gibt es auch recht feines Gebrösel. Aber immer noch Blattgut, also nicht dieser „staubige“ Rest, wie er manchmal am Ende der Dose übrig bleibt! Ich würde deshalb für den Byzantium keine allzu kleinen Brennkammern empfehlen! Dunhill Group 3 geht aber noch sehr gut!

Cornell & Diehl ByzantiumDer Geruch des Byzantium ist überraschend: erwartbar ist die opulente Rauchigkeit des Latakias, was bei Cornell & Diehl aber eher überrascht, das ist eine deutlich wahrnehmbare säuerliche Note, fast wie bei einem McClelland das Ketchup nur hier mit deutlich weniger Tomatensüsse! Vor allem bei der frisch geöffneten Dose finden sich diese sauren Noten, wird der Byzantium trockener, dann wird der Eindruck etwas weicher! Insgesamt ist da aber doch ein eher gewöhnungsbedürftiges und nicht unbedingt harmonisches Geruchsbild!

Der Byzantium lässt sich vollkommen problemlos stopfen und jetzt, da er eher trocken ist, auch vollkommen problemlos anzünden! In diesem Zustand glimmt er auch problemlos ab. Und in diesem Zustand zeigt der Tabak auch seine ganze Klasse und eröffnet uns ein heutzutage fast ungewöhnliches, sogar extremes Geschmacksbild, das bestimmt nicht dazu taugt, everybody’s darling zu sein: der Byzantium dürfte ein Tabak sein, der polarisiert!

Warum? Weil der Byzantium nicht nur sehr rauchig ist, zwar über die nötige Grundsüsse verfügt, aber trotzdem weit davon entfernt ist, mit einer schmeichelnden Süsse versehen zu sein, und weil er vor allem extrem erdig und damit kantig wirkt! Der Byzantium ist ein Tabak, der sofort seine Ellenbogen ausfährt, da gibt es nichts, was gefällig wirkt, auch gar nicht so wirken will! Selbst der Perique, sonst oft Garant für schwer-aromatischen Wohlgeschmack, ist hier so dosiert, dass der Byzantium nicht vom Weg der Zivilisation abkommt!

In seiner Art wirkt der Byzantium wie ein wenig aus der Zeit gefallen, fast ein Retro-Tabak. Der Stil der Komposition – nicht der Geschmack(!) – erinnert zwangsläufig an den alten Dunhill Nightcap! Das nur, um zu verdeutlichen, mit was für einer Granate man es beim Byzantium zu tun hat! Und vielleicht auch, warum er in meinen Augen polarisieren dürfte!

Cornell & Diehl ByzantiumNach dem Entzünden haben wir geschmacklich neben der Latakia-Rauchigkeit eine eigentlich nicht allzu breite Basis mit erdigen Noten verbunden mit feuchtem Laub, Moos und Unterholz. Das, was hier erst einmal „schwer“ klingt, schmeckt aber gar nicht „schwer“: es fühlt sich ein bisschen wie eine Wanderung im Bergwald nach einer Stunde und nicht nach sechs Stunden und 1000 Höhenmetern an! Die Orientals wirken grün und ganz leicht cremig, von cremiger Malzsüsse aber keine Spur! Die Substanz, die sie dem Tabak verleihen, ist ganz leicht süßlich und durchaus leichtfüssig, wobei die Leichtfüssigkeit vom Rest sofort im wahrsten Sinne des Wortes geerdet wird. Der geschmackliche Gesamteindruck ist „herb“ und daran ändert auch der Perique nichts, der im Einklang mit den süßlich grünen Orientals lediglich dafür sorgt, dass wir es beim Byzantium nicht mit einem Tabak zu tun haben, den man „rustikal“ nennen könnte.

Rustikal ist der Byzantium wirklich nicht, aber ein Tabak, der vor kantiger Männlichkeit nur so strotzt: das weisse Hemd ist einen Knopf zuviel auf, aber es wird noch ein dunkler Blazer getragen! Für Anfänger würde ich den Byzantium nicht empfehlen, denn dafür ist die oben erwähnte Granate eine Spur zu groß und auch durchaus zu „full“: ein Macho, aber ein echter, keiner der etwas sein will, was er nicht ist! Für eingefleischte Latakianer, vielleicht auch jene, die solche Tabake wie den alten(!) Nightcap vermissen, kann der Byzantium eine Offenbarung sein! Aber Vorsicht: der alte Nightcap war immer noch alter englischer Adel! Davon ist der Byzantium weit entfernt.

Trotz meiner Anfangsschwierigkeiten möchte ich den Tabak gerne empfehlen, mir gefällt er in seiner Sperrigkeit wirklich sehr gut und jeder, der bis jetzt gelesen hat, weiß, worauf er sich einlässt… Also: nur Mut!

 




Cornell & Diehl | Bow-Legged Bear

Man könnte den Eindruck haben, da wird gepresst, was nicht bis drei auf’m Baum ist. Was bei uns eher die Ausnahme ist, nämlich Mixtures zu Krumble Kakes zu pressen, das ist bei Cornell & Diehl weit verbreitete Normalität. Und diese Normalität schenkt uns Tabake, die über wunderbare Abbrandeigenschaften verfügen und uns damit ziemlich eindrucksvolle Geschmackserlebnisse bescheren. Man könnte auch sagen: „Das ist der Triumph der Langsamkeit“! Der Bow-Legged Bear ist ein Paradebeispiel dafür!

Cornell & Diehl Bow Legged BearBeim Pfeiferauchen ist Langsamkeit ein Zauberwort, denn je langsamer ein Tabak abglimmt, desto mehr Geschmacksnuancen kann dieser Tabak entfalten. Das ist der Grund, warum man von Herstellerseite erst den Aufwand des Pressens und des Portionierens und dann auf Raucherseite den des Aufbereitens betreibt. Nun ist es aber keineswegs so, dass jeder Tabak bzw. jede Mixture gewinnt, wenn man sie nur presst! Einen Tankstellentabak im Beutel wird man nicht zum Rollce Royce pimpen können, auch wenn man sich das nach all dem Aufwand noch so sehr einbilden mag. Taugt das Blattgut nicht, wird’s auch nach dem Pressen nicht taugen… Denn die Geschmacksnuancen müssen im Tabak angelegt sein, das Pressen bringt keine neuen, es hilft nur, dass sie sich beim Rauchen besser entfalten können!

Im Prinzip gibt es zwei Arten von herausragenden Krumble Kakes: klassische Mischungen mit einem hohen Anteil sogenannter Würztabake und reine Virginia bzw. Virginia/Perique Mischungen mit komplexen Anteilen hochwertigster Virginias. Zu den ersteren zählt der Bow-Legged Bear.

Cornell & Diehl Bow Legged BearUnser krummbeiniger Bär, der sich Pfeife rauchend als Tabakbauer verdingt, steht für eine klassische englische Mischung, der man bei Cornell & Diehl ganz unklassisch amerikanisch Burleys und Perique hinzugefügt hat. Die Mischung ist komplex und vielschichtig, obwohl der Latakia-Anteil geschmacklich wie auch im Geruch aus der Dose dominant ist. Von den Würztabaken spielt der Perique eine deutlich untergeordnete Rolle, auch wenn er auszumachen ist und für eine wundervolle geschmackliche Abrundung sorgt mit seinen dunkel-fruchtigen Aromen. Der Tabak ist durchaus „Full“ im Geschmack, wie es auch auf der Dose steht, trotzdem ist der Bow-Legged Bear kein überwältigend starker Tabak, was letztlich dem hohen Latakia-Anteil zu verdanken ist.

Cornell & Diehl Bow Legged BearÖffnet man die Dose, hat man sofort die ätherische Rauchigkeit einer englischen Mischung in der Nase, aber man merkt auch gleich, dass da eine seriöse, aber nicht zu breite Substanz an Virginias vorhanden ist. Das Schokoladige/Nussige des Burleys lässt sich für mich nicht ausmachen, es ist gut verpackt. Geschmacklich wird das dann etwas anders, denn Burley und Perique verbünden sich, um den Bow-Legged Bear schön abzurunden.

Hat man erst den ganzen Cornell & Diehl-typischen Papierkram irgendwie beiseite geschafft, prangen einem zwei gepresste Quader dunkelbraunen Tabaks entgegen, den man sich vielleicht aufgrund des Geruchs sogar noch etwas schwärzer erwartet hätte. Die Konsistenz der Quader ist dicht und fest, fest genug, dass der Tabak nicht sofort auseinanderbröselt, wenn man ein Stück herausnimmt und auch fest genug, um den Bow-Legged Bear mit dem Messer in relativ dünne Scheibchen zu schneiden. Man kann den Tabak zwar auch direkt vom Quader bröseln und in die Pfeife füllen, aber mit der „Scheibchenmethode“ bleiben nach dem grobem Aufrubbeln der abgeschnitten Scheibchen kleine lockere „Cubes“ übrig, die meiner Erfahrung nach einen noch langsameren Abbrand gewährleisten. Bei sehr locker gepressten Krumble Kakes funktioniert das nicht und man kann sich den Schritt des Schneiden getrost sparen, hier in diesem Fall beim Bow-Legged Bear funktioniert es mustergültig!

Cornell & Diehl Bow Legged BearDas Stopfen ist dann vollkommen problemlos, ganz oben drauf kommt eh der feinere Rest, und auch das Anzünden geht ohne Komplikationen, denn der Bow-Legged Bear kommt mit perfekter Feuchtigkeit aus der Dose. Er ist, wie bei vielen Cornell & Diehl Tabaken üblich, eher auf der trockenen Seite!

Was bis jetzt alles eher spektakulär klingt, das relativiert sich etwas beim ersten Eindruck im Geschmack: Die Virginias legen einen dichten Teppich an malziger Süsse mit Aromen von süsser leicht holziger Creme und frischem Schwarzbrot aus. Dazu kommen Röstnoten und die satte Rauchigkeit des Latakias. Lediglich die Orientals sorgen dafür, dass wir keinen allzu dicken schweren Eindruck haben, sie verleihen dem Bow-Legged Bear genau das Maß an Leichtigkeit, das es braucht, um nicht uninteressant zu wirken.

Cornell & Diehl Bow Legged BearDas besonders Interessante an diesem Tabak aber ist die Abrundung durch den Burley und den Perique! Und das nicht zuletzt deshalb, weil sich diese Abrundung geschmacklich entwickelt: Kommt der Bow-Legged Bear am Anfang nach dem Entzünden eher geradlinig daher, so entfalten sich diese leicht nussig-schokoladigen und trockenfruchtigen Aromen des Burleys und des Periques mit der Rauchdauer und durch den extrem langsamen Abbrands des Krumble Kakes!

Einhergehend mit dieser geschmacklichen Entwicklung des Bow-Legged Bears entwickelt sich auch die Fülle des Tabaks. Er startet „medium“ und entwickelt sich immer mehr in Richtung „full“, aber das tut er nicht, indem nur alles stärker wird, sondern indem die Aromenfülle zunimmt und der Perique immer deutlicher wird! Und das alles im Zeitlupentempo! Eine durchschnittlich große Füllung etwa Dunhill Group 4 braucht locker zwei bis zweieinhalb Stunden bis sie aufgeraucht ist. Und das ohne jede Aufmerksamkeit oder Nachzünden!

Für mich wäre der Bow-Legged Bear ein perfekter Alldays Smoke, wäre er nicht auch interessant genug für nach dem Abendessen! Nur: Zeit muß man für den Tabak mitbringen – aber was gibt es schöneres, als Zeit zu haben… Wenn man Gelegenheit hat, an den Tabak zu kommen: Probieren lohnt sich sehr!




Pimp My Old Boy

Natürlich kann man sich über eine Aufrüstung des weltbesten Pfeifenfeuerzeugs süffisant äußern, wie soeben durch einen Leser hier geschehen. Schließich ist unsere gesamte globale Gesellschaft mittlerweile in weiten Teilen der Lächerlichkeit anheimgefallen. Wo sich Plagiate jeglicher Art zunehmend zum Bestandteil (oder gar zum Vermögen) vieler öffentlicher „Charaktere“ entwickelt haben – und das nicht nur in Zeiten von Wahlkämpfen- möchte ich nicht versäumen, Ihnen die Originalität, Sinnhaftigkeit und Design-Genialtät von Pimp My Old Boy vorzustellen.


Mit meinen Old Boys habe ich in den zurückliegenden über 50 Jahren diverse, teils schröckliche, wundersame Abenteuer erlebt, über die mehrfach berichtet wurde. Jedes Mal bin ich gestärkt in meine Beziehung zu diesem unverzichtbaren Tool zurückgekehrt. Derart idealisiert, verschweigt man gerne den einen oder anderen Mangel des life style gadgets, damit ST Dupont, Dunhill, Rowenta, Zippo, Colibri und IMCO oder gar Big Boy nicht Boden gewinnen in der hehren Welt von uns Pfeifenrauchern.

Es gab über die Jahre hin einen besonderen Wermutstropfen beim Gebrauch von Old Boy(s), den jeder sicherlich erfahren hat, aber über den niemand spricht. Weil er den eigenen unsachgemäßen, nachlässigen Umgang mit diesem Überlebenstool aufzeigt.
Nun, es gab ihn, diesen Wermutstropfen, denn das Problem ist endlich gelöst. Funktional perfekt, handwerklich ebenso ausgeführt, Material und dessen Verarbeitung von höchster Güte. Da das Produktmanagement der Manufaktur TS Design noch keinen Namen festgelgt hat, habe ich den Arbeitstitel (working title, zum besseren Verständnis) Pimp My Old Boy vergeben, damit alle der deutschen Sprache Mächtigen verstehen, worum es hier geht.


Das verschwiegene Problem: häufig ist der Tank meiner Old Boys entleert. Nicht, weil ich ständig rauche oder anderweitig zündle. Immer wieder öffnet sich unbeabsichtet der Verschlußdeckel, der auch die Gaszufuhr regelt. Gas entströmt in die Sakko- oder Hosentasche, in Einkaufsbeutel oder Rucksäcke, Ranzen, Seesack oder in sonstige Transportbehältnisse, die unsere Rauchutensilien aufnehmen, sobald wir unterwegs sind.

Zündhölzer als eiserne Reserve führen wir alle mit, denke ich. Also, ich mache das auf jeden Fall und habe vor langer Zeit begonnen, Zündholzbriefchen zu sammeln. Am liebsten die von dubiosen oder anstößigen Clubs. Somit kann ich da, wo ich es angebracht wähne, ein gewisses weltmännisches Flair vermitteln. Aber die Zeiten sind nun vorbei.

TS Design hat nachgedacht und eine lederne Hülle entworfen, die nicht nur den gesamten Korpus von Old Boys schützt, sondern auch den Verschlußdeckel durch eine Lederschlaufe auf einfache und zuverlässige Funktion verriegeln hilft. Ungewollter Gasverbrauch Ade! Die Fotos sprechen für sich.
Das Design empfinde ich sehr ansprechend, hochwertiges Leder, handgenäht. Und – wie das Old Boy selbst – äußerst solide und gediegen. Bernhard Roetzel sollte es in sein „Der Gentleman“ aufnehmen.

Übrigens:

Wer sich hinter TS Design verbirgt (noch), verraten wir in der bald erscheinenden Artikelfolge.




David Wagner -baff¿- † 1968-2021

Soeben erhielten wir von unseren Wiener Pfeifenfreunden die betrübliche Nachricht, daß der weltbekannte österreichische Pfeifenkünstler David Wagner aka baff¿ – vor kurzem seinem Krebsleiden auf einem längeren Segeltörn erlegen ist, mit 53 Jahren wahrlich, wahrlich zu früh.

Seit langem hat es eine freundschaftliche Verbindung zwischen David und uns gegeben, das stammte noch aus den Anfängen des Forums Pfeifen und mehr (Pum). Damals fand ein reger Austausch zwischen den Wiener Freunden um das Wiener Pfeifenkonsulat von Thomas Schober, dem Club der Wiener Cigarren- und Pfeifenfreunden und uns Münchnern statt. Regelmäßige Besuche anläßlich von Clubtagen in Wien, zu denen wir sogar einmal eine Ausstellung für den deutschen Bildhauer und Pfeifenmacher Ralf E. Wunderlich mit einbrachten, fanden in sehr angenehmer Atmosphäre statt und dort lernten wir auch David Wagner persönlich kennen, dessen Karriere bereits zu diesem Zeitpunkt große Fahrt aufgenommen hatte. Auch eine gemeinsam veranstaltete Weinreise fand ihn unter den Teilnehmern.

Oft haben wir über seine Spezialität, die „Pfeifen-Maßschneiderei“ gesprochen und er fertigte einige für mich an, die unten zu sehen sind. Seine Exponate waren/sind sehr begehrt in unserer Gemeinschaft und ich bin sicher, dass es zahlreiche Besitzer von baff¿ Pfeifen gibt, die vom Forum Pfeifen und mehr mit uns in den pfeifenblog.de umgezogen sind. Auch in Asien- und hier vor allem in Japan – waren seine Pfeifen so stark nachgefragt, dass bei einer Jahresproduktion von nur ca. 100 Exemplaren das Angebot in Österreich und Deutschland knapp war.

David war ein besonderer Charakter, der sich erst nach ausgiebigen, sorgfältigen Überlegungen 2005 entschlossen hatte, sich selbstständig aufzustellen. Pfeifenschneider hatte er erlernt, ein in Österreich anerkannter Handwerksberuf. In die engere Wahl kamen für ihn neben Pfeifenmacher auch Fotograf, Schiffsbauer und Meeresbiologe. Er liebte den Umgang mit dem Material, fühlte sich der absoluten handwerklichen Perfektion verpflichtet. baff¿-Pfeifen hatten zahlreiche typische Alleinstellungsmerkmale, die oftmalige Verwendung von Bambus als Applikation war besonders bemerkenswert.

 

Das viel zu frühe Ableben, nach dem ausdrücklichen Wunsch von David Wagner sollte es völlig öffentlichkeitsfern behandelt werden, läßt mich seine Pfeifen in meiner Sammlung noch viel aufmerksamer wahrnehmen:

 




 


We just received the sad news from our Viennese pipe friends that the world-renowned Austrian pipe artist David Wagner aka baff¿ – recently succumbed to his cancer while on a long sailing trip, at the age of 53 truly, truly too soon. There has been a friendly connection between David and us for a long time, dating back to the early days of the forum Pfeifen und mehr (Pum). At that time there was a vivid exchange between the Viennese friends around the Viennese Pfeifenkonsulat of Thomas Schober, the Club of Viennese Cigar and Pipe Friends and us Munich people. Regular visits on the occasion of club days in Vienna, to which we even once contributed an exhibition for the German sculptor and pipe maker Ralf E. Wunderlich, took place in a very pleasant atmosphere and there we also got to know David Wagner personally, whose career had already taken off in a big way at that time. A jointly organized wine tour also found him among the participants. We often talked about his specialty, „custom pipe making“ and he made some for me, which can be seen below. His exhibits were/are much sought after in our community and I am sure there are numerous owners of baff¿ pipes who have moved from the former forum with us to pfeifenblog.de. In Asia- and here especially in Japan- his pipes were in such high demand that with an annual production of only about 100 pieces the supply in Austria and Germany was short.
David was a special character who only decided to set up his own business in 2005 after extensive, careful consideration. He had learned to be a carver, a recognized craft in Austria. In addition to carving pipes, his shortlist once included photographer, shipbuilder and marine biologist. He loved working with the material, felt committed to absolute craftsmanship perfection. baff¿ pipes had numerous typical unique selling points, the frequent use of bamboo as an appliqué was particularly noteworthy.
The much too early demise, according to the express wish of David Wagner it should be treated completely away from the public, lets me notice his pipes in my collection much more attentively.




Cornell & Diehl | Black Frigate

Er zählt angeblich zu den beliebtesten Tabaken von Cornell & Diehl, ist in Europa, glaube ich, nur bei unseren Nachbarn in der Schweiz erhältlich und taucht in der öffentlichen Wahrnehmung hierzulande kaum auf. Das ist ebenso schade wie unerklärlich, denn der Black Frigate ist ein ziemlich eindrucksvoller Tabak, der auf der einen Seite ein bisschen zwischen den Stühlen sitzt, obwohl er andererseits den Platz im Lehnsessel verdient hätte. Zeit, mal einen Blick darauf zu richten!

Cornell & Diehl Black FrigateAm besten beginne ich mit einem Vergleich zu einem Tabak, der vorbehaltlich brexitärer Entwicklungen, auch bei uns erhältlich ist, nämlich zu Samuel Gawith’s Navy Flake, einem Tabak, der eine ähnliche Intention wie der Black Frigate hat, geschmacklich und stilistisch durchaus vergleichbar ist, auch wenn die Zusammensetzung der vorhandenen Tabake sich bei beiden etwas unterscheidet. Wichtiger ist, was die Tabake verbindet und das ist bei beiden die Kombination einer Rum-Aromatisierung mit Latakia!

Cornell & Diehl Black FrigateUnd da wären wir schon bei „zwischen den Stühlen“ angekommen, da eingeschworene Latakia-Raucher im Regelfall froh sind, wenn ihre rauchigen Lieblingstabake nicht durch irgendeine Form von Aromatisierung im Geschmack beeinträchtigt werden. Das passiert beim Black Frigate allerdings in sehr überschaubarem Maße und passt darüber hinaus ganz vorzüglich zum Geschmacksbild des Tabaks. Die Aromatisierung hier ist definitiv keine, vor der man Bedenken haben müsste, zumal der Rum, den man beim Black Frigate ganz leicht im Hintergund schmeckt, keine dieser plumpen vordergründig fruchtigen Zuckerbomben ist sondern stilistisch eher einem Rhum Agricole entspricht: Raucherclub statt Mädelsabend!

Im direkten Vergleich zum Navy Flake von Samuel Gawith würde ich die Aromatisierung beim Black Frigate als deutlicher wahrnehmbar einschätzen, allerdings sind dabei einerseits die Chargenschwankungen bei Gawith zu berücksichtigen und andererseits der Charakter der Tabakbasis: Während beim Navy Flake nur ein relativ dezenter Latakiaanteil zu Buche schlägt, haben wir es beim Black Frigate mit einem signifikanten Latakiaanteil zu tun. Cornell & Diehl Black FrigateUnd dieser höhere Latakiaanteil kann natürlich auch eine etwas intensivere Aromatisierung recht problemlos ausbalancieren! Das heißt jetzt nicht, daß wir es beim Black Frigate mit einer Latakiabombe zu tun haben, aber die Entermesser auf der schwarzen Fregatte sind schon deutlich länger als bei der gesitteten Royal Navy und für die richtigen Mordwerkzeuge hat Cornell & Diehl ja immer noch den Pirate Kake im Programm…

Cornell & Diehl Black FrigateWährend beim Navy Flake das, was Samuel Gawith am besten kann, nämlich ein Virginia-Flake mit Latakia die Grundlage bildet, sind es beim Black Frigate Navy Cavendish, also dunkelst fermentierte Virginias, mit diversen Orientals und Latakia. Und zwar als Ribbon Cut Mixture, die zu einem Krumble Kake gepresst wurde. Unabhängig von seiner Aromatisierung wartet dieser Tabak mit einer hohen aber gleichzeitig dezenten Grundsüsse auf, der die Orientals einen leicht ätherischen Charakter verleihen, wie wir ihn von klassisch englischen Mixtures her kennen. Das alles hat zur Folge, dass der Black Frigate nicht nur einen sehr harmonischen Eindruck hinterlässt, sondern vom ersten bis zum letzten Zug auch sehr natürlich wirkt: niemals hat man das Gefühl, dass man es mit einem konstruierten Aromaten zu tun hat!

Durch seine Aufbereitung als Krumble Kake, der relativ trocken trocken ausfällt und auch nicht übermaßig stark gepresst wurde, wird der Black Frigate unglaublich ergiebig: an eine Füllung, die vollkommen problemlos zu stopfen ist, raucht man eine gefühlte Ewigkeit! Und zwar kühl, gleichmäßig und völlig ohne jegliches Nachzünden! Der Geschmack ist entsprechend vollmundig, sehr erdig und cremig zugleich mit fruchtigen und rauchigen Anklängen: Genuß pur! Cornell & Diehl Black FrigateWas die Stärke angeht muss man allerdings konstatieren, dass die schwarze Fregatte doch eher ein Linienschiff ist: hier wird aus zwei Kanonendecks gefeuert, also irgendwo zwischen Medium und Full! Eher nichts für nach dem Frühstück aber nach dem Abendessen gar kein Problem. Ob der Black Frigate nun der perfekte Alldays Smoke ist muss dann letztlich jeder für sich entscheiden, denn die Wahrnehmung und Verträglichkeit von Nikotin ist unterschiedlich! Großen Genuß gibt’s aber immer! Ein sehr empfehlenswerter Tabak!




STG ohne Hardware: Trennung von Dunhill/White Spot und Winslow

Dunhill Pfeifen (das idiotische „White Spot“ kommt mir nach über 50 Jahren unveränderter Begeisterung über Dunhills irgendwie nicht aus der Feder) und die von Poul Winslow werden ab dem 01.07.2021 vom italienischen Distributor Augusta srl, Rom, (u.a. Castello) vertrieben. Augusta zeichnet bereits für den Vertrieb von Dunhill in der Schweiz, Irland, USA und Italien verantwortlich und hat soeben in Duisburg ein Büro eröffnet, das für den deutschen und österreichischen Markt zuständig ist. Markus Wirtz, lange Jahre bei STG verantwortlich für die STG Pfeifensparte in Deutschland, leitet die Niederlassung und damit ändert sich für den Fachhandel bis auf eine geänderte Fakturierung wohl nichts. Es reden weiterhin die gleichen Beteiligten miteinander.

Dunhill 4111 Cumberland aus der „Vor-White Spot“ Zeit.

STG verabschiedet sich damit vollständig aus dem „Hardwaregeschäft“, es sei daran erinnert, dass auch einmal Stanwell zu STG gehörte.

Veränderungen in der Pfeifenbranche gibt es immer wieder. Anders als bei Peterson & Kapp, die 2018 in den Besitz von Laudisi Enterprises (USA, u.a. Cornell & Diehl, Smokingpipes) übergingen, haben bei Dunhill und Winslow nicht die Besitzverhältnisse, sondern nur die Distributionspartner gewechselt. Wir Pfeifenraucher werden davon wohl kaum etwas bemerken, solange die Produktpolitik und die Verfügbarkeit unverändert bleiben.

3 Winslow-Pfeifen mit Kontrastbeizung. einmal anders als die beliebten Großformate des dänischen Pfeifenmachers.

Alle abgebildeten Pfeifen im Besitz des Autors.

 

STG = Scandinavian Tobacco Group




Pfeifendeckel – Deckelpfeifen

Übersicht über die wichtigsten Deckelvarianten – ein Versuch.

Der eine oder andere von euch, kann es sicher schon nicht mehr hören oder lesen. Mein Pfeifendeckel-Fetisch interessiert doch keine Sau, dachte ich auch immer, aber schrieb trotzdem darüber. Doch zeigt mir überraschenderweise die Statistik, dass diese Artikel sehr viel gelesen werden. Aber vielleicht spricht das nicht unbedingt für dieses Thema, sondern nur für die Tatsache, dass hier zu wenig wirklich interessante Artikel veröffentlicht werden und dass meine Deckel-Elegien aus lauter Verzweiflung trotzdem angeklickt werden. Aber ich kann euch versprechen, dieser Beitrag erschlägt das Thema Pfeifendeckel endgültig und erschöpfend. Nach dieser Arbeit, wird jede weitere Zeile nur Wiederholung des bereits von mir Gesagtem sein. Und auch ich lasse euch danach für immer in Ruhe damit, versprochen.

Den Link zur achtbändigen Druckvariante des „Almanach der Deckelpfeife im Wandel der Zeit unter der besonderen Berücksichtigung sozikultureller Einflüsse auf das Rauchverhalten des westlichen Abendlands“ folgt sofort nach Drucklegung.

Lesen Sie jetzt schon einige Kapitel vorab:

Klappen, Schwenken, Schieben und Kippen.

Klappen

Bruyere Garantie

Peterson Silver Wind Cap

Der Klassiker: Ein Metalldeckel wird mittels eines Scharniers nach oben und natürlich auch wieder unten geklappt. Meist passiert das längs zur Holmrichtung vom Raucher weg, damit er oder sie hineinschauen und bequem nachfeuern kann. Der Verschlussmechanismus ist eine Metalllippe, die sich sich über eine feste Stelle am Kopfrand stülpt und den Deckel nach leichtem Druck schliesst. Das gibt es natürlich in unterschiedlicher Ausführung aber im Grunde ist das Prinzip immer gleich, simpel und selbsterklärend. Die deutlichen Unterschiede sind in erster Linie qualitativer Art. Während meine Peterson zum Beispiel eine massive Echtsilber Applikation hat, hängt auf der Bruyere Garantie nur ein windiger Blechdeckel schief herum. Von Dunhill soll es sogar Deckel aus massivem Gold geben, einen solchen kann ich euch aber leider nicht zeigen, schliesslich bin ich nur ein einfacher Junge aus der Isarvorstadt. (Ihr wisst schon, in der Kindheit nur im Winter Schuhe und nach dem Krieg mit dem Bollerwagen aufs Land zum Kartoffeln kaufen und so … wir hatten ja nix.)

Schwenken

Das Schwenken oder Schieben als Verschlussmechanismus ist schon etwas ungewöhnlicher und mutet auch viel moderner und weniger großväterlich an. Für das Schieben wird eine Achse benötigt, diese Funktion übernimmt meist eine Schraube, die in den Pfeifenkopf hineingeschraubt wurde. Der Deckel wird an der Achse horizontal von der Rauchkammer weg, bzw. auch wieder auf sie zu bewegt.

Aufsetzen, oder Schlitzen?

Maestro de Paja – Fatta a Mano

Caminetto

Bei den Schiebedeckeln ist der Variantenreichtum deutlich ausgeprägter. Ganz grundsätzlich kann man die Patente unterscheiden, in dem man die vertikale Position der Deckel betrachtet. Die einfachste und auch primitivste Variante ist, wie auch meiner Vauen Duke der Deckel, der auf der Pfeife oben aufliegt, man kann den Messingdeckel an der Schraube um 360 Grad drehen.

Schon ein etwas ausgefeilter ist der Mechanismus meiner Caminetto. Hier befindet sich der Deckel zwar auch oben auf dem Kopfrand, dieser ist aber mit einer weiteren Metallschicht ausgekleidet. Zudem verhindert eine Nut im Metall und ein winziger Stift auf der Unterseite des Deckels, dass der Deckel zu weit geschwenkt wird.

Maestro de Paja – Fatta a Mano

Bei meinen beiden Schwestern aus dem Hause Maestro de Paja befindet sich die gesamte Mechanik im Deckel, der aus mehreren Teilen besteht. Der Schwenkdeckel läuft in einer mittig zum Teil geschlitzten stählernen Kopfrand-Applikation. Hier rastet der Deckel nicht ein, sondern stoppt in der geschlossenen Position, weil der Schlitz zu Ende ist. Ein kleiner Vogelkopf dient hier als Griff fürs Auf- und zuschwenken.

Schneiderwind W.O. Selection Brebbia

Der aufwändigste Schwenkmechanismus ist bei der Schneiderwind W.O. Selection Brebbia verbaut. Hier ist nicht der Deckel geschlitzt, sondern der Pfeifenkopf selbst. Es ist auch keine primitive Schraube, die hier Achse dient, sondern ein Stahlstift, der hier in den Kopf getrieben wurde. Auf dem Kopfrand befindet sich eine filigrane Silberarbeit. Innen und aussen befindet sich jeweils ein schmaler Silberring. Das Bird-Eye Muster des Bruyeres-Rands kommt dadurch noch besser zur Geltung. Zudem sorgen zwei winzige Silbernasen dafür, dass der Deckel angenehm fest einrastet. Da wackelt nichts, das ist ungeheuer stabil und zugleich filigran und edel hier ist auch der Deckel aus Sterlingsilber.

Kippen

Butz-Choquin Auto-Sport 1601

Den für mich ungewöhnlichsten Deckelmechanismus hat meine neue Butz-Choquin Auto-Sport 1601. Ich erhielt sie von einem Zuschauer meines YouTube-Kanals, der genau wusste in wessen Händen bizarre Deckelpfeifen gehören, Danke nochmals. Es handelt sich dabei um die rustizierte Variante dieses Modells. Beim flüchtigem Blick glaubt man fast, der Deckel sei aus dem gleichen Holz geschnitzt, wie die Pfeife selbst. Das ist aber mitnichten so. Es ist nicht einmal Holz, der Deckel ist aus Bakelit, einem sehr altertümlichen Kunststoff und er wurde mit dem gleichen Muster rustiziert, wie der Pfeifenkopf und sieht auch farblich täuschend gleich aus. Der Deckel wird zum Öffnen nach hinten gekippt, sehr lässig! Der Name Auto-Sport verrät einem sogleich für welche Zielgruppe diese Pfeife entwickelt wurde. Der sportliche Cabrio-Fahrer sollte trotz Fahrtwind geschützt von Funkenflug dem genussvollen Pfeifenrauch frönen. Ohne diesen Deckel würde der Fahrtwind bei sportlicher Fahrweise die Glut so sehr anheizen, dass von dem Bruyèreholz bald nichts mehr übrig sein würde, meinten die Erfinder. Zusätzlich ist die Oberseite des Kopfes vorne auch etwas erhöht, was einen zusätzlichen Schutz der Glut gewährt.

Materialien

Wie ihr aus dem vorherigen Beschreibungen entnehmen konntet, kommen für die Deckel verschiedenste Materialien zur Anwendung.
Gold, Silber, Edelstahl, Blech (vernickelt, verchromt), Messing, Holz (Bruyere) und Bakelit. Welches Material verwendet wird, hängt glaube ich in erster Linie mit der Preisgestaltung der Pfeife zusammen. Alle diese Materialien erfüllen ihren Zweck, sie schützen vor Wind und Wetter und halten die Funken im Pfeifenkopfinneren. Mit der Hitze der Brennkammer kommen sie allesamt gut zurecht. Den einzigen wirklichen Vorteil kann ich bei der Kombination von Bruyere und Silber bemerken (Caminetto). Durch die isolierende Wirkung des Holzes wird das Metall nicht heiss. Das verhindert, dass man sich bei der Bedienung des Deckelmechanismus‘ nicht die Pfoten verbrennt. Und damit sind wir schon beim nächsten Teil angelangt.

Handhabung

Warum sollte man den Deckel während des Rauchens überhaupt anfassen? Natürlich, weil man nachfeuern muss. Möglicherweise gibt es Raucher unter uns, die ihre Pfeife, einmal entzündet, bis zum Ausschütten des legendären grauen Ascherests, nicht mehr anfassen müssen, ich gehöre leider nicht dazu. Ich bin viel zu g’schaftig und unkonzentriert. Ich muss immer wieder nachfeuern und dazu ist es eigentlich nötig, den Deckel zu öffenen. Eigentlich? Ja, bei einigen Modellen ist es nämlich nicht unbedingt erforderlich. Bei einem oben geschlossenen Deckel, bleibt einem natürlich nichts anderes übrig, als vor dem Anzünden zu öffnen, aber durch einige der Löcher kann man durchaus hindurchzünden, wenn man eine genügend starke Flamme nutzt. Da ich draussen fast immer einen Pfeifen-Zippo benutze, geht das vortrefflich. Das ist sicherlich alles andere als elegant, aber mache ich hin und wieder, muss ich zugeben.

B.B.K Brunner-Buhofer, kurz auch Bru-Bu

Luftzufuhr

Eine jede Verbrennung braucht Sauerstoff, da muss man kein promovierter Chemiker sein, um das zu wissen. Deshalb wäre ein hermetisch schliessender Deckel nur ein sehr kurzer Rauchgenuss. Eine jede Abdeckung der Rauchkammer braucht Lücken, um Luft an die Glut zu lassen. Dabei kommen zwei verschiedene Arten der Luftzufuhr zur Anwendung: Löcher oben oder seitliche Schlitze. Die Löcher im Deckel sind am Verbreitetsten, aber bei Starkregen nur so mittel-gut. Für hochalpines Gelände (München->Verona) oder im immer-verregneten-südskandinavische-Tiefland (Aschaffenburg->Bergen) braucht man einen oben geschlossenen Deckel. Seitliche Luftschlitze sorgen bei diesen Pfeifen für die Sauerstoffzufuhr.

Pflege und Reinigung.

Jede Applikation auf einer Pfeife ist ein zusätzlicher Schmutzfänger.
Verbringen wir sowieso nicht schon unzählige Stunden unseres Lebens mit einem Silberputztuch in der Hand? Kommen zu den Silberbechern, den Serviettenringen, dem Besteck und Teekannen jetzt auch noch lauter Zierringe, Army-Mounts und Pfeifendeckel dazu? Ja, so ist es leider.
Rauch der nach oben steigt nimmt ordentlich Teer, Asche und Wasweissichnochalles mit und dieses Zeug klebt dann innen am Pfeifendeckel fest. Und nicht nur das, auch die Scharniere verkleben mit der Zeit. Eine Deckelpfeife ist ein „High-Maintenance-Rauchgerät“ das ist leider so. Vielleicht ist sie deshalb so aus der Mode gekommen. Obwohl seit 2020 eigentlich jeder Mensch mindestes zwei Hunde zu haben scheint, (Das habe ich anhand der gestiegenen Vollgeschissenheit der Pegnitz-Auen und Trottoirs hochgerechnet) werden Deckelpfeifen immer seltener, obwohl ich mir nicht besseres auf eine Hunderunde, als eine solche Outdoorpfeife vorstellen kann. Aber wer will schon zusätzlich zu den Hundekotbeuteln auch noch Silberputztücher mit auf die Gassirunde mitnehmen. (Ausserdem wären dann die Parkanlagen auch noch mit gebrauchten Silberputztüchern vermüllt).

Schluss mit den Gehässigkeiten, aber es ist tatsächlich so, Deckelpfeifen machen Arbeit. Aussen wische ich einfach nur mit dem Tuch über die Deckel, das reicht. Ein Silberputztuch reinigt im übrigen auch alle anderen Metalle sehr gut und innen … Naja, sagen wir es mal so, bei mir fällt das in die Kategorie Jahresinspektion. Wenn möglich schraube ich die Deckel ab und gönne der Unterseite einen ausführlichen Putz mit Wattestäbchen, Alkohol, und Silberputzmittel. Bei besonders hartnäckigen Fällen gehe ich mit Grillreinigern oder sogar Backofenspray an die verdreckten Kamine. Das hört sich brutal an, ist aber effektiv.

Lieber Leser, sind jetzt noch irgendwelche Fragen zu Deckelpfeifen offen geblieben?

Ich kann es mir kaum vorstellen. Wenn doch, so freue ich mich über Kommentare hier unter dem Artikel. Ansonsten, habt ihr auch ein paar Deckelpfeifen in eurem Besitz, oder pflegt ihr einen anderen (Pfeifen)-Fetisch?