Pipe Republic | St. Peter’s Flake

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Was bedeutet Alltag? Ich denke dabei sofort an Alltagssorgen und Alltagsprobleme, an die zermürbenden Lästigkeiten des täglichen Lebens, die einem jegliche Kreativität, Energie und Lebenslust rauben können. Das Zähneputzen, Einkaufen, E-Mails-Lesen, Müll-Raustragen und Rasieren …

In der deutschen Sprache ist „Alltag“ einfach nicht positiv besetzt, also zumindest bei mir nicht. Schon mit dem Wort „Alltag“ kann man mir den Tag verderben. Ich habe dieses Wort jetzt schon so oft verwendet, dass ich die ganze Woche über übellaunig sein könnte.

Aber warum tippe ich es denn überhaupt so häufig? Noch dazu in einem Tabak-Review in einem Pfeifen-Blog?
Im Englischen gibt es den Ausdruck „Allday-Smoke“ Damit ist ein Tabak gemeint, den man gut und gerne jeden Tag rauchen kann. Das Wort „Allday“ ist scheinbar positiver besetzt. Etwas ist so gut, dass man es jeden Tag tun möchte, oder sogar den ganzen Tag lang. Also zum Beispiel einen bestimmten Tabak rauchen.

Wenn ich den „St. Peter’s Flake“ nun in meinem Review als einen „soliden Alltags-Rauch“ bezeichne, dann habe ich nicht nur einen überaus bescheuerten Anglizismus benutzt, sondern werde mit der negativen Konnotation des Wortes diesem Tabak auch überhaupt nicht gerecht. Wobei er bei mir zur Zeit tatsächlich ein Alltags-Tabak ist.

Ich gehöre nicht zu den Rauchern, die unendlich viele Tabakdosen offen haben und mal hier und mal da naschen. Bei mir sind das höchsten zwei, eine Dose Virginia – mit oder ohne Perique – und manchmal noch irgend etwas Aromatisches, entweder ein Engländer – ja, Latakia fällt bei mir in die Kategorie Aroma – oder tatsächlich ein Aromat, meist auf Virginia-Basis. Ich rauche demnach relativ sequentiell: Dose für Dose.
Mein Alltag wird also zur Zeit von diesem Flake aus dem Hause Pipe Republic/Tabak Benden bestimmt. Ich rauche ihn fast täglich. Ist das jetzt der trübe, graue Alltag des Chronisten? Die Tristesse der Einförmigkeit? Mitnichten. Der Tabak ist wohlschmeckend, brennt problemlos und ist perfekt konditioniert, ich kann mich überhaupt nicht beschweren. Aber warum dann nicht einfach ein positiv flockiges Tabakreview, wie es sich gehört, sondern einen langatmige Vorrede über den Alltag?

Mittelordentlich geschichtete mitteldunkle Flake-Streifen, die einen sehr angenehmer Geruch nach Heu und Zitrusfrüchten verströmen. Der Tabak ist eine klassische Mischung aus Virginia und Perique.
Der Geschmack ist pfeffrig perlend auf der Zunge, vermutlich ist das der Perique …
So etwas in der Art. Dann könnte man noch etwas technisches zum Tabak sagen:
Die Steuernummer 28712 lässt auf DTM als Hersteller schliessen, der Preis ist mit 18,30 Euro für 100g absolut erschwinglich.

Und da ist es auch schon das nächste Kriterium für einen alltagstauglichen Tabak, man muss ihn sich auch täglich leisten können. Im Gegensatz zum ganz besonderen Sonntags-Tabak, den man wie seinen Sonntagsanzug nur an hohen Feiertagen trägt, so ist es auch mit dem Tabak: Einen Kingfisher oder Penzance raucht man nicht nebenher in der Werkstatt. Und genau da geniesse ich den St. Peter’s Flake. In der Werkstatt, im Atelier, beim Malen im Freien. Da glimmt der gutmütige, solide Flake in einer Deckelpfeife, geht auch beim unkonzentrierten Rauchen selten aus und wenn, so lässt er sich mit dem Alltags-Draussen-Zippo problemlos neu entzünden. Keine Offenbarung, keine Geschmacksexplosion, aber mit diesem Tabak in der Pfeife, lässt sich der Alltag aushalten. -> Bezugsquelle<

Alexander Broy

Alexander Broy ist Künstler, Grafiker und YouTuber. Mehr zu sehen, hören oder lesen gibt es auf seinem Blog Künstlertagebuch. | Abonniere auch seinen NEWSLETTER

3 Antworten

  1. Ich habe die Ausführungen des geschätzten Autors ein wenig auf mich einwirken lassen, vor allem, da mich die doch deutlich negative Einstellung zum Begriff Alltag -obwohl später ein wenig relativiert- irritiert hat. Vielleicht liegt es ja an der mehr südlichen, ja fast schon nördlich mediterranen Lage meines Wohnortes München, daß routinierte, immerwährende und ähnliche Tagesabläufe (eben der Alltag) für mich eher positiv sind und die trotzdem die häufigen Imponderabilien während der 24 Stunden nicht unterbinden und diese somit spannend halten. Das mögen vor allem neofrankonische Nürnberger Künstler mit ihrer teils unwirtlichen Umgebungsordnung (Lage, Klima, Kulinarik, Verkehr, politische Nachbarschaften) und trotz Schedelscher Weltchronik, Dürer, Hans Sachs, Behaim und die Maxen Morlock und Grundig völlig anders sehen und sich von ihrem Alltag niederdrücken lassen. Den Alltag aber erwartungsgemäß und in Teilen geplant gestalten und dennoch genügend Freiraum für individuelle Ergeignisse halten, erscheint mir befriedigender zu sein. Den englischen Begriff Allday [Smoke] allerdings würde ich nicht in Beziehung zum tristen deutschen Alltag des Autors setzen, dafür passt dann eher das everyday life.

    Ich habe zwischenzeitlich einige Pfeifen mit St.Peter`s Flake geraucht und stimme hier dem Autor in seiner Einordnung als guten Allday Smoke zu. Er läßt sich tatsächlich täglich, mit immer gleichem Geschmackserlebnis rauchen, ohne langweilig oder andererseits besonders hervortretend zu sein, ein ehrlicher Tobak, wenn das denn eine verständliche Aussage ist. Was will man mehr.

    Vielen Dank für die Vorstellung.

  2. Don Perique sagt:

    Originelles Review! Ich wünsche mir da allerdings eher eine Neuübersetzung des Alten Testamentes durch Herrn Broy als die kostenpflichtige Zusendung einer Probe des vorgestellten „Allday-Tabaks“.

    Gesegnet, wer ihn umsonst bekommt!

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