Wandel der Zeit? Nicht bei Army Mounts.

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Verhältnisse in der Gegenwart, die  vermutet einem imaginären Wandel der Zeit unterliegen, oder schwergewichtiger, sogar durch eine Zeitenwende geschaffen wurden, sind für uns Alltag. Teils leichtfertig und selten evident so bezeichnet, wird versucht, viele Veränderungen mit einem nicht aufzuhaltenden Wandel zu erklären, zu dem man sich eigentlich sorgfältigere und aussagekräftigere Einschätzungen einfallen lassen müßte. Ein Allerweltsbegriff also, der für alles in der Menschheitsentwicklung stehen kann.

Mein hochgeschätzter, niederrheinischer Philosoph und Poet Hanns-Dieter Hüsch, hat einmal von seinem  Großvater erzählt, der „Herr seiner Zeit gewesen sei und Straßenbahnen angehalten hat “. Was so merkwürdig klingt, hat durchaus einen gesellschaftskulturellen Hintergrund. Nur wer zu den Honorationen gehörte, der konnte außerhalb der Haltestellen die Pferde- oder später die Trambahn durch ein leichtes Anheben des Spazierstocks anhalten und zusteigen. Heute undenkbar und ich bin mir sicher, daß unser ebenso geschätzter Roland H. auch als Mitglied der Münchner Runde auf das Erheben meines Spazierstabes hin überhaupt keine Anstalten machen würde, mich in „freier Wildbahn“ einsteigen zu lassen, geschweige denn die Betriebs- oder gar Notbremse zu betätigen. Das würde es dann für mich gewesen sein und wäre ein eindeutiger Nachweis für den Wandel der Zeit.

Nun unterliegen die gerade zum Ende eines Jahres vom Fachhandel angebotenen „Jahrespfeifen“ selbstredend dem steten Wandel der Zeit, so würde man meinen. Jedes Jahr muß es eine andere Form, ein neue gewagte Farbe für das Mundstück und viele marginale Absonderlichkeiten sein, sonst geht keiner mit auf die Beerdigung. Manchmal auch besteht der Unterschied zum Standardangebot eines Herstellers lediglich in der gelaserten Jahreszahl oder, wenn es bös schlimm werden soll, durchs anbringen einer kleinen Metallplatte mit eben dieser. Es mag der Wandel der Zeit tatsächlich vielfach der Influencer sein, aber ich habe ein Beispiel dafür, daß dieser ominöse Verursacher keineswegs per se zum Vorteil des Guten gesetzt ist.

Vergangene Woche, nach langer Zeit mal wieder auf einen längeren Ratsch zum Fachhändler meines ultimativen Vertrauens, selbstredend 3 x geimpft und mit FFP-2 Maske. Da ich bereits seit gefühlten 100 Jahren so 2 bis 3 Pfeifen besitze, schaue ich nur noch selten in die Vitrinen und Schaukästen. Der vorzügliche Tee, der mir serviert wird und die interessanten, gepflegten Gespräche sind mir um einiges wichtiger. Aber Öha, auch dieses Jahr gibt es wieder Jahrespfeifen und diesmal schaue ich sie mir genauer an. Die Nobleman 2022 gefällt mir ausgenommen gut und kommt mir irgendwie vertraut vor.

Da machte es Klick.

Bereits 2000 hatte es mir ein Paar Nobelmen angetan, ebenfall im Format Army Mount und immer noch gern und regelmäßig geraucht. Und an diesen hat der Wandel der Zeit keinen Halt gemacht und mußte auch an den 2022er Noblemans wirkungslos vorbeiziehen.

Nobleman 2022 weisen die gleiche handwerkliche- wenn auch maschinell unterstützte- Präzision auf, wie ihre 22 Jahre alten Vorgänger. Diese Filterpfeifen sind einfach perfekt, in der Formgebung wie auch in der Ausführung. Das Acrylmundstück endet in einen ganz leichten Fischschwanz.

Ich stand vor einem Problem: für welche soll ich mich entscheiden? Die glatte Nobleman mit sehr schöner rotbräunlicher Beize oder die rustizierte, bei der mir insbesondere der polierte Prägebereich als Kontrast gefällt? Da ich mich nur ungern unter Druck setzen lasse – von Nichts und Niemanden, nicht einmal von mir selbst – habe ich mich wie im Jahre 2000 für beide entschieden. Und da rede noch einer vom Wandel der Zeit.

Bodo Falkenried

exemplarischer Niederrheiner, seit über 50 Jahren in München daheim, genauso lang Pfeifen- und Tabaksammler, versessen auf Musik, Literatur und andere Künste. Unternehmer, Segler, Reisender [..unser Mann in Asien]. Intensiver Marktgeher, immer an Feuer & Herd, sofern in der Nähe. Email an den Autor  

9 Antworten

  1. Dieter Overesch sagt:

    Endlich – nach gefühlter jahrelanger Abstinenz – wieder ein wohltuender und gelungener Artikel von Hr. Falkenried, danke dafür

  2. Paul Kirbis sagt:

    Nun habe ich mir doch eine glatte Nobleman gegönnt…die Bilder sind derart verlockend und der „Werbetext“ unwiderstehlich!!!! Herzlichen Dank für den Beitrag!

  3. Peter Hemmer sagt:

    Army Mount? Wäre es echt, wäre es ja eher eine Spigot? Ohne dass ich die Pfeife gesehen habe, würde ich sagen, dass da ein ganz normaler 9mm Zapfen drin ist und das Metall dekoratives Gedöns ist, aber keinerlei Funktion hat? Oder täusche ich mich?

    • Nein, Du täuscht Dich nicht, es handelt sich weder um eine Spigot noch um eine Army Mount. Ich habe den Begriff auch lediglich als „Aufhänger“ im Titel gesehen. Sollten Leser jetzt irritiert sein, so führe ich noch einmal unsere kleine Werkschau zu diesem Thema an, die ich im Artikel ebenfalls verlinkt habe. Allerdings verstehe ich nicht, was ein „dekoratives Gedöns“ ist. Für mich muß ein Stilmittel keineswegs unabdingbar eine Funktion haben, wozu auch, wenn sie nicht gefordert ist. Das gilt prinzipiell für alle sogenannten Applikationen. Mir gefällt bei der Nobleman 2022 wie bereits bei der von 2000 die Metalleinfassung des Holmendes und die vor dem Zapfen des Mundstückes, sie ergeben für mich ein sehr schönes Gesamtbild, das mit der Form der Pfeife harmonisiert. Ob Army Mount, Spigot oder normales Mundstück ist mir in diesem Fall wurscht. Wenn sie mir nicht gefällt, dann gefällt sie mir eben nicht, egal welche funktionalen oder non-funktionalen Elemente verwendet wurden. Und vice versa.

  4. bemi sagt:

    ich schließe mich Peters Vermutung an und finde die Pfeifen trotzdem schön. Notfalls kann man sie immer noch als Hemmschuh vor Rolands Tram ins Gleis werfen und bequem einsteigen.

  5. Roland Hautmann sagt:

    Für die geschätzten Herren der Pfeifenrunde würde ich eventuell sogar eine Ausnahme machen, und Euch auf freier Strecke, oder wo immer Ihr auch zusteigen möchtet, anhalten, aber Vollbremsung kann ich natürlich keine hinlegen. Also rechtzeitig bemerkbar machen! Nur bitte nicht weitersagen, sonst bekomme ich Ärger mit meinem Arbeitgeber. Euch allen und Euren Familien ein frohes Weihnachtsfest, geruhsame Feiertage und ein gesundes neues Jahr! Viele Grüße Roland

    • Klasse, lieber Roland. Um auffälliger zu werden, werde ich mir einen silbernen Spazierstock mit einer kleinen Fahne zulegen, damit Du mich nicht übersiehst, wenn ich plötzlich zwischen Theatinerstraße und Nationaltheater (Linie 19) mittenmang auf den Gleisen stehe und Mitfahrt begehre. Um die Bezahlung brauchst Du Dir keine Sporgen machen, ich habe ein Monatskarten-Abo!

      Darf ich vielleicht sogar ein Pfeiflein in der Tram rauchen? Mit einem unauffälligen RB Blug oder Ennerdale? Antwort erbeten auf der bekannten diskret-geheimen Plattform. 🙂

      • Hautmann Roland sagt:

        Ist gebongt, lieber Bodo 👍🏻😂! So viele dürften ja nicht mit silbernem Spazierstock auf der Maximilianstr. flanieren 😊. Nur mit dem Rauchen in der Tram geht leider nix, das ist schon seit den 60er-Jahren des vorigen Jahrhunderts in München verboten 😬.

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