Eric Gales | Crown – Auferstehung

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Der Mai macht es mir nicht einfach. In diesem Monat habe ich – nicht ganz erwartet- viel freie Zeit. Und genau jetzt gibt es musikalische Neuheiten wie Sand am Meer, obwohl ich den gerade auch schon zur Genüge hatte. So leerte ein richtiges Panoptikum meine Geldbörse (ah – ich muß Tobias S. an diese erinnern!). Melody Gardot und Entre eux deux, Avishai Cohen Shifted Sand, Gerald Clayton Bells on Sand, Ivo Pogorelich mit Chopin, Daniel Barenboim Encores, Ritchie Blackmore`s Rainbow Memories of Rock II, die Akademie für Alte Musik mit Antoine Tamestit, dann mit Symphonien von Paul Wranitzky, Trombone Shorty und Lifted und … und .. Andris Nelsons Strauß mit Boston Symphony und dem Gewandhausorchester…. Melissa Aldana, Joep Beving, Jordi Savall mit Beethoven Symphonien, John Scofield solo und Grigory Sokolov mit den Klaviersonaten von Haydn. Meine Eschenbach Sammlung ist nun fast komplett, aber diese Neuzugänge sind noch nicht einmal ausgepackt. Entschieden habe ich mich für den Hardcore-Gitarristen Eric Gales.

Diese Knallcharge (das erklärt sich später) und dieser Genie-Vergeuder ist auferstanden aus jahrelangem Drogensumpf und das mit wesentlicher Hilfe von Joe Bonamassa. Das neue Album „Crown“ ist für mich zu Recht ein Album des Monats.

Gales, geboren 1974 in Memphis, Tennessee, galt schon mit 16 Jahren als Wunderkind. Guitar World, das führende US-Fachmagazin, wählte ihn 1991 zum besten Nachwuchs-Talent. Nach zahlreichen Alben und vielen gemeinsamen Auftritten u.a. mit Carlos Santana, Joe Bonamassa, TM Stevens und Zakk Wylde kam dann mit langer Ankündigung 2009 der komplette drogenbedingte Absturz, der sogar zu einer Gefängnisstrafe führte. Wer ein herausragendes Talent so verschleudert, sollte eigentlich mit lebenslangem Instrumentenentzug bestraft werden.

Seit 2014 bessert sich seine persönliche Befindlichkeit, er liefert wieder zunehmend gute Arbeit ab (Good for Sumthin`, A Night on the Sunset Strip (live), Middle of the Road, The Bookends). Allerdings, wer Ohren hat zu hören, dem fallen stets die schludrigen Produktionen auf, immer fehlt ein Quentchen Sorgfalt, um Spitzenergebnisse zu schaffen. Sein teils agressiver Gitarrenstil, sicher zuhause im Blues, Hardrock, Metal, Funk und Rap, ja auch im Soul, leidet öfter an der schieren Virtuosität, die einen möglichen, überragenden Ton schlichtweg überfährt. Sein Ego, das sich als legitimer Nachfoler von Jimi Hendrix und anderen Gitarreros sieht, steht da wohl im Weg. Für mich war der Musiker mit seiner Egozentrik und der aufgesetzten Eitelkeit und Selbstüberhöhung kein angenehmer Zeitgenosse, seine Alben habe ich nie gerne aufgelegt.

Aber nun hat er mit „Crown“ ein nahezu perfektes Album abgeliefert, hervorragend produziert (Joe Bonamassa, Josh Smith), an 13 der 16 Titel ist Joe Bonamassa als Autor beteiligt. Die beiden kennen sich seit Jugendjahren und waren seit 1990 immer freundschaftlich verbunden, beide apostrophierte Wunderkinder. Während Joe B. unaufhörlich die Erfolgsleiter emporgestiegen ist und heute wohl dem leider musikalisch vergreisten Eric Clapton als Jahrhundertgitarrist gefolgt ist, gelang das Eric Gales nicht. Das Monster Drogensucht hatte da wieder einmal die Hand drauf.

Das Blatt wendete sich 2019, da gab es erstmals wieder ein gemeinsames Musizieren und so wundert es nicht, daß bei „Crown“ bei aller Eigenständigkeit und vor allem Stil-Vielfalt irgendwo immer ein wenig Joe B. aufblitzt, auch wenn er nicht bei allen Stücken mitspielt. Crown ist ein Parforce Ritt durch viele Stile von Rock, Blues, Funk, Rap und Soul. Manchmal ganz schon anstrengend, da unglaublich virtuos, dann wieder wundervoll sentimental (I found her, #14), soulig und teilweise sehr modern.

Ein Album, das wie ein Kurt Eisner Blend oder der Bloemfontein erkundet werden will und sich dann richtig eingräbt. Probierts‘ es, dann spürts‘ es!

Klicken Sie ab und zu mal auf einen der folgenden drei Button und lassen Sie sich überraschen, wie vielfältig z.B. unsere bisher eingestellten Alben des Monats sind.


Bodo Falkenried

exemplarischer Niederrheiner, seit über 50 Jahren in München daheim, genauso lang Pfeifen- und Tabaksammler, versessen auf Musik, Literatur und andere Künste. Unternehmer, Segler, Reisender [..unser Mann in Asien]. Intensiver Marktgeher, immer an Feuer & Herd, sofern in der Nähe. Email an den Autor  

2 Antworten

  1. Bernd Fleischmann sagt:

    Seit ich mich kaum mehr um Neuerscheinungen im Blues-Rock Bereich kümmere, wäre dieses Werk des Memphis Bluesers an mir vorbeigegangen. Nach zweimaligem Hören kann ich nur sagen: Vielen Dank an den Autor des Beitrags. Es hat sich gelohnt. Dieses Album unterscheidet sich doch sehr von den gleichförmigen, kaum unterscheidbaren Alben anderer Protagonisten. Es sprüht nur so vor Spielfreude und mit außerordentlichem Können spielt er sich stilgerecht mit seiner Fender Stratocaster durch Blues, Rock, Soul und Funk. Ein Höhepunkt ist sicherlich sein Gitarrenduell mit Joe Bonamassa auf dem Stück „I Want My Crown“. Besonders gut gefallen mir auch die Stücke die an Sly and The Family Stone erinnern wie „Take Me Just As I Am“. Es gibt auch in diesem musikalisch bereits ausgelutschtem Bereich Alben, die es lohnt, sich anzuhören. „Crown“ gehört sicherlich dazu.

    • Danke, lieber Bernd, daß Du reingehört hast. Sicherlich ist bei Deinem weiten Vorliebenspektrum auch etwas bei den zu Beginn des Artikels nur namentlich aufgeführten Künstlern etwas dabei.
      Wir sehen und hören uns am kommenden Freitag im Club.

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