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Kingfisher – eine Butera Legende

Es gibt so viele Tabake, die den meisten Rauchern nur noch als Legende bekannt sind und die sie nicht mehr genießen können. Deshalb macht es Sinn, Erfahrungsberichte festzuhalten und so finden Sie einige Reviews hier bei uns, die aktuelle „live Tests“ längst verschwundener Preziosen schildern. Die Autoren, allesamt erprobte „Veteranen“ der Tabakliga, haben durch gezieltes, vielfach jahrelanges lagern solcher Tabake, vorausschauend vorgesorgt. Ergänzend möchte ich erwähnen, daß wir kürzlich Zugriff auf einen größeren Vintage-Bestand eines befreundeten Sammlers erhielten und die Mitglieder der Münchner Runde damit versorgen konnten. Im August haben wir über den Bombay Court Extra berichtet, nun folgt der Kingfisher, den ich seit langen Jahren rauche und von dem ich immer noch einige Dosen „gebunkert“ habe.

In der Tat, es ist kein Schreibfehler an dieser Stelle: der seinerzeit auf den Britischen Inseln (Jersey) von J.F.Germain & Sons für Butera hergestellte und beginnend mit dem Jahr 2015 anscheinend heute sang – und klanglos eingestellte Kingfisher ist ein „Double Cut Krumble Kake“.

Ganze Tabakblätter werden zusammen geschichtet und dann in Kuchen gepresst, bis die Mischung der Blätter perfekt gereift ist. Diese Schichtung wird geschnitten, zu einem Band gesponnen und ein zweites Mal in Kuchen gepresst, anschliessend in Flakescheiben geschnitten (daher Double Cut) und in kleine 50g Rechteckdosen verpackt.

In der kleinen rechteckigen Dose mit dem wunderschönen Etikett befinden sich sorgsam nebeneinander und aufrechtstehende kleine „Schnittchen“, der gleiche Cut wie der ebenfalls von Germain  produzierte Penzance, allerdings von gänzlich anderer Konsistenz. Entnimmt man nämlich 2-3 davon,  zerbröseln sie sogleich in mittelgroße Brocken, das ist dann der Krumble Kake, der Krümel Kuchen. Der Eisvogel  besteht aus Virginia, Burley und Perique.

Zunächst bleibt festzustellen, daß es sich nicht in erster Linie um eine Virginia / Perique Mischung handelt und damit dürften die VA Liebhaber der reinen Lehre schon einmal ein Problem haben. Der Burley Anteil ist sehr hoch, es gibt denn auch eine ziemliche Portion Nikotin. Zumindest am Anfang macht sich ein deutliches Zigarrenaroma bemerkbar, nicht gerade angenehm, und scharfer Zitrus. Ist der Tabak und die Pfeife aber angewärmt, kommt der echte Kingfisher zutage: voll, rund, süßlich. Burley- und der Zitrusgeschmack weichen zurück und nun bin ich in einer wundervoll weichen VA Geschmacksfülle, deren Gesamtheit mich am ehesten an dunkle, getrocknete Feigen und an Hefe erinnert. Also, da muß man erst einmal durch.

In einer mittelgroßen Jörgen Larsen, die ich mit dem Eisvogel sorgsam (und andächtig) befüllt habe, bewährt er sich hervorragend. Ich rate ab, ihn in zu großen Pfeifen zu probieren, da der anfänglich hohe Nikotingehalt Wirkung zeigt. Kleine bis mittelgroße Köpfe bekommen ihm am besten. Die Scheiben, zwei, drei davon, zerbrösele ich leicht und lasse sie einfach in den Pfeifenkopf fallen, leicht andrücken. Knick&Falt funktioniert hier nicht, da die Scheiben sofort zerfallen. Nach zweimaligem anzünden brennt er problemlos und gleichmäßig über die gesamte Fläche. Er raucht sich trotz der Feuchte kühl und fast ohne Kondensat, feinste weiße Asche bleibt zurück.

Mir fällt eine sehr unikate Reaktion des Kingfishers auf: je länger er glimmt, um so häufiger verändert er die Geschmacksrichtung. Mal tritt der Burley mehr nach vorn, macht sich erdig, holzig und nussig schmeckbar. Die Virginias wiederum bieten eine kräftige, säuerliche und spritzige Zitrusnote, die einhergeht mit viel Brot, Zucker und dem typischen Virginia Heu. Ihre Gesamtwirkung ändert sich, da sie immer wieder die Führung übernehmen. Der erdige, holzige Perique bleibt stets als geringere Komponente in der Mitte der Geschmacksfülle, leicht pfefferig und mit einigen Gewürzaromen, ein wenig Feige und Pflaume. Ein dezenter Auftritt. Der Tabak benötigt bei gemächlichem Rauchen kaum Aufmerksamkeit, allerdings ist er nichts für Raucher, die sich solch komplexen und variierenden Geschmacksnuancen bisher nicht genähert haben. Der Abbrand ist langsam, ziemlich kühl, sauber und manchmal etwas sahnig.

Eine unverwechselbare Kombination aus würzigem Virginia, Burley und Perique. Ein leichter, süßer, weicher Rauch, subtil und komplex, mit einer Geschmackskurve, die von leicht pikant bis satt-kräftig zitronig reicht. Der Geschmack ist ziemlich nuanciert und neigt dazu, sich uter dem Rauchen öfter zu verändern.

Als Rarität rauche ihn natürlich nicht häufig, er soll etwas Besonderes bleiben, was er ohne Zweifel auch ist. Nach meinen Beobachtungen gewinnt der Kingfisher, wenn die Dose einige Wochen geöffnet ist. Dann sollte er zügig aufgeraucht werden, denn er vertrocknet sehr schnell. Wer mag schon Staub rauchen, auch wenn es ein Seltener ist. In meiner persönlichen Flake & Curly Favoritenliste befindet er sich unter den ersten 5 Plätzen, nach Penzance, Dunhill Flake, Escudo/DDLNR und Orlik Golden Sliced.

 

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Sir John´s Curly Cut – ein feiner OEM Tabak

Die Tabake, die von der John Aylesbury GmbH mit Sitz in München angeboten werden, sind seit der Gründung des Unternehmens im Jahre 1996 (in der heutigen Organisation) ein Begriff in der deutschen Tabakwelt. Dabei handelt es sich keineswegs um einen Tabakhersteller, sondern um eine Art Einkaufspool für Fachhändler, die als selbstständige Firmen Aylesbury Mitglieder sind. Das Angebot von Aylesbury ist nur über diese derzeit 50 Fachhändler erhältlich. Heute stellen wir den Sir John`s Curly Cut vor, da er in der zwar ordentlichen, ansonsten aber recht beliebig erscheinenden Tabakreihe des Lieferanten ein wenig herausragt. Denn hier handelt sich um einen OEM-Tabak*, hergestellt vonMacBaren.

Und obwohl vom Tabakbild nur schwer vom MacBaren Stockton zu unterscheiden, ist er doch ein gänzlich anderer Tabak. Aylesbury bezeichnet ihn (wie MacBaren) als Roll Cake, die früher gängige Bezeichnung für Curly Cut. Sir John`s ist ein feiner Virginia, dem Dark Fired Cavendish* hinzugefügt wird. Ein sehr weicher, runder Tabak, der mit einem Top Flavour versehen ist, was ihm eine gewisse, nicht zu starke Süße verleiht. Von einem Strang, zu dem der Takak geflochten und gepresst wird, sind ovale Scheiben geschnitten. Sie zeigen den Querschnitt der verschiedenen Tabaksorten, ein sehr schöner, anregender Anblick. Da ich derzeit keinen Stockton „an Bord“ habe, die örtliche Tabaccheria aber den Sir John vorrätig hat, habe ich ihn in den letzten Wochen – ohne Überdruß – oft geraucht. Die soeben geöffnete Dose ist perfekt konditioniert.

Ich schichte, leicht geknickt, zwei, drei Scheiben in eine mittelgroße Pfeife. Obenauf ein wenig zerbröselter Sir John, damit der Anbrand besser funktioniert. Der Curly brennt hervorragend und schmeckt süffig von Beginn an, keinesfalls zu süß. Ist er richtig gestopft, so ist nur ein gelegentliches Andrücken mit dem Stopfer notwendig. Ein Vorteil, wenn die Scheiben nicht aufgedröselt, sondern nur geknickt werden. Ausserdem wird eine gänzlich andere Geschmacksdichte erzeugt, da immer die gesamte Scheibe mit allen unterschiedlichen Tabaken gleichzeitig glimmt.

Der langsame Raucher (ein Muß!) wird belohnt durch ein nahezu gleichbleibendes Geschmackserlebnis. Satt ist am Ende nicht der richtige Ausdruck, kommt dem Zustand des Virginia-Geniessers aber recht nahe.

Nicht ganz ebenbürtig, aber in der Ansicht fast identisch: Sir John`s Curly Cut und der hervorragende MacBaren Stockton

Der Sir John`s Curly Cut ist ein unproblematischer Tabak, er hat nicht die Raffinesse und Klasse des besonderen Stockton, den ich immer vorziehen würde. Für Raucher aber, die nur ab und an einen gesponnenen, gepressten Virginia geniessen möchten, ist er eine gute Wahl.

 

*Cavendish Verfahren: Tabak (das können verschiedene Sorten sein) wird mit Wasserdampf besprüht, eventuell Zucker und Aromastoffe zugesetzt und der Tabak gepresst, geröstet und anschliessend geschnitten. Eigentlich ist Cavendish kein Tabak, sondern ein Verfahren!

*OEM-Tabak: Original Equipment Manufacturer, auf Tabak bezogen bedeutet es, das der Anbieter oder Vermarkter nicht der Hersteller ist, sondern sich entweder eines bereits vorhandenen Tabaks bedient, der nur umbenannt ist oder für ihn entwickelt oder verändert wurde (Branding). Ein Beispiel dafür sind die meisten sogenannten Haustabake vieler Fachhändler, die vielfach von den großen Herstellern wie STG, MacBaren oder in Deutschland von Kohlhase & Kopp oder DTM stammen. In anderen Industrien gibt es weitere Ausprägungen des Begriffs.




Orlik Golden Sliced – der treue Begleiter

Es gibt Tabake, die sind wie die guten, alten Bekannten. Man denkt nicht ständig an sie, aber sie werden bei keiner Einladung vergessen. Und je länger der geneigte ambitionierte Pfeifenraucher ein solcher ist, umso mehr versammelen sich diese Tabake um ihn. Manchmal frönen sie ein Schattendasein, dann wiederum entsteht nach einer wohlfeilen Unterhaltung unter Gleichgesinnten oftmals der Vorsatz: ja, unbedingt, da öffne ich mal wieder eine Dose. Aus meinem „immerwährenden“ Portefeuille fallen mir da einige treue Bootsmänner ein: Capstan Blau, Erinmore Flake,  der Richmond Navy Flake – ein Tabak, der alles verzeiht, selbst die größe Gurke aus der Pfeifensammlung oder ein falsches Befüllen, die Legenden Penzance, Kingfisher oder Pelican und …. Orlik Golden Sliced.

Den Orlik Golden Sliced hat es gefühlt schon immer gegeben. Ich glaube gar, bereits zu Reformationszeiten. Nach Deutschland kam er um 2002. Nach Jahren der Stabilität hat sich sein Gewand einige, wenige Male geändert: aus der feinen, kleinen 50g Dose wurde die flache Rechteckdose und seit der fürchterlichen Gleichmacherei und den staatsverordneten Todesandrohungen gibt es nur noch 50g Pouches und die 100g Rundbüchse. Zum Glück wurde einer der drei schönsten Claims / Slogans unserer Tabakswelt beibehalten: neben dem unschlagbaren „Feuer, Pfeife, Stanwell“ und dem „Thinking Man“ von Peterson, das unnachahmliche “ SMOKED BY ALL SHREWED JUDGES“.

Sollte Pflicht sein: wer OGS raucht, muß währenddessen eine Perücke tragen

Es gibt Gerüchte, dass der Bundesfinanzminister zukünftig auf die Einnahmen aus der Tabaksteuer verzichten wird, weil diese diametral den Aufkleber-Drohungen zuwiderläuft. Na ja, ein wenig Logik könnte man doch auch in solchen Ministerien verlangen, aber das scheint geradezu ausgeschlossen.

Mit Ausnahme einiger 100g Runddosen sind meine „rechteckigen Slices“ ausnahmslos aus der älteren Generation, die kleinen 8 x 6er wie auch die 9 x 8er. Einige sind gebacken, das Gros aber nicht. Für dieses Review öffne ich eine kleine und eine größere Rechteckdose, beide ungebacken, sowie eine 100g Runddose. Die Kleine kaufte ich 1996 in Copenhagen und sie ist dänisch bedruckt, die Große 50 g stammt aus diversen US Lieferungen von 2008, das sind immerhin auch schon über 13 Jahre!

Hersteller dieses Virginia Flakes ist STG, die Scandinavian Tobacco Group, der weltweit wohl größte Tabakskonzern, genauer dessen TochterOrlik Tobacco Company A/s mit Sitz in  Assens Dänemark. Der Flake besteht aus gepressten hellen und dunklen Virginia Tabaken und -jetzt wird es kurz verwirrend – entweder mit einer kleinen Zugabe von Burley oder Perique. Ich schmecke weder Burley noch Perique deutlich, Letzteren noch eher, aber mir liegen Dosen mit unterschiedlichen Angaben vor. Die „deutsche“ Runddose sagt darüber nichts aus:

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Nehmen wir es genau, dann ist Perique ein „gepimpter“ Burley, dem weitere Ingredienzen zugesetzt werden und der in Eichenfässern lange gelagert wird. Also halten wir uns mit den Orlik Unklarheiten nicht weiter auf, vielleicht ist es ja auch schlichtweg ein Druckfehler.

Der Schnitt des Flakes ist ein Band, wie wir es auch vom hervorragenden Honeydew Flake (jetzt Golden Flake) her kennen. Hell- und dunkelbraun gesprenkelt, liegt es säuberlich gerollt in der 100 g Dose. Der Duft ist so wundervoll naturrein, daß ich nicht an eine oftmals zu lesende Aromatisierung glaube. Hervorstechend ist einé satte, virginiatypische Heunote, der sich ein feines, leicht süßliches Aroma (Zitrone, Pflaume?) unterordnet. Dieses entsteht sicherlich durch die lange Reifezeit während der Pressung und nicht durch irgendwelche Flavours.

Vom Tabakband schneide ich ein ca. 8 cm langes Stück und befülle eine mittelgroße Jörgen Larsen mit einer Mischung aus Knick&Falt und ein wenig aufgedröseltem Tabak. Trotz des Alters ist die Konsistenz perfekt und das Anzünden geht problemlos. Sobald die obere Schicht glimmt, entsteht ein gleichmäßiger Abbrand, der – langsames Rauchen und sorgfältiges Andrücken der Asche vorausgesetzt – ein perfektes Rauchvergnügen schafft. Der Orlik Golden Sliced ist ein mittelstarker bis eher leichter Flake, dessen Gesamteindruck am besten mit dem Attribut beschrieben ist, das ich schon einmal beim Honey Dew Flake verwendet habe: Süffig ! Über die gesamte Pfeifenlänge bleibt der Rauch weich und wird niemals bissig.

Vorherrschend im Geschmack sind die leicht rauhen Virginias und deren trockensüßlich-säuerliche Stroh- oder Heunoten. Ich bemerke einen herben, leicht pfefferigen Zitruston, geröstetes Brot, leichte blumige und säuerliche Noten, aber ich schmecke keinen Burley. Burley in geringer Dosis hilft, eine Mischung zu homogenisieren. Allerdings benötigt der Blender eine ziemliche Menge von diesem Tabak, wenn er den Burleygeschmack stärker zur Wirkung bringen will. Das ist eben hier nicht der Fall.

Zum Ende hin nehmen die Aromen zu, werden komplexer, der Orlik wird leicht holzig und verdichted im Geschmack, aber keineswegs unangenehm. Fragt jemand nach dem Kondensat: bei mir gibt es keines!

Für Raucher, die reinen Tabakgeschmack mit einem winzigen Hauch von Süße mögen, ist der Orlik Golden Sliced genau der Richtige. Er enthält außerdem genug Nikotin, um ein gelungenes Rundum-Vergnügen zu gewährleisten. Ich halte nicht viel von dem Prädikat „All Day Smoke“ , das für mich einen Tabak eher abwertet. Dennoch: den Orlik rauche ich regelmäßig – mit Lust.

TIPP: Aromatenliebhaber werden mit ihm möglichwerweise einen leichteren Einstieg in die Virginia Welt finden, ein Versuch ist es wert.

 

In Vorbereitung: Review Orlik Dark Strong Kentucky




Pimp My Old Boy

Natürlich kann man sich über eine Aufrüstung des weltbesten Pfeifenfeuerzeugs süffisant äußern, wie soeben durch einen Leser hier geschehen. Schließich ist unsere gesamte globale Gesellschaft mittlerweile in weiten Teilen der Lächerlichkeit anheimgefallen. Wo sich Plagiate jeglicher Art zunehmend zum Bestandteil (oder gar zum Vermögen) vieler öffentlicher „Charaktere“ entwickelt haben – und das nicht nur in Zeiten von Wahlkämpfen- möchte ich nicht versäumen, Ihnen die Originalität, Sinnhaftigkeit und Design-Genialtät von Pimp My Old Boy vorzustellen.


Mit meinen Old Boys habe ich in den zurückliegenden über 50 Jahren diverse, teils schröckliche, wundersame Abenteuer erlebt, über die mehrfach berichtet wurde. Jedes Mal bin ich gestärkt in meine Beziehung zu diesem unverzichtbaren Tool zurückgekehrt. Derart idealisiert, verschweigt man gerne den einen oder anderen Mangel des life style gadgets, damit ST Dupont, Dunhill, Rowenta, Zippo, Colibri und IMCO oder gar Big Boy nicht Boden gewinnen in der hehren Welt von uns Pfeifenrauchern.

Es gab über die Jahre hin einen besonderen Wermutstropfen beim Gebrauch von Old Boy(s), den jeder sicherlich erfahren hat, aber über den niemand spricht. Weil er den eigenen unsachgemäßen, nachlässigen Umgang mit diesem Überlebenstool aufzeigt.
Nun, es gab ihn, diesen Wermutstropfen, denn das Problem ist endlich gelöst. Funktional perfekt, handwerklich ebenso ausgeführt, Material und dessen Verarbeitung von höchster Güte. Da das Produktmanagement der Manufaktur TS Design noch keinen Namen festgelgt hat, habe ich den Arbeitstitel (working title, zum besseren Verständnis) Pimp My Old Boy vergeben, damit alle der deutschen Sprache Mächtigen verstehen, worum es hier geht.


Das verschwiegene Problem: häufig ist der Tank meiner Old Boys entleert. Nicht, weil ich ständig rauche oder anderweitig zündle. Immer wieder öffnet sich unbeabsichtet der Verschlußdeckel, der auch die Gaszufuhr regelt. Gas entströmt in die Sakko- oder Hosentasche, in Einkaufsbeutel oder Rucksäcke, Ranzen, Seesack oder in sonstige Transportbehältnisse, die unsere Rauchutensilien aufnehmen, sobald wir unterwegs sind.

Zündhölzer als eiserne Reserve führen wir alle mit, denke ich. Also, ich mache das auf jeden Fall und habe vor langer Zeit begonnen, Zündholzbriefchen zu sammeln. Am liebsten die von dubiosen oder anstößigen Clubs. Somit kann ich da, wo ich es angebracht wähne, ein gewisses weltmännisches Flair vermitteln. Aber die Zeiten sind nun vorbei.

TS Design hat nachgedacht und eine lederne Hülle entworfen, die nicht nur den gesamten Korpus von Old Boys schützt, sondern auch den Verschlußdeckel durch eine Lederschlaufe auf einfache und zuverlässige Funktion verriegeln hilft. Ungewollter Gasverbrauch Ade! Die Fotos sprechen für sich.
Das Design empfinde ich sehr ansprechend, hochwertiges Leder, handgenäht. Und – wie das Old Boy selbst – äußerst solide und gediegen. Bernhard Roetzel sollte es in sein „Der Gentleman“ aufnehmen.

Übrigens:

Wer sich hinter TS Design verbirgt (noch), verraten wir in der bald erscheinenden Artikelfolge.




David Wagner -baff¿- † 1968-2021

Soeben erhielten wir von unseren Wiener Pfeifenfreunden die betrübliche Nachricht, daß der weltbekannte österreichische Pfeifenkünstler David Wagner aka baff¿ – vor kurzem seinem Krebsleiden auf einem längeren Segeltörn erlegen ist, mit 53 Jahren wahrlich, wahrlich zu früh.

Seit langem hat es eine freundschaftliche Verbindung zwischen David und uns gegeben, das stammte noch aus den Anfängen des Forums Pfeifen und mehr (Pum). Damals fand ein reger Austausch zwischen den Wiener Freunden um das Wiener Pfeifenkonsulat von Thomas Schober, dem Club der Wiener Cigarren- und Pfeifenfreunden und uns Münchnern statt. Regelmäßige Besuche anläßlich von Clubtagen in Wien, zu denen wir sogar einmal eine Ausstellung für den deutschen Bildhauer und Pfeifenmacher Ralf E. Wunderlich mit einbrachten, fanden in sehr angenehmer Atmosphäre statt und dort lernten wir auch David Wagner persönlich kennen, dessen Karriere bereits zu diesem Zeitpunkt große Fahrt aufgenommen hatte. Auch eine gemeinsam veranstaltete Weinreise fand ihn unter den Teilnehmern.

Oft haben wir über seine Spezialität, die „Pfeifen-Maßschneiderei“ gesprochen und er fertigte einige für mich an, die unten zu sehen sind. Seine Exponate waren/sind sehr begehrt in unserer Gemeinschaft und ich bin sicher, dass es zahlreiche Besitzer von baff¿ Pfeifen gibt, die vom Forum Pfeifen und mehr mit uns in den pfeifenblog.de umgezogen sind. Auch in Asien- und hier vor allem in Japan – waren seine Pfeifen so stark nachgefragt, dass bei einer Jahresproduktion von nur ca. 100 Exemplaren das Angebot in Österreich und Deutschland knapp war.

David war ein besonderer Charakter, der sich erst nach ausgiebigen, sorgfältigen Überlegungen 2005 entschlossen hatte, sich selbstständig aufzustellen. Pfeifenschneider hatte er erlernt, ein in Österreich anerkannter Handwerksberuf. In die engere Wahl kamen für ihn neben Pfeifenmacher auch Fotograf, Schiffsbauer und Meeresbiologe. Er liebte den Umgang mit dem Material, fühlte sich der absoluten handwerklichen Perfektion verpflichtet. baff¿-Pfeifen hatten zahlreiche typische Alleinstellungsmerkmale, die oftmalige Verwendung von Bambus als Applikation war besonders bemerkenswert.

 

Das viel zu frühe Ableben, nach dem ausdrücklichen Wunsch von David Wagner sollte es völlig öffentlichkeitsfern behandelt werden, läßt mich seine Pfeifen in meiner Sammlung noch viel aufmerksamer wahrnehmen:

 




 


We just received the sad news from our Viennese pipe friends that the world-renowned Austrian pipe artist David Wagner aka baff¿ – recently succumbed to his cancer while on a long sailing trip, at the age of 53 truly, truly too soon. There has been a friendly connection between David and us for a long time, dating back to the early days of the forum Pfeifen und mehr (Pum). At that time there was a vivid exchange between the Viennese friends around the Viennese Pfeifenkonsulat of Thomas Schober, the Club of Viennese Cigar and Pipe Friends and us Munich people. Regular visits on the occasion of club days in Vienna, to which we even once contributed an exhibition for the German sculptor and pipe maker Ralf E. Wunderlich, took place in a very pleasant atmosphere and there we also got to know David Wagner personally, whose career had already taken off in a big way at that time. A jointly organized wine tour also found him among the participants. We often talked about his specialty, „custom pipe making“ and he made some for me, which can be seen below. His exhibits were/are much sought after in our community and I am sure there are numerous owners of baff¿ pipes who have moved from the former forum with us to pfeifenblog.de. In Asia- and here especially in Japan- his pipes were in such high demand that with an annual production of only about 100 pieces the supply in Austria and Germany was short.
David was a special character who only decided to set up his own business in 2005 after extensive, careful consideration. He had learned to be a carver, a recognized craft in Austria. In addition to carving pipes, his shortlist once included photographer, shipbuilder and marine biologist. He loved working with the material, felt committed to absolute craftsmanship perfection. baff¿ pipes had numerous typical unique selling points, the frequent use of bamboo as an appliqué was particularly noteworthy.
The much too early demise, according to the express wish of David Wagner it should be treated completely away from the public, lets me notice his pipes in my collection much more attentively.




Cornell & Diehl | Pirate Kake

Mit den albernen Verfilmungen der „Pirates of the Caribbean“ (Fluch der Karibik) kann ich nichts anfangen. So etwas langweilt mich. Nicht gerade zu Tode, dazu ist mir das zu unwichtig, aber es bringt immer mal wieder die Gedanken zurück zu Piratengeschichten, dokumentarisch oder romanhaft, die ich früher verschlungen habe. Als ich eine Dose des Pirate Kakes öffnete und dieser fast strenge, sehr trockene und atemberaubend volle, traditionelle Geruch sich wie weiland der Djinn aus Aladins Wunderlampe verströmte, war die Assoziation sofort da: ja, so muß es auf den alten Seelenverkäufern überall gerochen haben. Fantasie, sicher, aber eine schöne, wie ich finde.

Pirate Kake, Bang und Old Boy (mit „Pimp my Old Boy“ von Tobias Schneider Design, München)

Genau heißt der Tabak gemäß Aufdruck #970P Pirate Kake, das ist wenig prosaisch und kryptisch. Nicht kryptisch aber ist der mit nahezu über Zweidrittel äußerst hohe Anteil von zypriotischem Latakia. Im Unterschied zu den früher verfügbaren Latakia-Sorten aus Syrien und dem Libanon ist dieser für mich fast bestechender kultiviert: Leder und Erde, ein wenig Weihrauch und Zitrone und natürlich viel Rauch, ich entdecke einen Hauch Lorbeer, wie bei der berühmten Aleppo Seife. Vielleicht war ja auch Zenobia, die Herrscherin von Palmyra im 3. Jahrhundert, an der Kultivierung der Tabakspflanze beteiligt. Geraucht wurde seinerzeit zwar nicht, aber reichlich Räucheropfer dargebracht. Na ja, was einem so in den Sinn kommt, wenn man sich gerade mit Palmyra intensiv beschäftigt und dieser wundervolle Tabak ein wenig das Hirn vernebelt.

Das hier eine hervorragende Komposition und keinesfalls eine vordringliche Latakiabombe entstanden ist, liegt an den weiteren Komponenten des Kakes. Da ist als wichtiges Pendant zum Zyprioten ein (geschmacklich) trockener, holziger Orient (türkisch), der zur sacht buttrigen Süße eine leicht pfeffrige Würze, gepaart mit einem Hauch von Zitrone und einer floralen Note mitbringt. Latakia und Orient werden abgerundet durch einen geringen Zusatz von *Burley Cavendish und zusammen ergibt sich eine wirklich unikate Mischung.

Die 50g Dose beinhaltet zwei Blocks gepresster Mischung, nicht so fest wie ein Plug oder Flake, sie erscheinen mir aber etwas fester gepreßt als der hervorragende Fayyum Kake von HU- Tobacco. Die Kakes können, müßen aber nicht geschnitten werden. Man kann sie auch einfach abbröseln. Ich allerdings schneide mit einer feinen Klinge dünne Scheiben herunter und zerbrösele diese grob.

Ist er aufgrund der Anteile der Komponenten vielleicht zu eindimensional, zu wenig komplex? Für mich auf gar keinen Fall. Der Pirate Kake ist sehr ausgewogen, setzt aber dennoch deutliche kongruente Akzente, bei denen Latakia, Oriental und der Dritte im Bunde, der Burley, als Teamplayer arrangiert wurden.

Weitere Akzente – und zwar deutliche – setzt er in seiner bis zu mittelbaren Umgebung, nicht jeder unserer Zeitgenossen wird den Duft tolerabel finden. Aber solange die Jungen eines Nachbarn noch mit aufgebrezelten Zündapp-Zweitaktern die Luft verpesten und ihr Gemisch selber zusammenstellen ……..

Pirate Kake gibt es meines Wissens nur in den USA und allenfalls in der Schweiz, sowie auch der hier beschriebene Cornell & Diehl Black Frigate . Eine Beschaffung lohnt allemal.

 

*Cavendish
Cavendish ist keine Tabaksorte, sondern ein Methode der Trocknung und des Schnitts von meistens Virginia, Kentucky oder Burley Tabaken, kann aber theoretisch aus vielen Tabaksorten erzeugt werden. Der Prozess beginnt mit dem Pressen der Tabakblätter zu einem Kuchen von etwa 2-3 cm Stärke. Durch Hitze und/oder Dampf und Feuer erfolgt eine Fermentierung, die dem Tabak eine gewisse Milde und natürliche Süße bringt. Vielfach werden auch Aromen zugesetzt, was dann eher zu einem zwiespältigen Erlebnis führt, wenn der Raucher natürliche Tabake bevorzugt. In der Regel wird dieser Kuchen mehrere Tage, manchmal Wochen gelagert, um eine bessere Reifung zu erhalten. Dann wird er geschnitten und für die Mischungen verwendet.

Mit der Bitte um Beachtung

Von Zeit zu Zeit müssen wir daraufhinweisen, das die hier veröffentlichten Rezensionen ausschließlich die Einschätzung und Beurteilung des Autors darstellen. Vorlieben, Geschmacksempfinden und Qualitätsfeststellungen sind immer subjektiv und können von Lesern gänzlich anders gesehen werden. Wenn Sie manchen Artikeln kritisch gegenüberstehen oder wenn Sie andere Erfahrungen gemacht haben, so äußern Sie sich gerne mit Kommentaren. Wir freuen uns darüber, denn nichts ist für uns so frustierend, wie ausbleibende Reaktionen.




STG ohne Hardware: Trennung von Dunhill/White Spot und Winslow

Dunhill Pfeifen (das idiotische „White Spot“ kommt mir nach über 50 Jahren unveränderter Begeisterung über Dunhills irgendwie nicht aus der Feder) und die von Poul Winslow werden ab dem 01.07.2021 vom italienischen Distributor Augusta srl, Rom, (u.a. Castello) vertrieben. Augusta zeichnet bereits für den Vertrieb von Dunhill in der Schweiz, Irland, USA und Italien verantwortlich und hat soeben in Duisburg ein Büro eröffnet, das für dendeutschen und österreichischen Markt zuständig ist. Markus Wirtz, lange Jahre bei STG verantwortlich für die STG Pfeifensparte in Deutschland, leitet die Niederlassung und damit ändert sich für den Fachhandel bis auf eine geänderte Fakturierung wohl nichts. Es reden weiterhin die gleichen Beteiligten miteinander.

Dunhill 4111 Cumberland aus der „Vor-White Spot“ Zeit.

STG verabschiedet sich damit vollständig aus dem „Hardwaregeschäft“, es sei daran erinnert, dass auch einmal Stanwell zu STG gehörte.

Veränderungen in der Pfeifenbranche gibt es immer wieder. Anders als bei Peterson & Kapp, die 2018 in den Besitz von Laudisi Enterprises (USA, u.a. Cornell & Diehl, Smokingpipes) übergingen, haben bei Dunhill und Winslow nicht die Besitzverhältnisse, sondern nur die Distributionspartner gewechselt. Wir Pfeifenraucher werden davon wohl kaum etwas bemerken, solange die Produktpolitik und die Verfügbarkeit unverändert bleiben.

3 Winslow-Pfeifen mit Kontrastbeizung. einmal anders als die beliebten Großformate des dänischen Pfeifenmachers.

Alle abgebildeten Pfeifen im Besitz des Autors.

 

STG = Scandinavian Tobacco Group




Leseliste

Als notorischer und leidenschaftlicher Frühaufsteher bin ich überzeugt davon, mehr vom Leben zu haben, als manch anderer Zeitgenosse. Zumal diese tägliche Routine einhergeht mit einem gleichsam langen Tag. Mitternacht sieht mich stets mit einem späten „nach Null Uhr“ Espresso und das letzte Buch des Tages nimmt mich dann auch noch eine gute halbe Stunde in Beschlag. Dieses lebenslange Gleichmaß hat zu einer inneren Uhr geführt, die den Tagesrhythmus bestimmt. Obwohl ich Uhren liebe und immer wieder von deren Mechanik fasziniert bin, bräuchte ich sie nicht.

Seit ich mich vor geraumer Zeit, nun im 8. Lebensjahrzehnt, in weiten Teilen geschäftlich zurückgenommen habe, bin ich endlich ganz „Herr meiner Zeit“. Abgesehen von einigen familiären Aufgaben – vorrangig strategischer Natur – kann ich mich ungestört der (gedruckten) Literatur und der Musik hingeben. Vom Frühjahr bis zum Spätherbst unterbrochen nur durch den Wind, der mich zu anderer Beschäftigung hin zu „meinen“ zwei Seen oder aufs Meer treibt.

Im vergangenen halben Jahr hat sich wieder einiges in meiner Leseliste angesammelt. Was mir besonders ansprechend, anregend oder vielleicht sogar als wichtiges Wissen erscheint, zeige ich in diesem Artikel in unregelmäßigen Abständen auf. Ich beginne mit dem abgelaufenen Jahr 2020.

2020, 2. Semester – gelesen oder wieder einmal gelesen


 

W. Somerset Maugham

Er gilt als meistgelesener britischer Autor im 20. Jahrhundert, schreibt in einer kultivierten Sprache und zählt für mich zur wahrhaft „schöngeistigen“ Literatur. Egal ob Gesellschaften beschrieben werden, ob sich allmählich eine Kriminalgeschichte entwickelt (Oben in der Villa) oder ob man in seinen Romanen, seinen Kurzgeschichten, in die Südsee oder an den „Sehnsuchts-Mediterran“ entschwindet, immer stellt sich ein vergnügliches Leseerlebnis ein. Ein Geschichtenerzähler – kurzweilig, spanned, anregend.

 

 

 

Oben in der Villa

Mrs. Mary Panton residiert seit dem Tod ihres Mannes in einer Villa in den Hügeln über Florenz, wo sie sich die Zeit damit vertreibt, über ihre unglückliche Ehe zu sinnieren und ihre Wünsche und ihr Begehren hinter den dicken Mauern des Anwesens zu verbergen. Doch eines schönen, gewohnt langweiligen Tages bekommt sie es mit gleich drei heiratswütigen Männern zu tun. Der erste, ein Freund aus Kindertagen, ist ihr zu sehr Gentleman, der zweite zu sehr das Gegenteil davon und der dritte, ein überaus untalentierter Violinist, ist leider oder zu ihrem Glück recht bald tot. Leichte, nicht seichte Kost, ein Martini oder ein Negroni vertieft noch das Vergnügen

 

WS Maugham: Weil ein ganzes Leben nicht ausreicht, um gut schreiben zu lernen, habe ich wenig Neigung verspürt, für andere Dinge Zeit zu opfern

 


 

 

 

Stefan Zweig

Die Schachnovelle, Ungeduld des Herzens und die Sternstunden der Menschheit kennen wohl die meisten Leser, dennoch sind seine übrigen Erzählungen und Romane häufig Schwergewichte aus grauenvoller Zeit. Der Wiener Zweig gehört zu den Autoren, die unter den nicht wirklich treffenden Begriff der Exilliteratur zu rechnen ist. Heimatlos, ruhelos und müde vom jahrelangen Exilantenleben, schied er 1942 in Brasilien durch Freitod aus dem Leben. Mit in den Tod folge ihm seine zweite Frau Charlotte.

Magellan

Der portugiesische Entdecker und erste Weltumsegler war ein wagemutiger Mann und unbezwingbarer Charakter. Sein abenteuerliches Leben und das tragische Ende beschreibt der Autor 1938 auf seine unnachahmliche Art, kenntnisreich, emotional und mit schöner Sprache. Magellan, eine Romanbiografie aus der Zeit der spanischen Konquistadoren, liest sich wie ein Krimi, in dem die Weltmeere eine der Hauptrollen einnehmen.


 

Marco Balzano,

geboren 1978 in Mailand, ist zurzeit einer der erfolgreichsten italienischen Autoren. Er schreibt, seit er denken kann: Gedichte und Essays, Erzählungen und Romane. Neben dem Schreiben arbeitet er als Lehrer für Literatur an einem Mailänder Gymnasium. Mit seinem letzten Roman, ›Das Leben wartet nicht‹, gewann er den Premio Campiello, mit ›Ich bleibe hier‹ war er nominiert für den Premio Strega.

Foto: Geri Krischker / Diogenes Verlag

Das Leben wartet nicht

Ninetto war noch ein Kind, als er allein von Sizilien nach Mailand kam, um Arbeit zu suchen. Ein furchtloser Junge mit der Sonne des Südens im Herzen. Obwohl er noch zu klein war für das Fahrrad, fand er sogleich eine Anstellung als Bote. Heute, über fünfzig Jahre später, erkennt sich Ninetto in den Neuankömmlingen aus China und Nordafrika wieder. Sie haben dieselben Träume wie er damals. Und setzen alles daran, sie zu verwirklichen.

Ich bleibe hier

Ein idyllisches Bergdorf in Südtirol – doch die Zeiten sind hart. Von 1939 bis 1943 werden die Leute vor die Wahl gestellt: entweder nach Deutschland auszuwandern oder als Bürger zweiter Klasse in Italien zu bleiben. Trina entscheidet sich für ihr Dorf, ihr Zuhause. Als die Faschisten ihr verbieten, als Lehrerin tätig zu sein, unterrichtet sie heimlich in Kellern und Scheunen. Und als ein Energiekonzern für einen Stausee Felder und Häuser überfluten will, leistet sie Widerstand – mit Leib und Seele. Wenn auch vergeblich. Südtirol-Reisende kennen die Ansicht des versunkenenen Dorfes im Reschensee, die auch als Titelbild zu sehen ist.


 

Jens Malte Fischer

geboren 1943 in Salzburg, war von 1989 bis 2009 Professor für Theaterwissenschaft an der Universität München. Seine vielfältigen Veröffentlichungen über Musik und Literatur, über Theater und Film, wie auch seine Tätigkeit als Kritiker und Rezensent des Merkur, der NZZ und der Süddeutschen Zeitung haben ihn zu einem der interessantesten Kulturpublizisten der Gegenwart gemacht. Seine vielgerühmte große Biographie „Gustav Mahler. Der fremde Vertraute“ (2003) und „Vom Wunderwerk der Oper“ (2007) gehören zu den bekanntesten seiner vielen musikhistorischen Veröffentlichungen.

Foto: privat

 

 

Karl Kraus – der Widersprecher

In einer Zeit, in der eine unübersehbare, täglich steigende Zahl von Schwachmaten die Bühnen und Studios von Fernsehen, Radio und Internet erobern und sich frech und überheblich Satiriker oder Comedians nennen, und, wenn es geringer peinlich wird, gerade mal so auf heute-Show Niveau herumalbern, war es dringend notwendig, den „fackelnden“ Karl Kraus (1874-1936) wieder neu zu beleuchten. Und das macht Fischer mit der mit dem Bayerischen Buchpreis 2020 ausgezeicneten Biografie. Kraus`glühende Anhänger hielten ihn für Gott, andere wiederum sahen in ihm den Beelzebub. Aber viel mehr ist heute kaum bekannt. Der Widersprecher wird das hoffentlich ändern. Eine der Biografen, die von des Autors lebenslanger Beschäftigung mit dem Satiriker kündet (Fischer wurde 1972 mit einer Arbeit über Karl Kraus promoviert) und die trotz des Umfangs von über 1000 Seiten immer spannend und erhellend bleibt. Danach unbedingt lesen: Die Letzten Tage der Menschheit und die Dritte Walpurgisnacht .


 

Martín Caparrós

1957 in Buenos Aires geboren, ist einer der bedeutendsten politischen Journalisten, Schriftsteller und Essayisten der spanischsprachigen Welt. Martin Caparros wurde 1957 in Argentinien geboren. Zwischen 1976 und 1983 lebte er im Exil, zunächst in Paris, wo er an der Sorbonne Geschichte studierte, dann in Madrid. Er kehrte nach Buenos Aires zurück, wo er heute als Schriftsteller und Journalist arbeitet.

(Foto: Hector Guerrero/AFP)

 

 

Väterland

Die 1930er Jahre in Argentinien, Militärputsch. Scheindemokratie, Konservative und dumpfe Reaktionäre haben die volksferne Macht. Der rätselhafte Tod einer Politiker­tochter, eine mächtige Clique rücksichtsloser Patrioten und eine Stadt unter Hochspannung: Ein atmosphärischer, spannender Roman aus dem flirrenden Buenos Aires der dreißiger Jahre – mit einem sympathischen Antihelden, der noch einiges lernen muss. Der Autor lässt das Buenos Aires der dreißiger Jahre lebendig werden: halbseidene Bars, verqualmte Zeitungsredaktionen, skurrile Nebenfiguren, Dichtercafés, faschistische Aufmärsche, dampfende Schlachthöfe – ein Tango am Abgrund.

 

 

Die Ewigen

Juan Domingo Remondo, genannt Nito, erblickt genau an jenem Tag das Licht der Welt, an dem sich ganz Argentinien nur für eines interessiert: den Tod seines Namensvetters Juan Domingo Perón. Ein bloßer Zufall? Als Nito herausfindet, dass sein verschwunden geglaubter Vater bei einem Autounfall starb, sinnt er auf Rache. Er schreibt dem verantwortlichen Fahrer einen anonymen Brief – und erläutert ihm darin, wann und auf welche Weise er ums Leben kommen wird. Ein einzigartiges Talent zeigt sich: Nito kann vom Sterben erzählen wie kein Zweiter. Seine Fähigkeit bleibt nicht lange unentdeckt. Wieder spannend erzählt und mit zahlreichen Blickwendungen auf einen weitverbreiteten Opportunismus, der schräge politische Systeme am Leben hält.

 

Valfierno – die sechs Gesichter der Gioconda

Mit seinem Leben als Sohn einer einfachen Hausangestellten in Argentinien will sich Juan Maria Perrone nicht zufrieden geben. Als er einen französischen Gemäldekopisten kennen lernt, kommt ihm die Idee, sich völlig neu zu erfinden. In der Gestalt des Marquis de Valfierno mischt er sich unter die feine Gesellschaft der Belle Epoque und verkauft Kopien des begabten Fälschers als Originale, um schließlich seinen spektakulärsten Coup zu planen: Leonardo da Vincis Mona Lisa aus dem Louvre zu stehlen …


 

Jill Lepore

ist Professorin für amerikanische Geschichte an der Harvard Universität und Staff writer des Magazins „The New Yorker“. Sie hat mehr als ein halbes Dutzend Preise für ihre Bücher erhalten und war Finalistin für den National Book Award und den Pulitzer-Preis. Ihr Opus magnum „Diese Wahrheiten“ stand wochenlang auf den amerikanischen Bestsellerlisten.

Fotos: Stephanie Mitchell/Harvard Staff

 

Diese Wahrheiten

Die Amerikaner stammen von Eroberern und Eroberten ab, von Menschen die als Sklaven gehalten wurden, und von Menschen die Sklaven hielten, von der Union und von der Konföderation, von Protestanten und von Juden, von Muslimen und von Katholiken. In der amerikanischen Geschichte ist manchmal – wie in fast allen Nationalgeschichten – der Schurke des einen der Held des anderen. Aber dieses Argument bezieht sich auf die Fragen der Ideologie: Die Vereinigten Staaten sind auf Basis eines Grundbestands von Ideen und Vorstellungen gegründet worden, aber die Amerikaner sind inzwischen so gespalten, dass sie sich nicht mehr darin einig sind, wenn sie es denn jemals waren, welche Ideen und Vorstellungen das sind und waren. Die jüngsten Ereignisse um den Aufruf zum Aufruhr durch den abgewählten Präsidenten Trump werden nicht überraschen, wenn man Diese Wahrheiten gelesen hat.


Heiko Holste

promovierter Jurist und Verfassungshistoriker, ist in leitender Funktion im Bundespräsidialamt tätig.

Foto: Thomas Imo/photothek.net

Warum Weimar?

Weimar – die Stadt, in der 1919 die Verfassungsgebende Nationalversammlung tagte, ist zu dem Synonym für die Jahre 1918 bis 1933 geworden und als politischer Erinnerungsort in das kollektive Gedächtnis der Deutschen eingegangen. Doch warum wurde die erste deutsche Republik ausgerechnet in einer Kleinstadt in Thüringen gegründet? Auf der Grundlage zahlreicher Quellen zeichnet Heiko Holste die abenteuerliche Suche nach einem Geburtsort für Deutschlands erste Republik nach und räumt mit zählebigen Legenden auf: Der Grund für den Fortgang aus Berlin war nicht etwa revolutionäre Unruhe in der Hauptstadt, sondern eine »Los-von-Berlin!«-Stimmung im Reich, die Deutschland an den Rand des Zerfalls brachte.


Michael Sommer

einer der führenden Spezialisten für den östlichen Mittelmeerraum, hat Alte Geschichte, Klassische Philologie, Wissenschaftliche Politik, Neuere und Neueste Geschichte sowie Vorderasiatische Archäologie an den Universitäten Freiburg im Breisgau, Basel, Bremen und Perugia studiert. Zu seinen Forschungsthemen gehören die Wirtschafts-, Sozial-, Mentalitäts- und Institutionengeschichte des römischen Kaiserreichs sowie, epochenübergreifend, die Geschichte der Levante. Damit ist er ausgewiesener Experte für die Geschichte von Palmyra.

Palmyra – Biografie einer verlorenen Stadt

Als Karawanenstadt an der Handelsroute zwischen östlichem Mittelmeer und dem Arabischen Meer gelegen, nahm das syrische Palmyra während seiner Blütezeit vom 1. bis ins 4. Jahrhundert n. Chr. eine überragende politische und kulturelle Stellung ein. Dann verlor die Stadt an Bedeutung und geriet schließlich fast in Vergessenheit, bis sie im 17. Jahrhundert von einem italienischen Reisenden wiederentdeckt wurde. Schon im 18. Jahrhundert waren die Ruinen von Palmyra zu einem der am häufigsten gemalten Motive des Nahen Ostens geworden. Bis heute begeistert die Wüstenstadt Geschichtsinteressierte und Wissenschaftler gleichermaßen. Die geistlosen irren Terroristen des sogenannten „IS“ haben Palmyra in weiten Teilen zerstört, eine unfassbare Barbarei.

Der IS hatte Palmyra bereits von Mai 2015 bis März 2016 beherrscht. In dieser Zeit zerstörten sie die beiden größten Tempel im Ort: den Baalschamin-Tempel und den Baal-Tempel. Zudem sprengten sie das Hadrianstor. Khalesd Assad, der Chef-Archäologe von Palmyra, wurde von den Terroristen enthauptet. Der Ort zählt zum Unesco-Weltkulturerbe.

Wer sich zum Thema vertiefen möchte, dem sei die Akademische Arbeit Palmyra und der IS. Chronologie einer Tragödie von Katja Aksenenka empfohlen.

VR Präsentation ZDF Mediathek – digitale Rekonstruktion von Palmyra


Geoffrey Parker

Geoffrey Parker ist einer der renommiertesten Altmeister zur Geschichte der Frühen Neuzeit. Er lehrte in Cambridge, dann in den USA an der Yale University und der Ohio State University. Für seine Forschungen wurden Parker zahlreiche wissenschaftliche Ehrungen und Mitgliedschaften zugesprochen: Er ist Fellow der British Academy, Mitglied der Real Academia de la Historia, der Königlich Niederländischen Akademie der Wissenschaften und Mitglied des Ordens von Alfonso X. Im Jahr 2012 gewann er den A.H.-Heineken-Preis für Geschichte, der alle zwei Jahre dem Wissenschaftler verliehen wird, der als einflussreichster Vertreter seines Fachs gilt.

Der Kaiser

Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und König von Spanien. In seinem Reich ging die Sonne niemals unter und kein Fürst vor oder nach ihm trug je wieder so viele Titel: Kaiser Karl V. war ein Herrscher der Superlative. Der Autor zeichnet in seinem Sachbuch mit umfangreichen Quellenmaterial das Leben und Wirken des Habsburger Kaisers und Luthers Gegenspielers nach. Von seiner Umgebung wurde er teils verehrt, teils zum unglücklichsten Herrscher seiner Zeit erklärt: während er bei öffentlichen Auftritten die Zuhörer in seinen Bann zog, konnte Karl V. sich seiner eigenen Familie gegenüber entsetzlich rücksichtslos verhalten. Eine umfassende und spannend erzählte Biografie, die ein eindrückliches Bild von den politischen Geschehnissen im Europa des 16. Jahrhunderts zeichnet. Liest sich bei aller Sachthemen-Vermittlung fast wie ein Roman.

Interview mit Geoffrey Parker zu Karl IV.


Frank Göse

lehrt Geschichte der Frühen Neuzeit an der Universität Potsdam. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Brandenburgische Landesgeschichte der Frühen Neuzeit, Geschichte des frühneuzeitlichen Adels sowie Militärgeschichte. 2012 erschien von ihm die Biographie des Vaters des Soldatenkönigs „Friedrich I., Ein König in Preußen“. Frank Göse gehört zu den besten Spezialisten für die frühneuzeitliche preußische Geschichte.

© Foto: MZV/Euent

Friedrich Wilhelm I. von Preußen

König Friedrich Wilhelm I. (1688-1740), Wegbereiter für Preußens Vormachtstellung, war bereits zu Lebzeiten eine höchst kontroverse Herrscherfigur. Anders als sein Sohn Friedrich der Große, der ein begnadeter Fachmann in Sachen Selbstinszenierung war, oder sein Großvater, dem »Großen Kurfürsten«, nach dem er benannt ist, wurde er von Anfang an ambivalent beurteilt. Als Vater trat er despotisch auf und beschwor innerhalb der Familie schlimme Zerwürfnisse herauf. Als Herrscher ordnete er seinen »lieben blauen Kindern«, den Soldaten seines Königsregiments, alles unter. Mit cholerischen Charakterzügen, Geiz und Misstrauen ausgestattet weckte er beim Adel Ablehnung. Gleichzeitig stellten seine umfassenden Reformen im Bereich Bildung, Finanzen und Militär die Weichen für den oft deklarierten preußischen Sonderweg.

 

 


Norman Davies

Norman Davies ist emeritierter Professor für Geschichte an den Universitäten London, Harvard, Stanford und Columbia. Er wurde mit umfangreichen Werken und Bestsellern zur Geschichte Europas international bekannt. Sein Buch „Verschwundene Reiche. Die Geschichte des vergessenen Europa“ (2013) wurde zu einem weltweiten Erfolg.

 

© Foto: Stuart McClymont/ The Times

Ins Unbekannte

Eine seltene Weltreise in die Geschichte, ein wundervolles Lesebuch. Ob in Baku, Singapur oder Cornwall, auf Haiti oder Neuseeland: Jeder Ort hat seine Geschichte, oft unerwartet, ungewöhnlich oder völlig unbekannt. Der renommierte Historiker hat sich auf die Suche nach diesen Geschichten gemacht. Sein Buch ist ein Reisebericht der besonderen Art: eine Weltreise in die Vergangenheit, eine historische Spurensuche. Im Alter von 73 Jahren reist Davies von der südlichsten Spitze der Südseeinseln bis zum Nordkap einmal rund um den Globus. Das sehr persönliche Reisetagebuch ist auch ein Füllhorn an historischem Wissen und überraschenden Fakten. Für mich eine richtige Mitternachtslektüre, ein delikater Port gehört unbedingt dazu.


 

Harald Lesch

Der Professor für Theoretische Astrophysik u.a. Disziplinen an der Ludwig-Maximilians-Universität München ist der wissenschaftliche Influenzer der Nation. So meldet sich der vielfach ausgezeichnete Professor für Physik an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München und Lehrbeauftragte für Naturphilosophie an der Hochschule für Philosophie immer wieder auch politisch zu Wort, etwa als Mitglied des Bayerischen Klimarates. Vor einigen Jahren nahm Lesch das Wahlprogramm der AfD auseinander, die eine menschengemachte Erderwärmung infrage stellt. Als er dann Hassmails bekam, konterte er mit einer Analyse zur Psychologie des Hasses. Lesch erklärt so, daß ihn die Menschen verstehen

Wissenschaft ist eine Sache der Polis, sie gehört auf den Marktplatz. Sie sollte sich keinesfalls in Laboratorien verstecken. Sie hat sogar die Verpflichtung, sich so zu zeigen. Dafür zahlt die Gesellschaft die Wissenschaft ja, so Lesch zur Deutschen Presse-Agentur.

Wie Bildung gelingt

Zusammen mit den Philosophen Ursula Forstner und Wilhelm Vossenkuhl entwickelt Lesch neue Ideen und überraschende Impulse für ein Umdenken in Schulen und Universitäten.„Wir müssen uns bilden und nicht ausbilden lassen!“ – „Wir sollten Menschen und nicht Fächer unterrichten!“ Harald Lesch brennt für das Thema Bildung. Der Physiker, Wissenschaftsjournalist und Fernsehmoderator deckt in diesem Diskussionsbuch die Ursachen der seit fast zwei Jahrzehnten bestehenden Bildungskrise auf. Das geht uns alle an und wer seinen Wissenshorizont nicht begrenzen will und offen für philosophische und praxisorientierte Gedankengänge ist, findet in diesen Gesprächen viele Anregungen und Ideen.

Auch diese frühere Buchvorstellung kann für Sie interessant sein.


Kenah Cusanit

geboren in Blankenburg im Harz, wie auch der Archäologe Robert Kaldewey, um den es in ihrem Debüt-Roman geht. Die Autorin lebt in Berlin. Für ihre Essays und Gedichte wurde die Altorientalistin und Ethnologin bereits mehrfach ausgezeichnet.

Foto: © Peter-Andreas Hassiepen

 

Babel

1913, unweit von Bagdad. Den Archäologen Robert Koldewey quält eine Blinddarmentzündung. Die Probleme sind menschlich, doch seine Aufgabe ist biblisch: die Ausgrabung Babylons. Zwischen Orient und Okzident bahnt sich gerade ein Umbruch an, der die Welt bis in unsere Gegenwart hinein erschüttern wird. Wie ein Getriebener dokumentiert Koldewey deshalb die mesopotamischen Schätze am Euphrat; Stein für Stein legt er die Wiege der Zivilisation frei – und das Fundament des Abendlandes. Babel ist Abenteuer- und Zeitgeschichte zugleich – spannend, zeigt viel Wissen der Autorin und macht einfach nur riesigen Lesespaß. Die Geschichte ist so aufregend, daß ich mir zu später Stunde ein bis zwei schlanke Gläser Prickelndes gegönnt habe. Beides zur dualen Nachahmung empfohlen – damit es in der Wüste nicht zu staubtrocken wird, aber im Roman besteht da eh keine Gefahr.


Hubert Wolf

ist ein deutscher Kirchenhistoriker, bedeutender Religionswissenschaftler und Autor zahlreicher Sachbücher, aber auch eines bemerkenswerten Romans , der im Pfeifenblog besprochen wurde. Er lehrt an der Universität Münster. Ich muß zugeben: ich bin ein Wolf-Fan und habe womöglich (?) fast alle seine Publikationen gelesen, eigentlich verschlungen.

Foto: © Catrin Moritz

Der Unfehlbare – Pius der IX. und die Erfindung des Katholizismus

Hubert Wolf schildert den erstaunlichen Weg eines kränkelnden jungen Adligen aus der Provinz zum mächtigsten und am längsten amtierenden Papst der Geschichte (1846 – 1878), der den Katholizismus neu erfand. Das fesselnd und anschaulich geschriebene Buch ist eine kalte Dusche für alle, die im Papst den Repräsentanten uralter Traditionen sehen. Der Autor beschreibt, wie der Katholizismus nach der französischen Revolution im Namen erfundener Traditionen ganz auf Rom ausgerichtet wurde. Im Bewusstsein eigener Machtvollkommenheit verkündete Pius IX. das Dogma von der Unbefleckten Empfängnis Mariens und ließ sich auf dem Ersten Vatikanischen Konzil für unfehlbar erklären.

Wie immer bei Hubert Wolf, ist das Sachthema so spannend in eine Quasi-Erzählung eingewoben, bei der Anlesen und Zuendelesen ein Vorgang ist.


Lea Singer

Die einen kennen sie unter dem Namen Lea Singer, die anderen als Eva Gesine Baur – erfolgreich ist sie unter beiden. Die vielseitige Schriftstellerin hat sich als Sachbuchautorin gleichermaßen einen Namen gemacht wie als Romanschriftstellerin. Die gebürtige Münchnerin hat Kunstgeschichte, Literaturwissenschaft und Musikwissenschaft studiert. Musik nimmt einen großen Stellenwert in ihrem literarischen Oeuvre ein, das stets von intensiven historischen Recherchen geprägt ist, ein: In ihren Sachbiografien beschäftigte sich Lea Singer nicht nur mit bekannten Namen wie Mozart und Chopin, sondern auch mit dem Librettisten der Zauberflöte, Emanuel Schikaneder. In ihrem Künstlerroman Konzert für die linke Hand (2008) steht der einarmige Pianist Paul Wittgenstein im Vordergrund, in ihrem zuletzt erschienenen Sachbuch Der Klavierschüler der 1989 verstorbene Klaviervirtuose Vladimir Horowitz.

Foto: © Martina Müller

 

La Fenice

Eine Geschichte, die anderen nützt, vielleicht noch in ferner Zukunft, mehr soll ihr Bericht gar nicht sein, sagt Angela del Moro am Schluss. Da ist sie dreiundzwanzig und hat mehr hinter sich als andere im doppelten Alter. Schon mit sechzehn hat sie es zu etwas gebracht, als Kurtisane, der einzige Beruf, in dem sie Geld verdienen, ein selbstbestimmtes Leben führen kann. Der Absturz beginnt mit einem Nein: Sie wagt es, einen Stammkunden wegzuschicken, und die Rache des Abgewiesenen ist mörderisch. Andere überleben so etwas nicht, aber Angela will kein Opfer sein. Ihr Wiederaufstieg ist eine Sensation. Das kann nicht nur gut gehen. Lea Singer erzählt die historisch verbürgten Erlebnisse einer jungen Frau, La Zaffetta genannt, im Venedig der Renaissance, und offenbart, wie nebenbei, die Abgründe der Serenissima in der Zeit eines Tizian oder Aretino.

 

 

 

 

 

 

 

Sie spricht durch die Person einer jungen Frau, die einen Skandal auslöste, weil sie sich das Recht nahm, ihre Wünsche zu leben. Und die zum Kult wurde auf einem der berühmtesten Bilder der Welt: Tizians Venus von Urbino.

 


Das nächste literarische Halbjahr hat schon begonnen und leider ist ein Stöbern in den Münchner Buchhandlungen derzeit nicht möglich. Aber die Bestellungen funktionieren gut und so sind schon die ersten Druckerzeugnisse bei mir gelandet. Vielleicht finden Sie das eine oder andere interessante Thema in meiner Leseliste, sie haben ein gutes halbes Jahr Zeit. Erst dann gibt es die nächste.




AUDIO – in eigener Sache

In den drei Audio Kategorien des Pfeifenblogs

  • Album des Monats
  • Audio Feature
  • Audio Playlisten

machen wir die vorgestellten Alben direkt hörbar. Als Plattform wird Spotify verwendet und zwar bereits in der kostenfreien Version.
Nun stellen wir fest, daß bei sehr vielen Alben der Einbettungscode ohne „Vorwarnung“ von Spotify geändert worden ist und Sie leider dieses hier sehen:

Wir müssen nun jeden Einbettungscode überprüfen, dazu alle Artikel durchsehen und ggfs. den neuen Einbettungscode einpflegen. Bitte sehen Sie uns nach, dass diese Aktion sukzessiv durchgeführt wird und etwas Zeit benötigt. Vielen Dank für Ihr Verständnis.

Übrigens: die drei Audio Kategorien erreichen Sie über die rechte Navigationleiste.




Samuel Gawith | Firedance Flake

Allmählich haben wir in unserem Tableau fast alle Samuel Gawith Tabake „reviewed“, den einen oder anderen sogar zwiefach. Im Unterschied zu einigen anderen Herstellern, deren Tabake ab und zu Veränderungen unterworfen sind oder gar als „Legenden-Animierung“ re-produziert werden, gilt Samuel Gawith als monolithischer Hersteller. Änderungen oder neue Tabake kommen selten aus den Lakelands und so hat man sich an diverse Eigenarten der Tabake gewöhnt. Das trifft vor allem die Flakes, berühmt und gefürchtet ob ihrer Feuchtigkeit und der „regelmäßig“ unregelmäßigen Schnittbreiten der einzelnen Tabakscheiben.Das kann beim gleichen Tabak von Dose zu Dose variieren. Allerdings bleibt auch festzustellen, daß seit der Wiedervereinigung von Samuel Gawith mit  Gawith & Hoggarth vieles besser geworden ist. Einige Tabake von SG, die es bisher nicht in Deutschland gab und die in der Schweiz, in UK oder in den USA beschafft werden mußten, hat seit geraumer Zeit auch der deutsche Fachhandel. In Europa ist Samuel Gawith seit 1792 einer der wenigen überlebenden echten Tabakhersteller, der sich neben dem Giganten Scandinavian Tobacco Group, MacBaren und den sehr kleinen J.F. Germain & Sons, neben Kohlhase & Kopp und DTM, behaupten kann.

Der Firedance Flake ist ein aromatisierter Virgina Flake, dessen Basis der SG Best Brown ist. Und der schmeckt stets durch, beim Firedance Flake …. und das ist gut so. Also beschreibe ich zunächst einmal die wichtigen Eigenschaften, mit denen der Best Brown aufwartet: ein mild-cremiger, weicher, absolut naturreiner Virginia-Flake mit viel pfeffriger, dunkler Frucht, herbem Zitrusduft, mildem Heu und Gras, viel Holz, floraler Erde, Pumpernickel. Das ist schon einmal eine Hausnummer für sich, für den Liebhaber von speziellen Aromen aber entfaltet er seine Klasse unter dem Aromenmantel vom Firedance in ganz besonderer Art. Brombeere und Brandy werden als Push-Aromen benannt und die schießen bei öffnen der Dose gehörig in die Nase. Das ist nicht die oft seifige Note von SG, diese hier ist anders. Ich kann beide Noten nicht so richtig trennen. Aber da ich die Herstellerangabe kenne, entdecke ich auch genau diese zwei. Ein Lob auf den Einfluß des geschriebenen Wortes!

Die Flakes in der Dose sind halt Flakes in der Dose, so wie man es von SG kennt: die üblichen 50 g in 9,5 x 2,5 cm langen Streifen, allerdings perfekt in gleicher Dicke/Stärke geschnitten. Und das war bis vor noch gar nicht langer Zeit keineswegs üblich. Bewertungen und Tests im Internet sind voll mit Kritik über die Feuchte und den unregelmäßigen Schnitt von SG Flakes.

Eine schöne Komposition von hellen, dunklen und hellbraunen Virginias – ein Flake „wie gemalt“

 

Die erste Pfeife habe ich mit meiner bewährten KNICK&FALT Methode befüllt, die mir bei Flakes und Curlies den höchsten Genuß beschert. Sobald die Oberfläche gleichmäßig in Brand gesetzt ist, entwickelt der Firedance zunächst eine Kopfnote, die mir gar nicht so unangenehm ist. Als strammer Aromatenverweigerer bin ich ein wenig -positiv- überrascht. Unter den Aromen kommt deutlich der Virginia zum Vorschein. Ich muß sagen, dass sich der Firedance im Rauch viel weniger aufdringlich zeigt als beim Dosengeruch, mit der Brombeere als vorherrschendes Aroma, mit dem Brandy im Hintergrund und irgendwie schmecke ich noch Vanille heraus. Aus dem Best Brown mit seinen etwas rauhen Kanten ist nun ein feiner Virginia-Flake mit schönem Körper, ohne Härte und ohne übermäßige Schwere geworden. Allerdings: nach dem starken Anfang haben sich Brombeere und Brandy nahezu verflüchtigt und es bleibt nur noch der Geschmack des Virginias übrig.

Lag es vielleicht an der Art der Befüllung?

Die nächsten zwei Pfeifen habe ich mit aufgedröselten Flakescheiben befüllt. Das Anzünden ging dadurch gleichsam leichter vonstatten und der Tabak geriet auch schneller auf „Betriebstemperatur“. Ich schmeckte nun die Weinbrand-Brombeere etwas deutlicher und -für mich- auch etwas penetranter. Und vor allem durchgängiger und nahezu bis zum Schluß. Für die Liebhaber von aromatisierten Tabaken wie dem Firedance womöglich die geeignetere Füllmethode.

Nach der fünften oder sechsten Pfeife war für mich klar, daß der Firedance Flake bei mir keine Heimat finden wird. Ich empfinde ihn ein wenig wie nicht Fisch nicht Fleisch, das liegt an meinen Vorlieben, bei denen Naturreinheit im Vordergrund steht. Das das anfangs kräftige Brombeeraroma sich so schnell in Rauch auflöst, erscheint mir dann auch nicht zufriedenstellend für den passionierten Aromatenfreund zu sein. Als gelegentlicher Rauch rundet er eine gepflegte Tabakbar sicherlich ab, aber mehr auch nicht.

In jedem Fall würde ich als Vergleichstabak den Samuel Gawith Kendal Cream Flake vorziehen, auch der wunderbare Huber Honeydew Flake – jetzt Golden Flake – sind eine bessere Wahl. .


 

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