Deep Purple … ein dunkles (Hör-)Erlebnis

Für viele meiner Generation wurde nach der Initiierung für populäre Musik durch Beatles, Stones, Kinks, Small Faces und andere, das Aufkommen von Hard Rock der nächste Schritt in die musikalische Emanzipation von der längst überkommenen Kultur der Elterngeneration. Allen voran waren es Deep Purple, von denen bereits zwei Alben vor ihrer 1970er Durchbruchscheibe Deep Purple in Rock auf meinem Plattenteller mit den ersten beiden Alben Shades of Deep Purple und The Book of Taliesyn (beide 1968) heimisch geworden waren. Auf diesen zwei Alben waren allenfalls Anklänge von dem Stil und von der musikalischen Perfektion vorhanden, mit der die Band dann ab Deep Purple in Rock aufwartete. Bis in die heutige Zeit gab es immer wieder Umbesetzungen bei den Musikern, für den Hardcore Fan allerdings zählt nur die sogenannte MK-II Besetzung mit Ian Gillan, Jon Lord – Keys, Ritchie Blackmore – Gitarre, Roger Glover – Bass und Ian Paice an den Drums. Die beiden letzteren sind auch in der aktuellen MK-VIII- Besetzung und damit unverändert seit 1970 an Bord. Sie bilden die legendäre Rhythmusgruppe in der Band, als perfekte Ergänzung zur Orgel, den Gitarren sowie Ian Gillans Stimme. Die Veränderungen sind teilweise verwirrend, aber MK-II veröffentliche Alben von 1969-1973, 1984-1989 und 1992-1993 und das war die „Hochzeit“ von Deep Purple. Das Ende zeichnete sich mit dem endgültigen Ausstieg von Ritchie Blackmore 1993 ab und wurde durch den von Jon Lord (†2012) im Jahre 2002 besiegelt. Das letzte Album als MK-II war das hervorragende The Battle Rages On von 1993.

Jon Lord war es, der erstmals die gewaltige Kraft einer Hammond B3 und C3 mit Marshall Verstärkern und Leslie-Rotary-Speaker-Cabinet in den Vordergrund brachte und mit dem Ausnahmegitarristen Ritchie Blackmore einen kongenialen Partner fand, wenn es auch später zum Bruch zwischen beiden kam. Beide waren den meisten Musikern des Genres in dieser Zeit weit überlegen. Jon Lord mit seiner stilbildenden Melange aus Jazz, Hardrock, Blues und klassischer Musik und der Tech-Freak Blackmore, der eigene Tonabnehmer und Effekte für seine Stratocaster entwickelte und an dessen Spielweise und ikonischem Ton sein (e) Nachfolger nie heranreichen konnten. .

Weder der Kurzzeit Purple Joe Satriani noch der blutleere Steve Morse. Letzterer ist nun seit 1994 der Gitarrist der Band, ein respektabaler Musiker, der aus der Jazz-Fusion-Ecke stammt und tolle Sachen mit den Dixie Dregs veranstaltet hat, bei den Mainstreamern von Kansas aber auch schon nicht besonders aufregend spielte. Aber er passt weder von der Spielweise noch mit seinem Frickle-Frackle Ton zu Deep Purple. (Gleiches gilt für die Dickie Betts Nachfolger Warren Haynes und Derek Trucks bei den Allman Brothers, eine ähnliche Situation). Und dehnen wir diese Kritik dann auch gleich auf den auf Jon Lord nachfolgenden Keyborder Don Airey aus, einem Urgestein aus der britischen Blues und Rock Szene (u.a. Colosseum II), dessen Orgelton nur oberflächliche Hörer für sich einnehmen kann. Ein Trauerspiel, das nur durch eine scheinbar stets erfolgreiche Gelddruckmaschine aus Tourneen und Alben weitergeführt wird. Denn musikalisch ist das Verfallsdatum seit 1993 erreicht. Eine Aussage, die für mich durch das neue Studioalbum Whoosh! unterstrichen wird, seit August 2020 ist es auf dem Markt.

 

Ein musikalisch sehr versierter Freund aus der Münchner Runde, dem Pfeifen- und Zigarrenclub, äußerte sich angetan von diesem Eloborat und da ich über eine lückenlose Sammlung von Deep Purple Alben verfüge, besaß ich diese bereits, hatte sie aber noch nicht angehört. Das war nicht die schlechteste Situation, ich hätte es dabei bewenden lassen sollen. Alle meine Vorbehalte bei den zurückliegenden Alben der nach MK-II Ära sind bestätigt. Gutes Songmaterial, eine überraschend perfekte Ian Gillan Studiostimme (seine live Auftritte der letzten Jahre waren stimmlich unterirdisch schlecht, das Alter!), Rhythmus sitzt wie eh und je. Aber die Kirmesorgel von Don Airey und die ölige Gitarre von Steve Morse, der keine Pausen kennt, (wie fehlt da die Blackmoresche Pentatonik) machen (fast) alles zunichte.

 

Hinzukommen fürchterliche Arrangements mit dauernd verunglückten Keyboard-Orgel-Synthi Passagen, die vieles zumüllen und nicht annähernd an die Mischung zwischen Gradlinigkeit und freien Melodienbögen von MK II heranreichen.

 

Insgesamt erscheint die ganze Abmischung komprimiert und damit verhangen und verwaschen. Das erste Stück „Throw my Bones“ ist als ehestes (und vielleicht einziges) Lied für mich akzeptabel und nach mehrmaligem Hören des Albums mußte ich mir unbedingt den als ZUGABE unten hörbaren Booker T. Klassiker Green Onions voll aufgedreht anhören, den Jon Lord live in Mulhouse/ Elsass 2011 mit den australischen Hoochie-Coochie-Men so spielt, wie eine (Jon Lord) Deep Purple Hammond klingen muß, damit auch der Bauch etwas davon hat. Jedes Ding hat seine Zeit!  Die von Deep Purple ist seit 27 Jahren vorbei.

 



ZUGABE – ein Jahr später ist Jon Lord seinem Bauchspeichelkrebs erlegen