SPCSC | 2. Pfeifenausstellung in Singapore

Wie so oft berichtet, besteht eine enge Verbundenheit mit dem SPCSC – dem Singapore Pipe & Cigar Smokers Club. Im jetzt ruhenden Forum Pfeifen und mehr haben wir zahlreiche Artikel über diese Liaison veröffentlicht. Zum Gründer und dem „Heart & Soul“ des Clubs, Dr. Michael Loh, besteht eine fast 20 jährige, enge Freundschaft und noch heute treffen wir uns einige Male im Jahr in Singapore. Die bisherigen samstäglichen Zusammenkünfte der zahlreichen Clubmitglieder sind zwischenzeitlich legendär und werden durch zahlreiche Lunch- oder Dinnerveranstaltungen und gemeinsame Besuche in Zigarren- und Whisky Bars abgerundet. Erfreulicherweise haben einige Mitglieder von PUM und Pfeifenblog in den vergangenen Jahren dem SPCSC Besuche abgestattet.

Volle Besetzung: Der Singapore Pipe & Cigar Smokers Club, eine wichtige soziale Institution, ohne Nachwuchsprobleme und mit ständigem Neuzugang von Mitgliedern.

Das Interesse an Pfeifen aus Europa ist sehr groß. Und wer vermutet, Singapore sei eine Brachlandschaft, was Tabak betrifft, der irrt. Denn die Clubmitglieder bestellen regelmäßig Tabak aus aller Welt. Und da viele Mitglieder beruflich, geschäftlich oder in der Freizeit nach Übersee reisen, ist die Versorgungslage gut. So unterscheidet sich denn auch das Sortiment keineswegs von unserem. Besonders beliebt sind die HU-Tabake und Balkan, Epikur und Diablo Nero von Pfeifen Huber. McClelland, Cornel & Diehl, Gawith, Dunhill, MacBaren und die STG Tabake sind gängig im Club vorzufinden. Eine große Leidenschaft und das damit verbundene Wissen gibt es für Whisky, Rum und andere Geiststärker und die vielen Clubs, Bars und Lounges, in denen auch geraucht werden darf, sind die geeigneten Genußtempel in Singapore. Einem Stadtstaat, in dem ansonsten ein rigoroses Rauchverbot gilt.

Ab sofort gilt in Singapore für Personen unter 20 Jahren, daß sie sich nur noch mit aufgesetzter Gasmaske in der Nähe von Rauchern aufhalten dürfen.

Die Erste im November 2011

Der SPCSC hat die 1. Singapore Pipe Show im Jahre 2011 veranstaltet. Pfeifensammler wie Jörg Wittkamp, Heinz Schwarzkopf und ich hatten Gelegenheit, neben anderen eine Auswahl ihrer Exponate auszustellen. Ein interessantes Rahmenprogramm und ausgezeichnete Verpflegung ermöglichten einen wundervollen Tag unter Gleichgesinnten, der allen in Erinnerung geblieben ist.

Ein ehemaliges Offizierskasino mit Küstenblick bot 2011 ein ansprechendes Ambiente.

Und nun: Oktober 2017

Zwei Jahre hat das Organisationsteam um Dr. Mike Loh, Avril Gun und Landrick Tan benötigt, um die 2. Singapore Pipe Exhibition am 7. Oktober 2017 vorzubereiten. Die Schwierigkeit bestand vor allem darin, eine geeignete Lokalität zu finden. Denn die meisten Anbieter winkten ab, wenn sie „Tabak & Zigarren hörten. So ist das nun mal in einer weitgehend globalisierten Welt, in der Gleichmacherei und weitführende Angleichung zum Primat geworden sind.

Die Organisatoren waren dann auch sehr froh, mit dem am Marina South Pier vertäuten Steword Riverboat einen außergewöhnlichen Ort für die Pfeifenausstellung gefunden zu haben. Und die internationalen Aussteller und VIP-Gäste konnten sich sehen lassen: Kyozanuro Tsuge, Präsident der Tsuge Pipe Company und Barnabas Suzuki, Vice President of the Comité International of Pipesmokers Clubs, beide aus Japan, Carlos P. Fuente Jr, Präsident des renommierten Zigarrenherstellers Arturo Fuente aus der Dominikanischen Republik. Die Pfeifenmacher Lee von Erck aus den USA, Li Zhesong aus China und Jerry Zenn aus Taiwan, Satoshi Kosaka aus Japan,  Peter Hemmer (Foundation Pipes, Rom), Maurizio Fraternale von Ser Jacobo aus Italien, Charly Brown von Tabac101, sowie einer der Sponsoren, die Grande Vida Cigars aus Singapore und die deutschen Sammler Jörg Wittkamp, Heinz Schwarzkopf und Bodo Falkenried. Allein die drei Letztgenannten legten den über 100 geladenen, sachverständigen Gästen Exponate in einem schwindelerregendem Wert vor: zum Betrachten, aber auch zum (sorgfältigen) Anfassen.

Die Location

Unterdeck mit Aussenbereich, ideal für den Lunch der Ausstellungsgäste

Die Ausstellung im Zwischendeck

…. aufmerksame Zuhörer bei der Eröffnungsrede ….

Dieses Foto birgt eine gewisse Tragik: Pfeifenfreund Daniel Yeo verstarb nur wenige Wochen nach unserem Fest überraschend und viel zu früh an einem Herzversagen. Er war mit Mitglied im SPCSC von Anbeginn an.

Maurizio Fraternale, Ser Jacobo aus Italien, weiter oben im Bild Tsuge

Pretiosen von Jörg Wittkamp, aus seiner außergewöhnlichen Sammlung: darunter Bo Nordh, Jess Chonowitsch, Jörn Mikke, Björn of Sweden, Lars Ivarsson und andere Ausnahmepfeifen mehr.

Pfeifenmacher Satoshi Kosaka aus Jaan

Erstaunliche Pfeifen aus China und Taiwan

… aus einer Sammlung aus München ……

Charly Brown, Inhaber von Tabac101, Singapore

Charly Browns Shop in bester Lage in Singapores Orchard Road bietet zunehmend eine große Auswahl von europäischen Pfeifen, darunter Castello.

Grande Vida aus Singapore, bekannt für eine große Auswahl an Zigarren und Accessoirs und einer der Sponsoren der Veranstaltung

Eine wichtige Zeremonie in Singapore, die nur wenigen Auserwählten zuteil wird: die Ernennung zum „Uncle“, eine respektvolle Bezeichnung und Anrede. Unerlässliche Utensilien sind die namentliche ausgestellte Urkunde und der seidene Hut. Ernannt wurden in diesem Jahr Peter Hemmer und Jörg Wittkamp, Bodo Falkenried und Heinz Schwarzkopf sind bereits seit einigen Jahren „Uncles“.

Ein sichtlich erfreuter „Uncle Peter“ Hemmer, mit einer Auswahl von römischen Foundation Pfeifen.

Uncle Peter, nicht zum ersten Mal in Singapore, in anregender, natürlich italienisch geführter Unterhaltung mit Maurizio Fraternale von Ser Jacobo.

„Uncle“ Jörg Wittkamp und der Laudator, Dr. Micheal Loh

Keine „Uncles“, aber VIPs aus Japan: Kyozanuro Tsuge und Barnabas T. Suzuki mit Dr. Michael Loh

 

Pfeifen von Foundation, Rom und Peter Hemmer, München

Schnell noch einige Fotos fürs Album, bevor die schönen Stücke den Besitzer wechseln: Steffi & Peter Hemmer, München

Und nach dem Finale der gelungenen Ausstellung ging es dann auf das überdachte Oberdeck. Ein feiner Ort, um im Freundeskreis zu rauchen und zu fachsimpeln. Das kurzfristige Tropengewitter mit gigantischen Regenstürzen liess die Raucher unbeeindruckt.




Singapore Pipe & Cigar Club

Seit langen Jahren verbindet uns eine intensive Freundschaft mit dem Singapore Pipe & Cigar Club, der unter der Ägide von Dr. Michael Loh ein stabiler Fels in der immer raucherfeindlicheren Umgebung in Singapore ist. Da ich 3 bis 4 mal im Jahr für mehrere Wochen in Singapore bin – und das seit über 30 Jahren – kann ich an den zahlreichen, mittlerweile legendären samstäglichen „gatherings“ teilnehmen. Auch so manche gemeinsame  Ausflüge, von denen einige weiter unter nach zu lesen sind, bringen Vorfreude für meine nächste Reise im kommenden April.

An der ersten Singapore Pipe Collectors Exhibition 2011 haben auch Jörg Wittkamp und Heinz Schwarzkopf mit mir teilgenommen, siehe die Links weiter unten. Eine Delegation der Münchner Runde (Bodo II Mauk, Peter Hemmer, Dietmar Böck†) und Heinz Schwarzkopf aus Köln besuchte Singapore im vergangenen Jahr und es steht ein erneuter Besuch der Münchner im Oktober 2017 zur 2. Singapore Pipe Collectors Exhibition an, diesmal auf einem Mississippi-Dampfer auf dem Singapore River.

Anläßlich des 60. Geburtstages von Dr. Mike, wie wir ihn alle respektvoll nennen, wurde dieses Foto gemacht und es ist eine Freude, eine solch große, aktive Gruppe von Genußrauchern vorzufinden. Auch Heinz Schwarzkopf hat an der Feier teilgenommen, wie zu sehen ist.

Unterste Reihe, Vierter von Links -mit rotem Fächer: Dr. Mike Loh. Er schreibt auch regelmäßig in seinem gesellschaftskritischen Blog „Loh & Behold“ als Lohcifer.

Links (in Bearbeitung)

  1. Singapore Pipe Collectors Exhibition 2011
  2.  Ausflug mit dem SP&CC nach Johor Bahru (Malaysia)
  3. Ausflug mit dem SP&CC nach Pulau Ubin
  4. Das Marina Bay Sands – fast ein Weltwunder



Istanbul | …. ein Meerschaum Paradies

Trotz allem… muß man der Überschrift in diesen unruhigen Zeiten hinzufügen und hoffen, dass die Türkei wieder zur Normalität zurück findet. Denn das wundervolle Istanbul bietet sich derzeit kaum als unbeschwertes Reiseziel an. Obwohl für uns Pfeifensammler ein Besuch bei Cantekin im großen Bazar sehr, sehr verlockend ist. Istanbul`s Märkte und Bazare liegen im steil zum Goldenen Horn hin abfallenden Stadtviertel zwischen dem Beyazitplatz und der alten Universität. Herzstück neben einer Vielzahl von speziellen Märkten wie dem Bazar der Buchantiquare, dem Sahaflar Çarşisi-immerhin der größte Umschlagplatz für Bücher im ganzen Nahen Osten, seit Mitte des 18. Jahrhunderts nach der gesetzlichen Zulassung des Druckverfahrens im Osmanischen Reich der Buchhandel einen ungeahnten Aufschwung nahm – oder dem mit überbordendem Angebot aufwartenden Gewürzmarkt, ist der Große Bazar, richtig der Kapali Çarşi – der Gedeckte Bazar. Ein überdachtes unentwirrbares Labyrinth mit über 4000 Läden, gut und gerne 2000 Werkstätten, 20 Lagerhäusern, 18 Brunnen und, ein gutes Dutzend kleinere Moscheen, unzähligen Teestuben und sogar öffentlichen Banken. Erbaut im 15. Jahrhundert ist er heute nahezu unverändert vorzufinden, wenn sich auch das Warenangebot gravierend verändert hat. Tief im Inneren dieser Stadt in der Stadt entdeckte ich vor Jahren einen winzigen Laden, der eine phantastische Auswahl von Meerschaumpfeifen bietet: CANTEKIN Meerschaum Pipes.

Wer auf Schnäppchenjagd ist, sollte hier keine Hoffnungen hegen. Ernsthaft Interessierte finden ab ca. 200€ Exponate, für die in Deutschland gut der doppelte Preis aufgerufen wird. Ausgang der teebegleiteten Verhandlung war zum Beispiel ein Preis von 550 US$ für ein exemplarisch schönes Adlerklauenmotiv, dessen Preis dann bei 230€ landete, für zusätzliche 30€ wäre das Ebonitmundstück gegen eines aus echtem Bernstein ausgetauscht worden.

Viele Formen und Motive hat der überaus freundliche, sympathische und unaufdringliche Inhaber selbst entworfen. Mit der Fertigung sind verschiedene Schnitzer beauftragt. Das Angebot ist riesig. Für Hakan Cantekin kommt nur bester Blockmeerschaum in Frage. Bohrungen sind fehlerfrei und die Mundstücke fast alle von hervorragender Qualität. Neben den bekannten Adlerklauen- und Konterfeimotiven gibt es fast nichts aus der Human- oder Tierwelt, was nicht in Form umgesetzt ist. Liebhaber von grazilen oder deftigen Erotikdarstellungen finden ebenso passendes wie die eher dezenter geneigten Raucher und Sammler.

 

Die Pfeifen sind sehr gut präsentiert, alle auf kleinen Regalen der vier Glaswände des Ladens einsehbar. Bereitwillig wird jede Pfeife vorgelegt, sie sind verkaufsgepflegt, kein Stäubchen läßt sich finden, gleiches gilt für die Ebonitmundstücke. Alle Pfeifen können auch online bestellt werden, die im Online-Katalog zahlreich gezeigten Abbildungen sind aussagekräftig. Auf alle Pfeifen wird 5 Jahre Garantie gewährt.

Cantekin Meerschaum Pipes
İçbedesten Şerifağa sokak No: 64-65
P.K 34440
Kapalıçarşı-Istanbul
Tel&Fax: +90 212 512 06 14
hakancantekin@turkeypipe.com
www.turkeypipe.com




Shanghai – Dunhill desaströs

Sind fast 50 Jahre treue Dunhill-Gefolgschaft als Kunde genug? Denn was sich der Konzern heute an einigen Orten an Unfreundlichkeit und Unverschämtheit herausnimmt, muss nicht hingenommen werden. Vielleicht hat Alfred Henry Dunhill das vorausgeahnt und schaut deshalb in der Titelcollage so betreten zu Boden. Nicht vorstellen hätte er sich aber können, das in einem seiner Geschäfte jemals seriöse Kunden – nein, nicht hinaus komplementiert, sondern hinausgedrängt werden könnten. Es fehlte nur der Tritt des ungebildeten und manierenlosen Angestellten. So geschehen vor kurzem in Shanghai.

Dr. Mike Loh, Kopf und Seele des Singapore Pipe & Cigar Smokers Club, gab mir den Tipp für Shanghai: dort gäbe es einen feinen Dunhill Shop, der ein gutes Sortiment Pfeifen und darüber hinaus sogar einen Raucherraum böte. Der Fahrer vom St.Regis Hotel brachte uns in die Huaihai Road, immerhin eine 30 minütige Fahrt. Noch war ich voller Vorfreude und an der Hausnummer 796 gelangt der (noch) geneigte Besucher durch einen breiten Durchgang in einen geräumigen, schön bepflanzten Innenhof. Neo-Klassizistische Gebäude in erstklassig gepflegtem Zustand, dazu ein asiatisch-englisches Ambiente – der Samstagvormittag schien ein interessanter zu werden. Er wurde es.

Ich betrat den Shop, grosszügig und elegant eingerichtet, allerdings stand auch hier wie bei allen anderen Dunhill Shops, die ich bereits kenne, Mode und deren Accessoirs im Vordergrund. Auf die Frage nach Pfeife und Tabak führte uns der sichtlich unfreundliche – ja, was eigentlich, Verkäufer ?, kann ja wohl nicht sein – in einen hellen Hinterraum, der im Stil eines englischen Gentlemanclubs eingerichtet war: Ledercouch, Ledersessel, dunkles Mobiliar – herrlich. Das musste der Raucherraum sein. Und ab da ging`s vehement bergab. Pfeifen: sage und schreibe 5 Stück dümpelten lieblos festgeklemmt in 2 Wandvitrinen, die wesentlich mehr aufnehmen können. Verstaubte, matte Mundstücke – unglaublich. Die Frage, ob man gerade auf eine Lieferung neuer Pfeifen warte, wurde mit denkbar frech-arroganter Miene verneint.

Die an sich überflüssige Frage nach Tabak wurde so gestenreich verneint, als ob ich nach dem Teufel gefragt hätte. Das Tabakgeschäft hätte man längst seit langem verkauft. Er drängte mich aus dem Raum, was mich nun doch sehr verwunderte. Chinesen in Shanghai sind berühmt-berüchtigt für ihren rüden Umgang im Fussgängerverkehr, allerortens wird grob und rücksichtslos gerempelt. Aber in einem vermeintlichen Luxusshop? Als potentieller Kunde? Das bin ich nicht gewohnt.

Meine abschliessende Frage, ob ich ich fotografieren dürfe, wurde so unhöflich abgelehnt, dass ich diesen „Kundentempel“ schnellstens und maßlos enttäuscht verlassen habe: nicht ohne das die grosse Glastür hinter mir kräftig zugeworfen wurde. Das entspricht einem bayerischen “ schleich di, Du Grattler“. Und nun weiss ich wieder, warum ich alle meine Dunhills der letzten 40 Jahre – und das sind wahrlich nicht wenige – nur bei Pfeifen Huber in München gekauft habe. Aus Erfahrung gut, hiess mal ein alter Werbespruch zu Deutschlands güldenen Nachkriegszeiten. Ich habe dem Portier im St. Regis die Geschichte erzählt und ihn gebeten, Gäste, die die Frage nach dem Dunhill Shop stellen, von einem Besuch abzuhalten.Was ist aus dem einst grossen Namen geworden.

Ob sich irgend jemand bei Dunhill wohl noch daran erinnert, was diesen Namen groß gemacht hat?




Istanbul – literarische Vorbereitung einer Reise

Sie ist nur 100 Jahr später gegründet worden als Rom, dessen östlichem Teil sie später sogar als Hauptstadt diente, einzigartige Stadt bis heute: als griechische Gründung Byzantion, unter Konstantin 330 n.Chr. zu Konstantinopel geworden, ab dem 15. Jahrhundert dann als Istanbul eines der Zentren des osmanischen Reiches….und bis heute eine Stadt der geschichtlichen und kulturellen Wunder. Keine andere Metropole auf unserem Globus vereinigt bis hin in die Gegenwart Tradition und Kultur von Okzident und Orient so vollkommen wie dieses riesige Stadtgebilde- Polis in Europa und Asien.

Rom ist römisch gegründet und so geblieben, changierend immer nur in der Bedeutung. Bis heute. Allenfalls ist ein Rückblick auf die griechischen Gründungen und etruskische Vorzeit sinnvoll. Istanbul aber ist das geschichtliche und kunstgeschichtliche, das architektonische und religiöse Kaleidoskop par excellence, in dem wir heute noch –in weiten Teilen ursprünglich, unverändert – in das Stadtbild einbezogene Spuren frühzeitlicher, antiker, christlicher, levantinischer und osmanischer (islamisch) Kulturen finden. Man muß sie nicht suchen, sie sind allgegenwärtig. Will der kulturgeschichtlich interessierte Reisende in eine solch gewaltige Umwelt eintreten, so sei eine gute Vorbereitung angeraten, ohne die Istanbul nicht richtig erfahren wird. Dies kann, sofern Wissenschaft nicht bemüht werden soll, durchaus ansprechend und umfassend durch moderne türkische Belletristik erfolgen. Einige Beispiele, denen ich wiederholt folge, sind hier vorgestellt.

Nedim Gürsel, Professor für türkische Literatur an der Pariser Sorbonne, ging erst kürzlich durch die weltweiten Medien: sein letztes Werk „Allah`s Töchter“ – nun auch in deutscher Sprache erschienen- soll religiöse Werte des türkischen Volkes verletzen, so die Anklage. Der Prozess hat begonnen, im droht eine hohe Haftstrafe, die Türkei entfernt sich mal wieder von Europa. Gut, dass er mit französischer Staatsbürgerschaft in Paris lebt.

Der Eroberer

Der Eroberer · Ammann Verlag 1998 · ISBN 3-250-60012-1

Schon Marcel Proust hat Swann in der Suche nach der verlorenen Zeit als einen seiner Bewunderer geschildert: den außergewöhnlichen Sultan Mehment II, den Eroberer des christlichen Konstantinopels. So heißt denn Gürsels erster Roman aus dem Jahre 1995 auch schlicht Der Eroberer. Ein Schriftsteller verbringt mit Frau und Freunden einen Sommer in einer alten Villa am Bosporus. Er ist begeistert von seiner Heimatstadt Istanbul und von dem historischen Mehmet II, mit dem er sich nahezu besessen beschäftigt. Immer mehr vertieft er sich aus der Gegenwart in die Zeit des Sultans und schildert einen fast 500 Jahre umfassenden Zeitraum, bis er wieder bei sich und der Jetztzeit angelangt ist. Wir sind mit dabei, werden Teil der farbenprächtigen Welt osmanischer Sultansmacht und Sultanspracht.

Turbane in Venedig

Turbane in Venedig · Ammann Verlag · ISBN 3-250-60034-2

Nedim Gürsel bleibt in der Geschichte, allerdings nicht mehr nur in Istanbul. Die Beziehung seiner Heimatstadt zur ewigen Konkurrentin Venedig steht im Mittelpunkt. Der türkische Professor Kamil Uzman hält sich zu Forschungszwecken in den Museen, Galerien und Bibliotheken Venedigs auf. Eine geheimnisvolle Reise durch die Welt der Renaissancemalerei, einfühlsame Verknüpfungen von Orient und Okzident. Und eine akzeptable Liebesgeschichte, ein Roman eben.

Ahmet Hamdi Tanpinar „Seelenfrieden“

Der Seelenfrieden gilt bei den türkischen Literaturinteressierten als Jahrhundertroman. Was den Italienern Ippolito Nievos Bekenntnisse, den Iren der Ulysses und Finnegan`s Wake und uns Deutschen vielleicht die Buddenbrocks oder der Josephsroman bedeuten. Kult sagt man heute. Der Autor (1901-1962), geboren und gestorben in Istanbul, angesehener Literaturwissenschaftler, Professor für moderne türkische Literatur an der Istanbul Universität, ein sensibler Autor, der zeitlebens die kulturellen Werte der osmanischen Tradition nicht aufgegeben hat, wiewohl er in der Zeit Kemal Atatürks und damit dem Beginn der modernen Türkei , aber noch nah genug an der traditionellen „osmanischen“ Türkei gelebt hat.

Seelenfrieden · Unions Verlag / Türkische Bibliothek · ISBN 978-3-293-10013-8

Der junge Historiker Mümtaz kultiviert eine geradezu besessene Beziehung zu der alten, vom Verfall bedrohten Sultansmetropole: zu ihren Bauwerken, zum voller abgelegter Dinge, zur Poesie. Als er Nuran kennenlernt, vereinen sich in dieser Liebe einen Sommer lang all die Elemente der osmanischen Kultur zu einem ästethetischen Ganzen, bis sein Studiengefährte und Rivale bei Nuran-Suat, todkrank- auftaucht. Er möchte alles Alte zugrunde richten und einen völlig neuen Menschen schaffen. Ein tödlicher Konflikt entsteht. Der Roman ist Beispiel für die teilweise innere Zerrissenheit Tanpinars, die Verwurzelung in der osmanischen Tradition, die er nicht loslassen wollte, die aber in der modernen Türkei Atatürks und seiner Nachfolger immer weniger Platz erhielt. Realliteratur, wie sie einnehmender   und wissensvermittelnder nicht sein kann. Auch nach fast 60 Jahren ein Faszinosum.

Orhan Pamuk: sicherlich ist der 57-jährige Istanbuler Nobelpreisträger der im Westen bekannteste türkische Gegenwartsautor, auch er wie Nedim Gürsel von der Justiz wegen angeblicher staatskritischer Äußerungen angeklagt, gottseidank freigesprochen. Seine in Deutschland bekannten Romane Schnee, Die weiße Festung, Rot ist mein Name werde ich noch in Einzelrezensionen vorstellen. Zu diesem Thema aber dürfen zwei seiner Werke nicht fehlen, da sie sich intensiv um seine Heimatstadt drehen: Das schwarze Buch und Istanbul – Erinnerungen an eine Stadt. Im Schwarzen Buch schafft Pamuk ein schillerndes Portrait seiner Stadt, die seit Jahrhunderten die Phantasie beschäftigt. Ein vielschichtiger, labyrinthischer Kriminalroman, ein mystisches Traktat, ein Märchen mit manchmal absurdem Humor.

Das Schwarze Buch · Hanser · ISBN 3-446-17389-7

Wir wandern mit dem Protagonisten auf der Suche nach seiner Frau tagelang durch Istanbul, begegnen Zuhältern, Dirnen, modernen Derwischen, Betrügern, Säufern, steigen in den Untergrund der Stadt hinab. Vor uns entstehen Bilder von den Sommervillen am Bosporus, wir riechen die Gewürze in den Basaren. Der Schluß sei nicht verraten, er ist raffiniert und verwirrend zugleich. Am Ende des Buches war ich mir nicht sicher, ob ich es selbst gelesen habe oder ob mir in einem Han ein Märchenerzähler (vielleicht Rafik Schami ?) die Geschichte erzählt hat.

Istanbul- Fischer Taschenbuch · ISBN 978-3-596-17767-7

In Istanbul – Erinnerungen an eine Stadt bringt uns Orhan Pamuk mit Menschen und Orte zusammen, die phantasievoller nicht sein können. Der junge Orhan durchstreift erst an der Hand der Mutter oder im Dodge des Onkels, dann auf eigene Faust die Stadt, der er von Anfang an verfallen ist. Die Großfamilie lebt noch wie in osmanischen Zeiten unter einem Dach in den Pamuk Apartmani, während das ererbte Vermögen Vater und Onkel unter den Händen zerrinnt. Der Niedergang der einst so großartigen Stadt spiegelt sich in gewisser Weise in der allmählichen Auflösung von Pamuks Familie wieder. Entwaffnend ehrlich und melancholisch zugleich.

* auch als NDR-Lesung mit Ulrich Noethen

Zum Schluß möchte ich das romanhafte Istanbul verlassen und auf zwei Führer aufmerksam machen, die man unbedingt braucht. Leider ist der unvergleichliche Führer Istanbul von John Freely und Hilary Sumner-Boyd aus dem Jahre 1975 wie ja auch die gesamte Reiseführer-Reihe des Prestel Verlags nicht mehr erhältlich. Die Suche nach antiquarischen Ausgaben lohnt. Die beiden Autoren waren Professoren an der Bosporus Universität und wurden von zahlreichen türkischen Fachgelehrten unterstützt.

Hat man eine Ausgabe glücklich gefunden, so gibt der moderne Führer von Dorling Kindersley eine zeitgemäße Ergänzung ab und man ist für ein mehrtägiges Eintauchen in den gewaltigen Kosmos Istanbul bestens gerüstet.

  • Istanbul · Geschichtlicher + Kunst – Reiseführer · Prestel Verlag München · ISBN 3-791-300989 · Vergriffen, Antiquariat                                                                                                             
  • Istanbul · Dorling Kindersley · Reihe Vis-a-Vis · ISBN 978-3-928044-29-5

 

Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt · ISBN 3-534-05845-3


Ein wissenschaftliches Standardwerk zur Geschichte der Osmanen ist das 1985 erschienene Werk des Historikers und Orientalisten Josef Matuz (1925-1992)-Das Osmanische Reich-Grundlinien seiner Geschichte. Matuz, zuletzt Professor in Freiburg, beschreibt den Aufstieg und Niedergang des Osmanischen Reiches bis zur Entstehung der türkischen Republik als abschließende Zäsur. Neben den Hauptfakten der politischen Geschichte finden in diesem klassischen Überblick auch die wichtigsten Perspektiven der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung wie auch Religion und Geisteshaltung des Islam Berücksichtigung. Die Darstellung richtet sich sowohl an angehende Islamwissenschaftler wie historisch interessierte Nichtorientalisten. Das Buch kann wegen seiner Karten, Übersichten und Tabellen sowie der ausführlichen Zeittafel auch als Nachschlagewerk benutzt werden. Ich nehme es immer wieder zur Hand, zur Vorbereitung einer Istanbulreise ist es allerdings nicht zwingend notwendig, aber sehr hilfreich.