Léo Malet | Nestor Burma der Detektiv mit der Stierkopf-Pfeife

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Den Anlaß für diesen Artikel, gab mir das Geburtstagsgeschenk eines lieben alten Freundes (er ist tatsächlich 5 Tage älter als ich), welches mich vor ein paar Tagen (etwas verspätet) erreichte.
Wir teilen unter anderem die Liebe zu etwas abseitiger, skurriler Literatur und im Speziellen die zum Genre der Detektivgeschichte.
Beide sind wir begeisterte Fans der Kriminal-Romane von Léo Malet.
Léo Malet, wie auch seine Romanfigur der Privatdetektiv Nestor Burma sind passionierte Pfeifenraucher und haben einen ganz speziellen Faible für eine spezielle Pfeife mit einem geschnitzten Stierkopf. Nestor Burma erwirbt in einem der Romane 1939 eine solche Pfeife für 60 Franc. Später sieht man auf Fotos seinen Schöpfer Malet auch immer wieder mit einer solchen Pfeife posieren.

Sie, lieber Leser, werden es schon erraten haben, genau so eine Pfeife erhielt ich von meinem Freund zum Geburtstag.
Sie, ein distiguierter Pfeifenraucher mit Stil und Geschmack, der Sie gerade eine zierliche Dunhill im Mundwinkel schweben haben, werden sich die ungebändigte Freude und die kindliche Begeisterung für dieses Geschenk leider nicht einmal im Anstz vorstellen können. Aber ich habe mich unglaublich gefreut. Eine richtige, echte Nestor-Burma-Pfeife – ein Wahnsinn!

DIE PFEIFE

Ein gebogenes Mundstück ein kurzer Holm und dann ein wuchtiger Stierschädel mit angeklebten Hörner aus echtem Horn und dazu auch noch kleine Glas-Kulleraugen wei bei einer Puppe: eine wahre Schönheit (im Auge des Betrachters natürlich) Auf dem Holm finde ich folgene eingestempelte Worte: „FOREIGN REAL BRIAR“
Leider kein Hinweis auf den Hersteller, ich finde leider nichts ausser Spuren, die auch wieder ins Nichts führen. Die Pfeife kam aus England zum Schenker, aber ob für die Engländer Frankreich „foreign“ ist? ich weiss es leider nicht.
Der Franzose Leo Malet hat seine Stierkopf-Pfeife sicher nicht aus England, ich vermute sehr stark, dass er sie aus Saint-Claude hat, dem Mekka der Pfeifenbauer dieser Zeit und so suche ich nach Spuren in dieser Gegend.

Meine Recherchen werden immer ausufernder und weitgreifender, ich lande immer mehr auf französischen Webseiten und die Tatsache, dass mich meine Eltern trotz der vielen gallischen und französischen Vorfahren, in der Schule statt Französisch, Latein lernen liessen, ist dabei wenig hilfreich, denn dadurch bin auf Gedeih und Verderb auf den Google-Übersetzer angewiesen. Ich weiss nicht welcher picklige und chronisch untervögelte Computer-Nerd, den programmiert hat, aber er übersetzt eine Artikelüberschrift über eine Pfeife mit Stier-Kopf von: „Une Pipe a Cornes“ in „A Horny Blowjob„. es ist zum verrückt werden. (Quelle: pipegazette.com)

ich finde folgende Angaben zu Pfeifen-Machern und vor allem Pfeifenschnitzern, die in Saint Claude Stierköpfe geschnitzt haben:

Paulo Lanier: Link: tobaccopipeartistory.blogspot.com
Jean Masson: Link: fumeursdepipe.net
Roger Vincent: Link: contenu.adhocpipe.com

Obwohl zum Teil schon tot, oder sehr alte Herren in Rente, sind alle drei sind etwas zu jung, um 1939 Malets Pfeife hergestellt zu haben.
Vielleicht der Vater von Roger, Léon Vincent?
Die Fabrik der beiden hieß wohl Gardhill – J. Vincent Fils: pipephil.eu
Bei Ebay-England finde ich eine ähnliche Pfeife: „Darvill Pipe, Real Briar Foreign Made“
Könnte es sein, dass sich „Gardhill“ in England „Darvill“ nennt? Das ist für mich noch die beste Spur, aber leider verfüge ich nicht über die exzellenten detektivischen Fähigkeiten meines Idols Nestor Burma.

Und deshalb höre ich jetzt auf über die Herkunft dieser Pfeife zu spekulieren und erzähle Ihnen lieber etwas über Literatur.

DER AUTOR: LEO MALET

Leo Malet wurde 1909 in Montpellier geboren und wurde schon in seinem ersten Lebensjahr Vollwaise. Beide Eltern starben an der Schwindsucht. Seine Großeltern zogen den kleinen Leo auf. Er schloss eine Banklehre ab und ging dann 1925 nach Paris, wo er sich mehr schlecht als recht durchschlug. Er war Clochard, Gelegenheitsarbeiter, Chansonnier, Filmstatist und tauchte immer mehr in die Halbwelt der Großstadt ab. Angelblich schrieb er für einen Gangsterboss Erpresserbriefe, weil dieser selbst des Schreibens nicht mächtig war. Er schloss sich den Anarchisten und Vegetaliern an und fing an, immer mehr für verschiedene anarchistische und surrealistische Zeitschriften zu schreiben und beteiligte sich an anarchistischen Aktionen. 1940 wurde er wegen „Gefährdung der inneren und äußeren Staatsicherheit“ verhaftet und geriet dann, mehr aus Versehen, in deutsche Gefangenschaft. Ein Jahr später konnte er nach Paris zurückkehren und begann seine schriftstellerische Karriere. Malet war wie viele Autoren von den „Hard-Boiled“ Kriminalromanen der Amerikaner begeistert. Wegen der deutschen Besatzung konnte man damals in Frankreich keine Raymond Chandlers oder Dashiell Hammetts bekommen und so schrieb er, wie auch George Simenon, selbst solche Romane. Während Simenon allerdings in seinen ersten Schaffensjahren hunderte von Groschenromanen verfasste, waren die Bücher Malets von einer sehr viel größeren Tiefe, er arbeitete auch länger an seinen Werken und schrieb auch nicht so viele. Auch wenn Malet literarisch mit dem späten Simenon nie mithalten konnte, sind Malets Geschichten, dunkler, ironischer, härter und näher am Leben im Großstadt-Dschungel. Er war der wahre König des Krimi-Noir.

DER DETEKTIV: NESTOR BURMA

Nestor Burma ist Privatdetektiv, ein einsamer Wolf, der nur nach seinen eigenen Regeln und Gewissen denkt und handelt. Es gibt unzählige Parallelen zu seinem Schöpfer Leo Malet. Auch er hat eine dunkle Vergangeheit in der anarchistischen Bewegung, auch er ist ein Underdog, ständig in Geldnot und in viele zwielichtige Geschichten verwickelt. Seine Fälle zeigen immer die Abgründe der Gesellschaft, die miesen Typen, professionelle Verbrecher, aber auch die Abgründe, die in der High-Society zu finden sind. Burma ist immer politisch, er ist im Herzen noch der Anarchist, der ethische Rebell und Verteidiger der Unterpriviligierten.

Die Opfer und auch seine Auftraggeber sind Penner, Zigeuner, Kollaborateure, Widerstandskämpfer, Reiche, Politiker, Zuhälter, Nutten, Antisemiten und Gauner, nie scheint etwas im „normalen“ Rahmen zu sein. Auch darin unterscheidet sich Burma von Simemons Figur Jules Maigret, der bei seinen Fällen viel weniger in so tiefe Abgründe der Gesellschaft zu schauen hat. Überhaupt sind die beiden wunderbar gegeneinander zu lesen und ich vergleiche sie gern.

Vordergründig sind sie durch ihr „Pfeife-rauchender-Detektiv-sein“ ähnlich und doch sind sie grundverschieden. Burma der „Privat-Flic“ mit seinen Verbindungen zur Unterwelt, der ewige Junggeselle, der gerne flirtet und zotige Sprüche macht und der brave Kommissar Maigret, der Ehemann und aufrechte Polizist. (Interessanterweise ist Simenon im echten Leben viel weniger solide als sein Held oder auch sein Schriftstellerkollege Malet)

Bei seinen Fällen helfen Burma oft seine Freunde aus der Vergangenheit und seine profunde Kenntnis des Millieus, aber auch seine Sekretärin die „Schöne Hélène“, die seine große platonische Liebe zu sein scheint. Sie ist sein hilfreicher Geist. Sie ist Mutter, Muse und bester Freund in einer Person und das in jeder Lebenslage. Und während Maigret nach der Arbeit zu seiner lieben Ehefrau heimkehrt, die ihm die Pantoffeln bringt, pumt sich Burma bei seiner Sekretärin Geld und versumpft in irgendeinem billigen Etablissement.

Wie schon ein Running-Gag bekommt Nestor jedes Mal eine über den Schädel gebraten, gerät in eine Schiesserei oder Messerstecherei, aber niemals ist er selbst der Agressor. Hélène muss ihn dann verarzten und er zieht sich schmollend mit seiner geliebten Stierkopf-Pfeife zurück und denkt über die Lösung seines aktuellen Falles nach. Während seinen Kollegen Poirot und Holmes die Fälle mit Scharfsinn und Intellekt lösen, kommt Burma meist über seine Intuition und manchmal auch nur zufällig auf die Lösung. Wie auch Maigret ist er mehr ein Mann der Psychologie und Sensorik, kein kühler Intellektueller.

PARIS

Malet muss Paris sehr geliebt haben. Einige seiner Romane „Les nouveaux mystères de Paris“ sind nach den Arrondissements nummeriert. Jeder Fall spielt in einem anderen Viertel, aber niemals beschreibt Malet irgendwelche touristischen Sehenswürdikeiten, er zeigt dem Leser seine Stadt, die schmale Gassen und verwinkelten Höfe, die schäbigen Bistros und die verdreckten Strassen.

In der deutschen Auflage des Elster- bzw. Rohwolt Verlags ist jedesmal ein wunderbarer Nachgang von Peter Stephan am Ende zu finden. In den Achtziger Jahren wanderte Stephan die Strecken des Romans nach und fotografierte die Orte der Handlung circa 30-40 Jahre später. Allein deshalb muss man als Liebhaber der Stadt Paris diese Bücher lesen und lieben.

RÉSUMÉ

Ich fürchte dieser Artikel war jetzt ganz furchtbar trocken. Ist doch der Leser von mir nur elegisches Schwadronieren gewohnt und ich fürchte ich konnte mit meiner Literaturkritik gar nicht den Geist der Bücher treffen … Malet ist ein Prolet wie Mickey Spillane, kein Sir Conan Doyle, seine Sprache ist derb und sein Humor tief schwarz. Ganz anders als der bräsige Poirot oder der feine Herr Maigret ist Burma ist so witzig, so verspult, so selbstironisch.

Wie kann ich es nun wirklich anschaulich machen? Mmmm … lassen Sie mich nachdenken. Ich stopfe mir eine Pfeife, lehne mich in meinem Sessel zurück und grüble, während ich dem Tabak zusehe, wie er als Rauch den Pfeifenkopf verlässt. Mir brummt der Schädel, vielleicht waren das ein paar Glas Pastis zu viel? Ich sollte betrunken nicht bloggen, oder eben nicht zu viel bloggen und dafür mehr trinken, ich weiss es nicht. Da schleicht sich ein nicht ganz abwegiger Gedanke in mein trübes Bewusstsein …

Das ist doch hier ein Pfeifenblog, oder? Was wenn ich die Detektive anhand ihrer Rauchgewohnheiten vergleiche?

Rauch-Tabelle

Agatha Cristie | Hercule Poriot: ab und zu kleine russische Zigaretten
Mickey Spillane | Mike Hammer: filterlose amerikanische Zigaretten
Raymond Chandler | Philip Marlowe: Pfeife und Zigaretten
Sir Arthur Conan Doyle | Sherlock Holmes: Full-Bent Pfeifen
George Simenon | Kommissar Jules Maigret: Pfeife – Billard-Shapes
Leo Malet | Nestor Burma: Eine Pfeife die wie ein Stierkopf aussieht.

Damit sind alle Fragen geklärt, oder?

P.S. Zu diesem Thema gibt es auch ein aktuelles Video auf meinem YouTube Kanal

P.P.S. Für Sachdienliche Hinweise, Spuren und Indizien zum Hersteller der Pfeife, wäre ich sehr, sehr dankbar

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Alexander Broy

Alexander Broy ist Künstler, Grafiker und Filmemacher. Mehr von ihm gibt es in seinem Künstlertagebuch zu lesen oder auf Youtube: anzuschauen.

12 Antworten

  1. Informativ und kurzweilig geschrieben. Super!

  2. Avatar Bernd Fleischmann sagt:

    Schöner Artikel über einen Autor, den ich bis dato nicht kannte. Inwiefern die Stierkopfpfeife Rückschlüße auf den Charakter des Nutzers zuläßt, sei dahingestellt. Ein Maigret hätte diese Pfeife jedenfalls kategorisch abgelehnt. Aber diese Unterschiede in den Charakteren beider Ermittler zu ergründen, ist sicherlich der Reiz dieser Romane. Da ich meinen Maigret ziemlich genau kenne, werde ich mich jetzt mal auf die Suche nach einem Nestor Burma Roman machen.

  3. Habe ich immer gerne gelesen und Anfang der 1990er, als in Frankreich die TV Reihe mit Guy Marchand begann (für mich die geniale Charakter-Umsetzung) , war der eigentliche Star die Darstellerin (nen) der Hélène Chatelain, Nestors Sekretärin – was für Schönheiten.

  4. Avatar Doppler Pascal sagt:

    Hallo Alexander,

    Der Französischer Zeichner Jacques Tardi hat ein paar Geschichten von Leo Malet als comic gezeichnet. In schwarz/weiss, um das Graue gut rüber zu bringen.
    Etliche gibt es auch in Deutsch auf Amazon.de
    In deinem Link zu pipesgazette.com hat sich ein Fehler eingeschlichen, es fehlt der l von .html
    Schöne Grüsse aus dem Elsass
    Pascal

  5. Avatar Pascal Doppler sagt:

    Ahh, Sophie Marceau 🙂

    • Ja, Pascal, bei Sophie atmen wir alle kräftig durch. Es gab in meiner Jugendzeit eine französische TV Serie mit Juliette Greco- Belphegor, war sehr populär in Deutschland. Vor einigen Jahren wurde sie mit Sophie Marceau erneut verfilmt, eine Augenweide. (Wie sie in fast allen ihren Filmen ist)

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