Eine Pfeife von: Castello

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Es gibt so Pfeifen, die sind schon auf den allerersten Blick so schräg und seltsam, dass man sich sofort denkt „um Gottes Willen, was ist denn da passiert?“ Solche Pfeifen finden sich im Oeuvre bekannter Pfeifenmacher als auch in der Welt der Serienproduktion mit ihren meist kanonischeren Formen. Gerade dort fallen sie besonders auf, weil dem Betrachter das Abweichen von klar ersichtlichen formalen Normen eher ins Auge sticht als bei Freeforms, die tendenziell individuelleren wie freieren Gestaltungsprinzipien unterworfen sind. Da braucht es dann schon manchmal etwas mehr Expertise, um zu erkennen „dass da was passiert ist“.

Die Pfeife, die ich hier vorstellen möchte, stammt von Castello, der Pfeifenmanufaktur aus dem oberitalienischen Cantù, deren Pfeifen ebenso berühmt wie kultig sind: berühmt für ihre extrem klaren, strengen und vor allem kraftvollen klassischen Formen wie für ihre wundervollen Straight Grains meist unter Variierung des Dublin-Shapes. Nur wenige Marken weltweit sind so stilbildend gewesen wie Castello mit seinem typischen „Castello-Stil“: italienischer Pfeifenadel mit klassischem und durchaus auch exklusivem Understatement – hier nur zu vergleichen mit und übertroffen von Dunhill.

Und dann sowas hier! Auf den ersten Blick ist für jeden ersichtlich, dass diese seltsame Pfeife eigentlich etwas anderes hätte werden sollen, nämlich eine ganz klassisch strenge Halfbent-Rhodesian mit einem Sattelmundstück, ein absoluter Formklassiker und wäre sie das geworden, was sie hätte werden sollen, dann hätte ich sie hier nicht vorgestellt.

Ganz offensichtlich ist hier während des Erstellens des Kopfes etwas schiefgegangen. Was das war, ist im Nachhinein schwer zu eruieren. Denkbar wäre etwa ein großer Defekt im Holz, der nicht sofort sichtbar war und den man nicht mehr unter der „Sea Rock“- Rustizierung oder „Old Antiquari“- Sandstrahlung verbergen wollte. Ich würde eher vermuten, dass der Pfeifenmacher beim Ausschleifen des Holm/Kopf-Überganges aus Versehen mit der Schleifscheibe an die gedrehte Kopfkante gekommen ist und so das klassische Shape unwiederbringlich ruiniert hat, indem er dem perfekten Kreis der Kante eine zu deutliche Einbuchtung verpasst hat, die sich selbst durch eine Rustizierung des Kopfes nicht hätte kaschieren lassen.

Die Frage, „was hier passiert ist“, ist aber gar nicht die entscheidende! Die entscheidende Frage ist, was dann daraus gemacht wurde: der Pfeifenmacher hat den Kopf nicht weggeworfen, sondern er hat aus der Einbuchtung kurzerhand ein neues Gestaltungsprinzip gemacht und zwar eines, das nicht in erster Linie ästhetischen Regeln folgt. Für all diese Einbuchtungen finden sich funktionale Gründe, was man sofort bemerkt, wenn man die Pfeife in die Hand nimmt und in der Hand hält und zwar ganz gleich ob in der rechten oder linken Hand: überall da, wo man seinen Daumen oder Zeigefinger auch plaziert, da ist eine Einbuchtung und zwar genau in der (zumindest für die Größe meiner Hand bzw. meiner Finger) passenden Form.

Der Pfeifenmacher bei Castello, der diese vogelwilde Rhodesianvariante gemacht hat, der hat dieses elend harte Bruyère-Holz so geformt als hätte er eine Kugel Knetmasse in der Hand gehabt und leicht zugedrückt: das Ergebnis ist eine perfekte Ergonomie und eine mustergültige Umsetzung des alten „Form Follows Function“. Die neue Form ist keine technische Form mehr, wie es die sauber gedrehte Rhodesian gewesen wäre, diese neue Form ist eine organische Form geworden, die sich der menschlichen Hand an dient. Und das ist nicht wenig!

Man mag die ästhetische Erscheinung dieser Pfeife jetzt so spannend finden wie ein (selbstverständlich) maßgearbeitetes Zahnimplantat, aber ich wusste in dem Moment, in dem ich diese Castello zum ersten Mal in meiner Hand hatte, dass sie eine meiner Lieblingspfeifen sein wird. Und ganz offensichtlich hatte ihr Vorbesitzer ein ähnlich inniges Verhältnis zu ihr, denn die Pfeife war nicht nur oft (und Gottseidank gut und englisch) geraucht worden, sie war auch viel in der Hand des Vorbesitzers, was man an der abgegriffenen Sandstrahlung der „Old Antiquari“-Castello gut sehen kann. Wabisabi pur! Und sie gefällt mir auch, denn sonst hätte ich sie mir gar nicht erst näher angesehen und sie in die Hand genommen. Gar nicht auszudenken, was ich verpasst hätte… Die Größenrelation wäre etwa eine Dunhill Group 3, also auch gerade meine bevorzugte Größe. Eigentlich schade, dass es so viele klassische Rhodesian Halfbents gibt und so wenige wie die meine. Vielleicht auch nur diese eine, wer weiß?

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7 Antworten

  1. Rainer Kockegey sagt:

    „Vielleicht auch nur diese eine, wer weiß?“
    Was hoffentlich zu hoffen bleibt… ?
    Bzw…
    Um Gottes Willen ! Peter !

    Sollte hier jemand erstmals „Castello“ lesen, hätte er guten Grund sich erst mal äußerst verwundert von dieser Marke abzuwenden !
    … bzw. eventuell zu spekulieren, ob nicht der Vorbesitzer gar ein Engländer war – einer von der Spezies, die ihre Pfeifen notorisch-konsequent zusammen mit Schlüsselbund und einer bescheidenen Anzahl von Münzen in der Hosentasche aufbewahren… (und wir sehen dabei mal von der Möglichkeit ab, dass diese Pfeife irgendwann mal auf einem Jahrmarkt aus Versehen in den rotierenden Röst-Apparat für gebrannte Mandeln reingefallen ist, auch wenn sie noch so schön knusprig glänzt…)
    Was aber noch lange nicht erklärt, warum dieses haptisch-taktile Vergnügen neben einem Daumenparkplatz am Hinterkopf a la Tom Eltang auch noch weitere ergonomische Finessen für weitere Fingerchen bietet…

    Kurz: Aus Cantù hat unsereiner schon so einiges gesehen – so was aber noch nie !
    …und dieses Artefakt definiert wohl den ultimativ äußeren Rand dessen, was man von Dorten üblicherweise so gewohnt ist.
    Kürzer: Danke für’s Zeigen – zur Horizonterweiterung.
    Noch kürzer: Congratulazione !

    Cordiali saluti,
    Rainer
    PS: Sollte dir nochmals so ein „Outlier“ unter die Finger kommen… bitte gerne melden. ganz diskret natürlich – muss ja sonst niemand wissen…

  2. Eine wunderbare Version des Märchens vom hässlichen Entlein … eine tolle Pfeife mit viel Charakter und einem g’scheiten Wabisabi, wie der Bayer sagt … ich bin fast ein bisserl neidisch …

    • Jetzt habe ich mir diese Vorstellung einige Male durchgelesen. Weder die wohlgesetzten Worte noch die kristallklaren Fotos bewirken bei mir eine andere Antwort als diese auf Alexander Broy`s Einlassung: das häßliche Entlein verwandelte sich wenigstens in einen stolzen Schwan ……. 🙂

  3. Peter Hemmer sagt:

    Hallo Rainer, Alex, Bodo,
    mir ging es in meinem Beitrag eigentlich nicht darum, etwas vorzustellen, was ich und vielleicht auch andere als besonders schön oder hässlich empfinden, sondern mir ging es ausschließlich um das Gestaltungskonzept! Das ist es, was diese Pfeife ziemlich einzigartig macht, nicht nur im Portfolio von Castello, sondern ganz generell: Pfeifen werden gemeinhin nach ästhetischen Regeln gestaltet. Dabei entstehen Formen, die oft recht schön ergonomisch sind oder aber auch recht wenig ergonomisch – auch wenn sie als schön empfunden werden. Das, was der Pfeifenmacher bei Castello hier gemacht hat, das ist eine Form zu entwickeln, die nur mehr die Ergonomie im Blickfeld hat. Vielleicht vergleichbar mit einem ergonomischen Pistolengriff mit seinen Mulden für die perfekte Lage in der Hand. Die Pfeife ist schließlich auch ein Objekt, das ganz wesentlich in der Hand gehalten wird. Genau so ein Gestaltungskonzept wird hier auf die Spitze getrieben und es entsteht zwangsweise ein Objekt, das unseren Sehgewohnheiten nicht entspricht.
    Ich würde diese Pfeife als ein Experiment verstehen. Durchaus radikal aber in meinen Augen als solches auch sehr gelungen. Normalerweise gehen Funktion und Form eine Symbiose ein, hier aber hat sich die Funktion nicht um die ästhetische Gestaltung der Form gekümmert, sondern sie quasi unterworfen! Diese Pfeife ist vollkommen stringent gestaltet, aber nach anderen Regeln als die, die wir sonst so kennen. Deshalb wollte ich diese nicht nur für Castello einzigartige Pfeife vorstellen! Diese Pfeife fällt nicht nur durch alle Gestaltungsraster bei Castello, sie ist in dieser Radikalität generell recht einzigartig. „Gefallen“ will die gar nicht.

  4. Loh sagt:

    It’s an unusual pipe all right, but I bet it feels good in the hand. Unfortunately I have bad experiences with Castello pipes in the past, the most recent case being ripped off by a local retailer who sold me a defective Castello. Nevertheless, this Castello posted by Peter seems genuine, albeit of an interesting shape.

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