Italien verloren?

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Nicht genug, daß gebildete Europäer täglich einem unsäglichen Mediengewitter durch und über den transatlantischen infantilen Irren behelligt werden, nun auch noch das: Trump-Unterstützer Howard Schultz, noch-CEO von Starbucks Corporation, hatte es bereits vor einiger Zeit angekündigt und jetzt ist es real fact: Italien bekommt in Mailand die erste Starbucks Filiale, der  dann stiefelweit ca. 300 weitere folgen sollen. Ein Aufschrei geht durch die – auch deutsche – Presse: „das Ende der Espressokultur“ wird skandiert, namhafte Intellektuelle sprechen von einer „Demütigung Italiens, „es drohe der Untergang des gesamten italienischen Staates“ und so fort. Als ob der nicht ohnehin täglich stattfindet, immerhin seit 480 p.Chr. Den Starbuck-Bang gibt es dann ab Herbst 2018. Ein neues Risorgimento, diesmal als annientamento?

Tatsache ist, daß ein amerikanisches Unternehmen außerstande ist, die Kultur des schnellen, kleinen Schwarzen zu begreifen, die bedeutsam hinter diesem steht und für unsere italienischen Nachbarn und Freunde zu einem individuellen und für den im idealen Fall ungeregelten Tagesablauf elementar ist. Der schnelle Halt, der abrupte Schwenk in die ordinäre Bar, das unprätentiose Bestellen (un caffè… per favore!), die kurze, stehend-körperliche Gemeinsamkeit mit ebensolchen Pausierenden, mit Dottore und Professore, mit Vice Questore oder der geachteten Signora. Ansatzlose Diskussion, Konversation, Austausch von Ansichten, Einschätzungen – alles beschränkt auf die Zeitspanne zwischen zwei, drei Schlucken. Mehr gibt die kleine Tasse nicht her. Bis zum Mittag, zum Nachmittag, wenn die rituelle Wiederholung ansteht. Hinter allem der Dirigent, der diese Szenerie beherrscht: ein Berserker, ein feiner Eleganter, ein Arroganter oder Liebenswürdiger, ein Diener oder Herr: der Barrista. Ohne allseits bedrucktem Company Outfit, ohne Käppi und Polohemd, ohne Namensschild. Ihn braucht man nicht nach dem Wlan zu fragen, dazu hat hier niemand Zeit, niemand hockt mit geöffneter Laptopklappe bräsig und schweigsam vor seinem undelikat riesigen Pappeimer mit Milchplörre und irgend etwas Geschmackslieferndem, von dem ich gar nichts wissen will. Es reicht wenn ich weiß, daß es das gibt. Schlimmer noch, es gibt Mitmenschen, die das trinken. Freiwillig. Womöglich unwissend.

Ludwig Passini: Künstler im Cafe Greco in Rom, 1856

Starbucks wird Italien überrollen, da nützen alle heutigen wortreichen Drohgebärden nicht. So ist es in Deutschland passiert. Wenn auch kulturell anders ausgelegt, waren wir Deutschen mal ein „Kaffeeland“, alles vorbei. Starbucks, Coffee Fellows, Nespresso Cafès domierenden unsere weitgehend uniformen Innenstädte. München als nördlichste Stadt Italiens kommt mit zahlreichen Bars noch ganz gut weg, wenn auch die angeeignete Espressokultur meist präpotent als „aber Hallo, Italia, des san scho mir“ zur Schau gestellt wird.

Mit dem Starbucks zieht die Ort- und Zeitlosigkeit in einen historischen Ort ein… [und, für die Espressobar] …Eine solche Intimität kann nur im öffentlichen Raum entstehen, unter stabilen Bedingungen

schreibt Thomas Steinfeld in der Süddeutschen Zeitung vom 06. März. Treffender und tiefschürfender kann eine Zusammenfassung nicht sein.



Italiener wissen, dass sie den besten Kaffee in der Bar auf dem Weg oder um die Ecke bekommen. Die typische deutsche Spinnerei (von der ich nicht befreit bin), das im Jahresrhythmus das nächsthöhere Modell der besten aller besten Espressomaschinen angeschafft wird, erscheint meinen italienischen Freunden nicht nur als Witz, sondern krankhaft und nicht besonders klug. Es reicht daheim die Bialetti, denn die Beste gibt es in der Bar: alle Modelle, alle Altersklassen. Supermodern oder mit Patina.

Es scheint mir auch wichtiger, statt der amerikanischen Brühe oder dem italienischen delikaten Schwarzen das System Starbucks zu betrachten, das für mich einen kulturellen (und natürlich gustatorischen) Niedergang darstellt. Leider haben wir uns schon so an die Starbucks-Unsäglichkeit gewöhnt, daß sie in der Uniformität fast aller modernen Städte kaum noch auffällt. Welcher Schaden aber durch solche „Versammlungstätten“ angerichtet wird, läßt sich durch die zunehmende Sprachlosigkeit und den damit verbundenen Verlust von  humanoider Kommunikationfähigkeit feststellen. Für den zuvor beschriebenen Kurzaufenthalt in einer italienischen Espressobar bedient sich der Gast wortreich seiner Sprache. Die befähigt, treffend und verständlich ein Thema auf den Punkt zu bringen, eine sofortige Entgegnung zu erhalten und sich dann-freundlich verabschiedet- dem individuellen Alltagsgeschehen zu zuwenden. In den aldiesken Starbucks redet kaum einer, es sei denn mit seinem SmartIrgendEtwas oder dem Laptop. Zu beobachten ist auch, daß sich zwei gegenübersitzende Menschen mittels Smartxxxx unterhalten, wobei oftmals der Papp-Eimer mit Brühe vergessen wird. Anschauen muß man sich ebenfalls nicht mehr.


Die Italiener werden sich also auf den Weg machen. Garibaldi, Verdi, Adriano, Gina, Sophia, Claudia und Marcello, Ippolito Nievo vergessen und damit bald auch Passalacqua, Illy, Vergnano, Kimbo und Hausbrandt. Zahlen dann bereitwillig statt 1€ für einen Göttertrank gut und gerne 6€uro für ein undefinierbares Geschlürf und beginnen, sich in der Öffentlichkeit anzuschweigen.



Dabei wäre eine Abwehr des Unvorstellbaren
so einfach: nicht hingehen. Meiden!

Zeigen, das „un Caffè“ mehr ist als Pappe und trübe Brühe. Statt Abzocke schlichte Lebensart, für die eine ganze Nation steht, auch in der Betrachtung durch die Nachbarn. Italia – laß uns nicht im Stich und erhalte unsere lateinische Weltsicht, so unrealistisch, so rückwärtsgewandt und romantisch verbrämt sie auch sein mag!

Bodo Falkenried

exemplarischer Niederrheiner, seit fast 50 Jahren in München daheim, genauso lang Pfeifen- und Tabaksammler, versessen auf Musik, Literatur und andere Künste. Segler, Reisender [..unser Mann in Asien], Intensiver Marktgeher, immer am Herd.

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16 Antworten

  1. Hier im „Kaffeeland Deutschland“, werden wir einmal mehr durch eine preussische Erfindung gegängelt, nämlich eine Kaffeesteuer (derzeit von 2,19 Euro je Kilogramm.)
    Das verhindert, dass der Caffé hier für 1 Euro angeboten wird. Dieser niedrigschwellige Preis ist nämlich auch eine Voraussetzung für den schnellen und spontanen Kaffeegenuss.
    Was die warme Milch mit Kaffee- oder Karamellgeschmack im Starbucks angeht, so sind wir einer Meinung, unnötig und zu meiden.

  2. Tatsächlich? So etwas gibt es bei uns? Ungeheuerlich. Aber für Starbucks kann die Kaffeesteuer keine Anwendung finden, wieder so ein Global Multi Trick: in deren Flüssigkeiten ist doch kein Kaffee enthalten, oder?
    Aber das muß ich dann doch ein wenig richtig rücken: die Kaffeesteuer wird auf das Kilogramm berechnet und kann somit keineswegs zu einem so großen Preisaufschlag beim kleinen Schwarzen in D führen. Bei einer Kaffeesteuer von 2,19€ pro Kilo Röstkaffee beträgt der Steueranteil je 8 g Tasse bemerkenswerte 0,017520 €, aus 1 Kg gewinnt die Bar ca. 125 Tassen. Zwar gibt es in Italia keine Kaffeesteuer, das allein kann aber nicht der Unterschied zwischen 1€ (am Gardasee, im Süden noch darunter) und 2 – 2,50€ und mehr in München sein.

  3. Karl Hirsch sagt:

    Think positiv. Die Österreicher in Milano waren noch viel schlimmer.

    Was mich in und um Mailand sehr stören kann sind in Lokale hereinbrechende amerikanische Touristen, die der Flughafen von Malpensa kübelweise ausspeit und in der Gegend verteilt, besonders gerne Comoseegegend, Belagio etc. Da sitzen sie dann und schnarren ihr wheresquaretherewewerewheremarepairflairsquare. Endlich zieht man sie von den schönen Bars und trattorias (auou, täzzarästoränt) ab und nimmt sie in Starbucks in temporäre Verwahrung. Schade, daß das der Tucholsky (war doch der, oder??) nicht erlebt hat: „Benzindroschkenfahrer, bringen Sie mich zu das nächstgelegte Störnenrämmler. Ich gebe ihnen ein Getrankegeld.“

    @Bialetti: Als ich einmal in einer Korrespondenz mit unserem seligen Kaffee-Experten Wolfgang Hermann den Namen der Bialetti vergessen hatte, half ich mir mit dem Hilfswort „Dampfquetsche“. Wolfgang wußte sofort was ich meinte und verzog sogar in der email sichtbar das Gesicht. Ich mag sie aber, diese taillierten Stumpfkegel, allein schon wegen der genialen Einfachheit. Damit kriegt man sogar am Indianerfeuer einen Espresso (tirolerisch Expresso) zusammen. Das Pulver tu ich wie die Italiener ins Kühlfach.

    Um die Erhaltung der Institutionen „Bar Centrale“ und „Bar Sport“ habe ich übrigens keine Angst. Schlimm war schon das lächerliche – muß ichs dazusagen? EU- Verbot der offenen Zuckerdosen, in der schönsten Ausprägung in Form der ovalen Doppelklappenschüsseln mit den langstieligen Zuckerlöffeln.

    • Radetzky und Zichy sind mit ihren Leuten wenigsten wieder verschwunden, was die Mailänder gefreut haben dürfte. So konnten sie sich untereinander die Schädel einschlagen, bis zur Einigung. Die Ami-Touristen werden aber nicht so schnell verschwinden bzw. es wird immer einen austauschenden Nachschub geben. Aber vielleicht gibt es ja bald ein Ausreiseverbot für US-Absurdistan, nach dem es mit dem Einreiseverbot nicht ganz so funktioniert hat. Allerdings gefällt mir Deine Ansicht, daß Starbucks in Italien eigentlich als Sammellager für die Amis gedacht ist, damit die aus den Augen sind.

      • Karl Hirsch sagt:

        Ein Kollateralschaden ist ja schon passiert: Das dämliche Vor der Türe warten und trotz menschenleeren Lokals fragen, ob denn noch ein Platz frei sei, haben die Italiener sicherlich von den Amis eingeimpft bekommen.
        Bis vor zwanzig Jahren ein unbekanntes Phänomen, und in ein paar Pizzerias war das sogar am Gardasee noch vor zehn Jahren nicht üblich.

        Jetzt hat die letzte Abruzzenkaff-Osteria diese Unsitte übernommen und der Kellner übersieht den unübersehbar Einsamen inmitten der stillen sala da pranzo geflissentlich. Oder heißt der garnicht mehr cameriere!, sondern Essplatzorganisationsmanagement CEO MA Bsc?

        Nonnu vischtu neschun..!

        und wenn er dann endlich kommt, bringt er das:

  4. Stephan sagt:

    Es ist ganz witzig zu lesen, wie ein Österreicher und ein deutscher sich über andere Ausländer in Italien mockieren. Seid Ihr so sicher, daß wir da so viel beliebter sind als die Amerikaner? Ich muß da naGerhard Polt und „man spricht deutsch“ denken.
    Gruß
    Stephan

    • Na ja, das war nicht Tenor des Artikels. Die Frage ist vielmehr- und das wird wohl für alle diejenigen von Interesse sein, für die neben Österreich und der Türkei eben Italien als Sinnbild von Kaffekultur erscheint – wie eine Unkultur, wie die von Starbucks, dort Einzug halten kann oder vermutlich können wird. Wenn man Starbucks – zweifellos eine erfolgreiche Geschäftsidee – allein schon wegen dieses Erfolgs gleichsam eine Daseinsberechtigung unter Geniessern zubilligt, ginge das auch in Ordnung. Verständlich wäre es nicht.
      Hier prasseln Genuß-Kulturen auf eine ausschließlich wachstumsorientierte „Verbrauchskultur“, nicht nur in Italien, sondern auch in vielen anderen Ländern, Deutschland eingeschlossen. Der Artikel macht sich nicht zum ungebetenen Fürsprecher der Italiener, sondern zeigt einfach eine Sicht der Dinge auf. Das ist auch legitim für Ausländer wie Karl und mich. Übrigens: ich war soeben wieder eine Woche in Istanbul und bei meinen ausgedehnten Abend-Stadtwanderungen von Besiktas über den Dolmabahce hinunter zur Galatabrücke sind ein gutes Dutzend Starbucks-Etablissements anzutreffen. Die Gäste waren fast ausnahmslos Touristen… ein gutes Zeichen.
      ,

      • Peter Hemmer sagt:

        So sehe ich das auch. Das wird in erster Linie Touristen aus USA und Asien ansprechen, denen das „Schlammbad“ (Billy Wilder, Avanti Avanti) Espresso suspekt ist. Oder die sich hinsetzen möchten ohne dem horriblen „Sit down please – Syndrom“ (Cappuccino für acht Euro) zum Opfer zu fallen. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass die eigentliche Bar-Kultur in irgendeiner Weise in Gefahr gerät. Genauso wenig, wie einst (80er Jahre) der ausgerufene „Weltuntergang“ in Form von „McDonalds“ in der Lage war, die italienische Fast-Food-Kultur der Pizza bianca, Pizza rossa oder Pizza taglio auch nur annähernd zu gefährden. Einen gravierenden Effekt wird das aber, wie schon bei McDonalds, zur Folge haben: Gigantische Müllberge von weggeworfenen Pappbechern oder aufgeschäumten Semmelschachteln wie bei McDonalds werden die Plätze verunstalten. So war es zumindest in Rom im Centro Storico. Dort sind die meisten Filialen in den letzten Jahren übrigens wieder verschwunden. Im Moment wird unter großem Protest der Römer beim Petersplatz eine neue Filiale geplant – aber was soll die denn dort verdrängen? Diese unsäglichen, hoffnungslos überteuerten Touristenklitschen mit ihren „Tourist Menues“, die sich zwar „Trattoria“ nennen, in die aber seit Jahrzehnten kein Italiener einen Fuß gesetzt hat? Das ist eine Gegend, die man kulinarisch eh immer schon weiträumig gemieden hat, vielleicht ist da ein McDonalds sogar eine Berreicherung, schließlich weiß man da, was man für sein Geld kriegt und muß nicht um halb acht morgens den Kühlwagen beobachten, wie er tiefgefrorene Kartons auslädt, auf denen zusammen die gesamte Speisekarte des Lokals aufgedruckt ist… Kurz: die Aufregung ist umsonst!

  5. Karl Hirsch sagt:

    Ich geb Dir recht, die Deutschen sind auch eine rechte Plage. Aber nur in Südtirol, die andern haben Kultur :-). Und das Thema Österreich haben wir schon im 19. Jhdt. durch den Kakao (in Wien: Gagau) gezogen und radetzkisch abgehakt.

  6. Stephan sagt:

    „…die anderen haben Kultur :-)“ Selten war ein Smiley so wertvoll fürs Textverständnis

  7. WillyR sagt:

    Nachdem ein Freund mir letztens superstolz einen sogenannten „Espresso“ aus seinem nagelneuen Kaffeevollautomaten serviert hatte (eine kaum trinkbare wässrige Plörre), habe ich ihm bei nächster Gelegenheit einen echten Espresso angeboten, den ich mit meiner Siebträgermaschine zubereitet hatte: hocharomatisch, mit einer eigenen dezenten Süße, fast ölig von der Konsistenz und mit einer dichten Crema fiel er begeistert aus allen Wolken. So hatte er einen Espresso noch nie getrunken. Leider bekommt man einen solchen Espresso in Restaurants, Cafés oder Bars nur sehr selten, denn die Zubereitung ist schließlich eine kleine Kunst für sich, mit der man sich beschäftigen muss. Doch die Mühe lohnt!

    • Vollautomaten können alles ein Wenig, aber auf jeden Fall einen richtigen Espresso.

      • Herr Behrend, das ist doch hoffentlich ein Witz oder ein Freudscher Schreibfehler und Du meinst „Keinen“…. oder besitzt Du gar am Ende einen Vollautomataten, der mich widerlegt?

        • Wir hatten irgendwann einmal zwei Vollautomaten hintereinander, aber nach zwei Jahren waren sie Elektroschrott..
          Nein, hier verrichtet ein kleiner, aber feiner Siebträger mit entsprechender Mühle mit Bohnen von Quichote, Hamburg, seinen Dienst.
          Es handelt sich um einen Schreibfehler, den ich mir er
          laubt habe, zu korrigieren.

      • WillyR sagt:

        Es gibt nur wenige Vollautomaten, die wenn sie richtig eingestellt werden (z.B. Anpassung des Mahlgrades) einen halbwegs passablen Espresso brühen. Die meisten stellen zwar etwas her, das sich Espresso schimpft, aber kein echter ist. Viele produzieren noch nicht einmal eine richtige Crema, sondern nur aufgeschäumten Kaffee. Leider kennen viele den Unterschied nicht, weil sie noch nie einen echten Espresso getrunken haben.

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