Pfeifen aus Indonesien: Exotisches – zumindest aus unserer Sicht

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Ein knappes Jahr ist es nun her, dass ich zum ersten Mal Pfeifen aus Indonesien gesehen habe. Das war in Singapur. David Yu hatte sie mitgebracht und Bodo damals auch hier darüber geschrieben. Nun hat uns unser Freund Dr. Mike Loh bei seinem letzten Besuch in München vor drei Wochen wiederum einige Pfeifen aus Indonesien mitgebracht, was ich zum Anlass nehmen möchte, auch etwas darüber zu schreiben, denn manches, was ich da gesehen habe, wirkt doch für unsere Pfeifentradition ungewöhnlich und fremd, manches aber ebenso vertraut wie traditionell. Interessant allemal! Was die Materialen angeht wie auch die Formen!

Das erste, was mir damals in Singapur ins Auge gestochen ist, das war die Zweiteilung auf dem Tisch mit den indonesischen Pfeifen: da waren Bruyère-Pfeifen in Shapes, wie wir sie hauptsächlich aus Nordeuropa kennen, teilweise mit gestalterischen Extremen spielend, teilweise fast dänische Klassik. Allesamt formal mit großer Sicherheit und absolut professionell gemacht. Man hatte das Gefühl, dass manche Pfeifen von Uwe Jopps Bogenbohrungen inspiriert waren, eher klein und in ihrer ästhetischen Wirkung filigran, andere Shapes wiesen Richtung Bo Nordh oder Love Geiger, sehr gut gemacht ohne allerdings eine so eindrucksvolle Maserungsqualität bieten zu können.

Und dann waren da Pfeifen aus heimischen indonesischen Hölzern, auch alle eher filigran und klein, nicht selten mit Bambusapplikationen, die atemberaubend schön und ungewöhnlich ausehen. Die haben es mir besonders angetan. Hier war die Maserungsqualität vorhanden, aber eben ganz anders als wir das gewohnt sind. Die Hölzer kennen wir bei Pfeifen eher an Applikationen ansonsten aus dem Messerbau. Ich war auch sehr neugierig, wie sich diese Hölzer hinsichtlich der Geschmacksentwicklung präsentieren.

Aus Palmholz ist die Pfeife, die ich mir damals in Singapur gekauft habe. Das Shape des Kopfes ist eine tendenziell eher flache Pfanne, die im Portfolio des Pfeifenmachers öfter zu sehen war und das sich nur im Holmansatz unterschied, was darauf hindeutet, dass der Kopf für den Pfeifenmacher im Ansatz relativ schnell zu drehen ist. Dieser Kopf ist formal gelungen, vielleicht, wenn man mehrere davon gleichzeitig sieht, ein bisschen neutral und erstmal in seiner Form wenig spektakulär. Das ändert sich aber schnell, wenn man die verschiedenen Holmansätze und die Bambusholme in Kombination sieht! Denn jetzt werden hier recht individuell unterschiedliche Pfeifen daraus, was nicht zuletzt – ausser an den unterschiedlichen Bohrungswinkeln – auch vor allem an den ungewöhnlichen Bambusapplikationen liegt, über die hier die Natur gestalterisch mitregiert.

Überhaupt ist „Natur“ ein zentrales Stichwort bei der Behandlung des Bambus‘ hier, denn die Rhizomen sind ziemlich naturbelassen, also gerade mal die Wurzelansätze abgeschliffen und grob gereinigt, nicht zurechtgebogen, nicht gebleicht und nicht einmal poliert. Somit eher das Gegenteil dessen, was man von europäischen Bambuspfeifen kennt. Nun mag man einwenden, dass dies ein Zeichen von ungenügender Sorgfalt sein könnte, mir dagegen hat gerade diese unbehandelte Natürlichkeit gefallen, da sie die artifizielle Gesamterscheinung der Pfeife „erdet“ und besonders macht. Ich sehe dieses „Stehenlassen“ der Natur als ein gestalterisches Konzept des Pfeifenmachers, das sich in sehr vielen der gesehenen Bambuspfeifen beobachten lässt.

Der Kopf ist klassisch Crossgrain geschnitten, nur dass natürlich die „Birdseyes“ und das Grain des Palmholzes in ihrer Maserung etwas anders aussehen, als wir das vom Bruyère gewohnt sind. Da ich keinerlei Ahnung habe, ob und wie dieses Holz für den Pfeifenbau vorbereitet wird, ob es ausgekocht wird etc., war ich sehr neugierig auf den Geschmack der Pfeife und auch durchaus etwas skeptisch, was sich als vollkommen unbegründet erwiesen hat. Das mag aber auch daran liegen, dass die Brennkammerbohrung mit Einrauchpaste versehen war und der Palmholz-Holmansatz gerade mal fünf bis sechs Millimeter lang ist und zur Verbindung mit dem Bambusholm vermutlich ein Edelstahlröhrchen enthält. Das heißt, der Rauch und das Kondensat kommen eigentlich kaum mit dem Palmholz in Verbindung, eher dann mit dem Bambus und das kennen wir geschmacklich ja von unseren Bambuspfeifen. Der Geschmack dieser Pfeife ist also vollkommen unspektakulär und sehr seriös. Absolut kein Grund zur Sorge.

Das sehr filgrane Ebonit-Mundstück mit einem extrem flachen und bequemen Biss sitzt mit einem recht dünnen, ausgedrehten Zapfen im Bambusholm. Da kommt man nun zu einem der „Größe“ geschuldeten Problem: die Rauchkanalbohrung des Mundstücks ist so klein im Durchmesser, dass man zwar mit dünnen Pfeifenreinigern mit Nylonkern keinerlei Problem hat, mit unseren dicken konischen Pfeifenreinigern mit ihrem Metallkern aber nur mit der dünnen Seite in den Rauchkanal kommt. Will man also während des Rauchens den Rauchkanal komplett reinigen und nicht nur im Mundstück, muss man das Mundstück abnehmen. Rauchen kann man die Pfeife vollkommen problemlos, für den Zug reicht die Bohrung aus. Für unsere Pfeifenreiniger aber ist sie nicht gemacht. Vermutlich gibt es in Indonesien andere, dünnere? Die Pfeife stammt von einem Pfeifenmacher Namens Mayung.

Bei der zweiten Pfeife, die ich hier vorstellen möchte, habe ich auf den allerersten Blick gar nicht erkannt, dass auch sie nicht aus Bruyère-Holz gemacht ist, von oben aus der Ferne sieht das Holz mit seiner rötlichen Beize und seiner Maserung einem Bruyère-Kopf recht ähnlich. Wieder waren es die Form und die Bambusapplikation, die mir als erstes ins Auge gestochen sind. Erst auf den zweiten genaueren Blick wurde ich stutzig, denn auf der Kopfunterseite gibt es eine recht dunkle Ader, die ich bei Bruyère-Holz so noch nie gesehen hatte und bei näherer Betrachtung fielen dann einige Details auf, die auch hier auf ein einheimisches indonesisches Holz hinweisen: es handelt sich um Amboina-Maserholz, das in ähnlichen Wurzelknollen wächst wie wir es vom Bruyère kennen. Der Maserungsverlauf des Amboina Maserholzes ist zwar dem Bruyère ähnlich, im Detail aber weit weniger regelmäßig und erinnert diesbezüglich eher an das Maserholz des Erdbeerbaumes, der botanisch allerdings zur selben Familie gehört wie Erica arborea, also eng mit unserem Bruyère Holz verwandt ist. Was das Amboina-Holz aber deutlich unterscheidet, das ist – neben dem Grain und den Birdseyes, wie wir es beim Bruyère ja kennen – eine feine, recht dunkle Binnenmaserung entlang der Jahresringe, die zwar recht unregelmäßig auftritt, aber bei genauem Hinsehen doch fast überall zu sehen ist.

Mich würde in diesem Fall auch sehr interessieren, wie sich das Holz verhält, wenn man es sandstrahlt, genauer ob diese feine Binnenmaserung Auswirkungen auf das Relief der Jahresringe hat? Mal sehen, vielleicht gelingt es mir ja, mal einen Block aufzutreiben?

Formal und auch konstruktiv ist diese Pfeife, wenn man vom Einsatz einer Bambusapplikation als Gemeinsamkeit mal absieht, eigentlich das Gegenteil der oben vorgestellten Palmholzpfeife. Der Kopf ist nicht gedreht sondern frei gemacht und bewegt sich formal zwischen einem Disc-Fish (Shape) und einem mimetischen (Kugel-?) Fisch.

Der japanische Einfluss auf die Kopfform ist offensichtlich. Besonders sind die Asymmetrie des Shapes, der verwendete Bambus und die Tatsache, dass auf einen Holmansatz gänzlich verzichtet ist und der gesamte Holm aus Bambus besteht. Wenn ich das richtig sehe, dann ist der Bambus hier kein gewöhnliches Rhizom, wie es sonst so verwendet wird, sondern das Übergangsstück zwischen unterirdischem Rhizom und überirdischem Bambusrohr. Jedenfalls ist der größte Teil dieses Bambusholms innen hohl. Der Übergang zum Kopf ist in Form zweier „Spacer“ gestaltet, ein erster aus Ebonit, ein zweiter aus Bambus, der vermutlich den verbindenden Zapfen bildet. Der Abschluss des Bambusholms ist wiederum eine sehr schön und sauber gearbeitete Amboina Maserholz Applikation, die den Mundstückszapfen aufnimmt.

Das heißt, dass wir bei diesem Holm – naturbedingt – einen Reverse-Calabash Effekt haben, der beim Rauchen ganz vorzüglich funktioniert, aber einen, hier konstruktiv bedingten, Nachteil hat, denn der Pfeifenreiniger kann aufgrund des „gebogenen“ Reverse Calabash Effektes und der drei verschiedenen Bohrachsen nicht in den Rauchkanal zur Brennkammer geführt werden. Das ist keine Schlamperei, sondern das geht hier technisch nicht. Nur ist das Abnehmen des Mundstücks während des Rauchens wegen des Reversed Calabash Effektes hier natürlich überhaupt kein Problem. Die Pfeife lässt sich wunderbar rauchen (und auch problemlos reinigen), das Holz tritt geschmacklich nicht – wie etwa Olivenholz am Anfang – in den Vordergrund und durch den Reversed Calabash ist der Rauch ausserordentlich kühl! Am meisten hat mich die extrem aufwändige Konstruktion der Pfeife überrascht, vor allem, wenn man bedenkt, das die verschiedenen Bohrachsen nicht nur vertikal verschoben sind, sondern sie sind am Übergang von Kopf und Bambusholm, der extremen Asymmetrie geschuldet, auch seitlich versetzt. Gestempelt bzw. gelasert ist die Pfeife mit „LSK Indonesia“. Mehr weiss ich nicht, nur finde ich im Netz mit dieser Angabe keinen Pfeifenmacher. Vielleicht kann Mike hier weiterhelfen?

Die dritte Pfeife, die ich hier vorstelle, und die einzige, die nicht meine ist, stammt vom selben Pfeifenmacher wie unschwer am Stempel zu sehen ist. Auch sie ist aus Amboina Maserholz gemacht, nur in der Färbung walnussfarben und hat eine Applikation aus Mammutknochen, die wiederum mit einem Spacer abgesetzt ist. Im Gegensatz zu meinen beiden Bambus-Pfeifen ist diese Pfeife formal viel weniger exotisch, in ihr zeigt sich, wie gut der Pfeifenmacher auch klassische dänische Formen beherrscht. Das besondere an dieser Pfeife ist neben dem exotischen Holz die Gestaltung des Holmes, der so tailliert ist, dass er an der Ober- wie Unterseite jeweils eine feine aber sehr wenig akzentuierte Kante bildet. Durch die schrägen Auflageflächen am Holm liegt die Pfeife sehr schön in der Hand. Betrachtet man die Maserung des Holzes, fällt sofort auf, wie wild und unregelmäßig das Holz ist. Vor allem im Vergleich zu meiner Amboina Pfeife, die zwar auch ein paar wildere Zonen hat, alles in allem aber auch über verhältnismäßig dichte Maserung verfügt.

Nun kenne ich das Holz nicht und weiß daher nicht, ob es sich hier nur um ein innereres Holz handelt im Vergleich zum Holz meiner Pfeife oder ob das Holz generell so vergleichsweise wild gemasert ist. Man kann sich aber natürlich fragen, ob hier bei der Wahl der Oberflächengestaltung nicht der weitgehende Verzicht auf Kontrast (so wie bei meiner Pfeife) die glücklichere Wahl gewesen wäre? Ich würde denken, dass ein uniform dunklerer Kopf die schöne ruhige und sehr souveräne Form der Pfeife viel besser zum Ausdruck gebracht hätte und vor allem auch durch den dann extremeren Kontrast zur Applikation diese noch besser zur Geltung gebracht hätte. Aber vielleicht sind hier auch die ästhetischen Konzepte zu unterschiedlich und für uns nicht so einfach nachvollziehbar? Denn man kann ja unschwer sehen, dass der Pfeifenmacher bei seinen Pfeifen sehr genau weiss, was er macht, und alles andere als ein unsicherer Anfänger ist! Beeindruckend finde ich diese Pfeifen allemal, vor allem vor dem Hintergrund, dass es in Indonesien keine viele jahrzehntelange Pfeifenmachertradition gibt wie in Europa.

 

Nachtrag:

Da will ich das kleine, schön gemachte Ledersäckchen, das oben mal abgebildet ist und in das ich immer nur die Pfeife gesteckt habe, leer zu anderen Säckchen legen und denke mir: da ist doch noch irgendwas drin! Und in der Tat finde ich ein kleines Stückchen Karton, das quasi die außerordentlich liebevoll gestaltete Visitenkarte des Pfeifenmachers ist und das neben seinem Namen Lie Sek Kian auf der Rückseite auch ein Bild mit Pfeifen bietet, auf dem auch unsere beiden zu sehen sind. Sieht sehr stimmungsvoll aus, wie ich finde, gerade so als käme das Säckchen direkt aus den Tropen. Na ja, stimmt ja auch. Damit wäre auch die Urheberschaft geklärt.

 

1 Antwort

  1. Peter Hemmer Peter Hemmer sagt:

    Ich habe den Beitrag um einen kleinen Nachtrag mit zwei Bildern und vor allem dem Namen des Pfeifenmachers Lie Sek Kian ergänzt.

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