V.M. Straka – S-das Schiff des Theseus

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Buchhandel, Literaturkritik, Leser und alle Arten von Presse überschlagen sich: »So etwas hat es noch nicht gegeben«, »Das schönste Buch, das ich je gesehen habe.«, »Eine Jubelfeier auf das Buch als physisches Objekt.« und so fort. Es gibt dann noch den Hollywood-Glamour-Vorschuß, denn einer der zwei Verfasser ist JJ Abrams, hochgerühmter Starregisseur, dessen neue Star Wars Episode soeben angelaufen ist. So das Doug Durst in der Wertung fast untergeht.

Und in der Tat: alles stimmt. Lediglich, daß es das schönste Buch in der Literaturgeschichte sei, möchte ich relativieren: es ist ein wunderschön aufgemachtes Buch, das seinesgleichen sucht. Aber da gibt es viele in der Sammlerwelt der Bücher. Ein versiegelter, schwarzer Schuber schützt das Buch, das ein altes Exemplar einer Leihbibliothek zu sein scheint: mit Registraturnummer, abgestempleter Verleihkarte, veröffentlicht im Jahr 1949 von V.M. Straka.

Zunächst zum Titel: in der antiken Philosophie gibt es die Plutarch (Vita Thesei) zugeschriebenen Implikationen über „das Schiff des Theseus“, heute würde man so etwas wohl im weitesten Sinne Sudoku benennen, wenn auch mit anderen Vorzeichen. Was sich zunächst sehr abstrakt anhört, hat heute als Bestandteil der ontologischen Philosophie (Metaphysik) in der angewandten Physik, der Genetik und anderen Disziplinen und Anwendungen einen realen Bezug gefunden. (z.b. beim Patent-/Markenrecht, in der Genealogie etc.)

Der Leser, sofern nicht mit dieser antiken Gedankenspielerei vertraut, muß zumindestens das theoretische Szenario und die daraus abgeleiteten 4 Fragestellungen kennen, um dem Roman, der auf mehreren Ebenen abgespult wird, sinnvoll folgen zu können. Damit der Artikel übersichtlich bleibt, habe ich Erläuterungen zum philosophischen Paradoxon hier als PDF  verfügbar gemacht.

Man kann sich dem Roman auf verschiedenen Wegen nähern und liest vielleicht die Hauptgeschichte -die erste Handlungsebene- unter Nichtbeachtung der Querverweise und handschriftlichen Notizen der Protagonisten, wird so aber nicht in ein außergewöhnliches Leseerlebnis hineingezogen. Der Roman von V.M. Straka ist der letzte Roman eines zwar erfolgreichen, aber mysteriösen Autors und erzählt die Geschichte eines Mannes, der in einem Hafen entführt und auf ein Schiff mit gespenstischer Mannschaft verbracht wird – Shanghaien nannte man das einmal in der Seemannswelt. Eine gefährliche Reise beginnt.

Ein stark benutztes Exemplar des Romans wird von Jennifer, der Studentin in der Zentralbibliothek der Pollard State University, beim einsortieren entdeckt. Eric, ein Doktorand, hat das Buch benutzt und beide beginnen nun über Randbemerkungen miteinander zu kommunizieren. Das ist die zweite und parallele Erzählebene.

In dieser bewegen sich die zwei Studenten der Literaturwissenschaften, die den des Terrorismus verdächtigen mysteriösen Verfasser von „S“, V.M. Straka, erforschen und sich über Handzettel und Notizen, die an den Seitenrändern des Buches abgebildet sind, austauschen. Zu sehen sind auch Briefe, Postkarten, Telegramme, Listen, Zeitungsausschnitte und Landkarten auf Servietten, die beide „Literaturdetektive“ nach intensiven Recherchen gefunden haben.

Und so entsteht eine über Ebenen miteinander verwobene, äußerst komplexe Geschichte, ein Krimi, eine Liebesgeschichte, eine großangelegte, intellektuelle Verfolgungsjagd, ein Verwirrspiel …. und vor allem, ein gigantischer Lesespaß.

Die unikate Gestaltung des Buches läßt es den Leser ein wenig ehrfürchtig in die Hand nehmen, so erging es zumindest mir. Natürlich muß man keine reinweißen Leinenhandschuhe anziehen, aber ein wenig mehr Sorgfalt als bei Taschenbüchern ist schon angebracht. Denn in der Tat hält man ein Juwel der Buchdruckerkunst in Händen, wenn auch mit 45€ ein nicht gerade billiges. Ich habe die amerikanische Ausgabe im Jahr 2014 gelesen, die in den USA 24$ und in Deutschland nur 28€ kostet. Einen Gruß an den Börsenverein des deutschen Buchhandels.

S – das Schiff des Theseus
V.M. Straka
Kiepenheuer & Witsch
45€

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Bodo Falkenried

exemplarischer Niederrheiner, seit über 50 Jahren in München daheim, genauso lang Pfeifen- und Tabaksammler, versessen auf Musik, Literatur und andere Künste. Unternehmer, Segler, Reisender [..unser Mann in Asien], Intensiver Marktgeher, immer an Feuer & Herd. Email an den Autor

8 Antworten

  1. In der vergangenen Woche habe ich das Werk noch einmal zu lesen begonnen und in wenigen Tagen -erschöpft- zu Ende gebracht. Was für ein Lesevergnügen ! Nun frage ich mich, ob es irgendein Leser unseres Blogs je gelesen hat oder die Rezension “ für die Katz“ war?

  2. Avatar Preusse sagt:

    Hallo Bodo,
    für die Katz‘ war die Rezension nicht, denn sie wurde ja doch ein paar mal gelesen, auch schon anderen Ortes, wenn ich micht recht entsinne.
    Jedoch gibt es einiges an diesem Buch, was es von einer „leichtgängingen“, aber keineswegs leichten oder oberflächlichen, das meine ich nicht, Schreibkunst abgrenzt. Einerseits das Thema, also einmal die philosophischen Bezüge im Allgemeinen, dann die philosophischen Bezüge zur griechischen Mythologie im besonderen und last not least noch die zweite Erzählebene, das sind nicht unbedingt Argumente, die auf ein flüssiges und leichtgängiges Lesevergügen hoffen lassen. Du hast ja selber geschildert, dass die Lektüre des Buches doch eine gewisse Erschöpfung mit sich bringt.
    Insofern darfst Du nicht erwarten, dass sich Heerscharen an die Lektüre dieses Oevres machen.
    Ich übrigens auch nicht.
    Gruß Jens

    • Ja Jens, das ist nicht als Aufenthalts-Überbrückungslektüre am Bahnsteig geeignet, zugegeben. Aber welch unvergleichliches Lesevergnügen erhält derjenige, der sich Zeit für das Buch nimmt, nehmen kann oder will.
      Eine Zigarre läßt sich auch leichter anzünden als ein Pfeife ….., klar, hinkt.

  3. Avatar Preusse sagt:

    Hallo Bodo,
    hm, ja hinkt, sogar doppelt. Denn ich meinte nicht den Vergleich zur seichten Überbrückungslektüre, deswegen mein ausschließender Absatz dazu, aber so, wie ich das sehe, muss man sich für das Buch nicht viel Zeit, sondern sehr viel Zeit nehmen, dann muss man auch noch eine gewisse Affinität zum Gesamtthema haben und dann auch noch die Vorliebe für der Partikularthema. Ist schon von der Themenauswahl nicht jedermanns Sache und dann noch die Veschachtelung etc.

    P.S.: kannst Du diesen Beitrag in die untere Hierarchieebene schieben? Hab den falschen „Anwortbutton“ erwischt

  4. Damit hier mal jemand antwortet, der es auch gelesen hat. 😉 Ich habe soeben die Originalausgabe gelesen und war sehr fasziniert. Diesen Blog habe ich allerdings erst beim Googeln nach anderer Leute Erkenntnissen zum Buch gefunden. Immerhin habe ich mittlerweile mitbekommen, dass die Übersetzung wohl ebenfalls gut gelungen ist, was aus meiner Sicht eher eine Ausnahme ist und bei einem Buch, bei dem auch Codes zu berücksichtigen sind, die mechanisch passend übersetzt werden müssen, zudem noch sehr schwierig. Das vergrößert den Kreis, für den dieses Buch z.B. als Geburtstagsgeschenk in Frage kommt, erheblich.

    Ich kann es nur empfehlen.

    • Karl Hirsch Karl Hirsch sagt:

      Hätte das Buch nicht auch „Die Abenteuer des Jager Loisl“ heißen können? Wieviel hat das eigentlich mit dem Schiff des Theseus zu tun? Ich hab nur die Beschreibung des Buchhandels gelesen und ersehe daraus eher eine Schnitzeljagd nach der Person des Autors, der natürlich seeehr geheimnisvoll verborgen bleibt und dessen Aufdeckung groooße Bedrängnis für die beiden Nachforschenden bedeutet usw.. Noch eins drauf: Der Weg zur Enttarnung führt, auch nicht ganz originell, natürlich nur über die Enträtselung eines Codes, wie einfallsreich.
      Ich verreiß es jetzt nicht ohne es gelesen zu haben, aber die offizielle Beschreibung schreckt mich ab. Auch die Einschätzung im New Yorker »Das schönste Buch, das ich je gesehen habe.« beweist vielleicht auch nur, wie wenig der Rezensent gesehen haben mag.

  5. Avatar Manfred Postlmair sagt:

    Gut, ich habe mir vor einiger Zeit das Buch zugelegt. Im internet stand zu darüber zu lesen: „Ein hochraffiniert komponierter Roman, der zeigt, was ein Buch anrichten kann. In der Literatur und im Leben.“ Dem kann ich beipflichten. Nachdem ich nach ständigem Hin und Herhüpfen zwischen dem Roman und verschiedenen Notizen in verschiedener Farbe und verschiedener Schrift einen seltsamen Erschöpfungzustand verspürte, hielt ich mich an eine der vielen Leseanweisungen unseres allumspannanden Netzes: Ich las zuerst nur den Roman. Dabei entfernte ich auch alle Beilagen in Form von Servietten, Postkarten und ähnlichem. Leider wurde mir erst später klar, dass auch die Abfolge der Beilagen eine gewisse Bedeutung haben könnte (Im Internet recherchiert) – dafür gibt es, Gottseidank online eine Liste zum Wiedereinordnen der Beilagen! – Wenn also jemand behauptet des Buch sei ein Beweis dass man nicht alles digitalisieren kann so stimmt das nur teilweise – es sei den es kommt eine Gebrauchsanweisung in Papierform auf den Markt! Nach dem Lesen des Romans habe ich einmal das Buch und die Beilagen wieder in den Schuber gepackt und warte seitdem auf irgendeine Inspiration die mich dazu drängt des Geheimnis um den Autor Straka zu lüften. Na – ja, vielleicht kommt auch noch eine genaue Anweisung wie man die Fußnoten und Randbemerkungen zu lesen hätte. Eines habe ich allerdings bis jetzt nicht herausgefunden: Wenn Jen und Eric sich „lebhaft“ auf den Seitenrändern unterhalten – wie ist das abgelaufen? Also Eric entlehnt das Buch am Montag, macht seine Einträge, gibt es Dienstags zurück, am Mittwoch holte es sich Jen, schreibt eine Antwort, gibt es Donnerstags zurück, am Freitag holt sich Eric wieder das Buch…… ich glaube nach 14 Tagen ist Bibliothekar wahnsinnig geworden. Aber es könnte ja auch anders gewesen sein. Also Fragen über Fragen………

    • Karl Hirsch Karl Hirsch sagt:

      Aha.
      Vielen Dank einmal, liest sich etwas anders als der Text des Buchhandels, der natürlich sehr verallgemeinert verfaßt wurde, es sollen ja mehr als ein Dutzend Leute das Buch kaufen.

      Wie ich sehe, verlagert sich das Interesse an der Identität des Herrn (oder Frau?) Straka auf die Neugier, wie man sich das procedere des Verleihpendels so vorstellen kann. Ich glaube, Eric (oder Jen) hat das Buch einfach in der Bibliothek mitgehen lassen, in einem Burger King geblättert und dann zu lesen begonnen. Da der Burger King aber irgendwann zusperrt, schreibt er auf den Rand schnell hin wie weit er gekommen ist und eine Mutmaßung zum Text, die er sonst wieder vergessen hätte. Leider verjagt ihn die Putzfrau derart rabiat, daß er in der Eile das Buch mitzunehmen vergisst. Jen (oder Eric) findet es am nächsten Tag, liest es zu Hause weiter und schreibt alle möglichen Ideen, Kommentare und die Telefonnumer des Pizza Pazza Lieferanten an den jeweiligen Rand (sowas heißt meines Wissens übrigens ursprünglich Glosse). Da Jen (oder Eric) bald selber nimmer weiter weiß, legt sie oder er das Werk unauffällig in die Burgerbude zurück, wo es – bingo – Eric (bleiben wir jetzt dabei) wiederfindet und zunächst einmal die Glossen aus fremder Hand liest, wobei er eine Stunde mit vergeblichen Zahlenspielen mit der Pizzanummer verbratet. Allerdings glaubt er an eine persönliche Aufforderung, nun weiter zu glossieren und läßt das Buch liegen. Die Putzfrau packt es am Abend und klopft es in die Tonne. Allerdings ist die schon recht voll, und in ihrem angeborenen Jähzorn reißt sie das Buch wieder heraus, da die Entsorgung der Pommesboxen wichtiger ist. Dabei gerät neben einer gebrauchten Serviette ein Ketchup Fleck auf Seite 154, wo er als Blutfleck fehlinterpretiert werden wird und den Lesern eine völlig falsche Fährte legt. Außerdem gefällt der Putzfrau eine beigelegte Landkarte so gut, daß sie sie einsteckt und zuhause als Essplatzset hernimmt. Damit ist der Hintergrund der Lektüre schon jetzt fast nicht mehr nachvollziehbar. Logisch, das Buch wird wieder gefunden usw. Eine kleine Komplikation ergab sich, daß die rabiate Putzfrau inzwischen vermutet, daß Eric in sie verliebt sei, denn wegen der Burgerpampe konnte er ja nicht dauernd hierher gekommen sein. Allein deswegen warf sie auch das Buch nicht endgültig weg, obwohl diesmal schon mehrmals genug Platz in der Tonne gewesen wäre. Eric hat daher nicht nur seine liebe Not mit dem Rätselbuch, sondern muß sich auch noch die rabiate Putzfrau vom Halse halten. Die Situation entspannt sich erst, als die Putzerin in einer zweiten Fehleinschätzung glaubt, in Jen, die ja auch immer im Buch herumkritzelt , eine Rivalin sehen zu müssen, die über das Gloosarium geheime Liebesbotschaften an Eric verfaßt. Nun ist schon eine dritte Person am puzzeln, nur diesmal mit dem Ziel, einen codierten Liebeswink herauslesen zu können. Als Jen wieder auftaucht, gibt es eine Riesenszene, welche das Beschäftigungsverhältnis der armen Putzfrau nicht überlebt. Sie verfaßt nur schnell eine Notiz, die ihre Liebe zu Eric offenbaren sollte. Die ist aber nie gelesen worden, da der Zettel durch den Kontakt mit den klebrigen (Burger King halt) Fingern der Verfasserin mit der bedruckten Rückseite nach oben zu liegen kam. Der Rest der angeblichen Hinweise kam ähnlich zu Stande, wobei ein unverhoffter Durchzug, der zahlreiche Papierchen anderer Gäste durch die Luft wirbelte und zwischen den, durch die Zugluft selbstblätternden Seiten ebenfalls im Buch landen ließ, die ergiebigste Quelle darstellte.
      In der Folge begann Eric aber seinerseits die Putzfrau zu vermissen (er war einwenig Maso, was man heutzutage ja ausleben darf) und erfuhr vom Chef die Adresse, der Rest ist uninteressant weil offenkundig. Das Buch wurde nun nimmer weiter glossiert, und Jens Randbemerkungen wurden immer weniger, bis sie auch ganz ausblieben, weil sie feststellte, daß sich das vermeintliche Rätsel auf der letzten Seite in einem Nachwort von selber gelöst hat.
      So blieb das Buch liegen (die nächste Putzfrau suchte der Chef unter den lethargischeren Bewerberinnen), bis es von einem verkrachten Verleger, der sich in Billigfraßinstituten wie dem Burgerking von Sonderangeboten ernähren mußte, gefunden wurde.
      Auch er fiel auf seine Weise herein, vermutete ebenfalls die Dokumentation eines großen (und verdächtigen) Geheimnisses, hatte aber nur den Verkauf im Sinn.
      Zuerst wollte er aber mit Herrn Straka, der durch das Nachwort leicht aufzufinden war, Verbindung aufnehmen um ihm ein schlechtes Angebot zu machen, und riss zu diesem Zweck das Nachwort heraus, weil er zum Notieren zu faul war.
      Als das Buch in Druck kam – ohne Nachwort, aber mit Faksimilen der diversen Zettel und sonstigen papierlichen und eingetrockneten Durchmischungen – war das Chaos perfekt.

      So etwa stell ich mir die Entstehungsgeschichte vor.

      Ein Herr Straka hat übrigens als Altwarenhändler in Innsbruck gelebt. Das Buch hat er als Manuskript aus einem Nachlass gefleddert und seinen Namen draufgeschrieben. Grad, dass keiner das Buch lesen muß.

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