Tango in Istanbul

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Spätestens seit dem ersten Weltkrieg trat der Tango seinen Siegeszug in den Tanzsälen der westlichen Welt an. Paris, Berlin, London, Wien – klar, eben in den Metropolen des alten Europas, das kennen wir alle. Daß der Tango einige andere bedeutende Zentren hatte, wie etwa Finnland, Polen, Rußland oder Rumänien, das ist schon eher unbekannt. Daß eine der interessanten Tango-Metropolen der späten 20er und 30er Jahre Istanbul war, weiß kaum jemand.

Istanbul war in der Türkei Atatürks, also in einem laizistisch geprägten Staat, eine durchaus offene Metropole mit starken westlichen Prägungen. In diesem kulturellen Klima entstand eine eigenständige Tangoszene, die durch die Einflüsse traditioneller türkischer Musik einen ganz eigenständigen, eben türkischen Tango-Stil entwickeln konnte. Musikalisch viel mehr als durch die bloße Exotik der ungewohnten Sprache. Deshalb ist es auch kaum verwunderlich, daß es dort – ganz im Gegensatz zu den traditionellen westlichen Ländern – relativ wenige Cover-Versionen der „Welthits“ gegeben hat, sondern türkische Rückgriffe auf argentinischen Tango.

Der Tango in Istanbul war in seinen Anfängen eine Sache der Frauen. Sie traten in den zahlreichen Clubs der Stadt als Sängerinnen auf. Und: sie waren meist Griechinnen, Armenierinnen, Jüdinnen oder levantinischer Herkunft, denn Auftritte muslimischer Frauen im „modernen“ Unterhaltungsbetrieb waren unvorstellbar. Die erste Türkin, die diese Grenzen durchbrach, war Seyyan Hanim. Und gerade deshalb wurde sie auch sehr von Kemal Atatürk gefördert, der in ihr ein Aushängeschild für die emanzipierte, moderne Rolle der Frau in der Türkei sah.

Diese Rolle aber war Fassade, denn Seyyan Hanim lebte nach ihrer Heirat mit einem Offizier auf dem Land in Ostanatolien, zurückgezogen den strengen Konventionen entsprechend, und verließ ihr Dorf nur einmal im Jahr für einige Tage. Im Geheimen – nur ihr Mann war ihr Komplize. Dann fuhr sie nach Istanbul für einige Auftritte und Plattenaufnahmen…

Da ich kein Wort türkisch verstehe, kann ich zu den Inhalten nichts sagen, aber ich kann sagen, warum ich Seyyan Hanim hier ausgewählt habe: Für mich zählen ihre Tangos zu den melancholischsten, sehnsuchtsvollsten, die ich kenne, und gerade deshalb gefallen sie mir so sehr.

Das männliche Pendant zu Seyyan Hanim war der um drei Jahre ältere Ibrahim Özgür. Professionell augebildeter Musiker, der er war, gründete Özgür ein eigenes Orchester. Er war auch Komponist vieler eigener Stücke oder gesuchter Arrangeur von Bekanntem. Er war der erste türkische Mann, der in den Nachtclubs auftrat und der schließlich seinen eigenen Club eröffnen konnte.

Als Startkapital dienten die Einnahmen aus einer Fernost-Tournee, die Özgür 1931 mit seinem Orchester unternahm: von Beirut über Indien, Ceylon, Indonesien nach Singapur und Java, zurück über London nach Istanbul. Von den Eindrücken dieser Tournee (und einer unglücklichen Liebe zu einer indischen Prinzessin) zehrte er den Rest seines künstlerischen Lebens. 1959 erlag er einem Herzinfarkt.

 

Das Berliner Weltmusik-Label Oriente Musik hat vor einigen Jahren eine CD mit Tangos Özgürs herausgebracht. In deren CD-Reihe „Tangos from the Old World“ finden sich auch einzelne Titel von Seyyan Hanim. Die biografischen Informationen habe ich im Wesentlichen den Booklets dieser CDs entnommen. 2012 ist dort eine CD erschienen mit dem Titel „Istanbul Tango“, die ich aber nicht kenne.

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