Albert Vigoleis Thelen | Insel des zweiten Gesichts

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Thomas Mann zählte ihn zu den 3 bedeutendsten Romanen des Jahrhunderts, die Insel des Zweiten Gesichts des Niederrheiners Albert Vigoleis Thelen (1903-1989). Sprachgewaltig – wie der Joyce-Ulysses, die Joseph Tetralogie- anspruchsvoll, humoristisch, eigenbrötlerisch und von ironischer Überlegenheit und hochstilisierter Eleganz , so das Urteil wichtiger Zeitgenossen von Konrad Adenauer, Siegried Lenz bis Maarten `t Hart. Er war – wie auf einer anderen Bühne Hanns Dieter Hüsch – der Niederrheiner par exellence: zwiegespalten, philosophisch, heimatverbunden, wiewohl er über 50 Jahre seines Lebens im Ausland verbrachte. Ein ewig am großen Erfolg vorbeischrammender Sprachgigant, arm geboren und genauso arm am Materiellen hat er die Welt wieder verlassen. Vigoleis ist Sprache, eigene Sprache, Sprachzeugung. Bis dato nie verwendete Wortgebilde von unglaublicher Beschreibungskraft, Bild-schöpfend, poetisch. Solche Bücher verlassen diejenigen nie mehr, die sich von ihnen einfangen lassen. Sie werden zu Lebensbegleitern. 

Die Insel ist untertitelt mit Aus den angewandten Erinnerungen des Vigoleis, ein autobiographischer Roman, der des Autors Erlebnisse auf der Insel Mallorca in den Jahren 1931 bis 1936 schildert. Mit seiner Schweizer Frau Beatrice lebte er dort zwischen Huren, Schmugglern und Ratten. Sie sterben beinahe vor Hunger und der Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs findet sie auf einem englischen Zerstörer wieder. Der Roman ist voll von Denkbarem und Deutbarem der Ereignisse, von der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft und natürlich auch von zwei Weltkriegen, einem Bürgerkrieg, falschen Propheten, falschen Freunden, ungeheurer finanzieller Not und von der Freiheit. Einer solch beschriebenen Lebensabschnitts-Vita würde heute gleich der Kultstatus verliehen, und so war es wohl auch in den 1950-1970 Jahren. Allerdings ohne einherzugehen mit kommerziellem Erfolg. Aber Vigoleis, immer schon dem Mangel verpflichtet, brauchte ihn auch nicht. Fontane-Preis, späte Professur, gelinde und späte Unterstützung durch die Politik, um das Überleben zu ermöglichen – all das führte dennoch nur noch zu einem dreijährig währenden Lebensabend in einem niederrheinischen Seniorenheim. Der Erzweltschmerzler und Sprachschwelger Vigoleis ist in der Tat Jahrhundertliteratur.

Ein typisch niederrheinischer, sprachkomplexer Hinweis des Autors aus der Insel:

Weisung an den Leser
Alle Gestalten dieses Buches leben oder haben gelebt. Hier treten sie jedoch nur im Doppelbewußtsein ihrer Persönlichkeit auf, der Verfasser inbegriffen, weshalb sie weder für ihre Handlungen noch auch für die im Leser sich erzeugenden Vorstellungen haftbar gemacht werden können. Im gleichen Maße, wie die Spaltung der ichverlorenen Gestalten größer oder kleiner ist, unterliegt auch der chronologische Ablauf der Geschehnisse einer Umschichtung, die bis in die Aufhebung des Zeitgefühls gehen kann. In Zweifelsfällen entscheidet die Wahrheit. AVT

Albert Vigoleis Thelen
Die Insel des zweiten Gesichts
Claassen Verlag
ISBN 3-456-00340-3

Bodo Falkenried

exemplarischer Niederrheiner, seit fast 50 Jahren in München daheim, genauso lang Pfeifen- und Tabaksammler, versessen auf Musik, Literatur und andere Künste. Segler, Reisender [..unser Mann in Asien], Intensiver Marktgeher, immer am Herd.

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