Literatur | Eifel, Tod und Pfeife

Kriminalroman und Tabakpfeife – diese Liaison besteht ja schon lange: erst der englische Klassiker Sherlock Holmes, dann der Kommissar „Maigret“ des Pfeife rauchenden Belgiers Simenon, der sich rühmte mit über 10.000 Frauen geschlafen zu haben (das zum Thema „ Rauchen gefährdet ihre Potenz!). Dann kam Blacky Fuchsberger und seit 1989 ein weiterer Pfeife schmauchender Stern am Krimi-Himmel: Jacques Berndorfs Siggi Baumeister. Eine stinknormale Fortsetzung von schon längst bekannten Mustern?

Weit gefehlt! Jacques Berndorf alias Michael Preute alias Siggi Baumeister ist ein Meister seines Faches und pflegt den Lifestyle. Und ganz nebenbei bedient er neben seiner wachsenden Krimi-Fangemeinde auch die Bedürfnisse mehrerer Randgruppen, unter anderem die der Katzenliebhaber, der Koikarpfen-Freunde und eben auch die der Pfeifenraucher.
Allen voran ist Berndorf allerdings Eifel-Liebhaber und -kenner und Vorreiter einer Reihe von Krimiautoren, die sich ganz dem Lokalkolorit verschrieben haben. Jeder seiner inzwischen mehr als 20 „Eifel-Romane“ – ich lese gerade Nummer 23 – spielt in dieser verregneten Mittelgebirgsregion am Dreiländereck Deutschland/Holland/ Belgien. Seine Ortskenntnisse sind phänomenal und Berndorf gibt sie gerne weiter:

Bald darauf fegten wir über Kerpen, Niederehe, Heyroth und Brück Richtung Kelberg und wendeten uns dann links auf die Schnellstrasse nach Adenau. Wir waren nicht länger als vierzig Minuten unterwegs und fielen in die wunderbare Kneipe Periferia ein, als hätten wir eine Wüstendurchquerung hinter uns. Der Leser könnte glatt eine Landkarte zeichnen nach der Lektüre von Berndorf – und Einkehr-Tipps gibt’s gratis dazu.

Die Geschichten um Mord und Totschlag, Betrug und Intrige sind spannend erzählt, gut recherchiert und bergen alle Untiefen menschlichen Verhaltens – wie es sich für Krimis halt gehört.
Der Reiz der Storys, die Berndorf in bewährter Manier in Ich-Form von sich gibt, liegt allerdings woanders: Die unnachahmlich heimelige Welt des Journalisten Baumeisters mit seinem pensionierten Busenfreund, dem Kriminaloberrat a.D. Rodenstock nebst Gattin Emma , mit seinen Katern Satchmo ,Willi und Paul , seinen wechselnden Lebensabschnittsgefährtinnen und den im Gartenteich Blasen spuckenden Koikarpfen kontrastiert in grotesker Weise mit dem leichengepflasterten Feld-, Wald- und Wiesenwegen der Eifel. Russenmafia ,BND, korrupte Provinzunternehmer , rheinische Polit-Subprominenz, gehörnte Ehefrauen und schwule Ehemänner liegen sich in der Wolle , aufgemotzte Opel Kadetts von schnauzbärtigen Hilfscheriffs und die Landwirtschafts-Traktoren sympathischer, jedoch moralabstinenter Eifelbauern machen die Region um den Nürburgring unsicher. Und gelegentlich werden Grusicals offeriert, die auch abgebrühten Krimifans die Haare hoch stellen, wie zum Beispiel die Episode der Wildschwein-Obduktion auf der Suche nach identifizierbaren Leichenteilen…

Mit unnachahmlichem Humor, gepaart mit der für Kriminalisten typische Beobachtungsgabe liefert Siggi Baumeister dem Leser echte literarische Appetithäppchen, wie zum Beispiel der Kleinkrieg seiner drei Kater mit einem Stockentenpärchen. Kostprobe:

Inzwischen hatte sich Willi raffinierterweise auf die Moorerde am Rand getraut und war nur noch etwa dreißig Zentimeter von dem Erpel entfernt. Der blieb vollkommen gelassen, machte sogar ein freudig erregtes „Quak,quak“ nach dem Motto: Ich heiße Detlev und wie heißt du? Dann aber glitt der Entenmann zur Seite und machte seiner Frau Platz, die mit majestätischer Ruhe heranschwamm und auf die Moorerde watschelte. Auch sie machte „Quak, quak“, aber durchaus nicht friedfertig. Sie tat einen plötzlichen Hupfer zur Seite und landete auf dem Rücken des wackeren Willi. Der duckte sich, so tief erkonnte, und rutschte ab. Die Entendame hackte auf sein Genick ein und Willi begann augenblicklich wie ein Menschenbaby zu schreien. Ich war empört. Was bildeten sich diese gottserbärmlichen Enten eigentlich ein, diese miesen, watschendelnden Weihnachtsbraten?

Und über dieser Provinzidylle schwebt die Hauptfigur der Eifel-Romane – ein Pfeifen rauchender Hobby-Detektiv, der seine 130 Markenpfeifen aus seinem abgebrannten und von der Feuerwehr überschwemmten Haus retten musste und der eine ganze Reihe skurriler, aus dem prallen Leben gegriffener Charaktere um sich schart. Und nun der für Pfeifenraucher eigentliche Grund, zu den Schmökern von Jaques Berndorf zu greifen: Siggi Baumeister ist ein Connaisseur. Nie sagt er “Ich zündete mir eine Pfeife an und dachte paffend über … nach.“ Die Pfeife als namenlose Gehirn-Verlängerungsrequisite hat bei ihm ausgedient.

Er greift entweder zur Jahrespfeife oder der „Pfanne“ von Stanwell, stopft seine Winslow Crown Viking, seine enta von Georg Jensen oder pafft die helle Olivenholzpfeife, die ihm Ute aus Malta mitgebracht hat. Er schmaucht die Spitfire von Lorenzo, eine Savinelli Punto Oro oder auch mal eine Pfeife, deren Ausmaße einschüchternde Wirkung verspricht.
Dieser Hobby-Detektiv, der nach Michael Preute durchaus autobiographische Züge trägt, lebt mit seinen Rauchutensilien – ist sozusagen per Du mit allen Pfeifen. Es erscheint bei dieser Liebe zum Detail allerdings etwas eigenartig, dass der Tabak wohl eher eine untergeordnete Rolle spielt.

Nur einmal deutet er an, dass er eine Eigenmixtur raucht: 1/3 Plum Cake 1/3 Charatan 27 und 1/3 weitere Charatan Sorte. Wer jetzt alle Bände nach dieser Mixtur durchforstet, verlebt vergnügliche Krimi-Stunden/Tage. Zwischenzeitlich hat Berndorf mit dem Tabakhaus Friedrichs aus Düren und einem Vertreter des Hauses DB und Planta sowohl einen eigenen Tabak herausgebracht – man ahnt es schon: Marke „Siggi Baumeister Tobak“ und auch eine Pfeife kreiert, die man hier zusammen mit dem etwas griesgrämig dreinblickenden Berndorf betrachten kann. Die Pfeife – eine helle Bent mit Silberapplikation am Holm und Mundstück und der Signatur J.B. kann sich der Leser hier anschauen.