Klangarchäologie oder Tosca 1903

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Im Jahr 1900 wurde eine der erfolgreichsten Opern Giacomo Puccinis, Tosca, in Rom uraufgeführt. Sehr zeitnah wurde die neue Oper an nahezu allen großen Opernhäusern der Welt ins Programm genommen, so auch 1901 an der Metropolitan in New York.

Dieses Opernhaus hatte damals einen Bibliothekar namens Mapleson, dessen große Leidenschaft das Experimentieren mit Tonaufnahmen auf der Basis des Edison bzw. Bettini-Zylinder-Verfahrens war: Er baute einen riesigen Aufnahmetrichter, mit dem er von der Oberbühne aus versuchte, ausgewählte Vorstellungen „live“ mitzuschneiden. Die klanglichen Ergebnisse sind sehr unterschiedlich, die meisten erhaltenen Zylinder entsprechen klanglichen Geröllhalden, deren Abhören kein kulinarisches Vergnügen darstellt. Auf der anderen Seite dokumentieren diese Zylinder einige Sänger und Dirigenten, von denen keinerlei kommerzielle Aufnahmen vorliegen und haben deshalb hohen dokumentarischen Wert. Vor allem auch, weil sie die einzigen „Live“-Aufnahmen von Sängern aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg sind. So ist es auch bei diesem Mitschnitt von Ausschnitten einer Tosca-Aufführung vom 3. Januar 1903.

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Es sangen Emma Eames (Tosca), eine amerikanische Sopranistin, die zu den größten ihrer Zeit zählte, 1889 in Paris auf Wunsch von Charles Gounod als Julia in dessen Oper Romeo et Juliette ihr Bühnendebut gab und die als die große Rivalin von Nellie Melba in die Operngeschichte einging. Die Tosca zählte zu ihren herausragenden Partien.

Scarpia war der Italiener Antonio Scotti, der Hausbariton der Met und dort Standardpartner von Enrico Caruso. Er hat den Scarpia zuerst in der Londoner Erstaufführung der Tosca im Juli 1900 gesungen.

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Antonio Scotti 1866-1936

 

 

 

Den höchsten dokumentarischen Wert hat aber der Sänger des Cavaradossi, denn von ihm gibt es im Gegensatz zu den beiden anderen keine kommerziellen Aufnahmen und die Tatsache, daß es just ein Tosca-Mitschnitt ist, der uns erhalten ist, wiegt doppelt: Emilio de Marchi war einer der führenden italienischen Tenöre, zu dieser Zeit in Italien noch populärer als Caruso und vor allem war er der Interpret des Cavaradossi bei der römischen Uraufführung der Tosca am 14. Januar 1900. Caruso hatte sich auch Hoffnungen gemacht, den Cavaradossi bei der Uraufführung zu singen, aber man entschied sich für De Marchi, der dann die Partie mit Puccini einstudiert hat. De Marchis Stimme ist wesentlich heldischer als die des jungen Enrico Caruso und in diesem Zusammenhang ist interessant, daß auch für die Mailänder Erstaufführung der Tosca am 17. März 1900 unter Toscanini mit Giuseppe Borgatti wiederum ein heldischerer Tenor den Vorzug vor Caruso erhielt. Zum Zeitpunkt des Mitschnitts alternierte De Marchi aber bereits mit Caruso als Cavaradossi an der Met.

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1861-1917

Der Dirigent Luigi Mancinelli war einer der herausragenden italienischen Dirigenten des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Neben seiner Dirigententätigkeit komponierte er einige Opern und Orchesterstücke und war von 1893 bis 1903 Chefdirigent für das italienische Repertoire an der Met. Diese Tosca Fragmente sind die einzigen Tondokumente Mancinellis.

Die ersten beiden Fragmente sind aus dem zweiten Akt, die Folterszene und das „Vittoria“ des Tenors, die dritte Szene ist das Finale der Oper.

Wenn man sich nicht für Oper interessiert und das Stück nicht kennt, kann man das vermutlich höchstens als abgefahrene Kuriosität hören (oder gar nicht), wenn man die Tosca aber kennt, wird man sehr schnell, auch bei nur wenigen unzulänglichen Fragmenten, die vibrierende Qualität der Aufführung erkennen und vielleicht den dokumentarischen Wert zu schätzen wissen. Bin gespannt auf Kommentare….

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2 Antworten

  1. KJH sagt:

    Lieber Peter,

    es ist wirklich viel verlangt, in das Geknister und das Gerausche hineinzuhören. Ich muß zugeben, die Tosca viel zu wenig gehört zu haben, als daß sich ein Vergleiche erlaubendes Gedächtnis bilden hätte können.

    Vielleicht rede ich unbewußt Dir zu Gefallen 🙂 oder es ist wirklich so, daß man auch ohne Toscakenner zu sein an manchen der zufällig klarer hörbaren Passagen jene Qualität heraushören kann, herauszuhören glaubt, die die Met schon damals gekennzeichnet hat. Haben muß, das New Yorker Publikum möchte ich als Künstler sowieso nicht erleben müssen.

    Ich begebe mich völlig unnötig aufs Glatteis und sehe eine solche Passage z.B. so um 3:40 herum, bevor die Kutsche vorbeifährt. Das scheinbar kunstvolle Getümmel und Trara, welches bei 2:20 einsetzt, ist eher perfekt tosende Routine. Eben eine jener Polterstellen, die erfahrene Operntechniker wie Puccini von Haus aus für jene einbauen, die die Qualität der Musik an der Lautstärke messen. Nicht?

    Noch ein allgemeiner Gedanke: Das menschliche Gehirn vermag Lücken zu ergänzen. Anders wäre es nicht möglich, mit einem Radiowecker klassische Musik zu hören. Man „weiß“, wie es klingt und hört es, das Gerät liefert nur den Einsatz.Irgendwie so geht es mir auch mit dieser akustisten Kalamität.

  2. Peter Hemmer sagt:

    Hallo Karl,

    fast hätte ich gefragt, welche der vielen Kutschen Du meinst… Nun, wir sind gewohnt, aus Gläsern oder Keramikbechern zu trinken und ähnlich problemlos hören wir Musik. Ich habe das Thema mit „Klangarchäologie“ überschrieben, weil mir der Vergleich mit der Archäologie als der passendste erscheint. Ein Archäologe versucht, aus ein paar Scherben einen Kosmos zu rekonstruieren: wurde das Gefäß da gemacht, wo es gefunden wurde, wie „reich“ war es, was wurde darin aufbewahrt, warum wurde es zerschlagen etc.? Und mit genau solchen akustischen Scherben haben wir es hier auch zu tun. Die eignen sich schlichtweg nicht mehr zum „Musikhören“, noch nicht mal die Stimmen lassen sich auch bei viel Erfahrung in ihrer Qualität charakterisieren – zum Glück gibt es von den meisten Sängern dieser Zeit schon bzw. noch kommerzielle Aufnahmen, die da weiter helfen. Das Entscheidende an diesen vorliegenden Scherben ist für mich etwas anderes: Gehe ich heute in eine Tosca, habe ich locker 50 Aufnahmen gehört, mehrere Aufführungen in verschiedenen Produktionen bereits gesehen. Tosca ist ein kanonischer Bestandteil jeden Repertoires. Das geht den Ausführenden ganz genauso. Und genau das ist bei diesen Scherben anders: Das, was wir da hören, sind die Scherben einer Weltneuheit, Fragmente einer Aufführung der amerikanischen Erstaufführungsserie. Zu dieser Zeit hatte ein Großteil der internationalen Sängerelite die Rollen noch gar nicht drauf. Und ich frage mich: ist das anders als heute? Ich finde, soweit man das hinter all den Wasserfällen und vorbeifahrenden Kutschen erkennen kann, ja! Das auf diesen Scherben erkennbare Musizieren wirkt auf mich im Vergleich zu den heutigen, auch an zahlreichen Aufnahmen und großen Interpretationen geschulten Interpretationen unglaublich direkt und fast plakativ, dabei durchaus „thrilling“, wie es wohl auch empfunden wurde. Schließlich war der Verismo ja damals etwas vollkommen Neues und wirkt doch so vollkommen anders als heute… Die geradlinige Wucht, die wir heute so nie empfinden würden, ist der Wert, den uns diese Scherben meiner Meinung nach vermitteln.

    Gruß
    Peter

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