Eine Caminetto mit Deckel

Der Herbst hat Einzug gehalten und mit ihm kommt nach diesem extrem trockenen und sonnigen Sommer, die kalte und feuchte Jahreszeit. Die bunten Blätter fallen, die Eichkatzerl und die Eichelhäher werfen Kastanien und Eicheln nach unten, da konnte ich gerade noch rechtzeitig eine neue Pfeife mit Deckel erwerben. Meine allererste Caminetto. Meine Faszination für Deckelpfeifen habe ich ja hier schon einmal beschrieben. Nicht auszudenken, dass mir einmal beim Malen nebliger Auen und prächtiger, bunt belaubter Bäume, Flora und Fauna in den „Kamin“ fallen, welcher ja auf italienisch „Camino“ heisst und in seiner Verniedlichungsform „Caminetto“ genannt wird. Die Legende besagt, dass die drei Gründer dieser italienischen Pfeifenmanufaktur eines langen Abends bei Pfeife und Wein am offenen Kamin saßen und dabei auf diesem Firmennamen kamen. „Caminetto – La Pipa del Baffo“, Die Pfeife mit dem Schnauzbart. Die drei besagten Herren, trugen alle einen Schnauzer und kamen so auch gleich auf ihr Logo. Ich gehe davon aus, dass das ein sehr kreativer und vor allem sehr weinseliger Abend war, den sie vor dem Kamin verbrachten.

Giuseppe Ascorti arbeitete seit 1959 als Pfeifenmacher bei Castello, bis er sich 1968 selbstständig machte und mit dem Pfeifenmacher Luigi Radice eine kleine Pfeifenmanufaktur in ihrer Heimatstadt Cucciago gründete. Mit Gianni Davoli, der einen Tabakladen in Mailand betrieb, fanden die beiden einen Partner für eine weltweiten Distribution ihrer Pfeifen. Im Kielwasser des großen Castello-Booms vor allem in den USA erzielten die drei mit Ihren hochwertigen, handgemachten Pfeifen schon bald rasenden Absatz. Das Konzept war einfach und wirkungsvoll, sie boten die gleiche Qualität wie Castello und das zur Hälfte des Preises. Schon bald hatte die kleine Firma Caminetto mehr Aufträge, als sie bewältigen konnte und sie wuchs und wuchs. Moderne Maschinen wurden eingesetzt und die Produktion gesteigert. Aber wie es manchmal so kommt, waren die drei sich immer mehr uneins, gerade was die maschinelle Produktion der Pfeifen und die darunter leidende Qualität anging. Ende der Siebziger verließ Radice das Unternehmen und auch Ascorti gründete bald darauf mit seinem Sohn Roberto eine neue Firma unter ihrem Familiennamen Ascorti. Kurz darauf zerstörte ein verheerender Brand die gesamten Werkstätten von Caminetto, die zu dieser Zeit nur noch von Davoli geführt wurde. Was auch immer damals genau geschah, wir werden es vermutlich nie erfahren.

Jedenfalls kaufte sich Giuseppe Ascortis Sohn, Roberto Ascorti den Namen Caminetto zurück und die Firma erhob sich unter seinem Regiment wie Phoenix aus der Asche, nur sind die Preise der Caminettos inzwischen schon lange nicht mehr nur halb so hoch, wie die der Castellos.

Meine Caminetto ist eine rustizierte Pot, die folgendermaßen gemarkt ist: Caminetto HAND MADE CUCCIAGO-ITALY 8L10
Meine Recherchen haben ergeben, dass sie 2010 (10) gemacht wurde und sie das sogenannte Business-Finish (8) hat – rustiziert und rot, was das L bedeutet, weiss ich leider nicht.

Der Deckel, auf dem sich eine Gravur des Schnauzbartes und der Zahl 800 – Silber? befindet, ist seitlich aufschiebbar und sehr schön gearbeitet. eine kleine Nut in der Unterseite der Mechanik verhindert, dass man den Deckel über die Mitte hinausschiebt. Wirklich raffiniert gelöst und funktional.

Geraucht habe ich die Pfeife noch nicht, da warte ich immer noch auf den richtigen Moment, aber ich wollte sie als Anlass nehmen, einmal etwas über Caminetto zu schreiben.

NACHTRAG: Während ich diese Pfeife gerade mit zwei wunderbaren Dunhill Navy Rolls Scheiben rauche, ist mir aufgefallen, dass der Deckel – wie es sonst nämlich immer der Fall ist – gar nicht heiß wird, sondern höchstens lauwarm. Das liegt daran, dass unter dem Silberdeckel noch eine ungefähr ein bis zwei Millimeter dicke Bruyereschicht angebracht ist. Das schützt davor sich beim Rauchen die Finger zu verbrennen. Schlau gelöst.




Eine Pfeife von: Castello

Es gibt so Pfeifen, die sind schon auf den allerersten Blick so schräg und seltsam, dass man sich sofort denkt „um Gottes Willen, was ist denn da passiert?“ Solche Pfeifen finden sich im Oeuvre bekannter Pfeifenmacher als auch in der Welt der Serienproduktion mit ihren meist kanonischeren Formen. Gerade dort fallen sie besonders auf, weil dem Betrachter das Abweichen von klar ersichtlichen formalen Normen eher ins Auge sticht als bei Freeforms, die tendenziell individuelleren wie freieren Gestaltungsprinzipien unterworfen sind. Da braucht es dann schon manchmal etwas mehr Expertise, um zu erkennen „dass da was passiert ist“.

Die Pfeife, die ich hier vorstellen möchte, stammt von Castello, der Pfeifenmanufaktur aus dem oberitalienischen Cantù, deren Pfeifen ebenso berühmt wie kultig sind: berühmt für ihre extrem klaren, strengen und vor allem kraftvollen klassischen Formen wie für ihre wundervollen Straight Grains meist unter Variierung des Dublin-Shapes. Nur wenige Marken weltweit sind so stilbildend gewesen wie Castello mit seinem typischen „Castello-Stil“: italienischer Pfeifenadel mit klassischem und durchaus auch exklusivem Understatement – hier nur zu vergleichen mit und übertroffen von Dunhill.

Und dann sowas hier! Auf den ersten Blick ist für jeden ersichtlich, dass diese seltsame Pfeife eigentlich etwas anderes hätte werden sollen, nämlich eine ganz klassisch strenge Halfbent-Rhodesian mit einem Sattelmundstück, ein absoluter Formklassiker und wäre sie das geworden, was sie hätte werden sollen, dann hätte ich sie hier nicht vorgestellt.

Ganz offensichtlich ist hier während des Erstellens des Kopfes etwas schiefgegangen. Was das war, ist im Nachhinein schwer zu eruieren. Denkbar wäre etwa ein großer Defekt im Holz, der nicht sofort sichtbar war und den man nicht mehr unter der „Sea Rock“- Rustizierung oder „Old Antiquari“- Sandstrahlung verbergen wollte. Ich würde eher vermuten, dass der Pfeifenmacher beim Ausschleifen des Holm/Kopf-Überganges aus Versehen mit der Schleifscheibe an die gedrehte Kopfkante gekommen ist und so das klassische Shape unwiederbringlich ruiniert hat, indem er dem perfekten Kreis der Kante eine zu deutliche Einbuchtung verpasst hat, die sich selbst durch eine Rustizierung des Kopfes nicht hätte kaschieren lassen.

Die Frage, „was hier passiert ist“, ist aber gar nicht die entscheidende! Die entscheidende Frage ist, was dann daraus gemacht wurde: der Pfeifenmacher hat den Kopf nicht weggeworfen, sondern er hat aus der Einbuchtung kurzerhand ein neues Gestaltungsprinzip gemacht und zwar eines, das nicht in erster Linie ästhetischen Regeln folgt. Für all diese Einbuchtungen finden sich funktionale Gründe, was man sofort bemerkt, wenn man die Pfeife in die Hand nimmt und in der Hand hält und zwar ganz gleich ob in der rechten oder linken Hand: überall da, wo man seinen Daumen oder Zeigefinger auch plaziert, da ist eine Einbuchtung und zwar genau in der (zumindest für die Größe meiner Hand bzw. meiner Finger) passenden Form.

Der Pfeifenmacher bei Castello, der diese vogelwilde Rhodesianvariante gemacht hat, der hat dieses elend harte Bruyère-Holz so geformt als hätte er eine Kugel Knetmasse in der Hand gehabt und leicht zugedrückt: das Ergebnis ist eine perfekte Ergonomie und eine mustergültige Umsetzung des alten „Form Follows Function“. Die neue Form ist keine technische Form mehr, wie es die sauber gedrehte Rhodesian gewesen wäre, diese neue Form ist eine organische Form geworden, die sich der menschlichen Hand an dient. Und das ist nicht wenig!

Man mag die ästhetische Erscheinung dieser Pfeife jetzt so spannend finden wie ein (selbstverständlich) maßgearbeitetes Zahnimplantat, aber ich wusste in dem Moment, in dem ich diese Castello zum ersten Mal in meiner Hand hatte, dass sie eine meiner Lieblingspfeifen sein wird. Und ganz offensichtlich hatte ihr Vorbesitzer ein ähnlich inniges Verhältnis zu ihr, denn die Pfeife war nicht nur oft (und Gottseidank gut und englisch) geraucht worden, sie war auch viel in der Hand des Vorbesitzers, was man an der abgegriffenen Sandstrahlung der „Old Antiquari“-Castello gut sehen kann. Wabisabi pur! Und sie gefällt mir auch, denn sonst hätte ich sie mir gar nicht erst näher angesehen und sie in die Hand genommen. Gar nicht auszudenken, was ich verpasst hätte… Die Größenrelation wäre etwa eine Dunhill Group 3, also auch gerade meine bevorzugte Größe. Eigentlich schade, dass es so viele klassische Rhodesian Halfbents gibt und so wenige wie die meine. Vielleicht auch nur diese eine, wer weiß?




Über sandgestrahlte Pfeifen | Ein paar Gedanken

Glatt, sandgestrahlt, rustiziert – von der Spitzenqualität bis zur mühsamen Resteverwertung, so haben wir’s alle früher gelesen und gelernt, so wird’s uns heute noch in den allermeisten Fachgeschäften vermittelt. Eine Grundregel scheinbar. Preislich fest zementiert im Gefüge wenig individueller Massenproduktion. So, als ob ein Stück Holz, das irgendwelchen Kriterien nicht entsprechen kann, einfach nach unten durchgereicht wird in der Produktionshierarchie um dann als vermeintliches Aschenputtel in einem Lottoannahmentabakwarenhändlerswühlkorb neben lauter anderen rustizierten No-Name-Aschenputtels auf einen schnäppchenjagenden Traumprinzen zu warten. So ist es natürlich nicht. Nicht mehr. Immer weniger, seit die Hersteller von Tabakspfeifen in kleineren Manufakturen oder als individuell arbeitende Pfeifenmacher Alternativen zur Massenproduktion bieten, die das Erscheinungsbild der Pfeife bis in die 70er und 80er Jahre dominiert hat. Aus dieser Zeit stammt unsere „Grundregel“. Die Entwicklung der letzten ein bis  zwei Jahrzehnte relativiert sie, ja widerlegt sie sogar teilweise. Aber der Reihe nach.

Was ist eigentlich Sandstrahlen? Man bestrahlt einen fertig geformten Pfeifenkopf mit einem geeigneten Strahlgut und schafft so ein Relief, indem die weicheren Teile des Holzes weggestrahlt werden und die härteren stehenbleiben. Je nach Beschaffenheit des Holzes, des Strahlgutes, des Strahldrucks und der Größe der Düse entstehen verschiedenartige Reliefoberflächen. Das Ergebnis ist eine Folge der Kombination der genannten Parameter, wobei der Faktor Natur immer der letztendlich entscheidende bleibt. Die Fotos der gestrahlten Köpfe zeigen das deutlich, denn alle Köpfe sind mit demselben Korundsand, demselben Druck und derselben Düse gestrahlt worden. Trotzdem gibt es Köpfe, deren Refief sehr fein und detailliert ist, andere dagegen sind deutlich tiefer, dafür manchmal nicht ganz so detailliert, manchmal schon. Die Technik des Strahlens ist immer dieselbe gewesen. Und auch, wenn es ein paar Tricks gibt, hier auszugleichen, wird man der Natur letztlich ihren Charakter lassen. Im Idealfall in einem Rahmen, den ein bestimmter Strahlstil definiert. Dieser Strahlstil konveniert mit dem formalen Stil des Pfeifenmachers oder Herstellers. Soll heißen, Pfeifenformen mit vielen feinen Details wird man versuchen möglichst wenig tief zu strahlen um zu vermeiden, dass ein tiefes Relief die feine Form relativiert.

Wann wird ein Pfeifenkopf gestrahlt? Auf diese Frage gibt es einige sehr verschiedene und ebenso richtige Antworten. Eine feste Regel gibt es nicht. Zunächst sind das Holz, der Fertigungsprozess und die Form entscheidend. Das Holz, weil es eine gewisse Maserungsqualität haben sollte, die eine einigermaßen schöne Reliefzeichnung ergeben kann und gleichzeitig aber meist kleinere optische Makel wie Sandpits oder winzige Risse aufweist, die einer glatten Ausführung entgegenstehen. Kleinere Sandpits lassen sich ganz gut in dunklem glatten Kontrastfinish verstecken, kleinere Risse nicht. Größere Defekte werden gekittet. Was davon gestrahlt werden soll, muß der Hersteller entscheiden. Ein Pfeifenmacher, der in einem höheren Preissegment vermarktet, wird keine gekitteten Pfeifen verkaufen, ein Serienhersteller kann das problemlos machen. Ein Pfeifenmacher kauft bestes Holz, ein Serienhersteller kauft bestes Holz für seine Spitzenstücke und normales etwa für die sandgestrahlten Pfeifen. Beim Pfeifenmacher ist die Entscheidung, eine Pfeife zu strahlen, meist eine während des Fertigungsprozesses getroffene Entscheidung, beim Serienhersteller normalerweise eine bereits vor dem Fertigungsprozess getroffene. Damit keine Missverständnisse entstehen: es geht immer um Plateauholz! Für’s Rauchen macht das alles keinerlei Unterschied. Will man eine kanonisch strenge klassische Form machen, wird man sich schneller für eine Strahlung entscheiden als bei einer sehr freien, wo man immer mal noch versuchen kann, den Einschluß auszuschleifen. Vor allem, wenn man die Bohrungen nicht am Anfang gesetzt hat, sondern erst am Schluss des Formens bohrt. Ein Serienhersteller, der die Köpfe über Kopierfräsen macht oder so gemachte zukauft, wird diese Entscheidung sofort am Anfang des Fertigungprozesses treffen.

RinggrainWill ich nun einen Kopf strahlen und vorher wissen, ob das Ergebnis attraktiv sein könnte, dann muß ich mir die Maserung anschauen und zwar nicht in erster Linie die sich klar abzeichnenden Kontraste im Grain, also das, was man gemeinhin unter Maserungsqualität versteht, sondern die Jahresringe des Holzes, denn diese sind letztlich im Relief sichtbar. Die Jahresringe stehen in einem 90° Winkel zum Kontrastgrain. Das heißt, wo man etwa absolut strenges vertikales Straight Grain hat, wird man horizontales Ringgrain nach dem Strahlen erhalten. Ken Dederichs SandblastEine Faustregel lautet immer, dass gut gemasertes Holz auch eine gut gemaserte Pfeife ergibt, nicht nur glatt, sondern eben auch gestrahlt. Manchmal überspielen die Jahresringe sogar Zeichnungsverläufe, die flächiger werden, wie etwa das Flame Grain. Was bei einer glatten Oberfläche als optischer Nachteil gelten würde, kann nach dem Strahlen verschwunden sein, weil die Ringe gleichmäßig oder zumindest fast gleichmäßig weiterlaufen. In solchen Fällen würde man sich vielleicht auch ohne Sandpits oder Einschlüsse für eine sandgestrahlte Oberfläche entscheiden. Vor allem, weil gestrahltes fehlerfreies Holz fast immer eine Oberfläche schafft, die so gleichmäßig ist, dass man sie bei wenig tiefem Relief hell beizen kann.

Dunhill Shell LB 1923Erfunden hat das Sandstrahlen bekanntlich Alfred Dunhill in den Zehnerjahren des letzten Jahrhunderts. Inklusive „Begründungslegende“ wie dem verspäteten Boten für die Geburt der Spätlese im Rheingau und diverse Patente, die als Nummern auf die Pfeifen gestempelt wurden und heute Sammlerherzen höher schlagen lassen! Und das geheimnisumrankte Oil-Curing, das allein seligmachende  und ebenso unvergleichliche Latakia-Pfeifen gewährleisten konnte! Legenden! Was will man mehr? Der unverwechselbare Stil dieser Strahlung, also sehr tiefes Relief bei wenig detaillierter Holzzeichnung, war viele Jahre lang stilbildend. Hier im Foto eine Dunhill Shell Briar, Shape „LB“ (Large Billiard) von 1923. Schnell wird das Problem dieser tiefen Strahlung deutlich: die Shapequalität leidet unter dem tiefen Relief. Nicht selten wurde in den 20er Jahren deshalb die Shapenummer nicht mehr gestempelt, weil das eigentliche Shape nicht  mehr präzise getroffen war. Es brauchte offenbar etwas Zeit, die Technik vollkommen und zuverlässig zu beherrschen? Der Attraktivität tat das keinen Abbruch, denn die Reliefs waren einzigartig, solche Pfeifen üben bis heute eine große Faszination aus. Anfang der 50er Jahre folgte der nächste Streich: das Tanshell Finish, die erste Sandstrahlung, die hell gebeizt wurde. Hier ein Set von zwei Dunhill „LBs“ von 1953, eine Shell Briar, die andere Tanshell.Dunhill Set LB 1954

Foundation SandDiesen alten Dunhill-Stil findet man heutzutage sehr selten und wenn, dann eher zufällig, wie etwa bei dieser Canadian aus einer Werkstatt in Rom. Das rötlich braune Finish mit seiner leichten „Höhung“ des Reliefs mit Hilfe der Polierscheibe trifft das recht gut. Bei dieser Pfeife funktioniert das sehr gut, denn das Shape ist gut definiert und wird trotz der tiefen Strahlung nicht verrissen. Die Pfeife ist klein und grazil und geht mit der Kraft dieser tiefen Strahlung eine ganz gute und interessante Symbiose ein, die das Erscheinungsbild kraftvoll bereichert. Aber wie gesagt, solche Strahlungen sind eher „Zufallstreffer“, die hin und wieder vorkommen, aber nicht zu 100% reproduzierbar wären. Der aktuelle Dunhill-Stil ist von seiner gloriosen Vergangenheit aber sehr sehr weit entfernt. Leider. Nicht, dass mir diese aktuellen Pfeifen nicht gefallen würden, aber es fehlt ihnen das Einzigartige, das, was Dunhill mit seiner ursprünglichen Strahlung so verdammt gut gemacht hat… Und das so viele alte englische Pfeifenhersteller nie nachmachen konnten!

Heute prägen eher Pfeifenmacher stilistisch die Welt der Sandstrahlungen: die einen, weil sie neue Techniken erfunden haben wie der Amerikaner J.T.Cooke, der die Mikrostrahlung begründet hat, die anderen, wie etwa Paolo Becker, der mit dem Erdbeerbaumholz, einem dem Bruyere zum Verwechseln ähnlichen Holz, einen neuen Werkstoff gefunden hat, der spektakuläre Sandstrahlungen ermöglicht. Beides ist allerdings für die Serienproduktion uninteressant, ersteres, weil der Zeitaufwand viel zu hoch wäre, zweiteres, weil das Material nicht in entsprechender Quantität verfügbar ist.

Cooke MicrostrahlungDie Pfeifen von J.T.Cooke haben einen unglaublich hohen Wiedererkennungswert, weil seine Mikrostrahlung trotz inzwischen verschiedener Kopien ziemlich einzigartig ist. Das Prinzip ist dabei allerdings ein eher künstliches, das die Natur zwar nicht übertüncht, aber in gewisser Weise übertölpelt: gestrahlt wir hier mit einer sehr kleinen Pistole und einer winzigen Düse, vergleichbar mit der Airbrush-Technik. So wird die Oberfläche mit einem sehr kleinen punktuellen Strahl in mühsamer Handarbeit „strahlend“ rustiziert. Man folgt der Maserung des Holzes, aber man nivelliert so die natürlichen Unterschiede in der Härte des Holzes. Das Relief ist immer gleichmäßig tief, weil dieses Relief punktuell hergestellt wird und somit die Hand alle Unregelmäßigkeiten der Natur beseitig. Das Ergebnis ist absolut faszinierend. Nur wenn man zehn Stück nebeneinander sieht, verliert diese Technik doch sehr an Reiz, weil die Pfeifen viel zu uniform und regelrecht künstlich wirken. Streng genommen handelt es sich um eine Rustizierung mit einer winzigen Strahleinheit, die der Natur Nachhilfe erteilt…

Etwas anders sieht es beim Erdbeerbaumholz aus: dieses ist ganz eng mit dem Bruyère verwandt und lässt sich nur sehr schwer von diesem unterscheiden. Es ist ein Holz, das eine relativ dezente Kontrast-Maserung aufweist und anfälliger als Bruyère für Einschlüsse und Sandpits ist. Dabei eignet es sich hervorragend zum Strahlen, wenn man akzeptiert, dass die Maserungsverläufe der Jahresringe hin und wieder seltsam verwirbeln. Hier ist es deutlich ungleichmäßiger als Bruyère und hat fast etwas „Wildes“ an sich. Man muß aber schon wissen, wie man strahlt, will man aus diesem Holz das Einzigartige herausholen. Für flache Strahlungen ist es weniger geeignet als für tiefe, nur liefert es gleichzeitig und regelmäßig auch sehr detailreiche Oberflächen, was in einer solchen Kombination bei Bruyère nicht so selbstverständlich ist.Becker Ballerina Corbezzolo Hier im Bild eine Ballerina aus Corbezzolo/Erdbeerbaumholz von Paolo Becker im Detail. An diesen manchmal recht ausgeprägten tiefen Wirbeln und Wellen sieht man die Natur und stellt sie heraus. Ich finde sowas sehr reizvoll, aber es gibt viele, die gerade solche ungleichmäßigen Unabwägbarkeiten meiden. Geschmacklich ist dieses Holz wie auch in seiner Hitzeresistenz nicht im Geringsten von Bruyère zu unterscheiden. Dieses Holz zu verbauen lohnt nur, wenn man richtig gut strahlen kann, dann zeigt es seine Stärken, ansonsten ist „richtiges“ Bruyère vorzuziehen.

S.Bang SandDie nächste Frage, die sich stellt, nachdem der Kopf nun gestrahlt ist, das ist die nach den Finishes: So, wie es bei glatten Pfeifen verschiedenste Möglichkeiten von Färbungen und Versiegelungen gibt, so ist das auch bei Reliefoberflächen der Fall. Vor allem die Frage der Versiegelung ist hier von großer Bedeutung. Während bei glatten Oberflächen überschüssige Farbe schnell und problemlos wegpoliert ist, so gestaltet sich das in all den kleinen und kleinsten Rillen und Birdseye-Löchlein gar nicht so einfach, sodass die Farbe gebunden bzw. fixiert werden muss, wenn man vermeiden will, dass der Raucher dunkle Hände bekommt. Dazu gibt es verschiedenste Lacke, die sehr unterschiedliche Wirkungen haben, je nach Typ und Verdünnung. Von matt über seidenmatten Glanz bis zu Hochglanz reicht das Spektrum, die stilistischen Konzepte sind sehr unterschiedlich. Die einen bevorzugen nur sehr dezent glänzende Oberflächen, andere, wie etwa Bang, extremen Hochglanz, der auch nach Jahren des Gebrauchs immer noch wie am ersten Tag „steht“. Siehe Foto rechts. Highlight SandblastDie einen mögen scharfe präzise Ecken und Kanten, die anderen mit der Polierscheibe „gehöhte“ Spitzen und Grate, die quasi abgerundet werden und einen farblichen Kontrast hinterlassen. Ähnliche Effekte lassen sich auch durch sehr dünnen, schnellen und quasi lasierenden, leicht transparenten Farbauftrag erreichen. In diesem Fall bleibt das präzise Relief erhalten. Andere wiederum wollen den Kontrast des Holzes zeigen und strahlen zwischen verschiedenen Färbeschritten das Holz mehrmals nur sehr dezent. Das Ergebnis eines solchen Prozesses, der aber viel Erfahrung beim Strahlen erfordert, sind mehrfarbige Reliefflächen. Möglichkeiten gibt es gar viele, viele sind interessant, manche unterstützen die Wirkung der Pfeife, manche sind Effekthascherei. Letztlich muß da jeder für sich entscheiden, wo die Grenzen zu ziehen sind. Mir persönlich sind klassische Sandstrahlungen mit einem „natürlichen“ Relief am liebsten und zwar am besten noch, wenn sie präzise sind und farblich eher monochron gehalten sind. Denn, wenn die Oberfläche durch ein ausgeprägtes Relief ohnehin schon unruhig wirkt, würden große farbliche Kontraste diese Unruhe noch verstärken. Bei sehr klaren Shapes geht das vielleicht noch gut, bei feinen komplizierten mit leichten Graten und Kanten etc. ist das in meinen Augen kontraproduktiv.

Was nun wiederum allen Pfeifen mit einem Relief als Oberfläche gemeinsam ist, das ist die Frage nach der optimalen Pflege. Das Relief ist der natürliche Feind der Polierscheibe mit ihren verschieden abrasiven Polierpasten – was bei glatten Pfeifen Wunder wirken kann, gerät beim Relief schnell mal zu einem veritablen Desaster, wenn man etwa gezwungen ist, weiche Polierpasten aus den Rillen und Löchlein zu pfriemeln, nur weil man zu spät mit dem Denken angefangen hat… BürstenAuf Polierpasten kann man hier generell verzichten, reines Carnaubawachs ist das Mittel der Wahl und wenn man mehr will als nur einen schnellen oberflächlichen Glanz, dann trägt man es nicht wie bei glatten Pfeifen mit einer weichen Plüschmulle auf, sondern nimmt eine Rundbürste mit Wildschweinborsten. Die Borsten erreichen problemlos die Rillen und Vertiefungen des Reliefs, können so am Ende des Herstellungsprozesses etwa überschüssige Farbe wegnehmen, das Wachs bindet Farbe und genauso reinigt es die Rillen, befreit sie beim Aufarbeiten von Staub und Rußresten und liefert so einen gleichmäßigen schönen Glanz. Die Prozedur ist allerdings im Vergleich zur Behandlung glatter Pfeifen mit der Polierscheibe deutlich komplizierter und zeitaufwändiger, weil man das Relief von allen Seiten reinigen und Wachs aufbringen muß, das heißt die komplette Pfeife wird im Prinzip mehrere Male hintereinander gebürstet nur immer aus anderen Winkeln. Braucht ein bisschen Erfahrung, funktioniert aber perfekt! Handbürsten sind ein Ersatz, aber beileibe kein gleichwertiger oder befriedigender.

So, das waren jetzt einfach mal ein paar Gedanken zum Sandstrahlen, ohne dass das Thema annähernd erschöpfend behandelt worden wäre. Vielleicht folgt noch irgendwann einmal ein Teil 2 mit anderen Hölzern und verschiedenen Strahlstilen etc…. Für heute wünsche ich allen Lesern ein gutes neues Jahr 2017, ohne Angst, voll Zuversicht und guten Mutes – möge das Pfeiferauchen ein imaginärer Rückzugsort bleiben, bei dem man Nachdenken, zur Ruhe kommen und die Kraft schöpfen kann, die es braucht, um den vermutlich großen Herausforderungen und Unabwägbarkeiten des neuen Jahres gut gewappnet zu begegnen!

Ihnen/Euch Alles Gute!