Samuel Gawith | CF Flake – Wo bitte ist die Schokolade?

Samuel Gawith CF FlakeWie unsere stets bestens informierten Leser wissen, ist es laut Gesetz nicht mehr erlaubt gesundheitsschädlichen Tabak namentlich mit Lebensmitteln in Verbindung zu bringen. So kann man zum Beispiel einen Pfeifentabak nicht mehr „Schweineschmalz-Zucker Flake“ nennen, weil der Verbraucher dadurch suggeriert bekäme, dass es sich nicht um eine giftige Substanz, sondern um so etwas gesundes, wie Schweineschmalz oder Zucker, handeln könnte. Deshalb heisst Rum&Maple jetzt R&M, der Honey-Dew Flake jetzt Golden Flake. Ob jetzt mehr Menschen durch Pfeifenrauch, oder durch Rum, Gold oder Zucker gestorben sind, weiss ich nicht; auch nicht, wie ein Tabak mit Schweineschmalz-Casing schmeckt oder ob es gesünder ist dieses zu essen, denn zu rauchen, entzieht sich meiner Kenntnis.
Tatsache ist, dass der Samuel Gawith Chocolate Flake, jetzt CF Flake heisst.
Warum Chocolate mit „CF“ abgekürzt wird und man den Tabak nicht „C Flake“ nennt, ist ein weiteres Mysterium.
Ich habe durch den HU Tobacco „Raiko InBeTween“ meine Leidenschaft für Schokoladen-Tabak für mich entdeckt. Vielleicht erinnert sich der eine oder andere Leser noch an mein hymnenhaftes Review? Wenn nicht, hier ist der Link.
Da wir ja gerade versuchen sämtliche Samuel Gawith Tabake zu besprechen, fiel meine Wahl deshalb auf ein „Stückerl Schoklad“ (süddeutsch für „eine Rippe Schokolade“)

Samuel Gawith CF FlakeJens Meyer von Pfeifen Huber, bei dem ich die Dose CF Flake erwerben wollte, stellte meine Wahl mit heftigen Worten in Frage und wollte ihn mir gar nicht erst aushändigen. Roland schüttelte den Kopf wie ein Metaller auf Wacken. Mein geschätzter Blog-Kollege Peter Hemmer, meinte hingegen, das sei durchaus ein schöner, schokoladiger Tabak, den man sehr wohl gut rauchen könne. Bevor es zu Handgreiflichkeiten kommen konnte, hatte ich die Dose aufgehebelt und damit Tatsachen geschaffen. Nach einem deftigen Weisswurstfrühstück hatte einfach Lust auf Schokolade.
Deckel auf, Papier zur Seite gebogen, Rüssel reingehalten und tief inhaliert …
Eine atemlose Stille senkte sich über das altehrwürdige Ladengeschäft in der Münchner Innenstadt. Draussen im Tal hörten die fön-gestressten Porschefahrer auf ihre Cayenne-Hupen zu malträtieren, die japanischen Touristen senkten andächtig die Kameras und die sonnenbebrillten Damen schlossen ihre Schlauchbootlippen und sahen von ihrem Soja-Latte auf … Ich dagegen schnüffelte, wie ein hyperaktives Trüffelschwein in der eckigen Metalldose herum.
„Und?“, hielt es Bodo nicht mehr aus und sah mich fragend an?
„I woas ned“, antwortete ich unsicher.
„Lass amal riecha“, schwupp war die Dose meinen Händen entrissen und wurde ungeduldig unter sämtliche Nasen des Münchner Pfeifenclubs gehalten.
Betretenes Schweigen, Kopfschütteln, Ratlosigkeit.
Durch die geöffnete Tür hörte man einen Polizeibeamten, der die Passanten zum Weitergehen aufforderte. „Gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu riechen …“

„Nix!“ kein noch so kleines Schokoladenaroma Molekül war im Raum. Ein regelrechtes Schokoladen-Vakuum hatte sich in der Landeshauptstadt gebildet.
Dann von einer Sekunde zur anderen, ging man wieder zur Tagesordnung über, es wurde geschwatzt, getrunken, geraucht und auch wieder gehupt. Ich war froh mit meiner Tabakdose nicht mehr ganz so im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen und stopfte den CF Flake in meine Peterson Spigot.

Samuel Gawith CF FlakeDer Flake ist ordentlich geschnitten, dünne bestens konditionierte Scheiben von einer satten braunen Farbe, helle und dunkle Streifen durchziehen diesen Flake, der aus Virginia und Burley besteht. Das Tabakbild ist außerordentlich appetitlich anzusehen. Ich knicke und falte den Flake und stopfe ihn in die Pfeife. Leider hat niemand ein goldenes Dupont zur Hand, ein silbernes Unique tut es aber zur Not auch. Der Tabak brennt sofort, ich lasse ihn nach ein paar Zügen ausgehen, stopfe nach und zünde ihn erneut an. Danach ist kein weiteres Nachfeuern nötig. Der Tabak brennt sehr gut und gleichmäßig und schmeckt nach Virginia und Burley.
Nach Virginia und Burley … und? …und noch? … sonst nach nichts, gar nichts!

Der Tabakblender hat anscheinend in einer Art vorauseilendem Gehorsam die Schokolade nicht nur aus dem Namen entfernt.

Die Münchner Stehrunde schnüffelt ein wenig an meinem Rauch herum und wendet sich desinteressiert ab. Herr Falkenried empfiehlt mir noch einen kleinen Schokoladenladen eine Strasse weiter, für den Fall, dass ich immer noch Lust auf eine Stück Schokolade hätte. Auf dem Weg zum Pfeifenclub gehe ich tatsächlich dort noch schnell vorbei und kaufe eine handgefertigte Tafel 85%iger Bocatorena aus Panama, welche fast so teuer ist wie der Tabak.

Der CF Flake wird im Club dann noch von einigen weiteren Herren geraucht, aber niemand kann auch nur homöopathische Dosen von Schokolade erschmecken, oder erriechen. Ich verteile daraufhin ein paar Stücke meiner Bocatorena und empfehle sie während des Rauchgenusses an den Gaumen zu kleben. Das funktioniert, ist aber bescheuert und nicht Sinn der Sache.

Der Tabak an sich schmeckt ganz okay, ohne Höhen und Tiefen, es ist einfach ein x-beliebiger Flake, der niemanden vom Hocker hauen wird und kann auch von Allergikern geraucht werden, er enthält nicht einmal kleinste Spuren von Kakao.

 

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Ein Tabak aus dem Freistaat: Kurt Eisner Blend

„REVOLUTIONÄRER“ TABAK

Für einen besonderen Tabak bedarf es eines besonderen Anlaßes und den gibt es: die Gründung des Freistaates Bayern durch den ersten bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner, die soeben ihre 100 jährige Wiederkehr feiert und Eisners barbarische öffentliche Ermordung am 21. Februar 1919. Pfeifenblog.de, die Münchner Pfeifen- und Tabakinstitution Pfeifen Huber und Tabakblender Hans Wiedemann von HU-Tobacco haben zusammen einen Tabak kreiert, der nicht nur durch sein außergewöhnliches Gestaltungskonzept Akzente setzt. Der Blend, eine ready rubbed-Flake Virginiamischung der Spitzenklasse ist erhältlich in einer 50g Runddose exklusiv bei Pfeifen Huber und gehört dort ab sofort zum Standardangebot.

Geniessen Sie vorab das Tabak Review, dazu ein wenig Zeitgeschichte und verstehen Sie, warum ein neuzeitlicher Münchner Blog, ein tradionsreiches, 1863 gegründetes Münchner Familienunternehmen, dem unverändert ein Georg Huber vorsteht – immerhin der IV. Namensträger – und ein renommierter Tabakblender aus dem bayerischen Schwaben sich mit viel Freude und Enthusiasmus gemeinsam eine solche Tabakschöpfung vorgenommen haben.

KURT EISNER BLEND – REVIEW

Peter Hemmer

Ein „revolutionärer“ Tabak? Das ist auf den ersten Blick eine Frage der Perspektive. Etwa so: 75% Louisiana Perique, 15% Dark Fired Kentucky mit Moschus- und Wasserliliencasing und 10% Babylonischer Latakia  (exakt 2338,0815 Jahre gereift, sonst schmeckt’s nämlich eh ned, die streng limitierte Grabbeigabe). Das wäre ein revolutionärer Tabak! Bei uns liegt das Revolutionäre eher im Anlass, dem wir mit dem Tabak ein klein wenig Reverenz erweisen wollen, als im Stil des Tabaks!

Der Tabak sollte also einer sein, der auf der einen Seite nicht alltäglich und auf der anderen trotzdem in gewisser Weise mehrheitstauglich ist. Das erfordert erstmal Verzicht auf Aromatisierungen und auf Latakia. Und volle Konzentration auf die Qualität, aber das kann der Hans ja eh… Herausgekommen ist eine Mischung, die im Wesentlichen aus unterschiedlich aufbereiteten Virginias verschiedenener Provenienzen besteht, denen wiederum ein paar Burleys beigegeben sind. Das Ganze gepresst und Ready Rubbed aufbereitet.

Die Mischung ist im Schnitt und auch farblich sehr homogen, sie lebt viel mehr von der Kombination des stilistisch Ähnlichen als vom Zusammenfügen großer geschmacklicher Kontraste. Auch wenn wir hier in der Überschrift vom revolutionären Tabak geschrieben haben: der Eisner Tabak ist eine ruhige Mischung mit großem Understatement und großer Überzeugungskraft, aber er ist kein Galaparadefeuerwerk. Eher wie ein verdammt gut gebackenes Brot, als wie ein ondoliertes Praliné.

Apropos Brot: da wären wir schon beim Geruch des Tabaks angekommen! Es sind diese süß-erdigen Malznoten, verbunden mit dunkler Brotkruste, die den Eisner Tabak im Geruch prägen. Vielleicht mit ein paar nussigen Zartbitterschokoladenuancen angereichert, aber nur sehr, sehr dezent. Die Burleys stehen nicht im Vordergrund. Im Geruch noch weniger als im Geschmack.

Dass sich der Tabak bei einem solchen Tabakbild perfekt stopfen, anzünden und bis zum Ende der Füllung durchrauchen lässt, versteht sich von selbst, zumal seine Feuchtigkeit meiner Meinung nach optimal ist. Diese so absolut unkomplizierten Raucheigenschaften machen den Eisner Tabak nicht nur zu einem sehr angenehmen Alldays-Tabak, sie empfehlen ihn auch für Anfänger, die in die „naturbelassene“ Richtung einsteigen wollen und ein intensives Geschmackserlebnis suchen, ohne gleich überfordert zu sein! Die Mischung ist kein Bruder Leichtfuß, aber ganz weit entfernt davon, den Raucher hinsichtlich Stärke und Nikotin wirklich zu fordern.

Geschmacklich steht der Tabak anfangs, nach dem Entzünden, klar auf der Seite der Virginias: malzig süß, eher breit und cremig kommt der Eisner Tabak daher. Dazu die leicht herbe Süsse getrockneter Feigen und eine gewisse Erdigkeit, die den Tabak ungemein würzig macht. Das ist das Spannungsverhältnis, von dem die Mischung von Anfang an lebt und das im Laufe des Abbrands immer mehr um die schönen Burley-Noten ergänzt wird. Es gesellen sich leichte Nussaromen und eine ganz dezente Schokoladigkeit hinzu, deutlich wahrnehmbar, aber nicht vordergründig, eher leise als laut. Wie ein sympathischer älterer Herr, der sich im vollen Wirtshaus mit zu uns an den Tisch setzen darf… Und so sitzt man dann ganz gemütlich zusammen bis die Füllung aufgeraucht ist. Unaufgeregt, unspektakulär – aber klar und unvergleichlich schön und gemütlich.

Stilistisch – nicht geschmacklich – erinnert mich der Eisner Tabak an die Elizabethan Mixture von Dunhill, nur dass da natürlich kein Perique mit den Virginias gepaart ist, sondern Burleys. Ein Tabak, der sich übrigens sehr gut zum Einlagern eignen dürfte…

 

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Eisner, die Dose und das Portrait

Alexander Broy

Eisner bei Pfeifen Huber im TalDa steht er nun endlich, der Eisner Kurt, im Tal 22 in München in Öl gemalt in einem ganz schlichten, einfachen Fichtenrahmen, so hätte es ihm gefallen, da bin ich mir sicher.

Die Ehre von einem der großen Münchner Malerfürsten portraitiert zu werden, war Eisner nicht vergönnt. Dazu war sein Leuchten in München zu kurz und fand zudem in Zeiten statt, in denen Lenbach schon tot und die anderen ganz andere Sorgen hatten, als den „schwindligen“ sozialistischen Revolutionär zu porträtieren. Vermutlich hätte Eisner selber in den Wirren seiner Regierungszeit überhaupt keine Zeit gefunden, sich malen zu lassen.

Es gibt von ihm gerade mal drei nicht völlig unscharfe schwarz weiss Fotos, das war es auch schon. Der alte Hanfstaengl, der mit Abstand bedeutendste Münchner Verleger und Kunsthändler, hätte sich vermutlich lieber den rechten Arm amputieren lassen, als Postkarten von diesem „Kommunisten“ heraus zu bringen – obwohl er diesen Arm ein paar Jahre später beim enthusiastischen Feiern seines geliebten Freundes und Führers – schmerzlich vermisst hätte.

Kurt Eisner - Alexander BroyIch hingegen hatte die Zeit und die Muße und habe ihn aus einer Laune heraus flott und flüchtig auf einem kleinen 40 x 40 Zentimeter großen Stück Leinwand gemalt. Als Vorlage diente mir ein Foto aus der Wikipedia. Was heißt Laune: Auf Bodos Empfehlung hin, habe ich Eisner per Bayrischer Rundfunk WhatsApp abonniert und hänge seit dem wie ein Teenager an meinem Handy, immer wieder lese ich was in seinem bewegten Leben vor genau 100 Jahre geschah, das inspirierte mich.

Ihm, dem einzig wahren, ersten und allerbesten Ministerpräsident aller Zeiten – und ich kann das beurteilen, der aktuelle MiPrä wohnt hier ein paar Strassen weiter in Nürnberg-Mögeldorf – wollte ich ein kleines, bescheidenes Andenken setzen und so fragte ich meine Mit-Blogwarte, Bodo und Peter, Hans Wiedemann von HU-Tobacco, Kohlhase und Kopp sowie nicht zuletzt Pfeifen-Huber, ob sie nicht mitarbeiten wollten. Sie mussten nicht lange überredet werden, die Begeisterung für einen Eisner-Tabak war sofort geweckt.

Einen häßlichen Todeswarnhinweis unter sein Portrait zu kleben, wäre natürlich pietätlos gewesen, denn er ist ja schliesslich nicht am Tabakkonsum, sondern durch die Hand eines rechtsextremen Eiferers gestorben. „Nationalismus kann töten“ oder „Ein Menschenfreund zu sein, schadet ihrer Gesundheit“ wäre als Gefahrenhinweis juristisch nicht erlaubt gewesen, deshalb entschieden wir uns für ein schlichtes Etikett und dafür, in jede Dose hinein einen Aufkleber mit seinem Portrait zu legen.

Zum Schluß meines Teiles, gebe ich dem geneigten Leser hier noch eine kleine Bastelanleitung an die Hand und gestatte mir den Hinweis, dass das Original Eisner-Portrait bei Pfeifen Huber zu erwerben ist, und ich gerade an einer großen Version des Bildes für mein Herrenzimmer arbeite, welches ich gegen ein großzügiges Gebot zur Not auch hergeben würde.

Und damit übergebe ich – den wunderbar weichen und geschmeidigen Eisner-Tabak im Pfeiferl rauchend – an meinen Freund Bodo Falkenried, der über die geschichtlichen Hintergründe der Revolution berichten wird.


ES IST REVOLUTION

Bodo Falkenried

Wir stehen in der aufwühlenden, katastrophalen Zeit am Ende des Ersten Weltkriegs. Es ist Revolution in Deutschland! Die untauglichen Monarchien – davon gibt es noch 22 in Deutschland, dazu die Wilhelminische Reichsmonarchie des Kaisers und vor allem aber die versagende Oberste Heeresleitung allen voran ihre Protagonisten Ludendorff und Hindenburg, die das sich ankündigende völlige Scheitern ihrer Militärstrategie vor Kaiser, Regierung und Volk verheimlichen und durch blindwütigen, wirkungslosen Aktionismus schließlich herbeiführen –  und damit letztendlich der Bismarck`sche Obrigkeitsstaat, stehen am Abgrund. Die bedeutsame Berliner Revolution vom 09. November 1918 ist unklar, verschwommen geworden und arbeitet sich mit politischer Ideologie zu Grunde. Nicht die Umstürzler sind die wahren Totengräber der Monarchie, sondern das Triumvirat aus Wilhelm II., Reichskanzler Max von Baden und dem Sozialdemokraten Friedrich Ebert, die zu diesem Zeitpunkt (Oktober 1918) die Reichsmonarchie aus unterschiedlichen Gründen unbedingt erhalten wollen: Kaiser und Kaiserin bewegen sich in einer starrköpfigen, überlebten Weltanschauung, selbstsüchtig und in völliger Verkennung der neuen Machtverhältnisse, (Endzeit-) Kanzler Prinz Max verfolgt eigene, sehr persönliche Nachfolgeziele als Monarch und Friedrich Ebert schliesslich will seine Sozialdemokratie als agierender Partner einer neuen parlamentarischen Monarchie etablieren, um die innenpolitische Stabilität im Reich zu garantieren und einen totalen Umsturz der gesellschaftlichen Verhältnisse, wie sie die russische Revolution gebracht hat, zu verhindern.

Woodrow Wilson 1856-1924 – 28. US Präsident 1913-1921

Hinzukommen die drängenden Forderungen des amerikanischen Präsidenten Wilson, der unnachgiebig zugesichert haben will, dass die Allierten nicht mit einer autokratischen, sondern mit einer demokratisch legitimitierten Regierung verhandeln können, was letztlich nichts anders als die Abschaffung der Monarchie bedeutet. Dieses fast unlösbare Spannungsfeld, in dem sich die Reichsregierung in Berlin befindet und das durch die verschiedenen Interessenlagen der Beteiligten ein fast täglich zu änderndes taktisches Vorgehen erfordert, ist das reale Hindernis, um die November Revolution tatsächlich in eine gelebte, der Bevölkerung und dem Staat nützende Demokratie zu bringen. Die ursprünglichen diplomatischen Versuche, mit den Allierten zu einem Waffenstillstand oder gar zu einem Verständigungsfrieden zu gelangen, scheitern sämtlich. Dennoch ist es nicht nur Wilson, der beharrlich gegen eine wilhelminische Monarchie Stellung bezieht, zwischenzeitlich nehmen auch die wirtschaftlichen, geistigen und kulturellen Eliten eine gegen Wilhelm II. gerichtete Position ein, was dieser bis zur Absurdität lange verkennt. Das Ende ist bekannt. Sich selbst durch oftmals wirres Taktieren und durch ein bei beiden aus unterschiedlichen Motiven rückwärtig orientiertes Kalkül von Kaiser und Reichskanzler außer Kraft gesetzt, ermöglichen sie ungewollt die dringend notwendige Abschaffung der Monarchie und die Einführung einer gewählten, parlamentarischen Staatsform, die als Weimarer Republik bis 1933 bestehen wird. Das dies aber letzlich – wenn auch unter härtesten Anstrengungen – gelingt, müssen wir in der Tat der späteren Reichsregierung unter ihrem Reichspräsidenten Ebert und der Reichsregierung mit Politikern wie u.a. Philipp Scheidemann und Gustav Stresemann zurechnen.

AUCH IN MÜNCHEN – ABER ANDERS

Gänzlich anders in der bayerischen Hauptstadt München. Rücksicht auf internationale Verhältnisse muß Bayern nicht nehmen, auch gibt es so gut wie keinen Einfluß von außerhalb der Grenzen des Freistaates, wenn man von denen aus Berlin absieht. Ein viel radikalerer Stilwechsel in der Politik wird mit einer durchdringenden kulturellen Ansprache an das Volk und durch publizierte, transparente Angebote für die Mitwirkung an der Zukunft vollzogen. So gelingt es dem Intellektuellen Eisner, wichtige und einflußreiche Verbandspolitiker wie die Brüder Ludwig und Karl Gandorfer vom Bayerischen Bauernverbund, für eine tätige Mitwirkung an der Revolution zu gewinnen. Über die neue, freiheitlich-demokratische Idee sich zusammenfindende Schriftsteller wie Oskar Maria Graf, Rainer Maria Rilke, Heinrich Mann, Ernst Toller, Erich Mühsam und Gustav Landauer, um nur einige zu nennen, bringen sich ebenfalls in den Umbruch ein. So kann in Bayern sehr viel fantasievoller und engagierter als in Berlin über ein neues politisches System nachgedacht werden, an dem die unterschiedlichen politischen Strömungen und die Bevölkerung tragende Positionen einnehmen. Durch die unablässigen öffentlichen Debatten vermuten die Veränderungswilligen für die Neuerungen auch eine größere Aufgeschlossenheit in weiten Teilen der Bevölkerung. Allerdings dauert es nach dem Tod Eisners noch weitere 4 Monate, bis es über die vierwöchige Verirrung in eine „Räterepublik“ im August 1919 gelingt, eine handlungsfähige Regierung aus Vertretern der Bayerischen Volkspartei und den Sozialdemokraten zu bilden. 

Kurt Eisner also. Der Revolutionär. Der Sozialdemokrat. Der Intellektuelle. Eisner gilt als Gründer des Freistaats Bayern, war von November 2018 bis zu seiner Ermordung am 21. Februar 1919 der erste gewählte bayerische Ministerpräsident. Sein ausgeprägtes Streben nach Veränderungen in Politik und Gesellschaft zeigt mit bis heute geltenden Verordnungen Erfolg, darunter der Acht-Stunden-Tag für Arbeitnehmer und die gesetzliche Kündigungsfrist, das Frauenwahlrecht, eine staatliche Erwerbslosenfürsorge und die Säkularisierung der Schulen.

Eisner, der studierte Philosoph, der Pazifist, steht für eine gewaltfreie Gesellschaft. Sein Ziel ist es, die bayerische parlamentarische Monarchie durch eine demokratische Rätevertretung zu ersetzen, die aber auch gar nichts mit Bolschewismus oder Kommunismus zu tun hat und Regierung und Landtag lediglich beraten soll. Das unterscheidet sich deutlich von den Zielen der von April bis Mai 1919 kurzfristig agierenden „Räterepublik“. Letzlich aber schaffen Bayerns starke Reaktionäre den Antrieb für seine Ermordung durch den Rechtsradikalen Anton Graf von Arco auf Valley am 21. Februar 1919.

Der Freistaat Bayern gedenkt Kurt Eisner durch zahlreiche Ausstellungen und Veranstaltungen. Besonders zu erwähnen ist das Messenger-Projekt des Bayerischen Rundfunks „Ich, Eisner“, in dem Kurt Eisner selbst durch tägliche Berichterstattung einen faszinierenden Einblick in die damaligen Vorgänge und Abläufe gibt.

„Ich, Eisner!“ erzählt die packende Geschichte der Revolution in Bayern von 1918 – in Echtzeit. Über WhatsApp oder Instagram berichtet Kurt Eisner, der Anführer der Revolution und erster Bayerischer Ministerpräsident, was vor genau 100 Jahren in München passiert ist.

München, November 2018: das dreiköpfige Autorenteam von Pfeifenblog.de hat die Idee, begeistert aufgegriffen von Pfeifen Huber. Hinzu kommt Hans Wiedemann von HU-Tobacco als ideenreicher Tabakblender und das Projekt nimmt seinen Lauf: der Kurt Eisner Blend, als Referenz an eine zeitgeschichtliche Epoche, deren Nachweise vor allem in München noch allgegenwärtig sind.


  • weiterführende Buchempfehlungen

Lothar Machtan – Kaisersturz, Endzeitkanzler
Volker Weidermann – Träumer, Ostende




Soraya | Ihre kaiserliche Hoheit von HU Tobacco

Zunächst einmal muss ich mich für das lächerlich magere Fotomaterial bei Ihnen entschuldigen. Ausgerechnet, derjenige, der ständig die Tabaksdose als den heiligen Gral der Rauchwarenverpackung predigt, rezensiert die neueste HU Tobacco Kreation in einem Plastiksackerl. Dieser Umstand ist schlicht und ergreifend der Tatsache geschuldet, dass ich diesmal nicht für das Dosendesign verantwortlich war und sich deshalb, weder Foto noch Dose in meinem Besitz befinden. Hans Wiedemann von HU hat mir den Soraya zum Probieren in diesem kleinen Plastiktüterl zugeschickt.

Das wird „ihrer kaiserlichen Hoheit, Soraya“ natürlich überhaupt nicht gerecht, vielmehr sollte der Tabak vielleicht in einem Fabergé Ei oder einem goldverzierten Ebenholzschachterl aufbewahrt werden, denn so viel möchte ich schon verraten, beim Soraya handelt es sich um eine wunderbar anmutige Orientalin.

Kaiserin Soraya Esfandiary Bakhtiary Bild: Wikipedia

Ich wollte den letzten Satz bewusst zweideutig halten, denn der Name dieses Tabaks könnte treffender nicht gewählt sein. Diejenigen, die sich noch an die Regenbogenpresse der 1950er bis 70er erinnern, sind mit dem Namen Soraya Esfandiary Bakhtiary vertraut. Soraya war die geheimnisvolle „deutsche“ Kaiserin auf dem persischen Thron. Naja, sie war nur halb Deutsche und halb Perserin und die erste Frau des letzten persischen Schahs (ja, genau der mit den Jubelpersern). Weil die Ehe kinderlos blieb, wurden sie jedoch geschieden und Soraya, die orientalische Schönheit, verbrachte ihre weiteren Jahre in der europäischen Jetset und war ein ständiger Gast in den Gazetten. Keine Ausgabe des Goldenen Blatts, der Bunte und Freizeit Revue ohne Fotos und Lügenmärchen journalistische Artikel über ihr glamouröses Leben an der Seite von Playboys Herren, wie Maximilian Schell und Gunther Sachs.

Und jetzt ist ihr eine sanfte und samtige Orient-Mischungen gewidmet (das ist eine absolut haltlose und dreiste Behauptung), die mir sehr gut gefällt und ich hatte ich schon einige Male das Glück den einen oder anderen Tabak aus Bodos Orientsammlung zu verkosten.

Obwohl der Tabak wenn überhaupt, nur homöopathische Mengen Latakia enthält, rauche ich ihn am liebsten aus einer Latakia-Pfeife ohne Filter. (Vielleicht deshalb, weil eine Spur Latakia im gut getan hätte?) Eine schöne, dunkle und geräumige Peter Hemmer Pfeife passt am besten zu dieser sanften Orientalin. Feingeschnittenes helles, gelbliches Tabakbild mit vereinzelten schwarzen Sprengseln. Mir ist nicht bekannt, welche Tabake im einzelnen in die Komposition eingeflossenstreuselt wurden, jedenfalls harmonieren sie perfekt. Hans Wiedemann hat diese Kreation mit Mitgliedern des Forums Pipe Dreams geschaffen. Drei verschiedene Orienttabake, etwas Virgina, Perique, Burley und einen Spur Black Cavendish sollen sich in der feinen Mischung befinden, heisst es, aber wir alle wissen: der gute Hans lässt sich nie ganz in die Karten blicken.

Alle Freunde des Orients, welche die großartigen Orient-Tabake von McClelland jetzt schon vermissen, sollten den Soraya unbedingt einmal probieren und auch denjenigen, welche einmal Orienttabake ohne Latakia probieren möchten, sei dieser Pfeifentabak empfohlen.

Ich schreibe diese Zeilen im ICE nach München – wo Soraya im Übrigen auf dem Westfriedhof begraben liegt – und freue mich sowohl auf die lieben Freunde im Pfeifenclub, als auch das letzte Restchen Soraya-Tabak dort geniessen zu können. Ich werde definitiv ein paar Dosen davon bei HU-Tobacco bestellen.




Robert McConnell Heritage | Barking Road | ehemals My Mixture Barking Road

Namentlich haben wir es hier mit einem schlichten Umzug zu tun: Von der Baker Street in den Londoner Osten, in die Barking Road. Der Hausstand wurde mitgenommen und in den neuen Räumen eingerichtet. Der neue Stil ist der alte, wenngleich die neue Bleibe ein wenig heller ausfällt als es die alte war. Alles wirkt eine Nuance großzügiger und weiter, aber das dunkle Parkett und die roten stoffbespannten Wände sind geblieben. Die alten hohen Bücheregale dominieren die Räume wie ehedem, nur die in dunkelbraunes Leder gebundenen Bücher hatten noch nicht genügend Zeit ihren gewohnten Staub anzusetzen. Der Strauß dunkelroter Dahlien und die Schale mit frischem Obst auf dem kleinen Tisch zwischen den schweren Ledersesseln erfüllen den Raum mit ihrem süßlichen Duft, dem es aber jetzt schon schwer fällt, sich gegenüber dem alten Muff des bedruckten Papiers zu behaupten. Draußen regnet es. Seit März 2019 wird dieser Tabak unter dem Namen Barking Road vermarktet!

Als STG vor ziemlich genau zwei Jahren den Dunhill 221b Baker Street herausbrachte, war ich glücklich, denn ich hatte einen Tabak gefunden, der so ganz perfekt mein Standardsortiment an Latakia-lastigen Mischungen und Viginia- und Virginia/Perique Flakes und Curlies bereicherte. Schwer, kraftvoll, würzig und das alles ohne Latakia und ohne die süsse weiche Cremigkeit der Flakes. Wie fällt nun das Nachfolgeprodukt, der Robert McConnell My Mixture Barking Road aus? Kann er die Geschmackskomponenten, die den Baker Street so einzigartig gemacht haben, bewahren? Klare Antwort: Jein!

Zunächst ist das Tabakbild des McConnell Barking Road signifikant heller als beim Baker Street, was sich vor allem auf die verwendeten Virginias zurückführen lassen dürfte. Beim Duft des Tabaks aus der Dose dagegen lassen sich kaum Unterschiede ausmachen: der McConnell Barking Road ist etwas fruchtiger als es der Baker Street ist, aber der schwere Kentucky dominiert bei beiden Mixtures das Geruchsbild in identischer Weise. Das lässt erstmal hoffen und diese Hoffnung wird geschmacklich auch nicht enttäuscht!

Allerdings sind die Modifikationen schon spürbar. Es ist klar, dass der Robert McConnell My Mixture Barking Road keine 1:1 Übertragung des 221b Baker Street ist: Der Barking Road hat zwar auch diese prägende Erdigkeit des Vorbilds, was natürlich dem Kentucky geschuldet ist, auch an Körper kann er es mit seinem Vorbild aufnehmen, allerdings wirkt der McConnell Barking Road insgesamt etwas weicher, runder und vor allem süsser als der Dunhill 221b Baker Street. Kurz auf einen Nenner gebracht könnte man sagen, dass man hier zu Lasten der Würzigkeit auf etwas mehr Süsse gesetzt hat. Vielleicht auch mehr auf den Royal Yacht-Anteil mit seinem Casing? Aber dazu kann ich nichts sagen, denn den Nachfolger des Royal Yachts habe ich noch nicht geraucht. Der McConnell Barking Road ist immer noch ein ganz hervorragender Tabak, aber es ist ein kleiner Schritt in Richtung Mainstream, den man hier eingeschlagen hat. Ein kleiner Schritt zugegeben, aber ein Schritt.

Das muss per se kein Nachteil sein, vor allem könnte ich mir vorstellen, dass der Tabak so vielleicht eine Klientel anspricht, die etwas größer ist als die bisherige, denn vielen, denen der 221b Baker Street zu kantig war, könnte die My Mixture Barking Road mit ihrer ein bisschen schmeichelnden Süsse besser gefallen? Das Vorbild verleugnet der McConnell Barking Street trotzdem nicht, dazu sind die Veränderungen nicht substanziell genug, sodass ihn auch diejenigen gut rauchen werden können, die eingefleischte Fans des bisherigen 221b Baker Streets waren.

Insgesamt würde ich den Robert McConnell My Mixture Barking Road empfehlen. Das alte ausführliche Review des Dunhill 221b Baker Street hat nach wie vor seine Gültigkeit, nur muss man sich eben die höhere Süsse und das weichere Erscheinungsbild mit „reinlesen“! Der Barking Road ist immer noch eine gestandene, auch immer noch genug kantige Mixture, der man nur etwas mehr Charme verpasst hat. Es gibt ein bisschen Enttäuschung meinerseits, aber die Freude über das „Gerettete“ wiegt sie bei weitem auf!




MacBaren | Burley Flake

Da treffe ich immer wieder auf gestandene Pfeifenraucher, die sich merkwürdig verhalten, wenn Tabake von MacBaren erwähnt werden. Von “ geht gar nicht“ bis „alle die gleiche süße Pampe“ oder „typisches MacBaren Flavour„. Wobei letzteres nicht verkehrt ist, wenn es einem Hersteller gelingt, unikate Merkmale zu schaffen, zumal z.B. die gepreßten MacBaren zu den absoluten Premium Flakes und Curlies zählen. Und niemand bringt seine Flakes so perfekt in die Rechteckdose, so daß sie wie aus „einem Guß“ aussehen. Aus Erfahrung weiß ich, das im befreundeten Singapore Pipe Smokers Club um Dr. Mike Loh damit viel unverkrampfter umgegangen wird. Seit kurzem ist der MacBaren Burley Flake auf dem Markt.

Ende der 1960er Jahre rauchte ich als Abwechslung zu meinen Dunhill und Sobranie Tabaken zwischendurch immer mal wieder eine MacBaren Mixture (heute Scottish Mixture, andere Rezeptur), Norwood (Burley-Virginia, gibt es wohl nicht mehr), den Navy Flake, den Mixture Flake sowie den außergewöhnlichen Stockton, der heute immer noch zu meinen Favouriten zählt.

Der seit kurzem in D erhältliche Burley Flake, wie gewohnt akkurat geschnitten und ebenso platziert in der mittleren Rechteckdose, wartet nicht mit dem erwarteten MacBaren Geruch auf. Erdig, nussig, mit dezentem Zigarrenduft und in Ansätzen fast ein wenig wie ein SG Kendal Plug. Er ist als milder Flake konzipiert, der nicht nur zu besonderen Anläßen geraucht werden will. Mild ist für viele ein relativer Begriff. Der Grundtabak, ein sehr kräftiger indonesischer Burley, wird gemildert durch die Beimischung von leichterem Burley aus Brasilien und Malawi, eine MacBaren-typische Komponentenvielfalt. Abgerundet durch Virginias, ist ein komplexer, naturreiner Flake entstanden, der sicherlich einen erfahrenen Raucher braucht, um ihn richtig zu „errauchen“. Es mag einem fast seltsam für MacBaren vorkommen, aber es gibt anscheinend kein flavouring oder casing. Feststellbar ist jedenfalls keine der Aromatiersungsarten, weder im Geruch noch beim Rauchen.

Bertram Safferling-handmade-

Mac Baren Burley Flake

Also das gewohnte Prozedere: K&F * bringt 1,5 Scheiben in die mittelgroße Kammer der gestrahlten, kurzen Safferling, ein wenig aufgedröselter Takak obenauf. Der Flake ist perfekt konditioniert, er brennt sofort und glimmt gleichmäßig. Ein erdiger, voller und sehr runder Geschmack, süßlich – aber nicht aufdringlich -gefärbt durch den Virginia. Der zuvor festgestellte leichte Zigarrenduft macht sich überhaupt nicht im Geschmack bemerkbar. Und es gibt auch weder Spitzen noch ein Abflachen, der Tabak bleibt konstant während des Abbrands. Müßte ich eine Geschmacksbezeichnung für den Burley Flake nennen, so ist „süffig“ die wohl treffendste.

Und so gibt es eine zweifelsfreie Empfehlung für diesen Tabak von MacBaren, der für manchen gar zum Allzeittabak werden kann. Ich werde ihn jedenfalls öfter in die Wahl nehmen.

Und wenn ich schon dabei bin, ein Hohelied auf MacBaren zu singen, dann probieren Sie doch auch einmal diese zwei:

 

*K&F : Knick und Falt
mit K&F werden die Flakescheiben einmal geknickt und gefaltet oder gefaltet und geknickt oder zweimal gefaltet oder zweimal geknickt. Egal, jede andere Art der Befüllung einer Pfeife mit Flakes oder Curlies kann man getrost knicken. Nur Raucher mit zwei linken Händen, starrköpfige Alles-Verweigerer und Beratungsresistente lehnen die Methode ab. Immer schon, bereits seit seligen Forumzeiten.

 

 

 




HU Tobacco | Manyara

Rechtzeitig zur Pfeifenshow in Lohmar gibt es wieder einige neue Tabake von HU Tobacco, darunter auch einen aus der Afrika-Serie, an dem ich mitgewirkt habe (um das gleich vorweg zu sagen) und den ich hier kurz vorstellen möchte. Er heißt „Manyara“, benannt nach dem gleichnamigen See in Tansania und wie bei allen den Tabaken der Serie ist der Name auch hier eine Referenz an die Herkunft einiger dabei verwendeter Basistabake, nämlich Westafrika.

HU Tobacco ManyaraNach der wahnsinnig positiven Resonnanz auf die letzte Neuerscheinung, den Nyala, der ja eine Burley/Virginia/Perique basierte Mischung mit Zigarrenblattgut, in diesem Fall Havanna und Brasil, war, haben wir beschlossen, das Konzept „Zigarrentabak“ als Komponente eines trotzdem geschmacklich eindeutigen Pfeifentabaks zu wiederholen – nur eben ganz anders: Ist es beim Nyala ein karibischer Einschlag, welcher der süßen Burley Mischung das gewisse Etwas verleiht, so haben wir dieses Mal beim Manyara an die italienischen Toscani, also fermentiertes Kentucky-Blattgut, gedacht. Wieder sind es verschiedene Burleys, die den Geschmack mitbestimmen, allerdings abgemischt mit einem kräftigen Firecured Virginia, der dafür einen etwas kleineren Anteil hat. Dazu eben der Kentucky, wieder etwas Brasil und, auch hier dem Nyla nicht unähnlich, die nötige Menge Perique. Hinzu kommt noch eine geringe Menge cypriotischen Latakias, die sich geschmacklich aber ganz weit hinten anstellt und eigentlich eher die Funktion hat, die Würzigkeit ein klein wenig zu erhöhen und die breite Erdigkeit des Kentucky in Schach zu halten. Verbunden wird das alles mit einen kleinen, gerade ausreichenden Anteil Orient.

Ich weiß, bei der puren Erwähnung von Latakia klingeln bei vielen eingefleischten Virginia/Perique Liebhabern alle Alarmglocken, aber beim Manyara ist das gänzlich unnötig, denn geschmacklich ist die Mischung von einer „englischen“ Latakiamischung soweit weg wie eine Giraffe vom Nordpol. Trotz des kleinen Latakiaanteils haben wir es beim Manyara mit einer naturbelassenen, relativ süß-cremigen und trotzdem recht würzigen Mixture zu tun, die sich durchaus auch (und vielleicht sogar in erster Linie) an Pfeifenraucher wendet, die mit Latakia nichts am Hut haben. Der Latakia ist hier eher wie eine Piccoloflöte in einer großen Orchesterbesetzung.

HU Tobacco ManyaraDas Tabakbild präsentiert sich entsprechend vielfältig: farblich die gesamte Palette vom grünlichen Orient über die verschiedenen Brauntöne der Burleys, des Kentuckys und des Virginias bis zum Schwarz des Periques und des Latakias. Eine ähnliche Bandbreite haben wir auch bei den Schnittarten mit verschiedenen Ribbon Cuts, Ready Rubbed Flakes und bei einem der Burleys Cube Cut. Das Ganze sieht nicht nur wunderschön vielschichtig aus, es gewährleistet auch ein perfekten, gleichmäßigen wie langsamen Abbrand.

Der Manyara lässt sich vollkommen problemlos stopfen und entzünden, ist für jede Brennkammergröße gleichsam geeignet und läßt sich genauso problemlos bis zu Ende rauchen. Das klingt eigentlich auch nach einem wunderbaren Anfängertabak, aber ich würde ihn eher erfahreneren Pfeifenrauchern empfehlen, erstens weil der Tabak sehr komplex ist und zweitens weil der Manyara kein Leichtgewicht ist. Kentucky, Dark Fired Virginia und der Perique sorgen für einen anständigen Körper. Trotzdem ist der Manyara weit entfernt von einer „Bombe“, gerade auch von einer „monotonen Bombe“, wie sie uns bei Kentucky-basierten Tabaken oft begegnet. Wir wollten explizit einen geschmacklich vom Kentucky geprägten Tabak kreieren, dem aber diese monotone Monumentalität abgeht und der stattdessen raffiniert und komplex ist. Ich persönlich finde, dass das dem Hans Wiedemann sehr gut gelungen ist und die ersten Reaktionen bestätigen das aufs Trefflichste.

HU Tobacco ManyaraWenn man nun den Manyara raucht, entfalten sich geschmacklich genauso viele Nuancen, wie man sie im Tabakbild schon optisch wahrnehmen kann. Von Beginn an und kontinuierlich bis zum Ende einer Füllung. Dabei entwickelt sich der Tabak nicht von einer bestimmten Richtung in eine andere, sondern dieses geschmackliche Feuerwerk von malziger Süsse, Kuchen, Brot, Erde, Leder, Schokolade, Nuss, Trockenfrüchte, Holz und Röstaromen hält über die gesamte Rauchdauer an. Der Manyara lässt immer etwas davon aufblitzen. Das macht ihn in meinen Augen so attraktiv, obwohl ich ansonsten ein großer Fan von „Entwicklungstabaken“ bin. Langweilig ist der Manyara nie, dazu ist er viel zu komplex und vielschichtig.

Übrigens trinke ich sehr gerne einen Kaffee zum Manyara und abends auch manchmal noch einen Grappa dazu und träume mich mit einem Anflug von Toscanello in eine neapolitanische Bar vor dreißig Jahren als das Rauchen dort noch erlaubt war….




Peterson 2017 Christmas Blend – es weihnachtet sehr …

PETERSON CHRISTMAS BLEND 2017Bei mir im Atelier, im Arbeitszimmer, überall weihnachtet es schon sehr und das schon seit ein paar Wochen. Also nicht so wie im Discounter, wo schon seit September die Zucker-Nikoläuse und Backtriebmittel-Spekulatien vor sich hin rotten, während andere noch den Polyester-Badehandtuch-Sale plündern, sondern so, wie es hier in der Stadt der Lebkuchen bei Westwind duftet, wenn die Lebkuchen Fabriken Weissella, Schmidt und Co, ihre Öfen anwerfen. Bei mir duftet es nach Früchten, Mandeln und Vanille.

Wie meine liebsten Freunde, Familienmitglieder und Kunstsammler wissen, beginnt für mich die Weihnachtszeit ja auch weit vor dem Dezember, denn ich arbeite auch dieses Jahr wieder viele Wochen an der jährlichen Holzschnitt-Weihnachtskarte.

Auch in diesem Jahr verrate ich nicht zu viel, wenn ich sage, unser Heiland ist auch diesmal in den verschneiten, heimischen Alpen zur Welt gekommen. Anders ist allerdings, dass meine Pfeifen einen ungeheuer weihnachtlichen Duft verströmen, während ich zeichne, hoble, schleife und schnitze. Nicht gerade Weihrauch und Myrrhe, aber doch so ein bisserl in die Richtung.

Eigentlich rauche ich keine Aromaten und Weihnachtsmischungen erst recht nicht. Allesamt sind sie zu teuer, nikotinlose Black Cavendish Rauchpappen in kitschigen Dosen. Warum ist das diesmal anders? Zunächst einmal muss ich anführen, dass ich als Mitbetreiber dieses Pfeifenblogs hin und wieder mit Testtabaken bedacht werde. Über manche hülle ich wohlwollend den Mantel des Schweigens, manche werden verschenkt und andere probiere ich und ab und zu lohnt sich der Aufwand des Herstellers und ich blogge darüber.

Atelier Alexande BroyAls ich das Packerl, welches unverhofft bei mir hereinschneit öffne, finde ich darin eine weihnachtliche Blechdose in rot, weiss und grün gehalten, wie auch sonst. Nach etwas Gerubbel und Gefummel und dem großzügigen Einsatz von Waschbenzin erkenne ich, diese Dose ist wirklich gelungen, blindgeprägt kein verblödeter Weihnachtsmann oder doofe Rentiere darauf. Schnee, Bäume, eine Schleife, sehr geschmackvoll, finde ich. Ich goutiere auch, dass es „Peterson Christmas Blend“ heisst und nicht etwa politisch verblödet „Holiday Blend“ oder „Jahresend-Blend“.

Ich öffne die Dose, innen ist ein Cellophan-Tütchen mit Goldsiegel. Auch sehr hübsch, ich breche das Siegel und auf einmal bereue ich, dies getan zu haben. All der wundervolle Geruch von frischem Holz, Farben, Latakia und Perique wird durch die Fensterritzen meines Ateliers nach aussen gepresst und eine Aromawolke süss und fruchtig übernimmt mein Hütterl bis in die letzte Ritze. Es schüttelt mich leicht. Dann wandert mein Blick über die Tabakfasern, die fest gepresst vor mir liegen. Sie sind rötlich, gelb mit braunen Flakestreifchen durchsetzt. Nichts ist schwarz, also kein Black Cavendish, vermute ich. Black Cavendish ist für mich der Schienenersatzverkehr des Pfeifenrauchers. Ich suche eine Meerschaumpfeife heraus – ich will keinesfalls ein gutes Holz mit diesen Weihnachtsaromen verderben – und fange an zu stopfen.

Peterson 2017 Christmas BlendIch zünde und bin erneut überrascht. Also weihnachtlich ist das streng genommen nicht. Leicht fruchtig, mandelig. Ich schmecke Honig, etwas Vanille, aber keine Lebkuchengewürze und vor allem der Rauch schmeckt satt und überhaupt nicht so schrecklich intensiv, wie die Dose, die ich sofort wieder verschliesse. Eigentlich sehr lecker. Ich rauche die erste Pfeife, arbeite weiter und stopfe mir die nächste. Wieder weiche ich vor dem Dosen-Geruchs-Flash zurück, aber auch die nächste Füllung schmeckt mir. Ich verlasse irgendwann mein Atelier und als ich wiederkomme, riecht es so wundervoll dort, dass ich betört an der Tür stehend verweile.

Peterson 2017 Christmas BlendAls ich mit angehaltenem Atem den Tabak genauer inspiziere, erkenne ich ordentlich viele Flake-Stückchen, lockeren Burley und Virgina loose-cut, welcher perfekt konditioniert ist. Auch hat der Tabak durchaus eine sättigende Stärke, er ist bei weitem keine Rauchpappe.

Was soll ich lange herumreden, ich mag ihn sehr und freue mich, mal etwas anderes in meinen Pfeifen zu haben und widmete diesem Tabak eine eigene alte Oldenkott. Aber auch in anderen Hölzern ist er schon gewesen und hat sie keinesfalls verdorben.

Ich werde ihn bestimmt die Weihnachtszeit über rauchen und ihn bei meinem nächsten Besuch in München bei Pfeifen Huber nachkaufen. 23 Euro für 100 Gramm erstklassigen Tabak, das ist nicht geschenkt, aber auch nicht überzogen und ausserdem ist doch nur einmal im Jahr Weihnachten.

Ach ja, danke, für diese Probedose.

 




Gawith & Hoggarth | Ennerdale Flake

Ennerdale Water, Ennerdale Lake, Ennerdale Bridge – der Name Ennerdale allein führt uns in den Lake District, ins Lakeland im Nordwesten Englands. Seen, Berge, Fichtenwälder – und zwei Tabakmanufakturen, die sich jüngst wieder unter einem Dach eingefunden haben. Unter dem Dach von Gawith Hoggarth & Co Ltd., einem Tabakproduzenten, der immerhin schon seit dem 19. Jahrhundert Tabak verarbeitet. Während die Produkte der älteren der beiden Marken, S.Gawith, in Deutschland erhältlich sind, muß man die Tabake von Gawith Hoggarth mühsam im Ausland organisieren. Schade eigentlich, denn im Portfolio von Gawith Hoggarth befinden sich so einige Preziosen, die einen näheren Blick – und einen Import durchaus wert wären.

Dose EnnerdaleEine dieser Preziosen ist der Tabak, um den es hier geht: der Ennerdale Flake. Ich glaube, es gibt wenige Tabake, über die ähnlich viel geschrieben wurde wie über den Ennerdale, den es übrigens nicht nur als Flake sondern auch als Mixture gibt. Selbst eine Plug-Version soll existieren… Dieser Ennerdale Flake ist sowas wie der Inbegriff des englischen Hocharomaten und als solcher legendär: legendär geliebt wie legendär verabscheut. Ein Tabak, der niemanden kalt lässt und der so extrem ausfällt, dass er wie nur ganz wenige Tabake extrem polarisiert. Man hasst ihn oder man liebt ihn – was dazwischen gibt es nicht. Ich liebe ihn. Aber das war keine Liebe auf den ersten Blick, ganz und gar nicht, sondern ein mühsames, langsam skeptisch beäugendes Anfreunden über Umwege, das letztlich in einer langjährigen und andauernden Affäre endete. So ein bis zweimal die Woche werde ich meinen Latakia-lastigen Alltags-Engländern und den Virginia/Periques untreu und genehmige mir eine Füllung Ennerdale Flake. Mit Hingabe und Begeisterung. Mehr wäre mir allerdings zuviel. Zuviel der Exotik, die dann keine mehr wäre.

Meine erste Begegnung mit dem Ennerdale Flake hatte ich vor gut 15 Jahren, als mir Cornelius Mänz ein Päckchen mit Tabakproben nach Rom geschickt hatte. Darin waren nahezu die gesamten englischen Aromaten von S.Gawith und Gawith Hoggarth in kleinen Plastiktütchen – das Aroma, das mir beim Öffnen aus dem Päckchen entgegenschlug habe ich noch heute in der Nase. Überwältigend. Unvorstellbar. Wie ein Pennäler in einem orientalischen Bordell fühlte ich mich damals. Und auch wenn ich schnell gemerkt habe, dass mir die meisten Flakes damals zu dicke Hintern hatten oder zu stark parfümiert waren, so habe ich mir doch diesen ersten wunderbaren Eindruck bewahren können. Und das, obwohl meine erste Begegnung mit dem Ennerdale Flake schnell beendet war: nach knapp einer Minute hatte ich fast panisch die Pfeife geräumt und die Flucht ergriffen. Sowas soll man rauchen können? Um Himmels Willen! Ich nicht. Fall erledigt! Pennäler halt…

Dose Ennerdale Packung EnnerdaleUnd jetzt kommen wir zu den Umwegen: Ich hatte mir einige Monate später eine Balleby-Bamboo Estate gekauft, die, wie sich kurze Zeit später herausstellte, aus der Sammlung eines lieben Pfeifenfreundes und Sammlers aus Ulm stammte, der damals fast nur Ennerdale rauchte. Der Verkäufer der Pfeife hatte entweder versäumt, die Pfeife komplett zu neutralisieren oder aber, was wesentlich wahrscheinlicher war, es war ihm schlichtweg nicht gelungen. Hier kommen wir zu einem entscheidenden Punkt: Ennerdale fordert eigene Pfeifen. Er „markiert“ geradezu die Pfeifen aus denen er geraucht wurde. Wenn mehrmals, dann unwiederbringlich. Die Folge ist ein deutliches Crossover mit allen anderen Tabaken, die daraus später geraucht werden. So war das auch bei meiner Balleby-Bamboo. Das Komische daran war nur, dass mir meine Latakias mit dem Ennerdale-Hintergrund recht interessant vorkamen. Ob sich da nun die orientalische Schönheit in ein schlichtes Schwarzes kleidete oder die schöne Alltagsbegleiterin ein orientalisches Parfüm auflegte, war einerlei: das Ergebnis war attraktiv und interessant. Und als mir der Ulmer Sammler, dem ich davon erzählt hatte, anläßlich seines Besuchs in Rom, einen Ziegel selbstgepressten Krumblekakes aus Latakia und Ennerdale mitbrachte, war ich glücklich. Von dem Tabak habe ich noch heute, er wird so einmal im Quartal geraucht. Mit allergrößtem Vergnügen. Nicht zuletzt war es dieser Tabak, der mir den Weg zum Ennerdale eröffnet hat. Das ist nun über zehn Jahre her und seitdem rauche ich Ennerdale als Seitensprung…

Was aber hat es denn nun mit dem Ennerdale auf sich? Wir neigen dazu, Tabake in ihren stilistischen Ausformungen gerne in Schubladen zu stecken, sie zu kategorisieren. Die Schublade, in die der Ennerdale gehört, nennt sich „englisch-seifig“. Ganz profan und deutsch nüchtern. Nur wirklich treffend ist das nicht, denn wenn man den Ennerdale raucht und versucht, ihn mit allen seinen Schattierungen wahrzunehmen, dann ist es eher ein gestandenes Parfüm, das man da so rauchend schwelgend vor sich hat. Der Ennerdale ist erstmal ein Virginia-Flake mit einem kleinen Burley-Anteil. Die Komplexität wird für den Tabak dadurch erreicht, dass hier verschiedene süße, mittelkräftige und volle Virginiasorten miteinander kombiniert worden sind. Diese liefern eine ausreichend charaktervolle Basis für das „Parfüm“, ein Aromenfeuerwerk, das seinesgleichen sucht. Der Ennerdale ist ein Hocharomat. Seine Aromatisierung ist heftig, keine Frage. Aber gerade in der Kombination von herausragender Tabakbasis und komplexester Aromatisierung ist er schlicht das archetypische Gegenmodell zu manchen hiesigen „erlesenen“ „Black-Cavendish-Rauchpappen“ und ihrer eindimensionalen Brachial-Aromatisierungen, die den Filter zu einem sensorischen Rettungsring machen, ohne den man unweigerlich untergehen müsste. Ausnahmen gibt es, auch unter den hiesigen Hocharomaten, aber sie sind eher dünn gesät. Selbst aromatisierte Tabake deutscher Provenienz, die diesen englischen Tabakstil adaptiert haben, vornehmlich aus Lauenburg, gibt es. Und gar nicht mal schlechte, aber die Komplexität etwa des Ennerdale Flakes erreicht meiner Meinung nach keiner.

Ennerdale FlakeDer Ennerdale Flake ist ein Tabak zum Rauchen ohne Filter. Dafür ist er gemacht worden. In einem Land, in dem man immer schon ohne Filter geraucht hat, und vermutlich in einer Zeit, in der es den klassischen 9mm Filter nicht gab. Auch das unterscheidet ihn von den meisten hiesigen Aromaten und das ist sicherlich kein Nachteil. Dieser Tabak ist kreiert worden um raffiniert zu sein trotz seines eindrucksvollen Aromenvolumens. Die Aromen, die beim Ennerdale zum Einsatz kommen, sind sehr vielschichtig, was es letztlich auch so schwierig macht, ihn zu beschreiben, denn er ist kein geradliniger Aromat mit ein oder zwei primären Aromatisierungen, sondern eher eine Komposition verschiedener Aromen aus diversen Ecken des Aromenspektrums. Und diese wiederum funktionieren in Kombination mit der eindrucksvollen Tabakgrundlage, die sich nicht in dem Hintergrund drängen lässt, sondern immer präsent bleibt: man hat nie das Gefühl, Aromatisierung mit einem Geschmacksträger zu rauchen sondern man raucht einen erstklassigen Tabak mit ebenso erstklassiger Aromatisierung! Tabak und Aromatisierung treffen sich hier auf Augenhöhe.

Ennerdale FlakeDas Tabakbild entspricht einem mittelstarken Virginia-Flake mit seinen hell-, mittel- und dunkelbraunen Farbschattierungen, wobei das dunkelbraune Blattgut deutlich in der Überzahl ist, was uns schon optisch zeigt, dass der Ennerale kein leichter Pfiffikus ist. In der Stärke würde ich ihn zwischem den hier erhältlichen Best Brown Flake und Full Virginia Flake (beide aus dem Hause S.Gawith) einordnen. Vielleicht näher am Full Virginia Flake als an ersterem? Im Gegensatz zu den Flakes von S.Gawith ist der Ennerdale aber immer vollkommen gleichmäßig in etwa zwei Millimeter dicke Flake-Scheiben geschnitten, was das Stopfen der Pfeife natürlich sehr erleichtert – man muß sich keine weiteren Gedanken über das Aufbereiten machen und auch der Abbrand ist völlig unkompliziert. Zumal die Feuchtigkeit, mit der der Ennerdale Flake ausgeliefert wird, unabhängig davon, ob er in der rechteckigen 50g-Dose oder in der 500g Triebtäterpackung konfektioniert ist, schlicht und ergreifend als optimal bezeichnet werden kann. Also einfach Stopfen und anzünden, ein Abtrocknen-Lassen braucht es nicht.

Öffnet man nun die Verpackung strömt einem schier eine Wundertüte an Aromen entgegen: erstmal etwas Vanille mit deutlichem Mandel-Marzipan, das wiederum mit einer Überdosis persischen Rosenwassers verfeinert wurde. Hinzu gesellen sich florale Töne, Duftgeranien mit ihren leisen Zitrusnoten nach Zitronen und Orangen und schließlich ein Hauch Gewürze, wie Zimt, Koriander und leicht pfeffriger Piment. Mit diesen Gewürzen ist das Quittenkompott eingekocht, das für einen Akkord Fruchtigkeit sorgt. Diese Duftnoten, die gleichzeitig auch Geschmacksnoten sind, verbinden sich nun mit der leicht malzigen und ebenfalls süßlichen Brotkruste der verschiedenen Virginias. Der kleine Anteil Malawi-Burley mit seinen schokoladig-nussigen Tönen geht allerdings vollkommen unter. Vielleicht unterstützt er etwas die Komplexität der Tabaksbasis, aber in erster Linie dürfte er hier seine Rolle als „Trägertabak“ spielen, für die er, neben Black Cavendish, berühmt wie berüchtigt ist. Letztlich ist der Eindruck, den der Ennerdale Flake vermittelt, ein bisschen, als ob sich ein raffiniertes, süßes arabisch/persisches Gebäck in ein rauchbares Parfüm überträgt und just dieses „Floral-Parfümige“ ist es, was mit „englisch-seifig“ beschrieben wird. Die Assoziation „Old Spice“, die man beim Ennerdale Flake oft lesen kann, trifft den Stil meiner Meinung nach nicht wirklich, obwohl die Richtung vollkommen zutreffend ist…

Was nun erstaunlich ist, das ist die Tatsache, dass der Ennerdale Flake all die Aromen, die er im Geruch ausbreitet, auch beim Rauchen des Tabaks in Geschmack umsetzen kann. Ich kenne keinen anderen Tabak, der sein Geruchsbild 1:1 in ein Geschmacksbild übersetzen kann. Der Ennerdale Flake schmeckt so, wie er riecht. Im Geschmack ist die Virginia-Basis immer präsent, nie wird sie von der Aromatisierung verdrängt, die ihren Geschmack auch wiederum bis zum Ende der Pfeifenfüllung konstant beibehalten kann. Der Tabak ist beim Rauchen sehr kontinuierlich im Geschmack, er verändert sich geschmacklich kaum. Lediglich ein wenig kräftiger wird der Ennerdale Flake zum Ende hin. In dieser Hinsicht verhält er sich so, wie sich ein klassischer Virginia Flake eben meistens verhält.

Zum Schluss nur eines noch und damit wären wir wieder am Anfang: So eine extreme Wundertüte muss man rauchen mögen. Viele mögen das nicht. Der Tabak ist extrem und polarisiert. Nichtsdestotrotz ist der Ennerdale der meistverkaufte Tabak von Gawith Hoggarth und einer der berühmtesten Aromaten der Pfeifenwelt. Zurecht wie ich denke. Kurios ist, dass ich etliche Raucher kenne, die eigentlich wie ich auch vorwiegend „englisch“ mit Latakia rauchen, nur beim Ennerdale hin und wieder eine Ausnahme machen… Erhältlich ist er innerhalb der EU in UK und seit kurzem auch in Italien, dort allerdings exorbitant teuer, ansonsten in der Schweiz und in den USA.


Legende der Samuel Gawith Reviews hier im Pfeifenblog

 

 




HU Tobacco | Foundation by Musicò NYALA

(AD) Eineinhalb Jahre ist es nun her, dass die „Foundation by Musicò“-Reihe von HU Tobacco zum letzten Mal Zuwachs bekommen haben. Darum dachten wir, es ist mal wieder Zeit für was Neues, zumal wir seit längerem schon eine konkrete Idee für einen etwas ungewöhnlichen Blend im Kopf hatten: Havanna sollte es sein und nicht mit Latakia, wie dieser im Pfeifentabak seltene Würztabak meist kombiniert wird. Und ein Pfeifentabak sollte es werden – keine „Zigarre“ in der Pfeife. Trotzdem sollte der Charakter einer guten, würzig-erdigen und auch cremig-süßen Havanna noch ein bisschen mitspielen dürfen. Das war unsere Ausgangslage.

Angefangen hat es für mich konkret in Stuttgart, bei Schäubles „Rauchzeit“ im Weinberg, wo man von einem Mischmeister von K&K sich eine individuelle Mischung machen lassen kann. Genau das habe ich dort gemacht, nur um zu sehen, ob die Idee so grundsätzlich überhaupt funktionieren kann. Sie konnte. Und dann kamen die Telefonate mit Hans und die Beschreibung dessen, was ich da probiert hatte. Hans hat sich die Idee sofort zu eigen gemacht und angefangen, in gewohnt bewundernswerter Weise, seiner Kreativität Lauf zu lassen. Was ich dann zum Testen bekommen habe, schmeckte anders als das, was ich mir habe nach meinen Angaben mischen lassen: es war viel raffinierter und besser. Nach einigen Prototypen waren wir uns schnell einig, wie der neue Tabak sein sollte und jetzt, gerade noch rechtzeitig zur diesjährigen Pfeifenshow in Lohmar, können wir nun den „Nyala“ präsentieren.

Nyala DoseWie fast immer in der „Foundation by Musicò“-Reihe kommen auch im Nyala Tabake aus Afrika zum Einsatz, weshalb wir der „afrikanischen“ Namensgebung treu geblieben sind. Insbesondere die Burleys aus Südostafrika wären hier zu nennen, die dem Tabak eine schöne, leicht schokoladige Note verleihen. Red Virginia bildet die Basis, liefert Körper und Süsse. Die Würztabake sind Perique, der schon genannte Havanna und als kleines „i“-Tüpfelchen etwas Brasil.

Nyala TabakbildDie Struktur des Nyala ist eine ziemlich komplexe Angelegenheit, was sich schon allein optisch niederschlägt: Das mittel- bis dunkelbraune Tabakbild besteht aus klassischen Ribbon Cuts, aus Ready Rubbed Flakes und aus Cube Cut. Der Nyala lässt sich leicht anzünden, brennt relativ langsam und lässt sich problemlos und kühl rauchen. Obwohl der Tabak komplex ist und einen voluminösen Geschmackseindruck hinterlässt, ist er nicht übermäßig stark, eher mittelkräftig, was den Nyala auch zu einem guten Allday-Tabak macht. Ich würde denken, es ist ein Tabak, der sich eher an die erfahreneren Raucher wendet, aber ich würde ihn ohne zu zögern auch einem Anfänger empfehlen, der einen vollen, naturbelassenen Tabak probieren will.

Geschmacklich dominieren breite, malzige Süße, dezente Bitterschokolade, die die Malawi-Burleys liefern, ein Hauch Pflaumenmus-Fruchtigkeit des Periques. Und dazu gesellen sich nun der Havanna und der Brasil, die dem Tabak eine stilistisch ähnliche Würzigkeit und Erdigkeit verleihen, wie es der Kentucky in Dunhills 221b Baker Street tut. Stilistisch – nicht geschmacklich! Das relativiert die große Süße und bringt im Hintergrund einen winzigen Hauch Karibik-Zigarre ins Spiel. Aber so wenig, dass sich auch Nicht-Zigarrenraucher ruhig an den Nyala herantrauen dürfen.

Der Nyala hält seinen Geschmack in all seinen Nuancen kontinuierlich bis zum Ende der Füllung, lediglich an Kraft legt er zum Ende hin noch etwas zu, während die Süße zugunsten der Würzigkeit in die zweite Reihe wechselt, aber ohne sich gänzlich zu verabschieden. Der Nyala raucht sich in allen Brennkammerformen gut, ich bevorzuge ihn aus Flakepfannen. Er wird zum Preis von Euro 20,60 (Stand Mai 2017) über die Seite von HU Tobacco zu beziehen sein.

Zum Schluss bleibt mir nur zu sagen: Hans, vielen Dank!




S.Gawith | Scotch Cut Mixture

Eine Nische in der Nische – so ähnlich könnte man die Scotch Cut Mixture von Samuel Gawith und ihre Position auf dem hiesigen Tabakmarkt beschreiben, wird selbiger doch quantitativ vor allem von Aromaten verschiedenster Art beherrscht, neben denen sich nur eine Handvoll „naturbelassener“ Tabake nachhaltig und wahrnehmbar behaupten kann. Das wäre die erste Nische. Und diejenigen, die sich da behaupten, das sind meist Virginia- bzw. Virginia/Perique Flakes und „englische“ Mischungen mit markanten Latakia-Anteilen. All den genannten gemeinsam ist ihre Fokusierung auf Primäraromen, seien es nun künstliche Aromen oder die cremig-malzige Süße der Virginias oder die Rauchigkeit des Latakia. Alles, was sich da subtil zwischen die Stühle setzt, bildet quasi die Nische in der Nische und es ist den Produzenten und Importeuren nicht hoch genug anzurechnen, dass auch solche Mauerblümchen nicht zur Gänze verschwinden. Schließlich zeichnet das die Vielfalt aus, für die der Pfeifentabakmarkt doch auch steht. Zumindest ein bisschen.

Scotch Cut Mixture DoseVor einigen Jahren habe ich schon einmal ein Review zur Scotch Cut Mixture geschrieben. Und als ich den Tabak vor ein paar Tagen nach einer Abstinenz von eineinhalb Jahren mal wieder geraucht habe, habe ich spontan beschlossen, nochmal etwas über die Scotch Cut Mixture zu schreiben, schlicht weil sie mir am Herzen liegt und ich meinen Beitrag leisten möchte, sie aus ihrem „Mauerblümchendasein“ ein wenig zu befreien. 2009 erschien die Scotch Cut Mixture als Limited Edition anläßlich der Pipeshow in Chicago. Der Erfolg war groß, was S.Gawith wohl dazu bewog, die ungewöhnliche Mischung 2010 ins normale Programm zu übernehmen. Seitdem ist die Scotch Cut Mixture auch bei uns erhältlich. Dabei war die Scotch Cut Mixture 2009 gar keine Neukreation sondern basierte auf einem 100 Jahre alten Rezept, will man dem schweizer Importeur Synjeco Glauben schenken. Warum sie zuvor nicht erhältlich war, entzieht sich meiner Kenntnis.

Scotch Cut Mixture DoseDie Herstellerbeschreibung lautet wie folgt: „Scotch Cut Mixture is one of the original Samuel Gawith blends. A balanced selection of Virginias, Burley, Latakia and our own Empire Black Cavendish gives Scotch Cut a full flavoured yet medium strength smoking experience.“ Die Beschreibung des schweizer Importeurs Synjeco: „This mixture is based on a traditional receipt, more than 100 years old. Bright Virginias, Burley, a small percentage of Latakia are in mixture with the such called „Emperor Cavendish“ (also known as United Kingdom-Cavendish), which is different from the usually known Black-Cavendish. A very gentle and pleaseant all-day smoke.“ Und schließlich der Text des deutschen Improteurs Kohlhaase & Kopp: „Nach diesem alten Rezept für Scotch Cut werden helle Virginias, Burley und Latakia mit Black Cavendish verfeinert. Dieser wurde aus Dark Fired Tabak hergestellt, der bedampft, gepresst und geröstet wurde, bevor er geschnitten und mit den anderen drei Tabaken gemischt wird.“

Scotch Cut Mixture TabakbildDas Tabakbild ist von hell- bis mittelbraunen Tabakstreifen geprägt, unter die sich einige dunkelbraune Streifen, der ominöse „Emperor Cavendish“, mischen und ganz vereinzelt findet man ein paar wenige tiefschwarze Tabakkrümel – Latakia in annähernd homöopatischer Dosis. Das Detailfoto links verfälscht hier etwas den Gesamteindruck, die Mischung ist nicht gleichmäßig so dunkel. Im Gegensatz zu vielen anderen Tabaken von S.Gawith, insbesondere den Flakes, ist der Feuchtigkeitsgehalt ziemlich ideal, sodass sich die Scotch Cut Mixture ohne jegliche Trocknungszeremonie sofort und vollkommen problemlos entzünden und auch gleichmäßig bis zum Ende rauchen lässt. Das Stopfen ist ebenso unproblematisch, wenngleich ich wegen der doch vorhandenen etwas größeren Tabakfetzen keine extrem kleinen Pfeifen nehmen würde. Bei Brennkammern unter 20mm Durchmesser müßte man aufs Stopfen achten.

Wenn man die Scotch Cut Mixture nun entzündet, hat man sofort den Mund voller Virginianoten, cremig, malzig und süß, allerdings nicht allzu sehr. Das wird unterstützt vom Black Cavendish, quasi ein „Fire Cured Dark Stoved“, der die Aromen von Schwarzbrotkruste beisteuert und so den Virginias zusätzlich Würzigkeit, Tiefe und Komplexität verleiht. Eine ganz leichte Nussigkeit, die auf den Burley-Anteil zurückzuführen ist, rundet den Grundgeschmack der Scotch Cut Mixture ab. So, als ob in dem dunklen Brot noch ein paar Nüsse verbacken wären… Nicht viele, nur ein paar. Die Virginias dominieren den Burley, nicht umgekehrt.

Scotch Cut Mixture Tabakbild mit PfeifeDiese Komponenten wechseln sich in ihrer Lautstärke während des Rauchens immer wieder mal ab, mal schmeckt man der Malzigkeit nach, mal der Nussigkeit, mal der würzigen Brotkruste, immer mal anders. So wird einem das Rauchen der Scotch Cut Mixture nie langweilig. Und der Latakia? Der ist immer da. Wie die neugierige Nachbarin gegenüber: Mal hinter der Gardine, mal bei offener Gardine, in ganz wagemutigen Momenten sogar bei offenem Fenster auf ein Kissen gelehnt. Der Latakia ist immer da aber nie direkt dabei. Man weiß um das homöopatische Maß an Rauchigkeit, man nimmt es wahr und es freut einen. Trotzdem ist die Scotch Cut Mixture weit davon entfernt, eine Latakia-Mischung zu sein. Sie ist eher eine klassische Virginia-Mischung mit einem ungewöhnlich hohen Maß an Würzigkeit. Durchaus auch empfehlenswert für Virginia-Apostel, denen der Gegenpapst Latakia ansonsten ein rotes Tuch ist. Man möge sich nicht vor der bloßen Nennung desselbigen auf der Dose schrecken lassen!

Scotch Cut Mixture DoseEin leichter Tabak ist die Scotch Cut Mixture übrigens auch nicht: sie ist vollmundig ohne stark zu sein. Sie ist komplex, aber die vielschichtige Komplexität kommt – wie bei allen so subtil komponierten Grenzgängern ohne Primäraromasolisten – nur zum Tragen, wenn sie behutsam, langsam und kühl geraucht wird. Deshalb würde ich die Scotch Cut Mixture auch nicht als Anfängertabak empfehlen, denn sie verliert schnell an Reiz, wenn sich die Subtiliät aufgrund hastigen Ziehens nicht entfalten kann. Zum Ende der Füllung hin wird sie kräftiger und vor allem würziger, ohne dass sich der Latakia stärker zeigen würde. Der unterstützt nur die Würzigkeit. Die Scotch Cut Mixture ist ein Tabak, der die große Stärke von S.Gawith, nämlich die Virginias, ein wenig anders interpretiert und zwar ohne dem eigenen Virginia-Stil untreu zu werden. Übrigens ist die Scotch Cut Mixture auch ein Tabak, zu dem ich sehr gerne einen Kaffee trinke. Eine ziemlich unwiderstehliche Kombination!


 

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