HU Tobacco | Gran Reserva Limitada 2 Años CERVANTES

Eine ganz und gar unseriöse Erscheinung! Nicht vertrauenserweckend und vollkommen unzuverlässig! So wäre unser Bild von Cervantes und nicht mal unseres sondern das irgendwelcher lokalpatriotischer Hobbyhistoriker, denn wir würden ihn trotz aller fehlenden Seriosität gar nicht kennen, hätte er denn nicht diesen einen tollen Roman geschrieben. Und nach ihm wäre ohne dieses Ritterromans auch nie und nimmer ein Tabak benannt worden, geschweige denn ein Institut oder irgendwelche Strassen und Plätze.

Im Gegensatz zur Autorenpersönlichkeit sind Institut, Strassen und Plätze und der Tabak vor allem allerdings gar nicht halbseiden, sondern Monumente der Seriosität! Und wo findet man das denn heute noch, Seriosität zum Aufrauchen? Noch dazu mit Genuss! Großem Genuss! Ganz real. Phantasielos sozusagen!

HU Tobacco Gran Reserva LimitadaIn ganz realen Dosen, die man aufheben und sogar stapeln kann! Ganz seriöser Spitzentabak, von Vollprofis gemischt, gelagert und gereift! Vollprofis mit vielen Jahren Erfahrung und Know How! Hier in dieser Oase geschriebenen Wortes besprochen, frei von unbeholfen videoaffinen Plastiksackerlapologeten, denen man in jeder Hinsicht als Zwangslektüre das Märchen von des Kaisers neuen Kleidern anheimstellen möchte, damit sie vielleicht mal drüber nachdenken, womit sie da eigentlich ihr mediales Über-Ego füttern, wenn’s der eigene Geschmackssinn und das Urteilsvermögen mangels Sachkenntnis schon nicht hergeben…

HU Tobacco CervantesAber zurück zum Tabak: der Cervantes ist der zweite limitierte Tabak, den Hans Wiedemann/HU-Tobacco eigentlich für die diesjährige Pfeifenshow in Hamm geplant hatte und der jetzt am 24.8. auf den Markt kommt, nachdem die Show ja bekanntlich COVID-19 zum Opfer fiel. Natürlich ist auch der Cervantes wieder in Zusammenarbeit mit Kohlhase&Kopp entstanden! Wie der Rocinante auch, ist der Cervantes limitiert. Limitiert heißt in diesem Fall, wie auch beim Rocinante, ein paar hundert Dosen à 50g. Dafür, dass das ein Versuch war, ein paar professionell gereifte Tabake zu machen, sind diese Mengen für einen so kleinen Betrieb sehr respektabel wie ich finde. Und wenn der sogenannte Fachhandel in der Lage war, dieses Mal mit etwas mehr Augenmaß zu planen, dann wird auch nicht das Zerrbild entstehen, der Tabak wäre nach ein paar Stunden komplett ausverkauft… Wir werden sehen was passiert! Trotzdem, mit der Erfahrung des Rocinante im Gedächtnis, dürfte es nicht schaden, wenn man den Cervantes haben will, sich auch drum zu kümmern und nicht all zu lange zu warten?

HU Tobacco CervantesWar der Rocinante ein Virginia-Blend mit einem kleineren, aber durchaus respektablen Burley-Anteil, so ist der Cervantes ein Burley-Blend mit einem respektablen Virginia-Anteil! Dazu gesellen sich Perique und Kentucky. Im Tabakbild erscheint der Cervantes dem Rocinante auf den ersten Blick relativ ähnlich, eine mittelbraune Ribbon-Cut Mixture schönen Kontrasts mit ein klein bisschen Ready-Rubbed-Anteilen und ein paar dunkleren Tabaksprengseln, die den Cervantes vom Rocinante abheben. Hier ist mehr Perique im Spiel als beim Rocinante. Das kann man auch riechen, denn wir haben nicht nur all die schokoladig-nussigen Noten, die uns die Burleys geben und ganz dezent im Hintergrund die malzigen Noten der Virginias, sondern auch deutlich Trockenfrüchtearomen und zwar sehr viel präsenter als beim Rocinante! Dass man einen Tabak von dieser Schnittart problemlos stopfen, anzünden und gleichmäßig langsam rauchen kann, bedarf eigentlich keiner Erwähnung zumal die Feuchtigkeit in der Dose perfekt ist.

Bereits die ersten Züge des Cervantes zeigen uns, was den Tabak ausmacht: geschmackliche Opulenz mit Tiefgang! Opulenz der Burleys, Schokolade und Nüsse mit Röstaromen, gebrannte Mandeln, malzige Brotnoten mit den Röstaromen dunkler doppelt gebackener Brotkruste. Getrocknete Feigen, Dörrzwetschgen und saftige Sultaninen! Und wieder Schokolade und Nüsse! Durch die Virginias hat der Tabak auch Creme und Tiefgang – und auch die nötige Kraft, um diese Aromenvielfalt zusammenzuhalten und ihr eine solide Basis zu verleihen! Ganz klar: beim Cervantes ist deutlich mehr Lametta als beim Rocinante! Das sehe ich aber nicht als einen qualitativen Unterschied sondern als einen stilistischen: der Rocinante wirkt eher wie eine schüchterne Schönheit, mehr wie Audrey Hepburn als Marilyn Monroe, mit der der Cervantes vielleicht besser charakterisiert wäre! Man verzeihe mir den Vergleich! Gefallen tun sie mir natürlich beide und Ihr wisst, was ich meine!

Beide Tabake haben etwas gemeinsam, das ist ihr Tiefgang und das sind die fehlenden Kanten! Dass der Cervantes viel akzentuierter wirkt, hat seine Ursache in der Konzeption der Mischung! Aber ihm „fehlen“ (in Wirklichkeit fehlt gar nichts!) die Kanten genauso wie dem Rocinante, nur äussert sich das anders. Dazu muss man sich eigentlich nur die Frage stellen, warum man Tabake eigentlich überhaupt reift? Was will man denn damit, mit diesem ganzen Aufwand, der viel Geld kostet, eigentlich erreichen? (Dass bei dieser ganzen peinlichen Youtube-Diskussion um den Rocinante kein einziger aus dieser ganzen „Community“ auf die Idee kommt, diese Frage zu stellen, spricht Bände!!!) Was passiert bei diesem Reifeprozess? Ganz einfach: die einzelnen Geschmackskomponenten vereinen sich, der Geschmackseindruck wird komplexer, intensiviert sich und die Unterschiede der einzelnen Bestandteile der Mischung, also die Kanten oder das, was wir Kanten nennen, nehmen sich immer mehr zurück zugunsten eines einzigen komplexen Geschmacksbildes.

HU Tobacco CervantesGenau das passiert auch beim Cervantes! Nur wirkt es anders, weil die Mischung per se viel extrovertierter komponiert ist als der introvertierte, in sich ruhige Rocinante. Da steht auf der einen Seite ein Feuerwerk mit Champagner und auf der anderen eine kleine Abendgesellschaft mit Cocktails. Die Freunde des einen mögen dem anderen nicht vorwerfen, anders zu sein! Für den Cervantes heißt das, dass wir die ganze Füllung über diese geschmackliche Opulenz im Mund haben, kontinuierlich und ohne dass man sagen könnte, dass sich zum Ende etwa der Perique deutlicher meldete als die Virginias oder der Kentucky noch ein kleines rauchiges Solo gibt, nein, wir haben hier einen unendlich schönen und fein gewobenen Teppich, der uns überall mit seiner Vielfalt begeistert, ohne dass wir von Weitem schon sehen könnten, dass er rot gelb blau und grün ist. Der Cervantes ist ein sehr kraftvoller Tabak, aber dabei kein übermäßig starker Tabak – ich würde ihn so bei den Navy Rolls einpendeln.

Gerade für einen Burley-Blend ist der Cervantes ein extrem tiefgründiger Tabak, der eben nicht (nur) die Schokoladenherrlichkeit ins Rampenlicht schiebt, eine Schokoladenherrlichkeit, von der er reichlich hat, sondern dem der Reifeprozess extrem gut getan hat! Ich habe den Tabak vor einem guten Jahr schon mal probieren dürfen und ich würde fast sagen, dass sich der Cervantes unter den drei Blends am meisten verändert hat in diesem zweiten Jahr: Extrem attraktiv fand ich den auch schon vorher, aber dieses zweite Jahr des Reifens hat dem Tabak einen ziemlich beeindruckenden „Schliff“ verliehen, weg von jeder Vordergründigkeit, indem vor allem die Burleys sich mit dem Perique noch mehr verbunden haben und gleichzeitig der Perique sich auch noch intensiver eingebracht hat. Der Cervantes ist für mich eher ein Burley-Perique-Tabak als ein Burley-Virginia-Tabak! Und so, wie sich der Tabak im Moment präsentiert, einer von allererster Klasse! Um ganz ehrlich zu sein, da fällt mir jetzt nicht vieles ein, was auf diesem Burley-Niveau mitspielt – auch wenn ich ins Burley-Stammland über den großen Teich blicke… Der Cervantes ist schon ziemlich großes Kino!

Wie für den Rocinante gilt auch für den Cervantes:

P.S.: Normalerweise sind alle Tabake, über die ich schreibe, käuflich erworben. In diesem Fall hat mir Hans Wiedemann eine Dose zu Testzwecken geschickt, was mein Urteilsvermögen allerdings nicht im Geringsten beeinflusst hat.

 




Pfeifen Diehl | The Dickens

Es gibt gute und schlechte Tabake. Und es gibt prätentiöse und unprätentiöse Tabake. Schlechte prätentiöse Tabake sind selten und dafür selten ärgerlich: sie scheitern meist an ihrem Anspruch und ihrem Preis, weil sie etwas sein wollen, was sie nicht einlösen können. Gute prätentiöse Tabake dagegen gehören zum Interessantesten der Tabakwelt, ihre Anzahl ist vergleichsweise überschaubar und für sie bezahlen wir schon mal mehr als für den Rest, manche von ihnen betrachten wir als Klassiker – und was besonderes. Schlechte unprätentiöse Tabake gibt es wie Sand am Meer, von Tankstellen wie von Fachgeschäften und werden von Rauchern geraucht, die sich gar keinen Kopf machen wollen über die Frage, wie verschieden Tabake sein können und warum. Sie sind zufrieden damit und haben sich über die Jahrzehnte so daran gewöhnt, dass sie jeder Blick nach links oder rechts nur unnötig irritieren würde. Und dann gibt es noch die guten unprätentiösen Tabake, die nicht selten das Gros unseres Tabakkonsums ausmachen, seien es schlicht gut gemachte Aromaten mit einer guten Tabakbasis oder seriöse Virginia- oder Latakiamischungen, denen nur die besonderen Alleinstellungsmerkmale fehlen, die wir an den guten prätentiösen Tabaken so lieben. Die bezeichnen wir als Alldayssmoke und wir finden sie in erster Linie bei den Fachhändlern, nicht selten auch als deren Eigenmarken.

Diehl The DickensUm einen solchen Tabak geht es hier, nämlich um Diehls „The Dickens“, eine Virginia- basierte Latakiamischung von Pfeifen Diehl aus München, die von Kohlhase & Kopp für Diehl hergestellt wird. Ob dieser Tabak exklusiv für Diehl gemacht wird oder unter anderen Namen bei anderen Fachhändlern angeboten wird, entzieht sich meiner Kenntnis. „What the dickens“ heisst soviel wie „was zur Hölle/was zum Teufel“ und ich kann nur vermuten, dass man sich hier vom Rauch hat leiten lassen, denn an und für sich ist „The Dickens“ eine recht milde und runde englische Mixture klassischen Zuschnitts, die sich absolut weich präsentiert allerdings ohne große natürliche Grundsüsse! Das ist in diesem Fall kein Nachteil, denn der Tabak ist vollkommen harmonisch balanciert, es gibt keine extremen Geschmackskompononenten, die eine hohe Süsse zur Balance benötigen würden.

Diehl The DickensBetrachten wir uns das Tabakbild, dann sehen wir eine recht kontrastreiche Ribbon Cut Mixture eher hellerer Prägung, bei der verschiedene Virginia-Grades dominieren und zwar deutlich mehr hellere und mittelbraune Virginias als rötlich dunkelbraune, sehr vereinzelt auch grünliche Blattsprenkel und dann einen nicht ganz unbeträchtlichen Anteil an schwarzem Latakia. Also eine ganz klassische hellere englische Mischung! Und genau so schmeckt der „The Dickens“ auch.

Diehl The DickensDer Tabak lässt sich vollkommen problemlos stopfen und entzünden, er glimmt ruhig und langsam vor sich hin, fordert keinerlei Aufmerksamkeit beim Rauchen und ist somit auch für Anfänger bestens geeignet. Vor allem auch, weil der „The Dickens“ hinsichtlich seines Körpers ein eher leichter Tabak ist, obwohl er doch eine ganz beträchtliche Geschmacksfülle entwickelt. Gerade das macht ihn in meinen Augen auch zu einem wundervollen Alldaystabak, denn er wirkt weder langweilig noch wird er auf Dauer sättigend, was der überschaubaren Süsse geschuldet ist: Man kann, so man möchte, problemlos und mit großem Genuss mehrere Pfeifen hintereinander rauchen! Es ist gerade dieses unprätentiöse Understatement, was den „The Dickens“ so attraktiv macht!

Diehl The DickensGeschmacklich brennt der „The Dickens“ kein Feuerwerk ab. Es sind die eher „frischen“ Virginias, die im Zusammenspiel mit dem Latakia die Füllung dominieren und dem Latakia einen hellen Teppich ausbreiten, auf dem sich dieser sehr schön präsentieren und kontrastreich entfalten kann. Der Latakia wird geradezu „ausgestellt“ und seine Rauchigkeit verbindet sich dann perfekt mit den frischen, vielleicht auch ganz leicht heuigen Virginianoten! Diese Dualität von Virginias und Latakia bestimmt die komplette Füllung konsistent und gleichmäßig bis zum Ende hin: da wird nichts stärker oder schwächer, dunkler oder rauchiger – der „The Dickens“ schmeckt im Prinzip beim letzten Zug nicht anders als beim ersten. Normalerweise mag ich solche Tabake, bei denen nicht viel passiert, eher weniger, aber beim „The Dickens“ ist das anders und zwar in erster Linie, weil der Tabak so schlank und „trocken“ (nicht im Sinn von Feuchtigkeit, die ist perfekt, sondern im Sinn von trockenem Weisswein) daherkommt! Da ist nichts, was ermüdet oder langweilt oder mehr will als es ist: der „The Dickens“ schmeckt einfach nur kontinuierlich gut. Und das ist ziemlich viel!




HU Tobacco | Gran Reserva Limitada 2 Años ROCINANTE

Neues von HU Tobacco: „… kam er zuletzt darauf, ihn Rosinante zu heißen, ein nach seiner Meinung hoher und volltönender Name, bezeichnend für das, was er gewesen, als er noch ein Reitgaul nur war, bevor er zu der Bedeutung gekommen, die er jetzt besaß, nämlich allen Rossen der Welt als das Erste voranzugehen.“

Mit der Namenssuche ist es immer so eine Sache: werdende Eltern können ein Lied davon singen, wenn sie nicht aus Familien stammen, wo der erstgeborene Knabe seit -zig Generationen immer Scipione und das Töchterchen Olympia zu heißen haben, und sich somit ein gewisser Gestaltungsspielraum ergibt, der möglichst vorteilhaft ausgefüllt werden will. Da geht es Hans Wiedemann von HU Tobacco mit seinen neuen Tabaken nicht anders wie dem Ritter von der traurigen Gestalt mit seinem Hengst. Das soll nun aber auch die einzige Parallele sein, die wir zwischen Don Quichotte und dem Hans ziehen wollen, denn schließlich sind die Einfälle, die uns Hans Wiedemann zu teil werden läßt, höchst real in Form meist großartigen Tabaks und nicht die faszinierende Blüte träumerischer Einbildungskraft!

HU Tobacco Gran Reserva LimitadaFür die Namen seiner drei neuen Tabake, die man durchaus als eine in sich geschlossene Reihe sehen kann, hat Hans dieses Mal ganz große Weltliteratur bemüht, nämlich Miguel de Cervantes und dessen satirischen Ritterroman Don Quichotte, vor etwas mehr als 400 Jahren geschrieben und veröffentlicht. Das ist, wenn man einen Sinn dahinter vermutet, eine ziemliche Ansage! Nun haben diese drei Tabake etwas gemeinsam, was sie vom restlichen Sortiment von HU Tobacco unterscheidet, nämlich die Tatsache, dass die fertigen Mischungen etwas mehr als zwei Jahre klimatisch kontrolliert gelagert und gereift wurden, dabei immer wieder neu gewendet werden mussten, bevor sie im Frühjahr 2020 in 50g Dosen konfektioniert worden sind. Das klingt nicht nur aufwändig, das ist es auch und es erklärt, warum die drei Tabake erstens einen höheren Preis haben (müssen) und zweitens, bedingt durch den Produktionsprozess, warum es sich um limitierte Tabake handelt. Die Gestaltung der Dosenetiketten von Alexander Broy trägt diesem Gestaltungsprozess Rechnung und Alexander hat es hier dokumentiert.

HU Tobacco RocinanteDie Frage, die sich jetzt natürlich stellt, lautet: hat sich der Aufwand gelohnt und ist der damit verbundene höhere Preis gerechtfertigt? Dazu schauen wir uns als ersten Tabak mal den Rocinante an, denn es ist der einzige der drei Tabake, den ich auch „frisch“ geraucht habe, während ich die beiden anderen bislang nur „als Fassprobe“ in einem Zwischenstadium nach etwa einem Jahr kannte.

Rocinante ist ein Virginia Blend mit verschiedenen Virginia Grades und Burley, dazu in minimalen Anteilen etwas Kentucky und Perique. Das Tabakbild ist ein normaler Ribbon Cut mit ein paar Ready Rubbed Streifen, mittelbraun mit hellerem Blattgut vermischt. Eher normal als spektakulär und durchaus attraktiv. Der Geruch, welcher der Dose entströmt, ist genau so, wie wir ihn erwarten würden: Viel Malz, eher schwer und cremig süss, gepaart mit bitterschokoladigen Noten im Hintergrund. Da ist nichts zitrisch Frisches, auch nichts Heuiges und auch Kanten fehlen, aber was man wahrnimmt ist rund, voll und vor allem sehr harmonisch. Dieser optische und olfaktorische Eindruck macht richtig Lust auf den Tabak!

HU Tobacco RocinanteDie Feuchtigkeit ist perfekt, der Rocinante lässt sich vollkommen problemlos stopfen, ob in kleine oder große Pfeifen spielt gar keine Rolle, das Anzünden gestaltet sich kinderleicht und der Rocinante glimmt langsam und gleichmäßig bis zum Schluß. Ich glaube, ich mußte keine einzige der etlichen Füllungen, die ich bislang geraucht habe, jemals nachzünden. Das macht den Tabak auch für Einsteiger interessant, die mal in die Welt der volleren und komplexeren Virginia-Blends eintauchen möchten!

Entzündet man den Rocinante, dann erlebt man als erstes die Virginias mit einer vollen malzigen Süsse, einer eher dunklen Süsse, cremig und ergiebig und dazu ganz intensive Noten von Brot und Brotkruste mit ihren Röstaromen. Wie schon im Geruch fehlen auch hier die frischen Zitrusnoten und die heuigen Noten, die manche Virginias nicht selten auffahren, was daran liegt, dass beim Rocinante Dark Virginias und Red Virginias die breite Basis der Mischung bilden. Im Hintergrund haben wir den Burley mit seiner Bitterschokolade. Anfangs wirklich im Hintergrund, aber mit zunehmender Dauer tritt der Burley dann doch deutlicher nach vorne ohne sich aber je in die erste Reihe zu mogeln: er bleibt immer die ergänzende Komponente, wird nie zur bestimmenden. Der enthaltene Kentucky ist für mich als Akteur nicht wahrnehmbar, aber der Rocinante hat durchaus eine gewisse Erdigkeit, die ich allerdings auch eher den Virginias zuschreiben würde und vermutlich wird diese vom Kentucky unterstützt. Aber das ist sicher kein Grund für jemanden, der Kentucky nicht mag (das soll’s  ja geben), den Rocinante zu meiden! Und dann ist ja noch minimal Perique enthalten. Auch der ist fürchterlich leise, aber darin liegt ein bisschen Raffinesse, denn ihn kann man wahrnehmen – vor allem im Vergleich mit dem frischen Tabak, was der langen Reifung geschuldet sein dürfte, und dieses Mininum an Perique wirkt wie eine Vierteldrehung aus der Pfeffermühle über einem guten Pistazieneis: es öffnet durch eine kleine Irritation dem ansonsten zwar sehr komplexen Virginia/Burley Blend eine Tür aus der Geradlinigkeit hin zum Raffinierten!

HU Tobacco RocinanteDer aufwändige Reifeprozess, bei dem Kohlhase & Kopp wieder einmal gezeigt hat, wie hervorragend dort gearbeitet wird, hat also im Wesentlichen zwei Effekte: Erstens lässt er die Virginias noch deutlich dunkler, voller und komplexer erscheinen und zweitens hat der Perique erwartungsgemäß ein ziemliches Durchsetzungsvermögen, was auch bei Minimaldosierung zum Tragen kommt. Verstehen wir uns nicht falsch: der Rocinante ist stilistisch nie ein Perique Blend, aber der Perique wirkt nach – ganz ganz leise und raffiniert! Und zum Schluss dann doch nochmal was zum Namen: Cervantes‘ Rocinante ist bekanntlich ein dürrer Klepper, der nur in Don Quichottes Fantasie zum heldenhaften Schlachtross mutiert, Hans Wiedemanns Rocinante ist real kräftig genug, um weit davon entfernt zu sein, ihn für einen dürren Klepper zu halten. Vielleicht wäre die imaginäre Angebete Don Quichottes, Dulcinea, vor allem wenn man sie sich mit einem frühbarocken Schönheitsideal leicht füllig vorstellen mag, der passendere Name gewesen? Andererseits wirkt der Tabak für mich nicht feminin, also vielleicht passt’s doch?

P.S.: Normalerweise sind alle Tabake, über die ich schreibe, käuflich erworben. In diesem Fall hat mir Hans Wiedemann eine Dose zu Testzwecken geschickt, was mein Urteilsvermögen allerdings nicht im Geringsten beeinflusst hat.




Siedler-Tabak | Mac Baren HH Rustica

Unsere Altvorderen wußten warum und MacBaren erwähnt es in der kurzgefassten Inhaltsbeschreibung auf der Dosenrückseite: Nicotiana Tabacum und Nicotiana Rustica wurden in den Amerikas im 17. Jahrhundert nur selten geraucht und seit dem so gut wie gar nicht mehr verwendet. Die Frage nach dem Grund beantwortet sich selbst, wenn die kleine Rechteckdose geöffnet wird: delikat geht anders.
Und für die berühmte, unsinnige Frage, welches eine Buch, welche einzige Flasche Wein / Whisky / Rum / Mineralwasser / Milch und welche Langspielplatte man für die einsame Insel auswählt, auf der man sein restliches Leben verbringen muß, ist dieser Flake auch nicht zu berücksichtigen. Da würde ich eher Palmwedel rauchen oder zum Nichtraucher werden. Kurzum, wieder einmal ein Tabak, den kein Mensch braucht.

Nun gehöre ich keineswegs zu den notorischen MacBaren Verächtern, obwohl diese Tabake im Generellen nicht zu meinen Vorlieben zählen. Dennoch genehmige ich mir gerne den hervorragenden Stockton und -trotz des bekannten Topflavours- auch ab und zu eine Pfeife mit Navy-, Burley– oder Mixture Flake, ohne daß ich anschließend zur Beichte gehe. Diese drei sind mir einmal, zweimal im Jahr genug des typischen MacBaren Haut Gôuts.

Und der genau fehlt dem Rustica, zum Glück, wird jetzt so mancher sagen. Aber wenn dieses das einzige hervorstechende Merkmal sein sollte, reicht es wohl kaum aus, eine Pfeife damit zu füllen. Per Jensen, der Masterblender bei MacBaren, ist ein respektierter und nachgewiesener Fachmann. Vielleicht war ihm ein wenig fad und er hat den HH Rustica nach der Maxime entwickelt: mal sehen, was noch so geht. Aber bekanntlich leben wir (noch) in einem Tabak-Paradies, die Auswahl an nahezu unüberschaubaren Provenienzen ist riesig und sollte Anlaß sein, auf Geschmacksmasochismus zu verzichten.

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Aus der geöffneten Dose riecht es schlichtweg nur muffig, wie ein lieber Pfeifen-, Tabak- und und Sonstnochwasfreund soeben treffend bemerkte. Und so schmeckt der Tabak auch. Untypisch für die von MacBaren bekannte perfekte Konfektionierung von gepressten Tabaken liegt der Rustica relativ „unordentlich“ in der Dose, allerdings ist die Qualität des wunderschönen, goldfarbenen Einlagepapiers hervorragend und MacBaren hat dieses mit einem hochwertigen Prägedruck versehen.

 

Sie sehen, es fällt mir außerordentlich schwer, Ihnen etwas Substantielles vorzutragen.

Die Flakes sind feucht, aber sofort rauchbar, sofern man sich trotz des Geruchs überwindet. Dem Nicotiana Rustica, jenem Indianertabak, der den Hauptbestandteil des Flakes bildet, sind Dark Virignia und Burley hinzugefügt, damit man eine später halbwegs rauchbare Pressung erhält. Diese wird unter Zuführung von Hitze bewerkstelligt und ist mit einem leichten Casing versehen.


Mit Knick&Falt befüllt, glimmt der Tabak in der Pfeife nach ein, zwei Zündvorgängen leidlich gleichmäßig unter Vermeidung von jeglicher Geschmacksabgabe vor sich hin. Die bereits erwähnte „Muffigkeit“ bleibt für mich als einziges Merkmal feststellbar. Und seine nikotinbedingte Stärke, die allerdings deutlich hervorsticht. All das ist mir viel zu wenig, um auch nur eine Spur von Genuß zu erzeugen.

Im Web lese ich, der HH Rustica sei wahrscheinlich der außergewöhnlichste Tabak der letzten Jahre und ein absolutes Genusserlebnis. Ja, dem stimme ich zu, letztlich haben wir uns ja auch an Negativzinsen für Guthaben bei Banken gewöhnt. Warum nicht auch an einen Minuswert beim Geschmack?

Bevor jetzt eingefleischte MacBaren Liebhaber wie das sprichwörtliche HB-Männchen (Sie erinnern sich?) in die Luft gehen, bitte ich zu bedenken: wie alle Geschmacks- und Erlebnisbeschreibungen sind diese subjektiv. Es ist durchaus denkbar, daß es Raucher gibt, die sich beim Genuß von HH Rustica vor Verzücken im Kreis drehen. Das bleibt ihnen selbstverständlich unbenommen und Gegenreden sind uns willkommen. Allerdings möchte ich mit Albert Vigoleis Thelen vorbeugen: AM ENDE ENTSCHEIDET DIE WAHRHEIT.




Samuel Gawith | Cabbie’s Mixture

Ich hätte gerne ein bisschen Virginia-Perique-Pfeifentabak und ein großes Glas Wasser! Neeiiin! Doch nicht zusammen! Wie? Einfacher zu verpacken? Also getrennt wäre es mir lieber gewesen! Das etwa wäre als Kurzversion ein denkbarer Einstieg in ein Review der Cabbie’s Mixture von Samuel Gawith. Aber es gibt noch einen anderen Einstieg, einen, der etwas mit Verpackung zu tun hat und den möchte ich hier wählen.

Vor ein paar Tagen bin ich eher zufällig bei meinem Tabakhändler vorbei gekommen und beschloss spontan, obwohl ich überhaupt nichts gebraucht habe, irgendwas zu kaufen. Ich habe mehr als genug Pfeifen, genug Zigarren, genug Pfeifentabak und Pfeifenreiniger erst recht. Feuerzeuggas auch. Feuersteine schienen mir für einen Besuch unangemessen, also entschied ich mich doch für Tabak. Kann man ja immer brauchen. Und es sollte einer sein, den ich schon länger nicht mehr geraucht habe. Cabbie's MixtureVielleicht einer, der mir sonst eher zu teuer ist? Genau! Die Wahl fiel auf die Cabbie’s Mixture von Samuel Gawith. Irgendwie war ich irritiert. Irgendwas war an der anders im Vergleich zum fast soldatisch aufgestellten Restsortiment von Samuel Gawith. Das Blech. Es war die Farbe des Dosenblechs! Nicht mehr dieses seit zig Jahren gewohnte distinguiert hellgelbe Blech, nein, sattes orangegold, das ungefähr so edel wirkt, wie die „Goldringe“ an so besonderen Markenpfeifen wie „Dr.Bruyère“ oder so ähnlich. Dass die das nötig haben? Sieht irgendwie aus wie Nordindien! Feinster englischer Pfeifentabak im Mustafa-Centre-Style? Aber was soll’s, ich rauche ja nur den Tabak, die Dose werfe ich danach weg oder rühre Beize oder Klebstoff darin an. Ich will mich nicht beschweren!

Diese neue Dosenfarbe ist aber der erste Hinweis auf eine neue bzw. neuartige Verpackung bei Samuel Gawith, das heißt, um genau zu sein, bei Gawith und Hoggarth, die den Tabak ja seit der Fusionierung vor ein paar Jahren herstellen, und genau das kann man jetzt auch sehen, denn deren Logo prangt einem direkt entgegen, wenn man die Dose öffnet.

Cabbie's MixtureUnd um gleich irgendwelche falschen Hoffnungen im Keim zu ersticken: natürlich haben die Dosen nur eine neue Farbe, sie schließen, einmal geöffnet, genau so schlecht wie seit Menschengedenken. Dennoch scheint diesbezüglich nach all den Jahren unverwüstlicher englischer Tradition des Festhaltens am Nutzlosen ein klitzekleiner Funken von Problembewußtsein in Kendal aufgekeimt zu sein: dieses ganz zarte Pflänzchen zeigt sich uns in Gestalt eines dicken, ja eines wirklich dicken Kartons, der da fest in die Dose gepresst ist. So fest, dass man ihn ohne die zwei glücklicherweise eingestanzten Grifflöcher nur unter Zuhilfenahme von Werkzeug herausnehmen könnte. Cabbie's MixtureMit den Grifflöchern geht es aber ganz gut und nach dem Entnehmen von Tabak zeigt sich beim Wiederverschliessen sofort der Vorteil: dieser Karton sitzt so fest in der Dose, dass er nicht verrutscht, das heißt, man presst den Karton nach unten und drückt so das Papier mit dem Tabak darin einigermaßen dicht und hat dadurch den Eindruck, dass man dem Tabak beim Austrocknen nochmal eine kleine Barriere in den Weg legen kann! Und damit das auch ganz sicher funktioniert, ist die Cabbie’s Mixture von Anfang an so patschnass, dass sich die Frage des Austrocknens höchstens für Raucher stellt, die mit ein bis zwei Füllungen pro Jahr auskommen! Anders gesagt: der einzige, der mit dem Problem des Austrocknens eines patschnassen Tabaks in einer nicht schliessenden Dose mit „Schutzfunktionskarton“ konfrontiert wäre, das wäre ein Nichtraucher, womit das Problem als solches wiederum überzeugend gelöst wäre!?!

Damit sind wir endlich beim Tabak angekommen. Nachdem wir also den dicken Karton entnehmen konnten und das Papier aufgefaltet haben, werden wir belohnt! Die Cabbie’s Mixture bietet wahrscheinlich das schönste und aufregendste Tabakbild, das derzeit überhaupt auf dem Markt ist!

Cabbie's MixtureHier haben wir fein und sauber geschnittene Curlies mit allen Farbschattierungen, die man sich bei Virginia-Perique-Pfeifentabak nur denken kann, abwechselnd mit angerubbelten und angerissenen Curlies. Streng genommen ist die Cabbie’s Mixture also gar keine Mixture im klassischen Sinn sondern ein Curly Cut oder Ready Rubbed Roll Cake! Was die Sache aber natürlich nur noch interessanter macht, zumal sich zum optischen Eindruck ein olfaktorischer gesellt, der mindestens so spektaklär wirkt: da wechseln sich Trockenfrüchtearomen, wie Feigen, Datteln und Rosinen mit Malzsüsse und Brotkruste und natürliche Honigsüsse und Zitrusfrüchte, alles schön schokoladig unterlegt, ab! Ein Feuerwerk sondergleichen! Nur halt eines, das irgendwann einmal gründlich nass wurde, was gerade das Entzünden desselbigen beschwerlich gestaltet!

Bevor wir zum Entzünden kommen, müssen wir die Cabbie’s Mixture aber erstmal in die Pfeife füllen und das ist so ziemlich das einzige, was bei diesem Tabak vollkommen unkompliziert vonstatten geht: einfach ein paar kleine Päckchen zwischen die Finger nehmen, leicht kugelig formen und rein in den Pfeifenkopf, am Ende ein bisschen festdrücken – wie eigentlich immer. Cabbie's MixtureAber dann kommt das Anzünden. Einmal. Zweimal. Dreimal. Immer nur ganz leicht ziehen, um die langsam, nein, um die sehr langsam entstehende Glut nicht zu sehr nach innen zu ziehen. Immer kreisend. Bis eine gleichmäßige Glut an der Oberfläche entsteht. Das braucht bei mir meistens zwischen vier bis sieben Anläufe! Für Menschen mit Geduld eigentlich kein Problem. Die anderen seien gewarnt! Wenn die Cabbie’s Mixture aber mal brennt bzw. glimmt, dann glimmt sie ganz langsam und gleichmäßig – allerdings nur bis zum nächsten Anzünden nach ungefähr fünf bis zehn Minuten! Wenn man die Möglichkeit hat, sich ausschließlich dem Tabak zu widmen, also nicht nebenher zu lesen, mit irgendjemandem zu reden oder sonst was zu tun, was vom Tabak ablenkt, dann schafft man es schon, die Cabbie’s Mixture einigermaßen zivilisiert „durchzurauchen“, aber es ist ein Tabak, der Aufmerksamkeit einfordert und zwar auch für Samuel Gawith’sche Verhältnisse viel Aufmerksamkeit!

Jetzt fragt man sich natürlich unweigerlich, warum man sich das alles aufhalsen sollte und das noch dazu für einen vergleichsweise stattlichen Preis? Ganz einfach: weil die Cabbie’s Mixture, und zwar vollkommen egal, wie of man sie nachzünden muß, geschmacklich ein absolut herausragender Tabak ist, der einen für allen Aufwand, auch den finanziellen, in jeder Hinsicht mehr als entlohnt! Cabbie's MixtureNeben dem Escudo/den Navy Rolls (oder wie auch immer sie im moment heißen) ist die Cabbie’s Mixture in meinen Augen DER Maßstab für einen Virginia/Perique Tabak schlechthin. Ein Tabak, der alles hat, was man sich wünscht: wuchtige malzige Süße, fruchtige Süße, cremige Süße, frische Zirtusnoten, ganz ganz leichte heuige Noten, dann dazu das ganze Trockenfrüchteportpourri des Periques mit feinen schokoladigen Noten unterlegt, die sich manchmal dominanter, manchmal dezenter präsentieren! Die Cabbie’s Mixture ist ein absolut komplexer und harmonischer Tabak mit großer geschmacklicher Tiefe, der nie langweilig oder gleichmäßig wirkt, sondern immer mit neuen Nuancen aufwarten kann. Der Cabbie’s Mixture fehlt vielleicht ein bisschen die überbordende Vollmundigkeit des Escudos, aber dafür ist sie vielschichtiger, ihr fehlt vielleicht die wundervolle Erdigkeit und die Kraft der ALTEN Three Nuns, dafür ist sie süßer und cremiger, aber insgesamt ist das ein Tabak, der in der Champions League der Virginia/Perique Tabake immer mindestens ins Halbfinale kommt! Man merkt mit jedem Zug, was für herausragendes Blattgut hier verarbeitet wird und letztlich zeigt uns die Cabbie’s Mixture wieder eindrucksvoll, dass man, wenn es hauptsächlich um Virginia geht, an dem Haus in Kendal nicht vorbei kommt!

Cabbie's MixtureWill man sich das ganze Trara um Entzünden und Abbrand sparen, dann empfielt es sich, die Pfeife mit Cabbie’s Mixture rechtzeitig zu panen und den benötigten Tabak vorher eine Stunde in der Sonne oder zwei bis drei Stunden drinnen trocknen zu lassen! Dann hat man das Problem gelöst und wird mit einem gleichmäßig und sehr langsam abbrennenden Curly Cut belohnt! Diese extreme Langsamkeit im Abbrand und damit die Ergiebigkeit entschädigt auch ein bisschen für die letztlich kostspielige Feuchtigkeit, denn eine Pfeifenfüllung (meine Pfeifen sind meist Dunhill Group 3 Größe, also eher klein) dauert locker ihre zwei Stunden! Alles in allem würde ich die Cabbie’s Mixture wirklich jedem ans Herz legen wollen, solange er ein bisschen Erfahrung mit Presstabaken hat. Anfänger könnten daran verzweifeln! Und ich persönlich sehe die Cabbie’s Mixture als einen durchaus preiswerten Tabak trotz des gehobenen Preises, denn ihre Qualität ist mindestens so herausragend wie ihr Preis! Viel Vergnügen!

 

P.S.: Vor vier Jahren hat Bodo Falkenried hier schon einmal was zur Cabbie’s Mixture geschrieben, war ebenfalls sehr glücklich mit dem Tabak, hatte aber offenbar kein Problem mit der Feuchtigkeit.


 

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Ungleiche Brüder: Peterson Irish Flake und University Flake

Lässt man die berühmten Adoptivkinder aus der Familie Dunhill einmal außen vor, dann tummelt sich unter dem Dach des Irischen Hauses Peterson schon seit Jahrzehnten eine kleine Schar von Tabak-Persönlichkeiten, die zu kennen gewiss kein Fehler ist. Zwei Flakes sind darunter, die vieles gemeinsam haben, insbesondere einen hohen Anteil an Burley und den Ruf, recht kräftige Burschen zu sein, denen man besser erst nach einer ausgiebigen Mahlzeit begegnen sollte. Rein optisch besteht große Ähnlichkeit: überwiegend mittelbrauner Tabak mit einem ordentlichen Anteil an dunklem Blattgut und einigen hellen Einsprengseln.

Beide Flakes basieren auf Burley und Virginia, darunter ein größerer Anteil Dark Fired, die Dosen-Prosa dazu ist wie üblich eher unbrauchbar. Sowohl dem Irish, als auch dem University wurde ein dezentes Casing mit auf den Weg gegeben, das an trockene Pflaumen oder Feigen (wer sagt als erster „Kletzenbrot“?) erinnert. Beim Irish Flake – und das ist der erste markante Unterschied – wird bereits der Geruch aus der Dose von einem massiven Leder-Duft des Dark Fired dominiert, beim University wird der DFK dagegen eher zurückhaltend als „Gewürz“ eingesetzt.

Dark Fired Tabake (meist ist ein Burley aus Kentucky die Basis, aber die Feuertrocknung ist prinzipiell auch z.B. bei Virginias möglich) sind derzeit schwer in Mode, kaum eine Neuerscheinung aus der englisch-naturbelassenen Ecke kommt ohne sie aus. Der Tabak hat auch viel zu bieten, er ist prägnant erdig-würzig, wirkt aber weder im Geschmack noch im Raumduft so aufdringlich wie Latakia. Zudem hat er ordentlich Gehalt und spricht damit auch langjährige oder stärkere Raucher mit höherer Nikotin-Toleranz an. Für mich persönlich wäre hier weniger oft mehr. Der Irish Flake ist sicher noch kein Samuel Gawith 1792 Flake, aber spürbar stärker als der University Flake.

Der University Flake bietet für mich das rundere Gesamtpaket: Das ist ein voller, gut mittelschwerer Tabak, das Casing unterstützt die Virginia-Süße und den weichen Burley, der Anteil DFK ist gerade hoch genug, um deutlich wahrgenommen zu werden, ohne alles andere plattzumachen.

Beim Irish Flake ist dagegen die Menge an Würztabak so hoch, dass man schon ein besonderer Liebhaber des Dark Fired sein sollte, inklusive der Nebenwirkungen – Nikotingehalt, aber auch eine zunehmende Bitterkeit des Rauchs, die auch nicht mehr durch das noch dezent spürbare Casing kompensiert wird. Die Vorgängerversion des Irish – von Mac Baren produziert (Steuernummer 10102) – war sogar noch etwas markanter und rauchiger, balancierte dies dafür aber mit einer süßen Schwere aus, die die Neuauflage von STG (Steuernummer 517) nicht mehr ganz schafft. Im Tabakbild ist der Mac Baren dann auch um einiges dunkler, selbst die Virginias leuchten eher ockerfarben als golden aus dem satten Umbraton des Flakes heraus.

Überhaupt die Geschichte der Peterson-Tabake: Ursprünglich von Murray (wie auch die „alten“ Dunhills) in Irland hergestellt, später bei Kohlhase & Kopp, dann bei Mac Baren, bis die Tabak-Marke Peterson schließlich 2019 von der Scandinavian Tobacco Group übernommen wurde. Jedes Haus hat die Rezepte wohl etwas unterschiedlich interpretiert, es gab im Laufe der Jahrzehnte mit Sicherheit auch Verwerfungen in der Beschaffenheit der zugrundeliegenden Rohtabake. Die Unterschiede sind nicht riesig, so mancher Effekt entsteht zudem auch durch die jahrelange Lagerung, aber gerade bei Mac Baren habe ich den Eindruck, dass man dort den Umgang mit Dark Fired beherrscht wie wohl kaum irgendwo sonst. Der ungesoßte „Original Cavendish“ beispielsweise, den Mac Baren entwickelt hat und in vielen Mischungen einsetzt, ist nichts anderes als ein Dark Fired Kentucky, der durch Nachfermentierung unter Druck und Hitze geschmacklich charakteristisch bleibt, aber runder und gleichzeitig milder wird. Man probiere nur den großartigen Stockton! Wer weiß, vielleicht hatten sie bei ihrem Irish Flake einen kleinen Teil von diesem Cavendish beigemischt…vielleicht ist meine lang gelagerte Dose aber einfach nur etwas altersmilde geworden, der „neue“ von STG ist dagegen maximal einige wenige Monate alt, so ein Vergleich ist immer etwas unfair.

Beim University Flake ähneln sich übrigens die Versionen von Mac Baren und STG noch mehr als beim Irish. Auch hier ist der STG eine Nuance heller im Tabakbild, die verwendeten Virginias riechen etwas mehr nach Heu, während der Mac Baren wohl auch beim University etwas stärker auf „matured“ Virginias zurückzugreifen scheint. Sättigend und natursüß sind sie beide und wenn man sie nicht wie ich gleichzeitig-abwechselnd in baugleichen Pfeifen (hoffentlich auch gleich gestopft und angezündet) raucht, wird man sich schwer tun, allzu gravierende Unterschiede festzumachen.

Fazit

Beide Tabake sind eine Empfehlung für die späteren Abendstunden, wenn es etwas kräftiger zugehen darf. Der University Flake ist ein All-Time-Klassiker, der auch in seiner jüngsten Inkarnation sehr stimmig und ausgewogen ist. Insbesondere das leichte Casing ist harmonisch auf den Tabak abgestimmt und keinesfalls dominant: Das ist KEIN „Aromatabak“ – weder im klassischen Sinne, noch gar ein modernes Früchtekompott oder ein Lakeland’scher Geranientopf. Sein nächster Verwandter dürfte der St. Bruno Flake sein, der allerdings eine deutlich markantere Aromatisierung in eine ganz andere Richtung (Essig/Florales) aufweist und eine Spur leichter ist.

Der Irish Flake war und ist für mich dagegen ein Tabak für eher rare Gelegenheiten. Meist ist er mir einfach zu stark und dann finde ich tatsächlich die Vorgängerversion von Mac Baren mit ihrer süßen Rauchigkeit gelungener. Wer so etwas wie eine Alltagsversion vom Samuel Gawith 1792 sucht, könnte allerdings viel Freude an dem Iren aus Dänemark finden.

Und wer sich für die Interpretationen dieser Klassiker aus dem Hause Kohlhase & Kopp interessiert, der mag ja den Stirling und den Wallace Flake (Rattray’s) etwas näher unter die Lupe nehmen.

 




Aus dem geheimen Ort: Norwood 1968

Corona ist der Antrieb, den angeborenen Geiz ein wenig, ein ganz klein wenig, hintenanzustellen. Na ja, zumindest sich selbst gegenüber. Bestand doch bisher der Antrieb für meine jahrzehntelang währende Sammelsucht bei Tabaken vor allem nur in der folgenlosen Betrachtung der Schätze. (Gutsherren wandern tatenlos über ihre Latifundien, ich durch meine Regale). Herausgerückt habe ich in der Münchner Runde, dem Freitagsclub, nur ganz selten einen alten Tabak, da ging mir die Freundschaft und Verbundenheit dann doch zu weit. Allerdings: einen so lang gehegten und gepflegten Vintage allein zu rauchen, macht mir ebenfalls überhaupt keine Freude. Was für ein Dilemma.

Aber jetzt! So gerne ich es tun würde, ich kann niemanden einladen, einen besonderen Genuß mit mir zu teilen, in diesen Zeiten alles verboten. So bin ich gezwungen – quasi durch parlamentarische Verordnung- die folgende Pretiose allein zu genießen. Aber bitte, keineswegs aus Bosheit, sondern schlichtweg aus Anteilnahme an Euren gegenwärtigen Verhältnissen: MacBaren Plug Cut „Norwood“ aus dem Jahre 1968. Und wer jetzt aus schnöder Voreingenommenheit oder als typischer Besserwisser abwinkt, dem kann ich auch nicht helfen.

In der Anfangszeit meiner Tabak -&Pfeifenleidenschaft sind wir oftmals mit dem Fahrrad über die Grenze geradelt, in Venlo haben die Erwachsenen Kaffee, Butter, Eier und Pindakas gekauft. Und wir pfeifenrauchenden Pennäler Balkan Sobranie 759, fast alle Dunhill Tabake, Niemeyers Irish Mixture und MacBaren Stockton, Mixture, Navy Flake und den Norwood. Ab und zu auch den Richmund Medium Navy Flake, aber der war in Deutschland eh schon preiswert. Die 50 g Dosen von Dunhill kosteten 4,50 DM, der Sobranie 5,50 DM, die 100g Dose Norwood 9 DM. Und alle Tabake hatten wunderschöne, lackierte Deckel.

Zum heutigen Feiertag und weil das Wetter hier in München fast hochsommerlich ist, die Cocktail Hour und der Grillabend bereits geplant sind, will ich mir was Besonderess gönnen und ich bin auf den MacBaren Norwood aus dem Jahre 1968 gestoßen. Im Hinblick auf das Alter verbietet sich ein vorwitziges Urteil über diesen MacBaren Tabak, denn er wird sich sicherlich verändert haben.

Die 100 g Dose ist noch immer fest vakuumverschlossen, davon zeugt das deutlich vernehmbare „Plop“. Und dann folgt eine Überraschung nach der anderen. Der Norwood ist regelrecht feucht und liegt wie festgebacken in der Dose, und das nach 52 Jahren. Ich hebe diesen runden Kuchen an und da zerbricht er natürlich in große Brocken, allerdings hält die Feuchtigkeit diese immer noch gut zusammen, fast wie ein Krumble Kake.

 


Der Norwood – er wird seit einigen Jahren nicht mehr hergestellt – ist (war) ein Virginia-Burley Ready Rubbed, dem das typische MacBaren Honig-Ahorn Flavour seinerzeit nur in Maßen zugesetzt wurde. Das Tabakbild zeigt uns einen Cut Plug Genannten (?), der u.a. mittlere bis große Flakescheiben sehen läßt und in den Farben von hellbraun (Virginia) bis zu dunkelbraun (Burley) variiert. Der Duft ist kräftig, heuig, malziger Pumpernikel, Backpflaume und wird am besten mit „satt“ beschrieben. Das hat durchaus Charakter, auch wenn leider nur auf diese eine Dose zu beziehen.

Zunächst fülle ich den Norwood in ein Schraubdeckelglas um, dem ich für die nächsten Wochen eher zutraue, dass es die fantastische Kondition des Tabak hält. Denn ich muß ihn natürlich für die Wiederöffnung des Clubs der Münchner Runde sorgfältig pflegen.

Da er nicht nur feucht, sondern auch ein wenig grob geschnitten ist, gönne ich ihm 1 Stunde an der Luft auf einem Blatt von der Küchenrolle. Ich drehe den Tabak  zu Kugeln und befülle damit eine genau gleichaltrige Kriswill Bernadotte 49. Es muß halt alles zusammen passen.

Nachdem die Bernadotte befüllt war und ich mir ein Glas Sherry zur Abrundung des erwarteten Geschmacks bereitgestellt habe (in der Tat war es selbstverständlich nicht nur ein Glas, sondern auch die Flasche), begann tatsächlich ein hervorragender Genuß. Mit ein, zwei Streichhölzern erzeugte ich einen sehr schönen Rundumbrand und war überrascht, wie hervorragend sich nach so langen Jahren Virginia und Burley verbunden haben. Von Beginn an ein sehr weicher, voller Geschmack, der Burley dominant. Ich schmecke ein feuchtes Früchtebrot, ohne überbordene Süße, Nüsse und Piment. Der Norwood bleibt spitzenlos bis zum Ende. Ein wenig schwachbrüstig, was das Nikotin betrifft, aber wegen des kräftigen Burley-Eindrucks bin ich da nicht böse. Ein sehr wohlschmeckender Rauch, mein Eindruck ist natürlich nicht völlig neutral. Schließlich habe ich schon bereits einige Jahre mit ihm verbracht.

Ich werde noch zwei, drei, ja, vieleicht auch noch ein paar Pfeifen mehr von ihm rauchen, dann allerdings bleibt er reserviert für die post Corona-Münchner Runde.

 




Samuel Gawith | RB Plug

Also wenn schon alle anderen im Moment Aromaten testen, dann muss ich wohl auch mal wieder. Unter den wenigen Aromaten, die ich rauche, sind die meisten aus den Lakelands. Manchmal stärker aromatisiert, manchmal weniger, alle haben eines gemeinsam: ich rauche sie sehr selten, aber ich rauche sie mit großer Freude! Und ums Testen geht’s eigentlich gar nicht, denn die Tabake kenne ich schon lange, es sind schließlich keine Neuheiten, es geht eher darum, mal ein paar Eindrücke aufzuschreiben.

Der Tabak, den ich mir dafür ausgesucht habe, ist der RB Plug von Samuel Gawith, von dem ich noch einen kleinen Rest habe und der so alle zwei bis drei Monate mal abgeschnitten, gefüllt und geraucht wird. „Um Gottes Willen“ hör‘ ich schon den einen oder anderen entsetzt aufschreien, „RB Plug, bist du wahnsinnig! Das kann man doch nicht rauchen!“ Kann man. Meistens gut sogar und wenn man auf eine zahmere Version stösst, denn die Versionen sind hinsichtlich ihrer Aromatisierungsintensität nicht immer gleich (Samuel Gawith eben!), dann kann man das sogar sehr sehr gut!

Meine Version ist so eine zahmere. Der Plug hat schon ein paar Jahre auf dem Buckel, ist aber natürlich immer noch perfekt konditioniert. Dieser RB Plug ist relativ feucht und nicht so ultrastark gepresst, wie es manchmal vorkommt. Von der Konsistenz her am ehesten vergleichbar mit dem Epikur!

Nun gibt es verschiedene Möglichkeiten, Plugs aufzubereiten. Jeder hat da so seine persönliche Vorliebe. Ich schneide mit einem meiner Kochmesser, das eine einseitig geschliffene Klinge hat, extrem dünne Scheiben ab. Fast wie Späne sind diese Scheibchen. Aus jeweils zwei drei solcher Späne forme ich Tabakkügelchen, die ich dann nacheinander in die Pfeife stopfe. Die Brösel obendrauf. Das Anzünden gestaltet sich vollkommen problemlos, der Tabak brennt gleichmäßig langsam ab und entfaltet seinen Geschmack und sein Aroma.

RB PlugJa, und welches Aroma und was für einen Geschmack? Der RB Plug besteht aus verschiedenen Virginiablättern, die zu einem Block gepresst sind. Das Besondere an diesen Hocharomaten aus den Lakelands ist, dass ihre Basis immer herausragende Virginias enthält, die geschmacklich auch präsent bleiben – bis zum Ende der Füllung. Bei vielen unserer hiesigen Aromaten ist es oft nur die Herstellerpanegyrik von erlesenstem Dingsbums, die neben der Aromatisierung bleibt. Wir haben also beim Samuel Gawith RB Plug so etwas wie den Kendal Plug oder Full Virginia Plug, nur dass das Blattgut eben mit Aromen angereichert wurde.

Geschmacklich ist der RB Plug ein Tabak, bei dem die intensive Malzsüsse der dunkleren Virginias dominiert. Dann kommen noch Trockenfrüchtenoten und eine gehörige Portion natürlicher „Cremigkeit“ dazu. Soweit die Basis. Die Aromatisierung ist erstmal ein wenig seifig, quasi die Aromatisierungs-DNA aus Kendal! Aber nur sehr sehr dezent im Hintergrund! Also kein Seelenverwandter des parfümigen Ennerdales zum Beispiel! Das eigentliche Aromenzepter, das der RB Plug schwingt, sind Gewürze! Pfeffriger Piment, Vanille, Zimt, Nelken und Kardamom. In Kombination mit der Malzsüsse und den Trockenfrüchtenoten der Virginias entsteht der Eindruck von Weihnachtsbackwerk. Geschmacklich wirkt das mehr wie ein schweres Panpepato/Panforte als wie Lebkuchen, wenngleich man den auch finden kann.

RB PlugAber so geradlinig einfach (Weihnachtsbackwerk) geht’s in Kendal nicht zu! Da gibt es immer irgendwas irritierendes, was irgendwo eingebaut wurde. Da ist der RB Plug keine Ausnahme. Und diese Iriitation führt uns schnurstracks doch wieder in die Welt der Parfümerie und der 68er Flower Power Aromen: hier sind Patchouli-Noten unterlegt, die schwül, holzig süß und erdig unserem Panpepato zu einem einzigartigen Höhenflug an Raffinesse verhelfen! Raffinesse deshalb, weil diese holzigen und erdigen Noten wiederum fantastisch mit den Virginias korrespondieren. Die Grenze zwischen den Patchouli-Noten und dem Virginia-Tabak ist hier vollkommen fließend und dazu die orientalische Gewürzwelt – unwiderstehlich! Aber für mich nur alle zwei bis drei Monate mal. Nicht umsonst ist der Samuel Gawith RB Plug einer der ganz großen Klassiker unter den englischen Hocharomaten! Bodenständig seriös und ausgelassener Hippie zugleich! Probiert’s aus!

Beste Grüsse

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Pfeifen Huber | Selected Blend – Irish

Die Besprechung von Aromaten – Hocharomaten gar – ist kein besonders häufiges Ereignis in diesem Blog. Fast drängt sich ein Vergleich mit sophistischen Weinkennern auf, in deren Kreisen Rezepte für Sangria oder Glühpunsch dann auch eher unter vorgehaltener Hand ausgetauscht werden. Diskussionen zu „Naturbelassenen“ versus „Aromaten“ werden im Internet gerne mit ähnlich religiösem Eifer geführt wie die Frage, ob sich die Nutzer von Aktivkohlefiltern überhaupt als echte Pfeifenraucher betrachten dürfen. Tatsächlich hatte mich die Beschreibung durchaus neugierig gemacht: ein solider Anteil an Cube Cuts (kleine Flake-Würfelchen) zusammen mit dem weltweiten „ISO-Aromaten-Standard“ Virginia-Black Cavendish-Burley versprach einen langsam und problemlos rauchbaren Tabak. Dazu eine interessante Aromatisierung mit gebackenen Früchten (wie das wohl roch und schmeckte?), Vanille (ok, die ist ohnehin immer mit dabei) und Irish Whiskey (John Jameson & Sons oder Tullamore Dew?). Mit dieser Beschreibung war klar, dass das namensgebende „Irish“ bestimmt keine Remineszenz an Alltime-Klassiker wie den Erinmore Flake oder den überragenden Peterson University Flake war, sondern – so schloss ich messerscharf – aus einer besonders raffinierten Whiskey-Aromatisierung zu erklären war.

 

So dachte ich mir das jedenfalls.

Das Öffnen der hübschen blau-silbernen 50g-Dose offenbarte mir etwas radikal anderes. Das Tabakbild passte noch sehr gut zur Beschreibung: grob geschätzt gleiche Teile Virginia, Burley und Black Cavendish, dazwischen einige Cube Cuts, fein. Aber der Geruch? Der Geruch! Dazu muss ich etwas ausholen und in die „Altvorderenzeit der Hocharomaten“, die 80er-Jahre des vorigen Jahrhunderts zurückblicken.

 

Damals eroberten innerhalb weniger Jahre zwei ausgesprochen revolutionäre Aromatabake den Markt: Einmal der Black Diamond (seinerzeit im Vertrieb von Stanwell, heute glänzt er in seiner Schmuckdose unter dem Larsen-Label) zusammen mit seinem „Tankstellen-Tabak“-Ableger Black Luxury (Danske Club, die „B“-Marke von Stanwell). Unglaublich weich und mild, mit einem damals enormen Anteil stark gesoßtem Black Cavendish, unbestimmt fruchtig-puddingartig, kann man den ganzen Tag durchrauchen, wird nie zu heftig oder zu langweilig. Bis heute übrigens nahezu unverändert und ein Stammgast in meiner Tabakbar. Und dann gab es noch den Indigo (ebenfalls Stanwell, auch er ist heute als Larsen gelabelt). Der Indigo war deutlich „lauter“: einen so heftig aromatisierten Tabak gab es vielleicht nie zuvor, ein ganz frisches, helles und markant-exotisches Frucht-Flavour hatte der und doch konnte man nie genau sagen, welche Frucht damit eigentlich gemeint war. Eine Füllung genügte und die Pfeife schmeckte noch Jahre später danach. Das war so ein bisschen wie der „grüne Apfel“, der plötzlich in allen Geschirrspülmitteln, Shampoos und was weiß ich noch alles eingesetzt wurde, einem „Apfel!“ ins Gesicht brüllte und der doch nicht wirklich nach Apfel roch.

Auch der heute vertriebene und spürbar reformulierte „Indigo“ trägt noch die Gene dieser Aromabombe in sich, ein wesensverwandter Tabak ist z.B. „Belle Epoque“ (heute ebenfalls Larsen), ein toll zu rauchender reiner Cube Cut, der mit zusätzlicher Vanille und Rum etwas anders abgestimmt ist. Ein modernes Mitglied dieser – wenn man so will – „Familie“ ist übrigens der 2019 erschienene Ashton Signature, der dieses sehr spezielle „Frucht“-Aroma recht raffiniert mit einem kleinen Anteil Latakia kombiniert.

Zurück zu unserem Huber „Irish“. Er ist für mich ein SEHR naher Verwandter dieser Tabake. Ich mag so etwas gerne ab und zu, für mich ist das wie eine nostalgische Reise zu meinen Pfeifen-Anfängen. Aus der Beschreibung hätte ich das allerdings im Leben nicht erwartet. Freilich darf man die Hersteller-Prosa von Tabaken nie ganz ernst nehmen, vom aktuellen Indigo wird schließlich auch behauptet, er wäre in Richtung Honig (keine Spur!), Vanille (im Leben nicht!) und Pflaume (hier muss eher der Werbetexter gemeint sein…) aromatisiert. Stattdessen könnte man einfach schreiben: „frisch, fruchtig und exotisch, aber total undefinierbar“ und man wüsste mehr. So geht es mir nun auch mit dem hier besprochenen „Irish“. Das ist eine moderne und clever gemachte Indigo-Variation, freilich ohne den Großvater 1:1 „nachzubauen“, durchaus schmackhaft, kann man (wenn man denn Hocharomaten zu rauchen versteht!) locker ohne Biss und Sottern bis auf den letzten Krümel aufrauchen, das Aroma und die Dauerwelle bleiben auch in München bei einsetzendem Frühling stabil, alles gut, an der Qualität ist rein gar nichts auszusetzen. Aber weshalb heißt der ausgerechnet „Irish“? Und wo soll der Whiskey sein? Die Vanille (vielleicht eine Spur!)? Hmmm.

Für wen ist nun der „Irish“?


Wer (wie auch ich) sich gerne ab und an in der Nostalgie der ersten Generation von Hocharomaten bedient, aber mit 100g-Dosen (besonders den ziemlich undichten Schmuckdosen) seine liebe Not hat, weil die nach ein paar Wochen staubtrocken geworden sind, der ist mit dem hübschen 50g-Doserl bestens bedient.

Sonntagnachmittag in die Stanwell 124 (oder die 162) gestopft und die Welt ist schön.

 

Sozusagen der DeLorean DMC-12 für die Zeitreise in die 80er Jahre. Der Preis ist in Ordnung, 100g Indigo oder Belle Epoque kosten fast genau das Doppelte wie die 50g hier.


Wer etwas wirklich „Irisches“ sucht, wird dagegen eher enttäuscht sein. Dann lieber den unerreichten University Flake in einer Peterson Sherlock Holmes und dazu eine Seite aus James Joyces Ulysses (für Mutige: einen Satz aus James Joyces Finnegans Wake mit mindestens einem ordentlichen Glas Jameson‘s). Wer etwas KRÄFTIG Irisches sucht, der greife zum DFK-Monster Peterson Irish Flake. Nikotin zum Abwinken. Der Huber „Irish“ enthält mit Sicherheit Nikotin, allerdings nichts, was einem nach (oder vor) dem Frühstück Sorgen bereiten müsste.


 

Wer dagegen unikate Aromaten sucht, der mag zu Hubers Amerika Special greifen oder zur Auslese No 1 (beides Virginia und Burley ohne Black Cavendish mit zwei ganz unterschiedlichen nussigen Aromen) oder zur Auslese No.3 (Virginia mit ganz leichtem Pflaumenaroma). Wer einen Aromaten wirklich alter Schule sucht, der mag den Larsen Nr. 32 Curly Flake oder den Larsen Classic versuchen (beide leicht mit Karamell versetzt und praktisch ohne Black Cavendish).

Fazit

Ein unzweifelhaft guter Hocharomat, handwerklich wie zu erwarten tadellos, vom Geschmack und Aroma allerdings nicht wirklich neu und ein gutes Stück weit weg von der Prosa der Beschreibung.

erhältlich hier




Peterson | Irish Dew – auf Abwegen

Diesen Tabak gibt es schon einige Jahre und die vom Hersteller hervorgehobene Aromatisierung hat mich davon abgehalten, ihn zu rauchen. Die Beschreibung klingt denn auch für einen Pfeifenraucher, der (fast) ausschließlich naturbelassene Tabake genießt, ein wenig abenteuerlich: Whisky und Vanille, irgendein Fruchtblüten-Aroma – also ein Misch Masch, da nicht näher bezeichnet und Schokolade (wenigstens keine heiße). Sie erkennen an dieser Einführung schon meine Skepsis und auch einen gelinden Unwillen, mich mit einer solchen Aromabombe zu befassen. Dann das „Aha oder Öha“ , denn alles kam ganz anders.

 

Peterson, deren Tabake -abgesehen von den neuen Dunhill-Petersons)- nicht unbedingt auf meiner Tagesmenukarte stehen, hatten mich im März 2018 schon einmal sehr angenehm mit einem Saisontabak überrascht. Dennoch bedurfte es eines Hinweises vom Tobacconisten meines unverrückbaren Vertrauens, denn allein das Racing Green des Pouches hätte mich nicht zum Kauf veranlaßt. Obwohl, irgendwie blendete sich bereits die Verpackung der Peterson Special Reserve assoziativ in den Kaufanreiz ein. Zum Glück, wie ich jetzt weiß.

Dose ist nicht! Der Ready Rubbed Flake wird in einem Pouch angeboten, perfiderweise mit 40g Inhalt. Wer schaut denn so genau auf die Angaben, scheint das Kalkül des Herstellers zu sein. Vielleicht steht da ein profitmaximierender Plan dahinter, denn bekanntlich werden im Brexit Country Pouches sogar mit 25g Tabak verkauft. Da ich, wie Sie vermutlich auch, diesen Tabak nicht unverzüglich völlig aufrauchen werde, sollte er in ein Schraubdeckelglas umgefüllt werden, um Austrocknen zu vermeiden. Denn nach ungefähr einer Woche im geöffneten Pouch ist er bereits zu trocken.

Also – das Vaku-Siegel gebrochen und ……..die Überraschung. Ich rieche weder etwas von Whisky, Schokolade, noch von Vanille und auch nixen von irgendwelchem Früchte-Laub. Was duftet, ist ein wundervoller Virgina und der etwas dunkler-nussartig riechende Burley. Denn aus nichts anderem besteht der Irish Dew, 2-3 verschiedene Virginias (hell und rotbraun) und ein gerösteter Burley. Natürlich liegt da ein leichtes Casing über der ganzen Geschichte, aber so unaufdringlich, so sachte, daß es tatsächlich angenehm ist und ich die Gedanken daran ausblende.

 

Das ausgewogene Tabakbild ist typisch für einen ready rubbed Flake, teilweise finden sich noch gepresste Stücke in der Mischung. Es gefällt mir auch, dass die Mischung ziemlich breit geschnitten ist, denn das erhöht für mich den Rauchgenuß und fördert ein besonders langsames Rauchen. Zum Befüllen der Pfeife mag ich keinen Kommentar abgeben.

Die Kondition ist sehr gut, nicht zu feucht, nicht zu trocken. Hat man zuoberst einige Flakebrocken liegen, kann das Zündeln etwas langwierig werden, aber wer hat die schon. Ist es gelungen und glimmt die gesamte Oberfläche, merken Sie es. Das ist ein probater Virgina und kein vorrangig aromatisierter Tabak, dessen Heugeschmack vortrefflich vom Burley abgerundet wird. Die nussige Gesamtsüße kommt mir so sehr natürlich vor und ich rauche die 4 Testpfeifen ganz besonders langsam – und genußvoll.

In der Tat empfehle ich, den Irish Dew mit etwas Aufmerksamkeit zu rauchen, er hat die Tendenz, leicht zu heiß zu werden und wird dann geschmacklich zu trocken. Der Abbrand ist hervorragend (nein, – ich erwähne nicht mehr den reinweißen Ascherest als wichtigstes Ergebnis für den Rauchgenuß!). Die vermeintliche Natürsüße und der Nussgeschmack bleiben von Anfang bis Ende gleich gut. Das spricht für die Güte des Tabaks und die Fähigkeit des Blenders, aber das ist man ja von STG gewohnt:

 

Wohl bekomm`s, in der wahren Bedeutung des Wunsches.

 

Peterson Irish Dew Mixture
40g Pouch