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Pipe Republic | St. Peter’s Flake

Was bedeutet Alltag? Ich denke dabei sofort an Alltagssorgen und Alltagsprobleme, an die zermürbenden Lästigkeiten des täglichen Lebens, die einem jegliche Kreativität, Energie und Lebenslust rauben können. Das Zähneputzen, Einkaufen, E-Mails-Lesen, Müll-Raustragen und Rasieren …

In der deutschen Sprache ist „Alltag“ einfach nicht positiv besetzt, also zumindest bei mir nicht. Schon mit dem Wort „Alltag“ kann man mir den Tag verderben. Ich habe dieses Wort jetzt schon so oft verwendet, dass ich die ganze Woche über übellaunig sein könnte.

Aber warum tippe ich es denn überhaupt so häufig? Noch dazu in einem Tabak-Review in einem Pfeifen-Blog?
Im Englischen gibt es den Ausdruck „Allday-Smoke“ Damit ist ein Tabak gemeint, den man gut und gerne jeden Tag rauchen kann. Das Wort „Allday“ ist scheinbar positiver besetzt. Etwas ist so gut, dass man es jeden Tag tun möchte, oder sogar den ganzen Tag lang. Also zum Beispiel einen bestimmten Tabak rauchen.

Wenn ich den „St. Peter’s Flake“ nun in meinem Review als einen „soliden Alltags-Rauch“ bezeichne, dann habe ich nicht nur einen überaus bescheuerten Anglizismus benutzt, sondern werde mit der negativen Konnotation des Wortes diesem Tabak auch überhaupt nicht gerecht. Wobei er bei mir zur Zeit tatsächlich ein Alltags-Tabak ist.

Ich gehöre nicht zu den Rauchern, die unendlich viele Tabakdosen offen haben und mal hier und mal da naschen. Bei mir sind das höchsten zwei, eine Dose Virginia – mit oder ohne Perique – und manchmal noch irgend etwas Aromatisches, entweder ein Engländer – ja, Latakia fällt bei mir in die Kategorie Aroma – oder tatsächlich ein Aromat, meist auf Virginia-Basis. Ich rauche demnach relativ sequentiell: Dose für Dose.
Mein Alltag wird also zur Zeit von diesem Flake aus dem Hause Pipe Republic/Tabak Benden bestimmt. Ich rauche ihn fast täglich. Ist das jetzt der trübe, graue Alltag des Chronisten? Die Tristesse der Einförmigkeit? Mitnichten. Der Tabak ist wohlschmeckend, brennt problemlos und ist perfekt konditioniert, ich kann mich überhaupt nicht beschweren. Aber warum dann nicht einfach ein positiv flockiges Tabakreview, wie es sich gehört, sondern einen langatmige Vorrede über den Alltag?

Mittelordentlich geschichtete mitteldunkle Flake-Streifen, die einen sehr angenehmer Geruch nach Heu und Zitrusfrüchten verströmen. Der Tabak ist eine klassische Mischung aus Virginia und Perique.
Der Geschmack ist pfeffrig perlend auf der Zunge, vermutlich ist das der Perique …
So etwas in der Art. Dann könnte man noch etwas technisches zum Tabak sagen:
Die Steuernummer 28712 lässt auf DTM als Hersteller schliessen, der Preis ist mit 18,30 Euro für 100g absolut erschwinglich.

Und da ist es auch schon das nächste Kriterium für einen alltagstauglichen Tabak, man muss ihn sich auch täglich leisten können. Im Gegensatz zum ganz besonderen Sonntags-Tabak, den man wie seinen Sonntagsanzug nur an hohen Feiertagen trägt, so ist es auch mit dem Tabak: Einen Kingfisher oder Penzance raucht man nicht nebenher in der Werkstatt. Und genau da geniesse ich den St. Peter’s Flake. In der Werkstatt, im Atelier, beim Malen im Freien. Da glimmt der gutmütige, solide Flake in einer Deckelpfeife, geht auch beim unkonzentrierten Rauchen selten aus und wenn, so lässt er sich mit dem Alltags-Draussen-Zippo problemlos neu entzünden. Keine Offenbarung, keine Geschmacksexplosion, aber mit diesem Tabak in der Pfeife, lässt sich der Alltag aushalten. -> Bezugsquelle<




Viking Bay Flake – Pipe Republic

Das Gezeter und Gejammer unter vielen Tabakliebhabern nimmt zu ob der abnehmenden Verfügbarkeit so mancher Tabake, die gemeinhin als Ikonen betrachtet werden. Du meine Güte, als ob wir nicht in einem Tabakparadies leben, in das sich z.B. unsere österreichischen Freunde, die seit 1784 unter einem habsburgischen Tabakmonopol darben müssen, mit Freuden begeben würden. Wenn es denn nur in ihren Landesgrenzen liegen würde. SG liefert anscheinend immer noch nicht in die EU, die Germains verbreiten unverändert falsche Nachrichten in bester Trumpmanier. Oder besser, weil aktueller, wie ihr Landesherr, der honorige Herr Johnson. In Dänemark finden eklatante Markt- und Markenverschiebungen statt, die die Tabakwelt einschneidend, grundlegend und „katastrophal“ verändern. (Ironie)

Wie soll das enden?

Vielleicht lebe ich ja in einer Parallelwelt, aber das alles geht nahezu spurenlos an mir vorüber, ist mir nicht einmal ein lakonisches Schulterzucken wert. Denn immer wieder entdecke ich interessante Tabake, die frei verfügbar sind. Das heißt, kaufen muß ich sie natürlich, aber das ist ja die einfachste Übung. Ein wenig schränke ich mich selbstauferlegt ein, denn die marktbeherrschenden Aromaten „gehen nicht an mich“, wie HD Hüsch anschaulich niederrheinisch formuliert hat. Ergo bleiben die „reinen“ oder „fast reinen“ für mich übrig. Völlig ausreichend, selbst wenn ich nicht über die Jahre ein ganz, ganz kleines Handlager mit ein, zwei Pretiosen angelegt hätte.

Ein blütenreiner Virginia ist der Viking Bay Flake von Pipe Republic, einer Marke aus dem Zigarren-, Pfeifen- und Pfeifentabak Emporium der Düsseldorfer Tabac Benden. Online bestellt, traf er bereits am nächsten Tag bei mir ein. Die Steuernummer und das bekannte Inlay zeigen es: der Hersteller ist die Lauenburger Dan Pipe Dr. Behrens KG, genauer deren Tochter DTM – Dan Tobacco Manufacturing GmbH. Neben Kohlhase & Kopp der zweite, wichtige deutsche Tabakproduzent, nachdem Planta von MacBaren geschluckt wurde.

DTM fertigt u.a. eine ganze Reihe bekannter naturreiner und naturnaher Virginia Tabake, die wir alle kennen und der Viking Bay Flake von Pipe Republic gehört zu den typischen DTM Epigonen, nur das er sicherlich einer der absolut „rein-reinsten“ Virginias ist und damit fast schon ein Alleinstellungsmerkmal hat.

Vorweggenommen: ein Volltreffer!


Pipe Republic gibt an, das der Viking Bay „als einer der wenigen zum allergrößten Teil aus echten US- Virginias aus dem Old Belt besteht“. Wir nehmen das jetzt einmal als Qualitätskriterium, ganz einfach, weil sich das beim testen nachvollziehen ließ. Jedenfalls ist der Duft aus der geöffneten Dose wunderbar voll, heuig trocken und mit einer sehr verhaltenen virginia-typischen Süße versehen, der meiner Vorstellung eines hellen, absolut naturreinen Virginias exakt entspricht.

In der geöffneten 50g Runddose sehen wir die erwarteten exakt gleich dick geschnittenen Flakescheiben.

In der geöffneten 50g Runddose sehen wir die erwarteten exakt gleich dick geschnittenen Flakescheiben

 

Diesmal habe ich Meerschaumpfeifen ausgewählt, um den Viking Bay auszuprobieren. Für mich ist das ideales Material, da es bei Meerschaum kein cross over gibt und er sich völlig neutral verhält.

Mit K&F (Knick & Falt) und drei halben Flakescheiben in die Pfeife gefüllt, wurde begonnen. Der perfekt konditionierte Tabak brannte sofort gleichmäßig an, dazu benötigte ich tatsächlich nur 1 Streichholz! Auch das üblich leichte Andrücken nach wenigen Zügen machte kein Nachzünden notwendig. Die Grundtendenz bleibt kühl und sauber mit einem sanften, herben und spritzig-pfeffrigen konsistenten Geschmack von Anfang bis Ende. Ich schmecke eine ganz feine nussige Note, ein wenig helles Brot und auch Zeder und anderes Holz, aber die beeinflußen nicht die klassische, subtile und haferig/körnige, heuige Note des Virginias.

Der Abbrand – langsames Rauchen vorausgesetzt – erfolgt gleichmäßig und in der Tat habe ich nur ein zweites Streichholz benötigt, um die Füllung zu einem trockenen, grauweissen Ascherest herunterzurauchen. Nicht einmal als Ansatz kam eine trockene Schärfe auf, der Viking Bay wurde weder zu heiß noch zickig.

Bamboo von Jerry Zenn, Taiwan und ein pimped Old Boy

Für mich ist der Viking Bay ein besonders gelungener straight Virginia, der ein zwar nicht komplexes,  dafür aber ein gradliniges Rauchvergnügen schafft. Völlig naturreiner Tabak kann eindimensional daherkommen, wenn er nicht besonderen Lager- oder Fermentierungsmethoden ausgesetzt wird, von Casings und Toppings gar nicht zu reden. All das umgeht der Viking Bay hervorragend und ich bin geneigt zu glauben, das neben der herausragenden Qualität der Virginias die sorgfältige, lange Lagerung und die perfekt Reife zu diesem überzeugenden Ergebnis führt.

Dennoch werde ich ihn nicht täglich rauchen, wie ich es beim ebenso ultimativ naturreinen Kurt Eisner Blend kann, der mit geringen Spuren von Burley -ich nenne sie mal einen kompositorischen Hauch – aufwartet. Somit bleibt der Viking Bay für mich ein Tabak für die „goldenen Stunden“ einer Woche, in denen ich meinen Geist von den Wirrnissen unserer Zeit entlasten will. Andere joggen oder tauchen, spielen Minigolf oder Tischtennis, ich rauche Virginia.

Ach ja, die passende, stimmungsabrundende Musik zum Viking Bay habe ich auch, sofern man keinen Wochenendtrip an die Küste von Kent plant: die letzten beiden ECM Alben von Oded Tzur – Isabela (2022) und Here Be Dragons (2020), langen exakt für die Reichweite einer Pfeife.


Ich werde ein paar Dosen einlagern und in 5 und dann wieder 10 Jahren prüfen, ob meine Einschätzung der Lagerfähigkeit sinnvoll war und hier berichten. Interessenten, die in meiner Nachfolge das Ergebnis einer 20 jährigen Lagerzeit autorisiert testen und hier berichten (sic!) wollen, mögen sich rechtzeitig mit den üblichen Bewerbungsunterlagen vorstellen (nur schriftlich, bitte sehen Sie von althergebrachten, nicht mehr zeitgemäßen persönlichen Direktkontaktaufnahmen unbedingt ab). Als Ausnahme akzeptiere ich allerdings Einladungen in exqusite Restaurants, bevorzugt hier in München oder in Salzburg, um unkomfortable Anreisen zu vermeiden.

Zwei, drei Dosen werde ich sofort backen und nach der erforderlichen kurzen Ruhezeit (des Tabaks) testen und natürlich hier informieren.


Bezug

Viking Bay Flake

50g oder 100g Dose

exklusiv bei Tabac Benden Düsseldorf i. Rhld (!!!)

im Shop Burghofstraße 28, 40223 Düsseldorf-Bilk

oder

online

 




Tabac Benden | North Foreland

Wenn man, wie ich, nicht nur Pfeifenraucher sondern auch leidenschaftlicher Zigarrenraucher ist, dann kennt man den Onlinehändler Cigarworld, hinter dem Tabac Benden steht, seit Jahren, denn es dürfte kein umfangreicheres Zigarrensortiment in Deutschland geben und dieses wird mit einer so vorbildlichen Shoparchitektur angeboten, dass der geradezu enzyklopädische Charakter derselben sie eigentlich zu einen Standardnachschlagewerk in Sachen Zigarre gemacht hat.

Kunde bin ich dort nicht. Das liegt aber ausschließlich an mir und meinem Altmodisch-Sein, denn hier in München haben wir mit Sommer, Zechbauer, Huber und Diehl einige wirklich sehr gut sortierte Zigarrenhändler vor Ort, deren Sortimente sich zwar auch überschneiden aber in erster Linie ergänzen, und mir ist an diesem lokalen Handel sehr gelegen, denn kein Klick der Welt ersetzt mir den Duft in einem Humidorraum beim Aussuchen der Zigarren und das Gespräch dabei!

Was Pfeifen angeht war das Cigarworld-Sortiment vor Jahren von ziemlicher Langeweile geprägt: es gab halt das, was es überall dort gibt, wo die Zigarre im Mittelpunkt steht und sich sonst die Vertreter der Distributeure die Klinke in die Hand geben. Mainstream, wirklich nicht schlecht, aber auch nicht mehr. Seit einiger Zeit ändert sich das aber deutlich: man sieht sowohl am Pfeifen- wie auch am Tabaksortiment, dass man sich bei Tabac Benden viel Mühe gibt, die Pfeife aufzuwerten. Da gehört auch die Tabak-Eigenmarke „Pipe Republic Blends“ dazu.

Nun muss ich vorweg sagen, dass im Gegensatz zu meinen sonstigen Reviews, wo ich irgendeinen Tabak aus meiner Sammlung oder einen von mir kürzlich erworbenen Tabak bespreche, mir in diesem Fall eine 100g Dose North Foreland von Tabac Benden kostenlos zur Verfügung gestellt wurde. Sinngemäß sagte Bodo: „such‘ dir einen aus, der dich interessiert und wenn du Lust hast, schreib‘ was drüber. Du musst aber nicht unbedingt!“ Wenig überraschend fiel meine Wahl auf den North Foreland.

North Foreland

 

Warum? Der North Foreland ist ein Latakia-Flake, also eigentlich genau mein Ding. Nachdem ich die Produkt-Beschreibung auf der Seite gelesen hatte, war die Entscheidung schnell gefallen. Dort steht: „Fast schwarze, rauchig- würzige Flakeplatten und vollmundig- voluminöser Rauch, das ist der Pipe Republic Blends Northforeland Flake. Unser Virginia- Latakia Flake duftet nach Seeluft und Torffeuer. Trockener Abbrand, eher leicht bis mittelkräftig. Sehr starker Raumduft. Ein Pfeifentabak, der seinesgleichen sucht.“

Bei dieser Beschreibung war klar, dass es sich nicht um den von K&K als Hausmarke vertriebenen Latakia-Flake handelt, den ich persönlich nicht besonders mag. Außerdem gefällt mir ein Latakia-Flake unter den Hausmarken, denn das zeigt, dass man auch Nische anbieten möchte. Man muss ja sehen, dass hierzulande beim Pfeifentabak das meiste Geld mit Aromaten verdient wird, dann kommen die „naturbelassenen“ Mixtures, dann die Flakes und Plugs. Ein Latakia-Flake ist eigentlich sogar innerhalb der Nische sowas wie Exote.

Aber wie ist er denn? Öffnen wir die Dose, entströmt dieser ein breit malziger Virginiaduft, deutlich rauchig vom Latakia unterlegt. Aber unterlegt! Der Latakia gibt sich im North Foreland immer recht zivilisiert. Das Tabakbild überrascht ein wenig ob der obigen Produktbeschreibung: da war die Rede von „fast schwarzem“ Flake und den sehe ich nicht. Das könnte auch ein dunklerer Virginia-Flake sein und damit kommen wir dem North Foreland schon näher.

North Foreland

Denn entzündet man den Tabak, der übrigens etwas auf der trockeneren Seite konfektioniert ist, was ich bei Latakia-Tabaken sehr mag, und der sich vollkommen problemlos falten und stopfen lässt, dann haben wir einen breiten, malzig süssen Virginiateppich mit deutlichen, aber recht weichen und zahmen Latakia-Noten. Die Rauchigkeit ist angenehm aber auch etwas unspektakulär, was grundsätzlich kein Manko ist, denn der Tabak ist gut balanciert und schmeckt gut. Und das von Anfang bis Ende ohne große Veränderungen.

North ForelandDer North Foreland ist in diesem Sinn eigentlich ein perfekter Alldaysmoke, der dem Raucher Freude macht, aber auch nie mit geschmacklichen Feuerwerken oder sonstigen Kapriolen überrascht. Dazu sind die Virginias zu gleichmäßig und der Latakia zu zahm und zu wenig ätherisch rauchig. Vielleicht ist auch einfach zu wenig davon drin? So wirkt der North Foreland sehr solide und gut, aber auch etwas mutlos! Diesem Tabak fehlt die Ungleichgewichtung des Goldenen Schnitts, von der mitunter formidablen Wirkung extremer Ungleichgewichtungen ganz zu schweigen.

Vor allem, wenn man sich die Frage stellt, wer denn die klassische Zielgruppe von Latakia-Flakes ist? Ich würde die Klientel dafür sehr wohlwollend als „Freaks“ bezeichnen und ich bin mir sicher, dass der North Foreland für diese Zielgruppe zu brav ausgefallen ist. Dafür wiederum ist er ein perfekter Einstiegstabak in die Flakewelt für Raucher, die Latakia schätzen und die sonst bei einer klassischen englischen Mischung bleiben würden. Denn die Konfektionierung als Flake hat natürlich immer einen großen Vorteil, nämlich den langsamen und gleichmäßigen Abbrand! Und hier funktioniert der North Foreland außerordentlich gut: eine Füllung lässt sich ohne jegliches Nachzünden kühl und langsam durchrauchen, ohne Aufmerksamkeit zu fordern, vollkommen ohne Probleme und damit wären wir wieder beim perfekten Alldaysmoke! Es spielt hier im Gegensatz zu manch anderem Flake überhaupt keine Rolle, ob die Pfeife ein Kamin ist oder eine Pfanne, ob große oder kleine Kopfbohrung, der North Foreland funktioniert immer! Ich habe die Dose gerne geraucht, aber bei der sehr überschaubaren Zahl von Latakia-Flakes hätte ich mir persönlich ein bisschen mehr Lametta gewünscht!




Bloemfontein Navy Cut – Tabac Benden

Einkaufsorganisationen für den Tabakfachhandel (z.B. John Aylesbury oder Ermuri) oder Fachhändler selbst bieten vielfach sogenannte „Hausmarken“ an. In der Regel sind das Standardtabake, die Hersteller wie STG, MacBaren, Kohlhase & Kopp oder DTM herstellen und die unter vielen anderen Namen erhältlich sind. Aber es gibt auch einige Tobacconisten, die unikate Eigenentwicklungen mit einem respektablen Spektrum und hohem Bekanntheitsgrad im Markt etabliert haben, z.B. renommierte Firmen wie Pfeifen Huber und Pfeifen Diehl in München, Peter Heinrichs in Köln oder die HU-Tobacco von Hans Wiedemann. Letztere allerdings unterscheidet sich deutlich von Fachändlern mit eigenem Tabakprogramm, denn hier handelt es sich nahezu ausnahmslos um unikate Boutique-Tabake auf der Basis von zeitaufwändigen Entwicklungen rund um stets besondere Basistabake oder um ganz spezielle Mischungen.

Pipe Republic – ein Tabac Benden Brand

Und zu diesem Kreis der Tabakspezialisten, die sich durch ein besonderes, eigenständiges Tabakangebot auszeichnen, gehört auch Tabac Benden aus Düsseldorf (Cigarworld, Pipe Republic). Das wir bisher dieses Tabakhaus mit umfangreichem Tabak- und vor allem Cigarrenportefeuille bisher nicht auf dem Schirm hatten, liegt an uns. Wir hatten bis vor kurzem kaum Kenntnisse über das Unternehmen, das im Düsseldofer Stadtteil Bilk u.a. Europas größte Raucherlounge mit 100 Sitzplätzen unterhält und werden zu einem späteren Zeitpunkt mit einem weiteren Artikel zu einer detaillierten Vorstellung von Tabac Benden kommen.

Aber jetzt gilt es, einige Tabake von Tabac Benden zu rauchen und Ihnen unsere Eindrücke mitzuteilen. Es wird Artikel von uns drei Autoren geben und ich fange mit dem Bloemfontein Navy Cut an. Und eingedenk der Tatsache, dass JRR Tolkien im südafrikanischen Bloemfontein geboren wurde, hatte ich als hardcore HdR Anhänger zu diesem Flake sofort eine Beziehung, wenn auch eine erst einmal nur haptische.

Zunächst sehr erfreulich: immer schon habe ich mich darüber geärgert, daß nach dem großen Revirement bei Tabakdosen und Bedruckung, das seinen Auslöser in beamtenhaften Mimikri und sinnlosem Aktionismus gefunden hat, plötzlich Flakes, in Rechteckform geschnitten, wenig sorgsam in Runddosen und damit nicht genügend arretiert verpackt werden. Es gibt einige physikalische Gründe, warum das nicht gerade förderlich ist, wenn diese Tabake länger gelagert werden sollen. Darüber lasse ich mich jetzt nicht weiter aus, aber der Bloemfontein umgeht das Problem: da hat jemand mitgedacht und eine ganz einfache, funktionierende Lösung geschaffen.

Der Bloemfontein ist ein sortenreiner Virginiaflake mit Komponenten aus drei verschiedenen Herkunftsländern, naturrein und perfekt konditioniert. In der geöffneten 100g Runddose liegt also der Tabak wie erwartet. Zwei gleichmäßige geteilte Blöcke, die wiederum in übliche, feingeschnittene Scheiben portioniert sind. Dazu gibt es nichts weiteres zu sagen.

Der Duft ist wundervoll, reines Heu/Stroh, eine leichte Süße und, mit einiger Phantasie, irgend ein gelinder Dörrobstgeruch, aber gänzlich unaufdringlich, ein Hauch nur. So fein, dass ich ihn mal wahrnehme und mal nicht. Vielleicht will ich das einfach riechen, als Ergänzung zur Reinheit des Virginias. Vermutlich hat das auch keine Auswirkung auf den Rauchgenuß, wir werden sehen.

K&F -Knick & Falt- ist die probate Methode, um zweieinhalb Flakescheiben in eine mittelgroße Army Mount (Dunhill 373) zu füllen. Wie immer, zuoberst ein paar Brösel, das erleichtert das Zündeln. Ausgehen lassen, die angerauchte Oberfläche sanft andrücken, erneut anzünden. Das war`s, um bei ruhigem, gleichmäßigem Rauchen kaum mehr „nachbrennen“ zu müssen.

Der erfahrene Virginiaflake-Raucher erfährt nichts, was er aufgrund der Art und Beschaffenheit des Flakes nicht erwartet hätte. Zu Beginnn ist der Geschmack deutlich vom Virginia-Stroh geprägt, allerdings stelle ich ein sehr feines Nussaroma fest. Er raucht sich  kühl und entwickelt nach kurzer Zeit eine Tiefe, die auf eine sehr gute Qualität der einzelnen Virginiakomponenten und ein gelungenes Mischungsverhältnis hindeuten. Und er behält diesen Geschmack durch, ohne je kratzig zu werden, nichts schiebt sich in den Vordergrund. Kondensat entsteht kaum, sofern er nicht beim Joggen oder auf dem Mountainbike geraucht wird.

Er bleibt einfach ein klassischer Virginia ohne Firlefanz und Mätzchen und von geringer Komplexität. Das könnte für manch unerfahrenen Naturrein-Raucher ein Problem sein. Das, was den Bloemfontein für mich einnimmt, ist dieses anfangs sehr zurückhaltende, trockene Geschmackserlebnis, das aber letztendlich zu einer angenehmen Geschmackstiefe gelangt. Wer kein wildes Geschmacksfeuer und keine Turbulenzen beim Abrauch wünscht oder erwartet, dem empfehle ich diesen sauberen, angenehmen und mittelschweren Tabak durchaus.

Ich werde ihn lagern und vielleichl die eine oder andere Dose backen.

Um mein „Virginia Geschmacksempfinden“ zu schärfen, habe ich den Bloemfontein abwechselnd zu meinem Favoriten Dunhill Flake, zusätzlich MacBaren HH Pure Virginia und dem Epikur Plug geraucht.

Im Vergleich glaubte ich nach Öffnung der Dose eine Verwandschaft zum Richmond Navy Cut festzustellen, für mich der Inbegriff des schnörkellosen, allerdings eindimensionalen reinen Virginia Flakes, mittlerweile von MacBarens hergestellt, die sich 2019 Planta einverleibt haben. Die neugegründete Unitas Tabakfabrik GmbH in Berlin, ebenfalls ein Spin Off von MacBaren,  vertreibt nun als Distributor die ehemaligen  Planta-Tabake für MacBaren in Deutschland und über Unitas gelangt auch der Bloemfontein zu Tabac Benden. Damit dürfte der eigentliche Hersteller klar sein. Immerhin die Gewähr für Premuim Qualität bei Komponenten und Produktion.


Bezug

„Bloemfontein“
Navy Cut
100g Runddose

exklusiv bei Tabac Benden Düsseldorf i. Rhld (!!!)

im Shop Burghofstraße 28, 40223 Düsseldorf-Bilk

oder

online

 




MacBaren Mixture Flake | Aus ist es und vorbei

Das wars. Noch vor nicht einmal 6 Jahren haben wir ihn als eine Konstante unter den Tabaken bezeichnet, nun hat MacBaren die Mixture Flake Produktion des seit 2005 aus Tabaken, die auch Bestandteil der seit 1958 produzierten MB Mixture Scottish Blend sind, eingestellt.

Restbestände gibt es wohl noch bei einigen Fachhändlern.

Seit geraumer Zeit wurde der Flake nur noch in einem 50g Pouch angeboten, vielleicht schon der Beginn des geplanten Abgesangs. Schade.





Paul Olsen | My Own Blend – 800 Ø – die Dritte

Es gibt Tabake, die sind so herausragend gut, dass zwei Reviews ( 2016 und 2018) nicht ausreichen, um ihre Besonderheiten und die Bedeutung für ambitionierte Afficionados fest und im Bewußtsein zu halten. Sind sie gar nach einigen Jahren der Verfügbarkeit in deutschen Landen plötzlich nur noch im Ausland erhältlich, beginnt die Legendenbildung. Je knapper der Bezug und schwieriger, umso größer der Eindruck der Einzigartigkeit. Ist dann – wie beim My Own Blend 800 Ø – der Lieferant, hier der Danish Pipe Shop als Lizenznehmer, der Hersteller ist Orlik/STG – nicht mehr bereit, die europäischen Nachbarn zu  beliefern – so kann dieser Tabak ein schier überirdisches Image erreichen. Trotz seines mittlerweile gleichermaßen überirdischen Preises von fast 40€ /100 g.

Ich gehöre zu den Glücklichen, die einen malenden, pfeiferauchenden Künstler zu ihren Freunden rechnen dürfen. Fühlt dieser auch noch alljährlich den kuriosen Drang, im Land der Wikinger vor Ort dänische Dünenlandschaften, die mit langweiligsten auf diesem Planeten, als Aquarell, Ölbild oder japanischen Holzschnitt festhalten zu  müssen, so ist sein Abstecher hierhin sehr fruchtbar und taugt mir ungemein.

Klar ausgedrückt, ich habe nicht Rücken, sondern Bestand!

Schon 2016 erhielten wir von einem geneigten Leser die Information, daß es in Hamburg bei Gerd Jansens Pfeifendepot  den MOB 800 Ø als Hausmischung No. 45 gäbe, außerdem zu einem wirklich vernünftigen Preis. Leider entsprach die No. 45 zwar vom Tabakbild her in etwa dem 800 Ø, allerdings war er mit einem deutlich dominanten Vanille / Karamellaroma versehen, das dem Original völlig fehlt. Es gab die Vermutung, es könnte sich um einen Chargen- oder Verpackungsfehler handeln. Das kommt häufig vor, ich erinnere an Probleme bei Kohlhase & Kopp (Marlin Flake, Robert McConnell) und öfter mal bei Samuel Gawith. Vor einigen Wochen stellte ein Blogleser erneut die Frage, ob und bei wem in Deutschland die My Own Blends zu erhalten seien und ob es irgendwelche Derivate und Hausmischungen gäbe. Ich erinnerte mich an meinen untauglichen Versuch von 2019 und an die damalige Vermutung, ergo könnte eine erneute Bestellung zur Erhellung der Frage beitragen. Gesagt, getan.

Genau 2 Tage nach der Onlinebestellung bei Gerd Jansen traf der No.45 Copenhagen Ø ein und leider gab es keine Überraschung: die 100g Malerdose enthielt wieder das bereits bekannte Vanille Top Flavour (?). Ich habe sodann eine Dose des originalen My Own Blend – 800 Ø geöffnet und was soll ich sagen, die Tabake sind sich nur im Tabakbild sehr ähnlich, olfaktorisch und im Geschmack haben sie nichts gemein.

Die No.45 ist ein sauberer, durchaus gefälliger Tabak, wenn man aromatisierte Mischungen mag und er hat zu Recht ganz bestimmt zahlreiche Liebhaber. Er erinnert mich ein wenig an den Diablo Nero. Franz Fleischmann, der Inhaber des Gerd Jansens Pfeifendepots, ist ein honoriger Kaufmann und ausgewiesener Tabakfachmann. Warum aber, um Himmels Willen, soll hier der Eindruck erweckt werden, das die Hausmischung No.45 dem originalen 800 Ø entspräche?

Um dieser falschen Behauptung die Krone aufzusetzen, befindet sich am Dosenboden locker aufgeklebt das alte Paul Olsen 800 Ø Label, wie ich es aus den 1980ern her kenne. Also, diese Art der Verzerrung braucht`s wirklich nicht und sie ist zur gerechten Beurteilung eines ansonsten guten Tabaks wie dem No.45 wenig hilfreich. Ich finde ein solch fehlgepoltes „Marketing“ schlichtweg unerhört, im günstigsten Fall nenne ich es unbedacht. Da das Gerd Jansen Pfeifendepot ein seriöser Fachhändler ist, verbieten sich andere denkbare Bezeichnungen.

 

Um die nun noch eindeutiger als 2019 geklärte Frage nach der Originalität der Hausmischung No. 45 klar zu beantworten: nein, sie kann keineswegs als die authentische OEM-Version des originalen Paul Olsen My Own Blend  800 Ø gelten. Die Unterschiede sind offensichtlich und feststellbar.




Kingfisher – eine Butera Legende

Es gibt so viele Tabake, die den meisten Rauchern nur noch als Legende bekannt sind und die sie nicht mehr genießen können. Deshalb macht es Sinn, Erfahrungsberichte festzuhalten und so finden Sie einige Reviews hier bei uns, die aktuelle „live Tests“ längst verschwundener Preziosen schildern. Die Autoren, allesamt erprobte „Veteranen“ der Tabakliga, haben durch gezieltes, vielfach jahrelanges lagern solcher Tabake, vorausschauend vorgesorgt. Ergänzend möchte ich erwähnen, daß wir kürzlich Zugriff auf einen größeren Vintage-Bestand eines befreundeten Sammlers erhielten und die Mitglieder der Münchner Runde damit versorgen konnten. Im August haben wir über den Bombay Court Extra berichtet, nun folgt der Kingfisher, den ich seit langen Jahren rauche und von dem ich immer noch einige Dosen „gebunkert“ habe.

In der Tat, es ist kein Schreibfehler an dieser Stelle: der seinerzeit auf den Britischen Inseln (Jersey) von J.F.Germain & Sons für Butera hergestellte und beginnend mit dem Jahr 2015 anscheinend heute sang – und klanglos eingestellte Kingfisher ist ein „Double Cut Krumble Kake“.

Ganze Tabakblätter werden zusammen geschichtet und dann in Kuchen gepresst, bis die Mischung der Blätter perfekt gereift ist. Diese Schichtung wird geschnitten, zu einem Band gesponnen und ein zweites Mal in Kuchen gepresst, anschliessend in Flakescheiben geschnitten (daher Double Cut) und in kleine 50g Rechteckdosen verpackt.

In der kleinen rechteckigen Dose mit dem wunderschönen Etikett befinden sich sorgsam nebeneinander und aufrechtstehende kleine „Schnittchen“, der gleiche Cut wie der ebenfalls von Germain  produzierte Penzance, allerdings von gänzlich anderer Konsistenz. Entnimmt man nämlich 2-3 davon,  zerbröseln sie sogleich in mittelgroße Brocken, das ist dann der Krumble Kake, der Krümel Kuchen. Der Eisvogel  besteht aus Virginia, Burley und Perique.

Zunächst bleibt festzustellen, daß es sich nicht in erster Linie um eine Virginia / Perique Mischung handelt und damit dürften die VA Liebhaber der reinen Lehre schon einmal ein Problem haben. Der Burley Anteil ist sehr hoch, es gibt denn auch eine ziemliche Portion Nikotin. Zumindest am Anfang macht sich ein deutliches Zigarrenaroma bemerkbar, nicht gerade angenehm, und scharfer Zitrus. Ist der Tabak und die Pfeife aber angewärmt, kommt der echte Kingfisher zutage: voll, rund, süßlich. Burley- und der Zitrusgeschmack weichen zurück und nun bin ich in einer wundervoll weichen VA Geschmacksfülle, deren Gesamtheit mich am ehesten an dunkle, getrocknete Feigen und an Hefe erinnert. Also, da muß man erst einmal durch.

In einer mittelgroßen Jörgen Larsen, die ich mit dem Eisvogel sorgsam (und andächtig) befüllt habe, bewährt er sich hervorragend. Ich rate ab, ihn in zu großen Pfeifen zu probieren, da der anfänglich hohe Nikotingehalt Wirkung zeigt. Kleine bis mittelgroße Köpfe bekommen ihm am besten. Die Scheiben, zwei, drei davon, zerbrösele ich leicht und lasse sie einfach in den Pfeifenkopf fallen, leicht andrücken. Knick&Falt funktioniert hier nicht, da die Scheiben sofort zerfallen. Nach zweimaligem anzünden brennt er problemlos und gleichmäßig über die gesamte Fläche. Er raucht sich trotz der Feuchte kühl und fast ohne Kondensat, feinste weiße Asche bleibt zurück.

Mir fällt eine sehr unikate Reaktion des Kingfishers auf: je länger er glimmt, um so häufiger verändert er die Geschmacksrichtung. Mal tritt der Burley mehr nach vorn, macht sich erdig, holzig und nussig schmeckbar. Die Virginias wiederum bieten eine kräftige, säuerliche und spritzige Zitrusnote, die einhergeht mit viel Brot, Zucker und dem typischen Virginia Heu. Ihre Gesamtwirkung ändert sich, da sie immer wieder die Führung übernehmen. Der erdige, holzige Perique bleibt stets als geringere Komponente in der Mitte der Geschmacksfülle, leicht pfefferig und mit einigen Gewürzaromen, ein wenig Feige und Pflaume. Ein dezenter Auftritt. Der Tabak benötigt bei gemächlichem Rauchen kaum Aufmerksamkeit, allerdings ist er nichts für Raucher, die sich solch komplexen und variierenden Geschmacksnuancen bisher nicht genähert haben. Der Abbrand ist langsam, ziemlich kühl, sauber und manchmal etwas sahnig.

Eine unverwechselbare Kombination aus würzigem Virginia, Burley und Perique. Ein leichter, süßer, weicher Rauch, subtil und komplex, mit einer Geschmackskurve, die von leicht pikant bis satt-kräftig zitronig reicht. Der Geschmack ist ziemlich nuanciert und neigt dazu, sich uter dem Rauchen öfter zu verändern.

Als Rarität rauche ihn natürlich nicht häufig, er soll etwas Besonderes bleiben, was er ohne Zweifel auch ist. Nach meinen Beobachtungen gewinnt der Kingfisher, wenn die Dose einige Wochen geöffnet ist. Dann sollte er zügig aufgeraucht werden, denn er vertrocknet sehr schnell. Wer mag schon Staub rauchen, auch wenn es ein Seltener ist. In meiner persönlichen Flake & Curly Favoritenliste befindet er sich unter den ersten 5 Plätzen, nach Penzance, Dunhill Flake, Escudo/DDLNR und Orlik Golden Sliced.

 

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Sir John´s Curly Cut – ein feiner OEM Tabak

Die Tabake, die von der John Aylesbury GmbH mit Sitz in München angeboten werden, sind seit der Gründung des Unternehmens im Jahre 1996 (in der heutigen Organisation) ein Begriff in der deutschen Tabakwelt. Dabei handelt es sich keineswegs um einen Tabakhersteller, sondern um eine Art Einkaufspool für Fachhändler, die als selbstständige Firmen Aylesbury Mitglieder sind. Das Angebot von Aylesbury ist nur über diese derzeit 50 Fachhändler erhältlich. Heute stellen wir den Sir John`s Curly Cut vor, da er in der zwar ordentlichen, ansonsten aber recht beliebig erscheinenden Tabakreihe des Lieferanten ein wenig herausragt. Denn hier handelt sich um einen OEM-Tabak*, hergestellt von MacBaren.

Und obwohl vom Tabakbild nur schwer vom MacBaren Stockton zu unterscheiden, ist er doch ein gänzlich anderer Tabak. Aylesbury bezeichnet ihn (wie MacBaren) als Roll Cake, die früher gängige Bezeichnung für Curly Cut. Sir John`s ist ein feiner Virginia, dem Dark Fired Cavendish* hinzugefügt wird. Ein sehr weicher, runder Tabak, der mit einem Top Flavour versehen ist, was ihm eine gewisse, nicht zu starke Süße verleiht. Von einem Strang, zu dem der Takak geflochten und gepresst wird, sind ovale Scheiben geschnitten. Sie zeigen den Querschnitt der verschiedenen Tabaksorten, ein sehr schöner, anregender Anblick. Da ich derzeit keinen Stockton „an Bord“ habe, die örtliche Tabaccheria aber den Sir John vorrätig hat, habe ich ihn in den letzten Wochen – ohne Überdruß – oft geraucht. Die soeben geöffnete Dose ist perfekt konditioniert.

Ich schichte, leicht geknickt, zwei, drei Scheiben in eine mittelgroße Pfeife. Obenauf ein wenig zerbröselter Sir John, damit der Anbrand besser funktioniert. Der Curly brennt hervorragend und schmeckt süffig von Beginn an, keinesfalls zu süß. Ist er richtig gestopft, so ist nur ein gelegentliches Andrücken mit dem Stopfer notwendig. Ein Vorteil, wenn die Scheiben nicht aufgedröselt, sondern nur geknickt werden. Ausserdem wird eine gänzlich andere Geschmacksdichte erzeugt, da immer die gesamte Scheibe mit allen unterschiedlichen Tabaken gleichzeitig glimmt.

Der langsame Raucher (ein Muß!) wird belohnt durch ein nahezu gleichbleibendes Geschmackserlebnis. Satt ist am Ende nicht der richtige Ausdruck, kommt dem Zustand des Virginia-Geniessers aber recht nahe.

Nicht ganz ebenbürtig, aber in der Ansicht fast identisch: Sir John`s Curly Cut und der hervorragende MacBaren Stockton

Der Sir John`s Curly Cut ist ein unproblematischer Tabak, er hat nicht die Raffinesse und Klasse des besonderen Stockton, den ich immer vorziehen würde. Für Raucher aber, die nur ab und an einen gesponnenen, gepressten Virginia geniessen möchten, ist er eine gute Wahl.

 

*Cavendish Verfahren: Tabak (das können verschiedene Sorten sein) wird mit Wasserdampf besprüht, eventuell Zucker und Aromastoffe zugesetzt und der Tabak gepresst, geröstet und anschliessend geschnitten. Eigentlich ist Cavendish kein Tabak, sondern ein Verfahren!

*OEM-Tabak: Original Equipment Manufacturer, auf Tabak bezogen bedeutet es, das der Anbieter oder Vermarkter nicht der Hersteller ist, sondern sich entweder eines bereits vorhandenen Tabaks bedient, der nur umbenannt ist oder für ihn entwickelt oder verändert wurde (Branding). Ein Beispiel dafür sind die meisten sogenannten Haustabake vieler Fachhändler, die vielfach von den großen Herstellern wie STG, MacBaren oder in Deutschland von Kohlhase & Kopp oder DTM stammen. In anderen Industrien gibt es weitere Ausprägungen des Begriffs.




Orlik Golden Sliced – der treue Begleiter

Es gibt Tabake, die sind wie die guten, alten Bekannten. Man denkt nicht ständig an sie, aber sie werden bei keiner Einladung vergessen. Und je länger der geneigte ambitionierte Pfeifenraucher ein solcher ist, umso mehr versammelen sich diese Tabake um ihn. Manchmal frönen sie ein Schattendasein, dann wiederum entsteht nach einer wohlfeilen Unterhaltung unter Gleichgesinnten oftmals der Vorsatz: ja, unbedingt, da öffne ich mal wieder eine Dose. Aus meinem „immerwährenden“ Portefeuille fallen mir da einige treue Bootsmänner ein: Capstan Blau, Erinmore Flake,  der Richmond Navy Flake – ein Tabak, der alles verzeiht, selbst die größe Gurke aus der Pfeifensammlung oder ein falsches Befüllen, die Legenden Penzance, Kingfisher oder Pelican und …. Orlik Golden Sliced.

Den Orlik Golden Sliced hat es gefühlt schon immer gegeben. Ich glaube gar, bereits zu Reformationszeiten. Nach Deutschland kam er um 2002. Nach Jahren der Stabilität hat sich sein Gewand einige, wenige Male geändert: aus der feinen, kleinen 50g Dose wurde die flache Rechteckdose und seit der fürchterlichen Gleichmacherei und den staatsverordneten Todesandrohungen gibt es nur noch 50g Pouches und die 100g Rundbüchse. Zum Glück wurde einer der drei schönsten Claims / Slogans unserer Tabakswelt beibehalten: neben dem unschlagbaren „Feuer, Pfeife, Stanwell“ und dem „Thinking Man“ von Peterson, das unnachahmliche “ SMOKED BY ALL SHREWED JUDGES“.

Sollte Pflicht sein: wer OGS raucht, muß währenddessen eine Perücke tragen

Es gibt Gerüchte, dass der Bundesfinanzminister zukünftig auf die Einnahmen aus der Tabaksteuer verzichten wird, weil diese diametral den Aufkleber-Drohungen zuwiderläuft. Na ja, ein wenig Logik könnte man doch auch in solchen Ministerien verlangen, aber das scheint geradezu ausgeschlossen.

Mit Ausnahme einiger 100g Runddosen sind meine „rechteckigen Slices“ ausnahmslos aus der älteren Generation, die kleinen 8 x 6er wie auch die 9 x 8er. Einige sind gebacken, das Gros aber nicht. Für dieses Review öffne ich eine kleine und eine größere Rechteckdose, beide ungebacken, sowie eine 100g Runddose. Die Kleine kaufte ich 1996 in Copenhagen und sie ist dänisch bedruckt, die Große 50 g stammt aus diversen US Lieferungen von 2008, das sind immerhin auch schon über 13 Jahre!

Hersteller dieses Virginia Flakes ist STG, die Scandinavian Tobacco Group, der weltweit wohl größte Tabakskonzern, genauer dessen TochterOrlik Tobacco Company A/s mit Sitz in  Assens Dänemark. Der Flake besteht aus gepressten hellen und dunklen Virginia Tabaken und -jetzt wird es kurz verwirrend – entweder mit einer kleinen Zugabe von Burley oder Perique. Ich schmecke weder Burley noch Perique deutlich, Letzteren noch eher, aber mir liegen Dosen mit unterschiedlichen Angaben vor. Die „deutsche“ Runddose sagt darüber nichts aus:

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Nehmen wir es genau, dann ist Perique ein „gepimpter“ Burley, dem weitere Ingredienzen zugesetzt werden und der in Eichenfässern lange gelagert wird. Also halten wir uns mit den Orlik Unklarheiten nicht weiter auf, vielleicht ist es ja auch schlichtweg ein Druckfehler.

Der Schnitt des Flakes ist ein Band, wie wir es auch vom hervorragenden Honeydew Flake (jetzt Golden Flake) her kennen. Hell- und dunkelbraun gesprenkelt, liegt es säuberlich gerollt in der 100 g Dose. Der Duft ist so wundervoll naturrein, daß ich nicht an eine oftmals zu lesende Aromatisierung glaube. Hervorstechend ist einé satte, virginiatypische Heunote, der sich ein feines, leicht süßliches Aroma (Zitrone, Pflaume?) unterordnet. Dieses entsteht sicherlich durch die lange Reifezeit während der Pressung und nicht durch irgendwelche Flavours.

Vom Tabakband schneide ich ein ca. 8 cm langes Stück und befülle eine mittelgroße Jörgen Larsen mit einer Mischung aus Knick&Falt und ein wenig aufgedröseltem Tabak. Trotz des Alters ist die Konsistenz perfekt und das Anzünden geht problemlos. Sobald die obere Schicht glimmt, entsteht ein gleichmäßiger Abbrand, der – langsames Rauchen und sorgfältiges Andrücken der Asche vorausgesetzt – ein perfektes Rauchvergnügen schafft. Der Orlik Golden Sliced ist ein mittelstarker bis eher leichter Flake, dessen Gesamteindruck am besten mit dem Attribut beschrieben ist, das ich schon einmal beim Honey Dew Flake verwendet habe: Süffig ! Über die gesamte Pfeifenlänge bleibt der Rauch weich und wird niemals bissig.

Vorherrschend im Geschmack sind die leicht rauhen Virginias und deren trockensüßlich-säuerliche Stroh- oder Heunoten. Ich bemerke einen herben, leicht pfefferigen Zitruston, geröstetes Brot, leichte blumige und säuerliche Noten, aber ich schmecke keinen Burley. Burley in geringer Dosis hilft, eine Mischung zu homogenisieren. Allerdings benötigt der Blender eine ziemliche Menge von diesem Tabak, wenn er den Burleygeschmack stärker zur Wirkung bringen will. Das ist eben hier nicht der Fall.

Zum Ende hin nehmen die Aromen zu, werden komplexer, der Orlik wird leicht holzig und verdichted im Geschmack, aber keineswegs unangenehm. Fragt jemand nach dem Kondensat: bei mir gibt es keines!

Für Raucher, die reinen Tabakgeschmack mit einem winzigen Hauch von Süße mögen, ist der Orlik Golden Sliced genau der Richtige. Er enthält außerdem genug Nikotin, um ein gelungenes Rundum-Vergnügen zu gewährleisten. Ich halte nicht viel von dem Prädikat „All Day Smoke“ , das für mich einen Tabak eher abwertet. Dennoch: den Orlik rauche ich regelmäßig – mit Lust.

TIPP: Aromatenliebhaber werden mit ihm möglichwerweise einen leichteren Einstieg in die Virginia Welt finden, ein Versuch ist es wert.

 

In Vorbereitung: Review Orlik Dark Strong Kentucky




McClelland | BOMBAY EXTRA Personal Reserve

Schon wieder ein Tabak, den man nicht so ohne weiteres kaufen kann. Diesmal aber wirklich! Okay, vielleicht noch in irgendwelchen abgelegenen Schweizer Bergtälern oder für Millionenbeträge in der US-Bucht? Aber eigentlich ist dieser amerikanische Pfeifentabak schon ein Stück Geschichte, denn der Hersteller McClelland hat vor einiger Zeit unwiderruflich seine Produktion eingestellt.

Ursache für dieses Review war vor ein paar Monaten ein bisschen Corona-Frust! Als innerlich ziemlich gelassener Mensch kann ich damit eigentlich ganz gut umgehen, aber irgendwie dachte ich, ich müßte mir mal was gutes tun und eine wirklich besondere Dose Tabak öffnen. Ich meine, diese Dose Bombay Extra ist nur deshalb „besonders“, weil es meine letzte war! Und weil der Bombay Extra neben Frog Morton, Wilderness und Old Dog mein Lieblingslatakia aus dem Hause McClelland war!

Deshalb liegt über diesem Review auch ein Stück Melancholie. Dieses ganze Dunhill-McConnell-Peterson-Gedöns tangierte mich innerlich nur höchst peripher, aber die Nachricht, dass McClelland die Produktion einstellt, die hat mich wirklich getroffen! Das ist der größte Verlust für die Welt des Pfeiferauchens in den letzten Jahren! Einfach, weil hier eine ganze stilistisch einzigartige Tabakwelt fast von einem Tag auf den anderen verschwunden war.

Was aber war das stilistisch Einzigartige? Klar, an erster Stelle stehen hier die Virginias bzw. Virginia/Perique Mixtures und Flakes mit ihren prägnanten essig-saueren-süßen Fermentationsnoten, die einem zusammen mit der Malzsüße als Ketchupnoten in die Nase stiegen! Dann all die raffinierten Orientals, die zu wahren Meisterwerken komponiert waren. Und die Latakia-Mischungen, nicht selten fast ondoliert extrem und extrovertiert in der Komposition, die alle eines gemeinsam hatten: selbst die kantigsten und maskulinsten unter ihnen kamen alle auf einem breiten Teppich aus purem weich-dunklem Samt im Mund an! Diese Einzigartigkeit gibt es nicht mehr.

McClelland Bombay ExtraUnd um so eine Latakia-Mischung handelt es sich beim Bombay Extra! An dieser Stelle muß man ein bisschen ausholen, denn der Bombay Extra ist keine hundertprozentige Neumischung, sondern streng genommen ein Flanker zu einer der Standard Latakia-Mischungen aus McClellands Portfolio, dem Bombay Court, zu dem es hier ein Review gibt. Schauen wir uns dazu den Herstellertext an:

McClelland Bombay Extra„We began with Bombay Court, darkened the Virginias, added a touch of perique and increased the latakia, resulting in an enriched version of a unique and popular formula. This blend provides added depth and complexity for those seeking a richer, fuller, Oriental Mixture for after dinner or evening enjoyment.“

Wir haben es also mit einer klassischen Ribbon Cut Mixture zu tun, die aus dominantem Latakia, verschiedenen Orientals, etwas kraftvoll dunkel-süßer Virginias und einer nicht ganz kleinen Menge Periques besteht. Genau das können wir auch am Tabakbild, das für mich zu den schönsten überhaupt zählt, sehen.

McClelland Bombay ExtraErwartungsgemäß lässt sich der Bombay Extra ganz einfach stopfen, entzünden und langsam und kühl bis zum Ende der Füllung durchrauchen! Das garantiert einen langen entspannten Genuss und der stellt sich auch sofort nach dem Entzünden ein: Von Anfang an hat man ein volles und dabei sehr weiches rauchiges Latakia-Aroma im Mund, unterstützt von ein wenig malziger Grundsüße und durch die Orientals versehen mit einer unglaublich eleganten, ätherisch feinen Cremigkeit. Der Perique liefert mit seinen leicht schokoladigen Trockenfrüchtearomen den Gegenpart zum dominanten Latakia. Und das macht er nicht in der ersten Reihe, die dem Latakia vorbehalten ist, sondern quasi aus dem Hintergrund heraus aber doch merklich!

McClelland Bombay ExtraLatakia und Perique sollte man also mögen, denn zwischen den beiden Protagonisten entwickelt sich der Bombay Extra während des Rauchens. Die Virginias bilden mehr und mehr den Hintergrund, dabei aber immer eine schöne Basis bildend, und die Orientals ziehen sich gegen das Ende hin fast ganz zurück. Das heißt, diese ätherische Cremigkeit vom Anfang weicht einem Wechselspiel zwischen Latakia und Perique, wobei der Latakia für sich genommen sehr sehr weich daherkommt. Das ist eine Grundqualität, die auch den reinen Latakia zum Selbermischen von McClelland ausgezeichnet hat, weshalb er unter den reinen Latakias früher immer meine erste Wahl war! So bietet der Bombay Extra bis zum letzten Krümel wirklich Genuß der Extraklasse! Er erfüllt alle Anforderungen, die man an eine Spitzenmischung haben kann!

Wer bis jetzt lesend durchgehalten hat, bekommt noch eine Pfeifenraucher-Anekdote dazu: Während des letzten Lockdowns saß ich eines Vormittags bei mir ganz in der Nähe in einem Park auf der Bank eine Dunhill mit Bombay Extra rauchend. Eine junge Frau mit ihrem etwa dreijährigen Sohn kommen vorbei, der kleine Bub auf einem Laufrad einige Meter vor der Mutter. Auf meiner Höhe bleibt er kurz stehen, schaut mich neugierig an und sagt ganz freundlich „Hallo!“ Ich: „Hallo!“ Er fährt weiter und sagt zu seiner Mutter: „Mama, hier riechts nach Kohle!…Von dem Mann!“ Mutter: „Das riecht nicht nach Kohle, das riecht nach Pfeife!““Mama, ich will auch eine Pfeife!““Aber da bist du noch viel zu klein das ist nichts…(Rest unverständlich)““Mama ich möchte aber eine Pfeife!““Nein das…(unverständlich)“ „Mamma, ICH  WILL  AABERR!“

Also sollte jemand noch eine Dose haben oder irgendwie noch an eine Dose kommen: meine Empfehlung hat der Bombay Extra allemal, ein toller Tabak!