Gawith Hoggarth & Co | Bob’s Chocolate Flake

Wenn es um die Rezension von „Schokoladen-Tabaken“ geht, kommt man an meiner Wenigkeit unmöglich vorbei. Mit aller mir eigenen Bescheidenheit: Man kann mich schon mit Fug und Recht, den Ranicki des Schokoladen-Aromas nennen, schliesslich ist dies schon mein drittes Review zu diesem Thema. 2018 schrieb ich hier über den HU Tobacco | RaiKo InBeTween und 2019 über das Fehlen der Schokolade im Samuel Gawith | CF Flake. 
Einer, der meine Expertise zu diesem Thema anscheinend tatsächlich anerkennt, ist der langjährige Leser Stephan T. aus München. Und nicht nur das, er kontaktierte mich nach meinem letzten Aufruf zu einer Empfehlung eines weiteren Schokoladen-Aroma-Tabaks und sandte mir dann umgehend eine überaus großzügige Portion Gawith Hoggarth & Co – Bob’s Chocolate Flake zu. Vielen herzlichen Dank, Stephan.
Neben der Tatsache, dass es sich wirklich um eine riesige Rauchprobe handelte, war der Flake noch dazu hochprofessionell vakuumiert und eingeschweißt. Das war vermutlich auch der Grund dafür, dass er so lange bei mir herumlag, bis ich mich endlich einmal dazu aufraffen konnte, ihn zu probieren. Es bestand einfach kein Druck aufgrund zu befürchtender Alterung oder Austrocknung.
Aber nun genug der Vorrede und Dankesworte, was ist das für ein Tabak?
Möchte man als Autor des Pfeifenblogs seine Leser auf einen winzigen Bruchteil reduzieren, dann muss man einfach nur gewisse Begriffe wie zufällig in den Text einstreuen. Bei einem habe ich das schon gemacht: „AROMA“. Mindestens die Hälfte der Leser hat sich schon angeekelt abgewendet, ein Teil der Leserschaft ist allerdings jetzt gerade wirklich neugierig geworden: „Mmmm Aroma, lecker!“ denken sie sich. Den Aromaten-Raucher vergraulen? Das kann ich: „LATAKIA“, so jetzt sind wir unter uns, wer raucht schon aromatisierte Engländer? 
„Sind noch ein paar Leser da? Hallo? lesen Sie mich noch?“
„Ah, da sind Sie ja, ein ganz Hartgesottener …“ kein Problem ich habe noch ein Reizwort zum Wegklicken: „LAKELAND“

So, spätestens jetzt schreibe ich nur noch für mich selbst… „Liebes Tagebuch…“

Um den großzügigen Spender dieser Tabakprobe zu ehren, bemühe ich mich jetzt um eine gewisse Seriosität.
Nachdem ich den Tabak aus seiner Folie geschnitten habe, schnuppere ich natürlich sofort daran. Tatsächlich kann ich eine gehörige Portion Schokoladenaroma riechen. Ich vernehme aber auch etwas Erde und ein kleines Bisschen Rauch. Ganz Profi-Tabak-Rezensent, habe ich natürlich immer Lineal und Messschieber zur Hand. Die ordentlichen dunkelbraunen Flakescheiben sind 15cm lang und 3cm breit und weisen eine Dicke von 1,75mm auf. Es handelt sich wohl um die Bulk-Version des Tabaks, denn so lang ist keine Dose.

Die Feuchtigkeit ist als absolut ideal zu bezeichnen, ist aber sicherlich der hervorragenden Behandlung durch den Spender zu verdanken, wie der Tabak direkt aus der Originalverpackung beschaffen ist, vermag ich aus Mangel an einer solchen, natürlich nicht zu sagen. Ich knicke, falte und brösel den Tabak in eine kleine filterlose Pfeife. Es ist mal wieder die kleine rustizierte Bambuspfeife des leider 2018 verstorbenen Pfeifenmachers Eckhard Stör.

Anfänglich ziert sich der Tabak, weil er doch relativ grob gefaltet ist, wenn er allerdings dann brennt, erlebt man einen langen und ungestörten Rauchgenuß ohne lästiges Nachfeuern.

Ich habe den Tabak bestimmt an die zehn mal geraucht und dies sind die Aromen, die ich herausschmecken konnte:
Etwas „van Houten Kakaopulver“ Kennt das noch jemand? (Meine Mutter hatte mir damit früher immer meinen Kakao angerührt), dann etwas Flieder (blumig) und Vanille. Das ist jetzt bestimmt keine vollständige Aromenliste, sondern das, was ich persönlich eben sinnlich erfahren konnte.

Ich hatte ja vorhin das Reizwort „LAKELAND“ fallen lassen, um damit auch noch den letzten Leser abzuhalten bis zu dieser Stelle zu kommen. Sie, liebe*r Leser*in wissen vermutlich nicht, was das bedeutet, sonst würden Sie ja hier nicht mehr weiterlesen, also will ich es kurz erläutern. Als Lakeland bezeichnet man Tabake, die ursprünglich aus der Umgebung des „Lake District National Parks“, genauer gesagt aus der Stadt Kendal stammen. Dort entstanden aus einer Schnupftabakfabrik namens Gawith, Hoggarth and Cie die beiden (erst getrennten und inzwischen wiedervereinten) Firmen Samuel Gawith und Gawith Hoggarth.

Aus juristischen Gründen, war es in England nicht erlaubt künstliche Aromastoffe zu verwenden, Verfahren mit in Alkohol und Ölen gelösten natürlichen Aromen, wie sie in der Parfum-Produktion Verwendung finden, waren (warum auch immer) jedoch zugelassen. Deshalb war es den Engländern nicht möglich – wie bei uns Vanillin-Pulver und Kirsch-Aroma über den Tabak zu sprühen, sondern sie hatten ihn zu „parfümieren“. Dieses etwas andere Verfahren führt zu einer manchmal etwas sonderbar anmutenden Begleiterscheinung, welche unter Tabakkennern als „seifig“ beschrieben wird. Die einen lieben es, die meisten hassen es. Berühmtestes Beispiel für seifigen Tabak ist der „Ennerdale“, der Tabak, der bisher die meisten Pfeifen auf dem Gewissen hat, weil diese nach dem einmaligen Gebrauch diesen besonderen „Au goût“ nie mehr los werden. Anmerkung: Die von mir entwickelte Reinigungsmethode mit Golden Glow (in dem Artikel ganz unten beschrieben) ist leider noch nicht jedem bekannt.

Bob’s Chocolate Flake ist allerdings nicht seifig, man könnte ihn nur vielleicht als etwas „ölig“ bezeichnen, was mich persönlich überhaupt nicht stört. Sonst kann ich mit Lakeland-Tabaken nämlich eigentlich nicht sehr viel anfangen. Überhaupt ist die Aromatisierung als durchaus dezent zu bezeichnen, was auch für den Latakiaanteil in diesem Tabak zutrifft. Laut meiner Recherchen enthält der Tabak lediglich 8% Latakia, dafür viel Virginia und ein wenig Burley. Also war auch das kein Grund weitere Pfeifenraucher zu verschrecken.

Lassen Sie mich also zusammenfassen:
Erst vergraule ich alle „Natur-Tabak-Raucher“ mit der Erwähnung von AROMA, welches ich dann aber Seiten später als „sehr dezent“ beschreibe.
Dann die Aromatenraucher mit dem Reizwort „LATAKIA“, bei einem winzigen Anteil dieses Würztabaks von nur 8%.
Und dann auch noch die Lakeland-Feinde, obwohl der Tabak überhaupt nicht seifig, sondern höchstens etwas ölig schmeckt.

Wie kann man einen wirklich guten Tabak, der im Grunde jedem vorzüglich schmecken könnte, so rezensieren?
Ich kann das, wie Sie sehen …

„Dieser auf Virginia-Basis kreierte Flake mit einem Hauch rauchiger Latakiawürze und einer leicht floralen Schokoladennote ist ein einzigartiger Tabakgenuss.“ Auch so hätte man dieses Tabakreview beginnen können, aber das wäre mir zu langweilig geworden.
Aber es ist tatsächlich genau so. Bob’s Chocolate Flake ist ein wirklich guter Tabak. Viel schokoladiger, als der enttäuschende CF-Flake und nicht so rauchig, englisch wie der HU-RaikoInBetween. Keine Aromabombe, sondern ein ausgewogener sehr feiner und intensiver Tabak. Die Stärke würde ich als „mittel/stark“ einordnen.
Ich habe den Tabak ausnahmslos ohne Filter geraucht, niemals hat er auf der Zunge gebissen oder war je unangenehm, jederzeit kühl und vollmundig.

Der einzige Wermutstropfen: Man kann ihn hierzulande nicht kaufen. Geschockt? Ich hätte das auch gleich zu Anfangs erwähnen können, aber dann hätten NICHT EINMAL SIE weitergelesen …

 

 

 

 

 

 




Ein Tabak aus dem Freistaat: Kurt Eisner Blend

„REVOLUTIONÄRER“ TABAK

Für einen besonderen Tabak bedarf es eines besonderen Anlaßes und den gibt es: die Gründung des Freistaates Bayern durch den ersten bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner, die soeben ihre 100 jährige Wiederkehr feiert und Eisners barbarische öffentliche Ermordung am 21. Februar 1919. Pfeifenblog.de, die Münchner Pfeifen- und Tabakinstitution Pfeifen Huber und Tabakblender Hans Wiedemann von HU-Tobacco haben zusammen einen Tabak kreiert, der nicht nur durch sein außergewöhnliches Gestaltungskonzept Akzente setzt. Der Blend, eine ready rubbed-Flake Virginiamischung der Spitzenklasse ist erhältlich in einer 50g Runddose exklusiv bei Pfeifen Huber und gehört dort ab sofort zum Standardangebot.

Geniessen Sie vorab das Tabak Review, dazu ein wenig Zeitgeschichte und verstehen Sie, warum ein neuzeitlicher Münchner Blog, ein tradionsreiches, 1863 gegründetes Münchner Familienunternehmen, dem unverändert ein Georg Huber vorsteht – immerhin der IV. Namensträger – und ein renommierter Tabakblender aus dem bayerischen Schwaben sich mit viel Freude und Enthusiasmus gemeinsam eine solche Tabakschöpfung vorgenommen haben.

KURT EISNER BLEND – REVIEW

Peter Hemmer

Ein „revolutionärer“ Tabak? Das ist auf den ersten Blick eine Frage der Perspektive. Etwa so: 75% Louisiana Perique, 15% Dark Fired Kentucky mit Moschus- und Wasserliliencasing und 10% Babylonischer Latakia  (exakt 2338,0815 Jahre gereift, sonst schmeckt’s nämlich eh ned, die streng limitierte Grabbeigabe). Das wäre ein revolutionärer Tabak! Bei uns liegt das Revolutionäre eher im Anlass, dem wir mit dem Tabak ein klein wenig Reverenz erweisen wollen, als im Stil des Tabaks!

Der Tabak sollte also einer sein, der auf der einen Seite nicht alltäglich und auf der anderen trotzdem in gewisser Weise mehrheitstauglich ist. Das erfordert erstmal Verzicht auf Aromatisierungen und auf Latakia. Und volle Konzentration auf die Qualität, aber das kann der Hans ja eh… Herausgekommen ist eine Mischung, die im Wesentlichen aus unterschiedlich aufbereiteten Virginias verschiedenener Provenienzen besteht, denen wiederum ein paar Burleys beigegeben sind. Das Ganze gepresst und Ready Rubbed aufbereitet.

Die Mischung ist im Schnitt und auch farblich sehr homogen, sie lebt viel mehr von der Kombination des stilistisch Ähnlichen als vom Zusammenfügen großer geschmacklicher Kontraste. Auch wenn wir hier in der Überschrift vom revolutionären Tabak geschrieben haben: der Eisner Tabak ist eine ruhige Mischung mit großem Understatement und großer Überzeugungskraft, aber er ist kein Galaparadefeuerwerk. Eher wie ein verdammt gut gebackenes Brot, als wie ein ondoliertes Praliné.

Apropos Brot: da wären wir schon beim Geruch des Tabaks angekommen! Es sind diese süß-erdigen Malznoten, verbunden mit dunkler Brotkruste, die den Eisner Tabak im Geruch prägen. Vielleicht mit ein paar nussigen Zartbitterschokoladenuancen angereichert, aber nur sehr, sehr dezent. Die Burleys stehen nicht im Vordergrund. Im Geruch noch weniger als im Geschmack.

Dass sich der Tabak bei einem solchen Tabakbild perfekt stopfen, anzünden und bis zum Ende der Füllung durchrauchen lässt, versteht sich von selbst, zumal seine Feuchtigkeit meiner Meinung nach optimal ist. Diese so absolut unkomplizierten Raucheigenschaften machen den Eisner Tabak nicht nur zu einem sehr angenehmen Alldays-Tabak, sie empfehlen ihn auch für Anfänger, die in die „naturbelassene“ Richtung einsteigen wollen und ein intensives Geschmackserlebnis suchen, ohne gleich überfordert zu sein! Die Mischung ist kein Bruder Leichtfuß, aber ganz weit entfernt davon, den Raucher hinsichtlich Stärke und Nikotin wirklich zu fordern.

Geschmacklich steht der Tabak anfangs, nach dem Entzünden, klar auf der Seite der Virginias: malzig süß, eher breit und cremig kommt der Eisner Tabak daher. Dazu die leicht herbe Süsse getrockneter Feigen und eine gewisse Erdigkeit, die den Tabak ungemein würzig macht. Das ist das Spannungsverhältnis, von dem die Mischung von Anfang an lebt und das im Laufe des Abbrands immer mehr um die schönen Burley-Noten ergänzt wird. Es gesellen sich leichte Nussaromen und eine ganz dezente Schokoladigkeit hinzu, deutlich wahrnehmbar, aber nicht vordergründig, eher leise als laut. Wie ein sympathischer älterer Herr, der sich im vollen Wirtshaus mit zu uns an den Tisch setzen darf… Und so sitzt man dann ganz gemütlich zusammen bis die Füllung aufgeraucht ist. Unaufgeregt, unspektakulär – aber klar und unvergleichlich schön und gemütlich.

Stilistisch – nicht geschmacklich – erinnert mich der Eisner Tabak an die Elizabethan Mixture von Dunhill, nur dass da natürlich kein Perique mit den Virginias gepaart ist, sondern Burleys. Ein Tabak, der sich übrigens sehr gut zum Einlagern eignen dürfte…

 

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Eisner, die Dose und das Portrait

Alexander Broy

Eisner bei Pfeifen Huber im TalDa steht er nun endlich, der Eisner Kurt, im Tal 22 in München in Öl gemalt in einem ganz schlichten, einfachen Fichtenrahmen, so hätte es ihm gefallen, da bin ich mir sicher.

Die Ehre von einem der großen Münchner Malerfürsten portraitiert zu werden, war Eisner nicht vergönnt. Dazu war sein Leuchten in München zu kurz und fand zudem in Zeiten statt, in denen Lenbach schon tot und die anderen ganz andere Sorgen hatten, als den „schwindligen“ sozialistischen Revolutionär zu porträtieren. Vermutlich hätte Eisner selber in den Wirren seiner Regierungszeit überhaupt keine Zeit gefunden, sich malen zu lassen.

Es gibt von ihm gerade mal drei nicht völlig unscharfe schwarz weiss Fotos, das war es auch schon. Der alte Hanfstaengl, der mit Abstand bedeutendste Münchner Verleger und Kunsthändler, hätte sich vermutlich lieber den rechten Arm amputieren lassen, als Postkarten von diesem „Kommunisten“ heraus zu bringen – obwohl er diesen Arm ein paar Jahre später beim enthusiastischen Feiern seines geliebten Freundes und Führers – schmerzlich vermisst hätte.

Kurt Eisner - Alexander BroyIch hingegen hatte die Zeit und die Muße und habe ihn aus einer Laune heraus flott und flüchtig auf einem kleinen 40 x 40 Zentimeter großen Stück Leinwand gemalt. Als Vorlage diente mir ein Foto aus der Wikipedia. Was heißt Laune: Auf Bodos Empfehlung hin, habe ich Eisner per Bayrischer Rundfunk WhatsApp abonniert und hänge seit dem wie ein Teenager an meinem Handy, immer wieder lese ich was in seinem bewegten Leben vor genau 100 Jahre geschah, das inspirierte mich.

Ihm, dem einzig wahren, ersten und allerbesten Ministerpräsident aller Zeiten – und ich kann das beurteilen, der aktuelle MiPrä wohnt hier ein paar Strassen weiter in Nürnberg-Mögeldorf – wollte ich ein kleines, bescheidenes Andenken setzen und so fragte ich meine Mit-Blogwarte, Bodo und Peter, Hans Wiedemann von HU-Tobacco, Kohlhase und Kopp sowie nicht zuletzt Pfeifen-Huber, ob sie nicht mitarbeiten wollten. Sie mussten nicht lange überredet werden, die Begeisterung für einen Eisner-Tabak war sofort geweckt.

Einen häßlichen Todeswarnhinweis unter sein Portrait zu kleben, wäre natürlich pietätlos gewesen, denn er ist ja schliesslich nicht am Tabakkonsum, sondern durch die Hand eines rechtsextremen Eiferers gestorben. „Nationalismus kann töten“ oder „Ein Menschenfreund zu sein, schadet ihrer Gesundheit“ wäre als Gefahrenhinweis juristisch nicht erlaubt gewesen, deshalb entschieden wir uns für ein schlichtes Etikett und dafür, in jede Dose hinein einen Aufkleber mit seinem Portrait zu legen.

Zum Schluß meines Teiles, gebe ich dem geneigten Leser hier noch eine kleine Bastelanleitung an die Hand und gestatte mir den Hinweis, dass das Original Eisner-Portrait bei Pfeifen Huber zu erwerben ist, und ich gerade an einer großen Version des Bildes für mein Herrenzimmer arbeite, welches ich gegen ein großzügiges Gebot zur Not auch hergeben würde.

Und damit übergebe ich – den wunderbar weichen und geschmeidigen Eisner-Tabak im Pfeiferl rauchend – an meinen Freund Bodo Falkenried, der über die geschichtlichen Hintergründe der Revolution berichten wird.


ES IST REVOLUTION

Bodo Falkenried

Wir stehen in der aufwühlenden, katastrophalen Zeit am Ende des Ersten Weltkriegs. Es ist Revolution in Deutschland! Die untauglichen Monarchien – davon gibt es noch 22 in Deutschland, dazu die Wilhelminische Reichsmonarchie des Kaisers und vor allem aber die versagende Oberste Heeresleitung allen voran ihre Protagonisten Ludendorff und Hindenburg, die das sich ankündigende völlige Scheitern ihrer Militärstrategie vor Kaiser, Regierung und Volk verheimlichen und durch blindwütigen, wirkungslosen Aktionismus schließlich herbeiführen –  und damit letztendlich der Bismarck`sche Obrigkeitsstaat, stehen am Abgrund. Die bedeutsame Berliner Revolution vom 09. November 1918 ist unklar, verschwommen geworden und arbeitet sich mit politischer Ideologie zu Grunde. Nicht die Umstürzler sind die wahren Totengräber der Monarchie, sondern das Triumvirat aus Wilhelm II., Reichskanzler Max von Baden und dem Sozialdemokraten Friedrich Ebert, die zu diesem Zeitpunkt (Oktober 1918) die Reichsmonarchie aus unterschiedlichen Gründen unbedingt erhalten wollen: Kaiser und Kaiserin bewegen sich in einer starrköpfigen, überlebten Weltanschauung, selbstsüchtig und in völliger Verkennung der neuen Machtverhältnisse, (Endzeit-) Kanzler Prinz Max verfolgt eigene, sehr persönliche Nachfolgeziele als Monarch und Friedrich Ebert schliesslich will seine Sozialdemokratie als agierender Partner einer neuen parlamentarischen Monarchie etablieren, um die innenpolitische Stabilität im Reich zu garantieren und einen totalen Umsturz der gesellschaftlichen Verhältnisse, wie sie die russische Revolution gebracht hat, zu verhindern.

Woodrow Wilson 1856-1924 – 28. US Präsident 1913-1921

Hinzukommen die drängenden Forderungen des amerikanischen Präsidenten Wilson, der unnachgiebig zugesichert haben will, dass die Allierten nicht mit einer autokratischen, sondern mit einer demokratisch legitimitierten Regierung verhandeln können, was letztlich nichts anders als die Abschaffung der Monarchie bedeutet. Dieses fast unlösbare Spannungsfeld, in dem sich die Reichsregierung in Berlin befindet und das durch die verschiedenen Interessenlagen der Beteiligten ein fast täglich zu änderndes taktisches Vorgehen erfordert, ist das reale Hindernis, um die November Revolution tatsächlich in eine gelebte, der Bevölkerung und dem Staat nützende Demokratie zu bringen. Die ursprünglichen diplomatischen Versuche, mit den Allierten zu einem Waffenstillstand oder gar zu einem Verständigungsfrieden zu gelangen, scheitern sämtlich. Dennoch ist es nicht nur Wilson, der beharrlich gegen eine wilhelminische Monarchie Stellung bezieht, zwischenzeitlich nehmen auch die wirtschaftlichen, geistigen und kulturellen Eliten eine gegen Wilhelm II. gerichtete Position ein, was dieser bis zur Absurdität lange verkennt. Das Ende ist bekannt. Sich selbst durch oftmals wirres Taktieren und durch ein bei beiden aus unterschiedlichen Motiven rückwärtig orientiertes Kalkül von Kaiser und Reichskanzler außer Kraft gesetzt, ermöglichen sie ungewollt die dringend notwendige Abschaffung der Monarchie und die Einführung einer gewählten, parlamentarischen Staatsform, die als Weimarer Republik bis 1933 bestehen wird. Das dies aber letzlich – wenn auch unter härtesten Anstrengungen – gelingt, müssen wir in der Tat der späteren Reichsregierung unter ihrem Reichspräsidenten Ebert und der Reichsregierung mit Politikern wie u.a. Philipp Scheidemann und Gustav Stresemann zurechnen.

AUCH IN MÜNCHEN – ABER ANDERS

Gänzlich anders in der bayerischen Hauptstadt München. Rücksicht auf internationale Verhältnisse muß Bayern nicht nehmen, auch gibt es so gut wie keinen Einfluß von außerhalb der Grenzen des Freistaates, wenn man von denen aus Berlin absieht. Ein viel radikalerer Stilwechsel in der Politik wird mit einer durchdringenden kulturellen Ansprache an das Volk und durch publizierte, transparente Angebote für die Mitwirkung an der Zukunft vollzogen. So gelingt es dem Intellektuellen Eisner, wichtige und einflußreiche Verbandspolitiker wie die Brüder Ludwig und Karl Gandorfer vom Bayerischen Bauernverbund, für eine tätige Mitwirkung an der Revolution zu gewinnen. Über die neue, freiheitlich-demokratische Idee sich zusammenfindende Schriftsteller wie Oskar Maria Graf, Rainer Maria Rilke, Heinrich Mann, Ernst Toller, Erich Mühsam und Gustav Landauer, um nur einige zu nennen, bringen sich ebenfalls in den Umbruch ein. So kann in Bayern sehr viel fantasievoller und engagierter als in Berlin über ein neues politisches System nachgedacht werden, an dem die unterschiedlichen politischen Strömungen und die Bevölkerung tragende Positionen einnehmen. Durch die unablässigen öffentlichen Debatten vermuten die Veränderungswilligen für die Neuerungen auch eine größere Aufgeschlossenheit in weiten Teilen der Bevölkerung. Allerdings dauert es nach dem Tod Eisners noch weitere 4 Monate, bis es über die vierwöchige Verirrung in eine „Räterepublik“ im August 1919 gelingt, eine handlungsfähige Regierung aus Vertretern der Bayerischen Volkspartei und den Sozialdemokraten zu bilden. 

Kurt Eisner also. Der Revolutionär. Der Sozialdemokrat. Der Intellektuelle. Eisner gilt als Gründer des Freistaats Bayern, war von November 1918 bis zu seiner Ermordung am 21. Februar 1919 der erste gewählte bayerische Ministerpräsident. Sein ausgeprägtes Streben nach Veränderungen in Politik und Gesellschaft zeigt mit bis heute geltenden Verordnungen Erfolg, darunter der Acht-Stunden-Tag für Arbeitnehmer und die gesetzliche Kündigungsfrist, das Frauenwahlrecht, eine staatliche Erwerbslosenfürsorge und die Säkularisierung der Schulen.

Eisner, der studierte Philosoph, der Pazifist, steht für eine gewaltfreie Gesellschaft. Sein Ziel ist es, die bayerische parlamentarische Monarchie durch eine demokratische Rätevertretung zu ersetzen, die aber auch gar nichts mit Bolschewismus oder Kommunismus zu tun hat und Regierung und Landtag lediglich beraten soll. Das unterscheidet sich deutlich von den Zielen der von April bis Mai 1919 kurzfristig agierenden „Räterepublik“. Letzlich aber schaffen Bayerns starke Reaktionäre den Antrieb für seine Ermordung durch den Rechtsradikalen Anton Graf von Arco auf Valley am 21. Februar 1919.

Der Freistaat Bayern gedenkt Kurt Eisner durch zahlreiche Ausstellungen und Veranstaltungen. Besonders zu erwähnen ist das Messenger-Projekt des Bayerischen Rundfunks „Ich, Eisner“, in dem Kurt Eisner selbst durch tägliche Berichterstattung einen faszinierenden Einblick in die damaligen Vorgänge und Abläufe gibt.

„Ich, Eisner!“ erzählt die packende Geschichte der Revolution in Bayern von 1918 – in Echtzeit. Über WhatsApp oder Instagram berichtet Kurt Eisner, der Anführer der Revolution und erster Bayerischer Ministerpräsident, was vor genau 100 Jahren in München passiert ist.

München, November 2018: das dreiköpfige Autorenteam von Pfeifenblog.de hat die Idee, begeistert aufgegriffen von Pfeifen Huber. Hinzu kommt Hans Wiedemann von HU-Tobacco als ideenreicher Tabakblender und das Projekt nimmt seinen Lauf: der Kurt Eisner Blend, als Referenz an eine zeitgeschichtliche Epoche, deren Nachweise vor allem in München noch allgegenwärtig sind.


  • weiterführende Buchempfehlungen

Lothar Machtan – Kaisersturz, Endzeitkanzler
Volker Weidermann – Träumer, Ostende




Samuel Gawith | Golden Glow

Wir Pfeifen-Blogger sind schon ein bienenfleissiges* Volk, wir sammeln, rauchen und schreiben unermüdlich. (*Für die jüngeren Leser unter euch „bienenfleissig“ ist eine altertümliche Metapher aus der Zeit als noch gestreifte Insekten von Blüte zu Blüte geflogen sind, um Honig zu sammeln. Die wurden von Julia Klöckner und dem Bauernverband mit Glyphosat ausgerottet).

Kein noch so seltener, exotischer oder mauerblümchiger Tabak wird ausgelassen. (mauerblümchig ist gar keine richtige Adjektivbildung, ich wollte nur mal wieder was mit Blumen und so … wegen den Bienen … ist halt etwas verunglück…)
Golden Glow
was für ein faszinierender Name, er klingt nach Sonnenaufgang, nach gleissendem Licht nach Leucht- und Strahlkraft. Mal wieder ließ ich mich von dieser Attitüde blenden und erklärte mich für ein Tabak-Review zu diesem, mir bis dato unbekanntem Tabak von Samuel Gawith, bereit. „Broken Virginia Flake“ klingt nämlich gar nicht so verkehrt, dachte ich.

Öffnet man die rechteckige Dose mit der angedeuteten gelben Sonne, dann fällt wie bei allen neuen Samuel Gawith Tabaken die hochproffessionelle Verpackung auf. Ein schwerer Pappendeckel mit Eingriffslöchern presst den Inhalt der Dose fest zusammen. Mit etwas Kraft kann man ihn entfernen und entdeckt einen perfekt konditionierten und bretthart gepressten Tabak.

Wenn ich ein Tabakreview schreibe, dann bereite ich mich streng nach der Lee-Strasberg-Methode darauf vor. Das ist eine Art Method-Smoking. Ich vertiefe mich so sehr in den Tabak, dass alles Sein um mich herum ausgeblendet wird. Ich lebe nur noch in der Idee dieses Tabaks, dass ich selbst quasi dieser Tabak werde. So glühte es in meinem Leben gülden wie auch ich selbst. Ich lief im goldenen Herbst unter einer goldenen Herbstsonne durch einen golden glühenden Wald. „Golden Glow“ rauchend stand ich vor meiner Staffelei und malte von einem inneren Glühen erfüllt diese Herbststimmung. Ich wählte sogar einen goldenen Rahmen für mein Bild.

Als ich die Dose öffnete hatte ich noch den Geruch des trockenen Grases im Herbstlicht in der Nase und roch auch genau das:
Trockenes Gras!
Wenn man sich ein wenig Mühe gibt, kann man auch das eine oder andere Wildkräutlein erahnen. Ein winziges kleines Aromamolekül von einem verdorrten Blütenkelch.

Kommt mir jetzt bloß nicht mit den „heuigen Noten des Virginias“. Ich treibe mich ständig auf Almen herum, habe lange in der Landwirtschaft gearbeitet, ich habe Tonnen von Heu gemäht und mit der Mistgabel an Kühe verfüttert. Heu riecht wundervoll aromatisch. Unzählige Aromen aus tausenden Kräutern und Almblumen. Ein frischer Heuballen ist eine Aromabombe.
Das hier ist trockenes Gras!
Der Tabak ist in einem perfekten rauchbaren Zustand. Ich reisse ein paar Stränge aus der hochverdichteten Dose, fülle meine Pfeife, zünde (natürlich mit einem  goldenen Dunhillfeuerzeug) und schmecke, taste den Rauch mit der Zunge ab, lasse ihn ein und ausströmen durch mein golden glühendes Wesen und schmecke: trockenes Gras!

Inzwischen habe ich die halbe Dose geraucht, meine goldene Aura hat sich zurückgebildet und das gewohnte schwarze Gewitterwölkchen über meinem Haupt ist wieder da. Qualitativ ist dieser Tabak sicher hervorragend, er schmeckt vom ersten bis zum letzten Zug nach trockenem Gras, verliert auch niemals diesen Geschmack (nach trockenem Gras) und bleibt bis zum letzten Zug – langweilig.

Irgendwann habe ich begonnen ihn nur in Pfeifen mit sehr starkem „Gosting“ zu rauchen. Pfeifen, die ich mir mit fragwürdigen Aromabomben versaut habe. Dunhills aus denen seit Jahrzehnten nur Balkan geraucht wurde. Flohmarktpfeifen, die nach feuchtem Keller stanken. Und immer habe ich mich wie ein kleines Kind gefreut, wenn ich irgendetwas von diesen Geistern schmecken konnte. Irgendwann hatte ich sogar in einem Anfall von Hypochondrie die fixe Idee ich könnte mit Covid infiziert sein und hätte meinen Geschmacksinn verloren. Aber ein Schluck Marille, überzeugte mich vom Gegenteil. Meinem Geschmack geht es gut, nur der Tabak hat keinen.

All die Pfeifen in denen ich den Golden Glow geraucht habe, sind übrigens jetzt völlig frei von jeder Form von „Crossover“ oder „Gosting“. Dieser Tabak ist die perfekte Reinigung. Ist man früher mit Salz/Alkohol, Whisky oder 99% Ethanol diesen stinkenden Rauchhölzern zu Leibe gerückt, so ist das jetzt mit einer Füllung dieses Broken Virginia Flakes getan.

Fazit: Der perfekte Tabak zur Pfeifenreinigung oder für Liebhaber von Trockenem-Gras-Geschmack, denn die soll es ja angeblich auch geben.


 

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Samuel Gawith | Firedance Flake

Allmählich haben wir in unserem Tableau fast alle Samuel Gawith Tabake „reviewed“, den einen oder anderen sogar zwiefach. Im Unterschied zu einigen anderen Herstellern, deren Tabake ab und zu Veränderungen unterworfen sind oder gar als „Legenden-Animierung“ re-produziert werden, gilt Samuel Gawith als monolithischer Hersteller. Änderungen oder neue Tabake kommen selten aus den Lakelands und so hat man sich an diverse Eigenarten der Tabake gewöhnt. Das trifft vor allem die Flakes, berühmt und gefürchtet ob ihrer Feuchtigkeit und der „regelmäßig“ unregelmäßigen Schnittbreiten der einzelnen Tabakscheiben. Das kann beim gleichen Tabak von Dose zu Dose variieren. Allerdings bleibt auch festzustellen, daß seit der Wiedervereinigung von Samuel Gawith mit  Gawith & Hoggarth vieles besser geworden ist. Einige Tabake von SG, die es bisher nicht in Deutschland gab und die in der Schweiz, in UK oder in den USA beschafft werden mußten, hat seit geraumer Zeit auch der deutsche Fachhandel. In Europa ist Samuel Gawith seit 1792 einer der wenigen überlebenden echten Tabakhersteller, der sich neben dem Giganten Scandinavian Tobacco Group, MacBaren und den sehr kleinen J.F. Germain & Sons, neben Kohlhase & Kopp und DTM, behaupten kann.

Der Firedance Flake ist ein aromatisierter Virgina Flake, dessen Basis der SG Best Brown ist. Und der schmeckt stets durch, beim Firedance Flake …. und das ist gut so. Also beschreibe ich zunächst einmal die wichtigen Eigenschaften, mit denen der Best Brown aufwartet: ein mild-cremiger, weicher, absolut naturreiner Virginia-Flake mit viel pfeffriger, dunkler Frucht, herbem Zitrusduft, mildem Heu und Gras, viel Holz, floraler Erde, Pumpernickel. Das ist schon einmal eine Hausnummer für sich, für den Liebhaber von speziellen Aromen aber entfaltet er seine Klasse unter dem Aromenmantel vom Firedance in ganz besonderer Art. Brombeere und Brandy werden als Push-Aromen benannt und die schießen bei öffnen der Dose gehörig in die Nase. Das ist nicht die oft seifige Note von SG, diese hier ist anders. Ich kann beide Noten nicht so richtig trennen. Aber da ich die Herstellerangabe kenne, entdecke ich auch genau diese zwei. Ein Lob auf den Einfluß des geschriebenen Wortes!

Die Flakes in der Dose sind halt Flakes in der Dose, so wie man es von SG kennt: die üblichen 50 g in 9,5 x 2,5 cm langen Streifen, allerdings perfekt in gleicher Dicke/Stärke geschnitten. Und das war bis vor noch gar nicht langer Zeit keineswegs üblich. Bewertungen und Tests im Internet sind voll mit Kritik über die Feuchte und den unregelmäßigen Schnitt von SG Flakes.

Eine schöne Komposition von hellen, dunklen und hellbraunen Virginias – ein Flake „wie gemalt“

 

Die erste Pfeife habe ich mit meiner bewährten KNICK&FALT Methode befüllt, die mir bei Flakes und Curlies den höchsten Genuß beschert. Sobald die Oberfläche gleichmäßig in Brand gesetzt ist, entwickelt der Firedance zunächst eine Kopfnote, die mir gar nicht so unangenehm ist. Als strammer Aromatenverweigerer bin ich ein wenig -positiv- überrascht. Unter den Aromen kommt deutlich der Virginia zum Vorschein. Ich muß sagen, dass sich der Firedance im Rauch viel weniger aufdringlich zeigt als beim Dosengeruch, mit der Brombeere als vorherrschendes Aroma, mit dem Brandy im Hintergrund und irgendwie schmecke ich noch Vanille heraus. Aus dem Best Brown mit seinen etwas rauhen Kanten ist nun ein feiner Virginia-Flake mit schönem Körper, ohne Härte und ohne übermäßige Schwere geworden. Allerdings: nach dem starken Anfang haben sich Brombeere und Brandy nahezu verflüchtigt und es bleibt nur noch der Geschmack des Virginias übrig.

Lag es vielleicht an der Art der Befüllung?

Die nächsten zwei Pfeifen habe ich mit aufgedröselten Flakescheiben befüllt. Das Anzünden ging dadurch gleichsam leichter vonstatten und der Tabak geriet auch schneller auf „Betriebstemperatur“. Ich schmeckte nun die Weinbrand-Brombeere etwas deutlicher und -für mich- auch etwas penetranter. Und vor allem durchgängiger und nahezu bis zum Schluß. Für die Liebhaber von aromatisierten Tabaken wie dem Firedance womöglich die geeignetere Füllmethode.

Nach der fünften oder sechsten Pfeife war für mich klar, daß der Firedance Flake bei mir keine Heimat finden wird. Ich empfinde ihn ein wenig wie nicht Fisch nicht Fleisch, das liegt an meinen Vorlieben, bei denen Naturreinheit im Vordergrund steht. Das das anfangs kräftige Brombeeraroma sich so schnell in Rauch auflöst, erscheint mir dann auch nicht zufriedenstellend für den passionierten Aromatenfreund zu sein. Als gelegentlicher Rauch rundet er eine gepflegte Tabakbar sicherlich ab, aber mehr auch nicht.

In jedem Fall würde ich als Vergleichstabak den Samuel Gawith Kendal Cream Flake vorziehen, auch der wunderbare Huber Honeydew Flake – jetzt Golden Flake – sind eine bessere Wahl. .


 

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Pfeifen Huber | Epikur

Tabake werden nicht besser, nur weil man öfter über sie schreibt. Es gibt hier bereits einen Artikel über diesen Tabak, in dem vieles, was man vielleicht wissen will, schon beschrieben ist. Warum also nochmal einen Artikel über den Epikur? Ganz einfach: weil ich mehr über den Geschmack schreiben will und weil ich ihn vollkommen anders aufbereite, als Bodo das beschrieben hat.

In Erwartung, dass der Brexit auf dem Tabakmarkt nicht spurlos vorüber gehen könnte, habe ich kurzfristig beschlossen, mir nochmal ein paar Dosen des Epikurs zu kaufen und einzulagern. Das ist im Wesentlichen der Anlaß für dieses Review und meine Überlegungen.

EpikurBekanntlich handelt es sich beim Epikur um die Plug-Version von Samuel Gawith’s Full Virginia Flake. Der Full Virginia Flake wird in Deutschland flächendeckend angeboten, der Plug, also der Epikur, nur unter dem Huber Etikett. Jetzt kann man sich fragen, ob es das überhaupt braucht? Klare Antwort: Ja! Nächste Frage: Warum braucht es das? Und jetzt muss man schon ein bisschen weiter ausholen:

Plugs zu rauchen ist kein Zauberwerk, das einer erfahrenen Raucherelite vorbehalten ist, Plugs zu rauchen ist einfach nur mehr Aufwand! Und den betreibt man nicht, weil es etwas besonderes ist, mehr Aufwand zu betreiben, sondern weil man im Wesentlichen zwei Vorteile hat, wenn der gepresste Tabak nicht schon in Scheiben geschnitten oder gar zum Ready Rubbed vorgerubbelt ist.

Der erste Grund hat mit dem Hersteller Samuel Gawith und dessen Konfektionierung der Flakes zu tun: Die Scheiben des Full Virginia Flakes sind nicht selten relativ dick geschnitten, ungleichmäßig geschnitten und ziemlich feucht abgepackt. Das macht das Rauchen dieses Flakes manchmal nicht gerade einfach, je nachdem, wie man ihn gerade erhält. Beim Plug, der auch relativ feucht ist, hat man das Aufbereiten in der eigenen Hand, was für mich ein signifikanter technischer Vorteil ist.

EpikurDer zweite Grund dagegen ist viel fundamentaler und für mich der eigentliche, um die Plugversion zu bevorzugen: Plugs reifen anders als geschnittene Tabakscheiben oder gar ein Ready Rubbed! Der Geschmack, der dabei entsteht, ist komplexer und intensiver als bei den bereits aufbereiteten Versionen! Und gerade, wenn man dem Tabak Zeit zum Reifen lässt, ist es den Mehraufwand des Aufbereitens allemal wert!

Gleich vorweg möchte ich sagen, dass Samuel Gawith’s Full Virginia Flake für mich DER Referenztabak unter reinen Virginiatabaken ist – gerade nachdem McClelland mit ihrer speziellen Fermentation die Produktion eingestellt hat. Und der gereifte Epikur ist folgerichtig die Referenz der Referenz! Auch wenn es wirklich viele reine Virginias auf dem Markt gibt, in vielen Stilen, der Full Virginia Flake und der Epikur im Besonderen stellen für mich den Archetypus eines perfekten Virginias dar. Der Tabak zeigt alle Facetten auf, die Virginia haben kann und das auf allerhöchstem Niveau!

Der Epikur kommt in kleinen gepressten Quadern und Würfeln, zum Teil mit kleineren Flakestücken auf das richtige Füllgewicht von 100g gebracht. Das Konfektionieren eines solchen Tabaks ist nicht ganz einfach, weshalb diese Tabakform auch relativ selten ist. Wenn ich solche Dosen aufmache und reinschaue, dann denke ich immer an jemanden, der erleichtert „Ubongo“ schreit… Die Farbe der Tabakwürfel ist eher dunkelbraun mit hellen Streifen durchsetzt, an den Schnittflächen lassen sich schön die einzelnen Blätter mit ihrem farblichen Nuancen erkennen. Auch leicht hellgraue kristalline Ausscheidungen zeigen sich vereinzelt. Der Geruch ist intensiv malzig süß und hat feine Nuancen von getrockneten Früchten, eine ganz dezente Säure und etwas Heu.

EpikurInteressant ist, einen frisch gekauften Epikur mit einem vier Jahre lang gelagerten zu vergleichen: hier zeigt sich schon allein optisch, was der Reifeprozess bewirkt, denn der gereifte Tabak ist jetzt fast schwarz und im Geruch dominieren die Trockenfrüchte mit Karamell und etwas Schokolade, während das Heu vollends verschwunden ist.

Nächste Frage ist nun, wie bereite ich den Tabak auf, um ihn geniessen zu können. Bodo schlägt in seinem Artikel vor, ihn quasi in einen Cube Cut zu zerschneiden, also in kleine Würfelchen, die man dann in die Pfeife einfüllt. Mit dieser Version komme ich persönlich nicht besonders gut klar, weil, wie oben schon erwähnt, der Tabak relativ feucht ist und die feuchten Cubes lange brauchen, um ein bisschen zu trocknen und feucht nicht besonders gut glimmen. Die geschmackliche Entwicklung ist für mich eher bescheiden. Man kann ihn so rauchen, aber für mich ist das nicht die beste Wahl!

EpikurIch bevorzuge es, mit einem wirklich sehr scharfen Kochmesser sehr sehr dünne Scheiben von den Würfeln abzuschneiden, ca. 1mm dick, also fast eher Späne als Scheiben. Der Tabak ist feucht und dicht genug, sodass diese dünnen Späne nicht zerfallen. Auf diese Weise lässt sich der Tabak ganz leicht etwas antrocknen – das dauert nur zehn Minuten bis eine Viertelstunde – und die so getrockneten Scheibchen lassen sich perfekt in Kügelchen gedreht oder geknickt und gefaltet in den Pfeifenkopf füllen. Wie bei einem Flake. Nur entwickelt bei meiner Art zu rauchen der etwas trockenere Epikur auf diese Weise eine größere Geschmacksfülle, weil er unkomplizierter und bei mir kühler abglimmt. Das liegt auch daran, dass ich die relativ feuchten Cubes doch öfter mal nachzünden muss, während die getrockneten Späne problemlos langsam vor sich hinglimmen. Das macht sich bei mir geschmacklich sehr positiv bemerkbar.

EpikurEntzündet man den Tabak, was auch bei meiner Methode ein paar Anläufe braucht bis die Oberfläche gleichmäßig glimmt, dann haben wir sofort betörend süße malzige Noten mit einem leichten Karamell und Röstaromen wie von Brotkruste. Anfangs auch mit leichten heuigen Noten versetzt, die sich aber im Lauf der Füllung immer weiter verflüchtigen und mehr und mehr den Noten nach getrockneten Früchten (Feige) und in Nuancen dunkler Schokolade Platz machen. Die ersten zwei Drittel der Füllung wirkt der Tabak opulent und cremig süß, erst zum Ende hin wird er nicht nur stärker und intensiver sondern auch zunehmend erdiger und kantiger. Die Süsse bleibt bis zum Finale präsent und sorgt dafür, dass der Geschmackseindruck nicht rustikal endet, sondern immer fein und perfekt balanciert wirkt.

Full heißt hier nicht stark im Sinne von Nikotinstärke, sondern im Sinn von Geschmacksfülle! Auch wenn der Tabak schon das nötige und natürliche Gewicht besitzt und keineswegs leicht ist. Überwältigend stark aber ist er nicht. Wem er trotzdem zu kraftvoll daherkommt, der sei an den Best Brown Flake oder dessen Plug-Bruder Kendal Plug verwiesen! Der ist im Stil ähnlich, aber deutlich leichter, was man allerdings auch an der Geschmacksfülle merkt: kleines Feuerwerk beim Kendal Plug, großes Feuerwerk beim Epikur!




Samuel Gawith | Commonwealth Mixture

„Was fällt Ihnen ein zu dem Begriff „Commonwealth“? 20 Sekunden! Dalli Dalli:“ „Äh. Äh. Canada!“ „Australien!“ „Indien!“ „Neuseeland!“ „Singapur!“ „Äh. Äh. Südafrika!“….. Und was fällt Ihnen zu dem Begriff „Commonwealth“ ganz bestimmt nicht ein? Na? Genau: Kendal Castle!

Kendal Castle ist diese Ruine neben dem Union Jack auf der linken Seite des Dosenetiketts der Commonwealth Mixture von Samuel Gawith und meine Assoziation, betrachte ich dieses Bild, wäre momentan eher sowas wie eine Neuerscheinung namens „Brexit’s Crumble“ etwa aus 100% erlesenem Black Cavendish mit einem einzigartigen Myrrhearoma gereift in Re-Fill Fässern von Magenbitter! Aber als Samuel Gawith’s Commonwealth Mixture das Licht der Welt erblickte, angeblich 1992 um 200 Jahre Samuel Gawith Tobacco zu feiern, war der Brexit fern und der Anlass zweifellos positiv!

Samuel Gawith CommonwealthGefeiert wurde mit der klassischsten Variante einer „englischen“ Mischung, nämlich einer Ribbon Cut Mixture aus Virginia und Latakia. Und das in unserem Fall hier gerecht 50:50 aufgeteilt. Das klingt nicht besonders spektakulär und das ist auch nicht besonders spektakulär. Wer bei der Commonwealth Mixture irgendwas spektakuläres sucht, der hat im Regal daneben gelangt und Balkan Flake, Skiff Mixture oder den Squadron Leader knapp verfehlt!

Das heißt jetzt nicht, dass die Commonwealth Mixture schlecht wäre, denn das ist sie auf gar keinen Fall, es ist nur so, dass man sich fragt, warum man ein 200 jähriges Firmenjubiläum mit so einem grundsoliden, hochwertigen, aber vollkommen unspektakulären Tabak begehen muß?

Samuel Gawith CommonwealthDas wirkt, als würde die Patisserieabteilung vom Dallmayr einen Aniszwieback zum Jubiläumsfest beigetragen haben. Ich mag ja Aniszwieback. Und wenn er gut ist, dann mag ich ihn sogar sehr. Und genau so verhält es sich auch mit der Commonwealth Mixture.

Diese kommt in der neuen Verpackung daher, also vakuumiert mit dickem Pappkarton und Gawith&Hoggarth Aufdruck auf selbigem. Das Tabakbild ist erwartungsgemäß ebenso unspektakulär wie die Komposition: da wechseln sich mittelbraune, dunkelbraune und leicht rötliche dunkle Virginias mit schwarzem Latakia ab. Das Tabakbild suggeriert eine gewisse „Schwere“ und man denkt unweigerlich an den „Untertitel“ des Commonwealth, wie er auf dem Etikett aufgedruckt steht: „Full Strength Mixture“!

Samuel Gawith CommonwealthDa stellt sich dann die Frage, wie stark eine Mischung eigentlich sein kann, die zur Hälfte aus Latakia besteht? Jedenfalls nicht so stark, als dass irgend jemand Angst davor haben müsste, von der Commonwealth Mixture überfordert zu sein! Bruder Leichtfuß ist der Commonwealth aber trotzdem keiner, denn die Virginias verleihen der Mischung schon einen beachtlichen Körper und das auf eine sehr angenehme und unaufdringliche Art. Riecht man an der Commonwealth Mixture, dann zeigt sich der Tabak in erster Linie rauchig. Klar, bei 50% Latakia-Anteil ist nichts anderes zu erwarten – aber die Rauchigkeit ist keine leichte gar ätherische, sie ist erdig und fast ein wenig muffig eingebunden. Hier wirkt der Tabak sehr Old School aber trotzdem attraktiv.

Virginias ist das, was sie in Kendal meiner Meinung nach am besten können und das merkt man auch an der Commonwealth Mixture. Eine malzige und leicht erdige Süsse bestimmt geschmacklich den Commonwealth. Nicht cremig, nicht zitrisch, auch nicht heu-ig und noch nicht einmal besonders süß, aber in einer vollkommen unspektakulären Art und Weise perfekt gemacht. Wie eine perfekt gemachte traditionelle Linsensuppe ohne Schnickschnack! Und das nun gepaart mit der doch sehr vollen Rauchigkeit, das hat was, das macht ein großes Vergnügen, ohne dass man gleich wüßte, warum eigentlich.

Samuel Gawith CommonwealthEs ist der perfekte Alldays Smoke, wenn man einen englischen Tabak will, der einem schmeckt, ohne dass man überlegen müßte, warum er einem eigentlich schmeckt. Die Commonwealth Mixture kommt perfekt konditioniert wie die meisten Latakia-Mischungen von Samuel Gawith. Man kann den Tabak vollkommen problemlos stopfen, anzünden und kühl und gleichmäßig langsam bis zum Ende rauchen, ohne dass sich der Charakter der Commonwealth Mixture geschmacklich verändern würde. Er wird nicht stärker zum Ende hin, auch nie bitter oder beissend. Er liefert eine malzig erdige Rauchigkeit vom Entzünden bis zum Schluss mit einer absolut überzeugenden Konstanz.

Für jemanden, der genau so einen Alltagstabak sucht, ist die Commonwealth Mixture die perfekte Wahl! Will man ein Feuerwerk oder eine große Entwicklung, dann muß man sich anderweitig umschauen! Für Anfänger geeignet ist der Tabak allemal, gerade auch wegen seiner gutmütigen Abbrandeigenschaften, aber ich weiß nicht, ob man als Anfänger die beträchtliche Qualität des Tabaks zu schätzen weiss? Denn die Qualität liegt darin, auf einem hohen Niveau unspektakulär zu sein.


 

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Samuel Gawith | Sam’s Flake

„Wie ist eigentlich der Sam’s Flake?“ „Hm. Ich hab‘ den vor Jahren mal geraucht und fand ihn recht mäßig. Kann mich aber auch nicht mehr genau erinnern.“ Also habe ich mir eine Dose gekauft um mich zu erinnern oder auch nicht und vor allem, weil ich gesehen habe, dass uns der Sam’s Flake irgendwie durch die Lappen gegangen ist… und das wäre schade, weil es sich um einen durchaus interessanten Tabak handelt!

Samuel Gawith Sam's Flake„Play it Sam! Play As Time Goes By!“ Natürlich weiß ich, dass der Sam, um den es hier geht, nicht in Rick’s Café in Casablanca Piano spielt, sondern der Samuel Gawith ist, der gleichnamige Tabakmanufaktur gegründet hat. Trotzdem gefällt mir der Griff in die Filmgeschichte, weil „Wie die Zeit vergeht“ eigentlich eine sehr passende Assoziation zum Sam’s Flake ist: das ist für mich ein Retrotabak wie er im Buche steht. Ein Tabak, der einen Blick freigibt in eine Zeit, in welcher der homöopatische Einsatz von Cumarin bei Virginia basierten Blends nicht ungewöhnlich und auch nicht verboten war. Beim Sam’s Flake geht es um eine Aromatisierung mit Tonkabohne. Hier hat der Sam’s Flake eine Parallele im Sortiment von Samuel Gawith, nämlich im 1792 Flake, allerdings wirkt der Sam’s Flake wesentlich dezenter und feiner als der 1792 Flake! Und im Gegensatz zum 1792 Flake ist er auch keine belastende Nikotinbombe!

Der Sam’s Flake hat eine Tabakbasis, die aus mittelkräftigen flue cured Virginia-Tabaken und Orientals besteht. Die Virginias liefern ein hohes Maß an malziger Süsse bei relativ dezentem Nikotingehalt, die Orientals, die geschmacklich in der zweiten Reihe stehen, sorgen für einen fast blumigen Charakter des Blends, auf den die Tonkabohnenaromatisierung aufgesetzt ist. Wie gut das passt, wird klar, wenn wir die Dose öffnen und riechen. Verpackt ist mein Sam’s Flake noch in der älteren Version, also ohne den dicken Karton!

Samuel Gawith Sam's FlakeDabei wäre das in diesem Fall vielleicht sogar von Vorteil gewesen um den Trocknungsprozess in der geöffneten Dose zu verlangsamen, denn im Gegensatz zu den meisten Samuel Gawith Flakes ist dieser hier nicht deutlich zu feucht sondern perfekt konditioniert und ohne großes Vortrocknen sofort zu rauchen. Auch fällt auf, dass die Flakescheiben länger sind und in die Dose gefaltet. Nebenbei fehlen auch die dicken ledrigen Schnitzel, die uns hin und wieder bei Flakes dieses Hauses begegnen und die das Stopfen, gelinde gesagt, nicht gerade vereinfachen. Hier ist alles vorbildlich!

Der Duft, der uns aus der geöffneten Dose entgegenschlägt ist so intensiv wie attraktiv der nach frischem fettem Heu mit einer großzügigen Portion Süße, die aber nicht dick und klebrig wirkt sondern blumig und leicht! Hier spielen die Orientals all ihre Vorzüge aus. Man fühlt sich direkt in einem frisch gefüllten Heuboden.

Samuel Gawith Sam's FlakeDas Tabakbild der Flakestreifen ist im Gegensatz zum Geruch ziemlich unspektakulär! Mittelbraune Blätter mit hellbraunen leicht durchsetzt. Der Tabak wirkt komplex aber nichts deutet auf etwas schweres, übermäßig gehaltvolles hin!

Stopfen und Anzünden lässt sich der Sam’s Flake vollkommen unproblematisch, selbst für Flakeanfänger sollte der Tabak in dieser Konditionierung keine Hürde darstellen. Der Abbrand ist gleichmäßig und kühl bis zum Ende, selbst wenn man es darauf anlegt und ihn mal heisser werden lässt, verzeiht es der Tabak und hält sein Aroma. Nichts wird scharf oder bitter! Der Sam’s Flake ist die Gutmütigkeit in Tabak.

Entzündet man den Sam’s Flake, dann eröffnet sich geschmacklich genau die Aromenfülle, die man nach dem Geruch aus der Dose erwartet. Allerdings präsentiert sich die Tonkabohnenaromatisierung geschmacklich etwas anders als im Geruch: Herrschen im Geruch die Heuaromen, so sind es jetzt grünlich süße Vanillenoten mit Waldmeister und Kräutern unterlegt. Das Heu ist noch da, aber deutlich in süße Vanille gepackt. Die malzige Süße der Virginias ist ebenso präsent wie das Aroma. Sie tritt auch nie zurück und bestimmt auf die Dauer der Füllung den Geschmackseindruck. Genau das ist die Stärke der Aromaten bei Samuel Gawith und da bildet auch der Sam’s Flake keine Ausnahme. Zumal diese Virginias absolut erstklassig sind! Der Sam’s Flake ist kein Tabak, der sich groß während des Rauchens entwickelt. Mit der Geschmacksfülle und den Geschmacksnoten, mit denen er eröffnet, schließt er auch ab.

Samuel Gawith Sam's FlakeEs gibt aber beim Sam’s Flake noch etwas anderes, was ich bemerkenswert um nicht zu sagen fast perfide finde: Ich rauche relativ wenig Aromaten. Bei meinem Tabakkonsum herrschen Latakiablends und Virginia/Perique Tabake vor. Aromaten rauche ich nur hin und wieder. Eher wie ein Stück Kuchen oder ein besonderes Dessert. Aromatisierungen sind für mich geschmacklich sehr präsent, weil ich sie nicht gewohnt bin.

Beim Sam’s Flake ist das anders: an diese Aromatisierung gewöhnt man sich sofort, man nimmt sie als etwas vollkommen selbstverständliches wahr, als etwas, was dazugehört und trotzdem nicht vom Blick auf die Virginias ablenkt. Eine solche Adaption einer eigentlich deutlichen Aromatisierung habe ich bei noch keinem anderen Aromaten gehabt. Das ist etwas, was mir ein bisschen das „Aromatenerlebnis“ wie ich es beim Ennerdale, Grousemoor oder RB Plug habe, wegnimmt. Der Sam’s Flake kommt anfangs daher wie ein interessanter Aromat und entpuppt sich dann als wunderschöner Alldays Smoke! Für mich nimmt ihm das ein bisschen das Besondere, obwohl vielleicht gerade darin das Besondere liegt?


 

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Mac Baren | Amphora Kentucky

Ich kaufe mir niemals Pouch-Tabake. Die sehen nach Kiosk oder Tankstelle aus. Sie sind die „Bifi-Roll“ oder das „Carazza“ der Pfeifenraucher, etwas was man sich vielleicht aus lauter Verzweiflung kauft, wo Vernünftiges nicht angeboten wird. Anders als bei einer Salami, bin ich auf Nikotin nicht lebenswichtig angewiesen, deshalb kommt das bei mir auch nicht vor. Ausserdem misstraue ich einem Produkt, welches schon seitens des Herstellers keine Wertschätzung erfährt. Wie sehr muss einer seine Ware verachten, dass er sie in einem Plastiksackerl anbietet, schauerlich. Folglich ist der Tabak, über den ich heute schreibe, von mir nicht käuflich erworben, er war ein Geschenk, oder nennen wir es ein Test-Muster, welches mir von der Public-Relations-Abteilung des Distributors Arnold André zugesandt wurde.
Ihr seht schon liebe Lese, die Voraussetzungen für ein faires, unvoreingenommenes Review waren bei mir nicht so hundertprozentig gegeben.
So habe ich mich auch nicht gemütlich in meinen Lieblings-Lesesessel gesetzt, Musik angemacht und an einem Whisky genippt, sondern habe mir die Pouch in die Westentasche gesteckt und bin ins Atelier gegangen, um meine Schnitzmesser zu schärfen. Für so eine schnöde und langweilige Arbeit, ist ein geschenkter Pouch-Tabak in einer abgerockten Arbeitspfeife genau richtig. In meinem Fall eine Peterson Army-Mount, 9mm gefiltert. Eine von mir sehr geschätzte und leider viel zu schlecht behandelte Arbeitspfeife. Unsicher, ob ich überhaupt etwas über diesen Tabak schreiben möchte, habe ich die Packung im ungeöffneten Zustand nicht einmal fotografiert.

Als ich das vielgeschmähte Plastikpackerl dann endlich aufgerissen hatte, stutzte ich. In dem güldenen Inneren lag ein tiefdunkler fast schwarzer Tabak, aber nicht, wie man es erwarten würde, eine fest gepresste Mixture, sondern feine, leicht glänzende, dunkle Streifen eines erstaunlich langen Ready Rubbeds. Ihr könnt euch vorstellen, dass ich verblüfft war, das hatte ich in der Tat nicht erwartet.
Der schwere japanische Stein, meiner Tormek-Schleifmaschine, lief leise polternd und plätschernd durchs Wasser. Gedankenverloren schalte ich die Maschine aus und drehte die Leuchte am Schwanenhals herum, um in den Beutel hineinsehen zu können. Ich hatte mich nicht getäuscht, wunderschöne Stränge, die sich beim Verschwinden des Vakuums langsam entfalteten. Ich roch daran und ein betörend erdiger Geruch nach feuchtem Waldboden oder besser, frisch gepflügten Ackerboden strömte in meine Nase. Mein erster Gedanke war, wer steckt so einen Tabak in eine Tüte, ich war mir schon beim ersten Augenschein und spätestens beim Riechen absolut sicher, der „Amphora Kentucky“ hätte eine edle Dose verdient. Nach dem Stopfen der leicht sperrigen Flake-Fransen, war nicht nur mein Schleifstein nass, sondern auch meine Peterson. Der Tabak ist zu feucht, um ihn sofort zu rauchen und so lege ich die Pfeife beiseite und kümmere mich erst einmal um ein paar Schnitzmesser. Immer wieder wandert mein Blick auf die gestopfte Pfeife neben mir und ich überlege, ob ich es nicht doch probieren sollte, kann mich aber gerade noch disziplinieren. Ich hatte mich bei dieser kontemplativen Arbeit sehr auf eine Pfeife gefreut, aber ich bin zum Warten verdammt. Immer wieder rieche ich am Tabak und sauge den schweren, vollen Geruch ein. Ich merke, wie die Vorfreude immer größer wird und der prüfende Daumen schummelt sich immer öfter in den Pfeifenkopf. Irgendwann beschließe ich, dass die Trocknungszeit reicht und zünde den Tabak an. Erwartungsgemäß funktioniert das nicht so gut, aber nach drei oder vier Schachteln Streichhölzern, brennt die Pfeife. Ein- oder zwei Mal muss ich Flachstopfen und Nachzünden, dann brennt der Tabak und geht danach auch nicht wieder aus.

Der Tabak ist eine Mischung aus ganz viel Dark Fired Kentucky und etwas Virginia und schmeckt genau so, wie ich es erwartet hatte – also nachdem ich daran gerochen habe also genau das Gegenteil von dem, als ich die Packung zum ersten Mal gesehen hatte. – Erdig, schwer, feucht und vollmundig. Oftmals ist Kentucky etwas kratzig und hart, das ist hier überhaupt nicht der Fall. Es ist genau so viel Virginia drin, wie es braucht, um dieses „garche“ Kraut zu bändigen, zu mildern. Es ist eine für mich absolut perfekte Mischung aus Härte und Weichheit. Das genaue Mischungsverhältnis kenne ich leider nicht, aber es kommt mir vor, als wäre der Kentucky, der sonst eher als Würztabak dient, die Hauptzutat. In einer ähnlichen Form habe ich das beim „Dark Moor“ von HU Tobacco schon einmal erlebt. Leider habe ich von diesem keine Dose mehr, sonst wäre es sehr interessant, diese beiden einmal nebeneinander zu rauchen.

Dieser Amphora Tabak ist ein Tabak für Kenner, für Liebhaber des schweren, torfigen und starken Tabaks, wobei er mir niemals zu nikotinhaltig vorkam. Schon ordentlich, aber nicht massiv. Ohne besonders rauchig zu sein, wirkt er doch durch seine torfigen Noten ein wenig wie ein Islay-Whisky. (Einen hinkenden Vergleich brauche ich in jedem Artikel)

Der Amphora Kentucky ist ohne Zweifel ein Spitzentabak, der diese Darreichungsform keinesfalls verdient hat. Er sollte, wie zum Beispiel der „Dark Moor“ oder die anderen Tabake von HU in einer hochwertigen Dose … Nein ich höre schon auf … jetzt ist Schluss, Ende!

Anfängern würde ihn nicht empfehlen, aber allen anderen, lege ich ihn unbedingt ans Herz.
Also keine Vorurteile gegen Pouches!
Wer wird denn so ein Snob sein? … Also ich nicht …

 

 




HU Tobacco | Gran Reserva Limitada 2 Años SANCHO PANZA

„Siehst du nicht den Ritter dort, der uns auf einem Apfelschimmel entgegenkommt und einen Goldhelm auf dem Kopf trägt?““Was ich von hier aus sehe und erspähe“, entgegnete Sancho,“ist nichts weiter als ein Mann auf einem graubraunen Esel, ganz wie der meine, und auf dem Kopf trägt er etwas Glänzendes.““Nun, das ist der Helm des Mambrin“, sagte Don Quijote.

Während Don Quijote im nächsten Augenblick dem schockierten Barbier seine messingglänzende Rasierschale vom Kopf fegen wird und sie sich fortan als goldenen Heldenhelm einbildet, erweist sich Sancho Panza mal wieder als absoluter Realist.

HU Tobacco Gran Reserva LimitadaUnd schon sind wir wieder beim realen Tabak: Sancho Panza heißt der dritte und letzte Tabak der Gran Reserva Limitada Reihe von HU Tobacco und er wird kommende Woche (Stand 14.10.2020) in den Verkauf gelangen. Wie die anderen beiden auch, der Rocinante und der Cervantes, ist der Sancho Panza eine zwei Jahre lang klimatisch kontrolliert bei K&K gereifte naturbelassene Mixture. Wie die anderen beiden auch ist der Sancho Panza limitiert. Sind die ersten beiden Virginia und Burley basierte Mischungen mit einem Perique Anteil, so enthält der Sancho Panza, der ebenfalls Virginia-Burley basiert ist, einen anständigen Latakia-Anteil. Eine solchermaßen gereifte Latakia-Mischung hat durchaus ein gewisses Alleinstellungsmerkmal. Mir zumindest ist nichts Vergleichbares bekannt.

HU Tobacco Sancho PanzaDass man Tabake reift, bevor sie gemischt werden, ist nichts Besonderes. Viele Rohtabake reifen Monate, manchmal Jahre, bevor sie verarbeitet werden. Beim Reifen von Mischungen sieht die Sache schon anders aus, weil sich die enthaltenen Tabake unterschiedlich entwickeln können. Sind der Rocinante und der Cervantes Mischungen, deren Charakter durch die Virginias und die Burleys mit der süssen Würze des Periques eher vereinigend und geschmacklich einheitlich geprägt ist, lebt der Sancho Panza vom gewaltigen Kontrast zwischen den Virginias und Burleys auf der einen Seite und dem rauchig Kantigen des Latakias auf der anderen Seite. Und genau dieser Kontrast ist nun zwei Jahre gereift worden! Das Ergebnis ist ungemein interessant und auch ungewöhnlich.

HU Tobacco Sancho PanzaIm Tabakbild des Sancho Panza sehen wir in erster Linie eher dunkle Virginias, Red Virginias insbesondere und dunklen Latakia. Dazu kommen etwas Burley und jeweils in minimaler Quantität Kentucky und Perique. Es handelt sich um einen Ribbon Cut von feinem bis mittleren Zuschnitt mit ein paar Ready Rubbed Streifen. Der Geruch, welcher der Dose entströmt, ist malzig süß und rauchig. Um es gleich vorweg zu nehmen: wenn man Latakia nicht mag, sollte man einen Bogen um den Sancho Panza machen, denn obwohl es sich hier keineswegs um eine Latakia-Bombe handelt, ist der Tabak doch dezidiert rauchig! Die Stärke würde ich im mittleren Bereich ansiedeln, allerdings ist er im Vergleich mit anderen Balkan- oder Latakiamischungen schon eher kräftig ohne aber je „stark“ zu wirken. Der Sancho Panza lässt sich vollkommen problemlos stopfen und ebenso problemlos gleichmäßig kühl und langsam rauchen. Diesbezüglich ist er ein extrem gutmütiger Tabak für jede Tageszeit.

Wenn man den Sancho Panza nun entzündet und die ersten paar Züge genießt, wird sofort deutlich, was das besondere an ihm ist: Wir haben eine – für eine Latakiamischung – extrem breite und cremig süsse Basis aus Virginias dezent unterstützt von leicht nussigem Burley, alles ganz weich und rund, wie wir es auch schon von den beiden anderen Tabaken dieser Reihe kennen und daneben den Latakia, der von seiner geschmacklich rauchigen Kraft nichts eingebüßt hat und dem Sancho Panza so zu einer wundervollen rauchigen Würze verhilft. HU Tobacco Sancho PanzaDas Ergebnis des Reifens ist hier ein ganz anderes, als wenn man eine Latakiamischung in der Dose nach Jahren öffnet, denn im Vakuum der Dose gleichen sich alle Aromen an, verbinden sich. Hier haben wir eine extrem weiche Basis, der man den Reifeprozess durchaus anmerkt, während sich der Latakia vergleichsweise unberührt zeigt. Und genau das macht in meinen Augen den großen Reiz des Tabaks aus! Nun gibt es ja eine ganze Reihe „breit“ angelegter Latakiamischungen, aber die meisten dieser wirken da zusammen mit dem Latakia erdig „breit“, wo der Sancho Panza cremig und süß „breit“ wirkt und mit der Würze des Latakias punktet. Der enthaltene Kentucky macht sich für mich geschmacklich nicht bemerkbar, der Perique ist wie eine kleine Prise Pfeffer in einem Gericht: es braucht sie, ohne dass sie zum Thema werden würde. Dazu sind die zwei großen Akteure Virginia und Latakia zu bestimmend! Auch in einer aufregenden Wechselwirkung, die bis zum Ende der Füllung kontinuierlich anhält und für den Latakia-Raucher ein ungewöhnliches Raucherlebnis bereit hält, welches trotzdem vollkommen harmonisch ausfällt. Von solchem Stil könnte es für meinen Geschmack durchaus mehr Tabake geben!

Abschließend: in meinen Augen hat sich Hans Wiedemanns Reife-Experiment absolut gelohnt, waren die Ergebnisse des Reifens beim Rocinante und beim Cervantes eher erwartbar, so wartet der Sancho Panza mit einer Überraschung auf, die mir persönlich besonders gut gefällt. Gerade beim Sancho Panza wird das Risiko des Prozesses besonders deutlich, auch wenn es besonders gut ausgegangen ist…

Wie bei den beiden anderen Tabaken dieser Serie gilt auch hier:

P.S.: Normalerweise sind alle Tabake, über die ich schreibe, käuflich erworben. In diesem Fall hat mir Hans Wiedemann eine Dose zu Testzwecken geschickt, was mein Urteilsvermögen allerdings nicht im Geringsten beeinflusst hat.




River Thames: die Navy Rolls in anderem Gewand

Da gab es 2018 bis 2020 einiges an Irrungen, Wirrungen – an denen Fontane nicht beteiligt war. Einer wohl der berühmtesten und bekanntesten Tabake, die Dunhill DeLuxe Navy Rolls, gerieten in einige Produktmanagement-Turbolenzen, in die außerdem ein untaugliches Marketing und eine ebensolche Öffentlichkeitsarbeit verwickelt war. Am Ende gab es die Dunhill Rolls nicht mehr, der von Kohlhase & Kopp angebotene Eclipse sowie in dessen Nachfolge der Highgate waren keine Navy Rolls, sondern der Orlik Bulls Eye Flake. Alles nachzulesen im u.a. Logbuch Rolls.

Um den Robert McConnell Heritage River Thames, neben den derzeitigen „Original“ Peterson DeLuxe Navy Rolls  noch einmal ins rechte Licht zu setzen, geben wir ihm das inoffizielle Prädikat „Original 2.0“, damit in dieses erneute, kaum verständliche Verwirrspiel, Licht gerät. Denn der River Thames ist nichts anderes als der Peterson Rolls und das sogar zum gleichen Preis.

Nun erkläre mir jemand einleuchtend, warum ich für 14,80€ das K&K Derivat – oder besser den OEM Tabak – kaufen soll, wenn ich zu 14,80€ das Original von Peterson „original“ erhalten kann? Darüber hinaus liefert in Deutschland der selbige Distributor beide Tabake: Kohlhase & Kopp, gleichzeitig der Markeninhaber von Robert McConnell. Für den erfahrenen Marketier gäbe es dafür nur zwei sinnvolle Vorgehen: entweder man hätte die Themse 1-2 € preiswerter gemacht oder der Deckel der Dose wäre hartvergoldet.

Beide Versionen stammen vom tatsächlichen Originalhersteller aus Dänemark: der Scandinavian Tobacco Group (STG), die von Anfang an bereits in der Nach-Cope`s- Escudo-Ära das Original der Originale (die Dunhill DeLuxe Navy Rolls) und den nur in USA und Dänemark erhältlichen Escudo ( von A&C Petersen, auch eine STG Company) hergestellt haben.

Das Beruhigende an diesen ganzen Geschichtln: der Tabak ist dank STG einfach wunderbar geblieben. Ein Wohlgeschmack, den ich aus Überzeugung unvergleichlich nennen will.

Logbuch Rolls

03.09.2016

12.09.2018

29.09.2018

13.03.2019

30.09.2019

Irrungen, Wirrungen

 

Robert McConnell Heritage Dschungelführer