Dexter Gordon – Gettin`around

Wenn ich Ihnen in diesem Monat eine Aufnahme des Tenor-Saxophonisten Dexter Gordon (1923-1990) aus dem Jahre 1965 vorstelle, dann nicht, weil es derzeit keine aktuell interessante Musik gibt. Aber das bei Blue Note erschienene Album Getting Around ist nicht nur zeitlos, sondern ein Paradebeispiel für Swing und Groove in den 1970ern und für den Hard Bop Spezialisten Gordon ungewöhnlich lyrisch und einfühlsam, ja vielleicht sogar atypisch. Und von herausragender Abspielqualität.

Dexter Gordon konnte auf eine eindrucksvolle Karriere zurückblicken, wenn diese auch von zahlreichen Brüchen in der Lebenslinie geprägt wurde. Nicht nur die Liste der Musiker, mit denen er zusammen spielte, sondern auch sein Einfluß in der internationalen Jazz Szene war groß. Bitte mehr dazu hier lesen.

Gettin Around wurde 1984 von Blue Note als CD neu veröffentlicht, diese Pressung enthielt mit Very Saxily Yours und Flick of The Trick zwei Titel aus den 1965er Aufnahmessions, die auf der LP fehlten.

Für mich ist das eine wunderschöne Musik für einen entspannten Sonntag-Spätnachmittag, bei dem man allmählich mit einem gepflegten Geist im Glas in den Abend übergeht. In der vergangenen Woche habe mir dazu den wohlschmeckenden, süffigen Manyara von HU-Tobacco gegönnt. A perfect Match, um einmal wieder auf das gleichlautende Album von Ernestine Anderson und George Shearing hinzuweisen, das sehr gut nach Getting around aufgelegt werden kann, um in der Stimmung zu bleiben.

Wohl bekomm`s und danke für ein gelegentliches Echo.

Personel

  • Dexter Gordon †1990- tenor saxophone
  • Bobby Hutcherson †2016 – vibes
  • Barry Harris geb. 1929 – piano
  • Bob Cranshaw †2016 – bass
  • Billy Higgins †2001- drums

Wer die nicht hat, dem fehlt etwas ………..





Alexander Melnikov | Four Pianos – Four Pieces

Alexander Melnikov gilt als Pianist, der sich insbesondere durch eine tiefe intellektuelle Durchdringung der Werke auszeichnet, für die er als spezialisiert gilt. Der 45 jährige russische „Pianostar ohne Starallüren“ ist heute  sicherlich einer der besten, wenn nicht gar der Schostakowitsch-Interpret schlechthin und überzeugt den Hörer durch eine herausragende, perfekte und vor allem subtile Spieltechnik.  Darüber ist sich die hehre Kritik fast ausnahmslos einig, was uns als Musikliebhaber aber egal sein kann. Ich lasse sie meistens unbeachtet und verlasse mich auf meinen Geschmack und mein Hör- und Einfühlungsvermögen. Und auf manche Empfehlung aus dem Freundes- und Bekanntenkreis, die mich zum Glück oftmals von allzu eingefahrenen Gleisen abbringt.

Vermutlich wäre ich auf die Veröffentlichung bei Harmonia Mundi von vier zentralen Werken von Schubert (Wanderer Fantasie), Chopin (Etüden op.10), Liszt (Réminiscences de Don Juan) und Strawinsky (Petruschka) auf vier historischen Flügeln, die aus der Zeit der Komponisten stammen, nicht ohne meinen Freund in „Pfeife, Tabak & Kunst (-geschichte), PH -aka Peko Hamamotu–  gekommen. Allein die verschiedenen Rezensionen, die in einschlägigen Kreisen die Runde machen, hatten mich auf eine zu akademische Aufführung schliessen lassen. Dies allerdings war ein vorschneller Trugschluß. Wie so oft.


Schubert, Wanderer:  gespielt auf einem Wiener Graff-Flügel, dessen Hammerköpfe, mit Leder umwickelt, einen heute eher ungewohnten Klang erzeugen. In der Biedermeierzeit des Komponisten aber ein typisches Klangbild.

Chopin, Etüden op. 10 :  der Flügel von Pierre Erard aus der Mitte des 19ten Jahrhundert schafft ein besonderes Paradebild von Chopins Kompositionen. Im Gegensatz zum Biedermeier-Graff entsteht durch die parallelsaitige Bespannung des Instrumentes eine unglaubliche Durchsichtigkeit und eine besondere Betonung der Basstöne, was zu einem gewissen „majestätischen“ klanglichen Fundament führt. Chopin selbst erwähnte einmal, dass seine Kompositionen auf einem Erard viel leichter umzusetzen seien. Melnikow führt nun die Riege meiner bisherigen Referenzeinspielungen der Etudes – Claudio Arrau, Pollini und Michelangeli – an.

Liszts, Réminiscences de Don Juan: ist das ein typischer Bösendorfer-Klang, mächtig, durchdringend, aber auch ein wenig verwaschen? Sehr passend zum Opernthema Don Juan, dennoch würde mir vermutlich der Erard-Flügel mit seiner Klarheit besser gefallen. Für mich ist hier weniger die meisterhafte Leistung von Melnikov als der Vergleich der beiden Instrumente das Besondere an den Aufnahmen.

Strawinsky, Petruschka:  Melnikov spielt nun drei Sätze aus dem Ballet auf einem Steinway, der dem bekannten, gegenwartlichen Klangbild des Instrumentes entspricht. Die durchgängige Virtuosität Melnikovs ist hier wiederum beeindruckend, aussergewöhnlich.

Die gesamte Aufnahme schafft einen nachhaltigen, befriedigenden Eindruck, der bleibt. Und wann immer ich andere Einspielungen der vier Stücke hören werde,  habe ich nun einen „Benchmark“. Insbesondere, da es Melnikov nicht um eine historische Aufführungspraxis geht, sondern darum, auszuloten, in wie weit die technischen und klanglichen Möglichkeiten des Instruments Einfluss auf die kompositorische Sprache des Komponisten ausübt. Übrigens ist das auch das aktuelle Programm von Melnikovs Konzerten, nur dass es da nicht immer dieselben Instrumente sind wie auf der CD.

 

Abhörinstrumentarium.

Player: Accuphase DP700

Vorverstärker: McIntosh C2600 2-Channel Vacuum Tube

Verstärker: 2 x  McIntosh MC2301 1-Channel Vacuum Tube

Kopfhörer: ULTRASONE Edition 8 EX

Der Ultrasone löst ab sofort meinen Stax Lambda SR-207 ab. Ich werde diesen Hörer demnächst ausführlich und im Vergleich vorstellen, er hat mich völlig begeistert. Ich habe auf den Einsatz eines Kopfhörerverstärkers verzichtet.  Die S-Logic® Technologie der Ultrasone AG, einem oberbayerischen High End Entwickler und Hersteller aus Wielenbach, zwischen Starnberg und Weilheim gelegen, ist das Besondere:  [Zitat Hersteller]…..im Gegensatz zu anderen Kopfhörern sind bei ULTRASONE die Schallwandler nicht direkt auf den Gehörgang gerichtet, sondern nutzen durch ihre dezentrale Anordnung die natürlichen Reflexionen des Innenohrs. So entsteht nicht nur eine größere Klangbühne, die Musik gewinnt mehr Räumlichkeit und Dimensionalität. Auch die Tiefenstaffelung, die Anordnung der verschiedenen Instrumente eines Musikstücks, gewinnt an Kontur. [Zitat Ende]





Bobo Stenson Trio | Contra La indecisión

Eines der bedeutendsten amerikanischen Labels für den Modern Jazz war sicherlich Blue Note Records (1939-1979 und wieder ab 1985). Kaum eine andere Record Company hatte so eine starke Verbindung zu ihren Künstlern und mit Rudy Van Gelder von 1953 bis in die späten 1960er einen kongenialen Tontechniker.
Ich weiß nicht, ob die Gründer von ECM Blue Note im Hinterkopf hatten, als sie das Label 1969 gründeten. Tatsache aber ist, das Mitbegründer und Produzent Manfred Eicher ECM seit langem an die Weltspitze geführt hat. Kein Label hat es verstanden, über einen so langen Zeitraum unabhängig zu bleiben und einen so eigenständigen Katalog aufzubauen. Die Liste der Künstler ist Legion und darunter finden sich auch Giganten des New (Avantgarde) Jazz wie Keith Jarrett, Chick Corea, Pat Metheny, Paul Motian, Jack DeJohnette und Jan Gabarek, um nur eine einige zu nennen. Zu den Musikern, die von Beginn an bei ECM erschienen, gehört der heute 71jährige, schwedische Pianist Bobo Stenson und sein Trio.

Auf dem neuen Album »Contra La indecisión« zeigt sich das Bobo Stenson Trio vielseitig und grenzüberschreitend was die Musikrichtungen angeht: der kubanische Komponist Silvio Rodriguez, ein Stück aus Federico Mompous Sammlung »Cançons I Danses«, Bela Bartóks Bearbeitung eines slowakischen Volksliedes, Erik Saties »Elégie«, dazu Titel von Stenson, dem Trio-Bassisten Anders Jormin und vom gesamten Trio selbst. Harmonisch ist der wohl treffendste Begriff für das, was uns das Trio vorlegt. Und unentschlossen, wie der Titel glauben machen will, ist es keineswegs. Ein Genuß und ein erneutes Beispiel für den typischen ECM Kanon.

Das Album wurde im Mai 2017 im renommierten Konzertsaal des schweizerischen Fernsehsenders RSI Radiotelevisione svizzera, dem Auditorio Stelio Molo in Lugano, aufgenommen und von Manfred Eicher produziert.

BoBo Stenson Trio
BoBo Stenson,Piano
Anders Jormin, Bass
Jon Fläts, Schlagzeug



Bobo Stenson Web

über ECM Records

Info ECM Streaming

ECM home





Marcus Miller | Afrodeezia

Musiker-Ikonen gibt es wie Sand am Meer. Insbesondere gefühlte 1 Million Super-Mega-Hyper und Überstars aus der jüngsten U-Musik lassen sich finden. Kaum ein Newcomer, der nicht nach dem erstem Geräusch-Ausstoß als solcher gelisted ist. Erschreckend, was sich meine Kinder – eigentlich Jugendliche mit immensem Musikkonsum- alles so anhören und was ich davon verächtlich in die Plastikmüllkiste wegdrücke. Generationenproblem? Wahrscheinlich. Für Musikbesessene, wie ich es bin, gibt es aber zum Glück diese grandiosen musikalischen Rückzugsorte, ohne die mein Tag nicht auskommt. Also einmal mehr: Marcus Miller.
Marcus Miller ist in erster Linie Musiker, Multiinstrumentalist, Komponist, Arrangeur und Produzent, einer der Einflußreichen bei Jazz, Fusion und vielseitiger populärer Musik. Darüber hinaus zählt er zu der Riege der stilprägenden Bassisten wie Stanley Clarke, Viktor Bailey† oder Billy Sheehan , die es fabulös geschafft haben, das Erbe von Ray Brown, Ron Carter, Charles Mingus und Jaco Pastorius (um nur einige zu nennen) in unsere modernen Zeiten zu übersetzen. Avantgarde? Aber sicher. Und immer gut zu hören, nie abgehoben.

Marcus Miller war 21 Jahre alt, als man ihn als wichtigen Begleiter von Miles Davis erstmals wahrgenommen hat, das ist fast 40 Jahre und gute 20 Solo-Alben her. Seine Mitwirkungen an den Veröffentlichungen anderer Künstler sind Legion.

Die nun vorgestellte CD Afrodeezia stammt bereits aus dem Jahre 2015 und ist wieder einmal etwas Besonderes vom Bassisten: „Was mir am meisten am Herzen lag“, sagt Miller, „war zu den Quellen der Rhythmen, die unser musikalisches Erbe so reich machen, zurückzugehen, ihnen wie Fußspuren zu folgen, von ihren Ursprüngen in Afrika den ganzen Weg bis in die USA. Die Reise führte uns von Mali nach Paris, von New Orleans nach São Paulo und durch die Karibik. Ich hatte großes Glück, dabei mit Musikern aus u.a. Mali, Burkina Faso, Brasilien und Trinidad zusammenzuarbeiten… [Zitat aus JazzEcho].

Und so swingt, grooved und pulsiert es in den 11 Titeln so mächtig, dass der (hoffentlich!) kompetente Amp der „Heimstereoanlage“ ganz schön zu werkeln hat, wenn er die Schwingungen authentisch reproduzieren will. Mein Office-Accuphase E-650 hat da Kern genug, aber noch besser gefällt mir das Album daheim in der McIntosh MC452/C2600 Kombination. Aber für Hörer mit geringeren Ansprüchen (z.b. notorische iPhone-User) erlaube ich mir auf ein unverzichtbares kleines, aber sehr feines und machtvolles Helferlein hinzuweisen, das sich Leser und Hörer unseres Blogs unbedingt zulegen müssen: ohne Ultrasone NAOS geht man nimmer vor die Tür! Und diejenigen, die ohnehin schon nicht mehr vor die Tür gehen (Altersgründe, Feinstaub, Metropolgeschädigte, allgemeine Griesgrame) und trotzdem nur noch über Smart-Equipment hören, bleibt als hochwertiger Ausgleich ebenfalls notwendig der Ultrasone Sirius möglichst an einem Kopfhörer der Ultrasone Performance Serie. In Kürze werden wir uns in der Blog-Rubrik Musik & Technik näher mit den wunderbaren Produkten dieses innovativen Unternehmens aus dem bayerischen Pfaffenwinkel mit Informationen aus weiteren Praxistests melden.


Nun aber zurück zum Hörgenuß und zur Bitte um gelegentliche Kommentare.

 


Aus dem legendären Montreux Auftritt 1997 mit Eric Clapton, Joe Sample (Crusaders), David Sanborn und Steve Gadd an den Drums: der Übergang zwischen „In a sentimental mood“ und dem Beginn von „Layla“ ( bei 1:43) zeigt, was Marcus Miller so einmalig macht ……. diesmal an der Bass Clarinet.


… und noch eins draufgesetzt, muß sein.





Robert Plant | Crazy Fire

Das mit Soloprojekten von Bandmitgliedern einstmals großer Acts hat so seine Krux, meistens jedenfalls. Sieht man von Künstlern wie Mark Knopfler, David Gilmore, Robbie Williams, Peter Gabriel oder allenfalls noch Sting (dieser bis vor wenigen Jahren), einmal ab, bleibt kaum jemand, der erwähnenwert ist. Der einstmalige Led Zeppelin Frontmann Robert Plant gehört zu den Ausnahmen. Seit seiner ersten Soloveröffentlichung im Jahre 1982 (Pictures at Eleven) hat er bisher sieben respektable Alben und ein weiteres sensationelles mit Alison Krauss im Jahre 2007 veröffentlicht.

Anders als sein ehemaliger Mitspieler Jimmy Page, dem außer ständigen Remakes der alten Led Zeppelin CDs nichts mehr eingefallen ist und der nur musikalische Langeweile verbreitet, hat Robert Plant seit langem einen unverkennbaren Stil gefunden, dessen Quellen in allen erdenklichen Musikrichtungen zu finden sind. Der geneigte Hörer muß nur einmal in das Project „Ambiances du Sahara – Desert Blues“ hineinhören.

In diesem Monat ist das neueste Plant Werk herausgekommen, Crazy Fire. Mir gefällt es so gut, dass es als Album des Monats geeignet erscheint, um den zu erwartenden grauen November ein wenig zu „erleuchten“.  Ein gelegentliches Echo von Hörerseite würde mich freuen.



Album vollständig und unbegrenzt anhören:
 

 

  • Audio CD (13. Oktober 2017)
  • Label: Nonesuch (Warner)
  • ASIN: B074QD4L7P für CD – ca. 17€
  • ASIN: B074QC6S5N für Vinyl – ca. 27€

 



Das alles gehört ins „Plattenregal“




Joep Beving | Prehension

Als mich 1996 die Welle des italienischen Komponisten und Pianisten Ludovico Einaudi erwischte, vereinnahmte mich seine Musik sofort. Le Onde  – die Welle – war etwas neues, so ruhiges, nicht Klassik, nicht Jazz, nicht Mainstream. Das setzte sich mit den nächsten zwei bis drei Alben so fort und dann glitt Einaudi ab in einen banalen, langweiligen und völlig beliebigen kommerziellen Pop, in dessen Kompositions-Loop er bis heute verharrt. Der Erfolg sei ihm gegönnt, zuhören kann ich ihm nimmer. Im vergangenen Jahr traf ich auf den niederländischen Komponisten und Pianisten Joep Beving. Mit seinen über 2 Metern lichter Höhe, der Haartracht und dem wirren Bart erinnert er mich stark an Herrn Tur Tur, den sanften Scheinriesen. Und ich war wieder in der Le Onde – Zeit angekommen.

© Rahi Rezvani 2016

In Cannes auf dem Lions Festival, auf dem die Oscars der Werbebranche vergeben werden, erlebte er wohl seine vorerst finale musikalische Erweckung. Als er auf dem Flügel im Hotel eine seiner Kompositionen spielte, hatten die Leute Tränen in den Augen. „Es war das erste Mal, dass ich sah, welche emotionale Wirkung meine Musik auf die Zuhörer haben kann,“ so der Musiker. Und so endet Joep Beving`s musikalischer „Bildungsroman“ nach einigen Irrungen und Wirrungen schliesslich bei Spotify und ab da in den Erfolg bei der Deutschen Grammophon, immerhin das bedeutendste Klassiklabel der Welt. Dort ist im April sein zweites Album Prehension erschienen, Nachfolger des im Jahre 2015 noch im Selbstverlag aufgelegten Werkes Solipsism. Und reflektiert man auf diesen Titel, so scheint sich Joep Bening tatsächlich der Philosophie des Solipsismus verschrieben zu haben. Vielleicht aber ist das in Zukunft ein Hemmschuh, der in die Einaudische Langeweile und Copy & Paste Knopfdruckproduktion führt. Also – geniessen wir, was uns die Kompositionen und der Vortrag des Niederländers heute bieten. Visuell im übrigen unterstützt durch wundervoll ästhetische Fotos und Videos des gebürtigen Iraners Rahi Rezvani.


Prehension, Deutsche Grammophon, erschienen im April 2017

Das erste Album aus dem Jahre 2015, noch im Selbstverlag
















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Manu Katché | Unstatic

Gibt es tatsächlich „Abermillionen Alben“, auf denen der fränzösische Ausnahmemusiker Manu Katché mitwirkt, wie der Musiker und Journalist Jan Tengeler in seinem ausgezeichneten Artikel im Deutschlandfunk Kultur schreibt? Aber ja, sogar noch auf vielen mehr. Zum Glück für uns Hörer.

Manu Katché ist natürlich ein herausragender Schlagzeuger und sensibler Perkussionist. Das ist ein Teil seines Werkzeugs. Will man aber ein kurzes Profil aufzeigen, so umfassen Termini wie Allroundmusiker, Komponist, Arrangeur und Produzent, der stilistisch nicht eingefangen werden will, gerade mal die Randmerkmale seiner Präsenz. So ist dann auch sein letztes Album „Unstatic“, veröffentlicht im Jahre 2016, ein wohlfeiler Ausflug in die 1970er Jahre, mit dem Groove von Hancock, Marvin Gaye und anderen, die in dieser Zeit einen Soul gespielt haben, der vielfach mehr im Jazz angelehnt war als in den poppigen, schönen und gefälligen Motown Veröffentlichungen.

Die Aufnahme -live im Studio eingespielt-klingt deshalb ein wenig nach Bar Jazz, nach kleiner Bühne. Die Bläsersätze schaffen Gänsehaut, allen vorweg Nils Landgren an der Posaune und Saxophonist Tore Brunborg, die den ECM Touch einbringen. Die Rhythmusgruppe ist perfekt.

Das Sextett: Manu Katche: drums, vocals; Ellen Andrea Wang: upright bass, vocals; Jim (James) Watson: acoustic piano, keyboards; Tore Brunborg: saxophones; Luca Aquino: trumpet; Nils Landgren: trombone (1, 2, 7, 11); Abraham Rodriguez Mansfarroll: percussion (1); Joel Hierrezuelo Balart: percussion (1); Inor Esteban Sotolongo: percussion (1).







Diana Krall | Turn up the Quiet

Über Diana Krall brauche ich keine Geschichten zu erzählen. Und wenn das für Sie dennoch hilfreich wäre, so hilft Ihnen das JazzEcho vom 05.05.2017 weiter. Seit Jahren ist die Kanadierin eine Gesangsgröße, die nur wenige Genregrenzen einhält. Nach dem grandiosen Pop-Album  Wallflower aus dem Jahre 2014, auf dem Sie bemerkenswerte Duettpartner wie Michael Bublé, Bryan Adams und Blake Mills zu ebensolchen bemerkenswerten Kompositionen von den Eagles, Elton John und Bob Dylan gefunden hat, nun ein „zurück zu den Jazz-Wurzeln“ mit der neuen Einspielung Turn up the Quiet.

Foto: Mary McCartney

Es sind ausnahmslos Jazzklassiker, die aus dem sogenannten „American Songbook“ entnommen sind und die man unzählige Male in den verschiedensten Interpretation gehört hat. Dennoch legt Diana Krall hier etwas ganz Besonderes vor: intime Ruhe, deren akzentuierte Pausen zwischen den Zeilen ein wenig Gänsehaut schafft. Und dazu wird ihre wundervolle Stimme von den Besten der Besten Jazzmusiker unterstützt. Eine Sahnestück. Ach was …. eine ganze Sahnetorte.



Die gehören in jedes ambitionierte Plattenregal …… oder in jedes iTunes !





Fabiano Araujo | Rheomusi

Fabiano Araujo, Piano und Akkordeon, geboren in Brasilien 1974, machte erstmals 2006 mit einer Veröffentlichung auf sich aufmerksam: O Aleph, die Vertonung von Kurzgeschichten aus den Jahren 1944-1952 von Jorge Luis Borges (deutsch: Das Aleph, nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Roman des Argentiniers Paulo Cuelho). So bin ich auf zwei Wegen zu ihm gelangt.

Das Aleph und Arild Andersen am Bass

Ein großer Anhänger des norwegischen Komponisten und herausragenden Bassisten Arild Andersen, der vor allem auf dem Münchner Label ECM veröffentlicht (u.a. Shimri), entdeckte ich das 2011er Album Rheomusi von Araujo, auf dem Andersen und der im März 2016 verstorbene brasilianische Percussionist Naná Vasconcelos paritätisch Anteil hatten. Arild Andersen und Das Aleph führten also zu unserem diesmaligen Album des Monats.

Das trotz der Überzahl südamerikanischer Musiker ein fast typisches norwegisches „ECM“ Ergebnis entstanden ist, macht das Besondere an dieser sehr entspannten Musik aus. Könner sind am Werk, die ihre Instrumente genial verwoben einsetzen, abwechselnde Stimmungen herbeizaubern und doch immer im Mystischen bleiben. Labsal für Ohr und Seele..

Die audiophile Produktion sorgt zusätzlich dafür, daß das musikalische Erlebnis Besitz ergreift vom Zuhörer, nicht nur für die knapp 45 Minuten, die für die 7 Lieder anfallen. Lassen Sie sich einfangen………..


Zugabe : O Aleph, 2006





Schubert Piano Trios | Staier, Sepec, Dieltiens

Aufnahmen von Schubert`s Piano Trios – op.99 und 100, gibt es „wie Sand am Meer“. Ich habe gut 30 verschiedene Aufnahmen aus gefühlten 100 Jahren. Ähnlich inflationär wie seine Winterreise oder die Jahreszeiten von Vivaldi. Der in das beginnende, kleinbürgerliche Wiener Biedermeier Milieu hineingeborene Schubert hat in den letzten weniger als 20 Jahren seines kurzen Lebens ein Werk von annähernd tausend Kompositionen geschaffen. Als Liedkomponist, der sich mit den großen Zyklen der Schönen Müllerin und der Winterreise eigenständig etablieren konnte, blieb ihm zeitlebens der ganz große Durchbruch bei seinem symphonischen Schaffen verwehrt.

Keines seiner symphonischen Werke ist zu seinen Lebzeiten zur Aufführung gelangt. Während die ersten sechs Symphonien in der Tradition von Mozart, Haydn und Beethoven verwurzelt sind, gelingt ihm nur die achte (neunte) C-Dur Symphonie D944 so, wie er sich sein Ideal vorstellt. Eine weite, romantisierte Landschaft öffnet sich vor Augen des Hörers, der von einer sehnsuchtsvollen Wanderung fortgetragen wird, bei der die Suche nach Ruhe, nach Geborgenheit und Loslösung von den Problemen des beschwerlichen Alltags ziellos bleibt.  Eine Tragik steht in seinem Wirken, das wohl gut in die Zeit der Romantik eingepasst ist. Von Moritz von Schwind gibt es eine bekannte Zeichnung, die Schubert im Kreise von entrückten, ja beseelten Zuhörern bei einem seiner zahlreichen Hauskonzerte zeigt, seinen fast ausschließlichen musikalischen Wirkungsstätten. Vielleicht ist diese fühlbare Stimmung ein wenig typisch für den Geist jener Zeit, in der politisch und kulturell ein relativer Stillstand vorherrschte und sich die Menschen „verprivatisiert“ weitgehend aus der Öffentlichkeit zurückgezogen haben und in der die biedermeierliche Wirtshauskultur entstanden ist.

 

Franz Schubert, Portrait Gábor Melegh, Öl auf Holz, 1827, Ungarische Nationalgalerie

Wie auch das Forellenquintett D 667 gehören die beiden Klaviertrios D898 und 929 zu Schubert`s Spätwerken. Waren bisher die Einspielunges des Beauxs Art Trios aus dem Jahre 1986 (Deutsche Grammophon) oder die Harmonia Mundi Aufnahme vom Trio Wanderer meine Favoriten, so reiht sich die hier vorgestellte Einspielung von Andreas Staier (Hammerklavier), Daniel Sepec (Violine) und  Roel Dieltiens (Violoncello), ebenfalls bei Harmonia Mundi, aus dem Jahre 2016 wundervoll ein. Insbesondere, da sie auf historischen Instrumenten eingespielt wurden und so eine gänzlich  andere Klangfärbung mitbringen. Ich könnte noch endlos über diese Aufnahme schwärmen und mich detaillierter über das sozio-kulturelle Umfeld der Schubertschen Zeit verschwadronieren, so etwas gerät aber leicht zur Aufgesetztheit. Deshalb jetzt einfach den Plattenteller anwerfen und die Augen schließen: