Verve Records – Norman Granz

Manchmal bin ich richtig froh, daß ich ein Fernsehgerät habe. Nicht wegen dem Hochintelligenzler Klub um die Verbalheroen Barth, Böhmermann & Konsorten, nicht wegen der Bundesliga, noch weniger wegen all dieser unsäglichen und langweiligen Quasselshows, sondern weil ich ab und zu auf richtige Kulturjuwelen stoße. Wie soeben auf die wundervolle Dokumentation über das bekannteste Label des Jazz, Blue Note Records – It Must Schwing. Davon aber in einem anderen Artikel. Denn jetzt bringe ich Verve, das andere, jüngere Schwergewicht unten den Jazz Labels zu Gehör.
Jazz-Impressario und Konzertveranstalter Norman Granz gelang 1956 der ganz große Wurf, als er Verve Records gründete, die zum ewigen Konkurrenten von Blue Note wurden. Heutige Legenden des Jazz wie Charlie Parker, Lester Young, Oscar Peterson, Count Basie, Billie Holiday, Ella Fitzgerald, Louis Armstrong, Dizzy Gillespie, Sonny Rollins, Stan Getz und Ben Webster gehörten zur Verve Familie ( einige auch früher oder später zu Blue Notes) und wurden dort zu den prägendsten Persönlichkeiten des Jazz, wie auch der Verve Gründer Norman Granz selbst. Der brachte mit seinem „Jazz at the Philharmonic“ Programm diese Musik und wichtige Protagonisten wie Ella Fitzgerald oder Oscar Peterson einem breiteren Publikum näher und damit zu Weltruhm.

Wie auch bei Blue Note waren fast alle Musiker Afro-Amerikaner und so wie die deutschen Blue Note Gründer Alfred Lion (Löw) und Francis (Frank) Wolff war auch Norman Granz ein Verfechter der Rassengerechtigkeit, in den 1960er Jahren Aufsehen erregend.  Dennoch sah er sich nicht als „Widerstandskämpfer gegen die Rassentrennung“ und [Zitat Down-Beat Interview 1952] „wollte ich niemals irgendetwas beweisen, außer das Jazz, wenn er vernünftig präsentiert wird, kommerziell profitabel sein kann“.

Die großen Plattenfirmen waren Norman Granz zeitlebens nicht geheuer. Verächtlich meinte er,

daß die Verantwortlichen der Majors es nie schaffen würden, Aufnahmen von der Qualität seiner eigenen Verve-Produktionen herzustellen. „Die großen Labels haben nie diese Studio-Mentalität abgeschüttelt, mit der sie alles unter Kontrolle halten wollen“, sagte er einmal. „Sie machen ein Live-Album in der Carnegie Hall und pflanzen einen ganzen Wald von Mikrophonen auf die Bühne. Danach gehen sie hin, fummeln hier und da an der Balance rum, schneiden und filtern dies und das weg, doktorn am ganzen Tape herum. Und schließlich kommt dabei eine Live-Aufnahme heraus, die wie eine Studioeinspielung klingt, der als Placebo-Beilage ein bißchen Publikumsgeräusche untergejubelt wurden. Es ist kompletter Schwindel.“ [aus Jazz Echo 30.11.2001]

Verve feiert seinen Gründer, der sich 1960 in der Schweiz niederließ und 2001 in Genf verstorben ist, mit einer 4 CD Box, die es in sich hat. Es sind alle vertreten, die den Verve Katalog so bedeutsam gemacht haben. In einer Zusammenstellung, die sich nicht auf der Zeitschiene bewegt und deshalb richtiges Hörvergnügen liefert.





Dhafer Youssef | Jazz Stories zum Träumen

Wenn Sie diesen, den zeitgenössischen Jazz um eine eigenständige, inspirierende, wundervolle Strömung erweiternden tunesischen Oudspieler, Sänger und Komponisten bisher nicht wahrgenommen haben, dann lesen Sie bitte nicht weiter, bevor Sie die folgende Komposition angehört haben. Sie erscheint mir sehr dazu geeignet, Ihnen ein Bild des Künstlers zu vermitteln. Und dann erzähle ich ein wenig mehr …….


Dhafer Youssef ist längst angekommen. Der Weg zu einem wichtigen Jazzmusiker war nicht leicht, wie bei so vielen und er führte von der tunesischen Sahelzone nach Wien und dann weiter nach Paris. Hier lebt der heute 51jährige Kosmopolit seit über 15 Jahren, einst gefördert von so bekannten Kollegen wie Jack Dejohnette, Wolfgang Muthspiel, Bill Laswell, Nils Petter Molvær und zahlreichen anderen. Zu dieser wohl vorerst festen Bleibe gelangte Dhafer Moussef über Graz und Wien, Barcelona, Berlin, New York, Marokko und Dakar. So wird man zum Weltmusiker.

Photo:Tore Sætre

Die Oud, die arabische Laute, erschloß sich ihm als Autodidakt und seine Stimme, vor allem in den Kopflagen, ist gleichermaßen ein mit der Oud korrespondierendes Instrument, perfekt eingesetzt. Dem Komponisten aber ist es gelungen, sich vollständig auf der kosmopolitischen Jazzbühne zu integrieren. Hier wird Ihnen kein folkloristes Sahara-Afrika Bild geboten, sondern ein vom europäischen Jazz und vor allem seinen skandinavischen Einflüssen nicht zu trennendes Moment. Klassisch die weitere Besetzung: Piano, Kontrabass, Schlagzeug, Trompete, Saxophon und das eine oder andere arabische Blasinstrument.

Von Beginn an habe ich seine Alben genossen, ausnahmslos alle. Wer kontemplative Stimmungen mag, die von Kompositionen erzeugt werden, die den Hörer regelrecht entführen, die den Alltag zurückweichen lassen, dann ist es die Zeit für Dhafer Moussef. Und am besten beginnen Sie Ihre Reise zu den geheimnisvollen Orten und in fantastische Hörwelten, zu denen der Musiker und seine Begleiter Sie führen – der türkische Klarinettist Hüsnü Şenlendirici, der norwegische Gitarristen Eivind Aarset und der indische Tabla-Virtouse Zakir Hussein, mit dem aktuellen Album Sound of Mirrors. Die 12 Stücke sind sämtlich Kompositionen von Dhafer Moussef.


Dazu zwei Stimmen aus der Fachpresse

»Hier bewegen sich Musiker aus ihren angestammten Komfortzonen heraus, verwischen künstliche Grenzen, sind im Einklang und – pathetisch formuliert – treten in ein Reich ein, das so schön ist, dass man als Zuhörer lange darin verweilen möchte.« (Jazz thing, September / Oktober 2018)

»Spektakulär, wie sich … die markante Oud samt hypnotischer Stimme des 51-jährigen Weltbürgers mit der zart näselnden Klarinette von Hüsnü Senlendirici, die türkische Sufi-Tradition diskret spiegelt, zu traumschönen Soundscapes von entrückender Intensität verweben.« (Stereo, Oktober 2018)




Ein echtes „New Yorker“ Album ist das 2016er Diwan of Beauty and Odd, dessen 13 Songs dem christlichen (!) arabischen Dichter Al-Akhtal al-Taghlibî aus dem 7. Jahrhundert gewidmet sind. Begleitet wird Dhafer Moussef von Cracks aus der New Yorker Studioszene, dem Pianisten Aaron Parks, dem Bassisten Ben Williams und dem Schlagzeuger Mark Guiliana. Das Album klingt sehr different zum neuen Sound of Mirrors oder dem Bird Requiem, auf denen es eher um ein formvollendetes Treffen von Okzident und Orient erscheint. Augenblicklich ist es mein Favorit unter den sechs Alben, die ich besitze. Ihm ist auch das Eingangsstück Fly Shadow Fly entnommen, mit dem ich Ihr Ohr für die Kompositionen öffnen wollte.


In fast gleicher Besetzung, allerdings ohne Zakir Hussein, wurde 2013 das Album Birds Requiem eingespielt,das ich Ihnen nicht vorenthalten kann.Dhafer Moussef spannt seine erstaunliche Stimme von einem samtenen Bariton hin zu schwindelerregenden Falsetts, immer absolut sicher schwingen die Vierteltöne. Das Album ist wie ein  Gemälde, bei dem Sujet, Farben und Schatten während der Lautmalerei entstehen und sich von Komposition zu Komposition zu einem fertigen Bild hin entwickeln, stets eine wunderbare Überraschung für den Zuhörer.

Besetzung:  Piano – Kristjan Randalu | Trompete –  Nils-Petter Molvaer | Klarinette – Hüsnu Senlendirici | Bass – Phil Donkin | Drums – Chander Sardjoe | Gitarre – Eivind Aarset | Aytac Dogan – Kanun (Zither)


Wenn Sie dem Künstler nun soweit gefolgt sind, dann brauchen Sie vermutlich diese drei Alben ebenfalls

  • 2006 Divine Shadows
  • 2007 Glow – mit Wolfgang Muthspiel
  • 2010 Abu Nawas Rhapsody




Roy Hargrove, Trompete † 1969-2018

Früh gefördert als Ausnahmetalent von Wynton Marsalis, wurde Roy Hargrove einer der führenden Instrumentalisten der modernen Jazzszene und zählt seit den 1990ern zu den prägenden Musikern dieses Genres. Eine langjährige Nierenkrankheit, wohl verursacht durch exzessiven Drogenkonsum, führte nun am 2. November zu einem Herzstillstand.

Selbst berühmte Kollegen waren häufig fassungslos erstaunt über die Spielkunst dieses Musikers. Exemplarisch möchte ich das Album With the Tenors of our time (1994) anführen, auf dem er mit den Besten seiner Zunft zusammenspielt, darunter Johnny Griffin, Joe Henderson, Branford Marsalis, Joshua Redman und Stanley Turrentine. Für zwei seiner Alben erhielt er einen Grammy, 1997 für Habana und 2003 für das mit Herbie Hancock und Michael Brecker eingespielte Directions In Music: Live At Massey Hall, eine außergewöhnliche Hommage an John Coltrane und Miles Davis.

 


 
 






TEN YEARS AFTER – seit 45 Jahren alles gesagt

Es muß der schnöde Mammon sein, nicht der musikalische Antrieb oder die Berufung. Die Unart, eine einst erfolgreiche Formation nach dem Weggang oder Ableben eines oder mehrerer Protagonisten Jahre später wieder aufleben zu lassen. Die Beispiele sind Legion. Besonders schmerzlich zu beobachten ist das bei der früheren Weltklasseband Wishbone Ash, von denen nur noch Gründer Andy Powell mitwirkt und deren frühere Magie seit Jahrzehnten einfach verflogen ist und die nicht nur unermüdlich alle Volksfeste von hier bis Hammerfest betouren, sondern dauernd neuen Schrott veröffentlichen. Deep Purple (was sind sie ohne Jon Lord und Ritchie Blackmore. Alles, nur nicht Deep Purple, gerade wegen Steve Morse und Don Airey), The Doors ohne Jim Morrison, zum Glück längst ebenso vergangen wie Bad Company ohne Paul Rodgers nach 1982. Und nun bringt sich eine völlig aus der Spur laufende Ten Years After plötzlich wieder ins Spiel. Die Band hätte sich nach dem Ausscheiden von Alvin Lee im Jahre 1975 auflösen sollen, statt jetzt nach unzähligen Umbesetzungen mit einer neuer Formation irgendein 50jähriges Jubiläum zu feiern.

A Sting in the Tale – ein ohrenschädigendes Desaster. Da hilft auch kein Weltklasse Bassist wie Colin Hodgkinson, um die zwei Ur-TYA Ric Lee und Chick Churchill zu unterstützen. Gitarrist und Sänger Bonfanti macht alles zunichte. Hätten sie 1972 nach Rock`n Roll Music to the World, dem 1973 veröffentlichten Recorded Live und acht vorausgegangenen Top Alben einfach aufgehört, sie wären „groß“ geblieben.

Es war einmal …

Frontmann und stilbildender Gitarrist: Alvin Lee († 06.03.2013) mit seiner legendären Gibson ES-335.

 



 

Es gibt eine Parallele zu unserer Tabakwelt. Wieviele Neuauflagen ehemals renommierter, dann legenden-umtoster Tabake mit neuen, untauglichen Inhalten hat es schon gegeben? Und denke ich an die vor dem „Aus“ stehenden Dunhill – und McClelland Tabake, den Esotericas, Three Nuns, Bankers:  ein ebensolches Trauerspiel wie das musikalische.

 

Meister des mystischen britischen Folk Rock und zeitgleich mit den Allman Brothers „Erfinder“ des Dual-Lead Tones: Wishbone Ash, nennens- und hörenswert von 1970 bis 1974 mit den Alben

Ausnahme Gitarristen bis heute: Andy Powell, Ted Turner und später Laurie Wisefield


Ein wenig auch für den überzeugten Dachauer Nichtraucher Hans R., der heute gleichsam ein JUBELLUM feiern kann !




Joep Beving … und die Zeit hält an. Ohne Worte. Zunächst.

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zum Album des Monats

 




John Abercrombie, Jazz † 1944-2017

Die Frage, wer gibt noch den Gitarrenton im Jazz vor, ist angebracht. Haben doch allein in diesem Jahr vier der führenden Protagonisten des Genres unsere Welt verlassen, allesamt musikalische Giganten und Erneuerer, stilprägend, innovativ. Larry Coryell (74) im Februar, Chuck Berry (90) im März, Allan Holdsworth (71) im April, Chuck Loeb (62) im July und nun John Abercrombie am 22.08. Wer bleibt? Ralph Towner, John McLaughlin, Pat Metheny, George Benson, Kurt Rosenwinkel, John Scofield? Al di Meola, der sich fast nur noch in der sogenannten World Musik zurechtfindet?

Abercrombie, der akustische und elektrische Gitarre gleichmassen abgehoben im modernen Jazz, im Fusion einsetzte, war immer perfekt: in den zahlreichen Duos, in kleinen Besetzungen, als Trio Gateland mit Jack DeJohnette und Dave Holland, in der Gruppe Baseline. Er war der typische ECM Musiker, lyrisch, einfühlsam, leise und doch so vordergründig. Nachrufe gibt es derzeit so zahlreich, dass ich mich auf die reine Nachricht beschränke und ein, zwei Beispiele dieses großen Musikers, dessen Alben ich seit Timeless gesammelt habe, seinem ersten mit Jack Dejohnette an den Drums und Jan Hammer an den Keyboards im Jahre 1972 bei ECM eingespieltem Album. Es wurden über 40.
Wunderbar das 2011er Album Speak to me, im Duo mit dem Pianisten Marc Copland, mit dem ihn eine eine Zeitspanne von fast 50 Jahren verbunden hat. Wer vermeint, darin den ebenfalls legendären, 2013 verstorbenen Meister Jim Hall herauszuhören, liegt nicht daneben.




Minimal-Ausstattung für das John Abercrombie Regal





Rock`n Roll † – Chuck Berry (90) hat sich auf den Weg gemacht

Ein paar Jahre, bevor mich so um 1963 das Beatfieber packte, hörte ich bereits Chuck Berry. Er war zwar nicht der Erfinder des Rock`n Roll, aber bis in die heutige Zeit einer seiner wichtigsten Entrepreneurs. Ganz sicher war er es, der die Gitarre erstmals an die prominente Position in der populären Musik stellte und aus dem Schattendasein als reines Rhythmusinstrument herausführte. Die Gibson Modelle E 335 /E 355  und E345 (Stereo) blieben zeitlebens seine Werkzeuge. Die großvolumigen Körper passten denn auch perfekt zu dem von ihm ersonnenen „Duck Walk“, seinem Markenzeichen auf der Bühne.

Gibson ES-355 Bigsby 60s

Beatles und Rolling Stones, ja auch die Beach Boys hatten enormen Erfolg mit Berry Kompositionen wie Maybellene, Roll over Beethoven, You never can tell, Sweet little Sixteen, Memphis Tennessee, und natürlich Johnny Be Good. Obwohl Johnny ein begnadeter Gitarrist ist (who never ever learned to read or write so well..but he could play a guitar just like a ringing a bell) , hat Chuck Berry den Song eigentlich dem Pianisten Johnnie Johnson gewidmet, in dessen Band er ab den 1960ern fast 20 Jahre gespielt hat. Die Yardbirds mit dem gerade zum Überflieger propagierten Eric Clapton spielten 1964 Berrys „Too Much Monkey Business“ mit zwei überragenden Gitarrensoli (5 live Yardbirds) und die Rolling Stones verwendeten auf ihren ersten Alben die Lieder Around and Around, Carol, Little Queenie, Come on und Bobby Troups 1946er Komposition Route 66 in der Version von Chuck Berry. Auch Santana borgte sich 1983 Havanna Moon aus. Von den Beatles Interpretationen von Rock`n Roll Music und Roll over Beethoven wissen heutige Jugendliche kaum mehr, daß es Kompositionen und zuvor bereits Hits von Chuck Berry waren.

Der berühmte „Duck Walk“, hier mit einer Gibson ES 345 (Stereo)

Chuck Berrys Rock`n Roll brachte erstmals weiße Jugendliche in die Clubs und Bars, in seine Zuhörerschaft und machte diese Musik ab den ausgehenden 1950ern zu ihrer treibenden Popkultur, abseits vom rein schwarzen Jazz und Blues. Es war tanzfordernde Musik, die „ins Blut ging“. Die Texte haben es in sich und sind nur vordergründig banal. Sie sprachen das Lebensgefühl der Teens and Twens an, befassten sich mit deren Problemen, verpackten den Alltag in eingängige Melodien und Rhythmen.

Chuck Berry hat alle Stilrichtungen der populären Musik beeinflußt und so wird es  auch weiterhin sein.



Just let me hear some of that rock and roll music
Any old way you choose it
It’s got a backbeat, you can’t lose it
Any old time you use it
It’s gotta be rock roll music
If you wanna dance with me
I’ve got no kick against modern jazz
Unless they try to play it too darn fast
And lose the beauty of the melody
Until they sound just like a symphony
That’s why I go for that that rock and roll music
Any old way you choose it
It’s got a backbeat, you can’t lose it
I took my loved one over ‚cross the tracks
So she can hear my man awail a sax
I must admit they have a rockin‘ band
Man, they were blowin‘ like a hurrican‘


Chuck Berry Contributors




Audio Feature | WAR – Latin Funk

In der Blog-Kategorie Audio ersetzen wir ab sofort die wöchentlichen Mixed Tapes durch die neugeschaffene Unter-Kategorie „Audio Feature“, in der wir sporadisch bestimmte Künstler oder Stilrichtungen dauerhaft vorstellen. Die Mixed Tapes des vergangenen Jahres sind unverändert hörbar, die Reihe wird aber nicht fortgesetzt. Damit gliedert sich die Kategorie Audio wie folgend:

  1. Album der Woche – Wechsel jeden Sonntag
  2. Album des Monats – Wechsel zum jeweiligen Monatsende
  3. Audio Feature – sporadisch
  4. Schellack Souvenirs – sporadisch
  5. Musik & Technik – sporadisch

Das erste Audio Feature behandelt die in den Jahren 1970 bis 1977 sehr erfolgreiche kalifornische Latin-Funk Formation WAR.


In der populären Musik gibt es immer wieder Musiker, die einzigartig sind. Repertoire, Performance, künstlerisches Können sind die herausragenden Merkmale.  Je nach Gattung unter vielen anderen zu nennen Oregon, Al DiMeola, Supertramp, Santana,  Little Feat,  Knopfler, Clapton, Beck und Peter Green und ….. die kalifornische Latin-Funk Combo WAR. Ihre in den Jahren 1971 bis 1977 veröffentlichten  6 Alben sind Paradebeispiele für eine in der Zeit exemplarische Hochleistung einer Band mit der Stilbreite von Latin Jazz/Funk/Rock, die bis heute unerreicht ist, auch wenn es mit ähnlicher Fusion-Ausrichtung Gruppen wie Blood, Sweeat & Tears, Return to Forever oder Wheather Report gab. Und Soft Machine, Brand X, Gong oder Nova mit Phil Collins in Europa.

WAR – die Music Band.

Dieses Prädikat haben sich die Musiker durch legendäre Konzerte verdient. Es waren musikalische Happenings mit erstaunlicher, durchgängiger Rhythmusbasis. Auf- und abschwellend auf der Zeitschiene des jeweiligen Stückes. WAR sind bis auf den stilweisenden (dänischen) Mundharmonikaspieler Lee Oskar (Oskar Levetin Hansen) weniger Solisten als unfassbar gut harmonierende Teamplayer. Nach den meisten Stücken verbleibt man vielfach ein wenig atemlos zurück ob der rasanten, dann wieder verlangsamten Berg- und Talfahrt der Stücke. Es sind keine 2 Minuten Hitparadenkracher, in dieser Zeit haben sich nicht einmal Drums und Percussion sortiert, geschweige denn der Bass eingeklinkt. WAR hatte mehr Hits, als man gemeinhin vermutet, diese habe ich am Ende dieses Artikel noch einmal in den Studiofassungen hörbar gemacht. Eines sei noch erwähnt, da es sehr oft falsch kolportiert wird. Bevor WAR als eigenständige Combo durchstartete, waren sie 1970 für 2 Alben erst einmal die Begleitung von Eric Burdon und als Band, die sich dann aus den zwei L.A. Formationen Night Shift und Creation bildete, nur als lokale Größe bekannt.

Quelle: aus Album „All Day Music“

Was WAR ausmachte, erfuhr man in den Konzerten, von denen ich zwei erlebte. Eingefangen ist die Live-Präsenz auf dem 1973er Doppelalbum „WAR Live“,  aufgezeichnet während vier Konzerte im High Chapparral Club in Chicago, veröffentlicht 1973. Das Album verkaufte sich über 1,5 Millionen mal.  Lehnen Sie sich zurück und geniessen sie eine Zeitreise zu einer Band, bei der handgemachte Musik bei aller musikalischer Perfektion, bei Groove und Soul,  schlichtweg aufregend war. Meine Favoriten sind Slipping into Darkness – mit einem der schönsten Mundharmonika-Intros überhaupt, Ballero und natürlich The Cisco Kid.

WAR – Live – 1973, Doppelalbum

Quelle: Album Cover

Original Besetzung

  • Howard E. Scott – guitar, lead vocals
  • Lee Oskar – harmonica and vocals
  • Thomas „Papa Dee“ Allen – percussion and vocals – verstorben 1988
  • Charles Miller: saxophone and vocals – verstorben 1980
  • B.B. Dickerson – bass and vocals
  • Leroy „Lonnie“ Jordan – keyboards, vocals
  • Harold Ray Brown – drums and vocals

 

WAR – Hit Alben

1971 bis 1977

Auszug

 

Bitte beachten

Eric Burdon & WAR ist in diesem Feature bewußt unberücksichtigt gelassen, da sich die zwei Originalalben stilistisch von der hier vorgestellten Formation unterscheiden.

Lee Oskar

Er bildete mit seinem außergewöhnlichen laid-back Mundharmonikaspiel zusammen mit dem Saxophon und der Flöte von Charles Miller (†1980, ermordet) die Horn Section von WAR. Er ist ein Einwanderer aus Dänemark, der zunächst als Straßenmusiker aufgetreten ist und dann neben der phantastischen Rhythmusgruppe innerhalb der Band sein Instrument zu einem der Erkennungsmerkmale von WAR eingebracht hat. In den 1980er Jahren begann er eine bis heute erfolgfreiche Mundharmonikaproduktion, die dem Marktführer Hohner erhebliche Konkurrenz bereitet. Ich benutze die Lee Oskar Major Diatonic Harps (neben meinen Tony Ramos Hohners oder den Hohner XB40).

Lee Oskar hat einige nicht besonders inspirierte Solo Alben veröffentlicht, von denen mir einzig das folgende The Journey aus dem Jahre 1976 sehr gut gefällt und das ich immer wieder mal auflege. Lee Oskar stellt aus auf der Frankfurter Musikmesse und der NAMM Show in Anaheim und da kann man ihn ab und zu hören und ein wenig mit ihm fachsimpeln, stets eine schöne Abwechslung im Gitarren-Einerleigedödel auf anderen Ausstellungsständen.








All About Jazz – Go 100

Der Sonntagabend wird kommen, an dem die Jazzsammlung bemüht werden muß – sei es, weil die Stimmung danach ruft, ein Besuch eingestimmt werden soll oder ganz einfach als Lautmalerei. Begleitung für Tabak & Pfeife, zum Whisky oder …….

100 repräsentative Jazz Songs, 9 Stunden voller Standards.






Seasick Steve – sag mir, wo die Blueser sind

Über den Blues, die alten und die sogenannten kontemplativen Protagonisten, ist alles gesagt, alles geschrieben und alles nachzulesen. Sicher, der Blues ist unbestritten die Grundlage für fast alle Musikstilrichtungen ab dem 19. Jahrhundert und ohne ihn gäbe es wohl keine nennenswerte populäre Musik. Bar der sozialen und  menschenrechtlichen Situation, in der sich die „Gründerväter“ befunden haben, hat sich der Blues heute in eine Komfortzone verwandelt, hat die reine Lehre vergessen. Sie ist heute ohnehin gegenstandslos, außerdem verlassen die Alten unseren Planeten, wenn sie es nicht längst getan haben.

Zurück bleiben viele Alibi-Blueser, die – sobald sich Erfolg einstellt- eine weichgespühlte Bluesart spielen oder sich zu Allroundern gewandelt haben, wie die Überflieger Joe Bonamassa und Robert Cray. Eric Clapton, sicherlich der beste Musiker von allen, hat mittlerweile den Blues ebenfalls glattgebügelt und somit zu Tode geritten, Kenny Wayne Shepherd und Jonny Lang mutierten zu  hervorragenden …… Rock`n Rollern. Die vielbemühten Robert Johnson und Muddy Waters sind vom heutigen Geschehen um den Blues weiter entfernt als Pink Floyd von Andrè Rieu und Fleetwood Mac mag gerade mal als traurigstes Beispiel für den EU-Ableger des Blues taugen. Es stellt sich die Frage, ob man den Blues nicht nur aus dem historischen Blickwinkel angehen sollte, um der bluesigen Langeweile auf den Plattentellern zu entkommen.

Wäre da nicht -unter wenigen anderen Musikern-  Steve Wold, besser bekannt als Seasick Steve. Der 75 jährige spätberufenene Kalifornier machte erst 2004 im Alter von knappen 60 mit dem Album Cheap auf sich aufmerksam. Irgendwie geriet er 2006 an Jools Holland und dessen populäre BBC live-Show „Later with Jools“. Und ab da ging die Post ab.

seasicksteve

Von Xenus – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7026097

Seasick Steve ist vielleicht der letzte wahre „Blueser“. Gefühlte 100 Jahre als echter Hobo auf der Strasse unterwegs, ein teils kurioses Sammelsurium an selbstgebastelten Instrumenten, der legendäre Fender Tweed , so bedient er ungewollt das Klischee. Aber da steckt mehr dahinter, denn Steve ist ein schnörkelloser Erzähler, für den die sparsame Musik nur Transporter ist. Und was ein rastloser Wanderer zu erzählen weiß, kann auf mittlerweile 8 veröffentlichen Alben nachgehört werden. Auch wenn er niemals eine Chance auf den Literatur-Nobelpreis haben wird wie der alters-flegelhafte Robert Zimmermann (der ihn bestimmt nicht verdient hat), dazu sind die Texte zu wenig intellektuell oder haben zu wenig feine Lyrik. Tiefgang haben sie allemal.

 

Analog ist alles aufgenommen, rauh, erdig, rotzig, simple Soundstrukturen, die aber unter die Haut gehen. Das sind keine Masterpressungen oder SACD Disks, das ist Musik.

Das ich so etwas noch mal antreffe, toll …….. und nun das aktuelle Album Keepin’ the Horse Between Me and the Ground, veröffentlicht in diesem Jahr.