Ägyptische Nächte

Schmerzhaft ist die Erkenntnis über die Veränderungen in der arabischen Welt, präziser dem Maghreb, dem Nahen und Mittleren Osten, von Teilen der Levante. Reisende wie ich, die diese Regionen seit den 1970er Jahren immer wieder durchquert haben, die über Freundschaften gebieten, die moderne Menschen heute schnöde als Netzwerk bezeichnen würden, ohne zu wissen, worin der Unterschied liegt, haben vielfach ein wehmütiges Gefühl, denken Sie an vergangenen Dekaden. „Früher war alles besser“ ist selbstredend ein Euphemismus und alles andere als wahrhaftig. Und dennoch gefallen wir uns in dieser Meinung, geniessen das Wissen über die jüngere, unwiederbringliche Vergangenheit.

Seit langem liegt ein gutes Dutzend Bücher von arabischen Schriftstellern, die ich hier vorstellen wollte, auf einem Bücherstapel. Allein, es fehlte bisher an der Zeit, der Muße und vor allem an der richtigen Stimmung.

Abdulrachman Manif, Nedim Gürsel, Orhan Pamuk, Ahmed Hamdi Tanpinar, Thorkhild Hansen, Elsa von Kamphoevener, Mirza Abu Taleb, Slatin Pascha und Winston Churchill sind mit Romanen, mit Reise-
beschreibungen und Biographien, mit ihren persönlichen Schicksalen, heute noch gegenwärtig. Sie halten sich wie zahlreiche andere in meinem osmanisch / arabischen Bücherschrank auf. Über die aber möchte ich heute nicht schreiben, sondern habe mir mit Alaa-al Aswani, Nagib Machfus und Waguih Ghali drei herausragende ägyptische Schriftsteller ausgesucht, die ägyptisches Leben zu unterschiedlichen Epochen des 20ten Jahrhunderts faszinierend und unterhaltsam schildern. Nicht das heutige, das oftmals fehlgeleitete, das gebeutelte und ausgebeutete, der Spielball dummer, verbrecherischer Mächte, sondern das romanhafte, glamouröse, nicht immer wirklichkeitsgetreu Geschilderte aus einer für den westlichen Reisenden so exotischen Welt. Die glorifizierte Epoche nach dem Ende des osmanischen Reiches, als es noch einen König gab.

Alaa al-Aswani (1957) ist einer der bedeutendsten Autoren in Ägypten, lebt und arbeitet in Kairo als Schriftsteller, Journalist und Zahnarzt. Sein Erstlingswerk, der Jakubjian – Bau,  wurde zu einem internationalen Bestseller und zwischenzeitlich verfilmt.

Der Jakubijan-Bau – 2002
Alaa al-Aswanis Roman stellt vieles dar, was es in Ägypten gibt, worüber aber nicht häufig – und eigentlich nie in dieser Direktheit – gesprochen wird. Da kommt der junge Mann nicht an die Polizeischule, weil sein Vater nur Türhüter ist. Da hält sich der wohlhabende Journalist einen armen Oberägypter als Bettgenossen. Da predigt der eine Geistliche für die Regierungspolitik, der andere für den Terror. Da bereichern sich manche schamlos mit den zweifelhaftesten Geschäften. Da wird das junge Mädchen, das für seine Familie sorgen muss, von allen Arbeitgebern systematisch belästigt. Da träumt der ehemalige Aristokrat von vorrevolutionären, besseren Zeiten. Da wird im Bereich der Politik geschmiert, geschnüffelt und gefoltert. Da wird eben das tägliche Leben Ägyptens gezeigt. Opulent, in bunten Bildern beschreibt al-Aswani das vornehme Kairo, das dreckige, Religion, Politik, Sex und Liebe, Terror.

Lenos Verlag
ISBN 978 3 85787 381 2

Der Automobilclub von Kairo – 2013
Ende der 1940er Jahre herrschen im Automobilclub von Kairo unter den surrenden Ventilatoren Extravaganz und Dekadenz: Paschas, Monarchen und Diplomaten gehen ein und aus. Auch der König zählt zu den Stammgästen, er kommt regelmäßig zum Pokerspielen und sucht die schönsten Frauen für die Nacht. Den Reichen zu Diensten steht eine Armada von schlechtbezahlten, schikanierten Dienern, Kellnern und Köchen – bis sie den Aufstand proben. In seinem Roman ‚Der Automibilclub von Kairo‘ erzählt Alaa al-Aswani von Herrschaft und Diktatur und lässt einen Mikrokosmos lebendig werden, der für die Zerrissenheit eines ganzen Landes, seiner Heimat Ägypten, steht. Nuanciert und verblüffend nah an unserer Gegenwart. Skurril und märchenhaft bereits der Einstieg, wenn Kamil Gaafar und seine Schwester Saliha unerwartet dem Roman entsteigen und in die Wirklichkeit des Schriftstellers eintreten, plötzlich vor seiner Tür stehen, gekleidet im Stil der 1940er Jahren.

Verlag Fischer
ISBN 978 3 596 19013 3

Waguih Ghali (1927 oder 1929 -†1969)
Snooker in Kairo (1964) ist der einzige Roman dieses Autors, der durch Suizid 1969 in London aus der Welt getreten ist. Der ägyptische Ich-Erzähler Ram und sein Freund Font, ihre Familien und Freunde stammen aus der Oberschicht, sie sind eher europäisch, aber nicht arabisch geprägt und schon gar nicht religiös. Es ist das Kairo der 1950er-Jahre, das heute sehnsüchtig verklärt wird. Und es geht um die Liebe Rams zur Jüdin Edna.  Waguhi Ghalis glänzend geschriebener, einziger Roman wurde während des arabischen Frühlings zu einem Fanal für die Demonstrierenden, weil das von ihm beschriebene Ägypten unter Nasser mit seiner Repression so sehr an die Gegenwart erinnert. Die jungen Leute verachten die dekadente Schicht, aus der sie teilweise kommen, und bleiben doch gefangen in den Annehmlichkeiten, die sie gewohnt sind, sie wirken orientierungslos und verloren, zynisch, empfindsam, komisch, anarchisch und voll Lebenshunger. „Snooker in Kairo“ zeichnet ein faszinierendes Zeitbild, mit trockenem Humor und voller Melancholie, und erzählt die aufwühlende, gefährliche Liebesgeschichte zwischen Ram und Edna.

Verlag C.H. Beck
ISBN 978-3406719028

Nagib Machfus (1911-2006), in Kairo geboren und dort 94-jährig verstorben, zählt wie al-Aswani zu den bedeutendsten Autoren der Gegenwart und glt als der Vater des ägyptischen Romans. Sein Lebenswerk umfasst mehr als 40 Romane, Novellen und Kurzgeschichten. 1988 erhielt er als bisher einziger arabischer Autor den Nobelpreis für Literatur.

Meine Liebe gilt den Bewohnern der Gassen. Nicht nur der alten Gassen von Kairo, sondern der Gassen der ganzen Welt. Nagib Machfus

Die Midaq-Gasse – 1947
Einst glänzte die Midaq-Gasse wie ein Stern in der Geschichte des mächtigen Kairo. Inzwischen sind die Arabesken am berühmten Kirscha-Kaffeehaus bröcklig und morsch geworden, aber immer noch ist die Gasse erfüllt vom Lärm ihres eigenen Lebens. Hier laufen die Fäden zusammen, hier strömen die Menschen ein und aus. Onkel Kamil, der Bonbonverkäufer, al-Hilu mit seinem Friseursalon, der alte Dichter, den keiner mehr hören will, seit es das Radio gibt, der stolze Chef der Handelsfirma, ja sogar der düstere Zita, der aus Menschen Krüppel macht, damit sie besser betteln können – sie alle spüren die neue Zeit, deren Rhythmus die Stadt erobert. Jeder sucht seinen eigenen Weg in die Zukunft. Umm Hamida, Chronistin aller Nachrichten und wandelndes Lexikon aller Missetaten, hat täglich mehr zu erzählen über die Geheimnisse dieser Gasse, denn eine Welt ist in Unordnung geraten. In diesem Roman wird eine Altstadtgasse von Kairo zum Mikrokosmos einer Welt im Umbruch.

Unionsverlag
978 3 293 20686 1

Karnak-Café – 1974
Alt und Jung, Arm und Reich, Männer und selbst einzelne Frauen treffen sich im Karnak-Café, angelockt vom guten Kaffee und der schillernden Kurunfula, einer ehemaligen Tänzerin und Besitzerin des Cafés. Sie erzählen aus ihrem Leben, teilen Freude und Leid und manch müßiggängerische Stunde. Als drei junge Stammgäste plötzlich verschwinden und später verstört zurückkehren, ist es vorbei mit der heiteren Kaffeehausatmosphäre. Aus der einstigen Oase der Kameradschaft wird ein Ort des Argwohns, an dem sich die alte Vertrautheit zwischen den Menschen nur schwer behaupten kann. Das Trauma der Niederlage Ägyptens im 6-Tagekrieg 1967 und die dadurch entstandene gesellschaftliche Veränderung sind eindrucksvoll auf diesen nur 120 Seiten eingeflossen. Wie auch die Midaq-Gasse für mich ein moderner Karawanserai Roman.

Unionsverlag
ISBN 978 3 293 20501 7

Kairo-Trilogie – 1956 /1957
Die drei Romane Zwischen den Palästen, Palast der Sehnsucht und Zuckergässchen, zusammengefasst in der Kairo Trilogie, verschafften dem Autor weltweite Anerkennung. In diesen drei Werken, erzählt er die Geschichte einer Kairoer Kaufmannsfamilie über drei Generationen hinweg. Sie spürt den Wandlungsprozessen nach, welche die Gesellschaft während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aufgrund der Modernisierung und der Kontakte mit dem Westen durchläuft. Die Trilogie brachte Mahfuz den ägyptischen Staatspreis für Literatur ein.

Abd al-Gawwad, der übermächtige Herrscher der Familie, ist gefürchtet und geliebt zugleich: Strotzend vor Vitalität und Lebenslust ist er ein liebenswürdiger Freund und geistreicher Unterhalter, ein Kenner von Kunst und Gesang, und nicht zuletzt ein feinfühliger Liebhaber schöner Frauen. Doch wenn er die Treppe zu seinem Palast hochsteigt, verwandelt er sich zum gnadenlosen Patriarchen, der Ehefrau, Töchter und Söhne an seinen Fäden führt. Als die Wünsche und Hoffnungen jedes einzelnen an die Oberfläche kommen, verstricken sich die Familienmitglieder immer tiefer im Geflecht ihrer verunsicherten Beziehungen. Seine Ehefrau Amina, eine Gestalt von mythischer Tiefe, in der Welt der Geister heimischer als in der Welt der Menschen, wagt sich zum ersten Mal hinaus auf die Straße. Der Sohn wie die Tochter verfallen einer unschicklichen Liebe. Und draußen auf der Straße beginnt der blutige Kampf um nationale Unabhängigkeit, wird in Demonstrationen und Streiks das Ende des britischen Protektorates gefordert. Abd al-Gawwad’s Familie bleibt von der Tragik der Ereignisse nicht verschont, der Riß, der durch Ägypten zieht, macht auch nicht vor der Familie halt.

Unionsverlag
ISBN 3 86150 398 0

 

 

Fotos & Texte: Bodo Falkenried, teilweise unter Verwendung von Verlagstexten




Edward St. Aubyn | Dunbar und seine Töchter – Podcast

Geld, Gier und Verrat

Zwei Töchter wollen an die Macht und an die Millionen ihres Vaters. In die Quere kommt ihnen dabei jedoch die dritte Tochter. – Edward St. Aubyn hat mit „Dunbar und seine Töchter“ Shakespeares „König Lear“ neu interpretiert. Aus Anlass des 400. Todestages von William Shakespeare im Jahre 2016 hat die Hogarth Press in London – einst gegründet von Virginia und Leonard Woolf – acht Schriftstellerinnen und Schriftsteller gebeten, eines der Shakespeare-Dramen in einem zeitgenössischen Roman neu zu erzählen. Edward St. Aubyn hat King Lear gewählt. Jetzt liegt das Werk auch auf Deutsch vor, unter dem Titel „Dunbar und seine Töchter“.

NEUES FEATURE HIER IM BLOG: PODCAST!

… und ausserdem DRINGEND empfohlen:

Der mitreissende fünfteilige Romanzyklus um das Alter Ego Patrick Melrose führte Edward St Aubyn weltweit in eine Spitzenposition in der Belletristik. Der Protagonist ist einer aristokratisch privilegierten Umgebung angehörig und erzählt uns [sein] Leben : bösartig, komisch, brutal  und einfach spannend. Vielleicht nicht große Literatur, aber ein Schmöker par excellence, den man nicht aus der Hand legt, bevor die letzte Seite „geraschelt“ hat.

 

  • Gebundene Ausgabe: 880 Seiten
  • Verlag: Piper (1. Dezember 2016)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3492057349
  • ISBN-13: 978-3492057349
  • Originaltitel: The Patrick Melrose Novels

 




Aharon Appelfeld | Meine Eltern

Am Tage, als ich –wie ich nun weiß – den letzten Roman von Aharon Appelfeld in der mit 300 Jahren ältesten Buchhandlung unsere Freistaates, im Rathaus am Marienplatz 8 gelegen, kaufte, ist der Schriftsteller in seinem 86ten Lebensjahr verstorben. Katerina, Badenheim und Auf der Lichtung hatte ich früher begeistert gelesen, oftmals an die Schilderungen gedacht, aber dann den Autor aus dem Blickwinkel verloren. Dabei war er durch sein gesamte Oeuvre, das ich nach und nach gelesen hatte, auch für mich zu dem bedeutendsten Chronisten der Shoa geworden. Kein Rache-Engel, sondern ein Erzähler, der einfühlsam, melancholisch, manchmal gar romantisch, eine Zeit schilderte, in der grauenhafte Ereignisse stattfanden. Die zwar vergangen sind, deren Erinnerung aber nie verloren gehen darf. Und nun die letzte Erzählung: Meine Eltern.

Es ist eine weitgehend untergegangene Welt, die uns Appelfeld in seinen Werken geschildert hat. Kulturell, geographisch und in den zwischenmenschlichen Beziehungen heute so außergewöhnlich, wie sie von 1933 bis zur Gründung Israels gewöhnlich war. Neben dem überwiegenden Schrecken steht gleichberechtigt die Melancholie. Und damit das Appelfeld-Faszinosum.

Klappentext:
August 1938: Am Ufer des Flusses Prut in Rumänien versammeln sich die Sommerfrischler, überwiegend säkularisierte Juden, darunter ein Schriftsteller, eine Wahrsagerin, eine früher mit einem Christen liierte Frau, die nun auf Männerschau ist. Auch der zehnjährige Erwin und seine Eltern sind hier, doch das Kind spürt, dass etwas anders ist: Hinter den Sommerfreuden, den Badeausflügen und Liebeleien geht die Welt, die alle kennen, zu Ende. Einige reisen früher ab, andere verdrängen die Nachrichten aus dem Westen. Spannungen bleiben nicht aus, auch nicht zwischen den Eltern, der Mutter, die Romane liest, an Gott glaubt und an das Gute, und dem Vater, dem Ingenieur, der alles rational und pessimistisch sieht. Als die Familie in die Stadt aufbricht, überfällt Erwin die Furcht. In der Schule wurde er geschlagen und als «Saujude» beschimpft – und er beginnt zu ahnen, dass an den unterschiedlichen Haltungen seiner Eltern noch viel mehr hängt: die Zukunft, das Überleben.

Ein feinfühliger Roman, der seismographisch die Brutalität des heraufziehenden Krieges verzeichnet – und zugleich das Porträt einer bürgerlichen Welt vor der Katastrophe.

Meine Eltern
Rowohlt Verlag, Berlin
ISBN 978-3737100311
Originaltitel: Avi we-imi

Weitere Titel im Rowohlt Verlag

Ein Mädchen nicht von dieser Welt

Adam und Thomas sind überrascht, als sie sich zufällig im Wald begegnen. Ihre Mütter haben die Jungen dort versteckt, weil es im Ghetto zu gefährlich wurde. Nun müssen die beiden Neunjährigen in der Natur zurechtkommen: Sie lernen die Tiere des Waldes kennen, bauen sich ein Schutznest hoch im Baum, sammeln wilde Früchte. Doch die Schrecken von Krieg und Verfolgung sind nie weit entfernt: Nachts hören sie Schüsse, einmal stoßen sie auf einen Verwundeten. Der belesene Thomas und der tatkräftige, traditionell erzogene Adam müssen lernen, dass sie nur gemeinsam überleben können – im Glauben an ihre Freundschaft, an den Zauber der Natur und die Imagination. Die einzige Hilfe von außen ist die kleine Magd Mina, die die Jungen heimlich versorgt – eine Heilige der Tat. Doch während die rettende Rote Armee näher rückt, werden die Nächte im Wald kälter, und auch Mina gerät in Gefahr … Aharon Appelfeld überlebte den Zweiten Weltkrieg selbst als Kind in den ukrainischen Wäldern.


Alles, was ich liebte

Czernowitz, am Vorabend des Zweiten Weltkriegs. Die Eltern des 9-jährigen Paul trennen sich, und Paul verliert, was bis dahin sein Zuhause war. Seine Mutter findet Arbeit als Lehrerin in einem Provinzstädtchen. Sein Vater, einst ein gefeierter expressionistischer Maler, hadert in Czernowitz mit der antisemitischen Kunstkritik. Paul wird in die Obhut eines christlichen Kindermädchens gegeben. Doch als die Mutter sich in einen Kollegen verliebt und die Hochzeit nach christlichem Brauch plant, holt ihn der Vater zu sich zurück. Eines Tages erhalten die beiden ein Telegramm: Die Mutter sei erkrankt. Hals über Kopf brechen sie auf, um zu ihr zu fahren. Die Ereignisse überschlagen sich, ihre Odyssee ist nicht zu Ende…


 


Der Mann, der nicht aufhörte zu schlafen

Erwin schläft und schläft und kann kaum mehr aufwachen. Es ist das Jahr 1946, und der jüdische Junge, der mit knapper Not den Nationalsozialismus überlebte, lässt sich auf Zügen und Pferdekarren ziellos durch Europa treiben. Denn der Schlaf hält in Erwin das Verlorene lebendig: die grüne Heimat Bukowina, die geliebten Eltern. Als er nach Palästina gelangt und Hebräisch lernt, beginnt er zu schreiben – und findet damit endlich einen Weg, das im Traum Bewahrte zu retten: Erzählend lässt er die entschwundene Welt in der neuen, uralten Sprache wiedererstehen …


 



Katerina

Ein ukrainisches Dorf Ende des 19. Jahrhunderts: Die junge Katerina verlässt nach dem Tod der Mutter ihr liebloses Elternhaus. In der Stadt findet sie Arbeit bei einer jüdischen Familie, die ihr nach anfänglicher Fremdheit immer vertrauter wird. Doch als man den Hausherrn bei einem Pogrom ermordet, landet Katerina auf der Straße. Ziellos irrt sie umher, lebt von Gelegenheitsarbeiten. Erst als sie sich in Sami verliebt, einen Juden, scheint sie ihren Platz im Leben zu finden: Katerina wird schwanger. Doch dann wird ihr alles genommen, und Katerina will nur eines: Rache.





Auf der Lichtung

Edmund kann gerade noch dem Todeszug entkommen. In den karpatischen Wäldern findet der Siebzehnjährige Zuflucht bei jüdischen Widerstandskämpfern. Sie leben wie in einer großen Familie zusammen: Da ist der charismatische Anführer Kamil, der die Gruppe zu einer Einheit formt, da sind die Kinder Milio und Michael oder die Alten wie Zirl, die noch die religiösen Bräuche pflegt. Als es gelingt, viele Juden aus einem Zug zu befreien, beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit: Das Ende des Krieges ist spürbar nah, aber die Gruppe kann sich kaum mehr versorgen und vor den Deutschen verbergen.





Badenheim

Und wieder wird es Frühling in Badenheim. Wieder steht das Kulturfestival des Impresarios Dr. Pappenheim bevor. Wieder finden sich die jüdischen Stammgäste in dem kleinen österreichischen Badeort ein – diesmal aber auch seltsame Inspektoren des Gesundheitsamtes.
Während die Beamten die Gäste nachdrücklich auffordern, sich für eine Reise in „das gelobte Land Polen“ zu registrieren, und der einst mondäne Ort immer mehr einem Sperrgebiet gleicht, versuchen die Menschen die Normalität aufrecht zu erhalten: sie besuchen die Konzerte des müden Orchesters und lauschen den Rilke-Rezitationen der schwindsüchtigen Zwillinge aus Wien. Dann, eines Morgens, wird der Befehl zur Abreise gegeben …




Mein ultimativer Kanon der Literatur

Meine Tochter hatte für eine 19-Jährige einen – wie ich finde – sehr ausgefallenen Geburtstagswunsch geäussert. Sie wünschte sich, dass ihr Vater (vermutlich ich), ihr ein paar wirklich gute Bücher schenkt. Sie wollte aber nicht ein paar seichte Bücher als Urlaubslektüre haben, sondern bestand darauf, dass es die wichtigsten Werke der deutschen Literatur seien.

Also ein richtiger Literaturkanon. Sofort fiel mir natürlich der GLAZ (größte Literaturkritiker aller Zeiten) ein, der einen wirklich vortrefflichen Kanon zusammengestellt hat. Kanon Marcel Reich-Ranicki. Aber sie wollte ja nicht seinen Kanon, sondern meinen.

Ich erklärte mich sofort einverstanden und legte los. Niemals hätte ich gedacht, dass dieses Unterfangen so faszinierend, aufregend, anstrengend und auch so langwierig sein würde. Zunächst einmal ließ ich das „deutsch“ in Literaturkanon weg. Das ist langweilig, kleinkariert und nationalistisch. Ich wollte einen persönlichen Kanon zusammenstellen, die Bücher, die ich am besten fand, die mich geprägt haben und die ich für die zehn größten der Literatur halte und die auch ein Bisserl zu ihr passen sollten.

Zunächst vollzog ich ein inneres Brainstorming. Welche Autoren müssen unbedingt dabei sein und welche davon werde ich wieder streichen müssen. Welche Bücher sind absolut gesetzt und welche nur optional.
Die erste Autorenliste las sich in etwa so: Goethe, Thomas Mann, Hemingway, Camus, Oskar Maria Graf, Erich Kästner, Henry Miller, Charles Bukowski …

Die letzten beiden wurden sofort gestrichen, es handelt sich schliesslich um meine Tochter. Thomas Mann? Die Buddenbrooks? Selten ein so langweiliges Buch gelesen. Drei Seiten Beschreibung eines Türfügels, es schüttelte mich vor Grausen. Felix Krull? Den habe ich sehr gemocht, aber irgendwie doch lieblos zu Ende geschrieben und auch ein wenig trivial … Aber Thomas hatte doch einen Bruder und dieser definitiv mehr Temperament. Der kam auf die Liste: Heinrich Mann. Unrat? Nein, da soll sie den Film schauen. „Der Untertan“, ja der sollte es werden. Rechnen wir ab mit der preussischen Untertanen-Mentalität. Ausserdem, wenn wir schon dabei sind, wir brauchen mehr Bayern im Kanon.

Oskar Maria Graf, Das Leben meiner Mutter. Ein absolutes Muss für die gebildete Münchnerin und für alle anderen auch. Überhaupt das ganze Graf Werk, aber eines muss zunächst reichen. Lion Feuchtwanger fiel mir noch ein, aber die große München-Trilogie ist auch etwas zu langatmig für eine junge Dame, aber was ist mit Rosendorfer? Vielleicht nicht allerhöchste Literatur aber vergnüglich, hintersinnig und Münchnerisch: Briefe an die chinesische Vergangenheit.

Sprach ich eben davon, den Preussen eines auf den Deckel zu geben? Dann lass uns doch gleich der Operettenmonarchie eine sauberne Trumm Watschen verpassen. Das nennt man Revanchismus: Joseph Roth, Radezkymarsch. Das passt wundervoll zum Untertan. Ich war sehr zufrieden mit mir. Mein erstes Joseph Roth Buch habe ich mir übrigens mit ungefähr zehn Jahren aus der Stadtbibliothek – damals noch am Rindermarkt – ausgeliehen, war aber sehr enttäuscht, kein einziges mal konnte ich die von mir damals so geliebte Phrase „Ein Mensch …“ darin finden.

Aber werden wir wieder ernst. Bierernst. Goethes Faust (auf dem Bild leider nicht zu sehen) habe ich in einer wundervollen, alten Ausgabe mit Lithographien von Delacroix ergattern können.

Dann werde ich philosophisch. Das Werk, welches mich in meiner Jugend am allermeisten geprägt hat, war „Der Fremde“ von Albert Camus. Dieses Buch machte mich zu einem glühenden Existentialisten. Es war so düster und so leidenschaftlich leidenschaftslos. Lang nicht so ein Langweiler wie Sartre, war für mich Camus der König des schwarzen Rollkragenpullis. Zur ungefähr selben Zeit las ich – wie vermutlich alle Jugendlichen meiner Generation – den Steppenwolf, der muss auch dabei sein. Erinnern wir uns, die Leserin wird 19, nicht 49.

Neben Graf ist Kästner einer meiner Lieblingsautoren. Seit Pünktchen und Anton, liebe ich sein Werk. Die Kinderbücher habe ich tausendmal vorgelesen bekommen, selbst gelesen und dann wieder vorgelesen. So ein wundervoller, feiner Mann und spätestens, als ich erfuhr, dass der „Fabian“ in der Originalfassung herausgekommen ist, musste er natürlich auch dabei sein. „Der Gang vor die Hunde“ ist der Titel, den Kästner selbst für seinen großen Erwachsenen-Roman vergeben wollte. Diese Fassung ist quasi der unzensierte Directors Cut.

Warum ich die „Deutschstunde“ aufgenommen habe, weiss ich selbst nicht so genau. Vermutlich ist es eher meiner Liebe zu Emil Nolde geschuldet und weil ich dem erst jüngst in Verruf geratenen, die Stange halten wollte. Trotzdem es ist ein schönes Buch über Freundschaft, Kunst und Nazischeiss.

Hemingway ist der einzige Autor, der doppelt vertreten ist. Fiesta ist eines der schönsten Bücher, das ich kenne, ich habe es dutzend Mal gelesen und es ist ja auch nur ein ganz kleines Bücherl und dann muss natürlich auch noch die Stunde schlagen, Ehrensache. Auch wenn manche behaupten Ernest war als Trinker besser, als als Autor. Aber diese Leute, sind vermutlich in beiden Kunstgattungen selber nur mittelmäßig. Mein ältester Sohn ist übrigens seiner Mutter immer noch unendlich dankbar, dass sie verhindert hat, dass er Ernest Maria Broy heisst.

Dies ist die vollständige Liste meines ganz persönlichen Literatur-Kanons

  1. Oskar Maria Graf, Das Leben meiner Mutter
  2. Heinrich Mann, Der Untertan
  3. Joseph Roth, Radezkymarsch
  4. Herbert Rosendorfer, Briefe an die chinesische Vergangenheit
  5. Johann Wolfgang von Goethe: Faust I + II
  6. Albert Camus, Der Fremde
  7. Hermann Hesse, Der Steppenwolf
  8. Erich Kästner, Der Gang vor die Hunde
  9. Siegfried Lenz, Die Deutschstunde
  10. Ernest Hemingway, Fiesta
  11. Ernest Hemingway, Wem die Stunde schlägt

Wie man auf den Bilder unschwer erkennen kann, habe ich auch auf schöne, alte gebundene Ausgaben wert gelegt, denn diese Sammlung soll meine einzige Tochter ein Leben lang besitzen, in Händen halten und lesen. Vielleicht taucht auch das eine oder andere Werk davon in ihrem Kanon auf, den sie vielleicht irgendwann für einen Enkel zusammenstellen wird.

Was wären denn die Bücher, die in Ihrem Kanon auftauchen würden?
Welche habe ich vergessen?
Welche würden sie weglassen?

Bitten nehmen Sie, lieber Leser, Sich eine Pfeifenlänge Zeit und nutzen Sie die Kommentarfunktion, um Ihre persönliche Liste zu teilen, sie werden sehen, das ist sehr vergnüglich, erbaulich und auch sehr anstrengend …




Viet Than Nguyen | Der Symphatisant – eine Geschichte aus dem Amerikanischen Krieg

Das gefällt den meisten Amerikanern nicht: eine andere Sichtweise auf den unseligen sogenannten Vietnamkrieg, der in Wahrheit ein weiterer Indochinakrieg war, in der Region übrigens wird er richtigerweise „American War“ genannt. Ein Roman, nicht als schwer verdauliche Dokumentation, sondern als flüssig lesbare und 2016 mit dem Pulitzerpreis belohnte spannende Lektüre. Spannend nicht, weil es sich im einen Reißer handelt, sondern weil uns Westlern endlich ein -wenn auch fiktiver- Blick gewährt wird, der erhellend wirkt. Gleichwohl ist es ein Spionageroman, den der in Vietnam geborene Amerikaner Viet Than Nguyen vorgelegt hat. Die USA und ihre selbstbehauptete publizistische Deutungshoheit für das aus niedrigsten, paranoiden Beweggründen und schizophrenen Sichtweisen und prognostisiertem Iirrsinn angezettelte Disaster hat weitere Risse bekommen.

Im April 1975 wird eine Gruppe südvietnamesischer Offiziere unter dramatischen Bedingungen aus Saigon in die USA geflogen. Darunter ein als Adjutant getarnter kommunistischer Spion. In Los Angeles soll er weiterhin ein Auge auf die politischen Gegner haben, ringt jedoch immer mehr mit seinem Doppelleben, den Absurditäten des Spionagewesens, der Konsumgesellschaft und seiner eigenen Identität: “Ich bin ein Spion, ein Schläfer, ein Maulwurf, ein Mann mit zwei Gesichtern. Da ist es vielleicht kein Wunder, dass ich auch ein Mann mit zwei Seelen bin.“

Ein literarischer Polit-Thriller über den Vietnamkrieg und seine Folgen, eine meisterhafte Aufarbeitung über die Missverständnisse zwischen Kapitalismus und Kommunismus, ein schillerndes Werk über das Scheitern von Idealen, ein bravouröser Roman über die universelle Erfahrung von Verlust, Flucht und Vertreibung.

Verlagsinfo Randam House

 


Literatur, die vieles erklärt:

Tim Weiner, CIA

Joshua Kurlantzick, The Ideal Man: The Tragedy of Jim Thompson and the American Way of War

Süddeutsche Zeitung

Laos – Fremdschämen

 


BIBLIO
Aus dem Amerikanischen von Wolfgang Müller
Originaltitel: The Sympathizer
Originalverlag: Grove/Atlantic
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 528 Seiten, 13,5 x 21,5 cm
ISBN: 978-3-89667-596-5
€ 24,99 [D] | € 25,70 [A]
Verlag: Blessing
Erschienen: 14.08.2017

 




Luciano Valabrega | Puntarelle e Pomodori

Unter all den Dingen, über die wir unsere Herkunft, unsere Heimat und letztlich unsere Identität definieren, nimmt unser Essen einen ganz besonderen Platz ein. Dieser Platz ist meist ein angestrebter Wohlfühlort, ein andermal ein Sehnsuchtsort und vielleicht auch mal ein Entbehrungsort. Nicht selten ist unser Essen aber ein Erinnerungsort, der uns Genießer gleichsam zu kulinarischer Melancholie verleitet, etwa wenn wir bestimmte Gerichte so zuzubereiten suchen, wie es schon unsere Großmutter getan hat, und wir uns dann an die glücklichen Kindermomente an ihrem Küchentisch erinnern falls uns unsere retrospektive Zubereitung gelungen ist. Das Aneinanderreihen solcher kulinarischer Erinnerungsglücksmomente nennt man dann „Traditionelle Küche“ – entstanden durch kollektives Zusammentragen vieler jener Erinnerungen über Generationen hinweg und deren Austausch untereinander, unter Verwandten, Freunden, Nachbarn, Kollegen… „Traditionelle Küche“ ist in diesem Sinn als „kollektives Gedächtnis“ nachgeradezu das Gegenteil der modernen „Großen Küche“ und ihren Starkulten, bei denen individuelle Brillanz im Mittelpunkt steht.

Luciano Valabrega: Puntarelle e PomodoriUm eine solche „Traditionelle Küche“ geht es in dem Buch, das ich hier vorstellen möchte. Luciano Valabrega heißt der Autor, den ich, das muss ich der Aufrichtigkeit halber gleich offenlegen, persönlich kenne: er ist ein sehr guter Freund sehr guter römischer Freunde – und er ist Pfeifenraucher. Übers Pfeiferauchen habe ich ihn kennengelernt und schnell sind wir darüber hinaus aufs Kochen als weitere gemeinsame Leidenschaft gekommen. Irgendwann hat er mir dann sein Buch in die Hand gedrückt, das im Spätsommer 2015 in der wunderschönen „Salto“-Reihe bei Wagenbach erschienen ist. Der Titel des kleinen Buches lautet „Puntarelle e Pomodori“ und sein Untertitel verrät uns, worum es geht: „Die römisch-jüdische Küche meiner Familie“.

„Schon wieder ein Kochbuch“ könnte man jetzt denken und in der Tat ist „Puntarelle e Pomodori“ ein Kochbuch, aber es ist ein sehr außergewöhnliches Kochbuch, nämlich eines,  das uns für all die bekannten und unbekannten Gerichte darin keine bloßen Bauanleitungen mit präziser Zutatenliste liefert, wie das Kochbücher im Allgemeinen zu tun pflegen, sondern das uns vielmehr von diesem inspirierenden Aneinanderreihen zahlreicher kulinarischer Erinnerungsglücksmomente erzählt. Auf diese Weise vermittelt es uns wie kein anderes mir bekanntes Buch das Wesen der römischen und der römisch-jüdischen Küche. Traditionelle Küchen nämlich lassen sich durch die Analyse in ihnen verbreiteter verarbeiteter Lebensmittel und Zubereitungstechniken nur recht unzulänglich charakterisieren: Es sind die „Werte“, die die Gerichte haben, ihr Stellenwert in der Abfolge der Jahreszeiten, im Alltag, in den Familien, im Wochenablauf, im religiösen Leben mit seinen Festtagen, zu denen nicht nur immer dieselben Heiligen verehrt werden sondern auch ebenso kanonisch immer das Gleiche gekocht oder gebacken wird. Alle diese Aspekte sind mindestens so bedeutend wie die Rezepte selbst, wenn wir eine „Traditionelle Küche“ verstehen wollen. Und genau das führt uns Luciano Valabrega mustergültig vor Augen. Wer dieses Buch liest, erfährt nicht nur, was man in Rom isst, sondern über den Tatbestand erreichten Wohlgeschmacks hinaus auch warum man es isst.

Luciano Valabrega: Puntarelle e PomodoriLuciano Valabrega begann vor Jahren, all die Rezepte niederzuschreiben – um sie nicht zu vergessen und um sie seinen Freunden, die er nicht selten zum Essen einlädt, weiterzugeben. Er teilt nicht nur großzügig seine Erfahrungen als hervorragender wie leidenschaftlicher Koch, er teilt auch seine Erinnerungen und gewährt uns so einen recht persönlichen Blick auf das Leben in Rom hauptsächlich in den 50er und 60er Jahren. Er macht uns gleichsam zu jenen Freunden, für die er das Buch, ursprünglich ohne jede Publikationsabsicht, geschrieben hat, was allein das kleine Buch schon ungemein sympatisch macht. Luciano Valabrega: Puntarelle e PomodoriDie so entstandene Rezeptsammlung ist, obwohl sie keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt, ein umfängliches Kompendium römischer Küche: sie umfasst die Festtagsgerichte, die sich heute auch auf den Speisekarten der Hauptstadt-Restaurants finden, ebenso das einfachste Alltägliche, wie die  „Pizza Bianca“ oder die Pausenbrote der Kindheit.

In der Vertrautheit des ursprünglich intendierten Leserkreises liegt aber für den deutschen Leser, sofern er das Buch nur wie ein klassisches Kochbuch nutzen will, ein gewisses Risiko: In den Rezepten wird zwar präzise erklärt, wie man ein Gericht zubereitet, das Buch spart auch nicht mit Kniffen, wie man sich bei manchen Gerichten ihrer Perfektion annähern kann, aber es verzichtet vollständig auf Mengenangaben und präzise Zutatenlisten. Das erklärt sich aus der Intimität dieses ursprünglich intendierten Leserkreises, denn ein kulinarisch interessierter Römer weiß, wie seine „Klassiker“ im Prinzip gekocht werden. Der rein kulinarische Wert liegt hier in den Details, die bei manchen Gerichten sehr hilfreich sind und die man, vertraut mit der römischen Küche, sofort versteht. Will man dieses Buch also nicht nur lesen, sondern auch ganz normal als Kochbuch benutzen, sollte man zumindest in Grundzügen mit italienischer Küche vertraut sein. Dann wird man als Nachkocher keine Probleme sondern recht viel Freude haben!

Luciano Valabrega: Puntarelle e PomodoriUnter den Rezepten des Buches finden sich viele, die mit einem „*“ gekennzeichnet sind: das sind die Rezepte, die explizit jüdischen Ursprungs sind und in der jüdischen Tradition Roms bis heute einen hohen Stellenwert haben. Auch wenn manche unter diesen längst die Konfessionsgrenzen überwunden haben und über die Jahrhunderte hinweg auch unter der katholischen Mehrheit der Römer zur traditionellen Esskultur gehören. Essen, vor allem gutes und raffiniertes, verbindet. Das gilt auch für traditionell „katholische“ Gerichte, die mit einigen Modifikationen den Regeln der kosheren Küche angepasst werden können. Luciano Valabrega nennt auch diese ebenso traditionellen jüdischen Modifikationen, ist dabei allerdings sehr weit entfernt von jeglicher Orthodoxie. Der Geschmack steht im Mittelpunkt. Überhaupt wird in dem Buch klar, wie sehr die beiden Küchen-Traditionen miteinander verwoben sind und sich miteinander entwickelten. Nur bei ganz wenigen zeitgleich auftretenden „Konkurrenzprodukten“ wie etwa dem jüdischen Pessach-Gebäck und dem katholischen Oster-Gebäck bleiben die Konfessionen in ihrer jeweils eigenen Süßigkeit unter sich. Einmal hat uns Luciano mit einer Schale raffiniert trockenen Gebäcks überrascht, über das vor dem Verzehr Honig geträufelt wurde. Es waren die berühmten Pizzarelle d’Azzime, die ich da zum ersten Mal gegessen habe – ein Gebäck von absolut begeisternder Einfachheit und Raffinesse zugleich.

Meiner Meinung nach liegt die ganz große Stärke des reinen „Kochbuchs“ aber in den unzähligen Gemüse-Rezepten, die sich zwar auch als Beilage eignen, aber fast alle – manchmal mit ein paar kleinen „Bereicherungen“ – das Zeug zu eigenständigen Gerichten haben. Vieles schmeckt auch kalt am Folgetag noch großartig, etwa als kleine Vorspeise; ein Charakterzug, der der Alltagsküche aus Zeiten, denen der Überfluss fremd war, auf manchmal recht einzigartige Weise eigen ist. Unter den Gemüse-Rezepten ragen einige heraus, nämlich die mit Artischocken, und Luciano Valabrega macht keinen Hehl daraus, dass die Artischocke für ihn die Königin allen Gemüses darstellt. Da ich diese Leidenschaft für Artischocken absolut teile, möchte ich mit einer Leseprobe eines Ausschnitts aus dem Rezept für die „Carciofi alla Giudia“, die Artischocken nach jüdischer Art, schließen. Das Rezept ist sowas wie das „Flaggschiff“ der römisch-jüdischen Küche, es scheint banal, denn dahinter verbirgt sich ein recht einfaches Gericht: eine schlichte frittierte Artischocke. Aber wie so oft brauchen einfache, klare Dinge die größte Raffinesse und Erfahrung in der Zubereitung um wirklich gut zu sein. Der große Koch Vincent Klink hat mal sinngemäß gesagt, „ein Jakobsmuschelcarpaccio kann jedes Kind, aber einen anständigen Spätzleteig muß man können, das braucht viel Übung und Erfahrung“ – Recht hat er und hier ist es nicht anders. Das ganze Rezept umfasst etwas mehr als eineinhalb Seiten, aber in einem kleinen Absatz hat es Luciano wie folgt zusammengefasst:

„Es ist eine ungeheure Menge an Artischocken, die man jedes Jahr die Pflicht und das Vergnügen hat zuzubereiten. Die erste Artischocke aus diesem Berg zu putzen und zurechtzustutzen, das ist der Beginn der Arbeit. Die große, harte und kompakte Kugel der Cimarolo-Artischocke verwandelt sich durch Zauber in eine feine kleine weiße Kugel an einem zarten, doch robusten Stiel. Die große Schüssel voll Wasser mit Zitronensaft wird zu einem Gefäß voll seltsamer schwimmender Seerosenknospen, ihrerseits bereit, sich mit Hilfe des kochenden Öls in üppige offene Rosen mit zugleich weichen und knusprigen Blütenblättern zu verwandeln.“ Liebevoller kann man das nicht umschreiben – wie das genau geht, das wird präzise Schritt für Schritt erklärt.

Zum Titel noch: Pomodori sind Tomaten, das wissen Sie, bei den Puntarelle wird’s schon spezieller, denn das sind Zichorienstiele, die vom meisten Grün befreit werden, sich dann – der Länge nach eingeschnitten – in einer Schüssel Wasser zu wirren Locken eindrehen und abgetrocknet den römischsten aller Salate bilden. Dazu kommt eine Salatsauce aus Sardellenfilets und frischem Knoblauch, die zu einer fast cremigen Konsistenz fein gehackt werden, sehr gutes Olivenöl und Zitronensaft. Leicht bitter, leicht salzig, leicht sauer – der perfekte Einstieg in ein anständiges Abendessen.

Hier noch der Link auf die Verlagsseite, wo man das Buch auch bestellen kann – und natürlich in jeder anderen Buchhandlung ihres Vertrauens. Der Preis beträgt 17 Euro. Das Buch eignet sich auch sehr gut als kleines Geschenk…

Luciano Valabrega schreibt übrigens auch kleine Gedichte, für die aber mein Italienisch nicht immer ganz ausreicht, er malt und baut hin und wieder Pfeifen aus Hobbyblöcken. Dabei geht er immer recht skulptural vor – die Funktion ist ihm nicht das Wichtigste. Die für mich schönste Pfeife ist eigentlich gar keine, sie ist eher ein dadaistisch anmutendes Kunstwerk, das die Zeit beim Pfeiferauchen zum Thema hat. Wahrscheinlich würde er einen Kochlöffel ähnlich gestalten…

Luciano Valabrega: Pfeife




Joseph Pla – Die Schmuggler

Josep Pla (1897-1981) zählt heute noch zu den bedeutenden spanisch-katalanischen Schriftstellern, dem eine wesentliche Bedeutung zur Erneuerung der katalanischen Sprache zugeschrieben wird. Die Schmuggler aus dem Jahre 1980, im Original in Katalan geschrieben (Contraband), wurden 2014 in der Salto-Reihe des Wagenbach Verlages veröffentlich. Peter Hemmers Vorstellung von Puntarelle & Pomodori, dem wundervollen Brevier über die römisch-jüdische Küche, ebenfalls erschienen bei Wagenbach / Salto, brachte mir Joseph Plas Schmuggler wieder in Erinnerung. Ergo kann der geneigte Leser durchaus von einem digitalen literarischen Netzwerk sprechen.

Die Schmuggler, also. Drei Männer, 2 Fischer und ein Schriftsteller (der Erzähler selbst), segeln an der Costa Brava entlang, vom spanischen Cadaqués bis zum Cap Leucate, dem eigentlich französischen Teil Kataloniens. Angeblich wollen Sie nur Olivenöl in Frankreich verkaufen, tatsächlich aber schmuggeln sie auf dem Rückweg Fahrradersatzteile nach Spanien. Das ist nun nicht besonders aufregend. Aber sie sind Kinder des Mediterran und nichts ist so bedeutsam für die drei Segler wie kulinarische Themen und deren unmittelbare Verwirklichung.

Küstenlinie an der Costa Brava – zu einer seelenvolleren Zeit


So werden auf dem Weg dorthin sämtliche pittoresken Hafenstädtchen angesteuert und ausgiebig die lokalen kulinarischen Spezialitäten gekostet – als Alibi, wohlgemerkt.

Solange, bis ein veritabler Mistral, der starke, kalte Nordwestwind, die Geruhsamkeit der Reise zu Ende bringt. Ein wunderschöne Erzählung, die den Leser beruhigt, die Sinne aber belebt. Kein aufregender Stoff, viel mehr ein Gleiten durchs Wasser, an der Küstenlinie entlang. Lesestoff, den man nicht verschlingt, sondern langsam in sich hinein saugt.


 

Joseph Pla i Casadevall
Die Schmuggler (Contraband)
EAN (ISBN-13): 9783803113047
ISBN (ISBN-10): 3803113040
Gebundene Ausgabe, 2014, 17,00 €
Herausgeber: Verlag Klaus Wagenbach, Reihe SALTO

Josep Pla, geboren 1897 in Palafrugell und 1981 ebenda gestorben, ist bis heute einer der populärsten katalanischen Schriftsteller – obwohl er sich mit seiner eigenwilligen Prosa literarischen Konventionen stets entzogen hat. Neben dem Grauen Heft, seinem tagebuchartigen Hauptwerk, verfasste er u. a. Reiseberichte, Chroniken und allerlei kulinarische Betrachtungen – speziell übrigens zur Fischküche.




Colin McLaren | Rattus Rex

Sollten Sie- sofern Sie in einer Großstadt leben – der Marotte frönen, ab und zu die Kanalisation – womöglich sogar nächtens – zu durchstreifen, so kann Ihnen bei dieser Angewohnheit Abhilfe geboten werden. Rattus Rex ist das probate Mittel dazu.

Colin McLaren, Schotte, Jahrgang 1940, arbeitete als Archivar an der Royal University of Aberdeen, eine der Voraussetzungen, um einen solchen Roman zu schreiben. Die Protagonisten sind ein junger Künstler und ein weltgewandter Journalist. Die Handlung spielt im frühen 19. Jahrhundert in London, als es dort eine -historisch bekannte – mysteriöse Rattenplage gab.
Die zwei unternehmen hanebüchene und für den gebannten Leser aufregend mundstückgefährdende Ausflüge in die unterirdischen Kanalsysteme der Stadt. Sie stoßen auf Relikte der Gründungszeit Londons. Leider ist das Buch vergriffen, der mittlerweile erreichte Kultstatus hat Fantasiepreise für das moderne Antiquariat geschaffen. Aber wo immer man es findet: kaufen !

 

….eine rätselhafte Riesenratte von der Malabarküste, unerklärliche Explosionen und andere Katastrophen, Schlachten gegen wohlorganisierte Rattenheere und der Kampf gegen politische Intrigen, Bestechungen und Komplotte zeichnen ein äußerst dichtes, historisches, zugleich märchenhaftes Bild der englischen Kapitale zu Beginn der großen industriellen Revolution. Nach „Frankenstein“ und „Dracula“ ein neues, aus dem 20.Jahrhundert stammendes Meisterwerk englischer Gruselliteratur.[Zitat]

Ich empfehle für Leser, die es gewohnt sind, angelsächsiche Literatur im Original zu lesen, unbedingt nach dieser Ausgabe zu suchen. Das erhöht den Genuß, die Dialoge – die auch in der deutschen Ausgabe teilweise im London Slang des 19. Jahrhunderts verfasst und hervorragend übersetzt sind – auf der Zunge zergehen zu lassen.

Spezielles, zeitlich unbegrenztes Angebot

Gegen Sicherheitsleistung (3-4 Pfeifen -nur von Bo Nordh, HN, CMänz oder Frank Axmacher, gerne im Mix) ist es möglich, das Buch für jeweils 8 Tage in besondere Hände zu geben. Bewerbungen erbeten an den Autor des Beitrages, mit Lichtbild, biometrischen Daten und zweifelsfreiem Nachweis der Zugehörigkeit zur Spezies der Läsratterna.

Colin McLaren · Rattus Rex · Hobbit Presse / Klett Cotta · ISBN 3-12-90551-X

 

TIPP

Originalausgabe von 1978
gleicher Titel
Rex Collings Verlag, London




Fruttero & Lucentini: Die Wahrheit über den Fall D.

Charles Dickens hat einen durch sein Ableben unvollendeten Kriminalroman hinterlassen: Das Geheimnis des Edwin Drood. Das schlimmste, was so einem Werk geschehen kann: der Fall ist nicht aufgeklärt, hat keine Lösung! Und das seit 1870. Drei Folgen der spannenden Geschichte waren zu Lebzeiten des Autors erschienen, drei weitere wurden posthum veröffentlicht. Einen Schluß fand man in Dickens`Hinterlassenschaft nicht. Das Buch ist eine bibliophile Köstlichkeit.

Aber der geneigte Leser ist nicht allein gelassen.

Organisiert durch einen japanischen Sponsor versammeln sich zu einem „Internationalen Forum zur Vervollständing unvollendeter Werke in Musik und Literatur“ die führenden Gestalten der Krimininalliteratur in Rom zu einem Kongreß: Sherlock Holmes, Maigret, Hercule Poirot, Philip Marlowe, Pater Brown und andere treffen zusammen, auch wenn sie eigentlich zu oder für ganz unterschiedliche Zeiten erschaffen wurden. Ihr Ziel ist, in Workshops ein logisches Ende des Romans zu erarbeiten, von dem es tatsächlich bereits über 200 Lösungsvorschläge in der realen Literatur gibt. Eine herrliche Fiktion, die nur das italienische Autorenteam zustandebringen kann. Man stelle sich vor: Marlowe steht an der Via Veneto, ruft ein Taxi – um ihn herum der typische römische Autoverkehr – und bietet zwei Detektiven, zu deren Lebzeiten Taxis noch vier Hufe hatten, die Mitfahrt an. Phantastisch!

Beschrieben hat diesen Kongreß-Roman das Erfolgsduo Fruttero & Lucentini in bekannt hervoragender Manier. Eigentlich fehlt zum abrunden des Vergnügens nach der Lesung noch die Hörspielfassung. Die unterkühlte Stimme von Philip Marlowe im Disput mit der gezierten eines Hercule Poirot, dem Sherlock Holmes mit feinstem Oxford English beitritt, während Maigret, die Pfeife aus dem Mund nehmend, hörbar genüßlich einen Calvados zu sich nimmt: mais c`est magnifique, chers amis.

Wir rauchen dazu vorzugsweise eine Kalabash (Brebbia First Selected), befüllt mit Butera Pelican, Drucquer Trafalgar, oder- falls ausnahmsweise beide gerade nicht zur Hand-  ersatzweise den Huber Balkan. Ein Caol Ila rundet die Stimmung ab, aber da ist Dogmatismus fehl am Platze, das Getränk darf diesmal frei gewählt werden.

Fruttero & Lucentini, Charles Dickens
Die Wahrheit über den Fall D.
Piper Verlag München 1991
ISBN 3-492-03454-4

 

 

Charles Dickens · Das Geheimnis des Edwin Drood · Bibliophile Dünndruck Ausgabe/Leder · Winkler Verlag München · Übersetzung von E.Lehmann ISBN-3-538-055300
Dunhill Dress

 

 




Roger Willemsen† – ein Ruf zurück

Brauchen wir gegenwärtige philosophische Betrachtungen und abgeleitete Analysen und Ratschläge? Mehr denn je! Die mentale Katastrophe, die uns Smart-Irgendetwas und Co, die von ihren Adepten völlig falsch bewerteten Steven Jobse, Zuckerbergs und andere Social Media-Vernagelten beschert haben, ist für die nächsten Dekaden wohl nicht mehr revidierbar. Ein Horror, würden diese Bewegungen überhaupt nicht mehr zu korrigieren sein. Für die wenigen klargeistig-Zurückgebliebenen heute schon das Drama des 21. Jahrhunderts. Wer rüttelt an den Köpfen, wer macht sich unbeliebt, wer läßt sich belächeln?

Wenn die Fragen nicht verstanden werden, so gibt es ein probates Mittel, das zu ändern: z.B. die Sendungen des privaten Senders RTL. Die sind -einschliesslich der sogenannten Nachrichten- so hirnlos, so beschämend, so dumm und ausschließlich dem Konsumanreiz für Vollidioten verpflichtet, das sie mir unwirklich erscheinen. So etwas kann es doch nicht geben, dass muß ein schräger, schmerzhafter Traum sein. Weit gefehlt. Das umgibt uns bereits, täglich zunehmend. Immer rasanter. Eine vollständige Fake-Welt.

Nach der Wiederentdeckung des 80-seitigen Romans Die Maschine steht still, der mich im vergangenen Monat so gefesselt hat, schlage ich wieder ein Schmalbändchen auf, diesmal mit nur 60 Seiten: Roger Willemsen „Wer wir waren“. Der Philosoph, Vor- und Nachdenker, der Autor, der Fast-Weise: im vergangenen Jahr so überraschend aus der Welt gegangen.

Sein letztes Projekt hat er unverzüglich eingestellt, als ihm seine verbleibende Verweildauer bewußt wurde. Was für eine aufrichtige, seltsam lebensbejahende Konsequenz im Angesicht des unausweichlichen Endes. Posthum nun erschienen: Wer wir waren. Kein Buch, wie vom Autor geplant, sondern seine letzte, öffentliche Rede im Juli 2015. Denken Sie über den Sinn dieser drei Worte nach und sie können erwarten, was uns Roger Willemsen an Einsichten -und sei es durch Fragestellungen, die den meisten womöglich ohne Sinn sein mögen- zur Erbauung, zum Aufrütteln, vermittelt.

Die Idee ist wunderbar: retrospektive Gedanken über unsere Gegenwart. Was wie ein Paradoxon erscheint, ist Methode.

Nachdem das Thema Gravitationswellen fast schon ein Volksgut für die Anhänger von Viertelwissen geworden ist, können die Willemschen „Aphorismen“ allgemein vielleicht besser verortet werden. Dennoch keine leichten Gedanken.

 

Neu ist eher jener Typus des »Second-Screen-Menschen«, dem der eine Bildschirm nicht mehr reicht, der ohne mehrere Parallelhandlungen die Welt nicht erträgt und im Blend der Informationen, Impulse und bildgeleiteten Affekte sich selbst eine Art behäbiger Mutterkonzern ist, unpraktisch konfiguriert und irgendwie fern und unerreichbar. Wir machten dabei nicht der Gegenwart allein den Prozess, sondern unserer eigenen Anwesenheit. [Zitat aus Roger Willemsen „Wer wir Waren“, Seite 34 ff]

Der Band ist vielleicht nicht so geeignet, in einem gelesen zu werden. Das Vergnügen stellt sich beim wiederholten Lesen ein. Dann aber nachhaltig.

Roger Willemsen
Wer wir waren
Zukunftsrede

Verlag S.Fischer
ISBN: 978-3-10-397285-6