HU Tobacco | Manyara

Rechtzeitig zur Pfeifenshow in Lohmar gibt es wieder einige neue Tabake von HU Tobacco, darunter auch einen aus der Afrika-Serie, an dem ich mitgewirkt habe (um das gleich vorweg zu sagen) und den ich hier kurz vorstellen möchte. Er heißt „Manyara“, benannt nach dem gleichnamigen See in Tansania und wie bei allen den Tabaken der Serie ist der Name auch hier eine Referenz an die Herkunft einiger dabei verwendeter Basistabake, nämlich Westafrika.

HU Tobacco ManyaraNach der wahnsinnig positiven Resonnanz auf die letzte Neuerscheinung, den Nyala, der ja eine Burley/Virginia/Perique basierte Mischung mit Zigarrenblattgut, in diesem Fall Havanna und Brasil, war, haben wir beschlossen, das Konzept „Zigarrentabak“ als Komponente eines trotzdem geschmacklich eindeutigen Pfeifentabaks zu wiederholen – nur eben ganz anders: Ist es beim Nyala ein karibischer Einschlag, welcher der süßen Burley Mischung das gewisse Etwas verleiht, so haben wir dieses Mal beim Manyara an die italienischen Toscani, also fermentiertes Kentucky-Blattgut, gedacht. Wieder sind es verschiedene Burleys, die den Geschmack mitbestimmen, allerdings abgemischt mit einem kräftigen Firecured Virginia, der dafür einen etwas kleineren Anteil hat. Dazu eben der Kentucky, wieder etwas Brasil und, auch hier dem Nyla nicht unähnlich, die nötige Menge Perique. Hinzu kommt noch eine geringe Menge cypriotischen Latakias, die sich geschmacklich aber ganz weit hinten anstellt und eigentlich eher die Funktion hat, die Würzigkeit ein klein wenig zu erhöhen und die breite Erdigkeit des Kentucky in Schach zu halten. Verbunden wird das alles mit einen kleinen, gerade ausreichenden Anteil Orient.

Ich weiß, bei der puren Erwähnung von Latakia klingeln bei vielen eingefleischten Virginia/Perique Liebhabern alle Alarmglocken, aber beim Manyara ist das gänzlich unnötig, denn geschmacklich ist die Mischung von einer „englischen“ Latakiamischung soweit weg wie eine Giraffe vom Nordpol. Trotz des kleinen Latakiaanteils haben wir es beim Manyara mit einer naturbelassenen, relativ süß-cremigen und trotzdem recht würzigen Mixture zu tun, die sich durchaus auch (und vielleicht sogar in erster Linie) an Pfeifenraucher wendet, die mit Latakia nichts am Hut haben. Der Latakia ist hier eher wie eine Piccoloflöte in einer großen Orchesterbesetzung.

HU Tobacco ManyaraDas Tabakbild präsentiert sich entsprechend vielfältig: farblich die gesamte Palette vom grünlichen Orient über die verschiedenen Brauntöne der Burleys, des Kentuckys und des Virginias bis zum Schwarz des Periques und des Latakias. Eine ähnliche Bandbreite haben wir auch bei den Schnittarten mit verschiedenen Ribbon Cuts, Ready Rubbed Flakes und bei einem der Burleys Cube Cut. Das Ganze sieht nicht nur wunderschön vielschichtig aus, es gewährleistet auch ein perfekten, gleichmäßigen wie langsamen Abbrand.

Der Manyara lässt sich vollkommen problemlos stopfen und entzünden, ist für jede Brennkammergröße gleichsam geeignet und läßt sich genauso problemlos bis zu Ende rauchen. Das klingt eigentlich auch nach einem wunderbaren Anfängertabak, aber ich würde ihn eher erfahreneren Pfeifenrauchern empfehlen, erstens weil der Tabak sehr komplex ist und zweitens weil der Manyara kein Leichtgewicht ist. Kentucky, Dark Fired Virginia und der Perique sorgen für einen anständigen Körper. Trotzdem ist der Manyara weit entfernt von einer „Bombe“, gerade auch von einer „monotonen Bombe“, wie sie uns bei Kentucky-basierten Tabaken oft begegnet. Wir wollten explizit einen geschmacklich vom Kentucky geprägten Tabak kreieren, dem aber diese monotone Monumentalität abgeht und der stattdessen raffiniert und komplex ist. Ich persönlich finde, dass das dem Hans Wiedemann sehr gut gelungen ist und die ersten Reaktionen bestätigen das aufs Trefflichste.

HU Tobacco ManyaraWenn man nun den Manyara raucht, entfalten sich geschmacklich genauso viele Nuancen, wie man sie im Tabakbild schon optisch wahrnehmen kann. Von Beginn an und kontinuierlich bis zum Ende einer Füllung. Dabei entwickelt sich der Tabak nicht von einer bestimmten Richtung in eine andere, sondern dieses geschmackliche Feuerwerk von malziger Süsse, Kuchen, Brot, Erde, Leder, Schokolade, Nuss, Trockenfrüchte, Holz und Röstaromen hält über die gesamte Rauchdauer an. Der Manyara lässt immer etwas davon aufblitzen. Das macht ihn in meinen Augen so attraktiv, obwohl ich ansonsten ein großer Fan von „Entwicklungstabaken“ bin. Langweilig ist der Manyara nie, dazu ist er viel zu komplex und vielschichtig.

Übrigens trinke ich sehr gerne einen Kaffee zum Manyara und abends auch manchmal noch einen Grappa dazu und träume mich mit einem Anflug von Toscanello in eine neapolitanische Bar vor dreißig Jahren als das Rauchen dort noch erlaubt war….




McClelland | Legends

Der Stoff aus dem Legenden sind? In unserem Fall sind das ganz profan Virginias, Orientals und eine anständige Portion Latakia! Soweit so gut. Klingt erstmal wenig spektakulär für eine klassische englische Mischung, die McClelland da vor einigen Jahren aufgelegt hat. Als ich den Tabak, den ich nicht kannte, vor ein paar Monaten bei einem Händler gesehen habe, musste eine Dose mitgenommen werden. Schon allein aus purer Neugierde und Vorfreude, denn der „Legends“, den McClelland in seiner „Collector Blend Series“ angesiedelt hat, lies durch die Gestaltung des Etiketts eine gewisse Verwandschaft zu einem von mir sehr geschätzten anderen McClelland Blend erkennen, dem „Wilderness“. Damit war nicht nur die Vorfreude groß – meine Erwartungshaltung war es ebenso! Und um es gleich vorweg zu sagen: Leider! Denn der Tabak konnte diese nicht wirklich voll erfüllen.

McClelland LegendsIch will damit keineswegs sagen, dass der „Legends“ ein schlechter Tabak sei. Nein, der „Legends ist sogar ein sehr guter Tabak, nur kennen wir alle den Spruch: „Das Bessere ist der Feind des Guten“ und der ist in diesem Fall nur sehr wahr. Aber der Reihe nach!

Wie der „Wilderness“ ist auch der „Legends“ mit einem in den Staaten sehr bekannten Pfeifenraucher und Autor verbunden: Fred Hanna. Er ist der Blender der beiden genannten Tabake. In erster Linie ist er aber Pfeifensammler und Autor des Buches „The Perfect Smoke. Gourmet Pipe Smoking for Relaxation and Reflection“.

Alles klar? Kleiner geht’s offensichtlich nicht auf der anderen Seite des großen Teichs? Schließlich muss sich die Publikation neben Herrn Newcombe und Herrn Hacker behaupten und die haben von zurückhaltendem Understatement auch noch nie was gehört. Als ich das Buch zum ersten Mal bei einem Freund in Händen hielt und angefangen habe, ein bisschen drin zu lesen, hat mich jener fast schroff unterbrochen und gesagt: „Nein, lesen brauchst du das nicht! Aber es sind ein paar tolle Fotos drin!“ In der Tat hatte ich noch nie soviele schöne Fotos von perfektem Straight Grain auf einem Haufen gesehen, aber ich konnte mich nicht des Eindrucks erwehren, dass hier eine Art Wettbewerb „Wer hat die dichteste?“ stattfindet. Dass sich die Formenvielfalt all der Pfeifen im Prinzip auf zwei archetypische Shapes beschränkt, nämlich Dublin basierte und Brandy basierte ist der Natur geschuldet, macht es trotz des vermeintlichen Versuchs, Superlativen zu zeigen, nicht wirklich spannender.

Aber es geht ja eigentlich um den Tabak nicht um eine Buchrezension, nur denkt man natürlich bei dem Titel des Blends „Legends“ unweigerlich an das publizistische Umfeld, was in die Irre führt, denn der Titel will gar nicht suggerieren, dass wir es hier mit was Legendärem zu tun haben, sondern er will thematisieren, dass dieser Blend eine Reminiszenz darstellen soll an die legendären englischen Blends der Vergangenheit, die im Lauf der Zeit vom Markt verschwunden sind und nur noch in Erinnerungen weiterleben oder auf dem horrend hochpreisigen Sammlermarkt unverschämt elitär in sehr beschränkter Disponibilität verfügbar sind. So oder so geht es also letztlich um eine nikotinhaltige „Suche nach der verlorenen Zeit“. Die Tragik ist nun, dass der „Legends“ meiner Meinung nach gerade in dem Moment an seinem Anspruch scheitert, in dem man „die Madelaine in den Tee tunkt“, also den Tabak entzündet und den ersten Zug nimmt: diese legendären Blends der Vergangenheit sind da einfach nicht! Auch nicht die Erinnerungen. Gleichwohl schmeckt’s gut.

McClelland LegendsDer „Legends“ besteht aus verschiedenen dunkleren Virginias („dark stoved“ und „red“ steht auf der Dose), einigen Orienttabaken, genannt werden Mahalla und Drama, und schließlich ein substantieller Anteil an cypriotischem Latakia. Das Tabakbild ist dunkel. Der „Legends“ sieht genau so aus, wie man sich eine substantielle englische Mischung erwartet. Der hohe Latakiaanteil gewährleistet neben seiner geschmacklichen Vormachtstellung auch die Tatsache, dass der Tabak zu jeder Zeit gut zu rauchen ist und den Raucher nicht zu sehr fordert – Stärke: Medium. Geschmack: Full. Und der ist erstmal rauchig! Richtig rauchig! Man sollte Latakia also schon lieben und gewohnt sein, wenn man den „Legends“ probieren mag. Ein Einsteigertabak in die Welt der Latakia-Mischungen ist der „Legends“ nicht wirklich. Obwohl er sich mit seinem mittleren Ribbon Cut vollkommen problemlos stopfen, anzünden und rauchen lässt. Ganz egal wie groß oder klein die Brennkammer der Pfeife ausfällt.

Entzündet man den Tabak, dann dominiert sofort sehr attraktiv der Latakia mit seinen ätherisch rauchigen Noten. Unwiderstehlich! Und man glaubt der Beschreibung, die von „Top-quality Cyprian Latakia“ spricht, sofort aufs Wort. Dieser Latakia bleibt aber nicht allein im Vordergrund stehen, sondern er wird fest getragen von einer Virginia-Basis, die mit ihrer malzigen Fülle für den nötigen Körper sorgt. Man hat den Eindruck, als ob die Virginias den Latakia regelrecht weich betten. Neben diesen vollmundigen Virginias liefern die Orienttabake zusätzliche Süße und funktionieren fast wie ein Schlüssel, der uns die Tür, die zur Harmonie des „Legends“ führt, aufsperrt. Mit Orienttabaken ist es immer so eine Sache, denn diese sind geschmacklich extrem feine, feingliedrig dezente Tabake, die aber gerade in Kombination mit anderen, geschmacklich dominanteren Tabaken, regelrechte Wunder bewirken können: sie binden hier alles ein und sorgen für eine perfekte Balance, was sich vor allem beim weiteren Abbrand des Tabaks bemerkbar macht. Man raucht keinen Latakia, der auf einer Virginabasis schwebt, sondern eine sehr runde, füllige, süße und trotzdem recht rauchige englische Mischung!

Aber warum scheitert der Tabak nun an seinem Anspruch, an die klassischen englischen Mischungen zu erinnern? Ganz einfach: weil er von McClelland ist und man dies dem Tabak schon beim ersten Riechen an der frisch geöffneten Dose anmerkt. Beim Geschmack sowieso. Das ist für den Tabak per se überhaupt kein Nachteil, ganz im Gegenteil! Aber es fehlt ihm vollkommen an jener einzigartigen Erdigkeit in der Basis, die so viele alte englische Klassiker ausgezeichnet hat und die ja gerade die stilistische Qualität ist, die verloren scheint. Der „Legends“ ist ohne Zweifel eine außerordentlich gut gemachte englische Mischung, die jede Empfehlung wert ist, aber, auch wenn diese Überlegung müßig ist, es wäre für mich interessant zu sehen, was rausgekommen wäre, wenn Hanna diesen Versuch einer Reminiszenz mit Tabaken von Cornell&Diehl gemacht hätte. Nicht dass die besser wären. Gar nicht. Aber ich würde denken, dass er sich mit deren Basistabaken leichter getan hätte, sein Ziel zu erreichen…? Wie gesagt: eine müßige Überlegung! Trotzdem ist der „Legends“ ein absoluter Spitzentabak, den man sehr gerne raucht. An die Raffinesse des „Wilderness“ reicht er allerdings nicht ansatzweise heran, dazu ist er zu geradlinig.

 




Lars Ivarsson 1944-2018

Lars IvarssonEr war der Sohn eines der größten Pfeifenmacher aller Zeiten, er war der Vater der größten Pfeifenmacherin und er war selbst einer der größten Pfeifenmacher unserer Zeit, in den Augen nicht weniger war er der beste Pfeifenmacher. Gestern ist Lars Ivarsson nach schwerer Krankheit gestorben.

Der Pfeifenwelt wird er immer präsent sein in seinen wundervollen Pfeifen und seinen Formen, die für viele andere Pfeifenmacher so stilbildend wirken, die bleiben werden, und die immer an ihn erinnern werden. Er hat uns wirklich sehr viel hinterlassen! Die Faszination der Perfektion, den großen Einfallsreichtum, dem er mit allergrößter Akribie zu einem ganz bescheidenen wie großartigen Understatement verholfen hat. Das Ergebnis war pure Schönheit. Wir müssen dankbar sein! Mit dieser Dankbarkeit im Rücken sind unsere Gedanken bei seiner trauernden Familie. Möge er in Frieden ruhen! Obwohl ich ihn nicht persönlich gekannt habe, tut es mir unendlich Leid.




Eine Pfeife von: CO-Pipes

Will man mit dem Pfeifenbauen beginnen, dann hat man in den Extremen zwei Wege zur Wahl um zu einem Ergebnis zu kommen: einen einfachen und einen schwierigen. Der schwierige, steil und steinig, man könnte auch sagen langwierig und mühsam, führt uns entlang an den Wegweisern der „großen Meister“, jene skrupulös beachtet, zu einer eigenen Sprache des Pfeifenbaus auf der Basis einer gemeinsamen Grammatik. Ein geschultes Auge und hohes handwerkliches Können sind Voraussetzung für diese Art des „traditionellen“ Pfeifendesigns. Diesem haben sich die zwei Macher von CO-Pipes seit ein paar Jahren verschrieben. Das Resultat? Formen, die das Zeug zu Klassikern haben, ohne dass es sich um kopierte Klassiker handelt. Ich verfolge den Weg der beiden Freunde nun schon seit ein paar Jahren und dieser Weg hat mir von ganz zu Beginn an schon sehr imponiert. Um so schöner finde ich, jetzt sehen zu können, dass dieser Weg von Erfolg gekrönt ist und die Pfeifen von CO-Pipes inzwischen auch die Beachtung finden, die ihnen gebührt. Nicht mehr nur auf den Tischen von Lohmar oder Speyer.

Wer steckt aber denn nun hinter CO-Pipes? Kelvin Pohler und Thorsten „Toto“ Klemme heißen die beiden, die sich entschlossen haben, aus ihrer gemeinsamen Passion für schöne hochwertige Pfeifen einen Nebenerwerbs-Job zu machen und mit ihren Pfeifenkreationen auch auf den Markt zu gehen. Das Besondere daran: ihre Pfeifen entstehen in Gemeinschaftsarbeit. Also nicht: der eine macht diese Pfeife und der andere jene, sondern beide machen eigentlich alles, abwechselnd und zusammen. Das ist bemerkenswert, schon allein deshalb, weil die Formensprache bei vielen ihrer Stücke sehr stringent ist und man hier nicht unbedingt zwei Macher vermuten würde. Ebensowenig bei Ausführungsdetails wie Bisssteegen, Rauchkanalfächer etc. Das sieht alles aus, als wäre es aus einem Guss. Und das finde ich wirklich sehr bemerkenswert. Ich hatte nochmals nachgefragt, weil ich’s kaum glauben konnte. Pfeife CO-Pipes

Ihre Werkstatt befindet sich in Hamm in Westfalen, die Marke CO-Pipes gibt es seit gut zwei Jahren, allerdings haben beide zuvor schon ihre Erfahrungen im Pfeifenbau gemacht. Ich würde aber doch denken, dass es just diese letzten zwei Jahre Zusammenarbeit waren, die einen unglaublichen Qualitätssprung zur Folge hatten und zumindest für mich ihren Tisch in Lohmar zu einem der interessantesten der Show gemacht haben.

Dass die formalen Vorbilder für die Pfeifen von CO-Pipes, für ihren Stil insgesamt, in Dänemark zu suchen sind, das erschließt sich auf den ersten Blick und das Pfeifenbauen mit diesen Vorbildern auf einem solchen Niveau umzusetzen, zeugt von ebenso großem Können wie von großen Ambitionen. Wie schon zu Anfangs gesagt, viele machen es sich hier viel einfacher, indem sie sich mit rudimentären Annäherungen an die Formen der meist dänischen Klassiker zufrieden geben ohne die Qualität, die in den Details steckt, zu erkennen. Bei Kelvin und Toto ist das anders, denn ihre Pfeifen erfüllen die formalen Ansprüche auch im Detail und können so einerseits den Vergleich bestehen und andererseits formale Alternativen und Kommentare auf Augenhöhe bieten.

Die Pfeife, die ich mir gekauft habe, schreit auf den ersten Blick ganz laut „Tom Eltang“, was vor allem an der Kopfform in Verbindung mit dem dunklen kastanienbraunen Kontrastfinish liegt. Wie eine leicht gestauchte Version des Eltang’schen Devil Anse Shapes zeigt sich der ausgestellte Kopf – um aber in der Gestaltung des Holmes in Kombination mit dem Mundstück sogleich eine Richtung einzuschlagen, die uns in die Formgebung eines anderen großen dänisch-deutschen Pfeifenmachers führt, der mit Eltang so gar nichts gemein hat: Ingo Garbe. Für ihn sind der leicht geschwungene längere Quarterbent-Holm in Kombination mit einem kürzeren Mundstück typisch, das in der unteren Silhouette den gekurvten Schwung durchzieht, in der oberen Linie aber durch einen Mundstücksattel unterbrochen ist. Dieser obere Sattel ist ganz Garbe-typisch klar und scharf, nicht durch eine eingeschliffene Kurve aufgeweicht – er trennt und unterbricht. Diese Unterbrechung wird noch verstärkt, indem das Mundstück stilistisch recht eigenständig nach dem Sattel auch seitlich leicht nach innen eingezogen ist. Pfeife CO-PipesDer Übergang vom Kopf zum Holm ist mit seinem weit angesetzten Schwung ebenfalls weit entfernt von beiden Vorbildern. Und letzlich sind es die beiden seitlichen Kanten, die nicht nur den Schwung des Holmes verstärken sondern auch folgerichtig genau zum Sattel führen. Wieder recht eigenständig.

Es ist just dieses Wechselspiel zwischen Vorbildern und dem Modifizieren der mehr oder minder großen Details, die hier zu einer CO-Pipes eigenen Identität führen und uns dabei die Klaviatur dieser Vorbilder sehr schön vor Augen führen. Gerade weil deren Formen unkonventionell miteinander kombiniert werden und die Details sie auch schon wieder hinter sich lassen. So bleibt ein geradezu klassischer Gesamteindruck zurück, ohne dass sich die Form plump an einen Klassiker dranhängen würde. Für Liebhaber des skandinavischen Pfeifenstils sind die Pfeifen von CO-Pipes spannende Neuheiten, die es gar nicht nötig haben, sich als solche zu outen: gestalterisches Understatement pur mit einer gehörigen Portion handwerklicher Qualität, ohne die das alles gar nicht zu realisieren wäre. Und dass sie auch die eine oder andere kleinere Pfeife im Programm haben, die noch mit einer Extraportion Eleganz punkten kann, hat mich besonders gefreut – wie man hier unschwer sehen kann. Ich habe die Pfeife sehr liebgewonnen und mich deshalb entschlossen, sie hier vorzustellen und selbstverständlich die Marke CO-Pipes allen Interessierten zu empfehlen!  Weitere Infos findet man auf der Homepage von CO-Pipes und die aktuellsten Fotos auf ihrer Facebook Präsenz!




Über sandgestrahlte Pfeifen | Ein paar Gedanken

Glatt, sandgestrahlt, rustiziert – von der Spitzenqualität bis zur mühsamen Resteverwertung, so haben wir’s alle früher gelesen und gelernt, so wird’s uns heute noch in den allermeisten Fachgeschäften vermittelt. Eine Grundregel scheinbar. Preislich fest zementiert im Gefüge wenig individueller Massenproduktion. So, als ob ein Stück Holz, das irgendwelchen Kriterien nicht entsprechen kann, einfach nach unten durchgereicht wird in der Produktionshierarchie um dann als vermeintliches Aschenputtel in einem Lottoannahmentabakwarenhändlerswühlkorb neben lauter anderen rustizierten No-Name-Aschenputtels auf einen schnäppchenjagenden Traumprinzen zu warten. So ist es natürlich nicht. Nicht mehr. Immer weniger, seit die Hersteller von Tabakspfeifen in kleineren Manufakturen oder als individuell arbeitende Pfeifenmacher Alternativen zur Massenproduktion bieten, die das Erscheinungsbild der Pfeife bis in die 70er und 80er Jahre dominiert hat. Aus dieser Zeit stammt unsere „Grundregel“. Die Entwicklung der letzten ein bis  zwei Jahrzehnte relativiert sie, ja widerlegt sie sogar teilweise. Aber der Reihe nach.

Was ist eigentlich Sandstrahlen? Man bestrahlt einen fertig geformten Pfeifenkopf mit einem geeigneten Strahlgut und schafft so ein Relief, indem die weicheren Teile des Holzes weggestrahlt werden und die härteren stehenbleiben. Je nach Beschaffenheit des Holzes, des Strahlgutes, des Strahldrucks und der Größe der Düse entstehen verschiedenartige Reliefoberflächen. Das Ergebnis ist eine Folge der Kombination der genannten Parameter, wobei der Faktor Natur immer der letztendlich entscheidende bleibt. Die Fotos der gestrahlten Köpfe zeigen das deutlich, denn alle Köpfe sind mit demselben Korundsand, demselben Druck und derselben Düse gestrahlt worden. Trotzdem gibt es Köpfe, deren Refief sehr fein und detailliert ist, andere dagegen sind deutlich tiefer, dafür manchmal nicht ganz so detailliert, manchmal schon. Die Technik des Strahlens ist immer dieselbe gewesen. Und auch, wenn es ein paar Tricks gibt, hier auszugleichen, wird man der Natur letztlich ihren Charakter lassen. Im Idealfall in einem Rahmen, den ein bestimmter Strahlstil definiert. Dieser Strahlstil konveniert mit dem formalen Stil des Pfeifenmachers oder Herstellers. Soll heißen, Pfeifenformen mit vielen feinen Details wird man versuchen möglichst wenig tief zu strahlen um zu vermeiden, dass ein tiefes Relief die feine Form relativiert.

Wann wird ein Pfeifenkopf gestrahlt? Auf diese Frage gibt es einige sehr verschiedene und ebenso richtige Antworten. Eine feste Regel gibt es nicht. Zunächst sind das Holz, der Fertigungsprozess und die Form entscheidend. Das Holz, weil es eine gewisse Maserungsqualität haben sollte, die eine einigermaßen schöne Reliefzeichnung ergeben kann und gleichzeitig aber meist kleinere optische Makel wie Sandpits oder winzige Risse aufweist, die einer glatten Ausführung entgegenstehen. Kleinere Sandpits lassen sich ganz gut in dunklem glatten Kontrastfinish verstecken, kleinere Risse nicht. Größere Defekte werden gekittet. Was davon gestrahlt werden soll, muß der Hersteller entscheiden. Ein Pfeifenmacher, der in einem höheren Preissegment vermarktet, wird keine gekitteten Pfeifen verkaufen, ein Serienhersteller kann das problemlos machen. Ein Pfeifenmacher kauft bestes Holz, ein Serienhersteller kauft bestes Holz für seine Spitzenstücke und normales etwa für die sandgestrahlten Pfeifen. Beim Pfeifenmacher ist die Entscheidung, eine Pfeife zu strahlen, meist eine während des Fertigungsprozesses getroffene Entscheidung, beim Serienhersteller normalerweise eine bereits vor dem Fertigungsprozess getroffene. Damit keine Missverständnisse entstehen: es geht immer um Plateauholz! Für’s Rauchen macht das alles keinerlei Unterschied. Will man eine kanonisch strenge klassische Form machen, wird man sich schneller für eine Strahlung entscheiden als bei einer sehr freien, wo man immer mal noch versuchen kann, den Einschluß auszuschleifen. Vor allem, wenn man die Bohrungen nicht am Anfang gesetzt hat, sondern erst am Schluss des Formens bohrt. Ein Serienhersteller, der die Köpfe über Kopierfräsen macht oder so gemachte zukauft, wird diese Entscheidung sofort am Anfang des Fertigungprozesses treffen.

RinggrainWill ich nun einen Kopf strahlen und vorher wissen, ob das Ergebnis attraktiv sein könnte, dann muß ich mir die Maserung anschauen und zwar nicht in erster Linie die sich klar abzeichnenden Kontraste im Grain, also das, was man gemeinhin unter Maserungsqualität versteht, sondern die Jahresringe des Holzes, denn diese sind letztlich im Relief sichtbar. Die Jahresringe stehen in einem 90° Winkel zum Kontrastgrain. Das heißt, wo man etwa absolut strenges vertikales Straight Grain hat, wird man horizontales Ringgrain nach dem Strahlen erhalten. Ken Dederichs SandblastEine Faustregel lautet immer, dass gut gemasertes Holz auch eine gut gemaserte Pfeife ergibt, nicht nur glatt, sondern eben auch gestrahlt. Manchmal überspielen die Jahresringe sogar Zeichnungsverläufe, die flächiger werden, wie etwa das Flame Grain. Was bei einer glatten Oberfläche als optischer Nachteil gelten würde, kann nach dem Strahlen verschwunden sein, weil die Ringe gleichmäßig oder zumindest fast gleichmäßig weiterlaufen. In solchen Fällen würde man sich vielleicht auch ohne Sandpits oder Einschlüsse für eine sandgestrahlte Oberfläche entscheiden. Vor allem, weil gestrahltes fehlerfreies Holz fast immer eine Oberfläche schafft, die so gleichmäßig ist, dass man sie bei wenig tiefem Relief hell beizen kann.

Dunhill Shell LB 1923Erfunden hat das Sandstrahlen bekanntlich Alfred Dunhill in den Zehnerjahren des letzten Jahrhunderts. Inklusive „Begründungslegende“ wie dem verspäteten Boten für die Geburt der Spätlese im Rheingau und diverse Patente, die als Nummern auf die Pfeifen gestempelt wurden und heute Sammlerherzen höher schlagen lassen! Und das geheimnisumrankte Oil-Curing, das allein seligmachende  und ebenso unvergleichliche Latakia-Pfeifen gewährleisten konnte! Legenden! Was will man mehr? Der unverwechselbare Stil dieser Strahlung, also sehr tiefes Relief bei wenig detaillierter Holzzeichnung, war viele Jahre lang stilbildend. Hier im Foto eine Dunhill Shell Briar, Shape „LB“ (Large Billiard) von 1923. Schnell wird das Problem dieser tiefen Strahlung deutlich: die Shapequalität leidet unter dem tiefen Relief. Nicht selten wurde in den 20er Jahren deshalb die Shapenummer nicht mehr gestempelt, weil das eigentliche Shape nicht  mehr präzise getroffen war. Es brauchte offenbar etwas Zeit, die Technik vollkommen und zuverlässig zu beherrschen? Der Attraktivität tat das keinen Abbruch, denn die Reliefs waren einzigartig, solche Pfeifen üben bis heute eine große Faszination aus. Anfang der 50er Jahre folgte der nächste Streich: das Tanshell Finish, die erste Sandstrahlung, die hell gebeizt wurde. Hier ein Set von zwei Dunhill „LBs“ von 1953, eine Shell Briar, die andere Tanshell.Dunhill Set LB 1954

Foundation SandDiesen alten Dunhill-Stil findet man heutzutage sehr selten und wenn, dann eher zufällig, wie etwa bei dieser Canadian aus einer Werkstatt in Rom. Das rötlich braune Finish mit seiner leichten „Höhung“ des Reliefs mit Hilfe der Polierscheibe trifft das recht gut. Bei dieser Pfeife funktioniert das sehr gut, denn das Shape ist gut definiert und wird trotz der tiefen Strahlung nicht verrissen. Die Pfeife ist klein und grazil und geht mit der Kraft dieser tiefen Strahlung eine ganz gute und interessante Symbiose ein, die das Erscheinungsbild kraftvoll bereichert. Aber wie gesagt, solche Strahlungen sind eher „Zufallstreffer“, die hin und wieder vorkommen, aber nicht zu 100% reproduzierbar wären. Der aktuelle Dunhill-Stil ist von seiner gloriosen Vergangenheit aber sehr sehr weit entfernt. Leider. Nicht, dass mir diese aktuellen Pfeifen nicht gefallen würden, aber es fehlt ihnen das Einzigartige, das, was Dunhill mit seiner ursprünglichen Strahlung so verdammt gut gemacht hat… Und das so viele alte englische Pfeifenhersteller nie nachmachen konnten!

Heute prägen eher Pfeifenmacher stilistisch die Welt der Sandstrahlungen: die einen, weil sie neue Techniken erfunden haben wie der Amerikaner J.T.Cooke, der die Mikrostrahlung begründet hat, die anderen, wie etwa Paolo Becker, der mit dem Erdbeerbaumholz, einem dem Bruyere zum Verwechseln ähnlichen Holz, einen neuen Werkstoff gefunden hat, der spektakuläre Sandstrahlungen ermöglicht. Beides ist allerdings für die Serienproduktion uninteressant, ersteres, weil der Zeitaufwand viel zu hoch wäre, zweiteres, weil das Material nicht in entsprechender Quantität verfügbar ist.

Cooke MicrostrahlungDie Pfeifen von J.T.Cooke haben einen unglaublich hohen Wiedererkennungswert, weil seine Mikrostrahlung trotz inzwischen verschiedener Kopien ziemlich einzigartig ist. Das Prinzip ist dabei allerdings ein eher künstliches, das die Natur zwar nicht übertüncht, aber in gewisser Weise übertölpelt: gestrahlt wir hier mit einer sehr kleinen Pistole und einer winzigen Düse, vergleichbar mit der Airbrush-Technik. So wird die Oberfläche mit einem sehr kleinen punktuellen Strahl in mühsamer Handarbeit „strahlend“ rustiziert. Man folgt der Maserung des Holzes, aber man nivelliert so die natürlichen Unterschiede in der Härte des Holzes. Das Relief ist immer gleichmäßig tief, weil dieses Relief punktuell hergestellt wird und somit die Hand alle Unregelmäßigkeiten der Natur beseitig. Das Ergebnis ist absolut faszinierend. Nur wenn man zehn Stück nebeneinander sieht, verliert diese Technik doch sehr an Reiz, weil die Pfeifen viel zu uniform und regelrecht künstlich wirken. Streng genommen handelt es sich um eine Rustizierung mit einer winzigen Strahleinheit, die der Natur Nachhilfe erteilt…

Etwas anders sieht es beim Erdbeerbaumholz aus: dieses ist ganz eng mit dem Bruyère verwandt und lässt sich nur sehr schwer von diesem unterscheiden. Es ist ein Holz, das eine relativ dezente Kontrast-Maserung aufweist und anfälliger als Bruyère für Einschlüsse und Sandpits ist. Dabei eignet es sich hervorragend zum Strahlen, wenn man akzeptiert, dass die Maserungsverläufe der Jahresringe hin und wieder seltsam verwirbeln. Hier ist es deutlich ungleichmäßiger als Bruyère und hat fast etwas „Wildes“ an sich. Man muß aber schon wissen, wie man strahlt, will man aus diesem Holz das Einzigartige herausholen. Für flache Strahlungen ist es weniger geeignet als für tiefe, nur liefert es gleichzeitig und regelmäßig auch sehr detailreiche Oberflächen, was in einer solchen Kombination bei Bruyère nicht so selbstverständlich ist.Becker Ballerina Corbezzolo Hier im Bild eine Ballerina aus Corbezzolo/Erdbeerbaumholz von Paolo Becker im Detail. An diesen manchmal recht ausgeprägten tiefen Wirbeln und Wellen sieht man die Natur und stellt sie heraus. Ich finde sowas sehr reizvoll, aber es gibt viele, die gerade solche ungleichmäßigen Unabwägbarkeiten meiden. Geschmacklich ist dieses Holz wie auch in seiner Hitzeresistenz nicht im Geringsten von Bruyère zu unterscheiden. Dieses Holz zu verbauen lohnt nur, wenn man richtig gut strahlen kann, dann zeigt es seine Stärken, ansonsten ist „richtiges“ Bruyère vorzuziehen.

S.Bang SandDie nächste Frage, die sich stellt, nachdem der Kopf nun gestrahlt ist, das ist die nach den Finishes: So, wie es bei glatten Pfeifen verschiedenste Möglichkeiten von Färbungen und Versiegelungen gibt, so ist das auch bei Reliefoberflächen der Fall. Vor allem die Frage der Versiegelung ist hier von großer Bedeutung. Während bei glatten Oberflächen überschüssige Farbe schnell und problemlos wegpoliert ist, so gestaltet sich das in all den kleinen und kleinsten Rillen und Birdseye-Löchlein gar nicht so einfach, sodass die Farbe gebunden bzw. fixiert werden muss, wenn man vermeiden will, dass der Raucher dunkle Hände bekommt. Dazu gibt es verschiedenste Lacke, die sehr unterschiedliche Wirkungen haben, je nach Typ und Verdünnung. Von matt über seidenmatten Glanz bis zu Hochglanz reicht das Spektrum, die stilistischen Konzepte sind sehr unterschiedlich. Die einen bevorzugen nur sehr dezent glänzende Oberflächen, andere, wie etwa Bang, extremen Hochglanz, der auch nach Jahren des Gebrauchs immer noch wie am ersten Tag „steht“. Siehe Foto rechts. Highlight SandblastDie einen mögen scharfe präzise Ecken und Kanten, die anderen mit der Polierscheibe „gehöhte“ Spitzen und Grate, die quasi abgerundet werden und einen farblichen Kontrast hinterlassen. Ähnliche Effekte lassen sich auch durch sehr dünnen, schnellen und quasi lasierenden, leicht transparenten Farbauftrag erreichen. In diesem Fall bleibt das präzise Relief erhalten. Andere wiederum wollen den Kontrast des Holzes zeigen und strahlen zwischen verschiedenen Färbeschritten das Holz mehrmals nur sehr dezent. Das Ergebnis eines solchen Prozesses, der aber viel Erfahrung beim Strahlen erfordert, sind mehrfarbige Reliefflächen. Möglichkeiten gibt es gar viele, viele sind interessant, manche unterstützen die Wirkung der Pfeife, manche sind Effekthascherei. Letztlich muß da jeder für sich entscheiden, wo die Grenzen zu ziehen sind. Mir persönlich sind klassische Sandstrahlungen mit einem „natürlichen“ Relief am liebsten und zwar am besten noch, wenn sie präzise sind und farblich eher monochron gehalten sind. Denn, wenn die Oberfläche durch ein ausgeprägtes Relief ohnehin schon unruhig wirkt, würden große farbliche Kontraste diese Unruhe noch verstärken. Bei sehr klaren Shapes geht das vielleicht noch gut, bei feinen komplizierten mit leichten Graten und Kanten etc. ist das in meinen Augen kontraproduktiv.

Was nun wiederum allen Pfeifen mit einem Relief als Oberfläche gemeinsam ist, das ist die Frage nach der optimalen Pflege. Das Relief ist der natürliche Feind der Polierscheibe mit ihren verschieden abrasiven Polierpasten – was bei glatten Pfeifen Wunder wirken kann, gerät beim Relief schnell mal zu einem veritablen Desaster, wenn man etwa gezwungen ist, weiche Polierpasten aus den Rillen und Löchlein zu pfriemeln, nur weil man zu spät mit dem Denken angefangen hat… BürstenAuf Polierpasten kann man hier generell verzichten, reines Carnaubawachs ist das Mittel der Wahl und wenn man mehr will als nur einen schnellen oberflächlichen Glanz, dann trägt man es nicht wie bei glatten Pfeifen mit einer weichen Plüschmulle auf, sondern nimmt eine Rundbürste mit Wildschweinborsten. Die Borsten erreichen problemlos die Rillen und Vertiefungen des Reliefs, können so am Ende des Herstellungsprozesses etwa überschüssige Farbe wegnehmen, das Wachs bindet Farbe und genauso reinigt es die Rillen, befreit sie beim Aufarbeiten von Staub und Rußresten und liefert so einen gleichmäßigen schönen Glanz. Die Prozedur ist allerdings im Vergleich zur Behandlung glatter Pfeifen mit der Polierscheibe deutlich komplizierter und zeitaufwändiger, weil man das Relief von allen Seiten reinigen und Wachs aufbringen muß, das heißt die komplette Pfeife wird im Prinzip mehrere Male hintereinander gebürstet nur immer aus anderen Winkeln. Braucht ein bisschen Erfahrung, funktioniert aber perfekt! Handbürsten sind ein Ersatz, aber beileibe kein gleichwertiger oder befriedigender.

So, das waren jetzt einfach mal ein paar Gedanken zum Sandstrahlen, ohne dass das Thema annähernd erschöpfend behandelt worden wäre. Vielleicht folgt noch irgendwann einmal ein Teil 2 mit anderen Hölzern und verschiedenen Strahlstilen etc…. Für heute wünsche ich allen Lesern ein gutes neues Jahr 2017, ohne Angst, voll Zuversicht und guten Mutes – möge das Pfeiferauchen ein imaginärer Rückzugsort bleiben, bei dem man Nachdenken, zur Ruhe kommen und die Kraft schöpfen kann, die es braucht, um den vermutlich großen Herausforderungen und Unabwägbarkeiten des neuen Jahres gut gewappnet zu begegnen!

Ihnen/Euch Alles Gute!




Gawith & Hoggarth | Ennerdale Flake

Ennerdale Water, Ennerdale Lake, Ennerdale Bridge – der Name Ennerdale allein führt uns in den Lake District, ins Lakeland im Nordwesten Englands. Seen, Berge, Fichtenwälder – und zwei Tabakmanufakturen, die sich jüngst wieder unter einem Dach eingefunden haben. Unter dem Dach von Gawith Hoggarth & Co Ltd., einem Tabakproduzenten, der immerhin schon seit dem 19. Jahrhundert Tabak verarbeitet. Während die Produkte der älteren der beiden Marken, S.Gawith, in Deutschland erhältlich sind, muß man die Tabake von Gawith Hoggarth mühsam im Ausland organisieren. Schade eigentlich, denn im Portfolio von Gawith Hoggarth befinden sich so einige Preziosen, die einen näheren Blick – und einen Import durchaus wert wären.

Dose EnnerdaleEine dieser Preziosen ist der Tabak, um den es hier geht: der Ennerdale Flake. Ich glaube, es gibt wenige Tabake, über die ähnlich viel geschrieben wurde wie über den Ennerdale, den es übrigens nicht nur als Flake sondern auch als Mixture gibt. Selbst eine Plug-Version soll existieren… Dieser Ennerdale Flake ist sowas wie der Inbegriff des englischen Hocharomaten und als solcher legendär: legendär geliebt wie legendär verabscheut. Ein Tabak, der niemanden kalt lässt und der so extrem ausfällt, dass er wie nur ganz wenige Tabake extrem polarisiert. Man hasst ihn oder man liebt ihn – was dazwischen gibt es nicht. Ich liebe ihn. Aber das war keine Liebe auf den ersten Blick, ganz und gar nicht, sondern ein mühsames, langsam skeptisch beäugendes Anfreunden über Umwege, das letztlich in einer langjährigen und andauernden Affäre endete. So ein bis zweimal die Woche werde ich meinen Latakia-lastigen Alltags-Engländern und den Virginia/Periques untreu und genehmige mir eine Füllung Ennerdale Flake. Mit Hingabe und Begeisterung. Mehr wäre mir allerdings zuviel. Zuviel der Exotik, die dann keine mehr wäre.

Meine erste Begegnung mit dem Ennerdale Flake hatte ich vor gut 15 Jahren, als mir Cornelius Mänz ein Päckchen mit Tabakproben nach Rom geschickt hatte. Darin waren nahezu die gesamten englischen Aromaten von S.Gawith und Gawith Hoggarth in kleinen Plastiktütchen – das Aroma, das mir beim Öffnen aus dem Päckchen entgegenschlug habe ich noch heute in der Nase. Überwältigend. Unvorstellbar. Wie ein Pennäler in einem orientalischen Bordell fühlte ich mich damals. Und auch wenn ich schnell gemerkt habe, dass mir die meisten Flakes damals zu dicke Hintern hatten oder zu stark parfümiert waren, so habe ich mir doch diesen ersten wunderbaren Eindruck bewahren können. Und das, obwohl meine erste Begegnung mit dem Ennerdale Flake schnell beendet war: nach knapp einer Minute hatte ich fast panisch die Pfeife geräumt und die Flucht ergriffen. Sowas soll man rauchen können? Um Himmels Willen! Ich nicht. Fall erledigt! Pennäler halt…

Dose Ennerdale Packung EnnerdaleUnd jetzt kommen wir zu den Umwegen: Ich hatte mir einige Monate später eine Balleby-Bamboo Estate gekauft, die, wie sich kurze Zeit später herausstellte, aus der Sammlung eines lieben Pfeifenfreundes und Sammlers aus Ulm stammte, der damals fast nur Ennerdale rauchte. Der Verkäufer der Pfeife hatte entweder versäumt, die Pfeife komplett zu neutralisieren oder aber, was wesentlich wahrscheinlicher war, es war ihm schlichtweg nicht gelungen. Hier kommen wir zu einem entscheidenden Punkt: Ennerdale fordert eigene Pfeifen. Er „markiert“ geradezu die Pfeifen aus denen er geraucht wurde. Wenn mehrmals, dann unwiederbringlich. Die Folge ist ein deutliches Crossover mit allen anderen Tabaken, die daraus später geraucht werden. So war das auch bei meiner Balleby-Bamboo. Das Komische daran war nur, dass mir meine Latakias mit dem Ennerdale-Hintergrund recht interessant vorkamen. Ob sich da nun die orientalische Schönheit in ein schlichtes Schwarzes kleidete oder die schöne Alltagsbegleiterin ein orientalisches Parfüm auflegte, war einerlei: das Ergebnis war attraktiv und interessant. Und als mir der Ulmer Sammler, dem ich davon erzählt hatte, anläßlich seines Besuchs in Rom, einen Ziegel selbstgepressten Krumblekakes aus Latakia und Ennerdale mitbrachte, war ich glücklich. Von dem Tabak habe ich noch heute, er wird so einmal im Quartal geraucht. Mit allergrößtem Vergnügen. Nicht zuletzt war es dieser Tabak, der mir den Weg zum Ennerdale eröffnet hat. Das ist nun über zehn Jahre her und seitdem rauche ich Ennerdale als Seitensprung…

Was aber hat es denn nun mit dem Ennerdale auf sich? Wir neigen dazu, Tabake in ihren stilistischen Ausformungen gerne in Schubladen zu stecken, sie zu kategorisieren. Die Schublade, in die der Ennerdale gehört, nennt sich „englisch-seifig“. Ganz profan und deutsch nüchtern. Nur wirklich treffend ist das nicht, denn wenn man den Ennerdale raucht und versucht, ihn mit allen seinen Schattierungen wahrzunehmen, dann ist es eher ein gestandenes Parfüm, das man da so rauchend schwelgend vor sich hat. Der Ennerdale ist erstmal ein Virginia-Flake mit einem kleinen Burley-Anteil. Die Komplexität wird für den Tabak dadurch erreicht, dass hier verschiedene süße, mittelkräftige und volle Virginiasorten miteinander kombiniert worden sind. Diese liefern eine ausreichend charaktervolle Basis für das „Parfüm“, ein Aromenfeuerwerk, das seinesgleichen sucht. Der Ennerdale ist ein Hocharomat. Seine Aromatisierung ist heftig, keine Frage. Aber gerade in der Kombination von herausragender Tabakbasis und komplexester Aromatisierung ist er schlicht das archetypische Gegenmodell zu manchen hiesigen „erlesenen“ „Black-Cavendish-Rauchpappen“ und ihrer eindimensionalen Brachial-Aromatisierungen, die den Filter zu einem sensorischen Rettungsring machen, ohne den man unweigerlich untergehen müsste. Ausnahmen gibt es, auch unter den hiesigen Hocharomaten, aber sie sind eher dünn gesät. Selbst aromatisierte Tabake deutscher Provenienz, die diesen englischen Tabakstil adaptiert haben, vornehmlich aus Lauenburg, gibt es. Und gar nicht mal schlechte, aber die Komplexität etwa des Ennerdale Flakes erreicht meiner Meinung nach keiner.

Ennerdale FlakeDer Ennerdale Flake ist ein Tabak zum Rauchen ohne Filter. Dafür ist er gemacht worden. In einem Land, in dem man immer schon ohne Filter geraucht hat, und vermutlich in einer Zeit, in der es den klassischen 9mm Filter nicht gab. Auch das unterscheidet ihn von den meisten hiesigen Aromaten und das ist sicherlich kein Nachteil. Dieser Tabak ist kreiert worden um raffiniert zu sein trotz seines eindrucksvollen Aromenvolumens. Die Aromen, die beim Ennerdale zum Einsatz kommen, sind sehr vielschichtig, was es letztlich auch so schwierig macht, ihn zu beschreiben, denn er ist kein geradliniger Aromat mit ein oder zwei primären Aromatisierungen, sondern eher eine Komposition verschiedener Aromen aus diversen Ecken des Aromenspektrums. Und diese wiederum funktionieren in Kombination mit der eindrucksvollen Tabakgrundlage, die sich nicht in dem Hintergrund drängen lässt, sondern immer präsent bleibt: man hat nie das Gefühl, Aromatisierung mit einem Geschmacksträger zu rauchen sondern man raucht einen erstklassigen Tabak mit ebenso erstklassiger Aromatisierung! Tabak und Aromatisierung treffen sich hier auf Augenhöhe.

Ennerdale FlakeDas Tabakbild entspricht einem mittelstarken Virginia-Flake mit seinen hell-, mittel- und dunkelbraunen Farbschattierungen, wobei das dunkelbraune Blattgut deutlich in der Überzahl ist, was uns schon optisch zeigt, dass der Ennerale kein leichter Pfiffikus ist. In der Stärke würde ich ihn zwischem den hier erhältlichen Best Brown Flake und Full Virginia Flake (beide aus dem Hause S.Gawith) einordnen. Vielleicht näher am Full Virginia Flake als an ersterem? Im Gegensatz zu den Flakes von S.Gawith ist der Ennerdale aber immer vollkommen gleichmäßig in etwa zwei Millimeter dicke Flake-Scheiben geschnitten, was das Stopfen der Pfeife natürlich sehr erleichtert – man muß sich keine weiteren Gedanken über das Aufbereiten machen und auch der Abbrand ist völlig unkompliziert. Zumal die Feuchtigkeit, mit der der Ennerdale Flake ausgeliefert wird, unabhängig davon, ob er in der rechteckigen 50g-Dose oder in der 500g Triebtäterpackung konfektioniert ist, schlicht und ergreifend als optimal bezeichnet werden kann. Also einfach Stopfen und anzünden, ein Abtrocknen-Lassen braucht es nicht.

Öffnet man nun die Verpackung strömt einem schier eine Wundertüte an Aromen entgegen: erstmal etwas Vanille mit deutlichem Mandel-Marzipan, das wiederum mit einer Überdosis persischen Rosenwassers verfeinert wurde. Hinzu gesellen sich florale Töne, Duftgeranien mit ihren leisen Zitrusnoten nach Zitronen und Orangen und schließlich ein Hauch Gewürze, wie Zimt, Koriander und leicht pfeffriger Piment. Mit diesen Gewürzen ist das Quittenkompott eingekocht, das für einen Akkord Fruchtigkeit sorgt. Diese Duftnoten, die gleichzeitig auch Geschmacksnoten sind, verbinden sich nun mit der leicht malzigen und ebenfalls süßlichen Brotkruste der verschiedenen Virginias. Der kleine Anteil Malawi-Burley mit seinen schokoladig-nussigen Tönen geht allerdings vollkommen unter. Vielleicht unterstützt er etwas die Komplexität der Tabaksbasis, aber in erster Linie dürfte er hier seine Rolle als „Trägertabak“ spielen, für die er, neben Black Cavendish, berühmt wie berüchtigt ist. Letztlich ist der Eindruck, den der Ennerdale Flake vermittelt, ein bisschen, als ob sich ein raffiniertes, süßes arabisch/persisches Gebäck in ein rauchbares Parfüm überträgt und just dieses „Floral-Parfümige“ ist es, was mit „englisch-seifig“ beschrieben wird. Die Assoziation „Old Spice“, die man beim Ennerdale Flake oft lesen kann, trifft den Stil meiner Meinung nach nicht wirklich, obwohl die Richtung vollkommen zutreffend ist…

Was nun erstaunlich ist, das ist die Tatsache, dass der Ennerdale Flake all die Aromen, die er im Geruch ausbreitet, auch beim Rauchen des Tabaks in Geschmack umsetzen kann. Ich kenne keinen anderen Tabak, der sein Geruchsbild 1:1 in ein Geschmacksbild übersetzen kann. Der Ennerdale Flake schmeckt so, wie er riecht. Im Geschmack ist die Virginia-Basis immer präsent, nie wird sie von der Aromatisierung verdrängt, die ihren Geschmack auch wiederum bis zum Ende der Pfeifenfüllung konstant beibehalten kann. Der Tabak ist beim Rauchen sehr kontinuierlich im Geschmack, er verändert sich geschmacklich kaum. Lediglich ein wenig kräftiger wird der Ennerdale Flake zum Ende hin. In dieser Hinsicht verhält er sich so, wie sich ein klassischer Virginia Flake eben meistens verhält.

Zum Schluss nur eines noch und damit wären wir wieder am Anfang: So eine extreme Wundertüte muss man rauchen mögen. Viele mögen das nicht. Der Tabak ist extrem und polarisiert. Nichtsdestotrotz ist der Ennerdale der meistverkaufte Tabak von Gawith Hoggarth und einer der berühmtesten Aromaten der Pfeifenwelt. Zurecht wie ich denke. Kurios ist, dass ich etliche Raucher kenne, die eigentlich wie ich auch vorwiegend „englisch“ mit Latakia rauchen, nur beim Ennerdale hin und wieder eine Ausnahme machen… Erhältlich ist er innerhalb der EU in UK und seit kurzem auch in Italien, dort allerdings exorbitant teuer, ansonsten in der Schweiz und in den USA.




HU Tobacco | Foundation by Musicò NYALA

(AD) Eineinhalb Jahre ist es nun her, dass die „Foundation by Musicò“-Reihe von HU Tobacco zum letzten Mal Zuwachs bekommen haben. Darum dachten wir, es ist mal wieder Zeit für was Neues, zumal wir seit längerem schon eine konkrete Idee für einen etwas ungewöhnlichen Blend im Kopf hatten: Havanna sollte es sein und nicht mit Latakia, wie dieser im Pfeifentabak seltene Würztabak meist kombiniert wird. Und ein Pfeifentabak sollte es werden – keine „Zigarre“ in der Pfeife. Trotzdem sollte der Charakter einer guten, würzig-erdigen und auch cremig-süßen Havanna noch ein bisschen mitspielen dürfen. Das war unsere Ausgangslage.

Angefangen hat es für mich konkret in Stuttgart, bei Schäubles „Rauchzeit“ im Weinberg, wo man von einem Mischmeister von K&K sich eine individuelle Mischung machen lassen kann. Genau das habe ich dort gemacht, nur um zu sehen, ob die Idee so grundsätzlich überhaupt funktionieren kann. Sie konnte. Und dann kamen die Telefonate mit Hans und die Beschreibung dessen, was ich da probiert hatte. Hans hat sich die Idee sofort zu eigen gemacht und angefangen, in gewohnt bewundernswerter Weise, seiner Kreativität Lauf zu lassen. Was ich dann zum Testen bekommen habe, schmeckte anders als das, was ich mir habe nach meinen Angaben mischen lassen: es war viel raffinierter und besser. Nach einigen Prototypen waren wir uns schnell einig, wie der neue Tabak sein sollte und jetzt, gerade noch rechtzeitig zur diesjährigen Pfeifenshow in Lohmar, können wir nun den „Nyala“ präsentieren.

Nyala DoseWie fast immer in der „Foundation by Musicò“-Reihe kommen auch im Nyala Tabake aus Afrika zum Einsatz, weshalb wir der „afrikanischen“ Namensgebung treu geblieben sind. Insbesondere die Burleys aus Südostafrika wären hier zu nennen, die dem Tabak eine schöne, leicht schokoladige Note verleihen. Red Virginia bildet die Basis, liefert Körper und Süsse. Die Würztabake sind Perique, der schon genannte Havanna und als kleines „i“-Tüpfelchen etwas Brasil.

Nyala TabakbildDie Struktur des Nyala ist eine ziemlich komplexe Angelegenheit, was sich schon allein optisch niederschlägt: Das mittel- bis dunkelbraune Tabakbild besteht aus klassischen Ribbon Cuts, aus Ready Rubbed Flakes und aus Cube Cut. Der Nyala lässt sich leicht anzünden, brennt relativ langsam und lässt sich problemlos und kühl rauchen. Obwohl der Tabak komplex ist und einen voluminösen Geschmackseindruck hinterlässt, ist er nicht übermäßig stark, eher mittelkräftig, was den Nyala auch zu einem guten Allday-Tabak macht. Ich würde denken, es ist ein Tabak, der sich eher an die erfahreneren Raucher wendet, aber ich würde ihn ohne zu zögern auch einem Anfänger empfehlen, der einen vollen, naturbelassenen Tabak probieren will.

Geschmacklich dominieren breite, malzige Süße, dezente Bitterschokolade, die die Malawi-Burleys liefern, ein Hauch Pflaumenmus-Fruchtigkeit des Periques. Und dazu gesellen sich nun der Havanna und der Brasil, die dem Tabak eine stilistisch ähnliche Würzigkeit und Erdigkeit verleihen, wie es der Kentucky in Dunhills 221b Baker Street tut. Stilistisch – nicht geschmacklich! Das relativiert die große Süße und bringt im Hintergrund einen winzigen Hauch Karibik-Zigarre ins Spiel. Aber so wenig, dass sich auch Nicht-Zigarrenraucher ruhig an den Nyala herantrauen dürfen.

Der Nyala hält seinen Geschmack in all seinen Nuancen kontinuierlich bis zum Ende der Füllung, lediglich an Kraft legt er zum Ende hin noch etwas zu, während die Süße zugunsten der Würzigkeit in die zweite Reihe wechselt, aber ohne sich gänzlich zu verabschieden. Der Nyala raucht sich in allen Brennkammerformen gut, ich bevorzuge ihn aus Flakepfannen. Er wird zum Preis von Euro 20,60 (Stand Mai 2017) über die Seite von HU Tobacco zu beziehen sein.

Zum Schluss bleibt mir nur zu sagen: Hans, vielen Dank!




Luciano Valabrega | Puntarelle e Pomodori

Unter all den Dingen, über die wir unsere Herkunft, unsere Heimat und letztlich unsere Identität definieren, nimmt unser Essen einen ganz besonderen Platz ein. Dieser Platz ist meist ein angestrebter Wohlfühlort, ein andermal ein Sehnsuchtsort und vielleicht auch mal ein Entbehrungsort. Nicht selten ist unser Essen aber ein Erinnerungsort, der uns Genießer gleichsam zu kulinarischer Melancholie verleitet, etwa wenn wir bestimmte Gerichte so zuzubereiten suchen, wie es schon unsere Großmutter getan hat, und wir uns dann an die glücklichen Kindermomente an ihrem Küchentisch erinnern falls uns unsere retrospektive Zubereitung gelungen ist. Das Aneinanderreihen solcher kulinarischer Erinnerungsglücksmomente nennt man dann „Traditionelle Küche“ – entstanden durch kollektives Zusammentragen vieler jener Erinnerungen über Generationen hinweg und deren Austausch untereinander, unter Verwandten, Freunden, Nachbarn, Kollegen… „Traditionelle Küche“ ist in diesem Sinn als „kollektives Gedächtnis“ nachgeradezu das Gegenteil der modernen „Großen Küche“ und ihren Starkulten, bei denen individuelle Brillanz im Mittelpunkt steht.

Luciano Valabrega: Puntarelle e PomodoriUm eine solche „Traditionelle Küche“ geht es in dem Buch, das ich hier vorstellen möchte. Luciano Valabrega heißt der Autor, den ich, das muss ich der Aufrichtigkeit halber gleich offenlegen, persönlich kenne: er ist ein sehr guter Freund sehr guter römischer Freunde – und er ist Pfeifenraucher. Übers Pfeiferauchen habe ich ihn kennengelernt und schnell sind wir darüber hinaus aufs Kochen als weitere gemeinsame Leidenschaft gekommen. Irgendwann hat er mir dann sein Buch in die Hand gedrückt, das im Spätsommer 2015 in der wunderschönen „Salto“-Reihe bei Wagenbach erschienen ist. Der Titel des kleinen Buches lautet „Puntarelle e Pomodori“ und sein Untertitel verrät uns, worum es geht: „Die römisch-jüdische Küche meiner Familie“.

„Schon wieder ein Kochbuch“ könnte man jetzt denken und in der Tat ist „Puntarelle e Pomodori“ ein Kochbuch, aber es ist ein sehr außergewöhnliches Kochbuch, nämlich eines,  das uns für all die bekannten und unbekannten Gerichte darin keine bloßen Bauanleitungen mit präziser Zutatenliste liefert, wie das Kochbücher im Allgemeinen zu tun pflegen, sondern das uns vielmehr von diesem inspirierenden Aneinanderreihen zahlreicher kulinarischer Erinnerungsglücksmomente erzählt. Auf diese Weise vermittelt es uns wie kein anderes mir bekanntes Buch das Wesen der römischen und der römisch-jüdischen Küche. Traditionelle Küchen nämlich lassen sich durch die Analyse in ihnen verbreiteter verarbeiteter Lebensmittel und Zubereitungstechniken nur recht unzulänglich charakterisieren: Es sind die „Werte“, die die Gerichte haben, ihr Stellenwert in der Abfolge der Jahreszeiten, im Alltag, in den Familien, im Wochenablauf, im religiösen Leben mit seinen Festtagen, zu denen nicht nur immer dieselben Heiligen verehrt werden sondern auch ebenso kanonisch immer das Gleiche gekocht oder gebacken wird. Alle diese Aspekte sind mindestens so bedeutend wie die Rezepte selbst, wenn wir eine „Traditionelle Küche“ verstehen wollen. Und genau das führt uns Luciano Valabrega mustergültig vor Augen. Wer dieses Buch liest, erfährt nicht nur, was man in Rom isst, sondern über den Tatbestand erreichten Wohlgeschmacks hinaus auch warum man es isst.

Luciano Valabrega: Puntarelle e PomodoriLuciano Valabrega begann vor Jahren, all die Rezepte niederzuschreiben – um sie nicht zu vergessen und um sie seinen Freunden, die er nicht selten zum Essen einlädt, weiterzugeben. Er teilt nicht nur großzügig seine Erfahrungen als hervorragender wie leidenschaftlicher Koch, er teilt auch seine Erinnerungen und gewährt uns so einen recht persönlichen Blick auf das Leben in Rom hauptsächlich in den 50er und 60er Jahren. Er macht uns gleichsam zu jenen Freunden, für die er das Buch, ursprünglich ohne jede Publikationsabsicht, geschrieben hat, was allein das kleine Buch schon ungemein sympatisch macht. Luciano Valabrega: Puntarelle e PomodoriDie so entstandene Rezeptsammlung ist, obwohl sie keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt, ein umfängliches Kompendium römischer Küche: sie umfasst die Festtagsgerichte, die sich heute auch auf den Speisekarten der Hauptstadt-Restaurants finden, ebenso das einfachste Alltägliche, wie die  „Pizza Bianca“ oder die Pausenbrote der Kindheit.

In der Vertrautheit des ursprünglich intendierten Leserkreises liegt aber für den deutschen Leser, sofern er das Buch nur wie ein klassisches Kochbuch nutzen will, ein gewisses Risiko: In den Rezepten wird zwar präzise erklärt, wie man ein Gericht zubereitet, das Buch spart auch nicht mit Kniffen, wie man sich bei manchen Gerichten ihrer Perfektion annähern kann, aber es verzichtet vollständig auf Mengenangaben und präzise Zutatenlisten. Das erklärt sich aus der Intimität dieses ursprünglich intendierten Leserkreises, denn ein kulinarisch interessierter Römer weiß, wie seine „Klassiker“ im Prinzip gekocht werden. Der rein kulinarische Wert liegt hier in den Details, die bei manchen Gerichten sehr hilfreich sind und die man, vertraut mit der römischen Küche, sofort versteht. Will man dieses Buch also nicht nur lesen, sondern auch ganz normal als Kochbuch benutzen, sollte man zumindest in Grundzügen mit italienischer Küche vertraut sein. Dann wird man als Nachkocher keine Probleme sondern recht viel Freude haben!

Luciano Valabrega: Puntarelle e PomodoriUnter den Rezepten des Buches finden sich viele, die mit einem „*“ gekennzeichnet sind: das sind die Rezepte, die explizit jüdischen Ursprungs sind und in der jüdischen Tradition Roms bis heute einen hohen Stellenwert haben. Auch wenn manche unter diesen längst die Konfessionsgrenzen überwunden haben und über die Jahrhunderte hinweg auch unter der katholischen Mehrheit der Römer zur traditionellen Esskultur gehören. Essen, vor allem gutes und raffiniertes, verbindet. Das gilt auch für traditionell „katholische“ Gerichte, die mit einigen Modifikationen den Regeln der kosheren Küche angepasst werden können. Luciano Valabrega nennt auch diese ebenso traditionellen jüdischen Modifikationen, ist dabei allerdings sehr weit entfernt von jeglicher Orthodoxie. Der Geschmack steht im Mittelpunkt. Überhaupt wird in dem Buch klar, wie sehr die beiden Küchen-Traditionen miteinander verwoben sind und sich miteinander entwickelten. Nur bei ganz wenigen zeitgleich auftretenden „Konkurrenzprodukten“ wie etwa dem jüdischen Pessach-Gebäck und dem katholischen Oster-Gebäck bleiben die Konfessionen in ihrer jeweils eigenen Süßigkeit unter sich. Einmal hat uns Luciano mit einer Schale raffiniert trockenen Gebäcks überrascht, über das vor dem Verzehr Honig geträufelt wurde. Es waren die berühmten Pizzarelle d’Azzime, die ich da zum ersten Mal gegessen habe – ein Gebäck von absolut begeisternder Einfachheit und Raffinesse zugleich.

Meiner Meinung nach liegt die ganz große Stärke des reinen „Kochbuchs“ aber in den unzähligen Gemüse-Rezepten, die sich zwar auch als Beilage eignen, aber fast alle – manchmal mit ein paar kleinen „Bereicherungen“ – das Zeug zu eigenständigen Gerichten haben. Vieles schmeckt auch kalt am Folgetag noch großartig, etwa als kleine Vorspeise; ein Charakterzug, der der Alltagsküche aus Zeiten, denen der Überfluss fremd war, auf manchmal recht einzigartige Weise eigen ist. Unter den Gemüse-Rezepten ragen einige heraus, nämlich die mit Artischocken, und Luciano Valabrega macht keinen Hehl daraus, dass die Artischocke für ihn die Königin allen Gemüses darstellt. Da ich diese Leidenschaft für Artischocken absolut teile, möchte ich mit einer Leseprobe eines Ausschnitts aus dem Rezept für die „Carciofi alla Giudia“, die Artischocken nach jüdischer Art, schließen. Das Rezept ist sowas wie das „Flaggschiff“ der römisch-jüdischen Küche, es scheint banal, denn dahinter verbirgt sich ein recht einfaches Gericht: eine schlichte frittierte Artischocke. Aber wie so oft brauchen einfache, klare Dinge die größte Raffinesse und Erfahrung in der Zubereitung um wirklich gut zu sein. Der große Koch Vincent Klink hat mal sinngemäß gesagt, „ein Jakobsmuschelcarpaccio kann jedes Kind, aber einen anständigen Spätzleteig muß man können, das braucht viel Übung und Erfahrung“ – Recht hat er und hier ist es nicht anders. Das ganze Rezept umfasst etwas mehr als eineinhalb Seiten, aber in einem kleinen Absatz hat es Luciano wie folgt zusammengefasst:

„Es ist eine ungeheure Menge an Artischocken, die man jedes Jahr die Pflicht und das Vergnügen hat zuzubereiten. Die erste Artischocke aus diesem Berg zu putzen und zurechtzustutzen, das ist der Beginn der Arbeit. Die große, harte und kompakte Kugel der Cimarolo-Artischocke verwandelt sich durch Zauber in eine feine kleine weiße Kugel an einem zarten, doch robusten Stiel. Die große Schüssel voll Wasser mit Zitronensaft wird zu einem Gefäß voll seltsamer schwimmender Seerosenknospen, ihrerseits bereit, sich mit Hilfe des kochenden Öls in üppige offene Rosen mit zugleich weichen und knusprigen Blütenblättern zu verwandeln.“ Liebevoller kann man das nicht umschreiben – wie das genau geht, das wird präzise Schritt für Schritt erklärt.

Zum Titel noch: Pomodori sind Tomaten, das wissen Sie, bei den Puntarelle wird’s schon spezieller, denn das sind Zichorienstiele, die vom meisten Grün befreit werden, sich dann – der Länge nach eingeschnitten – in einer Schüssel Wasser zu wirren Locken eindrehen und abgetrocknet den römischsten aller Salate bilden. Dazu kommt eine Salatsauce aus Sardellenfilets und frischem Knoblauch, die zu einer fast cremigen Konsistenz fein gehackt werden, sehr gutes Olivenöl und Zitronensaft. Leicht bitter, leicht salzig, leicht sauer – der perfekte Einstieg in ein anständiges Abendessen.

Hier noch der Link auf die Verlagsseite, wo man das Buch auch bestellen kann – und natürlich in jeder anderen Buchhandlung ihres Vertrauens. Der Preis beträgt 17 Euro. Das Buch eignet sich auch sehr gut als kleines Geschenk…

Luciano Valabrega schreibt übrigens auch kleine Gedichte, für die aber mein Italienisch nicht immer ganz ausreicht, er malt und baut hin und wieder Pfeifen aus Hobbyblöcken. Dabei geht er immer recht skulptural vor – die Funktion ist ihm nicht das Wichtigste. Die für mich schönste Pfeife ist eigentlich gar keine, sie ist eher ein dadaistisch anmutendes Kunstwerk, das die Zeit beim Pfeiferauchen zum Thema hat. Wahrscheinlich würde er einen Kochlöffel ähnlich gestalten…

Luciano Valabrega: Pfeife




S.Gawith | Scotch Cut Mixture

Eine Nische in der Nische – so ähnlich könnte man die Scotch Cut Mixture von Samuel Gawith und ihre Position auf dem hiesigen Tabakmarkt beschreiben, wird selbiger doch quantitativ vor allem von Aromaten verschiedenster Art beherrscht, neben denen sich nur eine Handvoll „naturbelassener“ Tabake nachhaltig und wahrnehmbar behaupten kann. Das wäre die erste Nische. Und diejenigen, die sich da behaupten, das sind meist Virginia- bzw. Virginia/Perique Flakes und „englische“ Mischungen mit markanten Latakia-Anteilen. All den genannten gemeinsam ist ihre Fokusierung auf Primäraromen, seien es nun künstliche Aromen oder die cremig-malzige Süße der Virginias oder die Rauchigkeit des Latakia. Alles, was sich da subtil zwischen die Stühle setzt, bildet quasi die Nische in der Nische und es ist den Produzenten und Importeuren nicht hoch genug anzurechnen, dass auch solche Mauerblümchen nicht zur Gänze verschwinden. Schließlich zeichnet das die Vielfalt aus, für die der Pfeifentabakmarkt doch auch steht. Zumindest ein bisschen.

Scotch Cut Mixture DoseVor einigen Jahren habe ich schon einmal ein Review zur Scotch Cut Mixture geschrieben. Und als ich den Tabak vor ein paar Tagen nach einer Abstinenz von eineinhalb Jahren mal wieder geraucht habe, habe ich spontan beschlossen, nochmal etwas über die Scotch Cut Mixture zu schreiben, schlicht weil sie mir am Herzen liegt und ich meinen Beitrag leisten möchte, sie aus ihrem „Mauerblümchendasein“ ein wenig zu befreien. 2009 erschien die Scotch Cut Mixture als Limited Edition anläßlich der Pipeshow in Chicago. Der Erfolg war groß, was S.Gawith wohl dazu bewog, die ungewöhnliche Mischung 2010 ins normale Programm zu übernehmen. Seitdem ist die Scotch Cut Mixture auch bei uns erhältlich. Dabei war die Scotch Cut Mixture 2009 gar keine Neukreation sondern basierte auf einem 100 Jahre alten Rezept, will man dem schweizer Importeur Synjeco Glauben schenken. Warum sie zuvor nicht erhältlich war, entzieht sich meiner Kenntnis.

Scotch Cut Mixture DoseDie Herstellerbeschreibung lautet wie folgt: „Scotch Cut Mixture is one of the original Samuel Gawith blends. A balanced selection of Virginias, Burley, Latakia and our own Empire Black Cavendish gives Scotch Cut a full flavoured yet medium strength smoking experience.“ Die Beschreibung des schweizer Importeurs Synjeco: „This mixture is based on a traditional receipt, more than 100 years old. Bright Virginias, Burley, a small percentage of Latakia are in mixture with the such called „Emperor Cavendish“ (also known as United Kingdom-Cavendish), which is different from the usually known Black-Cavendish. A very gentle and pleaseant all-day smoke.“ Und schließlich der Text des deutschen Improteurs Kohlhaase & Kopp: „Nach diesem alten Rezept für Scotch Cut werden helle Virginias, Burley und Latakia mit Black Cavendish verfeinert. Dieser wurde aus Dark Fired Tabak hergestellt, der bedampft, gepresst und geröstet wurde, bevor er geschnitten und mit den anderen drei Tabaken gemischt wird.“

Scotch Cut Mixture TabakbildDas Tabakbild ist von hell- bis mittelbraunen Tabakstreifen geprägt, unter die sich einige dunkelbraune Streifen, der ominöse „Emperor Cavendish“, mischen und ganz vereinzelt findet man ein paar wenige tiefschwarze Tabakkrümel – Latakia in annähernd homöopatischer Dosis. Das Detailfoto links verfälscht hier etwas den Gesamteindruck, die Mischung ist nicht gleichmäßig so dunkel. Im Gegensatz zu vielen anderen Tabaken von S.Gawith, insbesondere den Flakes, ist der Feuchtigkeitsgehalt ziemlich ideal, sodass sich die Scotch Cut Mixture ohne jegliche Trocknungszeremonie sofort und vollkommen problemlos entzünden und auch gleichmäßig bis zum Ende rauchen lässt. Das Stopfen ist ebenso unproblematisch, wenngleich ich wegen der doch vorhandenen etwas größeren Tabakfetzen keine extrem kleinen Pfeifen nehmen würde. Bei Brennkammern unter 20mm Durchmesser müßte man aufs Stopfen achten.

Wenn man die Scotch Cut Mixture nun entzündet, hat man sofort den Mund voller Virginianoten, cremig, malzig und süß, allerdings nicht allzu sehr. Das wird unterstützt vom Black Cavendish, quasi ein „Fire Cured Dark Stoved“, der die Aromen von Schwarzbrotkruste beisteuert und so den Virginias zusätzlich Würzigkeit, Tiefe und Komplexität verleiht. Eine ganz leichte Nussigkeit, die auf den Burley-Anteil zurückzuführen ist, rundet den Grundgeschmack der Scotch Cut Mixture ab. So, als ob in dem dunklen Brot noch ein paar Nüsse verbacken wären… Nicht viele, nur ein paar. Die Virginias dominieren den Burley, nicht umgekehrt.

Scotch Cut Mixture Tabakbild mit PfeifeDiese Komponenten wechseln sich in ihrer Lautstärke während des Rauchens immer wieder mal ab, mal schmeckt man der Malzigkeit nach, mal der Nussigkeit, mal der würzigen Brotkruste, immer mal anders. So wird einem das Rauchen der Scotch Cut Mixture nie langweilig. Und der Latakia? Der ist immer da. Wie die neugierige Nachbarin gegenüber: Mal hinter der Gardine, mal bei offener Gardine, in ganz wagemutigen Momenten sogar bei offenem Fenster auf ein Kissen gelehnt. Der Latakia ist immer da aber nie direkt dabei. Man weiß um das homöopatische Maß an Rauchigkeit, man nimmt es wahr und es freut einen. Trotzdem ist die Scotch Cut Mixture weit davon entfernt, eine Latakia-Mischung zu sein. Sie ist eher eine klassische Virginia-Mischung mit einem ungewöhnlich hohen Maß an Würzigkeit. Durchaus auch empfehlenswert für Virginia-Apostel, denen der Gegenpapst Latakia ansonsten ein rotes Tuch ist. Man möge sich nicht vor der bloßen Nennung desselbigen auf der Dose schrecken lassen!

Scotch Cut Mixture DoseEin leichter Tabak ist die Scotch Cut Mixture übrigens auch nicht: sie ist vollmundig ohne stark zu sein. Sie ist komplex, aber die vielschichtige Komplexität kommt – wie bei allen so subtil komponierten Grenzgängern ohne Primäraromasolisten – nur zum Tragen, wenn sie behutsam, langsam und kühl geraucht wird. Deshalb würde ich die Scotch Cut Mixture auch nicht als Anfängertabak empfehlen, denn sie verliert schnell an Reiz, wenn sich die Subtiliät aufgrund hastigen Ziehens nicht entfalten kann. Zum Ende der Füllung hin wird sie kräftiger und vor allem würziger, ohne dass sich der Latakia stärker zeigen würde. Der unterstützt nur die Würzigkeit. Die Scotch Cut Mixture ist ein Tabak, der die große Stärke von S.Gawith, nämlich die Virginias, ein wenig anders interpretiert und zwar ohne dem eigenen Virginia-Stil untreu zu werden. Übrigens ist die Scotch Cut Mixture auch ein Tabak, zu dem ich sehr gerne einen Kaffee trinke. Eine ziemlich unwiderstehliche Kombination!




HAVANNAS und BIER – das rat‘ ich Dir!

Welches Mineralwasser passt am besten zur Montecristo No.1? Um diese existenzielle Frage ein für alle Mal verbindlich zu klären hat unser 35-köpfiges Verkostungsteam, bestehend aus einigen reichen Zigarrenrauchern, der Crème de la Crème internationaler Wassersommeliers und verstärkt durch die Bademeister der burgenländischen Freibäder, keinen Aufwand gescheut und zu einem exklusiven Tasting-Wochenende auf den Berg Athos geladen. Das überraschende Ergebnis: keines der getesteten 437 Mineralwasser passt zur Montecristo No.1. Noch nicht mal lauwarm und ohne Kohlensäure! Die höchste Punktzahl im „Pairing“ erhielt eigentlich ein eigens eilig eingeflogenes Heilwasser aus Kasachstan, das aber wegen des ungesunden Images der Partnerzigarre und unseres Blogs im Allgemeinen aus rechtlichen Gründen leider ungenannt bleiben muss. Wir bedauern dies zutiefst. Dafür gehen wir in der nächsten Ausgabe unserer so beliebten Reihe „Legends of Mastertasting“ dem Phänomen nach, das derzeit in aller Munde ist: „Sumatra-Fehlfarben mit kaltem Kamillentee oder ist Alzheimer nicht doch heilbar?“

OK, war ein Scherz – wir machen alles anders, ne Nummer kleiner und seriös: Ich habe ein Bier probiert. Also ich probiere öfters Biere. Manchmal trinke ich sie auch nur, aber dieses Mal habe ich eines probiert bzw. degustiert. Erst habe ich mir nichts dabei gedacht, schon gar nicht, dass ich da mal was drüber schreiben würde, aber je mehr ich von diesem Bier degustiert habe, inzwischen ein paar Flaschen (also natürlich nicht auf einmal und schon gar nicht jetzt!), desto deutlicher wurde mir, dass ich genau über dieses Bier hier etwas schreiben muss: schließlich heißt unser Blog „Das Pfeifenblog“ und hier gehts um Zigarren und Bier! Es geht auch ein bisschen um Pfeifentabak, aber das nur sehr sekundär, quasi als sensorischer Kollateralschaden.

Flaschen Mikes Wanderlust„Mia ham‘ ma ma a Bier gfund’n, aber mia wiss’ma neda, woher’s kimmt.“ Diese Frage führt uns in die Heimat niederbayerischer Biere – nach Niederbayern! Als Marke gleich lesbar auf der Flasche steht nämlich nur „Mikes Wanderlust“ und spätestens jetzt wissen die meisten geneigten Leser, dass es nicht um irgendein Bier geht, sondern um Craftsbier! Streng genommen eigentlich nur zum Teil. Denn der andere Teil wird klar, wenn man das Kleingedruckte, also das ganze Etikett, bis zum Ende liest:  Wilhelm Krieger GmbH & Co.KG, Hauptstraße 88, 94405 Landau. Die Brauerei Krieger in Landau an der Isar, seit über hundert Jahren im Familienbesitz, ist eine der zahlreichen unabhängigen Privatbrauereien, die es in Bayern noch gibt und die ganz maßgeblich zum hohem Niveau der Bierkultur hierzulande beitragen. Drei Krieger-Biere sind’s, die unter Bierliebhabern auch weit außerhalb Landaus den hervorragenden Ruf der Brauerei begründen: Das Zwickl, das Märzen und der Floriani-Bock, ein dunkler Doppelbock, der keinen Vergleich mit berühmteren Verwandten scheuen müßte. Tradition wird groß geschrieben, dabei sind die drei genannten Biere relativ jung und allesamt Kreationen von Michael Sturm, dem Braumeister und Mitgeschäftsführer seit 2009. Und just im Traditionalisten Michael Sturm lebt noch eine andere Seele: der Mike, der Lust hat zu wandern! Und der seine hochprofessionelle Brauer-Kreativität mit seiner Craftsbier-Marke in Biere umsetzt, die trotz IPA, Pale Ale, Porter oder Cask-Finishs ihre Herkunft nicht verleugnen. Es sind allesamt Biere, die mit beiden Beinen auf dem Boden stehen, weit weg vom exaltiert-egozentrischen Experiment und die trotzdem voller klug gesetzter Nuancen ihre Eigenheit entwickeln. Zu keinem Moment hat man den Eindruck von einem Garagen-Start-Up, wo ein Großteil des Budgets in Graphikdesign und Bartpflege fließt und vom Rest nur noch allerexotischster Hopfen gekauft wurde. Im positivsten Sinn sind die Biere von Mikes Wanderlust bodenständige Craftsbiere, die auch nach dem dritten Schluck noch ein großes Vergnügen sind. Darin liegt das Erlebnis, in einer sehr raffinierten Geradlinigkeit. Mir persönlich ist das mehr Wert als zur Schau gestellte Raffinesse, die Gefahr läuft, über den Aha-Effekt hinaus bald zu langweilen.

Nun aber zum Bier der Wahl! Das Bier der Wahl ist genauer gesagt eine Reihe von vier Bieren, die sich „World Barrel Tour“ nennt und die aus dem oben schon genannten traditionellen Floriani-Bock besteht, der noch für jeweils 10 Monate in vorbelegte Fässer gefüllt wurde: in ein Pedro Ximenez Sherry Fass, in ein Single Malt Fass, in ein Bourbon Fass und in ein Rum Fass. Und um die letztere Version geht es im Speziellen. Spätestens jetzt wissen die Zigarrenraucher unter den Lesern, warum ich dieses Bier vorstellen muss: Die Kombination zwischen Zigarren und Bier im Allgemeinen ist eine recht schwierige Liaison. Im positiven Fall von leichten blumigeren Zigarren mit malzig-süßlichen Bieren ein pragmatisches Zweckbündnis, im negativen Fall von schweren erdigen Havannas mit hopfen-bitteren Bieren ein veritables Beziehungsdesaster geprägt von unüberwindlichen Differenzen. Das Zusammentreffen der Rum/Karibik Edition der „World Barrel Tour“ mit schweren kräftigen Havannas wie etwa Ramon Allones, Bolivar oder mancher Partagas dagegen ist Liebe auf den ersten Blick, eine Liebesheirat und eine lange glückliche Ehe folgen unausweichlich: Will man eine solche Zigarre mit etwas anderem als Hochprozentigem oder einem schweren Süsswein kombinieren, gar mit etwas, was durch die dezente Kohlensäure mit einer gewissen Frische aufwarten kann, dann wird man mit dieser Rum/Karibik Edition glückselig! Flasche Rum/Karibik Edition und ZigarrenBegründet ist dies im extremen Charakter des Cask-Finishs: Im Gegensatz zu den anderen drei Editionen, bei denen die Vorbelegung des Fasses relativ dezent geschmacklich in den Floriani-Bock eingebunden ist, hat das Rum Fass schier eine Bombe gezündet: Alles, was man von einem guten Rum erwartet, den süßen Zuckerrohrton gepaart mit getrockneten Feigen, Kräuternoten von Thymian und etwas Eukalyptus, vanillige weiche Holznoten und letztlich im Anflug das Alkoholische des Fasses, alles das kombiniert sich mit den malzigen süßen Noten des dunklen Doppelbocks und den raffinierten Hopfennoten, die geschmacklich noch präsent sind, aber die ihre Bitterkeit längst an die Rum-Süße des Fasses eingebüßt haben. Hier hat Mike offenbar auch großes Glück mit dem Fass gehabt, denn der Rum der Vorbelegung war schmeckbar erstklassig! Flasche Rum/Karibik EditionDass die Rum/Karibik Edition der „World Barrel Tour“ auch mit cremigeren, weniger „kantigeren“ Zigarren gut geht, versteht sich von selbst, aber für mich ist es gerade die Kombination mit Partagas 8-9-8, D4 oder den dickeren Formaten von Bolivar oder Ramon Allones, die hier so reizvoll ist. Würde ich ausschließlich als Biertrinker die Serie bewerten wollen, wären mir vielleicht die anderen, dezenteren Versionen der Cask-Finishes lieber, aber in Kombination mit einer Zigarre ist diese Rum/Karibik Edition schlicht und zwingend hinreißend! Das erste Mal, dass ich ein Bier gefunden habe, das zur Zigarre nicht nur mehr oder weniger „geht“, sondern das eine ideale Paarung darstellt und dabei neben jedem anständigen Rum bestehen kann. Und für ein Bier will das was heißen! Das Lustige ist, dass das Bier gar nicht für diese zwingende Kobination vermarktet wird. Und nun noch kurz der Kollateralschaden: die Single Malt Version passt erstklassig zum Full Virginia Plug/Flake und Konsorten, aber von der habe ich nur eine einzige Flasche ergattert, was mir für ein seriöses Review unseriös wenig wäre… Will man zu Michael Sturm mehr erfahren, dann empfiehlt sich der wundervolle und immer lesenswerte Bierblog „Hopfenhelden„! Weitere Infos auf der Homepage von Mikes Wanderlust oder der Brauerei Krieger.