1

VASCELLO: die unbekannte Kultmarke

Ein paar wenige Jahre waren es, zwischen den späten 70er Jahren und den frühen 80ern, in denen einige der wichtigsten und prägendsten italienischen Pfeifenmacher ihre Aktivität begannen oder sich auf eigene Beine gestellt haben. Neben Oberitalien und der Gegend um Pesaro war Rom ein Zentrum dieser Entwicklung. Und wenn ich schreibe Rom, dann meine ich das damals führende Pfeifengeschäft, Carmignani, eine der ersten Adressen des Landes, und wenn ich schreibe Carmignani, dann meine ich seinen damaligen Geschäftsführer Giorgio Musicò!

DIE GESCHICHTE

Giorgio lebt Pfeifen! Ich kenne niemanden in dem ganzen Pfeifenbusiness, dessen Liebe zur Pfeife derart ansteckend und anregend gewirkt hat! Er war der erste in Italien, der die skandinavischen Meisterwerke von Bo Nordh bis Bang bei Carmignani verkauft hat, und obwohl seine persönliche Leidenschaft den kleinen kurzen englischen Pfeifen galt, war er doch auch immer für Neues zu haben. Warum also keine „neuen“ italienischen Handmades? So ebnete er den Weg für eine kleine Gruppe individuell arbeitender Pfeifenmacher aus dem kulturellen Umkreis von Carmignani, indem er sie nicht nur ermunterte, Pfeifen zu gestalten und zu machen, sondern ihnen das Wichtigste für einen Erfolg bot: eine kommerzielle Plattform in einem der besten Pfeifenläden Italiens!

Es gibt da diese kleine Photographie, vor vielen Jahren abgedruckt in der längst eingestellten Zeitschrift „Amici della Pipa“, für die Giorgio Musicò auch als Gastautor tätig war, die ihn im Kreise „seiner“ Pfeifenmacher zeigt: Giorgio vorne sitzend und hinter ihm von links nach rechts Claudio Munalli, Francesco di Mento, Fritz Becker und Baldo Baldi. Ein Stück italienische Pfeifengeschichte.

Francesco di Mento

Francesco di Mento an der Drehbank.

Der zweite in der Reihe, Francesco di Mento, ist zusammen mit seinen Pfeifen Thema dieses Artikels. Ich muß vorweg sagen, daß ich vor knapp 20 Jahren schon einmal einen Text zu diesem Thema verfasst und bei Willi Albrechts legendärem Forum „Pfeife und Tabak“ gepostet habe. Aber da der Text nicht mehr greifbar ist, mir das Thema aber am Herzen liegt, habe ich mich entschlossen, nochmal was zu schreiben. Nicht, dass noch jemand mit einem Elefantengedächtnis denkt, ich hätte abgeschrieben.

Francesco di Mento war nie ein hauptberuflicher Pfeifenmacher, sondern Offizier in der italienischen Marine, in den Jahren damals stationiert auf Sardinien. Der Pfeifenraucher und Nebenerwerbspfeifenmacher saß quasi an der Quelle, denn damals gab es noch Coupeure auf Sardinien, die dieses hochgepriesene sardische Bruyère-Holz mit seinem ganz leichten Rosastich geschlagen, gesägt und aufbereitet haben. Soweit ich weiß, gibt es das heute nicht mehr, Tom Spanu war der letzte, der teilweise mit diesem Holz gearbeitet hat.

Logo VascelloNun war Francesco di Mentos Pfeifenmacherei schnell erfolgreich, weshalb er eine eigene Marke gegründet und sich Unterstützung von zwei Freunden geholt hat, die mit ihm zusammen die steigende Nachfrage bewältigt haben. Die Marke hieß „Vascello“ zu deutsch „Schiff“, was seinen Ursprung natürlich in di Mentos eigentlichem Beruf hatte. Auch ein passendes Logo war schnell gefunden: ein Bootshaken auf der Mundstückoberseite. Dementsprechend gibt es für die glatten Modelle auch ein Grading, das den Offiziersrängen der Marine entlehnt war. Und Admiräle gibt es nicht viele! Die Farbe des Logos richtete sich nach dem Grading: weiß für die Standardqualität, blau für die glatte „Capitano“ und golden für die „Ammiraglio“. Gestempelt sind die Pfeifen: „Vascello“ „Sarda“ „a mano“.

Vascello Pipes

Als Werkstatt diente damals eine umgebaute Blechgarage, in der die drei die Vascello-Pfeifen fertigten, und man mag sich gar nicht vorstellen, wie körperlich fordernd das Pfeifenmachen in der Sommerhitze Sardiniens unter diesem Blechdach gewesen sein mag!

Allerdings ist der Marke „Vascello“ nur eine recht kurze Zeit beschieden gewesen, was nicht am Erfolg lag, sondern an einer rechtlichen Verfügung der Marine, die ihren Offizieren plötzlich jegliche Nebenerwerbstätigkeit verboten hat: Francesco di Mento und seine Mitstreiter haben sich für ihren eigentlichen Beruf entschieden und die Marke Vascello war Geschichte.

Nach seiner Pensionierung hat Francesco di Mento allerdings wieder in der Pfeifenwelt angeheuert, nämlich in Teilzeit als Verkäufer bei Fincato, einem anderen feinen Pfeifenladen im Zentrum Roms, nur wenige Meter von Carmignani entfernt. Francesco di Mento habe ich durch Giorgio Musicò bei Becker&Musicò kennengelernt und danach hin und wieder auf dem Heimweg vom Büro, wenn er Pfeife rauchend in der Tür bei Fincato stand, ein paar Worte mit ihm gewechselt. Im Frühjahr 2006 ist er gestorben.

Vascello-Pfeifen sind extrem selten, da es entsprechend der kurzen Lebensdauer der Marke nur eine recht kleine Stückzahl gibt. Diese Pfeifen genießen in Italien absoluten Kultstatus, was einerseits an der Qualität der Pfeifen liegt, andererseits natürlich auch an ihrer Seltenheit! Die Preise für Vascello-Estates liegen höher als vergleichbare Castello-Pfeifen. Neue Pfeifen gibt es natürlich nicht mehr, aber schon eine Estate zu bekommen ist schwierig genug! Außerhalb Italiens sind diese Pfeifen weitgehend unbekannt. Schade eigentlich!

Wenn wir uns heute diese Pfeifen anschauen, dann wirken diese auf uns erst einmal relativ unspektakulär. So als hätte man dergleichen schon oft gesehen und sie scheinen wenig besonders. Das stimmt auch. Aber wenn wir uns die Mühe machen, diese Pfeifen mit den Augen des Pfeifenrauchers oder auch des Pfeifenmachers von 1979 anzuschauen, dann kommen wir zu einem anderen Ergebnis. Dazu muß man wissen, wie der Pfeifenmarkt in Italien in diesen Jahren geprägt war. Internet gab es nicht, stilbildend und identitätsstiftend war, was in den Schaufenstern der Pfeifengeschäfte lag. Das waren Serienpfeifen: Für die begüterte Oberschicht Dunhill-Pfeifen, dann die übrigen englischen Klassiker Comoy’s, Orlik, BBB, Peterson etc., dann, günstiger, italienische Pfeifen wie Savinelli, Brebbia, La Raganella und natürlich Rossi, die damals aber alle mit dem Gros der Produktion der englischen Klassik verbunden waren. Dazu kommen Castello, Caminetto und Tagliabue mit ihrer Abwandlung der Klassik und als stilistischer „Sonderfall“ Stanwell. Die skandinavischen Freeform-Pfeifen mit ihrem so stilbildenden Design spielten damals in Italien noch keine Rolle.

Vascello Pipe

Extrem lange rustizierte Lovat und eine kleinere rustizierte Canadian, die Francesco di Mento selbst geraucht hat.

DIE FORM

In diesem Umfeld begannen die Pfeifenmacher, eigene Wege zu gehen, die aber anfangs alle stark an der Klassik ausgerichtet waren und zwar egal ob in Oberitalien, Pesaro oder Rom. Und während Pfeifenmacher wie die beiden Becker oder Baldo Baldi sich irgendwann von dieser Klassik emanzipierten, verblieb Vascello in diesem „anfangs“, schlicht weil der Marke und ihren Machern nicht genug Zeit für so eine Entwicklung blieb. Wir haben es bei der Marke Vascello stilistisch eigentlich mit einem eingefrorenen Umbruchsmoment zu tun!

Vascello PipeSchauen wir uns die Pfeifen an: Es fällt sofort auf, dass wir es mit klassischen Formen zu tun haben, denen gemeinsam ist, dass die vordere Konturlinie in ihrer Kurvung besonders stark betont ist und in einem starken Gegensatz zur hinteren Konturlinie des Kopfes steht, die fast Castello-artig streng gerade ausfällt. Der gestalterische Trick, der nun zum stilistischen Alleinstellungsmerkmal führt, ist die Wahl des Kopf-Holm-Übergangs: dieser ist im Gegensatz zur hinteren Kopfkonturlinie ebenfalls relativ stark gekurvt, allerdings nicht so, wie man es bei vielen an dieser Stelle „weichen“ Pfeifen kennt, nämlich indem der Holm sich leicht ansteigend nach oben kurvt, sondern indem die eigentlich streng gerade Kopfkontur gerade das, was man erwarten würde, nicht macht, nämlich hart abzuschließen, sondern ausschwingt. In dieser Kombination unterscheiden sich die Pfeifen sowohl von der englischen Klassik als auch von der Castello-Klassik. Die Köpfe gewinnen auf diese Art eine ganz eigene Dynamik, denn die Holme sind entsprechend der hinteren Kopfkontur ebenfalls von streng gerader Linearität.

Vascello Pipe

Eine Bullmoose-Variante mit einem unklassisch quadratischen Holm und etwas geraderem Kopfabschluss. Grading:“Capitano“

In meinen Augen ist das ein recht attraktives Wechselspiel zwischen Strenge und Verunklarung selbiger. Es wirkt wie eine gestalterische Nischenwelt, denn die Wege der italienischen Pfeifen lassen das letztlich links liegen und führen woanders hin. Was man, im Gegensatz zu ganz vielen anderen „neuen“ italienischen Marken dieser Zeit, bei Vascello kaum findet, das sind die für Italien so typischen, gestalterisch „billigen“ Straight-Grain Dublin-Varianten, bei denen die Maserung des Holzes das Gewicht des Gestaltungsprozesses in den Hintergrund rückt. Das soll nicht heißen, dass es keine erstklassig gemaserten Vascello-Pfeifen gibt, aber die Formgebung steht vor der Maserung. Hier wirkt der Herstellungsprozess fast englisch, obwohl es sich nicht um Serienpfeifen und Standardshapes, sondern immer um individuell gestaltete Pfeifen handelt.

Vascello PipeDas, was mich persönlich an den Vascello Pfeifen aber am meisten fasziniert und was für mich der Grund ist, warum ich sie sehr gerne mag, das ist, abgesehen von den herausragenden Raucheigenschaften als Kombination von handwerklicher Solidität mit erstklassigem Holz, bei den rustizierten Basisqualitäten die Art und Weise der Rustizierung!

DIE RUSTIZIERUNG

Nun ist die Rustizierung bei Pfeifen keine italienische Erfindung, aber es gibt wohl kein Land, wo Pfeifenbauer sich flächendeckend so intensiv mit den stilistischen Möglichkeiten von Rustizierungen auseinandergesetzt haben wie in Italien. Und das auch gerade in den 70er und 80er Jahren! Grundlage dafür war natürlich der enorme Erfolg von Castellos Sea Rock Finish, das seit Ende der 40er Jahre populär war und vor allem den Effekt hatte, die Rustizierung vom Ruf der billigen Resteverwertung zu befreien. Hier muß man allerdings unterscheiden, denn natürlich liegt nicht jeder Rustizierung ein ausgeklügelter und vergleichsweise aufwändiger Gestaltungs- und Herstellungsprozess im Finish zu Grunde, es gibt natürlich auch die „Billigversionen“!

Vascello PipeDass wir es hier nicht mit einer solchen zu tun haben, wird aber auf den ersten Blick deutlich: Eine fast skulpturale Non-Finito Oberfläche ziert etwa den Kopf und Holm der langen Lovat! Die Rustizierung ist gleichmäßig tief, trotzdem wird genügend Holz „stehengelassen“ um kraftvoll zu wirken und damit ein allzu kantiger Eindruck vermieden wird, erfährt die Rustizierung nach dem Abbürsten mit einer Metallbürste einen substantiellen Polierprozess. Dafür wurde der Kopf mit zwei verschiedenen Brauntönen gebeizt, einem leicht rötlichem „warmen“ Mahagonibraun und einem dunklen Walnussbraun, sonst würden die stark polierten „Höhen“ nur zu kühl hell und der Kopf verlöre seine farbliche Homogenität und damit seine Ruhe. Im Vergleich zu einer „normalen“ Sandstahlung ist ein solcher Rustizierungsprozess ein unglaublicher Aufwand, der eigentlich nur Sinn macht, wenn man damit auch gestalten will! Und das kann man hier mustergültig sehen.

Zum Schluss also der Tipp: wem jemals eine dieser seltenen Pfeifen in einem annehmbaren Zustand über den Weg laufen sollte: Zuschlagen! Man erhält micht nur eine erstklassige Pfeife zum Rauchen aus seltenem sardischem Bruyère, sondern auch ein kleines und seltenes Stück Pfeifengeschichte!

 

 




McClelland | BOMBAY EXTRA Personal Reserve

Schon wieder ein Tabak, den man nicht so ohne weiteres kaufen kann. Diesmal aber wirklich! Okay, vielleicht noch in irgendwelchen abgelegenen Schweizer Bergtälern oder für Millionenbeträge in der US-Bucht? Aber eigentlich ist dieser amerikanische Pfeifentabak schon ein Stück Geschichte, denn der Hersteller McClelland hat vor einiger Zeit unwiderruflich seine Produktion eingestellt.

Ursache für dieses Review war vor ein paar Monaten ein bisschen Corona-Frust! Als innerlich ziemlich gelassener Mensch kann ich damit eigentlich ganz gut umgehen, aber irgendwie dachte ich, ich müßte mir mal was gutes tun und eine wirklich besondere Dose Tabak öffnen. Ich meine, diese Dose Bombay Extra ist nur deshalb „besonders“, weil es meine letzte war! Und weil der Bombay Extra neben Frog Morton, Wilderness und Old Dog mein Lieblingslatakia aus dem Hause McClelland war!

Deshalb liegt über diesem Review auch ein Stück Melancholie. Dieses ganze Dunhill-McConnell-Peterson-Gedöns tangierte mich innerlich nur höchst peripher, aber die Nachricht, dass McClelland die Produktion einstellt, die hat mich wirklich getroffen! Das ist der größte Verlust für die Welt des Pfeiferauchens in den letzten Jahren! Einfach, weil hier eine ganze stilistisch einzigartige Tabakwelt fast von einem Tag auf den anderen verschwunden war.

Was aber war das stilistisch Einzigartige? Klar, an erster Stelle stehen hier die Virginias bzw. Virginia/Perique Mixtures und Flakes mit ihren prägnanten essig-saueren-süßen Fermentationsnoten, die einem zusammen mit der Malzsüße als Ketchupnoten in die Nase stiegen! Dann all die raffinierten Orientals, die zu wahren Meisterwerken komponiert waren. Und die Latakia-Mischungen, nicht selten fast ondoliert extrem und extrovertiert in der Komposition, die alle eines gemeinsam hatten: selbst die kantigsten und maskulinsten unter ihnen kamen alle auf einem breiten Teppich aus purem weich-dunklem Samt im Mund an! Diese Einzigartigkeit gibt es nicht mehr.

McClelland Bombay ExtraUnd um so eine Latakia-Mischung handelt es sich beim Bombay Extra! An dieser Stelle muß man ein bisschen ausholen, denn der Bombay Extra ist keine hundertprozentige Neumischung, sondern streng genommen ein Flanker zu einer der Standard Latakia-Mischungen aus McClellands Portfolio, dem Bombay Court, zu dem es hier ein Review gibt. Schauen wir uns dazu den Herstellertext an:

McClelland Bombay Extra„We began with Bombay Court, darkened the Virginias, added a touch of perique and increased the latakia, resulting in an enriched version of a unique and popular formula. This blend provides added depth and complexity for those seeking a richer, fuller, Oriental Mixture for after dinner or evening enjoyment.“

Wir haben es also mit einer klassischen Ribbon Cut Mixture zu tun, die aus dominantem Latakia, verschiedenen Orientals, etwas kraftvoll dunkel-süßer Virginias und einer nicht ganz kleinen Menge Periques besteht. Genau das können wir auch am Tabakbild, das für mich zu den schönsten überhaupt zählt, sehen.

McClelland Bombay ExtraErwartungsgemäß lässt sich der Bombay Extra ganz einfach stopfen, entzünden und langsam und kühl bis zum Ende der Füllung durchrauchen! Das garantiert einen langen entspannten Genuss und der stellt sich auch sofort nach dem Entzünden ein: Von Anfang an hat man ein volles und dabei sehr weiches rauchiges Latakia-Aroma im Mund, unterstützt von ein wenig malziger Grundsüße und durch die Orientals versehen mit einer unglaublich eleganten, ätherisch feinen Cremigkeit. Der Perique liefert mit seinen leicht schokoladigen Trockenfrüchtearomen den Gegenpart zum dominanten Latakia. Und das macht er nicht in der ersten Reihe, die dem Latakia vorbehalten ist, sondern quasi aus dem Hintergrund heraus aber doch merklich!

McClelland Bombay ExtraLatakia und Perique sollte man also mögen, denn zwischen den beiden Protagonisten entwickelt sich der Bombay Extra während des Rauchens. Die Virginias bilden mehr und mehr den Hintergrund, dabei aber immer eine schöne Basis bildend, und die Orientals ziehen sich gegen das Ende hin fast ganz zurück. Das heißt, diese ätherische Cremigkeit vom Anfang weicht einem Wechselspiel zwischen Latakia und Perique, wobei der Latakia für sich genommen sehr sehr weich daherkommt. Das ist eine Grundqualität, die auch den reinen Latakia zum Selbermischen von McClelland ausgezeichnet hat, weshalb er unter den reinen Latakias früher immer meine erste Wahl war! So bietet der Bombay Extra bis zum letzten Krümel wirklich Genuß der Extraklasse! Er erfüllt alle Anforderungen, die man an eine Spitzenmischung haben kann!

Wer bis jetzt lesend durchgehalten hat, bekommt noch eine Pfeifenraucher-Anekdote dazu: Während des letzten Lockdowns saß ich eines Vormittags bei mir ganz in der Nähe in einem Park auf der Bank eine Dunhill mit Bombay Extra rauchend. Eine junge Frau mit ihrem etwa dreijährigen Sohn kommen vorbei, der kleine Bub auf einem Laufrad einige Meter vor der Mutter. Auf meiner Höhe bleibt er kurz stehen, schaut mich neugierig an und sagt ganz freundlich „Hallo!“ Ich: „Hallo!“ Er fährt weiter und sagt zu seiner Mutter: „Mama, hier riechts nach Kohle!…Von dem Mann!“ Mutter: „Das riecht nicht nach Kohle, das riecht nach Pfeife!““Mama, ich will auch eine Pfeife!““Aber da bist du noch viel zu klein das ist nichts…(Rest unverständlich)““Mama ich möchte aber eine Pfeife!““Nein das…(unverständlich)“ „Mamma, ICH  WILL  AABERR!“

Also sollte jemand noch eine Dose haben oder irgendwie noch an eine Dose kommen: meine Empfehlung hat der Bombay Extra allemal, ein toller Tabak!

 

 

 




Perfect? Über einen japanisch-deutsch-französisch-italienischen Hybrid-Martini

Bekanntlich zählt der Martini Dry zu den ganz großen Klassikern der Cocktailwelt. Und alle großen Klassiker haben irgendwann ihre mehr oder minder interessanten Twists bekommen; Variationen, die neue Geschmacksrichtungen hinzufügen oder Gewichtungen verändern. Manchmal überflüssig, manchmal witzig, aber vollkommen unbekannt, manchmal selber fast schon Klassiker. Um sowas geht’s hier!

Wer jetzt denkt, oh Gott, jetzt erklärt mir der Hemmer auch noch, wie ich einen richtigen Martini machen soll, der liegt falsch! Das würde ich mich gar nicht trauen, dazu kenne ich mich viel zu wenig aus! Dazu gibt es Berufenere. Das einzige, was ich will, ist etwas vorstellen, was nicht ganz so alltäglich ist und was mir persönlich taugt! Und ich könnte mir vorstellen, dass andere das vielleicht auch ganz lustig finden?!

GIN

Aber ich muß etwas ausholen: Ich glaube, es gibt keine Spirituose, die in den letzten Jahren international einen derartigen Hype ausgelöst hat wie der Gin! War vor 10-15 Jahren das Angebot durchaus überschaubar, so sind in den letzten Jahren die Designer-Gins, die Regional-Gins aus dem Boden geschossen wie die Schwammerl in einem warm-verregneten August! Dabei ist Gin eigentlich eine tendenziell bescheidene Spirituose: Einfacher Agraralkohol mit verschiedenen Botanicals mehrfach destilliert. Da ist eigentlich nichts drin, was so besonders wäre, dass es richtig Geld kosten müsste und Zeit im Sinne von mehrjähriger Fasslagerung muss auch nicht bezahlt werden.

Trotzdem entstand eine große Produktvielfalt an Gins zum Teil zu exorbitanten Preisen: überall hat man dem Botanical-Kanon irgendeine lokale „Spezialität“ hinzugefügt und geschicktes Marketing betrieben à la „Kleinberghofen Dry Gin“ mit seinen unverwechselbaren Noten von Futtermais und Solaranlagen! Bevor jetzt jemand Google bemüht: den gibts‘ natürlich nicht wirklich! Zumindest noch nicht.

Diese neue Produktvielfalt ist per se begrüßenswert und ein Gewinn! Sie ist aber mit einem anderen Hype einhergehend erklärbar: dem um das Tonic-Water! Im Prinzip die gleiche Entwicklung. Mit vielen dieser neuen Gins kann man tolle Gin Tonics machen, die meisten dieser Regional-Gins, soweit ich das überblicke und ich überblicke nicht die ganze neue Gin Welt, haben aber eines gemeinsam: für klassische Martinis fallen sie aus! Zu extrovertiert, zu einseitig, zu fruchtig, zu floral, zu was weiß ich! Dabei hat uns dieser Gin-Hype auch ein paar ganz klassische neue London Dry Gins beschert, mit denen man gloriose Dry Martinis machen kann! Also ein Gewinn allemal. Aber um die geht’s hier nicht.

ROKU GIN

Roku Gin

Roku Gin. Die sechs japanischen Botanicals sind reliefartig auf der sechseckigen Flasche abgebildet.

Es geht um einen Regional-Gin aus Japan! Kein neues und auch kein besonders rares Produkt im Sinne von Nischenproduktion, aber von einem Produzenten, der weiß, wie gute Spirituosen gehen: Suntory! Bekannt vor allem für erstklassige Whiskies, hat man bei Suntory die Produktpalette um Vodka und Gin erweitert. Einen Gin, dem zusätzlich zu seinen klassischen Botanicals sechs typisch japanische Botanicals hinzugefügt werden: Kirschblüten, Kirschblätter, zwei verschiedene grüne Teesorten, Sansho-Pfeffer und Yuzu-Schale, welche entsprechend ihrem jeweiligen idealen Erntezeitpunkt einzeln destilliert und dann zum Endprodukt vereint werden. Dass dieses Endprodukt, der Roku Gin, keine Spirituose ist, die mit monumentalen Primäraromen aufwartet, versteht sich von selbst: es entspräche nicht dem japanischen Geschmacksideal, das darauf ausgelegt ist, die Reinheit der Zutaten möglichst raffiniert auszubalancieren. Auch wenn der Roku Gin durch die Verwendung der klassischen Bitterorangenschalen und Zitronenschalen und dem Hinzufügen der Yuzuschalen einen leichten zitrischen Schwerpunkt hat, handelt es sich um einen fast cremig-trockenen Gin mit sehr feinem Understatement. Das wiederum heißt, dass es sich durchaus lohnt, den Roku Gin auch für klassische Gin-basierte Cocktails auszuprobieren, also auch für Martinis!

PERFECT MARTINI

Kann man mit dem Roku Gin durchaus gute Dry Martinis machen, so gefällt er mir am besten in einem „Perfect Martini“! Dass ein Dry Martini zum großen Teil aus Gin und einem sehr kleinen Teil aus trockenem weißen Vermouth besteht, ist klar, aber was ist ein „Perfect Martini“? Das gängige Rezept, sofern es sowas überhaupt gibt, besteht zu 50% aus Gin und zu 50% aus Vermouth, wobei der Vermouth-Anteil zu gleichen Teilen aus trockenem weißen Vermuth und süßem dunklen Vermouth besteht. Einen solchen „Perfect Martini“ finde ich persönlich furchtbar und vollkommen verzichtbar, weil der Drink zu süß wird und die Gin-Aromen vollkommen hinter den dunkel-süßen Vermouth Aromen verschwinden. Gerade einem so raffinierten Produkt wie dem Roku Gin sollte man das nicht antun! Dennoch kann man an dem Rezept schrauben und ein paar Dinge verändern um einen wirklich schönen Drink zu erhalten:

Die erste Veränderung besteht in der Gewichtung von Gin und Vermouth. Ich mag es gerne, wenn der „Perfect Martini“ einen signifikant größeren Gin-Anteil hat im Verhältnis zum Vermouth-Anteil! Natürlich nicht so dominant wie im Dry Martini, aber doch deutlich größer. Und ich mag es gerne, wenn der „Perfect Martini“ deutlich süßer ist als ein klassischer Martini, aber eben nicht pappsüss! Der Grundgeschmack dieses „Perfect Martinis“ sollte durchaus noch auf der trockenen Seite sein! Das erreicht man ganz einfach dadurch, dass man auch die Vermouth-Anteile zu Gunsten des trockenen Vermouths verschiebt. Um geschmacklich einen feineren, vielleicht homogeneren Eindruck zu erzielen, ersetze ich darüberhinaus den dunklen süßen Vermouth durch weißen süßen Vermouth! Das ist eigentlich der bedeutendste Eingriff! Er hat zur Folge, dass diese trocken-cremige Stilistik des Dry Martinis zwar gesüsst wird aber erhalten bleibt und nicht durch die dunklen Aromen des Turiner Vermouth verändert wird!

Die verwendeten Zutaten für meinen Perfect Martini: Roku Gin, zwei Arten von Vermouth und eine Bergamotte

Wie man nun im Detail balanciert, hängt von den verwendeten Gins bzw. den zwei gewählten Vermouths ab! Mir persönlich gefällt unter den süßen weißen Vermouths ein deutsches Produkt am besten: der Belsazar Vermouth aus dem Badischen! In diesem Vermouth sind sehr gute Grundweine verbaut, was man sofort schmecken kann und er hat die nötige Komplexität, um einen Turiner Vermouth zu ersetzen.

Für meinen „Perfect Martini“ wähle ich ein Verhältnis von fünf Teilen Roku Gin zu drei Teilen Vermouth und diese wiederum aufgeteilt in zwei Teile trockenen Noilly Prat und einen Teil Belsazar White. Nehme ich bei klassischen Dry Martinis gerne auch einen Spritzer Orange Bitters, so verzichte ich hier darauf, weil der Roku Gin, wie oben schon erwähnt, eh leicht auf der zitrischen Seite ist und ich diese fein-cremige geschmackliche Textur nicht beeinträchtigen will. Alles zusammen ins Rührglas und auf Eis kalt rühren! Fertig!? Nein!

Perfect Martini

Ein Perfect Martini mit Bergamottezeste

Wieder muß ich ein bisschen ausholen: Ich mache und trinke zwar das ganze Jahr über Martinis, aber für mich ist der wirklich perfekte Martini, egal ob „Dry“, „Perfect“, „Dirty“ oder Vesper oder wie auch immer, eigentlich ein saisonaler Drink! Das liegt daran, dass ich Martinis immer mit der Zeste einer Zitrusfrucht parfümiere! Das ist eine Frage des persönlichen Geschmacks, aber für mich essentiell. Normalerweise nimmt man eine Zitronenzeste. Von Spätherbst bis ins Frühjahr hinein gibt es aber auch noch andere Zitrusfrüchte neben den ganzjährig vorhandenen Zitronen und Orangen und hier wird’s spannend, denn es sind in erster Linie Bergamotte und Bitterorangen, die nur dann reif sind und deren Schalen man unter anderem perfekt für Cocktails verwenden kann und die Cocktails eine ganz besondere Note verleihen! Bitterorangenzeste zum Manhattan etwa, aber das gehört nicht hierher.

BERGAMOTTE

Bergamotte

Bergamotte aus Kalabrien

In unserem Fall ist die Bergamotte die Zitrusfrucht der Wahl! Zugegeben nicht überall und nicht ganz einfach zu bekommen, da die Bergamotte eigentlich nicht zum Verzehr angebaut wird (Bergamotten schmecken sehr sauer und sehr bitter zugleich, eine unvorteilhafte Kombination). Sie wird der ätherischen Öle wegen angebaut, die in den Schalen vorhanden sind und die zur Herstellung von Earl Grey Tee, aber in erster Linie für die Parfümindustrie benötigt werden! Und was für die Parfümherstellung recht ist, sollte uns für unseren „Perfect Martini“ nur billig sein! Das Aroma der Bergamotte ist herb, beintrocken grün, zitrisch frisch, immer irritierend, komplex und einzigartig! Eine Bergamotteschale über einen erstklassigen Martini zu pressen ist seine Apotheose, denn es unterstützt bei aller Parfümierung seine „Trockenheit“ auf einzigartige Weise! Und genau so eine Bergamottezeste sprühe ich über den „Perfect Martini“ und gebe sie dann in den Cocktail. Aber Vorsicht: die Schale ist bitter, auch wenn es gelungen ist, nur das grün-gelbe Äußere abzuschneiden! Das heißt, sie verändert unseren Martini über die Zeit und je nach Geschmack (ich persönlich mag „bitter“) muss man sie früher oder später rausnehmen! Das ist vor allem der Tipp für die langsameren Trinker unter uns!

Viel Vergnügen beim Ausprobieren!




Cornell & Diehl | Byzantium

Boah! Was für ein fürchterlicher Scheisstabak ist das denn? Muffig ohne Ende! Dazu noch patschnass! Dabei kommt der gar nicht in Plastiktüten sondern kultiviert in Dosen mit ansehnlichem Etikett über den Atlantik geflogen! Mein erster Eindruck war schlicht schockierend. Aber er war auch einem unglücklichen Umstand geschuldet:

Kurzfristig beschlossen, einen Spaziergang im Olympiapark zu unternehmen, Bus fährt gleich und nur alle zwanzig Minuten am Sonntag, schnell noch eine Pfeife gestopft, neue Dose unbekannten Tabaks geöffnet, Cornell & Diehl, die sonst immer auf der trockenen Seite konfektioniert sind, diesmal nicht. Trotzdem gestopft. Bus gerade noch erwischt. Angekommen und nach wenigen Minuten versucht, den Tabak anzuzünden. Versucht, den Tabak anzuzünden. Nochmal. Und nochmal. Frau ungeduldig. Katastrophe biblischen Ausmaßes! Dagegen muss die Durchquerung des Roten Meeres ein Spaziergang gewesen sein! Geschworen, mich nie wieder über das Anzünden eines frischen S. Gawith Flakes zu beschweren! Irgendwann, vermutlich in Folge göttlichen Eingreifens (Gott konnte sicher das Elend nicht mehr mit ansehen), doch noch erfolgreich gewesen! 50 Meter spaziert. Stehengeblieben. Musste Nachzünden. 100 Meter spaziert. Nachzünden! Frau genervt (so stelle ich mir das Gekeife zwischen Moses und Aaron vor)! Usw. usw.. Nach zwanzig Minuten entnervt die Pfeife notgeräumt! Gottseidank hatte ich noch Toscanelli dabei: großer, zutiefst befriedigender Genuss stellte sich unmittelbar ein! Entspannung der Lage! Zufriedenheit. Toscanelli sind schwer unterschätzt!

Cornell & Diehl ByzantiumDie Dose Byzantium habe ich erst einmal ein paar Tage nur von außen angeschaut und mich gefragt, warum der Tabak nicht besser „Sultan Mehmets Rache“ heißt? Dann tat er mir leid und ich dachte, versuch’s nochmal! So einen Tabak wirft man doch nicht einfach weg! Und wenn du Zeit und Ruhe hast, dann kann man den vielleicht doch noch rauchen? Und was soll ich sagen: ein Wunder, ein Wunder!

Na ja, okay, kein wirkliches Wunder, eher eines, das diesen lausig schlecht schließenden Plastikdeckeln der Cornell & Diehl Dosen geschuldet ist, denn der Tabak war nach den paar Tagen genau da, wo die Tabake von Cornell & Diehl sonst beim Öffnen sind: auf der leicht trockenen Seite! Und eigentlich beginnt erst jetzt das Review.

Der Byzantium ist eine Ribbon Cut Mixture, die aus einem wirklich großen Latakia-Anteil besteht, Orientals und etwas Perique. Das Tabakbild ist fast schwarz, grünlich dunkelbraun durchsetzt und neben gröber geschnittenem Blattgut gibt es auch recht feines Gebrösel. Aber immer noch Blattgut, also nicht dieser „staubige“ Rest, wie er manchmal am Ende der Dose übrig bleibt! Ich würde deshalb für den Byzantium keine allzu kleinen Brennkammern empfehlen! Dunhill Group 3 geht aber noch sehr gut!

Cornell & Diehl ByzantiumDer Geruch des Byzantium ist überraschend: erwartbar ist die opulente Rauchigkeit des Latakias, was bei Cornell & Diehl aber eher überrascht, das ist eine deutlich wahrnehmbare säuerliche Note, fast wie bei einem McClelland das Ketchup nur hier mit deutlich weniger Tomatensüsse! Vor allem bei der frisch geöffneten Dose finden sich diese sauren Noten, wird der Byzantium trockener, dann wird der Eindruck etwas weicher! Insgesamt ist da aber doch ein eher gewöhnungsbedürftiges und nicht unbedingt harmonisches Geruchsbild!

Der Byzantium lässt sich vollkommen problemlos stopfen und jetzt, da er eher trocken ist, auch vollkommen problemlos anzünden! In diesem Zustand glimmt er auch problemlos ab. Und in diesem Zustand zeigt der Tabak auch seine ganze Klasse und eröffnet uns ein heutzutage fast ungewöhnliches, sogar extremes Geschmacksbild, das bestimmt nicht dazu taugt, everybody’s darling zu sein: der Byzantium dürfte ein Tabak sein, der polarisiert!

Warum? Weil der Byzantium nicht nur sehr rauchig ist, zwar über die nötige Grundsüsse verfügt, aber trotzdem weit davon entfernt ist, mit einer schmeichelnden Süsse versehen zu sein, und weil er vor allem extrem erdig und damit kantig wirkt! Der Byzantium ist ein Tabak, der sofort seine Ellenbogen ausfährt, da gibt es nichts, was gefällig wirkt, auch gar nicht so wirken will! Selbst der Perique, sonst oft Garant für schwer-aromatischen Wohlgeschmack, ist hier so dosiert, dass der Byzantium nicht vom Weg der Zivilisation abkommt!

In seiner Art wirkt der Byzantium wie ein wenig aus der Zeit gefallen, fast ein Retro-Tabak. Der Stil der Komposition – nicht der Geschmack(!) – erinnert zwangsläufig an den alten Dunhill Nightcap! Das nur, um zu verdeutlichen, mit was für einer Granate man es beim Byzantium zu tun hat! Und vielleicht auch, warum er in meinen Augen polarisieren dürfte!

Cornell & Diehl ByzantiumNach dem Entzünden haben wir geschmacklich neben der Latakia-Rauchigkeit eine eigentlich nicht allzu breite Basis mit erdigen Noten verbunden mit feuchtem Laub, Moos und Unterholz. Das, was hier erst einmal „schwer“ klingt, schmeckt aber gar nicht „schwer“: es fühlt sich ein bisschen wie eine Wanderung im Bergwald nach einer Stunde und nicht nach sechs Stunden und 1000 Höhenmetern an! Die Orientals wirken grün und ganz leicht cremig, von cremiger Malzsüsse aber keine Spur! Die Substanz, die sie dem Tabak verleihen, ist ganz leicht süßlich und durchaus leichtfüssig, wobei die Leichtfüssigkeit vom Rest sofort im wahrsten Sinne des Wortes geerdet wird. Der geschmackliche Gesamteindruck ist „herb“ und daran ändert auch der Perique nichts, der im Einklang mit den süßlich grünen Orientals lediglich dafür sorgt, dass wir es beim Byzantium nicht mit einem Tabak zu tun haben, den man „rustikal“ nennen könnte.

Rustikal ist der Byzantium wirklich nicht, aber ein Tabak, der vor kantiger Männlichkeit nur so strotzt: das weisse Hemd ist einen Knopf zuviel auf, aber es wird noch ein dunkler Blazer getragen! Für Anfänger würde ich den Byzantium nicht empfehlen, denn dafür ist die oben erwähnte Granate eine Spur zu groß und auch durchaus zu „full“: ein Macho, aber ein echter, keiner der etwas sein will, was er nicht ist! Für eingefleischte Latakianer, vielleicht auch jene, die solche Tabake wie den alten(!) Nightcap vermissen, kann der Byzantium eine Offenbarung sein! Aber Vorsicht: der alte Nightcap war immer noch alter englischer Adel! Davon ist der Byzantium weit entfernt.

Trotz meiner Anfangsschwierigkeiten möchte ich den Tabak gerne empfehlen, mir gefällt er in seiner Sperrigkeit wirklich sehr gut und jeder, der bis jetzt gelesen hat, weiß, worauf er sich einlässt… Also: nur Mut!

 




Cornell & Diehl | Bow-Legged Bear

Man könnte den Eindruck haben, da wird gepresst, was nicht bis drei auf’m Baum ist. Was bei uns eher die Ausnahme ist, nämlich Mixtures zu Krumble Kakes zu pressen, das ist bei Cornell & Diehl weit verbreitete Normalität. Und diese Normalität schenkt uns Tabake, die über wunderbare Abbrandeigenschaften verfügen und uns damit ziemlich eindrucksvolle Geschmackserlebnisse bescheren. Man könnte auch sagen: „Das ist der Triumph der Langsamkeit“! Der Bow-Legged Bear ist ein Paradebeispiel dafür!

Cornell & Diehl Bow Legged BearBeim Pfeiferauchen ist Langsamkeit ein Zauberwort, denn je langsamer ein Tabak abglimmt, desto mehr Geschmacksnuancen kann dieser Tabak entfalten. Das ist der Grund, warum man von Herstellerseite erst den Aufwand des Pressens und des Portionierens und dann auf Raucherseite den des Aufbereitens betreibt. Nun ist es aber keineswegs so, dass jeder Tabak bzw. jede Mixture gewinnt, wenn man sie nur presst! Einen Tankstellentabak im Beutel wird man nicht zum Rollce Royce pimpen können, auch wenn man sich das nach all dem Aufwand noch so sehr einbilden mag. Taugt das Blattgut nicht, wird’s auch nach dem Pressen nicht taugen… Denn die Geschmacksnuancen müssen im Tabak angelegt sein, das Pressen bringt keine neuen, es hilft nur, dass sie sich beim Rauchen besser entfalten können!

Im Prinzip gibt es zwei Arten von herausragenden Krumble Kakes: klassische Mischungen mit einem hohen Anteil sogenannter Würztabake und reine Virginia bzw. Virginia/Perique Mischungen mit komplexen Anteilen hochwertigster Virginias. Zu den ersteren zählt der Bow-Legged Bear.

Cornell & Diehl Bow Legged BearUnser krummbeiniger Bär, der sich Pfeife rauchend als Tabakbauer verdingt, steht für eine klassische englische Mischung, der man bei Cornell & Diehl ganz unklassisch amerikanisch Burleys und Perique hinzugefügt hat. Die Mischung ist komplex und vielschichtig, obwohl der Latakia-Anteil geschmacklich wie auch im Geruch aus der Dose dominant ist. Von den Würztabaken spielt der Perique eine deutlich untergeordnete Rolle, auch wenn er auszumachen ist und für eine wundervolle geschmackliche Abrundung sorgt mit seinen dunkel-fruchtigen Aromen. Der Tabak ist durchaus „Full“ im Geschmack, wie es auch auf der Dose steht, trotzdem ist der Bow-Legged Bear kein überwältigend starker Tabak, was letztlich dem hohen Latakia-Anteil zu verdanken ist.

Cornell & Diehl Bow Legged BearÖffnet man die Dose, hat man sofort die ätherische Rauchigkeit einer englischen Mischung in der Nase, aber man merkt auch gleich, dass da eine seriöse, aber nicht zu breite Substanz an Virginias vorhanden ist. Das Schokoladige/Nussige des Burleys lässt sich für mich nicht ausmachen, es ist gut verpackt. Geschmacklich wird das dann etwas anders, denn Burley und Perique verbünden sich, um den Bow-Legged Bear schön abzurunden.

Hat man erst den ganzen Cornell & Diehl-typischen Papierkram irgendwie beiseite geschafft, prangen einem zwei gepresste Quader dunkelbraunen Tabaks entgegen, den man sich vielleicht aufgrund des Geruchs sogar noch etwas schwärzer erwartet hätte. Die Konsistenz der Quader ist dicht und fest, fest genug, dass der Tabak nicht sofort auseinanderbröselt, wenn man ein Stück herausnimmt und auch fest genug, um den Bow-Legged Bear mit dem Messer in relativ dünne Scheibchen zu schneiden. Man kann den Tabak zwar auch direkt vom Quader bröseln und in die Pfeife füllen, aber mit der „Scheibchenmethode“ bleiben nach dem grobem Aufrubbeln der abgeschnitten Scheibchen kleine lockere „Cubes“ übrig, die meiner Erfahrung nach einen noch langsameren Abbrand gewährleisten. Bei sehr locker gepressten Krumble Kakes funktioniert das nicht und man kann sich den Schritt des Schneiden getrost sparen, hier in diesem Fall beim Bow-Legged Bear funktioniert es mustergültig!

Cornell & Diehl Bow Legged BearDas Stopfen ist dann vollkommen problemlos, ganz oben drauf kommt eh der feinere Rest, und auch das Anzünden geht ohne Komplikationen, denn der Bow-Legged Bear kommt mit perfekter Feuchtigkeit aus der Dose. Er ist, wie bei vielen Cornell & Diehl Tabaken üblich, eher auf der trockenen Seite!

Was bis jetzt alles eher spektakulär klingt, das relativiert sich etwas beim ersten Eindruck im Geschmack: Die Virginias legen einen dichten Teppich an malziger Süsse mit Aromen von süsser leicht holziger Creme und frischem Schwarzbrot aus. Dazu kommen Röstnoten und die satte Rauchigkeit des Latakias. Lediglich die Orientals sorgen dafür, dass wir keinen allzu dicken schweren Eindruck haben, sie verleihen dem Bow-Legged Bear genau das Maß an Leichtigkeit, das es braucht, um nicht uninteressant zu wirken.

Cornell & Diehl Bow Legged BearDas besonders Interessante an diesem Tabak aber ist die Abrundung durch den Burley und den Perique! Und das nicht zuletzt deshalb, weil sich diese Abrundung geschmacklich entwickelt: Kommt der Bow-Legged Bear am Anfang nach dem Entzünden eher geradlinig daher, so entfalten sich diese leicht nussig-schokoladigen und trockenfruchtigen Aromen des Burleys und des Periques mit der Rauchdauer und durch den extrem langsamen Abbrands des Krumble Kakes!

Einhergehend mit dieser geschmacklichen Entwicklung des Bow-Legged Bears entwickelt sich auch die Fülle des Tabaks. Er startet „medium“ und entwickelt sich immer mehr in Richtung „full“, aber das tut er nicht, indem nur alles stärker wird, sondern indem die Aromenfülle zunimmt und der Perique immer deutlicher wird! Und das alles im Zeitlupentempo! Eine durchschnittlich große Füllung etwa Dunhill Group 4 braucht locker zwei bis zweieinhalb Stunden bis sie aufgeraucht ist. Und das ohne jede Aufmerksamkeit oder Nachzünden!

Für mich wäre der Bow-Legged Bear ein perfekter Alldays Smoke, wäre er nicht auch interessant genug für nach dem Abendessen! Nur: Zeit muß man für den Tabak mitbringen – aber was gibt es schöneres, als Zeit zu haben… Wenn man Gelegenheit hat, an den Tabak zu kommen: Probieren lohnt sich sehr!




Cornell & Diehl | Black Frigate

Er zählt angeblich zu den beliebtesten Tabaken von Cornell & Diehl, ist in Europa, glaube ich, nur bei unseren Nachbarn in der Schweiz erhältlich und taucht in der öffentlichen Wahrnehmung hierzulande kaum auf. Das ist ebenso schade wie unerklärlich, denn der Black Frigate ist ein ziemlich eindrucksvoller Tabak, der auf der einen Seite ein bisschen zwischen den Stühlen sitzt, obwohl er andererseits den Platz im Lehnsessel verdient hätte. Zeit, mal einen Blick darauf zu richten!

Cornell & Diehl Black FrigateAm besten beginne ich mit einem Vergleich zu einem Tabak, der vorbehaltlich brexitärer Entwicklungen, auch bei uns erhältlich ist, nämlich zu Samuel Gawith’s Navy Flake, einem Tabak, der eine ähnliche Intention wie der Black Frigate hat, geschmacklich und stilistisch durchaus vergleichbar ist, auch wenn die Zusammensetzung der vorhandenen Tabake sich bei beiden etwas unterscheidet. Wichtiger ist, was die Tabake verbindet und das ist bei beiden die Kombination einer Rum-Aromatisierung mit Latakia!

Cornell & Diehl Black FrigateUnd da wären wir schon bei „zwischen den Stühlen“ angekommen, da eingeschworene Latakia-Raucher im Regelfall froh sind, wenn ihre rauchigen Lieblingstabake nicht durch irgendeine Form von Aromatisierung im Geschmack beeinträchtigt werden. Das passiert beim Black Frigate allerdings in sehr überschaubarem Maße und passt darüber hinaus ganz vorzüglich zum Geschmacksbild des Tabaks. Die Aromatisierung hier ist definitiv keine, vor der man Bedenken haben müsste, zumal der Rum, den man beim Black Frigate ganz leicht im Hintergund schmeckt, keine dieser plumpen vordergründig fruchtigen Zuckerbomben ist sondern stilistisch eher einem Rhum Agricole entspricht: Raucherclub statt Mädelsabend!

Im direkten Vergleich zum Navy Flake von Samuel Gawith würde ich die Aromatisierung beim Black Frigate als deutlicher wahrnehmbar einschätzen, allerdings sind dabei einerseits die Chargenschwankungen bei Gawith zu berücksichtigen und andererseits der Charakter der Tabakbasis: Während beim Navy Flake nur ein relativ dezenter Latakiaanteil zu Buche schlägt, haben wir es beim Black Frigate mit einem signifikanten Latakiaanteil zu tun. Cornell & Diehl Black FrigateUnd dieser höhere Latakiaanteil kann natürlich auch eine etwas intensivere Aromatisierung recht problemlos ausbalancieren! Das heißt jetzt nicht, daß wir es beim Black Frigate mit einer Latakiabombe zu tun haben, aber die Entermesser auf der schwarzen Fregatte sind schon deutlich länger als bei der gesitteten Royal Navy und für die richtigen Mordwerkzeuge hat Cornell & Diehl ja immer noch den Pirate Kake im Programm…

Cornell & Diehl Black FrigateWährend beim Navy Flake das, was Samuel Gawith am besten kann, nämlich ein Virginia-Flake mit Latakia die Grundlage bildet, sind es beim Black Frigate Navy Cavendish, also dunkelst fermentierte Virginias, mit diversen Orientals und Latakia. Und zwar als Ribbon Cut Mixture, die zu einem Krumble Kake gepresst wurde. Unabhängig von seiner Aromatisierung wartet dieser Tabak mit einer hohen aber gleichzeitig dezenten Grundsüsse auf, der die Orientals einen leicht ätherischen Charakter verleihen, wie wir ihn von klassisch englischen Mixtures her kennen. Das alles hat zur Folge, dass der Black Frigate nicht nur einen sehr harmonischen Eindruck hinterlässt, sondern vom ersten bis zum letzten Zug auch sehr natürlich wirkt: niemals hat man das Gefühl, dass man es mit einem konstruierten Aromaten zu tun hat!

Durch seine Aufbereitung als Krumble Kake, der relativ trocken trocken ausfällt und auch nicht übermaßig stark gepresst wurde, wird der Black Frigate unglaublich ergiebig: an eine Füllung, die vollkommen problemlos zu stopfen ist, raucht man eine gefühlte Ewigkeit! Und zwar kühl, gleichmäßig und völlig ohne jegliches Nachzünden! Der Geschmack ist entsprechend vollmundig, sehr erdig und cremig zugleich mit fruchtigen und rauchigen Anklängen: Genuß pur! Cornell & Diehl Black FrigateWas die Stärke angeht muss man allerdings konstatieren, dass die schwarze Fregatte doch eher ein Linienschiff ist: hier wird aus zwei Kanonendecks gefeuert, also irgendwo zwischen Medium und Full! Eher nichts für nach dem Frühstück aber nach dem Abendessen gar kein Problem. Ob der Black Frigate nun der perfekte Alldays Smoke ist muss dann letztlich jeder für sich entscheiden, denn die Wahrnehmung und Verträglichkeit von Nikotin ist unterschiedlich! Großen Genuß gibt’s aber immer! Ein sehr empfehlenswerter Tabak!




Pfeifen Huber | Epikur

Tabake werden nicht besser, nur weil man öfter über sie schreibt. Es gibt hier bereits einen Artikel über diesen Tabak, in dem vieles, was man vielleicht wissen will, schon beschrieben ist. Warum also nochmal einen Artikel über den Epikur? Ganz einfach: weil ich mehr über den Geschmack schreiben will und weil ich ihn vollkommen anders aufbereite, als Bodo das beschrieben hat.

In Erwartung, dass der Brexit auf dem Tabakmarkt nicht spurlos vorüber gehen könnte, habe ich kurzfristig beschlossen, mir nochmal ein paar Dosen des Epikurs zu kaufen und einzulagern. Das ist im Wesentlichen der Anlaß für dieses Review und meine Überlegungen.

EpikurBekanntlich handelt es sich beim Epikur um die Plug-Version von Samuel Gawith’s Full Virginia Flake. Der Full Virginia Flake wird in Deutschland flächendeckend angeboten, der Plug, also der Epikur, nur unter dem Huber Etikett. Jetzt kann man sich fragen, ob es das überhaupt braucht? Klare Antwort: Ja! Nächste Frage: Warum braucht es das? Und jetzt muss man schon ein bisschen weiter ausholen:

Plugs zu rauchen ist kein Zauberwerk, das einer erfahrenen Raucherelite vorbehalten ist, Plugs zu rauchen ist einfach nur mehr Aufwand! Und den betreibt man nicht, weil es etwas besonderes ist, mehr Aufwand zu betreiben, sondern weil man im Wesentlichen zwei Vorteile hat, wenn der gepresste Tabak nicht schon in Scheiben geschnitten oder gar zum Ready Rubbed vorgerubbelt ist.

Der erste Grund hat mit dem Hersteller Samuel Gawith und dessen Konfektionierung der Flakes zu tun: Die Scheiben des Full Virginia Flakes sind nicht selten relativ dick geschnitten, ungleichmäßig geschnitten und ziemlich feucht abgepackt. Das macht das Rauchen dieses Flakes manchmal nicht gerade einfach, je nachdem, wie man ihn gerade erhält. Beim Plug, der auch relativ feucht ist, hat man das Aufbereiten in der eigenen Hand, was für mich ein signifikanter technischer Vorteil ist.

EpikurDer zweite Grund dagegen ist viel fundamentaler und für mich der eigentliche, um die Plugversion zu bevorzugen: Plugs reifen anders als geschnittene Tabakscheiben oder gar ein Ready Rubbed! Der Geschmack, der dabei entsteht, ist komplexer und intensiver als bei den bereits aufbereiteten Versionen! Und gerade, wenn man dem Tabak Zeit zum Reifen lässt, ist es den Mehraufwand des Aufbereitens allemal wert!

Gleich vorweg möchte ich sagen, dass Samuel Gawith’s Full Virginia Flake für mich DER Referenztabak unter reinen Virginiatabaken ist – gerade nachdem McClelland mit ihrer speziellen Fermentation die Produktion eingestellt hat. Und der gereifte Epikur ist folgerichtig die Referenz der Referenz! Auch wenn es wirklich viele reine Virginias auf dem Markt gibt, in vielen Stilen, der Full Virginia Flake und der Epikur im Besonderen stellen für mich den Archetypus eines perfekten Virginias dar. Der Tabak zeigt alle Facetten auf, die Virginia haben kann und das auf allerhöchstem Niveau!

Der Epikur kommt in kleinen gepressten Quadern und Würfeln, zum Teil mit kleineren Flakestücken auf das richtige Füllgewicht von 100g gebracht. Das Konfektionieren eines solchen Tabaks ist nicht ganz einfach, weshalb diese Tabakform auch relativ selten ist. Wenn ich solche Dosen aufmache und reinschaue, dann denke ich immer an jemanden, der erleichtert „Ubongo“ schreit… Die Farbe der Tabakwürfel ist eher dunkelbraun mit hellen Streifen durchsetzt, an den Schnittflächen lassen sich schön die einzelnen Blätter mit ihrem farblichen Nuancen erkennen. Auch leicht hellgraue kristalline Ausscheidungen zeigen sich vereinzelt. Der Geruch ist intensiv malzig süß und hat feine Nuancen von getrockneten Früchten, eine ganz dezente Säure und etwas Heu.

EpikurInteressant ist, einen frisch gekauften Epikur mit einem vier Jahre lang gelagerten zu vergleichen: hier zeigt sich schon allein optisch, was der Reifeprozess bewirkt, denn der gereifte Tabak ist jetzt fast schwarz und im Geruch dominieren die Trockenfrüchte mit Karamell und etwas Schokolade, während das Heu vollends verschwunden ist.

Nächste Frage ist nun, wie bereite ich den Tabak auf, um ihn geniessen zu können. Bodo schlägt in seinem Artikel vor, ihn quasi in einen Cube Cut zu zerschneiden, also in kleine Würfelchen, die man dann in die Pfeife einfüllt. Mit dieser Version komme ich persönlich nicht besonders gut klar, weil, wie oben schon erwähnt, der Tabak relativ feucht ist und die feuchten Cubes lange brauchen, um ein bisschen zu trocknen und feucht nicht besonders gut glimmen. Die geschmackliche Entwicklung ist für mich eher bescheiden. Man kann ihn so rauchen, aber für mich ist das nicht die beste Wahl!

EpikurIch bevorzuge es, mit einem wirklich sehr scharfen Kochmesser sehr sehr dünne Scheiben von den Würfeln abzuschneiden, ca. 1mm dick, also fast eher Späne als Scheiben. Der Tabak ist feucht und dicht genug, sodass diese dünnen Späne nicht zerfallen. Auf diese Weise lässt sich der Tabak ganz leicht etwas antrocknen – das dauert nur zehn Minuten bis eine Viertelstunde – und die so getrockneten Scheibchen lassen sich perfekt in Kügelchen gedreht oder geknickt und gefaltet in den Pfeifenkopf füllen. Wie bei einem Flake. Nur entwickelt bei meiner Art zu rauchen der etwas trockenere Epikur auf diese Weise eine größere Geschmacksfülle, weil er unkomplizierter und bei mir kühler abglimmt. Das liegt auch daran, dass ich die relativ feuchten Cubes doch öfter mal nachzünden muss, während die getrockneten Späne problemlos langsam vor sich hinglimmen. Das macht sich bei mir geschmacklich sehr positiv bemerkbar.

EpikurEntzündet man den Tabak, was auch bei meiner Methode ein paar Anläufe braucht bis die Oberfläche gleichmäßig glimmt, dann haben wir sofort betörend süße malzige Noten mit einem leichten Karamell und Röstaromen wie von Brotkruste. Anfangs auch mit leichten heuigen Noten versetzt, die sich aber im Lauf der Füllung immer weiter verflüchtigen und mehr und mehr den Noten nach getrockneten Früchten (Feige) und in Nuancen dunkler Schokolade Platz machen. Die ersten zwei Drittel der Füllung wirkt der Tabak opulent und cremig süß, erst zum Ende hin wird er nicht nur stärker und intensiver sondern auch zunehmend erdiger und kantiger. Die Süsse bleibt bis zum Finale präsent und sorgt dafür, dass der Geschmackseindruck nicht rustikal endet, sondern immer fein und perfekt balanciert wirkt.

Full heißt hier nicht stark im Sinne von Nikotinstärke, sondern im Sinn von Geschmacksfülle! Auch wenn der Tabak schon das nötige und natürliche Gewicht besitzt und keineswegs leicht ist. Überwältigend stark aber ist er nicht. Wem er trotzdem zu kraftvoll daherkommt, der sei an den Best Brown Flake oder dessen Plug-Bruder Kendal Plug verwiesen! Der ist im Stil ähnlich, aber deutlich leichter, was man allerdings auch an der Geschmacksfülle merkt: kleines Feuerwerk beim Kendal Plug, großes Feuerwerk beim Epikur!




Samuel Gawith | Commonwealth Mixture

„Was fällt Ihnen ein zu dem Begriff „Commonwealth“? 20 Sekunden! Dalli Dalli:“ „Äh. Äh. Canada!“ „Australien!“ „Indien!“ „Neuseeland!“ „Singapur!“ „Äh. Äh. Südafrika!“….. Und was fällt Ihnen zu dem Begriff „Commonwealth“ ganz bestimmt nicht ein? Na? Genau: Kendal Castle!

Kendal Castle ist diese Ruine neben dem Union Jack auf der linken Seite des Dosenetiketts der Commonwealth Mixture von Samuel Gawith und meine Assoziation, betrachte ich dieses Bild, wäre momentan eher sowas wie eine Neuerscheinung namens „Brexit’s Crumble“ etwa aus 100% erlesenem Black Cavendish mit einem einzigartigen Myrrhearoma gereift in Re-Fill Fässern von Magenbitter! Aber als Samuel Gawith’s Commonwealth Mixture das Licht der Welt erblickte, angeblich 1992 um 200 Jahre Samuel Gawith Tobacco zu feiern, war der Brexit fern und der Anlass zweifellos positiv!

Samuel Gawith CommonwealthGefeiert wurde mit der klassischsten Variante einer „englischen“ Mischung, nämlich einer Ribbon Cut Mixture aus Virginia und Latakia. Und das in unserem Fall hier gerecht 50:50 aufgeteilt. Das klingt nicht besonders spektakulär und das ist auch nicht besonders spektakulär. Wer bei der Commonwealth Mixture irgendwas spektakuläres sucht, der hat im Regal daneben gelangt und Balkan Flake, Skiff Mixture oder den Squadron Leader knapp verfehlt!

Das heißt jetzt nicht, dass die Commonwealth Mixture schlecht wäre, denn das ist sie auf gar keinen Fall, es ist nur so, dass man sich fragt, warum man ein 200 jähriges Firmenjubiläum mit so einem grundsoliden, hochwertigen, aber vollkommen unspektakulären Tabak begehen muß?

Samuel Gawith CommonwealthDas wirkt, als würde die Patisserieabteilung vom Dallmayr einen Aniszwieback zum Jubiläumsfest beigetragen haben. Ich mag ja Aniszwieback. Und wenn er gut ist, dann mag ich ihn sogar sehr. Und genau so verhält es sich auch mit der Commonwealth Mixture.

Diese kommt in der neuen Verpackung daher, also vakuumiert mit dickem Pappkarton und Gawith&Hoggarth Aufdruck auf selbigem. Das Tabakbild ist erwartungsgemäß ebenso unspektakulär wie die Komposition: da wechseln sich mittelbraune, dunkelbraune und leicht rötliche dunkle Virginias mit schwarzem Latakia ab. Das Tabakbild suggeriert eine gewisse „Schwere“ und man denkt unweigerlich an den „Untertitel“ des Commonwealth, wie er auf dem Etikett aufgedruckt steht: „Full Strength Mixture“!

Samuel Gawith CommonwealthDa stellt sich dann die Frage, wie stark eine Mischung eigentlich sein kann, die zur Hälfte aus Latakia besteht? Jedenfalls nicht so stark, als dass irgend jemand Angst davor haben müsste, von der Commonwealth Mixture überfordert zu sein! Bruder Leichtfuß ist der Commonwealth aber trotzdem keiner, denn die Virginias verleihen der Mischung schon einen beachtlichen Körper und das auf eine sehr angenehme und unaufdringliche Art. Riecht man an der Commonwealth Mixture, dann zeigt sich der Tabak in erster Linie rauchig. Klar, bei 50% Latakia-Anteil ist nichts anderes zu erwarten – aber die Rauchigkeit ist keine leichte gar ätherische, sie ist erdig und fast ein wenig muffig eingebunden. Hier wirkt der Tabak sehr Old School aber trotzdem attraktiv.

Virginias ist das, was sie in Kendal meiner Meinung nach am besten können und das merkt man auch an der Commonwealth Mixture. Eine malzige und leicht erdige Süsse bestimmt geschmacklich den Commonwealth. Nicht cremig, nicht zitrisch, auch nicht heu-ig und noch nicht einmal besonders süß, aber in einer vollkommen unspektakulären Art und Weise perfekt gemacht. Wie eine perfekt gemachte traditionelle Linsensuppe ohne Schnickschnack! Und das nun gepaart mit der doch sehr vollen Rauchigkeit, das hat was, das macht ein großes Vergnügen, ohne dass man gleich wüßte, warum eigentlich.

Samuel Gawith CommonwealthEs ist der perfekte Alldays Smoke, wenn man einen englischen Tabak will, der einem schmeckt, ohne dass man überlegen müßte, warum er einem eigentlich schmeckt. Die Commonwealth Mixture kommt perfekt konditioniert wie die meisten Latakia-Mischungen von Samuel Gawith. Man kann den Tabak vollkommen problemlos stopfen, anzünden und kühl und gleichmäßig langsam bis zum Ende rauchen, ohne dass sich der Charakter der Commonwealth Mixture geschmacklich verändern würde. Er wird nicht stärker zum Ende hin, auch nie bitter oder beissend. Er liefert eine malzig erdige Rauchigkeit vom Entzünden bis zum Schluss mit einer absolut überzeugenden Konstanz.

Für jemanden, der genau so einen Alltagstabak sucht, ist die Commonwealth Mixture die perfekte Wahl! Will man ein Feuerwerk oder eine große Entwicklung, dann muß man sich anderweitig umschauen! Für Anfänger geeignet ist der Tabak allemal, gerade auch wegen seiner gutmütigen Abbrandeigenschaften, aber ich weiß nicht, ob man als Anfänger die beträchtliche Qualität des Tabaks zu schätzen weiss? Denn die Qualität liegt darin, auf einem hohen Niveau unspektakulär zu sein.


 

Für weitere Reviews von SG Tabaken klick ins Bild

 

 




Samuel Gawith | Sam’s Flake

„Wie ist eigentlich der Sam’s Flake?“ „Hm. Ich hab‘ den vor Jahren mal geraucht und fand ihn recht mäßig. Kann mich aber auch nicht mehr genau erinnern.“ Also habe ich mir eine Dose gekauft um mich zu erinnern oder auch nicht und vor allem, weil ich gesehen habe, dass uns der Sam’s Flake irgendwie durch die Lappen gegangen ist… und das wäre schade, weil es sich um einen durchaus interessanten Tabak handelt!

Samuel Gawith Sam's Flake„Play it Sam! Play As Time Goes By!“ Natürlich weiß ich, dass der Sam, um den es hier geht, nicht in Rick’s Café in Casablanca Piano spielt, sondern der Samuel Gawith ist, der gleichnamige Tabakmanufaktur gegründet hat. Trotzdem gefällt mir der Griff in die Filmgeschichte, weil „Wie die Zeit vergeht“ eigentlich eine sehr passende Assoziation zum Sam’s Flake ist: das ist für mich ein Retrotabak wie er im Buche steht. Ein Tabak, der einen Blick freigibt in eine Zeit, in welcher der homöopatische Einsatz von Cumarin bei Virginia basierten Blends nicht ungewöhnlich und auch nicht verboten war. Beim Sam’s Flake geht es um eine Aromatisierung mit Tonkabohne. Hier hat der Sam’s Flake eine Parallele im Sortiment von Samuel Gawith, nämlich im 1792 Flake, allerdings wirkt der Sam’s Flake wesentlich dezenter und feiner als der 1792 Flake! Und im Gegensatz zum 1792 Flake ist er auch keine belastende Nikotinbombe!

Der Sam’s Flake hat eine Tabakbasis, die aus mittelkräftigen flue cured Virginia-Tabaken und Orientals besteht. Die Virginias liefern ein hohes Maß an malziger Süsse bei relativ dezentem Nikotingehalt, die Orientals, die geschmacklich in der zweiten Reihe stehen, sorgen für einen fast blumigen Charakter des Blends, auf den die Tonkabohnenaromatisierung aufgesetzt ist. Wie gut das passt, wird klar, wenn wir die Dose öffnen und riechen. Verpackt ist mein Sam’s Flake noch in der älteren Version, also ohne den dicken Karton!

Samuel Gawith Sam's FlakeDabei wäre das in diesem Fall vielleicht sogar von Vorteil gewesen um den Trocknungsprozess in der geöffneten Dose zu verlangsamen, denn im Gegensatz zu den meisten Samuel Gawith Flakes ist dieser hier nicht deutlich zu feucht sondern perfekt konditioniert und ohne großes Vortrocknen sofort zu rauchen. Auch fällt auf, dass die Flakescheiben länger sind und in die Dose gefaltet. Nebenbei fehlen auch die dicken ledrigen Schnitzel, die uns hin und wieder bei Flakes dieses Hauses begegnen und die das Stopfen, gelinde gesagt, nicht gerade vereinfachen. Hier ist alles vorbildlich!

Der Duft, der uns aus der geöffneten Dose entgegenschlägt ist so intensiv wie attraktiv der nach frischem fettem Heu mit einer großzügigen Portion Süße, die aber nicht dick und klebrig wirkt sondern blumig und leicht! Hier spielen die Orientals all ihre Vorzüge aus. Man fühlt sich direkt in einem frisch gefüllten Heuboden.

Samuel Gawith Sam's FlakeDas Tabakbild der Flakestreifen ist im Gegensatz zum Geruch ziemlich unspektakulär! Mittelbraune Blätter mit hellbraunen leicht durchsetzt. Der Tabak wirkt komplex aber nichts deutet auf etwas schweres, übermäßig gehaltvolles hin!

Stopfen und Anzünden lässt sich der Sam’s Flake vollkommen unproblematisch, selbst für Flakeanfänger sollte der Tabak in dieser Konditionierung keine Hürde darstellen. Der Abbrand ist gleichmäßig und kühl bis zum Ende, selbst wenn man es darauf anlegt und ihn mal heisser werden lässt, verzeiht es der Tabak und hält sein Aroma. Nichts wird scharf oder bitter! Der Sam’s Flake ist die Gutmütigkeit in Tabak.

Entzündet man den Sam’s Flake, dann eröffnet sich geschmacklich genau die Aromenfülle, die man nach dem Geruch aus der Dose erwartet. Allerdings präsentiert sich die Tonkabohnenaromatisierung geschmacklich etwas anders als im Geruch: Herrschen im Geruch die Heuaromen, so sind es jetzt grünlich süße Vanillenoten mit Waldmeister und Kräutern unterlegt. Das Heu ist noch da, aber deutlich in süße Vanille gepackt. Die malzige Süße der Virginias ist ebenso präsent wie das Aroma. Sie tritt auch nie zurück und bestimmt auf die Dauer der Füllung den Geschmackseindruck. Genau das ist die Stärke der Aromaten bei Samuel Gawith und da bildet auch der Sam’s Flake keine Ausnahme. Zumal diese Virginias absolut erstklassig sind! Der Sam’s Flake ist kein Tabak, der sich groß während des Rauchens entwickelt. Mit der Geschmacksfülle und den Geschmacksnoten, mit denen er eröffnet, schließt er auch ab.

Samuel Gawith Sam's FlakeEs gibt aber beim Sam’s Flake noch etwas anderes, was ich bemerkenswert um nicht zu sagen fast perfide finde: Ich rauche relativ wenig Aromaten. Bei meinem Tabakkonsum herrschen Latakiablends und Virginia/Perique Tabake vor. Aromaten rauche ich nur hin und wieder. Eher wie ein Stück Kuchen oder ein besonderes Dessert. Aromatisierungen sind für mich geschmacklich sehr präsent, weil ich sie nicht gewohnt bin.

Beim Sam’s Flake ist das anders: an diese Aromatisierung gewöhnt man sich sofort, man nimmt sie als etwas vollkommen selbstverständliches wahr, als etwas, was dazugehört und trotzdem nicht vom Blick auf die Virginias ablenkt. Eine solche Adaption einer eigentlich deutlichen Aromatisierung habe ich bei noch keinem anderen Aromaten gehabt. Das ist etwas, was mir ein bisschen das „Aromatenerlebnis“ wie ich es beim Ennerdale, Grousemoor oder RB Plug habe, wegnimmt. Der Sam’s Flake kommt anfangs daher wie ein interessanter Aromat und entpuppt sich dann als wunderschöner Alldays Smoke! Für mich nimmt ihm das ein bisschen das Besondere, obwohl vielleicht gerade darin das Besondere liegt?


 

Für weitere Reviews von SG Tabaken klick ins Bild

 

 




HU Tobacco | Gran Reserva Limitada 2 Años SANCHO PANZA

„Siehst du nicht den Ritter dort, der uns auf einem Apfelschimmel entgegenkommt und einen Goldhelm auf dem Kopf trägt?““Was ich von hier aus sehe und erspähe“, entgegnete Sancho,“ist nichts weiter als ein Mann auf einem graubraunen Esel, ganz wie der meine, und auf dem Kopf trägt er etwas Glänzendes.““Nun, das ist der Helm des Mambrin“, sagte Don Quijote.

Während Don Quijote im nächsten Augenblick dem schockierten Barbier seine messingglänzende Rasierschale vom Kopf fegen wird und sie sich fortan als goldenen Heldenhelm einbildet, erweist sich Sancho Panza mal wieder als absoluter Realist.

HU Tobacco Gran Reserva LimitadaUnd schon sind wir wieder beim realen Tabak: Sancho Panza heißt der dritte und letzte Tabak der Gran Reserva Limitada Reihe von HU Tobacco und er wird kommende Woche (Stand 14.10.2020) in den Verkauf gelangen. Wie die anderen beiden auch, der Rocinante und der Cervantes, ist der Sancho Panza eine zwei Jahre lang klimatisch kontrolliert bei K&K gereifte naturbelassene Mixture. Wie die anderen beiden auch ist der Sancho Panza limitiert. Sind die ersten beiden Virginia und Burley basierte Mischungen mit einem Perique Anteil, so enthält der Sancho Panza, der ebenfalls Virginia-Burley basiert ist, einen anständigen Latakia-Anteil. Eine solchermaßen gereifte Latakia-Mischung hat durchaus ein gewisses Alleinstellungsmerkmal. Mir zumindest ist nichts Vergleichbares bekannt.

HU Tobacco Sancho PanzaDass man Tabake reift, bevor sie gemischt werden, ist nichts Besonderes. Viele Rohtabake reifen Monate, manchmal Jahre, bevor sie verarbeitet werden. Beim Reifen von Mischungen sieht die Sache schon anders aus, weil sich die enthaltenen Tabake unterschiedlich entwickeln können. Sind der Rocinante und der Cervantes Mischungen, deren Charakter durch die Virginias und die Burleys mit der süssen Würze des Periques eher vereinigend und geschmacklich einheitlich geprägt ist, lebt der Sancho Panza vom gewaltigen Kontrast zwischen den Virginias und Burleys auf der einen Seite und dem rauchig Kantigen des Latakias auf der anderen Seite. Und genau dieser Kontrast ist nun zwei Jahre gereift worden! Das Ergebnis ist ungemein interessant und auch ungewöhnlich.

HU Tobacco Sancho PanzaIm Tabakbild des Sancho Panza sehen wir in erster Linie eher dunkle Virginias, Red Virginias insbesondere und dunklen Latakia. Dazu kommen etwas Burley und jeweils in minimaler Quantität Kentucky und Perique. Es handelt sich um einen Ribbon Cut von feinem bis mittleren Zuschnitt mit ein paar Ready Rubbed Streifen. Der Geruch, welcher der Dose entströmt, ist malzig süß und rauchig. Um es gleich vorweg zu nehmen: wenn man Latakia nicht mag, sollte man einen Bogen um den Sancho Panza machen, denn obwohl es sich hier keineswegs um eine Latakia-Bombe handelt, ist der Tabak doch dezidiert rauchig! Die Stärke würde ich im mittleren Bereich ansiedeln, allerdings ist er im Vergleich mit anderen Balkan- oder Latakiamischungen schon eher kräftig ohne aber je „stark“ zu wirken. Der Sancho Panza lässt sich vollkommen problemlos stopfen und ebenso problemlos gleichmäßig kühl und langsam rauchen. Diesbezüglich ist er ein extrem gutmütiger Tabak für jede Tageszeit.

Wenn man den Sancho Panza nun entzündet und die ersten paar Züge genießt, wird sofort deutlich, was das besondere an ihm ist: Wir haben eine – für eine Latakiamischung – extrem breite und cremig süsse Basis aus Virginias dezent unterstützt von leicht nussigem Burley, alles ganz weich und rund, wie wir es auch schon von den beiden anderen Tabaken dieser Reihe kennen und daneben den Latakia, der von seiner geschmacklich rauchigen Kraft nichts eingebüßt hat und dem Sancho Panza so zu einer wundervollen rauchigen Würze verhilft. HU Tobacco Sancho PanzaDas Ergebnis des Reifens ist hier ein ganz anderes, als wenn man eine Latakiamischung in der Dose nach Jahren öffnet, denn im Vakuum der Dose gleichen sich alle Aromen an, verbinden sich. Hier haben wir eine extrem weiche Basis, der man den Reifeprozess durchaus anmerkt, während sich der Latakia vergleichsweise unberührt zeigt. Und genau das macht in meinen Augen den großen Reiz des Tabaks aus! Nun gibt es ja eine ganze Reihe „breit“ angelegter Latakiamischungen, aber die meisten dieser wirken da zusammen mit dem Latakia erdig „breit“, wo der Sancho Panza cremig und süß „breit“ wirkt und mit der Würze des Latakias punktet. Der enthaltene Kentucky macht sich für mich geschmacklich nicht bemerkbar, der Perique ist wie eine kleine Prise Pfeffer in einem Gericht: es braucht sie, ohne dass sie zum Thema werden würde. Dazu sind die zwei großen Akteure Virginia und Latakia zu bestimmend! Auch in einer aufregenden Wechselwirkung, die bis zum Ende der Füllung kontinuierlich anhält und für den Latakia-Raucher ein ungewöhnliches Raucherlebnis bereit hält, welches trotzdem vollkommen harmonisch ausfällt. Von solchem Stil könnte es für meinen Geschmack durchaus mehr Tabake geben!

Abschließend: in meinen Augen hat sich Hans Wiedemanns Reife-Experiment absolut gelohnt, waren die Ergebnisse des Reifens beim Rocinante und beim Cervantes eher erwartbar, so wartet der Sancho Panza mit einer Überraschung auf, die mir persönlich besonders gut gefällt. Gerade beim Sancho Panza wird das Risiko des Prozesses besonders deutlich, auch wenn es besonders gut ausgegangen ist…

Wie bei den beiden anderen Tabaken dieser Serie gilt auch hier:

P.S.: Normalerweise sind alle Tabake, über die ich schreibe, käuflich erworben. In diesem Fall hat mir Hans Wiedemann eine Dose zu Testzwecken geschickt, was mein Urteilsvermögen allerdings nicht im Geringsten beeinflusst hat.