HU Tobacco | Gran Reserva Limitada 2 Años SANCHO PANZA

„Siehst du nicht den Ritter dort, der uns auf einem Apfelschimmel entgegenkommt und einen Goldhelm auf dem Kopf trägt?““Was ich von hier aus sehe und erspähe“, entgegnete Sancho,“ist nichts weiter als ein Mann auf einem graubraunen Esel, ganz wie der meine, und auf dem Kopf trägt er etwas Glänzendes.““Nun, das ist der Helm des Mambrin“, sagte Don Quijote.

Während Don Quijote im nächsten Augenblick dem schockierten Barbier seine messingglänzende Rasierschale vom Kopf fegen wird und sie sich fortan als goldenen Heldenhelm einbildet, erweist sich Sancho Panza mal wieder als absoluter Realist.

HU Tobacco Gran Reserva LimitadaUnd schon sind wir wieder beim realen Tabak: Sancho Panza heißt der dritte und letzte Tabak der Gran Reserva Limitada Reihe von HU Tobacco und er wird kommende Woche (Stand 14.10.2020) in den Verkauf gelangen. Wie die anderen beiden auch, der Rocinante und der Cervantes, ist der Sancho Panza eine zwei Jahre lang klimatisch kontrolliert bei K&K gereifte naturbelassene Mixture. Wie die anderen beiden auch ist der Sancho Panza limitiert. Sind die ersten beiden Virginia und Burley basierte Mischungen mit einem Perique Anteil, so enthält der Sancho Panza, der ebenfalls Virginia-Burley basiert ist, einen anständigen Latakia-Anteil. Eine solchermaßen gereifte Latakia-Mischung hat durchaus ein gewisses Alleinstellungsmerkmal. Mir zumindest ist nichts Vergleichbares bekannt.

HU Tobacco Sancho PanzaDass man Tabake reift, bevor sie gemischt werden, ist nichts Besonderes. Viele Rohtabake reifen Monate, manchmal Jahre, bevor sie verarbeitet werden. Beim Reifen von Mischungen sieht die Sache schon anders aus, weil sich die enthaltenen Tabake unterschiedlich entwickeln können. Sind der Rocinante und der Cervantes Mischungen, deren Charakter durch die Virginias und die Burleys mit der süssen Würze des Periques eher vereinigend und geschmacklich einheitlich geprägt ist, lebt der Sancho Panza vom gewaltigen Kontrast zwischen den Virginias und Burleys auf der einen Seite und dem rauchig Kantigen des Latakias auf der anderen Seite. Und genau dieser Kontrast ist nun zwei Jahre gereift worden! Das Ergebnis ist ungemein interessant und auch ungewöhnlich.

HU Tobacco Sancho PanzaIm Tabakbild des Sancho Panza sehen wir in erster Linie eher dunkle Virginias, Red Virginias insbesondere und dunklen Latakia. Dazu kommen etwas Burley und jeweils in minimaler Quantität Kentucky und Perique. Es handelt sich um einen Ribbon Cut von feinem bis mittleren Zuschnitt mit ein paar Ready Rubbed Streifen. Der Geruch, welcher der Dose entströmt, ist malzig süß und rauchig. Um es gleich vorweg zu nehmen: wenn man Latakia nicht mag, sollte man einen Bogen um den Sancho Panza machen, denn obwohl es sich hier keineswegs um eine Latakia-Bombe handelt, ist der Tabak doch dezidiert rauchig! Die Stärke würde ich im mittleren Bereich ansiedeln, allerdings ist er im Vergleich mit anderen Balkan- oder Latakiamischungen schon eher kräftig ohne aber je „stark“ zu wirken. Der Sancho Panza lässt sich vollkommen problemlos stopfen und ebenso problemlos gleichmäßig kühl und langsam rauchen. Diesbezüglich ist er ein extrem gutmütiger Tabak für jede Tageszeit.

Wenn man den Sancho Panza nun entzündet und die ersten paar Züge genießt, wird sofort deutlich, was das besondere an ihm ist: Wir haben eine – für eine Latakiamischung – extrem breite und cremig süsse Basis aus Virginias dezent unterstützt von leicht nussigem Burley, alles ganz weich und rund, wie wir es auch schon von den beiden anderen Tabaken dieser Reihe kennen und daneben den Latakia, der von seiner geschmacklich rauchigen Kraft nichts eingebüßt hat und dem Sancho Panza so zu einer wundervollen rauchigen Würze verhilft. HU Tobacco Sancho PanzaDas Ergebnis des Reifens ist hier ein ganz anderes, als wenn man eine Latakiamischung in der Dose nach Jahren öffnet, denn im Vakuum der Dose gleichen sich alle Aromen an, verbinden sich. Hier haben wir eine extrem weiche Basis, der man den Reifeprozess durchaus anmerkt, während sich der Latakia vergleichsweise unberührt zeigt. Und genau das macht in meinen Augen den großen Reiz des Tabaks aus! Nun gibt es ja eine ganze Reihe „breit“ angelegter Latakiamischungen, aber die meisten dieser wirken da zusammen mit dem Latakia erdig „breit“, wo der Sancho Panza cremig und süß „breit“ wirkt und mit der Würze des Latakias punktet. Der enthaltene Kentucky macht sich für mich geschmacklich nicht bemerkbar, der Perique ist wie eine kleine Prise Pfeffer in einem Gericht: es braucht sie, ohne dass sie zum Thema werden würde. Dazu sind die zwei großen Akteure Virginia und Latakia zu bestimmend! Auch in einer aufregenden Wechselwirkung, die bis zum Ende der Füllung kontinuierlich anhält und für den Latakia-Raucher ein ungewöhnliches Raucherlebnis bereit hält, welches trotzdem vollkommen harmonisch ausfällt. Von solchem Stil könnte es für meinen Geschmack durchaus mehr Tabake geben!

Abschließend: in meinen Augen hat sich Hans Wiedemanns Reife-Experiment absolut gelohnt, waren die Ergebnisse des Reifens beim Rocinante und beim Cervantes eher erwartbar, so wartet der Sancho Panza mit einer Überraschung auf, die mir persönlich besonders gut gefällt. Gerade beim Sancho Panza wird das Risiko des Prozesses besonders deutlich, auch wenn es besonders gut ausgegangen ist…

Wie bei den beiden anderen Tabaken dieser Serie gilt auch hier:

P.S.: Normalerweise sind alle Tabake, über die ich schreibe, käuflich erworben. In diesem Fall hat mir Hans Wiedemann eine Dose zu Testzwecken geschickt, was mein Urteilsvermögen allerdings nicht im Geringsten beeinflusst hat.




HU Tobacco | Gran Reserva Limitada 2 Años CERVANTES

Eine ganz und gar unseriöse Erscheinung! Nicht vertrauenserweckend und vollkommen unzuverlässig! So wäre unser Bild von Cervantes und nicht mal unseres sondern das irgendwelcher lokalpatriotischer Hobbyhistoriker, denn wir würden ihn trotz aller fehlenden Seriosität gar nicht kennen, hätte er denn nicht diesen einen tollen Roman geschrieben. Und nach ihm wäre ohne dieses Ritterromans auch nie und nimmer ein Tabak benannt worden, geschweige denn ein Institut oder irgendwelche Strassen und Plätze.

Im Gegensatz zur Autorenpersönlichkeit sind Institut, Strassen und Plätze und der Tabak vor allem allerdings gar nicht halbseiden, sondern Monumente der Seriosität! Und wo findet man das denn heute noch, Seriosität zum Aufrauchen? Noch dazu mit Genuss! Großem Genuss! Ganz real. Phantasielos sozusagen!

HU Tobacco Gran Reserva LimitadaIn ganz realen Dosen, die man aufheben und sogar stapeln kann! Ganz seriöser Spitzentabak, von Vollprofis gemischt, gelagert und gereift! Vollprofis mit vielen Jahren Erfahrung und Know How! Hier in dieser Oase geschriebenen Wortes besprochen, frei von unbeholfen videoaffinen Plastiksackerlapologeten, denen man in jeder Hinsicht als Zwangslektüre das Märchen von des Kaisers neuen Kleidern anheimstellen möchte, damit sie vielleicht mal drüber nachdenken, womit sie da eigentlich ihr mediales Über-Ego füttern, wenn’s der eigene Geschmackssinn und das Urteilsvermögen mangels Sachkenntnis schon nicht hergeben…

HU Tobacco CervantesAber zurück zum Tabak: der Cervantes ist der zweite limitierte Tabak, den Hans Wiedemann/HU-Tobacco eigentlich für die diesjährige Pfeifenshow in Hamm geplant hatte und der jetzt am 24.8. auf den Markt kommt, nachdem die Show ja bekanntlich COVID-19 zum Opfer fiel. Natürlich ist auch der Cervantes wieder in Zusammenarbeit mit Kohlhase&Kopp entstanden! Wie der Rocinante auch, ist der Cervantes limitiert. Limitiert heißt in diesem Fall, wie auch beim Rocinante, ein paar hundert Dosen à 50g. Dafür, dass das ein Versuch war, ein paar professionell gereifte Tabake zu machen, sind diese Mengen für einen so kleinen Betrieb sehr respektabel wie ich finde. Und wenn der sogenannte Fachhandel in der Lage war, dieses Mal mit etwas mehr Augenmaß zu planen, dann wird auch nicht das Zerrbild entstehen, der Tabak wäre nach ein paar Stunden komplett ausverkauft… Wir werden sehen was passiert! Trotzdem, mit der Erfahrung des Rocinante im Gedächtnis, dürfte es nicht schaden, wenn man den Cervantes haben will, sich auch drum zu kümmern und nicht all zu lange zu warten?

HU Tobacco CervantesWar der Rocinante ein Virginia-Blend mit einem kleineren, aber durchaus respektablen Burley-Anteil, so ist der Cervantes ein Burley-Blend mit einem respektablen Virginia-Anteil! Dazu gesellen sich Perique und Kentucky. Im Tabakbild erscheint der Cervantes dem Rocinante auf den ersten Blick relativ ähnlich, eine mittelbraune Ribbon-Cut Mixture schönen Kontrasts mit ein klein bisschen Ready-Rubbed-Anteilen und ein paar dunkleren Tabaksprengseln, die den Cervantes vom Rocinante abheben. Hier ist mehr Perique im Spiel als beim Rocinante. Das kann man auch riechen, denn wir haben nicht nur all die schokoladig-nussigen Noten, die uns die Burleys geben und ganz dezent im Hintergrund die malzigen Noten der Virginias, sondern auch deutlich Trockenfrüchtearomen und zwar sehr viel präsenter als beim Rocinante! Dass man einen Tabak von dieser Schnittart problemlos stopfen, anzünden und gleichmäßig langsam rauchen kann, bedarf eigentlich keiner Erwähnung zumal die Feuchtigkeit in der Dose perfekt ist.

Bereits die ersten Züge des Cervantes zeigen uns, was den Tabak ausmacht: geschmackliche Opulenz mit Tiefgang! Opulenz der Burleys, Schokolade und Nüsse mit Röstaromen, gebrannte Mandeln, malzige Brotnoten mit den Röstaromen dunkler doppelt gebackener Brotkruste. Getrocknete Feigen, Dörrzwetschgen und saftige Sultaninen! Und wieder Schokolade und Nüsse! Durch die Virginias hat der Tabak auch Creme und Tiefgang – und auch die nötige Kraft, um diese Aromenvielfalt zusammenzuhalten und ihr eine solide Basis zu verleihen! Ganz klar: beim Cervantes ist deutlich mehr Lametta als beim Rocinante! Das sehe ich aber nicht als einen qualitativen Unterschied sondern als einen stilistischen: der Rocinante wirkt eher wie eine schüchterne Schönheit, mehr wie Audrey Hepburn als Marilyn Monroe, mit der der Cervantes vielleicht besser charakterisiert wäre! Man verzeihe mir den Vergleich! Gefallen tun sie mir natürlich beide und Ihr wisst, was ich meine!

Beide Tabake haben etwas gemeinsam, das ist ihr Tiefgang und das sind die fehlenden Kanten! Dass der Cervantes viel akzentuierter wirkt, hat seine Ursache in der Konzeption der Mischung! Aber ihm „fehlen“ (in Wirklichkeit fehlt gar nichts!) die Kanten genauso wie dem Rocinante, nur äussert sich das anders. Dazu muss man sich eigentlich nur die Frage stellen, warum man Tabake eigentlich überhaupt reift? Was will man denn damit, mit diesem ganzen Aufwand, der viel Geld kostet, eigentlich erreichen? (Dass bei dieser ganzen peinlichen Youtube-Diskussion um den Rocinante kein einziger aus dieser ganzen „Community“ auf die Idee kommt, diese Frage zu stellen, spricht Bände!!!) Was passiert bei diesem Reifeprozess? Ganz einfach: die einzelnen Geschmackskomponenten vereinen sich, der Geschmackseindruck wird komplexer, intensiviert sich und die Unterschiede der einzelnen Bestandteile der Mischung, also die Kanten oder das, was wir Kanten nennen, nehmen sich immer mehr zurück zugunsten eines einzigen komplexen Geschmacksbildes.

HU Tobacco CervantesGenau das passiert auch beim Cervantes! Nur wirkt es anders, weil die Mischung per se viel extrovertierter komponiert ist als der introvertierte, in sich ruhige Rocinante. Da steht auf der einen Seite ein Feuerwerk mit Champagner und auf der anderen eine kleine Abendgesellschaft mit Cocktails. Die Freunde des einen mögen dem anderen nicht vorwerfen, anders zu sein! Für den Cervantes heißt das, dass wir die ganze Füllung über diese geschmackliche Opulenz im Mund haben, kontinuierlich und ohne dass man sagen könnte, dass sich zum Ende etwa der Perique deutlicher meldete als die Virginias oder der Kentucky noch ein kleines rauchiges Solo gibt, nein, wir haben hier einen unendlich schönen und fein gewobenen Teppich, der uns überall mit seiner Vielfalt begeistert, ohne dass wir von Weitem schon sehen könnten, dass er rot gelb blau und grün ist. Der Cervantes ist ein sehr kraftvoller Tabak, aber dabei kein übermäßig starker Tabak – ich würde ihn so bei den Navy Rolls einpendeln.

Gerade für einen Burley-Blend ist der Cervantes ein extrem tiefgründiger Tabak, der eben nicht (nur) die Schokoladenherrlichkeit ins Rampenlicht schiebt, eine Schokoladenherrlichkeit, von der er reichlich hat, sondern dem der Reifeprozess extrem gut getan hat! Ich habe den Tabak vor einem guten Jahr schon mal probieren dürfen und ich würde fast sagen, dass sich der Cervantes unter den drei Blends am meisten verändert hat in diesem zweiten Jahr: Extrem attraktiv fand ich den auch schon vorher, aber dieses zweite Jahr des Reifens hat dem Tabak einen ziemlich beeindruckenden „Schliff“ verliehen, weg von jeder Vordergründigkeit, indem vor allem die Burleys sich mit dem Perique noch mehr verbunden haben und gleichzeitig der Perique sich auch noch intensiver eingebracht hat. Der Cervantes ist für mich eher ein Burley-Perique-Tabak als ein Burley-Virginia-Tabak! Und so, wie sich der Tabak im Moment präsentiert, einer von allererster Klasse! Um ganz ehrlich zu sein, da fällt mir jetzt nicht vieles ein, was auf diesem Burley-Niveau mitspielt – auch wenn ich ins Burley-Stammland über den großen Teich blicke… Der Cervantes ist schon ziemlich großes Kino!

Wie für den Rocinante gilt auch für den Cervantes:

P.S.: Normalerweise sind alle Tabake, über die ich schreibe, käuflich erworben. In diesem Fall hat mir Hans Wiedemann eine Dose zu Testzwecken geschickt, was mein Urteilsvermögen allerdings nicht im Geringsten beeinflusst hat.

 




Eine Pfeife von: Sven Knudsen

Es grenzt schon fast ein bisschen an Tragik, dass, wann immer der Name Sven Knudsen fällt, vom älteren Bruder Teddy Knudsens gesprochen wird. Dabei könnte man sich natürlich fragen, ob es nicht passender wäre, von Teddy als dem kleinen Bruder Sven Knudsens zu reden? Okay, das klingt erstmal nach Haarspalterei! Der eine, Teddy, lebt noch, fertigt noch Pfeifen, die zu den teuersten der Welt zählen, während der andere seit fast zehn Jahren tod ist und seit mindestens 23 Jahren keine Pfeifen mehr gemacht hat. Pfeifen, die im Vergleich zu denen Teddys ziemlich erschwinglich sind. Aus dem Blick aus dem Sinn?

Trotzdem ist Sven Knudsen der bei weitem bedeutendere der beiden Brüder, denn er gehört zu den Gründervätern des dänischen Freeform-Stils und hat, im wesentlichen zusammen mit Sixten Ivarsson, Gert Holbek und Poul Rasmussen, diese Formenwelt an maßgeblichen Stellen mit erschlossen und damit die Grundlage für die moderne Designerpfeife im Allgemeinen mitgelegt. Von der ersten Generation der Pfeifenmacher ist er neben Sixten sicherlich der stilbildendste und formal einflussreichste gewesen! Bis heute finden sich in den Portfolios berühmter Pfeifenmacher manche Shapes, die auf Sven Knudsen zurückgehen. Nun möchte ich zu seiner beeindruckenden Pfeifenmachervita nur auf den recht passablen Pipedia-Artikel verweisen anstatt hier irgendwas abzuschreiben um den Eindruck zu erwecken, es sei von mir. Sowas überlasse ich lieber dem einschlägigen Spezialisten eines anderen Mediums.

Sven Knudsen PipeMir geht es um etwas anderes, um den Stil und um die Formentwicklung, was ich am Beispiel einer meiner Pfeifen erläutern möchte. Nun hat Sven Knudsen gerade in seinen späteren Jahren eine relativ große Anzahl klassischer Pfeifen gemacht, meist Billiards, die er zu personalisieren verstand, obwohl sie doch nah am klassischen Kanon angelehnt waren. Mir geht es um die freieren Formen, die er aber ebenso mit einer regelrecht klassischen Attitude verbinden konnte. Auf diese Weise erreichte er mit seiner Formgebung die Wirkung leisen Understatements und damit eine Größe, die auf gestalterischer Bescheidenheit basiert. Extrovertierte Effekte, seien sie auch noch so beeindruckend, waren seine Sache nicht – auch darin unterschied er sich vom Stil seines jüngeren Bruders.

Sven Knudsen PipeSven Knudsen PipeDie hier vorgestellte Pfeife ist eine Freeform, bei der ich schon Schwierigkeiten habe, das Shape zu benennen, obwohl sie auf den ersten Blick „normal“ oder „gängig“ aussieht. Es ist im Prinzip eine Bent mit schlichtem rundem Holm und einem linearen Mundstück. Allein die Wahl dieses vollen linearen Mundstücks irritiert, würden wir doch hier eher ein Sattelmundstück erwarten, was ästhetisch weniger stark in Richtung „Serienpfeife“ weist. Dieser Verzicht auf die Gestaltungsmöglichkeit eines Sattels (der ansonsten bei nahezu allen seinen Billiards in verschiedensten Ausführungen sein Standard war) lenkt den Blick ohne jedwede Ablenkung auf den Kopf, der seine Form absolut dem Maserungsverlauf des verwendeten Kantels verdankt.

Sven Knudsen PipeWird bei streng klassischen Formen, auch herstellungsbedingt durch die Kopierfräse, aus der die Köpfe oft kommen, der Form der Vorrang vor dem Maserungsverlauf eingeräumt und auch der Tatsache geschuldet, dass die einzigen klassischen Shapes, die den natürlichen Maserungsverlauf des Holzes aufnehmen, die Brandy und die Dublin mit ihren jeweiligen Variationen sind, ist die Wahl einer Freeform für den Kopf hier zwingend. Allerdings bedient sich auch diese Freeform Anleihen aus der Welt der Kassik, denn die dem Holm zugewandte Seite des Kopfes ist im Prinzip eine Brandy, eine halbe Brandy um genau zu sein, die just da abgeschnitten wird, wo der Maserungsverlauf den Fächer nach vorne nicht mehr bieten kann.

Sven Knudsen PipeSo entstehen links und rechts symmetrisch zwei Kanten, die exakt der Maserung folgen und den Kopf in zwei (für sich gesehen klassische) Formen teilen: nämlich die gerade erwähnte Brandy auf der hinteren, dem Holm zugewandten, Seite und eine Billiard auf der Vorderseite. Diese Freeform entsteht also durch die Kombination zweier klassischer Formen, was auch letztlich für ihre strenge und erstmal wenig spektakuläre Erscheinung verantwortlich ist. Und gerade dieser Kunstgriff ist spektakulär!

Sven Knudsen PipeZwangsweise ergibt sich daraus, dass der Großteil des Kopfes nicht rund ist, sondern der Kopfrand aus der Form zweier Kreissegmente gebildet ist, die sich an den beiden Kanten treffen. Erst da, wo die beiden Kanten auslaufen, also am Kopfboden in der Bauchung, hat der Kopf eine nahezu runde Form. So entstand eine eher „leise“ Pfeife von großer Raffinesse und gerade dafür stehen viele der Freeforms von Sven Knudsen. Und genau das macht Sven Knudsen als Vorbild so interessant, denn je „lauter“ und extrovertierter eine Form ist, desto schwieriger wird es für den Pfeifenmacher, sie zu adaptieren ohne sich der Gefahr auszusetzen, zu nah am Vorbild oder stilistisch zu sehr im Fahrwasser eines anderen Pfeifenmachers zu sein!

Gestempelt ist die Pfeife, die ich in die achtziger Jahre datieren würde, mit „S.Knudsen“ und dem Korsenkopf.Sven Knudsen Pipe




Pfeifen Diehl | The Dickens

Es gibt gute und schlechte Tabake. Und es gibt prätentiöse und unprätentiöse Tabake. Schlechte prätentiöse Tabake sind selten und dafür selten ärgerlich: sie scheitern meist an ihrem Anspruch und ihrem Preis, weil sie etwas sein wollen, was sie nicht einlösen können. Gute prätentiöse Tabake dagegen gehören zum Interessantesten der Tabakwelt, ihre Anzahl ist vergleichsweise überschaubar und für sie bezahlen wir schon mal mehr als für den Rest, manche von ihnen betrachten wir als Klassiker – und was besonderes. Schlechte unprätentiöse Tabake gibt es wie Sand am Meer, von Tankstellen wie von Fachgeschäften und werden von Rauchern geraucht, die sich gar keinen Kopf machen wollen über die Frage, wie verschieden Tabake sein können und warum. Sie sind zufrieden damit und haben sich über die Jahrzehnte so daran gewöhnt, dass sie jeder Blick nach links oder rechts nur unnötig irritieren würde. Und dann gibt es noch die guten unprätentiösen Tabake, die nicht selten das Gros unseres Tabakkonsums ausmachen, seien es schlicht gut gemachte Aromaten mit einer guten Tabakbasis oder seriöse Virginia- oder Latakiamischungen, denen nur die besonderen Alleinstellungsmerkmale fehlen, die wir an den guten prätentiösen Tabaken so lieben. Die bezeichnen wir als Alldayssmoke und wir finden sie in erster Linie bei den Fachhändlern, nicht selten auch als deren Eigenmarken.

Diehl The DickensUm einen solchen Tabak geht es hier, nämlich um Diehls „The Dickens“, eine Virginia- basierte Latakiamischung von Pfeifen Diehl aus München, die von Kohlhase & Kopp für Diehl hergestellt wird. Ob dieser Tabak exklusiv für Diehl gemacht wird oder unter anderen Namen bei anderen Fachhändlern angeboten wird, entzieht sich meiner Kenntnis. „What the dickens“ heisst soviel wie „was zur Hölle/was zum Teufel“ und ich kann nur vermuten, dass man sich hier vom Rauch hat leiten lassen, denn an und für sich ist „The Dickens“ eine recht milde und runde englische Mixture klassischen Zuschnitts, die sich absolut weich präsentiert allerdings ohne große natürliche Grundsüsse! Das ist in diesem Fall kein Nachteil, denn der Tabak ist vollkommen harmonisch balanciert, es gibt keine extremen Geschmackskompononenten, die eine hohe Süsse zur Balance benötigen würden.

Diehl The DickensBetrachten wir uns das Tabakbild, dann sehen wir eine recht kontrastreiche Ribbon Cut Mixture eher hellerer Prägung, bei der verschiedene Virginia-Grades dominieren und zwar deutlich mehr hellere und mittelbraune Virginias als rötlich dunkelbraune, sehr vereinzelt auch grünliche Blattsprenkel und dann einen nicht ganz unbeträchtlichen Anteil an schwarzem Latakia. Also eine ganz klassische hellere englische Mischung! Und genau so schmeckt der „The Dickens“ auch.

Diehl The DickensDer Tabak lässt sich vollkommen problemlos stopfen und entzünden, er glimmt ruhig und langsam vor sich hin, fordert keinerlei Aufmerksamkeit beim Rauchen und ist somit auch für Anfänger bestens geeignet. Vor allem auch, weil der „The Dickens“ hinsichtlich seines Körpers ein eher leichter Tabak ist, obwohl er doch eine ganz beträchtliche Geschmacksfülle entwickelt. Gerade das macht ihn in meinen Augen auch zu einem wundervollen Alldaystabak, denn er wirkt weder langweilig noch wird er auf Dauer sättigend, was der überschaubaren Süsse geschuldet ist: Man kann, so man möchte, problemlos und mit großem Genuss mehrere Pfeifen hintereinander rauchen! Es ist gerade dieses unprätentiöse Understatement, was den „The Dickens“ so attraktiv macht!

Diehl The DickensGeschmacklich brennt der „The Dickens“ kein Feuerwerk ab. Es sind die eher „frischen“ Virginias, die im Zusammenspiel mit dem Latakia die Füllung dominieren und dem Latakia einen hellen Teppich ausbreiten, auf dem sich dieser sehr schön präsentieren und kontrastreich entfalten kann. Der Latakia wird geradezu „ausgestellt“ und seine Rauchigkeit verbindet sich dann perfekt mit den frischen, vielleicht auch ganz leicht heuigen Virginianoten! Diese Dualität von Virginias und Latakia bestimmt die komplette Füllung konsistent und gleichmäßig bis zum Ende hin: da wird nichts stärker oder schwächer, dunkler oder rauchiger – der „The Dickens“ schmeckt im Prinzip beim letzten Zug nicht anders als beim ersten. Normalerweise mag ich solche Tabake, bei denen nicht viel passiert, eher weniger, aber beim „The Dickens“ ist das anders und zwar in erster Linie, weil der Tabak so schlank und „trocken“ (nicht im Sinn von Feuchtigkeit, die ist perfekt, sondern im Sinn von trockenem Weisswein) daherkommt! Da ist nichts, was ermüdet oder langweilt oder mehr will als es ist: der „The Dickens“ schmeckt einfach nur kontinuierlich gut. Und das ist ziemlich viel!




HU Tobacco | Gran Reserva Limitada 2 Años ROCINANTE

Neues von HU Tobacco: „… kam er zuletzt darauf, ihn Rosinante zu heißen, ein nach seiner Meinung hoher und volltönender Name, bezeichnend für das, was er gewesen, als er noch ein Reitgaul nur war, bevor er zu der Bedeutung gekommen, die er jetzt besaß, nämlich allen Rossen der Welt als das Erste voranzugehen.“

Mit der Namenssuche ist es immer so eine Sache: werdende Eltern können ein Lied davon singen, wenn sie nicht aus Familien stammen, wo der erstgeborene Knabe seit -zig Generationen immer Scipione und das Töchterchen Olympia zu heißen haben, und sich somit ein gewisser Gestaltungsspielraum ergibt, der möglichst vorteilhaft ausgefüllt werden will. Da geht es Hans Wiedemann von HU Tobacco mit seinen neuen Tabaken nicht anders wie dem Ritter von der traurigen Gestalt mit seinem Hengst. Das soll nun aber auch die einzige Parallele sein, die wir zwischen Don Quichotte und dem Hans ziehen wollen, denn schließlich sind die Einfälle, die uns Hans Wiedemann zu teil werden läßt, höchst real in Form meist großartigen Tabaks und nicht die faszinierende Blüte träumerischer Einbildungskraft!

HU Tobacco Gran Reserva LimitadaFür die Namen seiner drei neuen Tabake, die man durchaus als eine in sich geschlossene Reihe sehen kann, hat Hans dieses Mal ganz große Weltliteratur bemüht, nämlich Miguel de Cervantes und dessen satirischen Ritterroman Don Quichotte, vor etwas mehr als 400 Jahren geschrieben und veröffentlicht. Das ist, wenn man einen Sinn dahinter vermutet, eine ziemliche Ansage! Nun haben diese drei Tabake etwas gemeinsam, was sie vom restlichen Sortiment von HU Tobacco unterscheidet, nämlich die Tatsache, dass die fertigen Mischungen etwas mehr als zwei Jahre klimatisch kontrolliert gelagert und gereift wurden, dabei immer wieder neu gewendet werden mussten, bevor sie im Frühjahr 2020 in 50g Dosen konfektioniert worden sind. Das klingt nicht nur aufwändig, das ist es auch und es erklärt, warum die drei Tabake erstens einen höheren Preis haben (müssen) und zweitens, bedingt durch den Produktionsprozess, warum es sich um limitierte Tabake handelt. Die Gestaltung der Dosenetiketten von Alexander Broy trägt diesem Gestaltungsprozess Rechnung und Alexander hat es hier dokumentiert.

HU Tobacco RocinanteDie Frage, die sich jetzt natürlich stellt, lautet: hat sich der Aufwand gelohnt und ist der damit verbundene höhere Preis gerechtfertigt? Dazu schauen wir uns als ersten Tabak mal den Rocinante an, denn es ist der einzige der drei Tabake, den ich auch „frisch“ geraucht habe, während ich die beiden anderen bislang nur „als Fassprobe“ in einem Zwischenstadium nach etwa einem Jahr kannte.

Rocinante ist ein Virginia Blend mit verschiedenen Virginia Grades und Burley, dazu in minimalen Anteilen etwas Kentucky und Perique. Das Tabakbild ist ein normaler Ribbon Cut mit ein paar Ready Rubbed Streifen, mittelbraun mit hellerem Blattgut vermischt. Eher normal als spektakulär und durchaus attraktiv. Der Geruch, welcher der Dose entströmt, ist genau so, wie wir ihn erwarten würden: Viel Malz, eher schwer und cremig süss, gepaart mit bitterschokoladigen Noten im Hintergrund. Da ist nichts zitrisch Frisches, auch nichts Heuiges und auch Kanten fehlen, aber was man wahrnimmt ist rund, voll und vor allem sehr harmonisch. Dieser optische und olfaktorische Eindruck macht richtig Lust auf den Tabak!

HU Tobacco RocinanteDie Feuchtigkeit ist perfekt, der Rocinante lässt sich vollkommen problemlos stopfen, ob in kleine oder große Pfeifen spielt gar keine Rolle, das Anzünden gestaltet sich kinderleicht und der Rocinante glimmt langsam und gleichmäßig bis zum Schluß. Ich glaube, ich mußte keine einzige der etlichen Füllungen, die ich bislang geraucht habe, jemals nachzünden. Das macht den Tabak auch für Einsteiger interessant, die mal in die Welt der volleren und komplexeren Virginia-Blends eintauchen möchten!

Entzündet man den Rocinante, dann erlebt man als erstes die Virginias mit einer vollen malzigen Süsse, einer eher dunklen Süsse, cremig und ergiebig und dazu ganz intensive Noten von Brot und Brotkruste mit ihren Röstaromen. Wie schon im Geruch fehlen auch hier die frischen Zitrusnoten und die heuigen Noten, die manche Virginias nicht selten auffahren, was daran liegt, dass beim Rocinante Dark Virginias und Red Virginias die breite Basis der Mischung bilden. Im Hintergrund haben wir den Burley mit seiner Bitterschokolade. Anfangs wirklich im Hintergrund, aber mit zunehmender Dauer tritt der Burley dann doch deutlicher nach vorne ohne sich aber je in die erste Reihe zu mogeln: er bleibt immer die ergänzende Komponente, wird nie zur bestimmenden. Der enthaltene Kentucky ist für mich als Akteur nicht wahrnehmbar, aber der Rocinante hat durchaus eine gewisse Erdigkeit, die ich allerdings auch eher den Virginias zuschreiben würde und vermutlich wird diese vom Kentucky unterstützt. Aber das ist sicher kein Grund für jemanden, der Kentucky nicht mag (das soll’s  ja geben), den Rocinante zu meiden! Und dann ist ja noch minimal Perique enthalten. Auch der ist fürchterlich leise, aber darin liegt ein bisschen Raffinesse, denn ihn kann man wahrnehmen – vor allem im Vergleich mit dem frischen Tabak, was der langen Reifung geschuldet sein dürfte, und dieses Mininum an Perique wirkt wie eine Vierteldrehung aus der Pfeffermühle über einem guten Pistazieneis: es öffnet durch eine kleine Irritation dem ansonsten zwar sehr komplexen Virginia/Burley Blend eine Tür aus der Geradlinigkeit hin zum Raffinierten!

HU Tobacco RocinanteDer aufwändige Reifeprozess, bei dem Kohlhase & Kopp wieder einmal gezeigt hat, wie hervorragend dort gearbeitet wird, hat also im Wesentlichen zwei Effekte: Erstens lässt er die Virginias noch deutlich dunkler, voller und komplexer erscheinen und zweitens hat der Perique erwartungsgemäß ein ziemliches Durchsetzungsvermögen, was auch bei Minimaldosierung zum Tragen kommt. Verstehen wir uns nicht falsch: der Rocinante ist stilistisch nie ein Perique Blend, aber der Perique wirkt nach – ganz ganz leise und raffiniert! Und zum Schluss dann doch nochmal was zum Namen: Cervantes‘ Rocinante ist bekanntlich ein dürrer Klepper, der nur in Don Quichottes Fantasie zum heldenhaften Schlachtross mutiert, Hans Wiedemanns Rocinante ist real kräftig genug, um weit davon entfernt zu sein, ihn für einen dürren Klepper zu halten. Vielleicht wäre die imaginäre Angebete Don Quichottes, Dulcinea, vor allem wenn man sie sich mit einem frühbarocken Schönheitsideal leicht füllig vorstellen mag, der passendere Name gewesen? Andererseits wirkt der Tabak für mich nicht feminin, also vielleicht passt’s doch?

P.S.: Normalerweise sind alle Tabake, über die ich schreibe, käuflich erworben. In diesem Fall hat mir Hans Wiedemann eine Dose zu Testzwecken geschickt, was mein Urteilsvermögen allerdings nicht im Geringsten beeinflusst hat.




Samuel Gawith | Cabbie’s Mixture

Ich hätte gerne ein bisschen Virginia-Perique-Pfeifentabak und ein großes Glas Wasser! Neeiiin! Doch nicht zusammen! Wie? Einfacher zu verpacken? Also getrennt wäre es mir lieber gewesen! Das etwa wäre als Kurzversion ein denkbarer Einstieg in ein Review der Cabbie’s Mixture von Samuel Gawith. Aber es gibt noch einen anderen Einstieg, einen, der etwas mit Verpackung zu tun hat und den möchte ich hier wählen.

Vor ein paar Tagen bin ich eher zufällig bei meinem Tabakhändler vorbei gekommen und beschloss spontan, obwohl ich überhaupt nichts gebraucht habe, irgendwas zu kaufen. Ich habe mehr als genug Pfeifen, genug Zigarren, genug Pfeifentabak und Pfeifenreiniger erst recht. Feuerzeuggas auch. Feuersteine schienen mir für einen Besuch unangemessen, also entschied ich mich doch für Tabak. Kann man ja immer brauchen. Und es sollte einer sein, den ich schon länger nicht mehr geraucht habe. Cabbie's MixtureVielleicht einer, der mir sonst eher zu teuer ist? Genau! Die Wahl fiel auf die Cabbie’s Mixture von Samuel Gawith. Irgendwie war ich irritiert. Irgendwas war an der anders im Vergleich zum fast soldatisch aufgestellten Restsortiment von Samuel Gawith. Das Blech. Es war die Farbe des Dosenblechs! Nicht mehr dieses seit zig Jahren gewohnte distinguiert hellgelbe Blech, nein, sattes orangegold, das ungefähr so edel wirkt, wie die „Goldringe“ an so besonderen Markenpfeifen wie „Dr.Bruyère“ oder so ähnlich. Dass die das nötig haben? Sieht irgendwie aus wie Nordindien! Feinster englischer Pfeifentabak im Mustafa-Centre-Style? Aber was soll’s, ich rauche ja nur den Tabak, die Dose werfe ich danach weg oder rühre Beize oder Klebstoff darin an. Ich will mich nicht beschweren!

Diese neue Dosenfarbe ist aber der erste Hinweis auf eine neue bzw. neuartige Verpackung bei Samuel Gawith, das heißt, um genau zu sein, bei Gawith und Hoggarth, die den Tabak ja seit der Fusionierung vor ein paar Jahren herstellen, und genau das kann man jetzt auch sehen, denn deren Logo prangt einem direkt entgegen, wenn man die Dose öffnet.

Cabbie's MixtureUnd um gleich irgendwelche falschen Hoffnungen im Keim zu ersticken: natürlich haben die Dosen nur eine neue Farbe, sie schließen, einmal geöffnet, genau so schlecht wie seit Menschengedenken. Dennoch scheint diesbezüglich nach all den Jahren unverwüstlicher englischer Tradition des Festhaltens am Nutzlosen ein klitzekleiner Funken von Problembewußtsein in Kendal aufgekeimt zu sein: dieses ganz zarte Pflänzchen zeigt sich uns in Gestalt eines dicken, ja eines wirklich dicken Kartons, der da fest in die Dose gepresst ist. So fest, dass man ihn ohne die zwei glücklicherweise eingestanzten Grifflöcher nur unter Zuhilfenahme von Werkzeug herausnehmen könnte. Cabbie's MixtureMit den Grifflöchern geht es aber ganz gut und nach dem Entnehmen von Tabak zeigt sich beim Wiederverschliessen sofort der Vorteil: dieser Karton sitzt so fest in der Dose, dass er nicht verrutscht, das heißt, man presst den Karton nach unten und drückt so das Papier mit dem Tabak darin einigermaßen dicht und hat dadurch den Eindruck, dass man dem Tabak beim Austrocknen nochmal eine kleine Barriere in den Weg legen kann! Und damit das auch ganz sicher funktioniert, ist die Cabbie’s Mixture von Anfang an so patschnass, dass sich die Frage des Austrocknens höchstens für Raucher stellt, die mit ein bis zwei Füllungen pro Jahr auskommen! Anders gesagt: der einzige, der mit dem Problem des Austrocknens eines patschnassen Tabaks in einer nicht schliessenden Dose mit „Schutzfunktionskarton“ konfrontiert wäre, das wäre ein Nichtraucher, womit das Problem als solches wiederum überzeugend gelöst wäre!?!

Damit sind wir endlich beim Tabak angekommen. Nachdem wir also den dicken Karton entnehmen konnten und das Papier aufgefaltet haben, werden wir belohnt! Die Cabbie’s Mixture bietet wahrscheinlich das schönste und aufregendste Tabakbild, das derzeit überhaupt auf dem Markt ist!

Cabbie's MixtureHier haben wir fein und sauber geschnittene Curlies mit allen Farbschattierungen, die man sich bei Virginia-Perique-Pfeifentabak nur denken kann, abwechselnd mit angerubbelten und angerissenen Curlies. Streng genommen ist die Cabbie’s Mixture also gar keine Mixture im klassischen Sinn sondern ein Curly Cut oder Ready Rubbed Roll Cake! Was die Sache aber natürlich nur noch interessanter macht, zumal sich zum optischen Eindruck ein olfaktorischer gesellt, der mindestens so spektaklär wirkt: da wechseln sich Trockenfrüchtearomen, wie Feigen, Datteln und Rosinen mit Malzsüsse und Brotkruste und natürliche Honigsüsse und Zitrusfrüchte, alles schön schokoladig unterlegt, ab! Ein Feuerwerk sondergleichen! Nur halt eines, das irgendwann einmal gründlich nass wurde, was gerade das Entzünden desselbigen beschwerlich gestaltet!

Bevor wir zum Entzünden kommen, müssen wir die Cabbie’s Mixture aber erstmal in die Pfeife füllen und das ist so ziemlich das einzige, was bei diesem Tabak vollkommen unkompliziert vonstatten geht: einfach ein paar kleine Päckchen zwischen die Finger nehmen, leicht kugelig formen und rein in den Pfeifenkopf, am Ende ein bisschen festdrücken – wie eigentlich immer. Cabbie's MixtureAber dann kommt das Anzünden. Einmal. Zweimal. Dreimal. Immer nur ganz leicht ziehen, um die langsam, nein, um die sehr langsam entstehende Glut nicht zu sehr nach innen zu ziehen. Immer kreisend. Bis eine gleichmäßige Glut an der Oberfläche entsteht. Das braucht bei mir meistens zwischen vier bis sieben Anläufe! Für Menschen mit Geduld eigentlich kein Problem. Die anderen seien gewarnt! Wenn die Cabbie’s Mixture aber mal brennt bzw. glimmt, dann glimmt sie ganz langsam und gleichmäßig – allerdings nur bis zum nächsten Anzünden nach ungefähr fünf bis zehn Minuten! Wenn man die Möglichkeit hat, sich ausschließlich dem Tabak zu widmen, also nicht nebenher zu lesen, mit irgendjemandem zu reden oder sonst was zu tun, was vom Tabak ablenkt, dann schafft man es schon, die Cabbie’s Mixture einigermaßen zivilisiert „durchzurauchen“, aber es ist ein Tabak, der Aufmerksamkeit einfordert und zwar auch für Samuel Gawith’sche Verhältnisse viel Aufmerksamkeit!

Jetzt fragt man sich natürlich unweigerlich, warum man sich das alles aufhalsen sollte und das noch dazu für einen vergleichsweise stattlichen Preis? Ganz einfach: weil die Cabbie’s Mixture, und zwar vollkommen egal, wie of man sie nachzünden muß, geschmacklich ein absolut herausragender Tabak ist, der einen für allen Aufwand, auch den finanziellen, in jeder Hinsicht mehr als entlohnt! Cabbie's MixtureNeben dem Escudo/den Navy Rolls (oder wie auch immer sie im moment heißen) ist die Cabbie’s Mixture in meinen Augen DER Maßstab für einen Virginia/Perique Tabak schlechthin. Ein Tabak, der alles hat, was man sich wünscht: wuchtige malzige Süße, fruchtige Süße, cremige Süße, frische Zirtusnoten, ganz ganz leichte heuige Noten, dann dazu das ganze Trockenfrüchteportpourri des Periques mit feinen schokoladigen Noten unterlegt, die sich manchmal dominanter, manchmal dezenter präsentieren! Die Cabbie’s Mixture ist ein absolut komplexer und harmonischer Tabak mit großer geschmacklicher Tiefe, der nie langweilig oder gleichmäßig wirkt, sondern immer mit neuen Nuancen aufwarten kann. Der Cabbie’s Mixture fehlt vielleicht ein bisschen die überbordende Vollmundigkeit des Escudos, aber dafür ist sie vielschichtiger, ihr fehlt vielleicht die wundervolle Erdigkeit und die Kraft der ALTEN Three Nuns, dafür ist sie süßer und cremiger, aber insgesamt ist das ein Tabak, der in der Champions League der Virginia/Perique Tabake immer mindestens ins Halbfinale kommt! Man merkt mit jedem Zug, was für herausragendes Blattgut hier verarbeitet wird und letztlich zeigt uns die Cabbie’s Mixture wieder eindrucksvoll, dass man, wenn es hauptsächlich um Virginia geht, an dem Haus in Kendal nicht vorbei kommt!

Cabbie's MixtureWill man sich das ganze Trara um Entzünden und Abbrand sparen, dann empfielt es sich, die Pfeife mit Cabbie’s Mixture rechtzeitig zu panen und den benötigten Tabak vorher eine Stunde in der Sonne oder zwei bis drei Stunden drinnen trocknen zu lassen! Dann hat man das Problem gelöst und wird mit einem gleichmäßig und sehr langsam abbrennenden Curly Cut belohnt! Diese extreme Langsamkeit im Abbrand und damit die Ergiebigkeit entschädigt auch ein bisschen für die letztlich kostspielige Feuchtigkeit, denn eine Pfeifenfüllung (meine Pfeifen sind meist Dunhill Group 3 Größe, also eher klein) dauert locker ihre zwei Stunden! Alles in allem würde ich die Cabbie’s Mixture wirklich jedem ans Herz legen wollen, solange er ein bisschen Erfahrung mit Presstabaken hat. Anfänger könnten daran verzweifeln! Und ich persönlich sehe die Cabbie’s Mixture als einen durchaus preiswerten Tabak trotz des gehobenen Preises, denn ihre Qualität ist mindestens so herausragend wie ihr Preis! Viel Vergnügen!

 

P.S.: Vor vier Jahren hat Bodo Falkenried hier schon einmal was zur Cabbie’s Mixture geschrieben, war ebenfalls sehr glücklich mit dem Tabak, hatte aber offenbar kein Problem mit der Feuchtigkeit.


 

Für weitere Reviews von SG Tabaken klick ins Bild

 

 




Samuel Gawith | RB Plug

Also wenn schon alle anderen im Moment Aromaten testen, dann muss ich wohl auch mal wieder. Unter den wenigen Aromaten, die ich rauche, sind die meisten aus den Lakelands. Manchmal stärker aromatisiert, manchmal weniger, alle haben eines gemeinsam: ich rauche sie sehr selten, aber ich rauche sie mit großer Freude! Und ums Testen geht’s eigentlich gar nicht, denn die Tabake kenne ich schon lange, es sind schließlich keine Neuheiten, es geht eher darum, mal ein paar Eindrücke aufzuschreiben.

Der Tabak, den ich mir dafür ausgesucht habe, ist der RB Plug von Samuel Gawith, von dem ich noch einen kleinen Rest habe und der so alle zwei bis drei Monate mal abgeschnitten, gefüllt und geraucht wird. „Um Gottes Willen“ hör‘ ich schon den einen oder anderen entsetzt aufschreien, „RB Plug, bist du wahnsinnig! Das kann man doch nicht rauchen!“ Kann man. Meistens gut sogar und wenn man auf eine zahmere Version stösst, denn die Versionen sind hinsichtlich ihrer Aromatisierungsintensität nicht immer gleich (Samuel Gawith eben!), dann kann man das sogar sehr sehr gut!

Meine Version ist so eine zahmere. Der Plug hat schon ein paar Jahre auf dem Buckel, ist aber natürlich immer noch perfekt konditioniert. Dieser RB Plug ist relativ feucht und nicht so ultrastark gepresst, wie es manchmal vorkommt. Von der Konsistenz her am ehesten vergleichbar mit dem Epikur!

Nun gibt es verschiedene Möglichkeiten, Plugs aufzubereiten. Jeder hat da so seine persönliche Vorliebe. Ich schneide mit einem meiner Kochmesser, das eine einseitig geschliffene Klinge hat, extrem dünne Scheiben ab. Fast wie Späne sind diese Scheibchen. Aus jeweils zwei drei solcher Späne forme ich Tabakkügelchen, die ich dann nacheinander in die Pfeife stopfe. Die Brösel obendrauf. Das Anzünden gestaltet sich vollkommen problemlos, der Tabak brennt gleichmäßig langsam ab und entfaltet seinen Geschmack und sein Aroma.

RB PlugJa, und welches Aroma und was für einen Geschmack? Der RB Plug besteht aus verschiedenen Virginiablättern, die zu einem Block gepresst sind. Das Besondere an diesen Hocharomaten aus den Lakelands ist, dass ihre Basis immer herausragende Virginias enthält, die geschmacklich auch präsent bleiben – bis zum Ende der Füllung. Bei vielen unserer hiesigen Aromaten ist es oft nur die Herstellerpanegyrik von erlesenstem Dingsbums, die neben der Aromatisierung bleibt. Wir haben also beim Samuel Gawith RB Plug so etwas wie den Kendal Plug oder Full Virginia Plug, nur dass das Blattgut eben mit Aromen angereichert wurde.

Geschmacklich ist der RB Plug ein Tabak, bei dem die intensive Malzsüsse der dunkleren Virginias dominiert. Dann kommen noch Trockenfrüchtenoten und eine gehörige Portion natürlicher „Cremigkeit“ dazu. Soweit die Basis. Die Aromatisierung ist erstmal ein wenig seifig, quasi die Aromatisierungs-DNA aus Kendal! Aber nur sehr sehr dezent im Hintergrund! Also kein Seelenverwandter des parfümigen Ennerdales zum Beispiel! Das eigentliche Aromenzepter, das der RB Plug schwingt, sind Gewürze! Pfeffriger Piment, Vanille, Zimt, Nelken und Kardamom. In Kombination mit der Malzsüsse und den Trockenfrüchtenoten der Virginias entsteht der Eindruck von Weihnachtsbackwerk. Geschmacklich wirkt das mehr wie ein schweres Panpepato/Panforte als wie Lebkuchen, wenngleich man den auch finden kann.

RB PlugAber so geradlinig einfach (Weihnachtsbackwerk) geht’s in Kendal nicht zu! Da gibt es immer irgendwas irritierendes, was irgendwo eingebaut wurde. Da ist der RB Plug keine Ausnahme. Und diese Iriitation führt uns schnurstracks doch wieder in die Welt der Parfümerie und der 68er Flower Power Aromen: hier sind Patchouli-Noten unterlegt, die schwül, holzig süß und erdig unserem Panpepato zu einem einzigartigen Höhenflug an Raffinesse verhelfen! Raffinesse deshalb, weil diese holzigen und erdigen Noten wiederum fantastisch mit den Virginias korrespondieren. Die Grenze zwischen den Patchouli-Noten und dem Virginia-Tabak ist hier vollkommen fließend und dazu die orientalische Gewürzwelt – unwiderstehlich! Aber für mich nur alle zwei bis drei Monate mal. Nicht umsonst ist der Samuel Gawith RB Plug einer der ganz großen Klassiker unter den englischen Hocharomaten! Bodenständig seriös und ausgelassener Hippie zugleich! Probiert’s aus!

Beste Grüsse

Für weitere Reviews von SG Tabaken klick ins Bild




Pfeifen Huber | Selected Blend English

Pfeifen Huber, Freitagnachmittag gegen 14.00 Uhr: „Und, gibt’s irgendwas Neues?“ „Ne, eigentlich nicht… Doch Halt! Wir haben fünf neue Tabake! Gestern gekommen!“ Also wenn das nichts Neues ist! Diese fünf neuen Tabake sind eigentlich eine kleine Reihe, die sich „Selcted Blend“ nennt und sich in erster Linie einmal dadurch auszeichnet, dass die Tabake einheitlich in 50g Dosen konfektioniert sind. Das ist vor allem bei der hier besprochenen „Englischen Mischung“ sinnvoll und schließt eine Lücke im Sortiment der Huber Haustabake, denn alle anderen Huber-Latakiamischungen sind bislang nur in 100g Dosen erhältlich.

Huber Selected Blend English10 verschiedene „Englische Mischungen“ gibt es unter den Huber Tabaken, darunter auch den von mir sehr geschätzten „English Balkan“ oder die „Smoking Mixture“. So stellt sich die Frage, wie sich der „Selected Blend English“ innerhalb des Portfolios positioniert und ob eine Erweiterung um einen elften Latakiablend sinnvoller ist als etwa eine der bewährten Mischungen als 50g Dose anzubieten?

Die Herstellerpanegyrik lautet: „Eigenständig. Unverwechselbar. Rauchig duftiger Latakia aus Nordzypern wird abgerundet mit Virginia aus drei Kontinenten. Abseits von zugeführter Aromatisierung bietet diese Mischung unverfälschten Rauchgenuss für Puristen. Langfaseriger Schnitt.“

Huber Selected Blend EnglishVirginias und Latakia, sonst nichts. Das klingt erstmal wenig spektakulär, ist auch wenig spektakulär, aber es ist ziemlich gut gemacht und so ist der Selected Blend English ein Tabak, der mir vom ersten bis zum letzten Zug schmeckt und Freude macht. Diese fast schon puristische Reduzierung ist eigentlich gar keine, zeigt sich doch von Anfang an, wie vielschichtig eine gekonnte Kombination verschiedener Virginias sein kann. Kohlhase & Kopp, aus deren Haus der Huber Selected Blend English stammt, hat hier wieder einmal erstklassige Arbeit geleistet. Und genau deshalb kann sich der Tabak im Huber-Latakia-Sortiment auch gut behaupten und ergänzt das Angebot auf absolut überzeugende Art und Weise.

Der Huber Selected Blend English ist ein klassischer Ribbon Cut der neben den verschiedenen Virginia Grades aus einer anständigen Portion Latakias besteht, was ihn auf der einen Seite ordentlich rauchig macht, auf der anderen stehen aber die Virginias, die durchaus kräftig genug sind, um dem Tabak genügend Körper zu verleihen und ihm malzig süsse und erdige Noten mitgeben. Huber Selected Blend EnglishDas Geschmackserlebnis ist einerseits sehr direkt und fast ein bisschen rustikal, aber auch komplex und vielschichtig, wobei allerdings eine große geschmackliche Entwicklung über die ganze Füllung hinweg ausbleibt. Hier ist er vielleicht stilistisch am ehesten mit Samuel Gawiths Squadron Leader vergleichbar, der – obwohl er noch Orientals enthält – ähnlich direkt bei überschaubarer Entwicklung schmeckt. Auch qualitativ ist er diesem absolut ebenbürtig. Der Latakiaanteil wirkt nicht so sehr ätherisch wie etwa beim Huber English Balkan, dafür ist er perfekt eingebunden. Sein geschmacklicher Bruder ist der Dunhill BB 1938, der aber im vergleich zum Huber Selected Blend English ein wenig schmalbrüstiger wirkt.

Durch die verschiedenen Virginias ist der Selected Blend English unter den englischen Mischungen durchaus nicht leichtfüßig und ich empfinde ihn zwar nicht so rauchig voll wie den English Balkan, dafür aber als gehaltvoller und kräftiger. Die perfekte Balance das Tabaks verhindert, dass er langweilig wirkt, sodass ich ihn lieber rauche als den BB 1938, der für mich genau an dieser Stelle etwas kränkelt. Das ist aber ein Eindruck aus dem Gedächtnis mangels eines direkten Vergleichs der zwei Tabake.

Huber Selected Blend EnglishFür Freunde schnörkelloser Latakiamischungen hat der Selected Blend English absolut meine Empfehlung! Er ist in etwa das, was für den Virginia/Perique Liebhaber die alte Elizabethian Mixture war: eher wenig spektakulär aber schlicht herausragend gut! Wer das Spektakel sucht, möge unter den Huber Latakias den English Balkan probieren!

Stopfen, Anzünden und Rauchen lässt sich der Selected Blend English vollkommen problemlos, was ihn auch durchaus für Anfänger empfiehlt, die einen kräftigen Engländer probieren möchten.

Erhältlich ist der Huber Selected Blend English ausschließlich bei Pfeifen Huber in München zum derzeitigen Preis von Euro 12,50/50g (Stand März 2020).




Juragan Icoqu | Light Tamarin

Es ist immer so eine Sache, einen Bericht über einen Pfeifentabak zu schreiben, den man praktisch hierzulande trotz Internets kaum erwerben kann. Trotzdem ist dieser Tabak so interessant und für unsere Verhältnisse derart exotisch, dass ich euch meine Eindrücke nicht vorenthalten möchte.

Singapur Botanischer GartenZu den nennenswertesten landwirtschaftlichen Relikten der niederländischen Kolonialzeit in Indonesien gehört der Tabakanbau. Wir kennen hier hauptsächlich Sumatra und Java als Hauptanbaugebiete, die erstere Insel bekannt für ihre Zigarrentabakproduktion, die zweite nicht zuletzt für den Anbau von Pfeifentabak, der bis in die 50er Jahre – über den Handelsweg Niederlande – auch das Pfeifentabakangebot bei uns maßgeblich prägte. Dass in der Sulawesi Region, einer Insel zwischen Borneo und Papua-Neuguinea, auch Tabak angebaut wird, war mir bis vor kurzem vollkommen unbekannt. Genauer bis zu meinem letzten Besuch in Singapur im Dezember letzten Jahres, als mir unser lieber Freund David bei der samstagnachmittäglichen Pfeifen- und Zigarrenraucherrunde im Grande Vida eine durchsichtige Ziplock-Verpackung mit ausgesprochen seltsam anmutendem Tabak in die Hand gedrückt hat, die er bei einem seiner zahlreichen Aufenthalte in Indonesien erworben hatte. Er sagte mir, dass der Tabak aus Sulawesi von einem manufakturähnlichen Betrieb Namens Juragan Icoqu stammt und erklärte mir, was es mit dem seltsamen Aussehen des Tabaks auf sich hat. Dazu aber erst etwas später, denn unabhängig vom individuellen Herstellungsprozess haben wir es bei den indonesischen Pfeifentabaken, von denen ich inzwischen auch ein paar andere von anderen Herstellern kenne, mit einer Besonderheit zu tun: der Produktionsprozess von Pfeifentabak ist in den allermeisten Fällen aufgeteilt zwischen landwirtschaftlichem Tabakanbau, Handel mit Tabak und der Aufbereitung und Erstellung der Mischungen plus Marketing. Das ist in diesen Fällen anders, denn hier ist der komplette Herstellungsprozess in einer Hand und an einem Ort, das heißt grob gesagt, dass der Tabakbauer auch die Reifung, das Aufbereiten und das Mischen übernimmt. Für Pfeifentabak ist das sehr ungewöhnlich und es erklärt aber auch, warum diese Tabake in erster Linie auf dem inländischen, also indonesischen Markt vertrieben werden.

Juragan IcoquJuragan Icoqu stellt eine kleine Palette verschiedener Tabake her, die sich, soweit ich das sehe, in ihrem Grundherstellungsprozess alle mehr oder weniger ähneln, sich allerdings in ihrer Aromatisierung voneinander unterscheiden. Ein überhaupt nicht aromatisierter Tabak von Juragan Icoqu ist mir unbekannt. Wie der Name schon sagt, ist der Light Tamarin, also der Tabak um den es hier im Nähreren geht, mit Tamarinde aromatisiert. Das allerdings so dezent, dass die Aromatisierung kaum ins Gewicht fällt.

Das erste, was meinen Blick auf sich gezogen hat, als ich den Tabak bekommen habe, war dieses seltsam flache fast zusammengepresste fladenähnliche Gebilde sehr dunklen Tabaks, das sich in der Mitte des Ziplockbeutels abzeichnete. Wie die Scheibe eines Bohrkerns mutet der Tabak an, der sich, wenn man genauer hinschaut, als leicht gepresster und extrem feingeschnittener Ribbon Cut entpuppt. Vom klassischen Feinschnitt unterscheidet ihn lediglich die deutlich geringere Länge der feinen Streifen und das vereinzelte Vorhandensein einiger breiterer und größerer Blattteile. Diese fallen farblich mit ihrem dunklen Braun auch etwas heller aus als der feingeschnittene tiefschwarze Rest.

Jurangan Icoqu Light TamarinDavid erklärte mir, dass es sich bei dem Tabak um Firecured Burley handelt (ich würde denken, dass da auch Virginia mit drin ist) und dieser Tabak wird für den Curing Prozess bereits geschnitten, teilweise mit Palmsirup gesüsst, in relativ große Bambusrohre gepresst, die verschlossen werden. Auf diese Weise wird der Tabak in den Bambuspaketen zwar erhitzt, kommt aber relativ wenig in Kontakt mit dem Rauch der Feuer innerhalb der Scheune. Ist der Prozess abgeschlossen, wird der Tabak, der die zylindrische Form des hohlen Bambusrohres angenommen hat, in Scheiben geschnitten und portioniert. Eine solche Scheibe ist in dem Ziplockbeutel. Bemerkenswerterweise ähnelt dieser Curing Prozess, abgesehen natürlich von der Dauer, dem Herstellungsprozess von Lemang, einem klassischen indonesischen Reisgericht, bei dem Reis mit Kokosmilch in Bambusrohren verpackt über offenem Feuer gekocht wird. Von unseren westlichen Tabaktypen ähnelt der Juragan Icoqu Light Tamarin am ehesten einem nicht oder eben sehr dezent aromatisierten Black Cavendish.

Jurangan Icoqu Light TamarinWie aber raucht sich dieser Tabak und wie schmeckt er? Wie oben schon erwähnt, ist der Juragan Icoqu Light Tamarin relativ fein geschnitten und kommt auch ein bisschen trocken daher, was sein Abbrandverhalten nicht ganz unproblematisch gestaltet: er brennt relativ schnell und tendenziell auch heiss, was man einerseits korrigieren kann, in dem man den Tabak etwas befeuchtet, behutsam raucht und Pfeifen benutzt, die kleinere Brennkammerdurchmesser aufweisen. Berücksichtigt man das, dann belohnt einen der Tabak mit einem sehr tiefen intensiven vollem Malzgeschmack mit leichter Rauchigkeit, der erstaunlich wenig süss wirkt. Ich hatte hier deutlich Süsseres erwartet, was vermutlich damit zu tun hat, dass der Tabak, wenn überhaupt, nur sehr dezent gesüsst wurde und das ganz leichte Tamarindenaroma mit seinen säuerlichen Holznoten das sehr gut balancieren kann. Macht sich dieses Tamarindenaroma im Geschmack erst relativ gegen Ende einer Füllung bemerkbar, so riecht man es im ungerauchten Tabak sofort, indem es eine Spur dieser McClelland Ketchupnote beisteuert, die bei der Kombination von Malzsüsse und Säure entsteht. Geschmacklich hat der Tabak allerdings nichts mit McClelland zu tun! Deutlich sagen muß man, dass der Juragan Icoqu Light Tamarin relativ nikotinstark ist, was ich aber ausgleiche, indem ich kleine Pfeifen benutze.

Da sich der Tabak geschmacklich über die gesamte Füllungslänge hin, von der Zunahme des Tamarindenaromas gegen das Ende abgesehen, kaum verändert, sind kleinere Pfeifen für mich hier eh die bessere Wahl. Der Eindruck, den der Tabak hinterlässt, ist sehr direkt, sehr vollmundig mit einem durchaus rustikalen Charme, der als Abwechslung zu meinen englischen Mischungen oder den VA/Periques große Freude macht. Als Alltagstabak wäre er mir nicht vielschichtig genug. Wenn man aber die Gelegenheit hat, einen solchen Tabak zu probieren, sollte man sich nicht scheuen…

 




Robert McConnell Heritage | Paddington

Ich weiß nicht, was mich getrieben hat, den Paddington zu kaufen. Wahrscheinlich wollte ich ein Review drüber schreiben, weil ich die Robert McConnell Heritage Reihe ganz grundsätzlich als interessant und gelungen empfinde. Und weil die STG Version des Dunhill „The Royal Yacht“ mir ganz gut gefallen hat. Na ja, also im Vergleich zur Murray’s Version zumindest.

McConnell PaddingtonEin Lieblingstabak war das nie von mir, aber einer, den man ganz gut immer mal rauchen konnte, wenn man einen mittelkräftigen leicht aromatisierten Virginia haben wollte. Die Murray’s Version war von STG in diesem Fall natürlich vollständig entstellt worden, was meinem Geschmack diesmal aber entgegen kam, denn aus extrem breit, erdig, schwer und stark mit einer zwar geschmacklich eher dezenten, aber tonnenschwer lastenden Aromatisierung wurde ein Tabak, auf dem auch problemlos WØ Larsen hätte stehen können. Deshalb war ich schon neugierig, wie K&K die Sache angegangen ist.

Kurz gesagt, wenn der Tabak, der in meiner Dose war, der Tabak ist, der der STG Version des Royal Yachts nachempfunden wurde, dann ist das Vorhaben in dieser Hinsicht geringfügig misslungen. Aber da muss man vielleicht ein bisschen ausholen: In der Produktbeschreibung des STG Dunhill „Ye Olde Signe“ stand, dass ein kleiner Anteil des Royal Yachts im Ye Olde Signe enthalten wäre. Und der Paddington scheint dieses Prinzip umgekehrt zu haben. In dieser Royal Yacht Nachempfindung ist geschmacklich eine gehörige Portion rauchig erdiger Ye Olde Signe bei offensichtlicher Knappheit an Aromastoffen.

McConnell PaddingtonSo wird ein schöner und kraftvoll erdiger Tabak daraus, der ein bisschen so daherkommt, als hätte man bei der Murray’s Version die Aromatisierung vergessen. Oder anders, um im STG Dunhill Portfolio zu bleiben: das Vorbild scheint ein imaginärer „Ye Olde Yacht“ gewesen zu sein. McConnell PaddingtonAls vollmundig kraftvoller Tabak, mit sehr schönen verschiedenen Virginias, darunter auch dunkle rauchig erdige, gefällt er mir wirklich gut und wird sicherlich seine Liebhaber finden. Ein wirklich gut gelungener, schöner charaktervoller Tabak, der sich problemlos rauchen lässt. In meinen Augen, für sich gesehen, lässt der Paddington die STG Version des Royal Yachts deutlich hinter sich!

Jetzt stellt sich nur noch die Frage, was aus der „Ye Olde Signe“ Nachbildung geworden ist? Aber ich habe keine Lust mehr auf diesen Zirkus. Das soll jemand anderes machen…