Cornell & Diehl | Byzantium

Boah! Was für ein fürchterlicher Scheisstabak ist das denn? Muffig ohne Ende! Dazu noch patschnass! Dabei kommt der gar nicht in Plastiktüten sondern kultiviert in Dosen mit ansehnlichem Etikett über den Atlantik geflogen! Mein erster Eindruck war schlicht schockierend. Aber er war auch einem unglücklichen Umstand geschuldet:

Kurzfristig beschlossen, einen Spaziergang im Olympiapark zu unternehmen, Bus fährt gleich und nur alle zwanzig Minuten am Sonntag, schnell noch eine Pfeife gestopft, neue Dose unbekannten Tabaks geöffnet, Cornell & Diehl, die sonst immer auf der trockenen Seite konfektioniert sind, diesmal nicht. Trotzdem gestopft. Bus gerade noch erwischt. Angekommen und nach wenigen Minuten versucht, den Tabak anzuzünden. Versucht, den Tabak anzuzünden. Nochmal. Und nochmal. Frau ungeduldig. Katastrophe biblischen Ausmaßes! Dagegen muss die Durchquerung des Roten Meeres ein Spaziergang gewesen sein! Geschworen, mich nie wieder über das Anzünden eines frischen S. Gawith Flakes zu beschweren! Irgendwann, vermutlich in Folge göttlichen Eingreifens (Gott konnte sicher das Elend nicht mehr mit ansehen), doch noch erfolgreich gewesen! 50 Meter spaziert. Stehengeblieben. Musste Nachzünden. 100 Meter spaziert. Nachzünden! Frau genervt (so stelle ich mir das Gekeife zwischen Moses und Aaron vor)! Usw. usw.. Nach zwanzig Minuten entnervt die Pfeife notgeräumt! Gottseidank hatte ich noch Toscanelli dabei: großer, zutiefst befriedigender Genuss stellte sich unmittelbar ein! Entspannung der Lage! Zufriedenheit. Toscanelli sind schwer unterschätzt!

Cornell & Diehl ByzantiumDie Dose Byzantium habe ich erst einmal ein paar Tage nur von außen angeschaut und mich gefragt, warum der Tabak nicht besser „Sultan Mehmets Rache“ heißt? Dann tat er mir leid und ich dachte, versuch’s nochmal! So einen Tabak wirft man doch nicht einfach weg! Und wenn du Zeit und Ruhe hast, dann kann man den vielleicht doch noch rauchen? Und was soll ich sagen: ein Wunder, ein Wunder!

Na ja, okay, kein wirkliches Wunder, eher eines, das diesen lausig schlecht schließenden Plastikdeckeln der Cornell & Diehl Dosen geschuldet ist, denn der Tabak war nach den paar Tagen genau da, wo die Tabake von Cornell & Diehl sonst beim Öffnen sind: auf der leicht trockenen Seite! Und eigentlich beginnt erst jetzt das Review.

Der Byzantium ist eine Ribbon Cut Mixture, die aus einem wirklich großen Latakia-Anteil besteht, Orientals und etwas Perique. Das Tabakbild ist fast schwarz, grünlich dunkelbraun durchsetzt und neben gröber geschnittenem Blattgut gibt es auch recht feines Gebrösel. Aber immer noch Blattgut, also nicht dieser „staubige“ Rest, wie er manchmal am Ende der Dose übrig bleibt! Ich würde deshalb für den Byzantium keine allzu kleinen Brennkammern empfehlen! Dunhill Group 3 geht aber noch sehr gut!

Cornell & Diehl ByzantiumDer Geruch des Byzantium ist überraschend: erwartbar ist die opulente Rauchigkeit des Latakias, was bei Cornell & Diehl aber eher überrascht, das ist eine deutlich wahrnehmbare säuerliche Note, fast wie bei einem McClelland das Ketchup nur hier mit deutlich weniger Tomatensüsse! Vor allem bei der frisch geöffneten Dose finden sich diese sauren Noten, wird der Byzantium trockener, dann wird der Eindruck etwas weicher! Insgesamt ist da aber doch ein eher gewöhnungsbedürftiges und nicht unbedingt harmonisches Geruchsbild!

Der Byzantium lässt sich vollkommen problemlos stopfen und jetzt, da er eher trocken ist, auch vollkommen problemlos anzünden! In diesem Zustand glimmt er auch problemlos ab. Und in diesem Zustand zeigt der Tabak auch seine ganze Klasse und eröffnet uns ein heutzutage fast ungewöhnliches, sogar extremes Geschmacksbild, das bestimmt nicht dazu taugt, everybody’s darling zu sein: der Byzantium dürfte ein Tabak sein, der polarisiert!

Warum? Weil der Byzantium nicht nur sehr rauchig ist, zwar über die nötige Grundsüsse verfügt, aber trotzdem weit davon entfernt ist, mit einer schmeichelnden Süsse versehen zu sein, und weil er vor allem extrem erdig und damit kantig wirkt! Der Byzantium ist ein Tabak, der sofort seine Ellenbogen ausfährt, da gibt es nichts, was gefällig wirkt, auch gar nicht so wirken will! Selbst der Perique, sonst oft Garant für schwer-aromatischen Wohlgeschmack, ist hier so dosiert, dass der Byzantium nicht vom Weg der Zivilisation abkommt!

In seiner Art wirkt der Byzantium wie ein wenig aus der Zeit gefallen, fast ein Retro-Tabak. Der Stil der Komposition – nicht der Geschmack(!) – erinnert zwangsläufig an den alten Dunhill Nightcap! Das nur, um zu verdeutlichen, mit was für einer Granate man es beim Byzantium zu tun hat! Und vielleicht auch, warum er in meinen Augen polarisieren dürfte!

Cornell & Diehl ByzantiumNach dem Entzünden haben wir geschmacklich neben der Latakia-Rauchigkeit eine eigentlich nicht allzu breite Basis mit erdigen Noten verbunden mit feuchtem Laub, Moos und Unterholz. Das, was hier erst einmal „schwer“ klingt, schmeckt aber gar nicht „schwer“: es fühlt sich ein bisschen wie eine Wanderung im Bergwald nach einer Stunde und nicht nach sechs Stunden und 1000 Höhenmetern an! Die Orientals wirken grün und ganz leicht cremig, von cremiger Malzsüsse aber keine Spur! Die Substanz, die sie dem Tabak verleihen, ist ganz leicht süßlich und durchaus leichtfüssig, wobei die Leichtfüssigkeit vom Rest sofort im wahrsten Sinne des Wortes geerdet wird. Der geschmackliche Gesamteindruck ist „herb“ und daran ändert auch der Perique nichts, der im Einklang mit den süßlich grünen Orientals lediglich dafür sorgt, dass wir es beim Byzantium nicht mit einem Tabak zu tun haben, den man „rustikal“ nennen könnte.

Rustikal ist der Byzantium wirklich nicht, aber ein Tabak, der vor kantiger Männlichkeit nur so strotzt: das weisse Hemd ist einen Knopf zuviel auf, aber es wird noch ein dunkler Blazer getragen! Für Anfänger würde ich den Byzantium nicht empfehlen, denn dafür ist die oben erwähnte Granate eine Spur zu groß und auch durchaus zu „full“: ein Macho, aber ein echter, keiner der etwas sein will, was er nicht ist! Für eingefleischte Latakianer, vielleicht auch jene, die solche Tabake wie den alten(!) Nightcap vermissen, kann der Byzantium eine Offenbarung sein! Aber Vorsicht: der alte Nightcap war immer noch alter englischer Adel! Davon ist der Byzantium weit entfernt.

Trotz meiner Anfangsschwierigkeiten möchte ich den Tabak gerne empfehlen, mir gefällt er in seiner Sperrigkeit wirklich sehr gut und jeder, der bis jetzt gelesen hat, weiß, worauf er sich einlässt… Also: nur Mut!

 




Cornell & Diehl | Bow-Legged Bear

Man könnte den Eindruck haben, da wird gepresst, was nicht bis drei auf’m Baum ist. Was bei uns eher die Ausnahme ist, nämlich Mixtures zu Krumble Kakes zu pressen, das ist bei Cornell & Diehl weit verbreitete Normalität. Und diese Normalität schenkt uns Tabake, die über wunderbare Abbrandeigenschaften verfügen und uns damit ziemlich eindrucksvolle Geschmackserlebnisse bescheren. Man könnte auch sagen: „Das ist der Triumph der Langsamkeit“! Der Bow-Legged Bear ist ein Paradebeispiel dafür!

Cornell & Diehl Bow Legged BearBeim Pfeiferauchen ist Langsamkeit ein Zauberwort, denn je langsamer ein Tabak abglimmt, desto mehr Geschmacksnuancen kann dieser Tabak entfalten. Das ist der Grund, warum man von Herstellerseite erst den Aufwand des Pressens und des Portionierens und dann auf Raucherseite den des Aufbereitens betreibt. Nun ist es aber keineswegs so, dass jeder Tabak bzw. jede Mixture gewinnt, wenn man sie nur presst! Einen Tankstellentabak im Beutel wird man nicht zum Rollce Royce pimpen können, auch wenn man sich das nach all dem Aufwand noch so sehr einbilden mag. Taugt das Blattgut nicht, wird’s auch nach dem Pressen nicht taugen… Denn die Geschmacksnuancen müssen im Tabak angelegt sein, das Pressen bringt keine neuen, es hilft nur, dass sie sich beim Rauchen besser entfalten können!

Im Prinzip gibt es zwei Arten von herausragenden Krumble Kakes: klassische Mischungen mit einem hohen Anteil sogenannter Würztabake und reine Virginia bzw. Virginia/Perique Mischungen mit komplexen Anteilen hochwertigster Virginias. Zu den ersteren zählt der Bow-Legged Bear.

Cornell & Diehl Bow Legged BearUnser krummbeiniger Bär, der sich Pfeife rauchend als Tabakbauer verdingt, steht für eine klassische englische Mischung, der man bei Cornell & Diehl ganz unklassisch amerikanisch Burleys und Perique hinzugefügt hat. Die Mischung ist komplex und vielschichtig, obwohl der Latakia-Anteil geschmacklich wie auch im Geruch aus der Dose dominant ist. Von den Würztabaken spielt der Perique eine deutlich untergeordnete Rolle, auch wenn er auszumachen ist und für eine wundervolle geschmackliche Abrundung sorgt mit seinen dunkel-fruchtigen Aromen. Der Tabak ist durchaus „Full“ im Geschmack, wie es auch auf der Dose steht, trotzdem ist der Bow-Legged Bear kein überwältigend starker Tabak, was letztlich dem hohen Latakia-Anteil zu verdanken ist.

Cornell & Diehl Bow Legged BearÖffnet man die Dose, hat man sofort die ätherische Rauchigkeit einer englischen Mischung in der Nase, aber man merkt auch gleich, dass da eine seriöse, aber nicht zu breite Substanz an Virginias vorhanden ist. Das Schokoladige/Nussige des Burleys lässt sich für mich nicht ausmachen, es ist gut verpackt. Geschmacklich wird das dann etwas anders, denn Burley und Perique verbünden sich, um den Bow-Legged Bear schön abzurunden.

Hat man erst den ganzen Cornell & Diehl-typischen Papierkram irgendwie beiseite geschafft, prangen einem zwei gepresste Quader dunkelbraunen Tabaks entgegen, den man sich vielleicht aufgrund des Geruchs sogar noch etwas schwärzer erwartet hätte. Die Konsistenz der Quader ist dicht und fest, fest genug, dass der Tabak nicht sofort auseinanderbröselt, wenn man ein Stück herausnimmt und auch fest genug, um den Bow-Legged Bear mit dem Messer in relativ dünne Scheibchen zu schneiden. Man kann den Tabak zwar auch direkt vom Quader bröseln und in die Pfeife füllen, aber mit der „Scheibchenmethode“ bleiben nach dem grobem Aufrubbeln der abgeschnitten Scheibchen kleine lockere „Cubes“ übrig, die meiner Erfahrung nach einen noch langsameren Abbrand gewährleisten. Bei sehr locker gepressten Krumble Kakes funktioniert das nicht und man kann sich den Schritt des Schneiden getrost sparen, hier in diesem Fall beim Bow-Legged Bear funktioniert es mustergültig!

Cornell & Diehl Bow Legged BearDas Stopfen ist dann vollkommen problemlos, ganz oben drauf kommt eh der feinere Rest, und auch das Anzünden geht ohne Komplikationen, denn der Bow-Legged Bear kommt mit perfekter Feuchtigkeit aus der Dose. Er ist, wie bei vielen Cornell & Diehl Tabaken üblich, eher auf der trockenen Seite!

Was bis jetzt alles eher spektakulär klingt, das relativiert sich etwas beim ersten Eindruck im Geschmack: Die Virginias legen einen dichten Teppich an malziger Süsse mit Aromen von süsser leicht holziger Creme und frischem Schwarzbrot aus. Dazu kommen Röstnoten und die satte Rauchigkeit des Latakias. Lediglich die Orientals sorgen dafür, dass wir keinen allzu dicken schweren Eindruck haben, sie verleihen dem Bow-Legged Bear genau das Maß an Leichtigkeit, das es braucht, um nicht uninteressant zu wirken.

Cornell & Diehl Bow Legged BearDas besonders Interessante an diesem Tabak aber ist die Abrundung durch den Burley und den Perique! Und das nicht zuletzt deshalb, weil sich diese Abrundung geschmacklich entwickelt: Kommt der Bow-Legged Bear am Anfang nach dem Entzünden eher geradlinig daher, so entfalten sich diese leicht nussig-schokoladigen und trockenfruchtigen Aromen des Burleys und des Periques mit der Rauchdauer und durch den extrem langsamen Abbrands des Krumble Kakes!

Einhergehend mit dieser geschmacklichen Entwicklung des Bow-Legged Bears entwickelt sich auch die Fülle des Tabaks. Er startet „medium“ und entwickelt sich immer mehr in Richtung „full“, aber das tut er nicht, indem nur alles stärker wird, sondern indem die Aromenfülle zunimmt und der Perique immer deutlicher wird! Und das alles im Zeitlupentempo! Eine durchschnittlich große Füllung etwa Dunhill Group 4 braucht locker zwei bis zweieinhalb Stunden bis sie aufgeraucht ist. Und das ohne jede Aufmerksamkeit oder Nachzünden!

Für mich wäre der Bow-Legged Bear ein perfekter Alldays Smoke, wäre er nicht auch interessant genug für nach dem Abendessen! Nur: Zeit muß man für den Tabak mitbringen – aber was gibt es schöneres, als Zeit zu haben… Wenn man Gelegenheit hat, an den Tabak zu kommen: Probieren lohnt sich sehr!




Cornell & Diehl | Black Frigate

Er zählt angeblich zu den beliebtesten Tabaken von Cornell & Diehl, ist in Europa, glaube ich, nur bei unseren Nachbarn in der Schweiz erhältlich und taucht in der öffentlichen Wahrnehmung hierzulande kaum auf. Das ist ebenso schade wie unerklärlich, denn der Black Frigate ist ein ziemlich eindrucksvoller Tabak, der auf der einen Seite ein bisschen zwischen den Stühlen sitzt, obwohl er andererseits den Platz im Lehnsessel verdient hätte. Zeit, mal einen Blick darauf zu richten!

Cornell & Diehl Black FrigateAm besten beginne ich mit einem Vergleich zu einem Tabak, der vorbehaltlich brexitärer Entwicklungen, auch bei uns erhältlich ist, nämlich zu Samuel Gawith’s Navy Flake, einem Tabak, der eine ähnliche Intention wie der Black Frigate hat, geschmacklich und stilistisch durchaus vergleichbar ist, auch wenn die Zusammensetzung der vorhandenen Tabake sich bei beiden etwas unterscheidet. Wichtiger ist, was die Tabake verbindet und das ist bei beiden die Kombination einer Rum-Aromatisierung mit Latakia!

Cornell & Diehl Black FrigateUnd da wären wir schon bei „zwischen den Stühlen“ angekommen, da eingeschworene Latakia-Raucher im Regelfall froh sind, wenn ihre rauchigen Lieblingstabake nicht durch irgendeine Form von Aromatisierung im Geschmack beeinträchtigt werden. Das passiert beim Black Frigate allerdings in sehr überschaubarem Maße und passt darüber hinaus ganz vorzüglich zum Geschmacksbild des Tabaks. Die Aromatisierung hier ist definitiv keine, vor der man Bedenken haben müsste, zumal der Rum, den man beim Black Frigate ganz leicht im Hintergund schmeckt, keine dieser plumpen vordergründig fruchtigen Zuckerbomben ist sondern stilistisch eher einem Rhum Agricole entspricht: Raucherclub statt Mädelsabend!

Im direkten Vergleich zum Navy Flake von Samuel Gawith würde ich die Aromatisierung beim Black Frigate als deutlicher wahrnehmbar einschätzen, allerdings sind dabei einerseits die Chargenschwankungen bei Gawith zu berücksichtigen und andererseits der Charakter der Tabakbasis: Während beim Navy Flake nur ein relativ dezenter Latakiaanteil zu Buche schlägt, haben wir es beim Black Frigate mit einem signifikanten Latakiaanteil zu tun. Cornell & Diehl Black FrigateUnd dieser höhere Latakiaanteil kann natürlich auch eine etwas intensivere Aromatisierung recht problemlos ausbalancieren! Das heißt jetzt nicht, daß wir es beim Black Frigate mit einer Latakiabombe zu tun haben, aber die Entermesser auf der schwarzen Fregatte sind schon deutlich länger als bei der gesitteten Royal Navy und für die richtigen Mordwerkzeuge hat Cornell & Diehl ja immer noch den Pirate Kake im Programm…

Cornell & Diehl Black FrigateWährend beim Navy Flake das, was Samuel Gawith am besten kann, nämlich ein Virginia-Flake mit Latakia die Grundlage bildet, sind es beim Black Frigate Navy Cavendish, also dunkelst fermentierte Virginias, mit diversen Orientals und Latakia. Und zwar als Ribbon Cut Mixture, die zu einem Krumble Kake gepresst wurde. Unabhängig von seiner Aromatisierung wartet dieser Tabak mit einer hohen aber gleichzeitig dezenten Grundsüsse auf, der die Orientals einen leicht ätherischen Charakter verleihen, wie wir ihn von klassisch englischen Mixtures her kennen. Das alles hat zur Folge, dass der Black Frigate nicht nur einen sehr harmonischen Eindruck hinterlässt, sondern vom ersten bis zum letzten Zug auch sehr natürlich wirkt: niemals hat man das Gefühl, dass man es mit einem konstruierten Aromaten zu tun hat!

Durch seine Aufbereitung als Krumble Kake, der relativ trocken trocken ausfällt und auch nicht übermaßig stark gepresst wurde, wird der Black Frigate unglaublich ergiebig: an eine Füllung, die vollkommen problemlos zu stopfen ist, raucht man eine gefühlte Ewigkeit! Und zwar kühl, gleichmäßig und völlig ohne jegliches Nachzünden! Der Geschmack ist entsprechend vollmundig, sehr erdig und cremig zugleich mit fruchtigen und rauchigen Anklängen: Genuß pur! Cornell & Diehl Black FrigateWas die Stärke angeht muss man allerdings konstatieren, dass die schwarze Fregatte doch eher ein Linienschiff ist: hier wird aus zwei Kanonendecks gefeuert, also irgendwo zwischen Medium und Full! Eher nichts für nach dem Frühstück aber nach dem Abendessen gar kein Problem. Ob der Black Frigate nun der perfekte Alldays Smoke ist muss dann letztlich jeder für sich entscheiden, denn die Wahrnehmung und Verträglichkeit von Nikotin ist unterschiedlich! Großen Genuß gibt’s aber immer! Ein sehr empfehlenswerter Tabak!




Pfeifen Huber | Epikur

Tabake werden nicht besser, nur weil man öfter über sie schreibt. Es gibt hier bereits einen Artikel über diesen Tabak, in dem vieles, was man vielleicht wissen will, schon beschrieben ist. Warum also nochmal einen Artikel über den Epikur? Ganz einfach: weil ich mehr über den Geschmack schreiben will und weil ich ihn vollkommen anders aufbereite, als Bodo das beschrieben hat.

In Erwartung, dass der Brexit auf dem Tabakmarkt nicht spurlos vorüber gehen könnte, habe ich kurzfristig beschlossen, mir nochmal ein paar Dosen des Epikurs zu kaufen und einzulagern. Das ist im Wesentlichen der Anlaß für dieses Review und meine Überlegungen.

EpikurBekanntlich handelt es sich beim Epikur um die Plug-Version von Samuel Gawith’s Full Virginia Flake. Der Full Virginia Flake wird in Deutschland flächendeckend angeboten, der Plug, also der Epikur, nur unter dem Huber Etikett. Jetzt kann man sich fragen, ob es das überhaupt braucht? Klare Antwort: Ja! Nächste Frage: Warum braucht es das? Und jetzt muss man schon ein bisschen weiter ausholen:

Plugs zu rauchen ist kein Zauberwerk, das einer erfahrenen Raucherelite vorbehalten ist, Plugs zu rauchen ist einfach nur mehr Aufwand! Und den betreibt man nicht, weil es etwas besonderes ist, mehr Aufwand zu betreiben, sondern weil man im Wesentlichen zwei Vorteile hat, wenn der gepresste Tabak nicht schon in Scheiben geschnitten oder gar zum Ready Rubbed vorgerubbelt ist.

Der erste Grund hat mit dem Hersteller Samuel Gawith und dessen Konfektionierung der Flakes zu tun: Die Scheiben des Full Virginia Flakes sind nicht selten relativ dick geschnitten, ungleichmäßig geschnitten und ziemlich feucht abgepackt. Das macht das Rauchen dieses Flakes manchmal nicht gerade einfach, je nachdem, wie man ihn gerade erhält. Beim Plug, der auch relativ feucht ist, hat man das Aufbereiten in der eigenen Hand, was für mich ein signifikanter technischer Vorteil ist.

EpikurDer zweite Grund dagegen ist viel fundamentaler und für mich der eigentliche, um die Plugversion zu bevorzugen: Plugs reifen anders als geschnittene Tabakscheiben oder gar ein Ready Rubbed! Der Geschmack, der dabei entsteht, ist komplexer und intensiver als bei den bereits aufbereiteten Versionen! Und gerade, wenn man dem Tabak Zeit zum Reifen lässt, ist es den Mehraufwand des Aufbereitens allemal wert!

Gleich vorweg möchte ich sagen, dass Samuel Gawith’s Full Virginia Flake für mich DER Referenztabak unter reinen Virginiatabaken ist – gerade nachdem McClelland mit ihrer speziellen Fermentation die Produktion eingestellt hat. Und der gereifte Epikur ist folgerichtig die Referenz der Referenz! Auch wenn es wirklich viele reine Virginias auf dem Markt gibt, in vielen Stilen, der Full Virginia Flake und der Epikur im Besonderen stellen für mich den Archetypus eines perfekten Virginias dar. Der Tabak zeigt alle Facetten auf, die Virginia haben kann und das auf allerhöchstem Niveau!

Der Epikur kommt in kleinen gepressten Quadern und Würfeln, zum Teil mit kleineren Flakestücken auf das richtige Füllgewicht von 100g gebracht. Das Konfektionieren eines solchen Tabaks ist nicht ganz einfach, weshalb diese Tabakform auch relativ selten ist. Wenn ich solche Dosen aufmache und reinschaue, dann denke ich immer an jemanden, der erleichtert „Ubongo“ schreit… Die Farbe der Tabakwürfel ist eher dunkelbraun mit hellen Streifen durchsetzt, an den Schnittflächen lassen sich schön die einzelnen Blätter mit ihrem farblichen Nuancen erkennen. Auch leicht hellgraue kristalline Ausscheidungen zeigen sich vereinzelt. Der Geruch ist intensiv malzig süß und hat feine Nuancen von getrockneten Früchten, eine ganz dezente Säure und etwas Heu.

EpikurInteressant ist, einen frisch gekauften Epikur mit einem vier Jahre lang gelagerten zu vergleichen: hier zeigt sich schon allein optisch, was der Reifeprozess bewirkt, denn der gereifte Tabak ist jetzt fast schwarz und im Geruch dominieren die Trockenfrüchte mit Karamell und etwas Schokolade, während das Heu vollends verschwunden ist.

Nächste Frage ist nun, wie bereite ich den Tabak auf, um ihn geniessen zu können. Bodo schlägt in seinem Artikel vor, ihn quasi in einen Cube Cut zu zerschneiden, also in kleine Würfelchen, die man dann in die Pfeife einfüllt. Mit dieser Version komme ich persönlich nicht besonders gut klar, weil, wie oben schon erwähnt, der Tabak relativ feucht ist und die feuchten Cubes lange brauchen, um ein bisschen zu trocknen und feucht nicht besonders gut glimmen. Die geschmackliche Entwicklung ist für mich eher bescheiden. Man kann ihn so rauchen, aber für mich ist das nicht die beste Wahl!

EpikurIch bevorzuge es, mit einem wirklich sehr scharfen Kochmesser sehr sehr dünne Scheiben von den Würfeln abzuschneiden, ca. 1mm dick, also fast eher Späne als Scheiben. Der Tabak ist feucht und dicht genug, sodass diese dünnen Späne nicht zerfallen. Auf diese Weise lässt sich der Tabak ganz leicht etwas antrocknen – das dauert nur zehn Minuten bis eine Viertelstunde – und die so getrockneten Scheibchen lassen sich perfekt in Kügelchen gedreht oder geknickt und gefaltet in den Pfeifenkopf füllen. Wie bei einem Flake. Nur entwickelt bei meiner Art zu rauchen der etwas trockenere Epikur auf diese Weise eine größere Geschmacksfülle, weil er unkomplizierter und bei mir kühler abglimmt. Das liegt auch daran, dass ich die relativ feuchten Cubes doch öfter mal nachzünden muss, während die getrockneten Späne problemlos langsam vor sich hinglimmen. Das macht sich bei mir geschmacklich sehr positiv bemerkbar.

EpikurEntzündet man den Tabak, was auch bei meiner Methode ein paar Anläufe braucht bis die Oberfläche gleichmäßig glimmt, dann haben wir sofort betörend süße malzige Noten mit einem leichten Karamell und Röstaromen wie von Brotkruste. Anfangs auch mit leichten heuigen Noten versetzt, die sich aber im Lauf der Füllung immer weiter verflüchtigen und mehr und mehr den Noten nach getrockneten Früchten (Feige) und in Nuancen dunkler Schokolade Platz machen. Die ersten zwei Drittel der Füllung wirkt der Tabak opulent und cremig süß, erst zum Ende hin wird er nicht nur stärker und intensiver sondern auch zunehmend erdiger und kantiger. Die Süsse bleibt bis zum Finale präsent und sorgt dafür, dass der Geschmackseindruck nicht rustikal endet, sondern immer fein und perfekt balanciert wirkt.

Full heißt hier nicht stark im Sinne von Nikotinstärke, sondern im Sinn von Geschmacksfülle! Auch wenn der Tabak schon das nötige und natürliche Gewicht besitzt und keineswegs leicht ist. Überwältigend stark aber ist er nicht. Wem er trotzdem zu kraftvoll daherkommt, der sei an den Best Brown Flake oder dessen Plug-Bruder Kendal Plug verwiesen! Der ist im Stil ähnlich, aber deutlich leichter, was man allerdings auch an der Geschmacksfülle merkt: kleines Feuerwerk beim Kendal Plug, großes Feuerwerk beim Epikur!




Samuel Gawith | Commonwealth Mixture

„Was fällt Ihnen ein zu dem Begriff „Commonwealth“? 20 Sekunden! Dalli Dalli:“ „Äh. Äh. Canada!“ „Australien!“ „Indien!“ „Neuseeland!“ „Singapur!“ „Äh. Äh. Südafrika!“….. Und was fällt Ihnen zu dem Begriff „Commonwealth“ ganz bestimmt nicht ein? Na? Genau: Kendal Castle!

Kendal Castle ist diese Ruine neben dem Union Jack auf der linken Seite des Dosenetiketts der Commonwealth Mixture von Samuel Gawith und meine Assoziation, betrachte ich dieses Bild, wäre momentan eher sowas wie eine Neuerscheinung namens „Brexit’s Crumble“ etwa aus 100% erlesenem Black Cavendish mit einem einzigartigen Myrrhearoma gereift in Re-Fill Fässern von Magenbitter! Aber als Samuel Gawith’s Commonwealth Mixture das Licht der Welt erblickte, angeblich 1992 um 200 Jahre Samuel Gawith Tobacco zu feiern, war der Brexit fern und der Anlass zweifellos positiv!

Samuel Gawith CommonwealthGefeiert wurde mit der klassischsten Variante einer „englischen“ Mischung, nämlich einer Ribbon Cut Mixture aus Virginia und Latakia. Und das in unserem Fall hier gerecht 50:50 aufgeteilt. Das klingt nicht besonders spektakulär und das ist auch nicht besonders spektakulär. Wer bei der Commonwealth Mixture irgendwas spektakuläres sucht, der hat im Regal daneben gelangt und Balkan Flake, Skiff Mixture oder den Squadron Leader knapp verfehlt!

Das heißt jetzt nicht, dass die Commonwealth Mixture schlecht wäre, denn das ist sie auf gar keinen Fall, es ist nur so, dass man sich fragt, warum man ein 200 jähriges Firmenjubiläum mit so einem grundsoliden, hochwertigen, aber vollkommen unspektakulären Tabak begehen muß?

Samuel Gawith CommonwealthDas wirkt, als würde die Patisserieabteilung vom Dallmayr einen Aniszwieback zum Jubiläumsfest beigetragen haben. Ich mag ja Aniszwieback. Und wenn er gut ist, dann mag ich ihn sogar sehr. Und genau so verhält es sich auch mit der Commonwealth Mixture.

Diese kommt in der neuen Verpackung daher, also vakuumiert mit dickem Pappkarton und Gawith&Hoggarth Aufdruck auf selbigem. Das Tabakbild ist erwartungsgemäß ebenso unspektakulär wie die Komposition: da wechseln sich mittelbraune, dunkelbraune und leicht rötliche dunkle Virginias mit schwarzem Latakia ab. Das Tabakbild suggeriert eine gewisse „Schwere“ und man denkt unweigerlich an den „Untertitel“ des Commonwealth, wie er auf dem Etikett aufgedruckt steht: „Full Strength Mixture“!

Samuel Gawith CommonwealthDa stellt sich dann die Frage, wie stark eine Mischung eigentlich sein kann, die zur Hälfte aus Latakia besteht? Jedenfalls nicht so stark, als dass irgend jemand Angst davor haben müsste, von der Commonwealth Mixture überfordert zu sein! Bruder Leichtfuß ist der Commonwealth aber trotzdem keiner, denn die Virginias verleihen der Mischung schon einen beachtlichen Körper und das auf eine sehr angenehme und unaufdringliche Art. Riecht man an der Commonwealth Mixture, dann zeigt sich der Tabak in erster Linie rauchig. Klar, bei 50% Latakia-Anteil ist nichts anderes zu erwarten – aber die Rauchigkeit ist keine leichte gar ätherische, sie ist erdig und fast ein wenig muffig eingebunden. Hier wirkt der Tabak sehr Old School aber trotzdem attraktiv.

Virginias ist das, was sie in Kendal meiner Meinung nach am besten können und das merkt man auch an der Commonwealth Mixture. Eine malzige und leicht erdige Süsse bestimmt geschmacklich den Commonwealth. Nicht cremig, nicht zitrisch, auch nicht heu-ig und noch nicht einmal besonders süß, aber in einer vollkommen unspektakulären Art und Weise perfekt gemacht. Wie eine perfekt gemachte traditionelle Linsensuppe ohne Schnickschnack! Und das nun gepaart mit der doch sehr vollen Rauchigkeit, das hat was, das macht ein großes Vergnügen, ohne dass man gleich wüßte, warum eigentlich.

Samuel Gawith CommonwealthEs ist der perfekte Alldays Smoke, wenn man einen englischen Tabak will, der einem schmeckt, ohne dass man überlegen müßte, warum er einem eigentlich schmeckt. Die Commonwealth Mixture kommt perfekt konditioniert wie die meisten Latakia-Mischungen von Samuel Gawith. Man kann den Tabak vollkommen problemlos stopfen, anzünden und kühl und gleichmäßig langsam bis zum Ende rauchen, ohne dass sich der Charakter der Commonwealth Mixture geschmacklich verändern würde. Er wird nicht stärker zum Ende hin, auch nie bitter oder beissend. Er liefert eine malzig erdige Rauchigkeit vom Entzünden bis zum Schluss mit einer absolut überzeugenden Konstanz.

Für jemanden, der genau so einen Alltagstabak sucht, ist die Commonwealth Mixture die perfekte Wahl! Will man ein Feuerwerk oder eine große Entwicklung, dann muß man sich anderweitig umschauen! Für Anfänger geeignet ist der Tabak allemal, gerade auch wegen seiner gutmütigen Abbrandeigenschaften, aber ich weiß nicht, ob man als Anfänger die beträchtliche Qualität des Tabaks zu schätzen weiss? Denn die Qualität liegt darin, auf einem hohen Niveau unspektakulär zu sein.


 

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Samuel Gawith | Sam’s Flake

„Wie ist eigentlich der Sam’s Flake?“ „Hm. Ich hab‘ den vor Jahren mal geraucht und fand ihn recht mäßig. Kann mich aber auch nicht mehr genau erinnern.“ Also habe ich mir eine Dose gekauft um mich zu erinnern oder auch nicht und vor allem, weil ich gesehen habe, dass uns der Sam’s Flake irgendwie durch die Lappen gegangen ist… und das wäre schade, weil es sich um einen durchaus interessanten Tabak handelt!

Samuel Gawith Sam's Flake„Play it Sam! Play As Time Goes By!“ Natürlich weiß ich, dass der Sam, um den es hier geht, nicht in Rick’s Café in Casablanca Piano spielt, sondern der Samuel Gawith ist, der gleichnamige Tabakmanufaktur gegründet hat. Trotzdem gefällt mir der Griff in die Filmgeschichte, weil „Wie die Zeit vergeht“ eigentlich eine sehr passende Assoziation zum Sam’s Flake ist: das ist für mich ein Retrotabak wie er im Buche steht. Ein Tabak, der einen Blick freigibt in eine Zeit, in welcher der homöopatische Einsatz von Cumarin bei Virginia basierten Blends nicht ungewöhnlich und auch nicht verboten war. Beim Sam’s Flake geht es um eine Aromatisierung mit Tonkabohne. Hier hat der Sam’s Flake eine Parallele im Sortiment von Samuel Gawith, nämlich im 1792 Flake, allerdings wirkt der Sam’s Flake wesentlich dezenter und feiner als der 1792 Flake! Und im Gegensatz zum 1792 Flake ist er auch keine belastende Nikotinbombe!

Der Sam’s Flake hat eine Tabakbasis, die aus mittelkräftigen flue cured Virginia-Tabaken und Orientals besteht. Die Virginias liefern ein hohes Maß an malziger Süsse bei relativ dezentem Nikotingehalt, die Orientals, die geschmacklich in der zweiten Reihe stehen, sorgen für einen fast blumigen Charakter des Blends, auf den die Tonkabohnenaromatisierung aufgesetzt ist. Wie gut das passt, wird klar, wenn wir die Dose öffnen und riechen. Verpackt ist mein Sam’s Flake noch in der älteren Version, also ohne den dicken Karton!

Samuel Gawith Sam's FlakeDabei wäre das in diesem Fall vielleicht sogar von Vorteil gewesen um den Trocknungsprozess in der geöffneten Dose zu verlangsamen, denn im Gegensatz zu den meisten Samuel Gawith Flakes ist dieser hier nicht deutlich zu feucht sondern perfekt konditioniert und ohne großes Vortrocknen sofort zu rauchen. Auch fällt auf, dass die Flakescheiben länger sind und in die Dose gefaltet. Nebenbei fehlen auch die dicken ledrigen Schnitzel, die uns hin und wieder bei Flakes dieses Hauses begegnen und die das Stopfen, gelinde gesagt, nicht gerade vereinfachen. Hier ist alles vorbildlich!

Der Duft, der uns aus der geöffneten Dose entgegenschlägt ist so intensiv wie attraktiv der nach frischem fettem Heu mit einer großzügigen Portion Süße, die aber nicht dick und klebrig wirkt sondern blumig und leicht! Hier spielen die Orientals all ihre Vorzüge aus. Man fühlt sich direkt in einem frisch gefüllten Heuboden.

Samuel Gawith Sam's FlakeDas Tabakbild der Flakestreifen ist im Gegensatz zum Geruch ziemlich unspektakulär! Mittelbraune Blätter mit hellbraunen leicht durchsetzt. Der Tabak wirkt komplex aber nichts deutet auf etwas schweres, übermäßig gehaltvolles hin!

Stopfen und Anzünden lässt sich der Sam’s Flake vollkommen unproblematisch, selbst für Flakeanfänger sollte der Tabak in dieser Konditionierung keine Hürde darstellen. Der Abbrand ist gleichmäßig und kühl bis zum Ende, selbst wenn man es darauf anlegt und ihn mal heisser werden lässt, verzeiht es der Tabak und hält sein Aroma. Nichts wird scharf oder bitter! Der Sam’s Flake ist die Gutmütigkeit in Tabak.

Entzündet man den Sam’s Flake, dann eröffnet sich geschmacklich genau die Aromenfülle, die man nach dem Geruch aus der Dose erwartet. Allerdings präsentiert sich die Tonkabohnenaromatisierung geschmacklich etwas anders als im Geruch: Herrschen im Geruch die Heuaromen, so sind es jetzt grünlich süße Vanillenoten mit Waldmeister und Kräutern unterlegt. Das Heu ist noch da, aber deutlich in süße Vanille gepackt. Die malzige Süße der Virginias ist ebenso präsent wie das Aroma. Sie tritt auch nie zurück und bestimmt auf die Dauer der Füllung den Geschmackseindruck. Genau das ist die Stärke der Aromaten bei Samuel Gawith und da bildet auch der Sam’s Flake keine Ausnahme. Zumal diese Virginias absolut erstklassig sind! Der Sam’s Flake ist kein Tabak, der sich groß während des Rauchens entwickelt. Mit der Geschmacksfülle und den Geschmacksnoten, mit denen er eröffnet, schließt er auch ab.

Samuel Gawith Sam's FlakeEs gibt aber beim Sam’s Flake noch etwas anderes, was ich bemerkenswert um nicht zu sagen fast perfide finde: Ich rauche relativ wenig Aromaten. Bei meinem Tabakkonsum herrschen Latakiablends und Virginia/Perique Tabake vor. Aromaten rauche ich nur hin und wieder. Eher wie ein Stück Kuchen oder ein besonderes Dessert. Aromatisierungen sind für mich geschmacklich sehr präsent, weil ich sie nicht gewohnt bin.

Beim Sam’s Flake ist das anders: an diese Aromatisierung gewöhnt man sich sofort, man nimmt sie als etwas vollkommen selbstverständliches wahr, als etwas, was dazugehört und trotzdem nicht vom Blick auf die Virginias ablenkt. Eine solche Adaption einer eigentlich deutlichen Aromatisierung habe ich bei noch keinem anderen Aromaten gehabt. Das ist etwas, was mir ein bisschen das „Aromatenerlebnis“ wie ich es beim Ennerdale, Grousemoor oder RB Plug habe, wegnimmt. Der Sam’s Flake kommt anfangs daher wie ein interessanter Aromat und entpuppt sich dann als wunderschöner Alldays Smoke! Für mich nimmt ihm das ein bisschen das Besondere, obwohl vielleicht gerade darin das Besondere liegt?


 

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HU Tobacco | Gran Reserva Limitada 2 Años SANCHO PANZA

„Siehst du nicht den Ritter dort, der uns auf einem Apfelschimmel entgegenkommt und einen Goldhelm auf dem Kopf trägt?““Was ich von hier aus sehe und erspähe“, entgegnete Sancho,“ist nichts weiter als ein Mann auf einem graubraunen Esel, ganz wie der meine, und auf dem Kopf trägt er etwas Glänzendes.““Nun, das ist der Helm des Mambrin“, sagte Don Quijote.

Während Don Quijote im nächsten Augenblick dem schockierten Barbier seine messingglänzende Rasierschale vom Kopf fegen wird und sie sich fortan als goldenen Heldenhelm einbildet, erweist sich Sancho Panza mal wieder als absoluter Realist.

HU Tobacco Gran Reserva LimitadaUnd schon sind wir wieder beim realen Tabak: Sancho Panza heißt der dritte und letzte Tabak der Gran Reserva Limitada Reihe von HU Tobacco und er wird kommende Woche (Stand 14.10.2020) in den Verkauf gelangen. Wie die anderen beiden auch, der Rocinante und der Cervantes, ist der Sancho Panza eine zwei Jahre lang klimatisch kontrolliert bei K&K gereifte naturbelassene Mixture. Wie die anderen beiden auch ist der Sancho Panza limitiert. Sind die ersten beiden Virginia und Burley basierte Mischungen mit einem Perique Anteil, so enthält der Sancho Panza, der ebenfalls Virginia-Burley basiert ist, einen anständigen Latakia-Anteil. Eine solchermaßen gereifte Latakia-Mischung hat durchaus ein gewisses Alleinstellungsmerkmal. Mir zumindest ist nichts Vergleichbares bekannt.

HU Tobacco Sancho PanzaDass man Tabake reift, bevor sie gemischt werden, ist nichts Besonderes. Viele Rohtabake reifen Monate, manchmal Jahre, bevor sie verarbeitet werden. Beim Reifen von Mischungen sieht die Sache schon anders aus, weil sich die enthaltenen Tabake unterschiedlich entwickeln können. Sind der Rocinante und der Cervantes Mischungen, deren Charakter durch die Virginias und die Burleys mit der süssen Würze des Periques eher vereinigend und geschmacklich einheitlich geprägt ist, lebt der Sancho Panza vom gewaltigen Kontrast zwischen den Virginias und Burleys auf der einen Seite und dem rauchig Kantigen des Latakias auf der anderen Seite. Und genau dieser Kontrast ist nun zwei Jahre gereift worden! Das Ergebnis ist ungemein interessant und auch ungewöhnlich.

HU Tobacco Sancho PanzaIm Tabakbild des Sancho Panza sehen wir in erster Linie eher dunkle Virginias, Red Virginias insbesondere und dunklen Latakia. Dazu kommen etwas Burley und jeweils in minimaler Quantität Kentucky und Perique. Es handelt sich um einen Ribbon Cut von feinem bis mittleren Zuschnitt mit ein paar Ready Rubbed Streifen. Der Geruch, welcher der Dose entströmt, ist malzig süß und rauchig. Um es gleich vorweg zu nehmen: wenn man Latakia nicht mag, sollte man einen Bogen um den Sancho Panza machen, denn obwohl es sich hier keineswegs um eine Latakia-Bombe handelt, ist der Tabak doch dezidiert rauchig! Die Stärke würde ich im mittleren Bereich ansiedeln, allerdings ist er im Vergleich mit anderen Balkan- oder Latakiamischungen schon eher kräftig ohne aber je „stark“ zu wirken. Der Sancho Panza lässt sich vollkommen problemlos stopfen und ebenso problemlos gleichmäßig kühl und langsam rauchen. Diesbezüglich ist er ein extrem gutmütiger Tabak für jede Tageszeit.

Wenn man den Sancho Panza nun entzündet und die ersten paar Züge genießt, wird sofort deutlich, was das besondere an ihm ist: Wir haben eine – für eine Latakiamischung – extrem breite und cremig süsse Basis aus Virginias dezent unterstützt von leicht nussigem Burley, alles ganz weich und rund, wie wir es auch schon von den beiden anderen Tabaken dieser Reihe kennen und daneben den Latakia, der von seiner geschmacklich rauchigen Kraft nichts eingebüßt hat und dem Sancho Panza so zu einer wundervollen rauchigen Würze verhilft. HU Tobacco Sancho PanzaDas Ergebnis des Reifens ist hier ein ganz anderes, als wenn man eine Latakiamischung in der Dose nach Jahren öffnet, denn im Vakuum der Dose gleichen sich alle Aromen an, verbinden sich. Hier haben wir eine extrem weiche Basis, der man den Reifeprozess durchaus anmerkt, während sich der Latakia vergleichsweise unberührt zeigt. Und genau das macht in meinen Augen den großen Reiz des Tabaks aus! Nun gibt es ja eine ganze Reihe „breit“ angelegter Latakiamischungen, aber die meisten dieser wirken da zusammen mit dem Latakia erdig „breit“, wo der Sancho Panza cremig und süß „breit“ wirkt und mit der Würze des Latakias punktet. Der enthaltene Kentucky macht sich für mich geschmacklich nicht bemerkbar, der Perique ist wie eine kleine Prise Pfeffer in einem Gericht: es braucht sie, ohne dass sie zum Thema werden würde. Dazu sind die zwei großen Akteure Virginia und Latakia zu bestimmend! Auch in einer aufregenden Wechselwirkung, die bis zum Ende der Füllung kontinuierlich anhält und für den Latakia-Raucher ein ungewöhnliches Raucherlebnis bereit hält, welches trotzdem vollkommen harmonisch ausfällt. Von solchem Stil könnte es für meinen Geschmack durchaus mehr Tabake geben!

Abschließend: in meinen Augen hat sich Hans Wiedemanns Reife-Experiment absolut gelohnt, waren die Ergebnisse des Reifens beim Rocinante und beim Cervantes eher erwartbar, so wartet der Sancho Panza mit einer Überraschung auf, die mir persönlich besonders gut gefällt. Gerade beim Sancho Panza wird das Risiko des Prozesses besonders deutlich, auch wenn es besonders gut ausgegangen ist…

Wie bei den beiden anderen Tabaken dieser Serie gilt auch hier:

P.S.: Normalerweise sind alle Tabake, über die ich schreibe, käuflich erworben. In diesem Fall hat mir Hans Wiedemann eine Dose zu Testzwecken geschickt, was mein Urteilsvermögen allerdings nicht im Geringsten beeinflusst hat.




HU Tobacco | Gran Reserva Limitada 2 Años CERVANTES

Eine ganz und gar unseriöse Erscheinung! Nicht vertrauenserweckend und vollkommen unzuverlässig! So wäre unser Bild von Cervantes und nicht mal unseres sondern das irgendwelcher lokalpatriotischer Hobbyhistoriker, denn wir würden ihn trotz aller fehlenden Seriosität gar nicht kennen, hätte er denn nicht diesen einen tollen Roman geschrieben. Und nach ihm wäre ohne dieses Ritterromans auch nie und nimmer ein Tabak benannt worden, geschweige denn ein Institut oder irgendwelche Strassen und Plätze.

Im Gegensatz zur Autorenpersönlichkeit sind Institut, Strassen und Plätze und der Tabak vor allem allerdings gar nicht halbseiden, sondern Monumente der Seriosität! Und wo findet man das denn heute noch, Seriosität zum Aufrauchen? Noch dazu mit Genuss! Großem Genuss! Ganz real. Phantasielos sozusagen!

HU Tobacco Gran Reserva LimitadaIn ganz realen Dosen, die man aufheben und sogar stapeln kann! Ganz seriöser Spitzentabak, von Vollprofis gemischt, gelagert und gereift! Vollprofis mit vielen Jahren Erfahrung und Know How! Hier in dieser Oase geschriebenen Wortes besprochen, frei von unbeholfen videoaffinen Plastiksackerlapologeten, denen man in jeder Hinsicht als Zwangslektüre das Märchen von des Kaisers neuen Kleidern anheimstellen möchte, damit sie vielleicht mal drüber nachdenken, womit sie da eigentlich ihr mediales Über-Ego füttern, wenn’s der eigene Geschmackssinn und das Urteilsvermögen mangels Sachkenntnis schon nicht hergeben…

HU Tobacco CervantesAber zurück zum Tabak: der Cervantes ist der zweite limitierte Tabak, den Hans Wiedemann/HU-Tobacco eigentlich für die diesjährige Pfeifenshow in Hamm geplant hatte und der jetzt am 24.8. auf den Markt kommt, nachdem die Show ja bekanntlich COVID-19 zum Opfer fiel. Natürlich ist auch der Cervantes wieder in Zusammenarbeit mit Kohlhase&Kopp entstanden! Wie der Rocinante auch, ist der Cervantes limitiert. Limitiert heißt in diesem Fall, wie auch beim Rocinante, ein paar hundert Dosen à 50g. Dafür, dass das ein Versuch war, ein paar professionell gereifte Tabake zu machen, sind diese Mengen für einen so kleinen Betrieb sehr respektabel wie ich finde. Und wenn der sogenannte Fachhandel in der Lage war, dieses Mal mit etwas mehr Augenmaß zu planen, dann wird auch nicht das Zerrbild entstehen, der Tabak wäre nach ein paar Stunden komplett ausverkauft… Wir werden sehen was passiert! Trotzdem, mit der Erfahrung des Rocinante im Gedächtnis, dürfte es nicht schaden, wenn man den Cervantes haben will, sich auch drum zu kümmern und nicht all zu lange zu warten?

HU Tobacco CervantesWar der Rocinante ein Virginia-Blend mit einem kleineren, aber durchaus respektablen Burley-Anteil, so ist der Cervantes ein Burley-Blend mit einem respektablen Virginia-Anteil! Dazu gesellen sich Perique und Kentucky. Im Tabakbild erscheint der Cervantes dem Rocinante auf den ersten Blick relativ ähnlich, eine mittelbraune Ribbon-Cut Mixture schönen Kontrasts mit ein klein bisschen Ready-Rubbed-Anteilen und ein paar dunkleren Tabaksprengseln, die den Cervantes vom Rocinante abheben. Hier ist mehr Perique im Spiel als beim Rocinante. Das kann man auch riechen, denn wir haben nicht nur all die schokoladig-nussigen Noten, die uns die Burleys geben und ganz dezent im Hintergrund die malzigen Noten der Virginias, sondern auch deutlich Trockenfrüchtearomen und zwar sehr viel präsenter als beim Rocinante! Dass man einen Tabak von dieser Schnittart problemlos stopfen, anzünden und gleichmäßig langsam rauchen kann, bedarf eigentlich keiner Erwähnung zumal die Feuchtigkeit in der Dose perfekt ist.

Bereits die ersten Züge des Cervantes zeigen uns, was den Tabak ausmacht: geschmackliche Opulenz mit Tiefgang! Opulenz der Burleys, Schokolade und Nüsse mit Röstaromen, gebrannte Mandeln, malzige Brotnoten mit den Röstaromen dunkler doppelt gebackener Brotkruste. Getrocknete Feigen, Dörrzwetschgen und saftige Sultaninen! Und wieder Schokolade und Nüsse! Durch die Virginias hat der Tabak auch Creme und Tiefgang – und auch die nötige Kraft, um diese Aromenvielfalt zusammenzuhalten und ihr eine solide Basis zu verleihen! Ganz klar: beim Cervantes ist deutlich mehr Lametta als beim Rocinante! Das sehe ich aber nicht als einen qualitativen Unterschied sondern als einen stilistischen: der Rocinante wirkt eher wie eine schüchterne Schönheit, mehr wie Audrey Hepburn als Marilyn Monroe, mit der der Cervantes vielleicht besser charakterisiert wäre! Man verzeihe mir den Vergleich! Gefallen tun sie mir natürlich beide und Ihr wisst, was ich meine!

Beide Tabake haben etwas gemeinsam, das ist ihr Tiefgang und das sind die fehlenden Kanten! Dass der Cervantes viel akzentuierter wirkt, hat seine Ursache in der Konzeption der Mischung! Aber ihm „fehlen“ (in Wirklichkeit fehlt gar nichts!) die Kanten genauso wie dem Rocinante, nur äussert sich das anders. Dazu muss man sich eigentlich nur die Frage stellen, warum man Tabake eigentlich überhaupt reift? Was will man denn damit, mit diesem ganzen Aufwand, der viel Geld kostet, eigentlich erreichen? (Dass bei dieser ganzen peinlichen Youtube-Diskussion um den Rocinante kein einziger aus dieser ganzen „Community“ auf die Idee kommt, diese Frage zu stellen, spricht Bände!!!) Was passiert bei diesem Reifeprozess? Ganz einfach: die einzelnen Geschmackskomponenten vereinen sich, der Geschmackseindruck wird komplexer, intensiviert sich und die Unterschiede der einzelnen Bestandteile der Mischung, also die Kanten oder das, was wir Kanten nennen, nehmen sich immer mehr zurück zugunsten eines einzigen komplexen Geschmacksbildes.

HU Tobacco CervantesGenau das passiert auch beim Cervantes! Nur wirkt es anders, weil die Mischung per se viel extrovertierter komponiert ist als der introvertierte, in sich ruhige Rocinante. Da steht auf der einen Seite ein Feuerwerk mit Champagner und auf der anderen eine kleine Abendgesellschaft mit Cocktails. Die Freunde des einen mögen dem anderen nicht vorwerfen, anders zu sein! Für den Cervantes heißt das, dass wir die ganze Füllung über diese geschmackliche Opulenz im Mund haben, kontinuierlich und ohne dass man sagen könnte, dass sich zum Ende etwa der Perique deutlicher meldete als die Virginias oder der Kentucky noch ein kleines rauchiges Solo gibt, nein, wir haben hier einen unendlich schönen und fein gewobenen Teppich, der uns überall mit seiner Vielfalt begeistert, ohne dass wir von Weitem schon sehen könnten, dass er rot gelb blau und grün ist. Der Cervantes ist ein sehr kraftvoller Tabak, aber dabei kein übermäßig starker Tabak – ich würde ihn so bei den Navy Rolls einpendeln.

Gerade für einen Burley-Blend ist der Cervantes ein extrem tiefgründiger Tabak, der eben nicht (nur) die Schokoladenherrlichkeit ins Rampenlicht schiebt, eine Schokoladenherrlichkeit, von der er reichlich hat, sondern dem der Reifeprozess extrem gut getan hat! Ich habe den Tabak vor einem guten Jahr schon mal probieren dürfen und ich würde fast sagen, dass sich der Cervantes unter den drei Blends am meisten verändert hat in diesem zweiten Jahr: Extrem attraktiv fand ich den auch schon vorher, aber dieses zweite Jahr des Reifens hat dem Tabak einen ziemlich beeindruckenden „Schliff“ verliehen, weg von jeder Vordergründigkeit, indem vor allem die Burleys sich mit dem Perique noch mehr verbunden haben und gleichzeitig der Perique sich auch noch intensiver eingebracht hat. Der Cervantes ist für mich eher ein Burley-Perique-Tabak als ein Burley-Virginia-Tabak! Und so, wie sich der Tabak im Moment präsentiert, einer von allererster Klasse! Um ganz ehrlich zu sein, da fällt mir jetzt nicht vieles ein, was auf diesem Burley-Niveau mitspielt – auch wenn ich ins Burley-Stammland über den großen Teich blicke… Der Cervantes ist schon ziemlich großes Kino!

Wie für den Rocinante gilt auch für den Cervantes:

P.S.: Normalerweise sind alle Tabake, über die ich schreibe, käuflich erworben. In diesem Fall hat mir Hans Wiedemann eine Dose zu Testzwecken geschickt, was mein Urteilsvermögen allerdings nicht im Geringsten beeinflusst hat.

 




Eine Pfeife von: Sven Knudsen

Es grenzt schon fast ein bisschen an Tragik, dass, wann immer der Name Sven Knudsen fällt, vom älteren Bruder Teddy Knudsens gesprochen wird. Dabei könnte man sich natürlich fragen, ob es nicht passender wäre, von Teddy als dem kleinen Bruder Sven Knudsens zu reden? Okay, das klingt erstmal nach Haarspalterei! Der eine, Teddy, lebt noch, fertigt noch Pfeifen, die zu den teuersten der Welt zählen, während der andere seit fast zehn Jahren tod ist und seit mindestens 23 Jahren keine Pfeifen mehr gemacht hat. Pfeifen, die im Vergleich zu denen Teddys ziemlich erschwinglich sind. Aus dem Blick aus dem Sinn?

Trotzdem ist Sven Knudsen der bei weitem bedeutendere der beiden Brüder, denn er gehört zu den Gründervätern des dänischen Freeform-Stils und hat, im wesentlichen zusammen mit Sixten Ivarsson, Gert Holbek und Poul Rasmussen, diese Formenwelt an maßgeblichen Stellen mit erschlossen und damit die Grundlage für die moderne Designerpfeife im Allgemeinen mitgelegt. Von der ersten Generation der Pfeifenmacher ist er neben Sixten sicherlich der stilbildendste und formal einflussreichste gewesen! Bis heute finden sich in den Portfolios berühmter Pfeifenmacher manche Shapes, die auf Sven Knudsen zurückgehen. Nun möchte ich zu seiner beeindruckenden Pfeifenmachervita nur auf den recht passablen Pipedia-Artikel verweisen anstatt hier irgendwas abzuschreiben um den Eindruck zu erwecken, es sei von mir. Sowas überlasse ich lieber dem einschlägigen Spezialisten eines anderen Mediums.

Sven Knudsen PipeMir geht es um etwas anderes, um den Stil und um die Formentwicklung, was ich am Beispiel einer meiner Pfeifen erläutern möchte. Nun hat Sven Knudsen gerade in seinen späteren Jahren eine relativ große Anzahl klassischer Pfeifen gemacht, meist Billiards, die er zu personalisieren verstand, obwohl sie doch nah am klassischen Kanon angelehnt waren. Mir geht es um die freieren Formen, die er aber ebenso mit einer regelrecht klassischen Attitude verbinden konnte. Auf diese Weise erreichte er mit seiner Formgebung die Wirkung leisen Understatements und damit eine Größe, die auf gestalterischer Bescheidenheit basiert. Extrovertierte Effekte, seien sie auch noch so beeindruckend, waren seine Sache nicht – auch darin unterschied er sich vom Stil seines jüngeren Bruders.

Sven Knudsen PipeSven Knudsen PipeDie hier vorgestellte Pfeife ist eine Freeform, bei der ich schon Schwierigkeiten habe, das Shape zu benennen, obwohl sie auf den ersten Blick „normal“ oder „gängig“ aussieht. Es ist im Prinzip eine Bent mit schlichtem rundem Holm und einem linearen Mundstück. Allein die Wahl dieses vollen linearen Mundstücks irritiert, würden wir doch hier eher ein Sattelmundstück erwarten, was ästhetisch weniger stark in Richtung „Serienpfeife“ weist. Dieser Verzicht auf die Gestaltungsmöglichkeit eines Sattels (der ansonsten bei nahezu allen seinen Billiards in verschiedensten Ausführungen sein Standard war) lenkt den Blick ohne jedwede Ablenkung auf den Kopf, der seine Form absolut dem Maserungsverlauf des verwendeten Kantels verdankt.

Sven Knudsen PipeWird bei streng klassischen Formen, auch herstellungsbedingt durch die Kopierfräse, aus der die Köpfe oft kommen, der Form der Vorrang vor dem Maserungsverlauf eingeräumt und auch der Tatsache geschuldet, dass die einzigen klassischen Shapes, die den natürlichen Maserungsverlauf des Holzes aufnehmen, die Brandy und die Dublin mit ihren jeweiligen Variationen sind, ist die Wahl einer Freeform für den Kopf hier zwingend. Allerdings bedient sich auch diese Freeform Anleihen aus der Welt der Kassik, denn die dem Holm zugewandte Seite des Kopfes ist im Prinzip eine Brandy, eine halbe Brandy um genau zu sein, die just da abgeschnitten wird, wo der Maserungsverlauf den Fächer nach vorne nicht mehr bieten kann.

Sven Knudsen PipeSo entstehen links und rechts symmetrisch zwei Kanten, die exakt der Maserung folgen und den Kopf in zwei (für sich gesehen klassische) Formen teilen: nämlich die gerade erwähnte Brandy auf der hinteren, dem Holm zugewandten, Seite und eine Billiard auf der Vorderseite. Diese Freeform entsteht also durch die Kombination zweier klassischer Formen, was auch letztlich für ihre strenge und erstmal wenig spektakuläre Erscheinung verantwortlich ist. Und gerade dieser Kunstgriff ist spektakulär!

Sven Knudsen PipeZwangsweise ergibt sich daraus, dass der Großteil des Kopfes nicht rund ist, sondern der Kopfrand aus der Form zweier Kreissegmente gebildet ist, die sich an den beiden Kanten treffen. Erst da, wo die beiden Kanten auslaufen, also am Kopfboden in der Bauchung, hat der Kopf eine nahezu runde Form. So entstand eine eher „leise“ Pfeife von großer Raffinesse und gerade dafür stehen viele der Freeforms von Sven Knudsen. Und genau das macht Sven Knudsen als Vorbild so interessant, denn je „lauter“ und extrovertierter eine Form ist, desto schwieriger wird es für den Pfeifenmacher, sie zu adaptieren ohne sich der Gefahr auszusetzen, zu nah am Vorbild oder stilistisch zu sehr im Fahrwasser eines anderen Pfeifenmachers zu sein!

Gestempelt ist die Pfeife, die ich in die achtziger Jahre datieren würde, mit „S.Knudsen“ und dem Korsenkopf.Sven Knudsen Pipe




Pfeifen Diehl | The Dickens

Es gibt gute und schlechte Tabake. Und es gibt prätentiöse und unprätentiöse Tabake. Schlechte prätentiöse Tabake sind selten und dafür selten ärgerlich: sie scheitern meist an ihrem Anspruch und ihrem Preis, weil sie etwas sein wollen, was sie nicht einlösen können. Gute prätentiöse Tabake dagegen gehören zum Interessantesten der Tabakwelt, ihre Anzahl ist vergleichsweise überschaubar und für sie bezahlen wir schon mal mehr als für den Rest, manche von ihnen betrachten wir als Klassiker – und was besonderes. Schlechte unprätentiöse Tabake gibt es wie Sand am Meer, von Tankstellen wie von Fachgeschäften und werden von Rauchern geraucht, die sich gar keinen Kopf machen wollen über die Frage, wie verschieden Tabake sein können und warum. Sie sind zufrieden damit und haben sich über die Jahrzehnte so daran gewöhnt, dass sie jeder Blick nach links oder rechts nur unnötig irritieren würde. Und dann gibt es noch die guten unprätentiösen Tabake, die nicht selten das Gros unseres Tabakkonsums ausmachen, seien es schlicht gut gemachte Aromaten mit einer guten Tabakbasis oder seriöse Virginia- oder Latakiamischungen, denen nur die besonderen Alleinstellungsmerkmale fehlen, die wir an den guten prätentiösen Tabaken so lieben. Die bezeichnen wir als Alldayssmoke und wir finden sie in erster Linie bei den Fachhändlern, nicht selten auch als deren Eigenmarken.

Diehl The DickensUm einen solchen Tabak geht es hier, nämlich um Diehls „The Dickens“, eine Virginia- basierte Latakiamischung von Pfeifen Diehl aus München, die von Kohlhase & Kopp für Diehl hergestellt wird. Ob dieser Tabak exklusiv für Diehl gemacht wird oder unter anderen Namen bei anderen Fachhändlern angeboten wird, entzieht sich meiner Kenntnis. „What the dickens“ heisst soviel wie „was zur Hölle/was zum Teufel“ und ich kann nur vermuten, dass man sich hier vom Rauch hat leiten lassen, denn an und für sich ist „The Dickens“ eine recht milde und runde englische Mixture klassischen Zuschnitts, die sich absolut weich präsentiert allerdings ohne große natürliche Grundsüsse! Das ist in diesem Fall kein Nachteil, denn der Tabak ist vollkommen harmonisch balanciert, es gibt keine extremen Geschmackskompononenten, die eine hohe Süsse zur Balance benötigen würden.

Diehl The DickensBetrachten wir uns das Tabakbild, dann sehen wir eine recht kontrastreiche Ribbon Cut Mixture eher hellerer Prägung, bei der verschiedene Virginia-Grades dominieren und zwar deutlich mehr hellere und mittelbraune Virginias als rötlich dunkelbraune, sehr vereinzelt auch grünliche Blattsprenkel und dann einen nicht ganz unbeträchtlichen Anteil an schwarzem Latakia. Also eine ganz klassische hellere englische Mischung! Und genau so schmeckt der „The Dickens“ auch.

Diehl The DickensDer Tabak lässt sich vollkommen problemlos stopfen und entzünden, er glimmt ruhig und langsam vor sich hin, fordert keinerlei Aufmerksamkeit beim Rauchen und ist somit auch für Anfänger bestens geeignet. Vor allem auch, weil der „The Dickens“ hinsichtlich seines Körpers ein eher leichter Tabak ist, obwohl er doch eine ganz beträchtliche Geschmacksfülle entwickelt. Gerade das macht ihn in meinen Augen auch zu einem wundervollen Alldaystabak, denn er wirkt weder langweilig noch wird er auf Dauer sättigend, was der überschaubaren Süsse geschuldet ist: Man kann, so man möchte, problemlos und mit großem Genuss mehrere Pfeifen hintereinander rauchen! Es ist gerade dieses unprätentiöse Understatement, was den „The Dickens“ so attraktiv macht!

Diehl The DickensGeschmacklich brennt der „The Dickens“ kein Feuerwerk ab. Es sind die eher „frischen“ Virginias, die im Zusammenspiel mit dem Latakia die Füllung dominieren und dem Latakia einen hellen Teppich ausbreiten, auf dem sich dieser sehr schön präsentieren und kontrastreich entfalten kann. Der Latakia wird geradezu „ausgestellt“ und seine Rauchigkeit verbindet sich dann perfekt mit den frischen, vielleicht auch ganz leicht heuigen Virginianoten! Diese Dualität von Virginias und Latakia bestimmt die komplette Füllung konsistent und gleichmäßig bis zum Ende hin: da wird nichts stärker oder schwächer, dunkler oder rauchiger – der „The Dickens“ schmeckt im Prinzip beim letzten Zug nicht anders als beim ersten. Normalerweise mag ich solche Tabake, bei denen nicht viel passiert, eher weniger, aber beim „The Dickens“ ist das anders und zwar in erster Linie, weil der Tabak so schlank und „trocken“ (nicht im Sinn von Feuchtigkeit, die ist perfekt, sondern im Sinn von trockenem Weisswein) daherkommt! Da ist nichts, was ermüdet oder langweilt oder mehr will als es ist: der „The Dickens“ schmeckt einfach nur kontinuierlich gut. Und das ist ziemlich viel!