McClelland | Legends

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Der Stoff aus dem Legenden sind? In unserem Fall sind das ganz profan Virginias, Orientals und eine anständige Portion Latakia! Soweit so gut. Klingt erstmal wenig spektakulär für eine klassische englische Mischung, die McClelland da vor einigen Jahren aufgelegt hat. Als ich den Tabak, den ich nicht kannte, vor ein paar Monaten bei einem Händler gesehen habe, musste eine Dose mitgenommen werden. Schon allein aus purer Neugierde und Vorfreude, denn der „Legends“, den McClelland in seiner „Collector Blend Series“ angesiedelt hat, lies durch die Gestaltung des Etiketts eine gewisse Verwandschaft zu einem von mir sehr geschätzten anderen McClelland Blend erkennen, dem „Wilderness“. Damit war nicht nur die Vorfreude groß – meine Erwartungshaltung war es ebenso! Und um es gleich vorweg zu sagen: Leider! Denn der Tabak konnte diese nicht wirklich voll erfüllen.

McClelland LegendsIch will damit keineswegs sagen, dass der „Legends“ ein schlechter Tabak sei. Nein, der „Legends ist sogar ein sehr guter Tabak, nur kennen wir alle den Spruch: „Das Bessere ist der Feind des Guten“ und der ist in diesem Fall nur sehr wahr. Aber der Reihe nach!

Wie der „Wilderness“ ist auch der „Legends“ mit einem in den Staaten sehr bekannten Pfeifenraucher und Autor verbunden: Fred Hanna. Er ist der Blender der beiden genannten Tabake. In erster Linie ist er aber Pfeifensammler und Autor des Buches „The Perfect Smoke. Gourmet Pipe Smoking for Relaxation and Reflection“.

Alles klar? Kleiner geht’s offensichtlich nicht auf der anderen Seite des großen Teichs? Schließlich muss sich die Publikation neben Herrn Newcombe und Herrn Hacker behaupten und die haben von zurückhaltendem Understatement auch noch nie was gehört. Als ich das Buch zum ersten Mal bei einem Freund in Händen hielt und angefangen habe, ein bisschen drin zu lesen, hat mich jener fast schroff unterbrochen und gesagt: „Nein, lesen brauchst du das nicht! Aber es sind ein paar tolle Fotos drin!“ In der Tat hatte ich noch nie soviele schöne Fotos von perfektem Straight Grain auf einem Haufen gesehen, aber ich konnte mich nicht des Eindrucks erwehren, dass hier eine Art Wettbewerb „Wer hat die dichteste?“ stattfindet. Dass sich die Formenvielfalt all der Pfeifen im Prinzip auf zwei archetypische Shapes beschränkt, nämlich Dublin basierte und Brandy basierte ist der Natur geschuldet, macht es trotz des vermeintlichen Versuchs, Superlativen zu zeigen, nicht wirklich spannender.

Aber es geht ja eigentlich um den Tabak nicht um eine Buchrezension, nur denkt man natürlich bei dem Titel des Blends „Legends“ unweigerlich an das publizistische Umfeld, was in die Irre führt, denn der Titel will gar nicht suggerieren, dass wir es hier mit was Legendärem zu tun haben, sondern er will thematisieren, dass dieser Blend eine Reminiszenz darstellen soll an die legendären englischen Blends der Vergangenheit, die im Lauf der Zeit vom Markt verschwunden sind und nur noch in Erinnerungen weiterleben oder auf dem horrend hochpreisigen Sammlermarkt unverschämt elitär in sehr beschränkter Disponibilität verfügbar sind. So oder so geht es also letztlich um eine nikotinhaltige „Suche nach der verlorenen Zeit“. Die Tragik ist nun, dass der „Legends“ meiner Meinung nach gerade in dem Moment an seinem Anspruch scheitert, in dem man „die Madelaine in den Tee tunkt“, also den Tabak entzündet und den ersten Zug nimmt: diese legendären Blends der Vergangenheit sind da einfach nicht! Auch nicht die Erinnerungen. Gleichwohl schmeckt’s gut.

McClelland LegendsDer „Legends“ besteht aus verschiedenen dunkleren Virginias („dark stoved“ und „red“ steht auf der Dose), einigen Orienttabaken, genannt werden Mahalla und Drama, und schließlich ein substantieller Anteil an cypriotischem Latakia. Das Tabakbild ist dunkel. Der „Legends“ sieht genau so aus, wie man sich eine substantielle englische Mischung erwartet. Der hohe Latakiaanteil gewährleistet neben seiner geschmacklichen Vormachtstellung auch die Tatsache, dass der Tabak zu jeder Zeit gut zu rauchen ist und den Raucher nicht zu sehr fordert – Stärke: Medium. Geschmack: Full. Und der ist erstmal rauchig! Richtig rauchig! Man sollte Latakia also schon lieben und gewohnt sein, wenn man den „Legends“ probieren mag. Ein Einsteigertabak in die Welt der Latakia-Mischungen ist der „Legends“ nicht wirklich. Obwohl er sich mit seinem mittleren Ribbon Cut vollkommen problemlos stopfen, anzünden und rauchen lässt. Ganz egal wie groß oder klein die Brennkammer der Pfeife ausfällt.

Entzündet man den Tabak, dann dominiert sofort sehr attraktiv der Latakia mit seinen ätherisch rauchigen Noten. Unwiderstehlich! Und man glaubt der Beschreibung, die von „Top-quality Cyprian Latakia“ spricht, sofort aufs Wort. Dieser Latakia bleibt aber nicht allein im Vordergrund stehen, sondern er wird fest getragen von einer Virginia-Basis, die mit ihrer malzigen Fülle für den nötigen Körper sorgt. Man hat den Eindruck, als ob die Virginias den Latakia regelrecht weich betten. Neben diesen vollmundigen Virginias liefern die Orienttabake zusätzliche Süße und funktionieren fast wie ein Schlüssel, der uns die Tür, die zur Harmonie des „Legends“ führt, aufsperrt. Mit Orienttabaken ist es immer so eine Sache, denn diese sind geschmacklich extrem feine, feingliedrig dezente Tabake, die aber gerade in Kombination mit anderen, geschmacklich dominanteren Tabaken, regelrechte Wunder bewirken können: sie binden hier alles ein und sorgen für eine perfekte Balance, was sich vor allem beim weiteren Abbrand des Tabaks bemerkbar macht. Man raucht keinen Latakia, der auf einer Virginabasis schwebt, sondern eine sehr runde, füllige, süße und trotzdem recht rauchige englische Mischung!

Aber warum scheitert der Tabak nun an seinem Anspruch, an die klassischen englischen Mischungen zu erinnern? Ganz einfach: weil er von McClelland ist und man dies dem Tabak schon beim ersten Riechen an der frisch geöffneten Dose anmerkt. Beim Geschmack sowieso. Das ist für den Tabak per se überhaupt kein Nachteil, ganz im Gegenteil! Aber es fehlt ihm vollkommen an jener einzigartigen Erdigkeit in der Basis, die so viele alte englische Klassiker ausgezeichnet hat und die ja gerade die stilistische Qualität ist, die verloren scheint. Der „Legends“ ist ohne Zweifel eine außerordentlich gut gemachte englische Mischung, die jede Empfehlung wert ist, aber, auch wenn diese Überlegung müßig ist, es wäre für mich interessant zu sehen, was rausgekommen wäre, wenn Hanna diesen Versuch einer Reminiszenz mit Tabaken von Cornell&Diehl gemacht hätte. Nicht dass die besser wären. Gar nicht. Aber ich würde denken, dass er sich mit deren Basistabaken leichter getan hätte, sein Ziel zu erreichen…? Wie gesagt: eine müßige Überlegung! Trotzdem ist der „Legends“ ein absoluter Spitzentabak, den man sehr gerne raucht. An die Raffinesse des „Wilderness“ reicht er allerdings nicht ansatzweise heran, dazu ist er zu geradlinig.

 

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1 Antwort

  1. Ein- bis zweimal im Jahr überkommt es mich: da bestelle ich in den USA eine ganze Reihe von McClelland-Tabaken: neben den Bombays auch so „Spezln“ wie den Lagonda, den Wilderness, Boston 1776, Syrian Full Balkan und den Legends. Den bei öffnen so typischen, penetranten Essiggeruch der McClellands habe ich zwischenzeitlich lieben gelernt und auch, wie man seine Durchdringung hin zum Besseren bewerkstelligt.

    Den von Peter beschriebenen Legends habe ich diverse Male gekostet, es hat aber gedauert, bis ich ihn so richtig Klasse fand. Das lag wohl an dem, dass er -wie Peter ja auch erwähnt – nicht so den typischen Pferdestallgeruch- und-geschmack liefert, den uns die Archetypen dieser Gattung bescheren. Das aber aus dem Kopf verbannt und alles wird gut. Ein wundervoller Tabak, den man ja nicht unbedingt vergleichen muß. Er schmeckt einfach sehr, sehr gut. Durch das Review weiß ich nun endlich genau, warum.

    PS: Fred Hanna war der meines Wissens erste Tabak-Afficionado, der das Backen beschrieben hat, jedenfalls habe ich das von ihm gelernt.

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