Horst Wolfram Geißler – der vergessene Schöngeist

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Moderne Zeiten wie die heutigen haben keinen Platz mehr für Autoren wie Horst Wolfram Geißler (1893-1983), den wunderbaren, feingeistigen Erzähler. Wenn überhaupt, so ist die Hauptfigur seines wohl erfolgreichsten Romans „Der liebe Augustin“ (1921), zwischenzeitlich ein Millionenseller, das Wenige, das von ihm bekannt geblieben ist, wenn überhaupt. Dabei umfasst sein Œuvre über 40 Romane und zahlreiche Erzählungen.

Geboren 1893 in  Dresden, siedelte er bereits 1912 nach München über, promovierte dort zum Dr. phil. Seine geisteswissenschaftlichen Studien bilden denn auch das Fundament aller Erzählungen und anderer Arbeiten. In vielen wird die Antike bemüht, das Biedermeier, Barock und Rokoko,  wird auf Geschichte reflektiert, immer eingebunden in wundervolle, manchmal auch wundersame Erzählstränge. Nie wirkt es aufgesetzt, sondern stets als wichtiger Teil der Handlung. Das viele Personen, Begebenheiten und Umgebungen heute einfach „lieblich“ erscheinen, wo sich doch Millionen an den grellbunten, klinisch reinen Bildern der grauenhaften Pilcheraden ergötzen, macht für mich genau den Reiz aus. Und Action und Gewalt fehlt völlig.

Bemerkenswert ist auch sein 1966 in Prosa übertragenes Nibelungenlied, das mir in einer schönen Ausgabe mit Signatur und Abbildungen von Ernst Barlach vorliegt.

Ein Schwarzes und ein Weißes / Über die Erde hin ( 1968, 1971)

Zuhörer finden, Gleichgesinnte, trotz aller charakterlichen Unterschiede in tiefer Freundschaft verbunden, eine entschleunigte Zeitschiene, dazu grandiose Landschaftsbeschreibungen aus dem Alpenraum, das hat mich schon in den 1970er Jahren für die zweibändige Geschichte einer außergewöhnlichen Männerfreundschaft begeistert. Zumal ich genau dort, wie sich die Protagonisten treffen, wo und wie sie Umgang pflegen, wohnhaft bin: München, das Fünfseenland, Südtirol und Italien. Das Weltbild, die Gesellschaft und Kultur der späten Nachkriegszeit bilden den Rahmen, die Freiheit des Einzelnen in einer gerade restaurierten deutschen Befindlichkeit ist deutlich spürbar als etwas neues, aufregendes … und doch auch wieder einengendes Motiv. Die Geschichte (n) an sich sind banal und doch  deshalb so angenehm leicht. Man möchte dabei sein, wenn die abendlichen Erzählstunden bei Wein und Tabak den Blick über die Bozener und Meraner Bergwelt schweifen lassen, wenn manchmal Melancholie Platz greift, der Tod sein Recht fordert – und dennoch kein Fortgang aufgehalten werden kann.

Der Münchner Architekt und Werbegraphiker Ludwig Milner erbaut sich auf einem unerwartet geerbten  Grundstück oberhalb von Bozen und Meran ein kleines Landhaus, prosaisch „Schloß Munkelstein“ genannt. Hoch über der uralten Kulturlandschaft des Etschtales gelegen. Ein verwunschener Ort, der für Ungebetene unerreichbar ist, seinen eigentlichen Wert erst durch die Freundschaft mit seinen sehr unterschiedlichen Lebensfreunden , dem Hotelier Dr. Falk und dem Geologen Julius Windbaum, erhält. Dort also sitzen die drei zusammen, erzählen sich Geschichten, deren Gestalten plötzlich lebendig werden und in das Geschehen eingreifen. Das Weibliche wird hinreichend bemüht und so greifen, Nornen gleich, diverse Damen in die Handlungen ein. Immer so, dass sie zwar den Fortgang, manche Umtriebe erst anstoßen, dann aber wieder für eine gewisse Zeit das Feld räumen. Scheinbar Zufälliges fügt sich am Ende in einen Zusammenhang, den keiner der Beteiligten – auch wir Leser nicht – am Anfang ahnen können.

So existiert die Schöne Helena, sagenhafte Frauengestalt von makelloser Schönheit in der Welt der alten Griechen, wirklich: als Traumfrau, als Hauch, mit einem Schimmer von Vollkommenheit – über die Erde hin. Die schöne Helena bleibt eine Zeitlang an der Seite Milners, doch bald entschwindet sie ihm wieder, um noch einmal seinen Weg zu kreuzen, allerdings auf recht tragische Weise.

Der Schauplatz ist weit abgesteckt, reicht von Griechenland bis zum Atlantik, von Rom nach Berlin, von Paris nach München, von Herrensitzen in der Lombardei bis zur Loire. Obwohl die Handlung ganz gegenwartsnah ist, führen verschlungene Fäden in ferne Vergangenheiten, andere aber auch in jene Anderwelt hinter den Dingen, die so wirklich ist wie König Laurins Reich hinter der strahlenden Bergwelt der Dolomiten.

Wie immer bei Horst Wolfram Geißler spielt hier die Landschaft in vielerlei Gestalt mit. Vielleicht das Schönste aber – und deshalb wird man die beiden Romane mehrmels lesen müssen und können – bilden die mit leichter Hand hineingerankten Andeutungen und Nachdenklichkeiten, die immer wieder ganz unerwartet aus den Fugen der Romanhandlung blühen und für den Autor kennteichnend sind, so der Klappentext der Ehrenwirth-Ausgabe weiter.

Preziosen wie diese zwei Romane sind selbstverständlich längst aus dem Buchhandel verschwunden, aber bei Amazon und anderen Portalen gebraucht für geringen Kaufpreis erhältlich. Allerdings macht es viel mehr Spaß, in Antiquariaten nach schönen, gebundenen Exemplaren zu suchen. Schließlich wird man sie eh mehrfach lesen ……..

Geißler – Romane, die ich ebenfalls nicht missen möchte:

Der Puppenspieler (1929) – ein Muß für Freunde des barocken Salzburg

Alles kommt zu seiner Zeit (1955) – das Fünfseenland als herrliche Kulisse

Das Lächeln des Leonardo (1960)


Will Fox Kriminalreihe

In einer langen Nacht (1954)

Lady Margrets Haus – (1959)

Wo schläft Kleopatra (1965)

 

 

 

 

 

 

Und das historische Hörspiel – SRF 1945:

Der Liebe Augustin Teil 1 v 5

Der Liebe Augustin Teil 2 v 5

Der Liebe Augustin Teil 3 v 5

Der Liebe Augustin Teil 4 v 6

Der Liebe Augustin Teil 5 v 5

Bodo Falkenried

exemplarischer Niederrheiner, seit fast 50 Jahren in München daheim, genauso lang Pfeifen- und Tabaksammler, versessen auf Musik, Literatur und andere Künste. Segler, Reisender [..unser Mann in Asien], Intensiver Marktgeher, immer am Herd.

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1 Antwort

  1. Lieber Bodo,

    mit dieser Buchempfehlung hast du mir eine unsagbare Freude bereitet.
    Seit ich als Kind Pünktchen und Anton gelesen habe, bin ich ein glühender Erich Kästner Anhänger und leide darunter, dass er so wenig für Erwachsene geschrieben hat.
    Geißler ist kein Kästner, dazu fehlt ihm – glaube ich – das Politische, aber er ist genauso kultiviert, so gescheit und so ein Romantiker.
    Vielen Dank, dass ich „Drei Männer im Schnee“ und den „Fabian“ nicht noch drei Mal lesen musste, sondern mir diesen Doppelband auf der Zunge zergehen lassen durfte.

    Jetzt dürste ich natürlich nach mehr und die Latte liegt hoch.

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