Grünkohl – neufränkisch

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img_4469Der Grünkohl ist jetzt in etwa so bayrisch, wie Pils und Labskaus und trotzdem liebe ich ihn. Vielleicht liegt das daran, dass meine Seele und mein Gemüt rein münchnerisch, mein Blut aber eine ethnische Emulsion ist. Neben der dicken, dunklen schlesischen Brühe, befindet sich auch ein guter Schuss fröhlichen, rheinischen Säftchens darin. Meine Großmutter stammt aus Geilenkirchen, der Perle vom Niederrhein, vielleicht erklärt auch das meine Fähigkeit meinen lieben Mitblogger Bodo F. zu ertragen schätzen.

Dieser schlug mir doch Freitag allen Ernstes vor, nicht auf dem Viktualienmarkt bremischen Pinkel zu kaufen, sondern zum fränkischen Metzger am Rathaus zu gehen, um dort westfälische Metwurst zu erwerben. „Ist er noch bei Sinnen?“, fragte ich mich. Ich fahre doch nicht von Nürnberg nach München, um dort einen fränkischen Metzger aufzusuchen … und dann auch noch westfälische Wurstspezialitäten. Ich lebe in der Stadt der berühmtesten Bratwürste der Welt!

img_4466Der Grünkohl muss Frost bekommen, haben wir gelernt, und um ganz sicher zu gehen, kaufe ich ihn immer gleich tiefgefroren. Angeblich enthält er in diesem Aggregatzustand sogar noch mehr Vitamine, als wenn er schon ein paar Tage beim Gemüsestandl herumlungert. Beim Biometzger erstehe ich sowohl rohe, als auch geräucherte Bratwürste, sowie zwei Scheiben Wammerl, was hier irrtümlich als „Bündle“ bezeichnet wird. Die Rohen, steche ich mit der Gabel an, wie sonst den Pinkel, der Rest kommt einfach so oben auf den Kohl, den ich mit fein gehackten Zwiebeln angedünstet habe.

 

img_4475img_4480Das ganze köchelt, simmert, brutzelt jetzt eine Stunde, während ich die Kartoffeln im Dampfgarer zubereite. Angeblich energieeffizient und definitiv schonender. Pellkartoffeln zu schälen ist in etwo so vergnüglich wie Selbstgeisselung, das überlasse ich Herrn F. Beim weiteren Prozess des Karamellisieren halte ich mich allerdings genau an seine Anweisung.

Die inzwischen gekochten Bratwürste werden jetzt kleingemanscht und unter den Grünkohl gezogen. Vermutlich hätte ich gleich Bratwurstgehäck nehmen können. Das ist eine fränkische Spezialität. Es handelt sich um das Innere der Bratwurst, wird aufs Brot geschmiert und ist mit dem Mett vergleichbar, nur besser gewürzt.

img_4479Fazit:

  1. Die fränkischen Bratwürste sind geschmacklich eine ganze Klasse besser als Pinkel, Metwurst oder sonst etwas, von nördlich des bayrischen Polarkreises.
  2. Die gute Bioware enthielt etwas zu wenig fett, dadurch war der Grünkohl etwas trocken.
  3. Das Bündle können die Franken selber fressen, ich kaufe wieder Wammerl am Viktualienmarkt.
  4. Die karamellisierten Kartoffeln waren mir persönlich etwas zu süss, aber vielleicht hatte ich das mit dem Zucker übertrieben (ein Esslöffel)

Alles in allem ist der Grünkohl mit welcher Wurstspezialität auch immer, ein wunderbares Winteressen, herzhaft, gesund und auch nicht teuer. Man kann wie Herr Falkenried sicher auch Wein dazu trinken, aber ein schönes fränkischen Kellerbier ist halt besser. Ansonsten freue ich mich über weitere Rezepte, Anregungen und Kritik.

 

 

Alexander Broy

Alexander Broy ist Künstler, Flaneur und Blogger mehr von ihm gibt es in seinem Künstlertagebuch unter: http://broy.de zu lesen.

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11 Antworten

  1. So, das Einhämmern am vergangenen Freitag hat also genützt, teilweise zumindest. Vermutlich hast Du vergeblich versucht, westfälische Metwürste aufzutreiben. Mit westfälischen Mett-Enden hättest Du Dich leichter getan. Denn ob die angeblich ständig Met-trinkenden Germanen tatsächlich diesen auch beim wursten verwendet haben, ist noch unbekannt. Immerhin eine interessante These.
    Diese Rapid-Version eines Eintopfes mag ja in einem Junggesellenhaushalt eine Berechtigung haben, aber so einen profanen, akuraten Eisblock möchte ich nicht in meinem Gußtopf wissen. Und natürlich geht Deinem Block-Gemüse die notwendige Struktur ab, die man durch ein nicht ganz so feines zerhacken des Grünkohls erreicht. Diese Erfahrung macht man allerdings erst nach jahrzehntelangem Grünkohlerleben, das bläst man sich nicht einfach so in die fränkische Pfanne, mit Verlaub. Wesentliche Gusto-Bestandteile, wie z.B. den Original Löwensenf oder den Puderzucker hast Du gleich weggelassen. Dafür die Kartoffeln versüßt. Na ja, immerhin ist ein Anfang gemacht und das üben wir jetzt noch einmal ein wenig…….
    Allerdings: das fränkische Kellerbier, diese trübe pfützige Geschichte, geht überhaupt nicht. Wenn schon Bier, dann das champagnerartige, nicht zu kalte König Pilsner, allenfalls noch ein delikates niederrheinisches Alt.

  2. bemi sagt:

    So mach ich mir das morgen auch. Eigentlich wollte ich ja Bodo F. nachkochen, aber für uns Buben vom Land scheint diese Version besser geeignet. Lediglich beim Alkoholgenuss werde ich mich dem Herrn F. anschließen 😉

    VG bemi
    … der die Tage schon Bodos Version loben wollte, aber an der Technik gescheitert ist 🙁

    • … verkehrte Schraubenschlüssel? Kalter Lötkolben?

      • bemi sagt:

        nein – der Blog in Kombination mit meinen Browsereinstellungen wollte nicht.

        Weiterhin problematisch ist in meinem Alter eher die Hitze des Lötkolbens. Aber verkehrte Schraubenschlüssel gibt es aktuell – zumindest im metrischen Maßsystem – immerhin nicht, da drei komplett neue Sätze eingetroffen sind, diese Woche 😛 Die sind fast so schön anzusehen wie neue Pfeifen und sollten genauso geschont werden …

        VG bemi

  3. bemi sagt:

    achja, übrigens habe ich gestern das Rezept nachgekocht. Lediglich den Grünkohl habe ich durch Blaukraut ersetzt. Wunderbar!

    • auch: Wie bitte???????

      Ich habe das Hummerrezept von neulich nachgekocht. Lediglich den Hummer habe ich durch Bratwurst ersetzt. Wunderbar!

      Was`n da los in 47° 56′ 51.4″ N 10° 23′ 36.521″ E, gibt es wieder die im Unterallgäu häufig vorzufindende Advent-Raserei, dieses medizinische Phänomen?

      • bemi sagt:

        Bei uns nennt man diese Krankheit Sarkasmus. Oder Sakrileg. Oder sacrebleu, les Allgäuer; jedoch nur wenn Blaukraut im Spiel ist, (jedoch nicht bei Rotkohl!*).

        Originalzitat zu meiner Kartoffelsuppe:
        „Papa, du kochst einfach am besten!!!
        .
        .
        .
        .
        .
        Wenn Wurst dabei ist.“

        Und so war es mit dem Blaukraut auch. Ich wollte Grünkohl machen. Grünkohl nicht verfügbar. Blaukraut im Haus. Und Wurst war dabei. Und was nicht passt, wird passend gemacht. Für mich als Viertelpreusse (heute nennt man das Migrationshintergrund) sind eh die Kartoffeln der Obergenuss.

        VG bemi

        *) geneigte Leser befassen sich mit https://de.wikipedia.org/wiki/Gerald_Huber

  4. Häri sagt:

    Das is jetzt zwar kein Rezept für ein vollwertiges Essen, aber doch eine Anregung, wie man Grünkohl in der Saison als guten Snack zubereiten kann. Mit Tiefkühlware kommst Du da aber nicht weit…250 g frischen Grünkohl waschen u. trocknen. Die Blättchen abzupfen. Je ca. 2 El Olivenöl, Zucker u. Salz verrühren und in einer Schüssel mit den Kohlblättern mischen. Die Kohlblätter im Ofen bei ca. 150 Grad etwa 4 Min. rösten bis Blattränder leicht braun sind. Frisch aus dem Ofen knuspern, die Beine hochlegen und dazu einen alten Schinken im Affenkasten anschauen…

  1. 7. Dezember 2016

    […] Der gute Anfang eines neu-fränkischen Grünkohleleven ist hier nachzulesen. […]

  2. 21. Dezember 2016

    […] den ersten Monaten des Pfeifenblogs haben wir einiges erfahren können über Grünkohl neufränkisch und Grünkohl altniederrheinisch, über Münchner Weißwürscht, und bayerische Super-Gambas. Eine […]

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