Mein ultimativer Kanon der Literatur

Meine Tochter hatte für eine 19-Jährige einen – wie ich finde – sehr ausgefallenen Geburtstagswunsch geäussert. Sie wünschte sich, dass ihr Vater (vermutlich ich), ihr ein paar wirklich gute Bücher schenkt. Sie wollte aber nicht ein paar seichte Bücher als Urlaubslektüre haben, sondern bestand darauf, dass es die wichtigsten Werke der deutschen Literatur seien.

Also ein richtiger Literaturkanon. Sofort fiel mir natürlich der GLAZ (größte Literaturkritiker aller Zeiten) ein, der einen wirklich vortrefflichen Kanon zusammengestellt hat. Kanon Marcel Reich-Ranicki. Aber sie wollte ja nicht seinen Kanon, sondern meinen.

Ich erklärte mich sofort einverstanden und legte los. Niemals hätte ich gedacht, dass dieses Unterfangen so faszinierend, aufregend, anstrengend und auch so langwierig sein würde. Zunächst einmal ließ ich das „deutsch“ in Literaturkanon weg. Das ist langweilig, kleinkariert und nationalistisch. Ich wollte einen persönlichen Kanon zusammenstellen, die Bücher, die ich am besten fand, die mich geprägt haben und die ich für die zehn größten der Literatur halte und die auch ein Bisserl zu ihr passen sollten.

Zunächst vollzog ich ein inneres Brainstorming. Welche Autoren müssen unbedingt dabei sein und welche davon werde ich wieder streichen müssen. Welche Bücher sind absolut gesetzt und welche nur optional.
Die erste Autorenliste las sich in etwa so: Goethe, Thomas Mann, Hemingway, Camus, Oskar Maria Graf, Erich Kästner, Henry Miller, Charles Bukowski …

Die letzten beiden wurden sofort gestrichen, es handelt sich schliesslich um meine Tochter. Thomas Mann? Die Buddenbrooks? Selten ein so langweiliges Buch gelesen. Drei Seiten Beschreibung eines Türfügels, es schüttelte mich vor Grausen. Felix Krull? Den habe ich sehr gemocht, aber irgendwie doch lieblos zu Ende geschrieben und auch ein wenig trivial … Aber Thomas hatte doch einen Bruder und dieser definitiv mehr Temperament. Der kam auf die Liste: Heinrich Mann. Unrat? Nein, da soll sie den Film schauen. „Der Untertan“, ja der sollte es werden. Rechnen wir ab mit der preussischen Untertanen-Mentalität. Ausserdem, wenn wir schon dabei sind, wir brauchen mehr Bayern im Kanon.

Oskar Maria Graf, Das Leben meiner Mutter. Ein absolutes Muss für die gebildete Münchnerin und für alle anderen auch. Überhaupt das ganze Graf Werk, aber eines muss zunächst reichen. Lion Feuchtwanger fiel mir noch ein, aber die große München-Trilogie ist auch etwas zu langatmig für eine junge Dame, aber was ist mit Rosendorfer? Vielleicht nicht allerhöchste Literatur aber vergnüglich, hintersinnig und Münchnerisch: Briefe an die chinesische Vergangenheit.

Sprach ich eben davon, den Preussen eines auf den Deckel zu geben? Dann lass uns doch gleich der Operettenmonarchie eine sauberne Trumm Watschen verpassen. Das nennt man Revanchismus: Joseph Roth, Radezkymarsch. Das passt wundervoll zum Untertan. Ich war sehr zufrieden mit mir. Mein erstes Joseph Roth Buch habe ich mir übrigens mit ungefähr zehn Jahren aus der Stadtbibliothek – damals noch am Rindermarkt – ausgeliehen, war aber sehr enttäuscht, kein einziges mal konnte ich die von mir damals so geliebte Phrase „Ein Mensch …“ darin finden.

Aber werden wir wieder ernst. Bierernst. Goethes Faust (auf dem Bild leider nicht zu sehen) habe ich in einer wundervollen, alten Ausgabe mit Lithographien von Delacroix ergattern können.

Dann werde ich philosophisch. Das Werk, welches mich in meiner Jugend am allermeisten geprägt hat, war „Der Fremde“ von Albert Camus. Dieses Buch machte mich zu einem glühenden Existentialisten. Es war so düster und so leidenschaftlich leidenschaftslos. Lang nicht so ein Langweiler wie Sartre, war für mich Camus der König des schwarzen Rollkragenpullis. Zur ungefähr selben Zeit las ich – wie vermutlich alle Jugendlichen meiner Generation – den Steppenwolf, der muss auch dabei sein. Erinnern wir uns, die Leserin wird 19, nicht 49.

Neben Graf ist Kästner einer meiner Lieblingsautoren. Seit Pünktchen und Anton, liebe ich sein Werk. Die Kinderbücher habe ich tausendmal vorgelesen bekommen, selbst gelesen und dann wieder vorgelesen. So ein wundervoller, feiner Mann und spätestens, als ich erfuhr, dass der „Fabian“ in der Originalfassung herausgekommen ist, musste er natürlich auch dabei sein. „Der Gang vor die Hunde“ ist der Titel, den Kästner selbst für seinen großen Erwachsenen-Roman vergeben wollte. Diese Fassung ist quasi der unzensierte Directors Cut.

Warum ich die „Deutschstunde“ aufgenommen habe, weiss ich selbst nicht so genau. Vermutlich ist es eher meiner Liebe zu Emil Nolde geschuldet und weil ich dem erst jüngst in Verruf geratenen, die Stange halten wollte. Trotzdem es ist ein schönes Buch über Freundschaft, Kunst und Nazischeiss.

Hemingway ist der einzige Autor, der doppelt vertreten ist. Fiesta ist eines der schönsten Bücher, das ich kenne, ich habe es dutzend Mal gelesen und es ist ja auch nur ein ganz kleines Bücherl und dann muss natürlich auch noch die Stunde schlagen, Ehrensache. Auch wenn manche behaupten Ernest war als Trinker besser, als als Autor. Aber diese Leute, sind vermutlich in beiden Kunstgattungen selber nur mittelmäßig. Mein ältester Sohn ist übrigens seiner Mutter immer noch unendlich dankbar, dass sie verhindert hat, dass er Ernest Maria Broy heisst.

Dies ist die vollständige Liste meines ganz persönlichen Literatur-Kanons

  1. Oskar Maria Graf, Das Leben meiner Mutter
  2. Heinrich Mann, Der Untertan
  3. Joseph Roth, Radezkymarsch
  4. Herbert Rosendorfer, Briefe an die chinesische Vergangenheit
  5. Johann Wolfgang von Goethe: Faust I + II
  6. Albert Camus, Der Fremde
  7. Hermann Hesse, Der Steppenwolf
  8. Erich Kästner, Der Gang vor die Hunde
  9. Siegfried Lenz, Die Deutschstunde
  10. Ernest Hemingway, Fiesta
  11. Ernest Hemingway, Wem die Stunde schlägt

Wie man auf den Bilder unschwer erkennen kann, habe ich auch auf schöne, alte gebundene Ausgaben wert gelegt, denn diese Sammlung soll meine einzige Tochter ein Leben lang besitzen, in Händen halten und lesen. Vielleicht taucht auch das eine oder andere Werk davon in ihrem Kanon auf, den sie vielleicht irgendwann für einen Enkel zusammenstellen wird.

Was wären denn die Bücher, die in Ihrem Kanon auftauchen würden?
Welche habe ich vergessen?
Welche würden sie weglassen?

Bitten nehmen Sie, lieber Leser, Sich eine Pfeifenlänge Zeit und nutzen Sie die Kommentarfunktion, um Ihre persönliche Liste zu teilen, sie werden sehen, das ist sehr vergnüglich, erbaulich und auch sehr anstrengend …




Viet Than Nguyen | Der Symphatisant – eine Geschichte aus dem Amerikanischen Krieg

Das gefällt den meisten Amerikanern nicht: eine andere Sichtweise auf den unseligen sogenannten Vietnamkrieg, der in Wahrheit ein weiterer Indochinakrieg war, in der Region übrigens wird er richtigerweise „American War“ genannt. Ein Roman, nicht als schwer verdauliche Dokumentation, sondern als flüssig lesbare und 2016 mit dem Pulitzerpreis belohnte spannende Lektüre. Spannend nicht, weil es sich im einen Reißer handelt, sondern weil uns Westlern endlich ein -wenn auch fiktiver- Blick gewährt wird, der erhellend wirkt. Gleichwohl ist es ein Spionageroman, den der in Vietnam geborene Amerikaner Viet Than Nguyen vorgelegt hat. Die USA und ihre selbstbehauptete publizistische Deutungshoheit für das aus niedrigsten, paranoiden Beweggründen und schizophrenen Sichtweisen und prognostisiertem Iirrsinn angezettelte Disaster hat weitere Risse bekommen.

Im April 1975 wird eine Gruppe südvietnamesischer Offiziere unter dramatischen Bedingungen aus Saigon in die USA geflogen. Darunter ein als Adjutant getarnter kommunistischer Spion. In Los Angeles soll er weiterhin ein Auge auf die politischen Gegner haben, ringt jedoch immer mehr mit seinem Doppelleben, den Absurditäten des Spionagewesens, der Konsumgesellschaft und seiner eigenen Identität: “Ich bin ein Spion, ein Schläfer, ein Maulwurf, ein Mann mit zwei Gesichtern. Da ist es vielleicht kein Wunder, dass ich auch ein Mann mit zwei Seelen bin.“

Ein literarischer Polit-Thriller über den Vietnamkrieg und seine Folgen, eine meisterhafte Aufarbeitung über die Missverständnisse zwischen Kapitalismus und Kommunismus, ein schillerndes Werk über das Scheitern von Idealen, ein bravouröser Roman über die universelle Erfahrung von Verlust, Flucht und Vertreibung.

Verlagsinfo Randam House

 


Literatur, die vieles erklärt:

Tim Weiner, CIA

Joshua Kurlantzick, The Ideal Man: The Tragedy of Jim Thompson and the American Way of War

Süddeutsche Zeitung

Laos – Fremdschämen

 


BIBLIO
Aus dem Amerikanischen von Wolfgang Müller
Originaltitel: The Sympathizer
Originalverlag: Grove/Atlantic
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 528 Seiten, 13,5 x 21,5 cm
ISBN: 978-3-89667-596-5
€ 24,99 [D] | € 25,70 [A]
Verlag: Blessing
Erschienen: 14.08.2017

 




Luciano Valabrega | Puntarelle e Pomodori

Unter all den Dingen, über die wir unsere Herkunft, unsere Heimat und letztlich unsere Identität definieren, nimmt unser Essen einen ganz besonderen Platz ein. Dieser Platz ist meist ein angestrebter Wohlfühlort, ein andermal ein Sehnsuchtsort und vielleicht auch mal ein Entbehrungsort. Nicht selten ist unser Essen aber ein Erinnerungsort, der uns Genießer gleichsam zu kulinarischer Melancholie verleitet, etwa wenn wir bestimmte Gerichte so zuzubereiten suchen, wie es schon unsere Großmutter getan hat, und wir uns dann an die glücklichen Kindermomente an ihrem Küchentisch erinnern falls uns unsere retrospektive Zubereitung gelungen ist. Das Aneinanderreihen solcher kulinarischer Erinnerungsglücksmomente nennt man dann „Traditionelle Küche“ – entstanden durch kollektives Zusammentragen vieler jener Erinnerungen über Generationen hinweg und deren Austausch untereinander, unter Verwandten, Freunden, Nachbarn, Kollegen… „Traditionelle Küche“ ist in diesem Sinn als „kollektives Gedächtnis“ nachgeradezu das Gegenteil der modernen „Großen Küche“ und ihren Starkulten, bei denen individuelle Brillanz im Mittelpunkt steht.

Luciano Valabrega: Puntarelle e PomodoriUm eine solche „Traditionelle Küche“ geht es in dem Buch, das ich hier vorstellen möchte. Luciano Valabrega heißt der Autor, den ich, das muss ich der Aufrichtigkeit halber gleich offenlegen, persönlich kenne: er ist ein sehr guter Freund sehr guter römischer Freunde – und er ist Pfeifenraucher. Übers Pfeiferauchen habe ich ihn kennengelernt und schnell sind wir darüber hinaus aufs Kochen als weitere gemeinsame Leidenschaft gekommen. Irgendwann hat er mir dann sein Buch in die Hand gedrückt, das im Spätsommer 2015 in der wunderschönen „Salto“-Reihe bei Wagenbach erschienen ist. Der Titel des kleinen Buches lautet „Puntarelle e Pomodori“ und sein Untertitel verrät uns, worum es geht: „Die römisch-jüdische Küche meiner Familie“.

„Schon wieder ein Kochbuch“ könnte man jetzt denken und in der Tat ist „Puntarelle e Pomodori“ ein Kochbuch, aber es ist ein sehr außergewöhnliches Kochbuch, nämlich eines,  das uns für all die bekannten und unbekannten Gerichte darin keine bloßen Bauanleitungen mit präziser Zutatenliste liefert, wie das Kochbücher im Allgemeinen zu tun pflegen, sondern das uns vielmehr von diesem inspirierenden Aneinanderreihen zahlreicher kulinarischer Erinnerungsglücksmomente erzählt. Auf diese Weise vermittelt es uns wie kein anderes mir bekanntes Buch das Wesen der römischen und der römisch-jüdischen Küche. Traditionelle Küchen nämlich lassen sich durch die Analyse in ihnen verbreiteter verarbeiteter Lebensmittel und Zubereitungstechniken nur recht unzulänglich charakterisieren: Es sind die „Werte“, die die Gerichte haben, ihr Stellenwert in der Abfolge der Jahreszeiten, im Alltag, in den Familien, im Wochenablauf, im religiösen Leben mit seinen Festtagen, zu denen nicht nur immer dieselben Heiligen verehrt werden sondern auch ebenso kanonisch immer das Gleiche gekocht oder gebacken wird. Alle diese Aspekte sind mindestens so bedeutend wie die Rezepte selbst, wenn wir eine „Traditionelle Küche“ verstehen wollen. Und genau das führt uns Luciano Valabrega mustergültig vor Augen. Wer dieses Buch liest, erfährt nicht nur, was man in Rom isst, sondern über den Tatbestand erreichten Wohlgeschmacks hinaus auch warum man es isst.

Luciano Valabrega: Puntarelle e PomodoriLuciano Valabrega begann vor Jahren, all die Rezepte niederzuschreiben – um sie nicht zu vergessen und um sie seinen Freunden, die er nicht selten zum Essen einlädt, weiterzugeben. Er teilt nicht nur großzügig seine Erfahrungen als hervorragender wie leidenschaftlicher Koch, er teilt auch seine Erinnerungen und gewährt uns so einen recht persönlichen Blick auf das Leben in Rom hauptsächlich in den 50er und 60er Jahren. Er macht uns gleichsam zu jenen Freunden, für die er das Buch, ursprünglich ohne jede Publikationsabsicht, geschrieben hat, was allein das kleine Buch schon ungemein sympatisch macht. Luciano Valabrega: Puntarelle e PomodoriDie so entstandene Rezeptsammlung ist, obwohl sie keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt, ein umfängliches Kompendium römischer Küche: sie umfasst die Festtagsgerichte, die sich heute auch auf den Speisekarten der Hauptstadt-Restaurants finden, ebenso das einfachste Alltägliche, wie die  „Pizza Bianca“ oder die Pausenbrote der Kindheit.

In der Vertrautheit des ursprünglich intendierten Leserkreises liegt aber für den deutschen Leser, sofern er das Buch nur wie ein klassisches Kochbuch nutzen will, ein gewisses Risiko: In den Rezepten wird zwar präzise erklärt, wie man ein Gericht zubereitet, das Buch spart auch nicht mit Kniffen, wie man sich bei manchen Gerichten ihrer Perfektion annähern kann, aber es verzichtet vollständig auf Mengenangaben und präzise Zutatenlisten. Das erklärt sich aus der Intimität dieses ursprünglich intendierten Leserkreises, denn ein kulinarisch interessierter Römer weiß, wie seine „Klassiker“ im Prinzip gekocht werden. Der rein kulinarische Wert liegt hier in den Details, die bei manchen Gerichten sehr hilfreich sind und die man, vertraut mit der römischen Küche, sofort versteht. Will man dieses Buch also nicht nur lesen, sondern auch ganz normal als Kochbuch benutzen, sollte man zumindest in Grundzügen mit italienischer Küche vertraut sein. Dann wird man als Nachkocher keine Probleme sondern recht viel Freude haben!

Luciano Valabrega: Puntarelle e PomodoriUnter den Rezepten des Buches finden sich viele, die mit einem „*“ gekennzeichnet sind: das sind die Rezepte, die explizit jüdischen Ursprungs sind und in der jüdischen Tradition Roms bis heute einen hohen Stellenwert haben. Auch wenn manche unter diesen längst die Konfessionsgrenzen überwunden haben und über die Jahrhunderte hinweg auch unter der katholischen Mehrheit der Römer zur traditionellen Esskultur gehören. Essen, vor allem gutes und raffiniertes, verbindet. Das gilt auch für traditionell „katholische“ Gerichte, die mit einigen Modifikationen den Regeln der kosheren Küche angepasst werden können. Luciano Valabrega nennt auch diese ebenso traditionellen jüdischen Modifikationen, ist dabei allerdings sehr weit entfernt von jeglicher Orthodoxie. Der Geschmack steht im Mittelpunkt. Überhaupt wird in dem Buch klar, wie sehr die beiden Küchen-Traditionen miteinander verwoben sind und sich miteinander entwickelten. Nur bei ganz wenigen zeitgleich auftretenden „Konkurrenzprodukten“ wie etwa dem jüdischen Pessach-Gebäck und dem katholischen Oster-Gebäck bleiben die Konfessionen in ihrer jeweils eigenen Süßigkeit unter sich. Einmal hat uns Luciano mit einer Schale raffiniert trockenen Gebäcks überrascht, über das vor dem Verzehr Honig geträufelt wurde. Es waren die berühmten Pizzarelle d’Azzime, die ich da zum ersten Mal gegessen habe – ein Gebäck von absolut begeisternder Einfachheit und Raffinesse zugleich.

Meiner Meinung nach liegt die ganz große Stärke des reinen „Kochbuchs“ aber in den unzähligen Gemüse-Rezepten, die sich zwar auch als Beilage eignen, aber fast alle – manchmal mit ein paar kleinen „Bereicherungen“ – das Zeug zu eigenständigen Gerichten haben. Vieles schmeckt auch kalt am Folgetag noch großartig, etwa als kleine Vorspeise; ein Charakterzug, der der Alltagsküche aus Zeiten, denen der Überfluss fremd war, auf manchmal recht einzigartige Weise eigen ist. Unter den Gemüse-Rezepten ragen einige heraus, nämlich die mit Artischocken, und Luciano Valabrega macht keinen Hehl daraus, dass die Artischocke für ihn die Königin allen Gemüses darstellt. Da ich diese Leidenschaft für Artischocken absolut teile, möchte ich mit einer Leseprobe eines Ausschnitts aus dem Rezept für die „Carciofi alla Giudia“, die Artischocken nach jüdischer Art, schließen. Das Rezept ist sowas wie das „Flaggschiff“ der römisch-jüdischen Küche, es scheint banal, denn dahinter verbirgt sich ein recht einfaches Gericht: eine schlichte frittierte Artischocke. Aber wie so oft brauchen einfache, klare Dinge die größte Raffinesse und Erfahrung in der Zubereitung um wirklich gut zu sein. Der große Koch Vincent Klink hat mal sinngemäß gesagt, „ein Jakobsmuschelcarpaccio kann jedes Kind, aber einen anständigen Spätzleteig muß man können, das braucht viel Übung und Erfahrung“ – Recht hat er und hier ist es nicht anders. Das ganze Rezept umfasst etwas mehr als eineinhalb Seiten, aber in einem kleinen Absatz hat es Luciano wie folgt zusammengefasst:

„Es ist eine ungeheure Menge an Artischocken, die man jedes Jahr die Pflicht und das Vergnügen hat zuzubereiten. Die erste Artischocke aus diesem Berg zu putzen und zurechtzustutzen, das ist der Beginn der Arbeit. Die große, harte und kompakte Kugel der Cimarolo-Artischocke verwandelt sich durch Zauber in eine feine kleine weiße Kugel an einem zarten, doch robusten Stiel. Die große Schüssel voll Wasser mit Zitronensaft wird zu einem Gefäß voll seltsamer schwimmender Seerosenknospen, ihrerseits bereit, sich mit Hilfe des kochenden Öls in üppige offene Rosen mit zugleich weichen und knusprigen Blütenblättern zu verwandeln.“ Liebevoller kann man das nicht umschreiben – wie das genau geht, das wird präzise Schritt für Schritt erklärt.

Zum Titel noch: Pomodori sind Tomaten, das wissen Sie, bei den Puntarelle wird’s schon spezieller, denn das sind Zichorienstiele, die vom meisten Grün befreit werden, sich dann – der Länge nach eingeschnitten – in einer Schüssel Wasser zu wirren Locken eindrehen und abgetrocknet den römischsten aller Salate bilden. Dazu kommt eine Salatsauce aus Sardellenfilets und frischem Knoblauch, die zu einer fast cremigen Konsistenz fein gehackt werden, sehr gutes Olivenöl und Zitronensaft. Leicht bitter, leicht salzig, leicht sauer – der perfekte Einstieg in ein anständiges Abendessen.

Hier noch der Link auf die Verlagsseite, wo man das Buch auch bestellen kann – und natürlich in jeder anderen Buchhandlung ihres Vertrauens. Der Preis beträgt 17 Euro. Das Buch eignet sich auch sehr gut als kleines Geschenk…

Luciano Valabrega schreibt übrigens auch kleine Gedichte, für die aber mein Italienisch nicht immer ganz ausreicht, er malt und baut hin und wieder Pfeifen aus Hobbyblöcken. Dabei geht er immer recht skulptural vor – die Funktion ist ihm nicht das Wichtigste. Die für mich schönste Pfeife ist eigentlich gar keine, sie ist eher ein dadaistisch anmutendes Kunstwerk, das die Zeit beim Pfeiferauchen zum Thema hat. Wahrscheinlich würde er einen Kochlöffel ähnlich gestalten…

Luciano Valabrega: Pfeife




Joseph Pla – Die Schmuggler

Josep Pla (1897-1981) zählt heute noch zu den bedeutenden spanisch-katalanischen Schriftstellern, dem eine wesentliche Bedeutung zur Erneuerung der katalanischen Sprache zugeschrieben wird. Die Schmuggler aus dem Jahre 1980, im Original in Katalan geschrieben (Contraband), wurden 2014 in der Salto-Reihe des Wagenbach Verlages veröffentlich. Peter Hemmers Vorstellung von Puntarelle & Pomodori, dem wundervollen Brevier über die römisch-jüdische Küche, ebenfalls erschienen bei Wagenbach / Salto, brachte mir Joseph Plas Schmuggler wieder in Erinnerung. Ergo kann der geneigte Leser durchaus von einem digitalen literarischen Netzwerk sprechen.

Die Schmuggler, also. Drei Männer, 2 Fischer und ein Schriftsteller (der Erzähler selbst), segeln an der Costa Brava entlang, vom spanischen Cadaqués bis zum Cap Leucate, dem eigentlich französischen Teil Kataloniens. Angeblich wollen Sie nur Olivenöl in Frankreich verkaufen, tatsächlich aber schmuggeln sie auf dem Rückweg Fahrradersatzteile nach Spanien. Das ist nun nicht besonders aufregend. Aber sie sind Kinder des Mediterran und nichts ist so bedeutsam für die drei Segler wie kulinarische Themen und deren unmittelbare Verwirklichung.

Küstenlinie an der Costa Brava – zu einer seelenvolleren Zeit


So werden auf dem Weg dorthin sämtliche pittoresken Hafenstädtchen angesteuert und ausgiebig die lokalen kulinarischen Spezialitäten gekostet – als Alibi, wohlgemerkt.

Solange, bis ein veritabler Mistral, der starke, kalte Nordwestwind, die Geruhsamkeit der Reise zu Ende bringt. Ein wunderschöne Erzählung, die den Leser beruhigt, die Sinne aber belebt. Kein aufregender Stoff, viel mehr ein Gleiten durchs Wasser, an der Küstenlinie entlang. Lesestoff, den man nicht verschlingt, sondern langsam in sich hinein saugt.


 

Joseph Pla i Casadevall
Die Schmuggler (Contraband)
EAN (ISBN-13): 9783803113047
ISBN (ISBN-10): 3803113040
Gebundene Ausgabe, 2014, 17,00 €
Herausgeber: Verlag Klaus Wagenbach, Reihe SALTO

Josep Pla, geboren 1897 in Palafrugell und 1981 ebenda gestorben, ist bis heute einer der populärsten katalanischen Schriftsteller – obwohl er sich mit seiner eigenwilligen Prosa literarischen Konventionen stets entzogen hat. Neben dem Grauen Heft, seinem tagebuchartigen Hauptwerk, verfasste er u. a. Reiseberichte, Chroniken und allerlei kulinarische Betrachtungen – speziell übrigens zur Fischküche.




Colin McLaren | Rattus Rex

Sollten Sie- sofern Sie in einer Großstadt leben – der Marotte frönen, ab und zu die Kanalisation – womöglich sogar nächtens – zu durchstreifen, so kann Ihnen bei dieser Angewohnheit Abhilfe geboten werden. Rattus Rex ist das probate Mittel dazu.

Colin McLaren, Schotte, Jahrgang 1940, arbeitete als Archivar an der Royal University of Aberdeen, eine der Voraussetzungen, um einen solchen Roman zu schreiben. Die Protagonisten sind ein junger Künstler und ein weltgewandter Journalist. Die Handlung spielt im frühen 19. Jahrhundert in London, als es dort eine -historisch bekannte – mysteriöse Rattenplage gab.
Die zwei unternehmen hanebüchene und für den gebannten Leser aufregend mundstückgefährdende Ausflüge in die unterirdischen Kanalsysteme der Stadt. Sie stoßen auf Relikte der Gründungszeit Londons. Leider ist das Buch vergriffen, der mittlerweile erreichte Kultstatus hat Fantasiepreise für das moderne Antiquariat geschaffen. Aber wo immer man es findet: kaufen !

 

….eine rätselhafte Riesenratte von der Malabarküste, unerklärliche Explosionen und andere Katastrophen, Schlachten gegen wohlorganisierte Rattenheere und der Kampf gegen politische Intrigen, Bestechungen und Komplotte zeichnen ein äußerst dichtes, historisches, zugleich märchenhaftes Bild der englischen Kapitale zu Beginn der großen industriellen Revolution. Nach „Frankenstein“ und „Dracula“ ein neues, aus dem 20.Jahrhundert stammendes Meisterwerk englischer Gruselliteratur.[Zitat]

Ich empfehle für Leser, die es gewohnt sind, angelsächsiche Literatur im Original zu lesen, unbedingt nach dieser Ausgabe zu suchen. Das erhöht den Genuß, die Dialoge – die auch in der deutschen Ausgabe teilweise im London Slang des 19. Jahrhunderts verfasst und hervorragend übersetzt sind – auf der Zunge zergehen zu lassen.

Spezielles, zeitlich unbegrenztes Angebot

Gegen Sicherheitsleistung (3-4 Pfeifen -nur von Bo Nordh, HN, CMänz oder Frank Axmacher, gerne im Mix) ist es möglich, das Buch für jeweils 8 Tage in besondere Hände zu geben. Bewerbungen erbeten an den Autor des Beitrages, mit Lichtbild, biometrischen Daten und zweifelsfreiem Nachweis der Zugehörigkeit zur Spezies der Läsratterna.

Colin McLaren · Rattus Rex · Hobbit Presse / Klett Cotta · ISBN 3-12-90551-X

 

TIPP

Originalausgabe von 1978
gleicher Titel
Rex Collings Verlag, London




Fruttero & Lucentini: Die Wahrheit über den Fall D.

Charles Dickens hat einen durch sein Ableben unvollendeten Kriminalroman hinterlassen: Das Geheimnis des Edwin Drood. Das schlimmste, was so einem Werk geschehen kann: der Fall ist nicht aufgeklärt, hat keine Lösung! Und das seit 1870. Drei Folgen der spannenden Geschichte waren zu Lebzeiten des Autors erschienen, drei weitere wurden posthum veröffentlicht. Einen Schluß fand man in Dickens`Hinterlassenschaft nicht. Das Buch ist eine bibliophile Köstlichkeit.

Aber der geneigte Leser ist nicht allein gelassen.

Organisiert durch einen japanischen Sponsor versammeln sich zu einem „Internationalen Forum zur Vervollständing unvollendeter Werke in Musik und Literatur“ die führenden Gestalten der Krimininalliteratur in Rom zu einem Kongreß: Sherlock Holmes, Maigret, Hercule Poirot, Philip Marlowe, Pater Brown und andere treffen zusammen, auch wenn sie eigentlich zu oder für ganz unterschiedliche Zeiten erschaffen wurden. Ihr Ziel ist, in Workshops ein logisches Ende des Romans zu erarbeiten, von dem es tatsächlich bereits über 200 Lösungsvorschläge in der realen Literatur gibt. Eine herrliche Fiktion, die nur das italienische Autorenteam zustandebringen kann. Man stelle sich vor: Marlowe steht an der Via Veneto, ruft ein Taxi – um ihn herum der typische römische Autoverkehr – und bietet zwei Detektiven, zu deren Lebzeiten Taxis noch vier Hufe hatten, die Mitfahrt an. Phantastisch!

Beschrieben hat diesen Kongreß-Roman das Erfolgsduo Fruttero & Lucentini in bekannt hervoragender Manier. Eigentlich fehlt zum abrunden des Vergnügens nach der Lesung noch die Hörspielfassung. Die unterkühlte Stimme von Philip Marlowe im Disput mit der gezierten eines Hercule Poirot, dem Sherlock Holmes mit feinstem Oxford English beitritt, während Maigret, die Pfeife aus dem Mund nehmend, hörbar genüßlich einen Calvados zu sich nimmt: mais c`est magnifique, chers amis.

Wir rauchen dazu vorzugsweise eine Kalabash (Brebbia First Selected), befüllt mit Butera Pelican, Drucquer Trafalgar, oder- falls ausnahmsweise beide gerade nicht zur Hand-  ersatzweise den Huber Balkan. Ein Caol Ila rundet die Stimmung ab, aber da ist Dogmatismus fehl am Platze, das Getränk darf diesmal frei gewählt werden.

Fruttero & Lucentini, Charles Dickens
Die Wahrheit über den Fall D.
Piper Verlag München 1991
ISBN 3-492-03454-4

 

 

Charles Dickens · Das Geheimnis des Edwin Drood · Bibliophile Dünndruck Ausgabe/Leder · Winkler Verlag München · Übersetzung von E.Lehmann ISBN-3-538-055300
Dunhill Dress

 

 




Roger Willemsen† – ein Ruf zurück

Brauchen wir gegenwärtige philosophische Betrachtungen und abgeleitete Analysen und Ratschläge? Mehr denn je! Die mentale Katastrophe, die uns Smart-Irgendetwas und Co, die von ihren Adepten völlig falsch bewerteten Steven Jobse, Zuckerbergs und andere Social Media-Vernagelten beschert haben, ist für die nächsten Dekaden wohl nicht mehr revidierbar. Ein Horror, würden diese Bewegungen überhaupt nicht mehr zu korrigieren sein. Für die wenigen klargeistig-Zurückgebliebenen heute schon das Drama des 21. Jahrhunderts. Wer rüttelt an den Köpfen, wer macht sich unbeliebt, wer läßt sich belächeln?

Wenn die Fragen nicht verstanden werden, so gibt es ein probates Mittel, das zu ändern: z.B. die Sendungen des privaten Senders RTL. Die sind -einschliesslich der sogenannten Nachrichten- so hirnlos, so beschämend, so dumm und ausschließlich dem Konsumanreiz für Vollidioten verpflichtet, das sie mir unwirklich erscheinen. So etwas kann es doch nicht geben, dass muß ein schräger, schmerzhafter Traum sein. Weit gefehlt. Das umgibt uns bereits, täglich zunehmend. Immer rasanter. Eine vollständige Fake-Welt.

Nach der Wiederentdeckung des 80-seitigen Romans Die Maschine steht still, der mich im vergangenen Monat so gefesselt hat, schlage ich wieder ein Schmalbändchen auf, diesmal mit nur 60 Seiten: Roger Willemsen „Wer wir waren“. Der Philosoph, Vor- und Nachdenker, der Autor, der Fast-Weise: im vergangenen Jahr so überraschend aus der Welt gegangen.

Sein letztes Projekt hat er unverzüglich eingestellt, als ihm seine verbleibende Verweildauer bewußt wurde. Was für eine aufrichtige, seltsam lebensbejahende Konsequenz im Angesicht des unausweichlichen Endes. Posthum nun erschienen: Wer wir waren. Kein Buch, wie vom Autor geplant, sondern seine letzte, öffentliche Rede im Juli 2015. Denken Sie über den Sinn dieser drei Worte nach und sie können erwarten, was uns Roger Willemsen an Einsichten -und sei es durch Fragestellungen, die den meisten womöglich ohne Sinn sein mögen- zur Erbauung, zum Aufrütteln, vermittelt.

Die Idee ist wunderbar: retrospektive Gedanken über unsere Gegenwart. Was wie ein Paradoxon erscheint, ist Methode.

Nachdem das Thema Gravitationswellen fast schon ein Volksgut für die Anhänger von Viertelwissen geworden ist, können die Willemschen „Aphorismen“ allgemein vielleicht besser verortet werden. Dennoch keine leichten Gedanken.

 

Neu ist eher jener Typus des »Second-Screen-Menschen«, dem der eine Bildschirm nicht mehr reicht, der ohne mehrere Parallelhandlungen die Welt nicht erträgt und im Blend der Informationen, Impulse und bildgeleiteten Affekte sich selbst eine Art behäbiger Mutterkonzern ist, unpraktisch konfiguriert und irgendwie fern und unerreichbar. Wir machten dabei nicht der Gegenwart allein den Prozess, sondern unserer eigenen Anwesenheit. [Zitat aus Roger Willemsen „Wer wir Waren“, Seite 34 ff]

Der Band ist vielleicht nicht so geeignet, in einem gelesen zu werden. Das Vergnügen stellt sich beim wiederholten Lesen ein. Dann aber nachhaltig.

Roger Willemsen
Wer wir waren
Zukunftsrede

Verlag S.Fischer
ISBN: 978-3-10-397285-6




Horst Wolfram Geißler – der vergessene Schöngeist

Moderne Zeiten wie die heutigen haben keinen Platz mehr für Autoren wie Horst Wolfram Geißler (1893-1983), den wunderbaren, feingeistigen Erzähler. Wenn überhaupt, so ist die Hauptfigur seines wohl erfolgreichsten Romans „Der liebe Augustin“ (1921), zwischenzeitlich ein Millionenseller, das Wenige, das von ihm bekannt geblieben ist, wenn überhaupt. Dabei umfasst sein Œuvre über 40 Romane und zahlreiche Erzählungen.

Geboren 1893 in  Dresden, siedelte er bereits 1912 nach München über, promovierte dort zum Dr. phil. Seine geisteswissenschaftlichen Studien bilden denn auch das Fundament aller Erzählungen und anderer Arbeiten. In vielen wird die Antike bemüht, das Biedermeier, Barock und Rokoko,  wird auf Geschichte reflektiert, immer eingebunden in wundervolle, manchmal auch wundersame Erzählstränge. Nie wirkt es aufgesetzt, sondern stets als wichtiger Teil der Handlung. Das viele Personen, Begebenheiten und Umgebungen heute einfach „lieblich“ erscheinen, wo sich doch Millionen an den grellbunten, klinisch reinen Bildern der grauenhaften Pilcheraden ergötzen, macht für mich genau den Reiz aus. Und Action und Gewalt fehlt völlig.

Bemerkenswert ist auch sein 1966 in Prosa übertragenes Nibelungenlied, das mir in einer schönen Ausgabe mit Signatur und Abbildungen von Ernst Barlach vorliegt.

Ein Schwarzes und ein Weißes / Über die Erde hin ( 1968, 1971)

Zuhörer finden, Gleichgesinnte, trotz aller charakterlichen Unterschiede in tiefer Freundschaft verbunden, eine entschleunigte Zeitschiene, dazu grandiose Landschaftsbeschreibungen aus dem Alpenraum, das hat mich schon in den 1970er Jahren für die zweibändige Geschichte einer außergewöhnlichen Männerfreundschaft begeistert. Zumal ich genau dort, wie sich die Protagonisten treffen, wo und wie sie Umgang pflegen, wohnhaft bin: München, das Fünfseenland, Südtirol und Italien. Das Weltbild, die Gesellschaft und Kultur der späten Nachkriegszeit bilden den Rahmen, die Freiheit des Einzelnen in einer gerade restaurierten deutschen Befindlichkeit ist deutlich spürbar als etwas neues, aufregendes … und doch auch wieder einengendes Motiv. Die Geschichte (n) an sich sind banal und doch  deshalb so angenehm leicht. Man möchte dabei sein, wenn die abendlichen Erzählstunden bei Wein und Tabak den Blick über die Bozener und Meraner Bergwelt schweifen lassen, wenn manchmal Melancholie Platz greift, der Tod sein Recht fordert – und dennoch kein Fortgang aufgehalten werden kann.

Der Münchner Architekt und Werbegraphiker Ludwig Milner erbaut sich auf einem unerwartet geerbten  Grundstück oberhalb von Bozen und Meran ein kleines Landhaus, prosaisch „Schloß Munkelstein“ genannt. Hoch über der uralten Kulturlandschaft des Etschtales gelegen. Ein verwunschener Ort, der für Ungebetene unerreichbar ist, seinen eigentlichen Wert erst durch die Freundschaft mit seinen sehr unterschiedlichen Lebensfreunden , dem Hotelier Dr. Falk und dem Geologen Julius Windbaum, erhält. Dort also sitzen die drei zusammen, erzählen sich Geschichten, deren Gestalten plötzlich lebendig werden und in das Geschehen eingreifen. Das Weibliche wird hinreichend bemüht und so greifen, Nornen gleich, diverse Damen in die Handlungen ein. Immer so, dass sie zwar den Fortgang, manche Umtriebe erst anstoßen, dann aber wieder für eine gewisse Zeit das Feld räumen. Scheinbar Zufälliges fügt sich am Ende in einen Zusammenhang, den keiner der Beteiligten – auch wir Leser nicht – am Anfang ahnen können.

So existiert die Schöne Helena, sagenhafte Frauengestalt von makelloser Schönheit in der Welt der alten Griechen, wirklich: als Traumfrau, als Hauch, mit einem Schimmer von Vollkommenheit – über die Erde hin. Die schöne Helena bleibt eine Zeitlang an der Seite Milners, doch bald entschwindet sie ihm wieder, um noch einmal seinen Weg zu kreuzen, allerdings auf recht tragische Weise.

Der Schauplatz ist weit abgesteckt, reicht von Griechenland bis zum Atlantik, von Rom nach Berlin, von Paris nach München, von Herrensitzen in der Lombardei bis zur Loire. Obwohl die Handlung ganz gegenwartsnah ist, führen verschlungene Fäden in ferne Vergangenheiten, andere aber auch in jene Anderwelt hinter den Dingen, die so wirklich ist wie König Laurins Reich hinter der strahlenden Bergwelt der Dolomiten.

Wie immer bei Horst Wolfram Geißler spielt hier die Landschaft in vielerlei Gestalt mit. Vielleicht das Schönste aber – und deshalb wird man die beiden Romane mehrmels lesen müssen und können – bilden die mit leichter Hand hineingerankten Andeutungen und Nachdenklichkeiten, die immer wieder ganz unerwartet aus den Fugen der Romanhandlung blühen und für den Autor kennteichnend sind, so der Klappentext der Ehrenwirth-Ausgabe weiter.

Preziosen wie diese zwei Romane sind selbstverständlich längst aus dem Buchhandel verschwunden, aber bei Amazon und anderen Portalen gebraucht für geringen Kaufpreis erhältlich. Allerdings macht es viel mehr Spaß, in Antiquariaten nach schönen, gebundenen Exemplaren zu suchen. Schließlich wird man sie eh mehrfach lesen ……..

Geißler – Romane, die ich ebenfalls nicht missen möchte:

Der Puppenspieler (1929) – ein Muß für Freunde des barocken Salzburg

Alles kommt zu seiner Zeit (1955) – das Fünfseenland als herrliche Kulisse

Das Lächeln des Leonardo (1960)


Will Fox Kriminalreihe

In einer langen Nacht (1954)

Lady Margrets Haus – (1959)

Wo schläft Kleopatra (1965)

 

 

 

 

 

 

Und das historische Hörspiel – SRF 1945:

Der Liebe Augustin Teil 1 v 5

Der Liebe Augustin Teil 2 v 5

Der Liebe Augustin Teil 3 v 5

Der Liebe Augustin Teil 4 v 6

Der Liebe Augustin Teil 5 v 5




Xu Hai: AN IVARSSON PRODUCT. Three Generations of Ivarsson

„AN IVARSSON PRODUCT“ angeordnet im Kreis – so lapidar liest sich einer der wertvollsten Stempel der modernen Pfeifengeschichte. Er ist die Signatur von drei Generationen von Pfeifenmachern, von denen zwei Pfeifengeschichte geschrieben haben und die dritte gerade dabei ist, es ebenfalls zu tun: Sixten Ivarsson als einer der Gründerväter der modernen, individuellen Designerpfeife, stilbildend wie kein anderer Pfeifenmacher, An Ivarsson Product Schubersein Sohn Lars Ivarsson, ausgebildet vom Vater, der aber stilistisch bald eigene, nicht minder prägende Wege einschlug und die handwerkliche Perfektion einer Pfeife auf ein unglaubliches Niveau hievte, wie es nur von sehr wenigen erreicht wurde bzw. wird, und schließlich Nanna Ivarsson, die Enkelin von Sixten und Tochter von Lars, die – was Wunder bei zwei solchen Lehrern – sich seit einigen Jahren erst stilistisch im Fahrwasser des Vaters, inzwischen mehr und mehr eigenständig, auf den Weg in den exklusiven Parnass des Pfeifenbaus gemacht hat und inzwischen dort auch einen festen Platz einnimmt.

img_0384Diesen drei Generationen von Ivarssons hat nun der chinesische Pfeifensammler Xu Hai ein Buch gewidmet, ein Buch, das sei vorweg gesagt, das der herausragenden Qualität seines Sujets hinsichtlich gestalterischem Aufwand und photographischer Qualität in Nichts nachsteht und in würdigster Form uns den einzigartigen Kosmos Ivarssons’scher Pfeifen nahe bringt. Dieses Buch sucht in der Welt der Pfeifenbücher seines Gleichen – ich würde soweit gehen zu sagen, dass es über Pfeifen nie ein eindrucksvolleres Buch gegeben hat als dieses, das folgerichtig den Titel „AN IVARSSON PRODUCT. Three Generations of Ivarsson“ trägt. Würde man nun sagen, dass dieses Buch „opulent“ ist, dann wird man ihm nicht gerecht, denn es sind die schiere gestalterische Perfektion, seine wundervolle Typographie, die herausragende Materialqualität und der Aufwand bis in kleinste Details, die einen solch atemberaubenden Eindruck hinterlassen: ein herausragendes Buch über herausragende Pfeifenmacher und ihre herausragenden Pfeifen!

An Ivarsson Product„AN IVARSSON PRODUCT. Three Generations of Ivarsson“ ist im September 2015 im chinesischen Verlag Clapnet (ISBN 978-7-5190-0085-1) erschienen, das Format ist 28,4cm x 28,4cm, es umfasst 268 Seiten, kartoniert gebunden im Schuber. Also ein veritabler Kunstband! Das Buch ist zum Preis von 145.00 US-Dollars plus Verandkosten bei Smokingpipes erhältlich. Ich möchte es jedem Interessenten ans Herz legen – das Buch ist zwar nicht billig, aber der Preis ist nicht hoch sondern vollkommen gerechtfertigt: das Buch ist ein mehr als adäquater Gegenwert!

Nun aber zum Inhalt: Der gliedert sich in 42 Seiten Text, der immer von mehr oder weniger kleinen Photographien illustriert wird, und in einen unglaublichen Bildteil von mehr als 200 Seiten Pfeifenfotos, die einen einzigartigen Überblick über das Schaffen der Ivarssons vermitteln. Überhaupt sind es die Bilder, die dieses Buch zu einem „Muss“ für Pfeifenenthusiasten machen, seien es die hervorragenden Pfeifenfotos wie auch die zahlreichen dokumentarischen Fotos, von denen viele aus den Fotoalben der Familie Ivarsson stammen dürften. Sie illustrieren mustergültig Herstellungs- und Entwicklungsprozesse nicht nur der Ivarsson-Pfeifen sondern auch mancher Stanwell-Modelle, für deren Design Sixten verantwortlich war. Skizzen und Reinzeichnungen mit präzisen Maßangaben etwa oder Kartonmasken zum Aufzeichnen der Reinform und der Konstruktionspunkte auf die Kanteln. Dokumentierter „Workflow“ eben, wie man ihn sonst nur bei Besuchen in einer Pfeifenmacherwerkstatt zu sehen bekommt. Dazu gesellen sich Privatfotos, alte wie aktuelle, die der Publikation über den Charakter des opulenten Sachbuchs hinaus etwas Persönliches wie Familiäres verleihen. Und zwar gerade so wohl dosiert, dass es nicht „geschwätzig“ wird.

An Ivarsson Product

Nach einer vierseitigen Einleitung von Xu Hai, die nur in Chinesisch vorliegt, folgen ein Text des amerikanischen Pfeifensammlers Rick Newcombe und ein Text des Pfeifenhändlers F. Sykes Wilford, die beide zweisprachig, also chinesisch und englisch, enthalten sind. Dazu kommen noch zwei Interviews, eines mit Lars Ivarsson, das andere mit Nanna Ivarsson, allerdings beide leider nur in Chinesisch. Man hätte sich hier vielleicht gewünscht, den kompletten Textteil zweisprachig zu haben. Gerade die Interviews, die ja vermutlich eh auf englisch geführt wurden?! An Ivarsson ProductDer Text von Rick Newcombe ist sehr biografisch und darüber hinaus allzu allgemein gehalten. Wenn man davon ausgeht, dass  jemand, der bereit ist, für so ein Buch eine stattliche Summe Geld auszugeben, im Wesentlichen vorher bereits weiss, wer die Ivarssons sind, der wird diesem Text kaum substantiell Neues abgewinnen können und die Verortungsversuche Ivarssons’scher Einzigartigkeit zwischen Stradivari, Leonardo Da Vinci und Steve Jobbs wirken letztlich doch ein bisschen seltsam. Ganz anders dagegen der Text von F. Sykes Wilford, der zwar auch biografisch beginnt, was zu kleinen Redundanzen führt, aber im Gegensatz zu Newcombes Text schnell die Pfeifen der Ivarssons, deren Herstellung und deren Stil zum Mittelpunkt macht. Er charakterisiert dabei treffend, ordnet ein, es wird klar, dass sich Pfeifenbauen nicht in einem abgeschotteten Raum bewegt sondern Einflüssen unterliegt, gerade auch die, die an die nächste Generation Ivarsson oder auch an andere Pfeifenmacher weitergegeben wurden. Ein schöner und lesenswerter Beitrag!An Ivarsson Product

Auf den Textteil folgt der Bildteil, der dreigeteilt ist und mit den Pfeifen von Sixten Ivarsson beginnt, dann kommen die Pfeifen von Lars und er endet mit Nanna Ivarssons Pfeifen. Die Anordnung ist jeweils streng chronologisch, einen schnellen Überblick verschaffen die Detailfotos der Stempel der jeweiligen Pfeife am äußeren oberen Rand, die sich wie ein Register blättern lassen. Die Pfeifen selbst sind unterschiedlich gewichtet: da sind Pfeifen, deren zahlreiche Abbildungen bei komplizierteren Shapes über eine Doppelseite gehen, sie wurden in verschiedensten Perspektiven und Blickrichtungen dokumentiert, was das Buch auch gerade für Designfreaks und Pfeifenbauer so einzigartig macht, denn noch nie hatte man eine Publikation über Pfeifen mit einem derart hohen Dokumentationswert in Händen. Andere Pfeifen sind „nur“ auf einer Buchseite abgebildet, meist in den entscheidenden vier Ansichten. Mehr kann man sich von einem solchen Bildteil nicht wünschen! Auf diese Art wird das Buch neben den sehr alten Katalogen aus England und nicht ganz so alten aus Dänemark ganz sicherlich zu einer weiteren „Bibel“ für Pfeifenbauer und Sammler gleichermaßen!

An Ivarsson ProductAn Ivarsson ProductAn Ivarsson ProductUm bei so viel Enthusiasmus, den das Buch gerechterweise entfacht, doch auch ein bisschen Kritik zu üben: Es steckt in diesem Buch unglaublich viel Leidenschaft, sehr viel hochprofessionelle Arbeit und letztlich auch sehr sehr viel Geld. Das Resultat ist mehr als gelungen und ich freue mich jedes Mal, wenn ich das Buch aufschlage,Sixten Ivarsson Tomatoes aber dennoch finde ich, dass man eine vermutlich einmalige Chance vorbeiziehen hat lassen: Man hätte bei Sixten, dessen Oeuvre ja im Gegensatz zu den beiden anderen Ivarssons abgeschlossen ist, mit nicht sehr viel mehr Aufwand eine „echte“, überblickende Werkmonografie schaffen können. Es gibt einfach ein paar wenige Shapes, die nur in einem angedeuteten Exemplar vertreten sind, wie etwa das „Rhythmische-Tomatoes-Shape“ (hier vor allem die obere der drei abgebildeten Pfeifen) oder ganz fehlen. Das heisst nicht, dass man jede Pfeife in die Auswahl hätte aufnehmen müssen, aber bei ein paar ganz wenigen Shapes wäre der Gewinn für einen kompletten Überblick über das Werk doch enorm gewesen… Das „schmerzt“ aber auch nur deshalb, weil es so wenig ist, was nicht enthalten ist und es auf der anderen Seite ein paar Shapes gibt, die in mehreren, aber sehr sehr ähnlichen Varianten abgebildet sind. Man muss aber auch klar sagen, dass, gemessen an der Leistung, dieses Buch überhaupt erst zu machen und an dem Eindruck, den dieses wundervolle Buch vermittelt, solche Kritik eher wie Erbsenzählerei wirkt! Ich kann das Buch nur empfehlen und jedem Interessierten nahe legen, es zu erwerben – ein schöneres Pfeifenbuch gibt es nicht! Zumindest habe ich noch nie etwas nur annähernd Vergleichbares über Pfeifen gesehen.

P.S.: Die Qualität der Fotos im Buch ist absolut und unzweifelhaft brilliant! Alles, was einen anderen Eindruck vermittelt, ist meinen armseligen Fotos vom Buch geschuldet!




E.M. Forster | Die Maschine steht still

Ich gehe davon aus, dass sich Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716), Erfinder des dualen Zahlensystems und später -nämlich 1962 –  Gründer des Leibniz-Rechenzentrums der Bayerischen Akademie der Wissenschaften  und Edward Morgan Forster (1879-1970) begegnet sind, vielleicht war auch Jules Verne (1828-1905) zugegen. Gemeinsam haben sie die Technik ersonnen und die Bewegung ins Leben gerufen, die wir unbeleckten Jetzigen als WorldWideWeb kennen. Glaubend, das die Un-Social Media Nerds die Taktschläger unserer Zeit sind. Diese armen Getriebenen, die nur noch höchstober-oberflächliche Kenntnisse und fast gar kein Wissen mehr besitzen. Na ja, dauert vielleicht noch ein kurzes Jahrhundert, bis sich das wieder eingerenkt hat und die Twitter-Adepten und Facebook-Lemminge  zu Exoten mutiert sind, die nicht einmal Lacher zutage fördern.

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Leibniz, Verne und Forster – ein unschlagbares Trio

Der allerletzte Universalgelehrte vor Harald Lesch, ein juristisch graduierter, fortschritts-gläubiger Schriftsteller und ein großer Gesell-schaftsautor des 20. Jahrhunderts, da kommt schon einiges an „Brainpower“ zusammen.

Forster schafft es, 1909 in seinem knapp 80-seitigen Essay  Die Maschine steht still  ein aktuelles Abbild vor-zuzeichnen, gut 100 Jahre bevor wir es heute als allbestimmend und unvermeidbar hinnehmen. Und nun wissen wir, wer Orwell zu seinem 1984 inspiriert hat.

 

In dieser Dystopie leben die Menschen in einer unterirdischen, abgekapselten Welt mit allem Komfort. Das ganze Leben ist durch die Maschine perfekt geregelt. Die Menschen haben kein Bedürfnis mehr nach persönlichen Begegnungen – bis auf einige wenige Pfeifen- und Zigarrenclubs. Die Maschine gibt das Denken vor – und ausschließlich über sie wird kommuniziert. Das Handbuch der Maschine ist zu einer Art Bibel geworden, die ein jeder anbetet wie einen Gott. Doch die Menschen sind gefangen in ihrer vollkommenen Abhängigkeit von der Technik, die sie schon bald nicht mehr kontrollieren können …“

Kommt Ihnen bekannt vor? Dann lesen Sie zur Bestätigung dieses Büchlein:

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Tip: Was nach dem Stillstand der Maschine geschieht, beschreibt Alexander Broy hier anschaulich im Härte 10 Roman „Die Urlauber“. Ebenfalls empfohlen: Roger Willemsen.

 

 

  • E.M. Forster
  • Die Maschine steht still
  • Gebundene Ausgabe: 80 Seiten
  • Verlag: HOFFMANN UND CAMPE GmbH (14. Oktober 2016)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3455405711
  • ISBN-13: 978-3455405712