Rock`n Roll † – Chuck Berry (90) hat sich auf den Weg gemacht

Ein paar Jahre, bevor mich so um 1963 das Beatfieber packte, hörte ich bereits Chuck Berry. Er war zwar nicht der Erfinder des Rock`n Roll, aber bis in die heutige Zeit einer seiner wichtigsten Entrepreneurs. Ganz sicher war er es, der die Gitarre erstmals an die prominente Position in der populären Musik stellte und aus dem Schattendasein als reines Rhythmusinstrument herausführte. Die Gibson Modelle E 335 /E 355  und E345 (Stereo) blieben zeitlebens seine Werkzeuge. Die großvolumigen Körper passten denn auch perfekt zu dem von ihm ersonnenen „Duck Walk“, seinem Markenzeichen auf der Bühne.

Gibson ES-355 Bigsby 60s

Beatles und Rolling Stones, ja auch die Beach Boys hatten enormen Erfolg mit Berry Kompositionen wie Maybellene, Roll over Beethoven, You never can tell, Sweet little Sixteen, Memphis Tennessee, und natürlich Johnny Be Good. Obwohl Johnny ein begnadeter Gitarrist ist (who never ever learned to read or write so well..but he could play a guitar just like a ringing a bell) , hat Chuck Berry den Song eigentlich dem Pianisten Johnnie Johnson gewidmet, in dessen Band er ab den 1960ern fast 20 Jahre gespielt hat. Die Yardbirds mit dem gerade zum Überflieger propagierten Eric Clapton spielten 1964 Berrys „Too Much Monkey Business“ mit zwei überragenden Gitarrensoli (5 live Yardbirds) und die Rolling Stones verwendeten auf ihren ersten Alben die Lieder Around and Around, Carol, Little Queenie, Come on und Bobby Troups 1946er Komposition Route 66 in der Version von Chuck Berry. Auch Santana borgte sich 1983 Havanna Moon aus. Von den Beatles Interpretationen von Rock`n Roll Music und Roll over Beethoven wissen heutige Jugendliche kaum mehr, daß es Kompositionen und zuvor bereits Hits von Chuck Berry waren.

Der berühmte „Duck Walk“, hier mit einer Gibson ES 345 (Stereo)

Chuck Berrys Rock`n Roll brachte erstmals weiße Jugendliche in die Clubs und Bars, in seine Zuhörerschaft und machte diese Musik ab den ausgehenden 1950ern zu ihrer treibenden Popkultur, abseits vom rein schwarzen Jazz und Blues. Es war tanzfordernde Musik, die „ins Blut ging“. Die Texte haben es in sich und sind nur vordergründig banal. Sie sprachen das Lebensgefühl der Teens and Twens an, befassten sich mit deren Problemen, verpackten den Alltag in eingängige Melodien und Rhythmen.

Chuck Berry hat alle Stilrichtungen der populären Musik beeinflußt und so wird es  auch weiterhin sein.



Just let me hear some of that rock and roll music
Any old way you choose it
It’s got a backbeat, you can’t lose it
Any old time you use it
It’s gotta be rock roll music
If you wanna dance with me
I’ve got no kick against modern jazz
Unless they try to play it too darn fast
And lose the beauty of the melody
Until they sound just like a symphony
That’s why I go for that that rock and roll music
Any old way you choose it
It’s got a backbeat, you can’t lose it
I took my loved one over ‚cross the tracks
So she can hear my man awail a sax
I must admit they have a rockin‘ band
Man, they were blowin‘ like a hurrican‘


Chuck Berry Contributors




Italien verloren?

Nicht genug, daß gebildete Europäer täglich einem unsäglichen Mediengewitter durch und über den transatlantischen infantilen Irren behelligt werden, nun auch noch das: Trump-Unterstützer Howard Schultz, noch-CEO von Starbucks Corporation, hatte es bereits vor einiger Zeit angekündigt und jetzt ist es real fact: Italien bekommt in Mailand die erste Starbucks Filiale, der  dann stiefelweit ca. 300 weitere folgen sollen. Ein Aufschrei geht durch die – auch deutsche – Presse: „das Ende der Espressokultur“ wird skandiert, namhafte Intellektuelle sprechen von einer „Demütigung Italiens, „es drohe der Untergang des gesamten italienischen Staates“ und so fort. Als ob der nicht ohnehin täglich stattfindet, immerhin seit 480 p.Chr. Den Starbuck-Bang gibt es dann ab Herbst 2018. Ein neues Risorgimento, diesmal als annientamento?

Tatsache ist, daß ein amerikanisches Unternehmen außerstande ist, die Kultur des schnellen, kleinen Schwarzen zu begreifen, die bedeutsam hinter diesem steht und für unsere italienischen Nachbarn und Freunde zu einem individuellen und für den im idealen Fall ungeregelten Tagesablauf elementar ist. Der schnelle Halt, der abrupte Schwenk in die ordinäre Bar, das unprätentiose Bestellen (un caffè… per favore!), die kurze, stehend-körperliche Gemeinsamkeit mit ebensolchen Pausierenden, mit Dottore und Professore, mit Vice Questore oder der geachteten Signora. Ansatzlose Diskussion, Konversation, Austausch von Ansichten, Einschätzungen – alles beschränkt auf die Zeitspanne zwischen zwei, drei Schlucken. Mehr gibt die kleine Tasse nicht her. Bis zum Mittag, zum Nachmittag, wenn die rituelle Wiederholung ansteht. Hinter allem der Dirigent, der diese Szenerie beherrscht: ein Berserker, ein feiner Eleganter, ein Arroganter oder Liebenswürdiger, ein Diener oder Herr: der Barrista. Ohne allseits bedrucktem Company Outfit, ohne Käppi und Polohemd, ohne Namensschild. Ihn braucht man nicht nach dem Wlan zu fragen, dazu hat hier niemand Zeit, niemand hockt mit geöffneter Laptopklappe bräsig und schweigsam vor seinem undelikat riesigen Pappeimer mit Milchplörre und irgend etwas Geschmackslieferndem, von dem ich gar nichts wissen will. Es reicht wenn ich weiß, daß es das gibt. Schlimmer noch, es gibt Mitmenschen, die das trinken. Freiwillig. Womöglich unwissend.

Ludwig Passini: Künstler im Cafe Greco in Rom, 1856

Starbucks wird Italien überrollen, da nützen alle heutigen wortreichen Drohgebärden nicht. So ist es in Deutschland passiert. Wenn auch kulturell anders ausgelegt, waren wir Deutschen mal ein „Kaffeeland“, alles vorbei. Starbucks, Coffee Fellows, Nespresso Cafès domierenden unsere weitgehend uniformen Innenstädte. München als nördlichste Stadt Italiens kommt mit zahlreichen Bars noch ganz gut weg, wenn auch die angeeignete Espressokultur meist präpotent als „aber Hallo, Italia, des san scho mir“ zur Schau gestellt wird.

Mit dem Starbucks zieht die Ort- und Zeitlosigkeit in einen historischen Ort ein… [und, für die Espressobar] …Eine solche Intimität kann nur im öffentlichen Raum entstehen, unter stabilen Bedingungen

schreibt Thomas Steinfeld in der Süddeutschen Zeitung vom 06. März. Treffender und tiefschürfender kann eine Zusammenfassung nicht sein.



Italiener wissen, dass sie den besten Kaffee in der Bar auf dem Weg oder um die Ecke bekommen. Die typische deutsche Spinnerei (von der ich nicht befreit bin), das im Jahresrhythmus das nächsthöhere Modell der besten aller besten Espressomaschinen angeschafft wird, erscheint meinen italienischen Freunden nicht nur als Witz, sondern krankhaft und nicht besonders klug. Es reicht daheim die Bialetti, denn die Beste gibt es in der Bar: alle Modelle, alle Altersklassen. Supermodern oder mit Patina.

Es scheint mir auch wichtiger, statt der amerikanischen Brühe oder dem italienischen delikaten Schwarzen das System Starbucks zu betrachten, das für mich einen kulturellen (und natürlich gustatorischen) Niedergang darstellt. Leider haben wir uns schon so an die Starbucks-Unsäglichkeit gewöhnt, daß sie in der Uniformität fast aller modernen Städte kaum noch auffällt. Welcher Schaden aber durch solche „Versammlungstätten“ angerichtet wird, läßt sich durch die zunehmende Sprachlosigkeit und den damit verbundenen Verlust von  humanoider Kommunikationfähigkeit feststellen. Für den zuvor beschriebenen Kurzaufenthalt in einer italienischen Espressobar bedient sich der Gast wortreich seiner Sprache. Die befähigt, treffend und verständlich ein Thema auf den Punkt zu bringen, eine sofortige Entgegnung zu erhalten und sich dann-freundlich verabschiedet- dem individuellen Alltagsgeschehen zu zuwenden. In den aldiesken Starbucks redet kaum einer, es sei denn mit seinem SmartIrgendEtwas oder dem Laptop. Zu beobachten ist auch, daß sich zwei gegenübersitzende Menschen mittels Smartxxxx unterhalten, wobei oftmals der Papp-Eimer mit Brühe vergessen wird. Anschauen muß man sich ebenfalls nicht mehr.


Die Italiener werden sich also auf den Weg machen. Garibaldi, Verdi, Adriano, Gina, Sophia, Claudia und Marcello, Ippolito Nievo vergessen und damit bald auch Passalacqua, Illy, Vergnano, Kimbo und Hausbrandt. Zahlen dann bereitwillig statt 1€ für einen Göttertrank gut und gerne 6€uro für ein undefinierbares Geschlürf und beginnen, sich in der Öffentlichkeit anzuschweigen.



Dabei wäre eine Abwehr des Unvorstellbaren
so einfach: nicht hingehen. Meiden!

Zeigen, das „un Caffè“ mehr ist als Pappe und trübe Brühe. Statt Abzocke schlichte Lebensart, für die eine ganze Nation steht, auch in der Betrachtung durch die Nachbarn. Italia – laß uns nicht im Stich und erhalte unsere lateinische Weltsicht, so unrealistisch, so rückwärtsgewandt und romantisch verbrämt sie auch sein mag!




Kater Mikesch – wider die Dummheit in der Welt

Die Welt dreht am Rad. Nicht erst, seit es einen 45. Präsidenten in den USA gibt, „dessen Name nicht genannt werden darf“. Eine Floskel, die ich gerne von meinem Freund Harry übenommen habe.  Es ist wichtig, jetzt weiterhin klarsichtig zu bleiben, nicht jedem Tölpel und Rabauken zuzuhören und sich wieder den wirklich wichtigen Themen zu widmen. Eines davon wurde in Deutschland im Dezember 1964 in die Welt gesetzt und zwar von einem der bedeutendsten und einflußreichsten Think Tanks der modernen Welt überhaupt: der Augsburger Puppenkiste.

Vielleicht geht es Ihnen so wie mir: ein Leben lang habe ich die wunderbaren und wundersamen Marionettentheaterstücke in mir aufbewahrt. Diese herrlichen Inszenierungen, die  das heutige perfekte, überrealistische Plastik-Kino mit seinen überdrehten Geschichten von Sternenkriegen, Martial Arts Kämpfen und Aliens, über Idioten-Horror und peinliche Kokowähs so etwas von alt aussehen lassen. Und das südmährische Dörfchen Holleschitz, oder richtiger Holešice, in den Mittelpunkt des Weltgeschehens rückt. Denn hier lebt der Kater Mikesch mit seinen Freunden und Nachbarn Pepik und seiner Großmutter, Bobesch und Paschek. Erstmals ins Leben gebracht wurde der Mikesch schon 1930 vom tschechischen Illustrator und Autor Josef Lada (1887-1957), selbst in Holešice geboren und deshalb mit den speziellen Verhältnissen vertraut, mit denen der Mikesch befasst ist. Der deutsche Kinderbuchautor Otfried Preußler (1923-2013), selbst Böhme, hat später die Geschichten um den sprechenden Kater übersetzt und nacherzählt. Da wurden sie auch bei uns bekannt. Die Augsburger Puppenkiste brachte eine erste Schwarzweißfassung 1964 ins Fernsehen, so lernte ich den Mikesch kennen und wurde ihn nicht mehr los. 1985 erlebte der farbige Mikesch seinen Durchbruch. Später dann waren die vier Folgen auf DVD erhältlich und jetzt endlich auch im Streaming Angebot von Amazon Prime Video, kostenlos anzusehen oder als Kaufvideo.

Schusters in Holleschitz haben einen Kater, der heißt Mikesch. Er ist ein ganz besonderer Kater. Er kann sprechen! Und das hat ihm der Pepik beigebracht. Mikesch liebt die Geschichten, die Pepik ihm vor dem Einschlafen erzählt. Besonders zufrieden schnurrt der Kater, wenn Pepik ihm Märchen erzählt. Die Geschichte vom gestiefelten Kater hat es auch Pepik angetan. Und eines schönen Tages überrascht er Mikesch mit einem wundervollen Paar Stiefel. Diese trägt er stolz und ist für alle im Dorf immer wieder eine Attraktion. Zusammen mit seinen Freunden, dem Schwein Paschik und dem Ziegenbock Bobesch, heckt er allerhand Blödsinn aus. Sie halten nicht nur den bösen Tonda zum Narren, sondern haben Spaß an vielerlei Streichen an den Dorfbewohnern. Doch als dem Kater Mikesch der große Rahmtopf zerbricht, hat er der Großmutter gegenüber ein so schlechtes Gewissen, dass er beschließt, in die weite Welt zu wandern. Ein Klassiker, der schon Generationen begeistert hat und von seinem liebevollen Charme bis heute nichts verloren hat. Auf unvergleichliche Art nacherzählt von Otfried Preußler. [Zitat: Fischer Verlag]

Kater Mikesch tanzt auf alle Medien – die Ausnahme bleibt Twitter



Zeitlos aus dem Fischer Verlag

Kater Mikesch · Josef Lada und Otfried Preußler · illustriert von Josef Lada · Geschichten vom Kater, der spechen konnte · Hardcover · ISBN: 978-3-7373-6277-1




Leonard Cohen – die Melancholie ist gegangen

Vielleicht hat er keine wirkliche Beachtung mehr unter den heutigen jugendlichen Musikhörern gefunden. Die den gestern im Alter von 82 Jahren in Los Angeles verstorbenen kanadischen Künstler, eher Dichter als Sänger, bestenfalls in den über 2000 Coverversionen anderer Künstler erinnern werden, wenn überhaupt. Für uns aber, die den Siegeszug der modernen populären Musik und des revolutionierenden Live Styles ab den 1960ern erleben konnten, war er ein Superstar. Unvergesslich seine all-time Hits Suzanne, Bird on the wire, Halleluja, First we take Manhattan und gefühlte 1000 andere Hits mehr.

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Der zeitlebens depressive Cohen verfügte dennoch über einen überraschenden Humor, der bei den Titelansagen auf seinen Live-Alben immer wieder durchblitzt. Da jetzt in allen Medien über den vor langen Jahren zum buddhistischen Glauben Konvertierten in epischer Breite zu lesen sein wird, beschränke mich darauf, eine kleine Auswahl seiner bekanntesten Lieder, einige herausragende Interpretationen anderer Künstler und das am 21.10.2016 erschienene, letzte Album You want it darker (CD der Woche) hörbar zu machen.

 

Leonard Cohen – 10 Greats

Leonard Cohen – 20 Interpretationen

Ein besonderes Schmankerl ist das 2014 veröffentlichte Album „Live in London“, das für mich gleichsam herausragend ist wie die Van Morrison`s im Jahre 2009 ebenfalls live eingespielte Version von Astral Weeks.

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Leonard Cohen wird seiner großen Fangemeinde nicht fehlen, denn sein dichterisches und kompositorisches Erbe ist allzeit gegenwärtig, ein ewiges „Bird on the wire“.

 

Nachruf Spiegel




Lesch – Vossenkuhl | Große Denker……..

Wer die Vergangenheit nicht kennt, weiß nicht, wohin er geht. Diese Maxime der Renaissance ging bereits im Mittelalter einher mit der Ausrichtung der europäischen Kultur an der Antike, griechische und römische. Aber nicht nur die Kultur, sondern auch antike Staatswesen und Politik wurden gelehrt und als Vorbilder herangezogen.

Wissen über die Antike ist unverändert Voraussetzung für ein humanistisch geprägtes, verstandenes Weltbild und auch in der heutigen Internetkultur mit ihrem täglich geflashten Mediawissen für den Bildung Liebenden unverzichtbar. Und, obwohl zwischen Gestern und Heute swingende Pfeifenraucher wie ich, lernfähig sind und sich durchaus im Hyperraum aalglat und smart kommunikativ bewegen können, wird so manche Ergänzung für den gepflegten humanistischen Dialog gesucht. Oder einfach nur intelligente, ansprechende Unterhaltung. Wink

Harald Lesch & Wilhelm Vossenkuhl

Eine ganz angenehme und ausfüllende bietet seit Jahren der Astrophysiker Harald Lesch. Der Hochschullehrer des Jahres 2011 lehrt an der Ludwig Maximilians Universität in München Theoretische Physik und Naturphilosophie an der Hochschule für Philosophie, ebenfalls München. Bekanntgeworden über bayerische Grenzen hinaus ist er durch zahlreiche Wissenschaftsendungen im deutschen Fernsehen (@-centauri, Lesch`s Kosmos, Lesch & Co., Alpha bis Omega). Kaum ein anderer ernstzunehmender Wissenschaftler ist in der Lage, komplizierte mathematische, physikalische oder philosophische Verhältnisse einem nicht wissenschaftlich, akademischen Publikum so klar, verständlich und interessant zu erläutern, wie Prof. Dr. Harald Lesch. Der Pfeifenraucher ist schlichtweg ein Mastermind der Extraklasse und wohl auch ein Menschenfreund, den er liebt neben Pfeife und Tabak auch Rotwein.

Mit seinem Freund und Mitgestalter vieler Fernsehsendungen, dem Philosophie-Professor Wilhelm Vossenkuhl (ebenfalls LMU München) bestreitet Lesch die TV-Reihe Denker des Abendlandes, für mich ein oft-nächtliches Pflichtprogramm, das nicht nur hervorragend aufbauend gegen die Widrigkeiten unseres zunehmend verblödenden Alltags ist, sondern auch unbedingt eines guten Tabaks und einer schönen Pfeife bedarf.

…. an weiteren vergnüglichen Zwiegesprächen der zwei Denker können Sie hier teilnehmen:

· Sokrates

· Wilhelm von Ockam

· Wittgenstein, Whitehead und die Quantenphysik

· Schopenhauer & Nietzsche

Wem das alles zuviel ist oder wer gerade keine Zeit oder im Augenblick gar einen fehlenden Sinn dafür hat, dem möchte ich das soeben erschienene Buch der beiden großen Geister „Die großen Denker – Philosophie im Dialog“ unbedingt empfehlen. Hervorragende Streifzüge durch 2500 Jahre Philosophie. Wer auch ansonsten gut zuhören kann, dem wird das Buch gefallen, vermittelt der allgemein gehaltene Plauderton einiges Wissen über die großen Denker der Antike und des Mittelalters bis in die Neuzeit.

Wichtig: wer sich dem Thema Philosophie stets nur mit akademisch gewölbter Stirn und hehrem Alleinanspruchwissen nähert, wird den 704 Seiten nichts abgewinnen können. Allzeit Wissbegierige allerdings gelangen zu großem Lesevergnügen. Durch die personenbezogene Gliederung des Stoffes kann man das Werk sehr gut Kapitel für Kapitel lesen und auch mal einige Zeit aus der Hand legen.

Lesch / Vossenkuhl
Komplett-Media; Auflage: 1., Aufl. (28. November 2011)
ISBN-10: 3831203822
ISBN-13: 978-3831203826
29,95 € – gebundene Ausgabe
24,95€ – Kindle Ausgabe



ZHENG HE – des Kaiser`s Admiral

...auf das günstige Winde ihre Reise durch das Leben begleiten….

Diese Widmung (für Tochter Maggie) stellt der National Geographic Fotograf Michael Yamashita seinem beeindruckendem Bildband über den bis vor kurzem außerhalb Chinas weitgehend unbekannten größten Entdecker Asiens, dem Befehlshaber einer Armada, die größer war als alle, die die Welt bis zum 1. Weltkrieg zu sehen bekommen sollte, voran. Zheng He – in der Ming Dynastie unter dem bedeutenden Kaiser Zhu Dis Admiral, Ratgeber, genialer Stratege- prägte das chinesische 15. Jahrhundert wie nur noch der Kaiser selbst. Seine 7 Reisen fanden im Zeitraum von 1405 bis zu seinem Tode 1433 unserer Zeitrechnung statt. 60 Jahre bevor Columbus die „Neue Welt“ wiederentdeckt hat und und noch länger vor Vasco Da Gama, 100 Jahre vor Magellan und 160 Jahre vor Francis Drake, um eine Vorstellung über seine Leistung anzudeuten. Während Columbus seine Reisen mit anfangs 3, später 17 Schiffen, Da Gama mit 4 und dann mit bis zu 14 Schiffen und Magellan mit 5 Schiffen antraten, startete Zheng He mit 40 Schiffen und baute seine Armada in kurzer Zeit bis auf über 300 Schiffe aus. Und darunter waren Riesenschiffe, die für die unermesslichen Schätze benötigt wurden, die Zheng He ins Reich schickte.

Keine Nußschalen, wie das hier im Vergleich gezeigte Flaggschiff Vasco Da Gamas.

Michael Yamashita Die Drachenflotte des Admirals Frederking und Thaler, München ISBN – 13-978-3-89405-666-7

Er bereiste nachgewiesen die gesamte asiatische Welt, bis zur arabischen Halbinsel und ans Horn von Afrika, vermutlich aber sogar um ganz Afrika herum, nach Südamerika und Australien. Als er 1433 stirbt, schließt sich das riesige chinesische Reich für die nächsten 600 Jahre nahezu hermetisch ab und versinkt während dieser immensen Zeitspanne in die Bedeutungslosigkeit. Spanier, Portugiesen, Engländer und Holländer werden zu Entdeckern und Eroberen und verändern so die westliche Welt.

Fotograf Yamashita hat einen ästethischen Bildband mit einem hervorragendem historischen Abriß erstellt. Wir erhalten Einblicke in eine bisher teils völlig unbekannte Welt, die ein China zeigt, in dem strategischer und kommerzieller Weitblick bei weitem alles übertrifft, was unsere heutigen, völlig dilettantisch agierenden Großmächte stümperhaft zusammenstöpseln.

Michael Yamashita
Die Drachenflotte des Admirals
Frederking und Thaler, München
ISBN – 13-978-3-89405-666-7

 

 

 

 

 

 

 

 

 




Istanbul – literarische Vorbereitung einer Reise

Sie ist nur 100 Jahr später gegründet worden als Rom, dessen östlichem Teil sie später sogar als Hauptstadt diente, einzigartige Stadt bis heute: als griechische Gründung Byzantion, unter Konstantin 330 n.Chr. zu Konstantinopel geworden, ab dem 15. Jahrhundert dann als Istanbul eines der Zentren des osmanischen Reiches….und bis heute eine Stadt der geschichtlichen und kulturellen Wunder. Keine andere Metropole auf unserem Globus vereinigt bis hin in die Gegenwart Tradition und Kultur von Okzident und Orient so vollkommen wie dieses riesige Stadtgebilde- Polis in Europa und Asien.

Rom ist römisch gegründet und so geblieben, changierend immer nur in der Bedeutung. Bis heute. Allenfalls ist ein Rückblick auf die griechischen Gründungen und etruskische Vorzeit sinnvoll. Istanbul aber ist das geschichtliche und kunstgeschichtliche, das architektonische und religiöse Kaleidoskop par excellence, in dem wir heute noch –in weiten Teilen ursprünglich, unverändert – in das Stadtbild einbezogene Spuren frühzeitlicher, antiker, christlicher, levantinischer und osmanischer (islamisch) Kulturen finden. Man muß sie nicht suchen, sie sind allgegenwärtig. Will der kulturgeschichtlich interessierte Reisende in eine solch gewaltige Umwelt eintreten, so sei eine gute Vorbereitung angeraten, ohne die Istanbul nicht richtig erfahren wird. Dies kann, sofern Wissenschaft nicht bemüht werden soll, durchaus ansprechend und umfassend durch moderne türkische Belletristik erfolgen. Einige Beispiele, denen ich wiederholt folge, sind hier vorgestellt.

Nedim Gürsel, Professor für türkische Literatur an der Pariser Sorbonne, ging erst kürzlich durch die weltweiten Medien: sein letztes Werk „Allah`s Töchter“ – nun auch in deutscher Sprache erschienen- soll religiöse Werte des türkischen Volkes verletzen, so die Anklage. Der Prozess hat begonnen, im droht eine hohe Haftstrafe, die Türkei entfernt sich mal wieder von Europa. Gut, dass er mit französischer Staatsbürgerschaft in Paris lebt.

Der Eroberer

Der Eroberer · Ammann Verlag 1998 · ISBN 3-250-60012-1

Schon Marcel Proust hat Swann in der Suche nach der verlorenen Zeit als einen seiner Bewunderer geschildert: den außergewöhnlichen Sultan Mehment II, den Eroberer des christlichen Konstantinopels. So heißt denn Gürsels erster Roman aus dem Jahre 1995 auch schlicht Der Eroberer. Ein Schriftsteller verbringt mit Frau und Freunden einen Sommer in einer alten Villa am Bosporus. Er ist begeistert von seiner Heimatstadt Istanbul und von dem historischen Mehmet II, mit dem er sich nahezu besessen beschäftigt. Immer mehr vertieft er sich aus der Gegenwart in die Zeit des Sultans und schildert einen fast 500 Jahre umfassenden Zeitraum, bis er wieder bei sich und der Jetztzeit angelangt ist. Wir sind mit dabei, werden Teil der farbenprächtigen Welt osmanischer Sultansmacht und Sultanspracht.

Turbane in Venedig

Turbane in Venedig · Ammann Verlag · ISBN 3-250-60034-2

Nedim Gürsel bleibt in der Geschichte, allerdings nicht mehr nur in Istanbul. Die Beziehung seiner Heimatstadt zur ewigen Konkurrentin Venedig steht im Mittelpunkt. Der türkische Professor Kamil Uzman hält sich zu Forschungszwecken in den Museen, Galerien und Bibliotheken Venedigs auf. Eine geheimnisvolle Reise durch die Welt der Renaissancemalerei, einfühlsame Verknüpfungen von Orient und Okzident. Und eine akzeptable Liebesgeschichte, ein Roman eben.

Ahmet Hamdi Tanpinar „Seelenfrieden“

Der Seelenfrieden gilt bei den türkischen Literaturinteressierten als Jahrhundertroman. Was den Italienern Ippolito Nievos Bekenntnisse, den Iren der Ulysses und Finnegan`s Wake und uns Deutschen vielleicht die Buddenbrocks oder der Josephsroman bedeuten. Kult sagt man heute. Der Autor (1901-1962), geboren und gestorben in Istanbul, angesehener Literaturwissenschaftler, Professor für moderne türkische Literatur an der Istanbul Universität, ein sensibler Autor, der zeitlebens die kulturellen Werte der osmanischen Tradition nicht aufgegeben hat, wiewohl er in der Zeit Kemal Atatürks und damit dem Beginn der modernen Türkei , aber noch nah genug an der traditionellen „osmanischen“ Türkei gelebt hat.

Seelenfrieden · Unions Verlag / Türkische Bibliothek · ISBN 978-3-293-10013-8

Der junge Historiker Mümtaz kultiviert eine geradezu besessene Beziehung zu der alten, vom Verfall bedrohten Sultansmetropole: zu ihren Bauwerken, zum voller abgelegter Dinge, zur Poesie. Als er Nuran kennenlernt, vereinen sich in dieser Liebe einen Sommer lang all die Elemente der osmanischen Kultur zu einem ästethetischen Ganzen, bis sein Studiengefährte und Rivale bei Nuran-Suat, todkrank- auftaucht. Er möchte alles Alte zugrunde richten und einen völlig neuen Menschen schaffen. Ein tödlicher Konflikt entsteht. Der Roman ist Beispiel für die teilweise innere Zerrissenheit Tanpinars, die Verwurzelung in der osmanischen Tradition, die er nicht loslassen wollte, die aber in der modernen Türkei Atatürks und seiner Nachfolger immer weniger Platz erhielt. Realliteratur, wie sie einnehmender   und wissensvermittelnder nicht sein kann. Auch nach fast 60 Jahren ein Faszinosum.

Orhan Pamuk: sicherlich ist der 57-jährige Istanbuler Nobelpreisträger der im Westen bekannteste türkische Gegenwartsautor, auch er wie Nedim Gürsel von der Justiz wegen angeblicher staatskritischer Äußerungen angeklagt, gottseidank freigesprochen. Seine in Deutschland bekannten Romane Schnee, Die weiße Festung, Rot ist mein Name werde ich noch in Einzelrezensionen vorstellen. Zu diesem Thema aber dürfen zwei seiner Werke nicht fehlen, da sie sich intensiv um seine Heimatstadt drehen: Das schwarze Buch und Istanbul – Erinnerungen an eine Stadt. Im Schwarzen Buch schafft Pamuk ein schillerndes Portrait seiner Stadt, die seit Jahrhunderten die Phantasie beschäftigt. Ein vielschichtiger, labyrinthischer Kriminalroman, ein mystisches Traktat, ein Märchen mit manchmal absurdem Humor.

Das Schwarze Buch · Hanser · ISBN 3-446-17389-7

Wir wandern mit dem Protagonisten auf der Suche nach seiner Frau tagelang durch Istanbul, begegnen Zuhältern, Dirnen, modernen Derwischen, Betrügern, Säufern, steigen in den Untergrund der Stadt hinab. Vor uns entstehen Bilder von den Sommervillen am Bosporus, wir riechen die Gewürze in den Basaren. Der Schluß sei nicht verraten, er ist raffiniert und verwirrend zugleich. Am Ende des Buches war ich mir nicht sicher, ob ich es selbst gelesen habe oder ob mir in einem Han ein Märchenerzähler (vielleicht Rafik Schami ?) die Geschichte erzählt hat.

Istanbul- Fischer Taschenbuch · ISBN 978-3-596-17767-7

In Istanbul – Erinnerungen an eine Stadt bringt uns Orhan Pamuk mit Menschen und Orte zusammen, die phantasievoller nicht sein können. Der junge Orhan durchstreift erst an der Hand der Mutter oder im Dodge des Onkels, dann auf eigene Faust die Stadt, der er von Anfang an verfallen ist. Die Großfamilie lebt noch wie in osmanischen Zeiten unter einem Dach in den Pamuk Apartmani, während das ererbte Vermögen Vater und Onkel unter den Händen zerrinnt. Der Niedergang der einst so großartigen Stadt spiegelt sich in gewisser Weise in der allmählichen Auflösung von Pamuks Familie wieder. Entwaffnend ehrlich und melancholisch zugleich.

* auch als NDR-Lesung mit Ulrich Noethen

Zum Schluß möchte ich das romanhafte Istanbul verlassen und auf zwei Führer aufmerksam machen, die man unbedingt braucht. Leider ist der unvergleichliche Führer Istanbul von John Freely und Hilary Sumner-Boyd aus dem Jahre 1975 wie ja auch die gesamte Reiseführer-Reihe des Prestel Verlags nicht mehr erhältlich. Die Suche nach antiquarischen Ausgaben lohnt. Die beiden Autoren waren Professoren an der Bosporus Universität und wurden von zahlreichen türkischen Fachgelehrten unterstützt.

Hat man eine Ausgabe glücklich gefunden, so gibt der moderne Führer von Dorling Kindersley eine zeitgemäße Ergänzung ab und man ist für ein mehrtägiges Eintauchen in den gewaltigen Kosmos Istanbul bestens gerüstet.

  • Istanbul · Geschichtlicher + Kunst – Reiseführer · Prestel Verlag München · ISBN 3-791-300989 · Vergriffen, Antiquariat                                                                                                             
  • Istanbul · Dorling Kindersley · Reihe Vis-a-Vis · ISBN 978-3-928044-29-5

 

Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt · ISBN 3-534-05845-3


Ein wissenschaftliches Standardwerk zur Geschichte der Osmanen ist das 1985 erschienene Werk des Historikers und Orientalisten Josef Matuz (1925-1992)-Das Osmanische Reich-Grundlinien seiner Geschichte. Matuz, zuletzt Professor in Freiburg, beschreibt den Aufstieg und Niedergang des Osmanischen Reiches bis zur Entstehung der türkischen Republik als abschließende Zäsur. Neben den Hauptfakten der politischen Geschichte finden in diesem klassischen Überblick auch die wichtigsten Perspektiven der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung wie auch Religion und Geisteshaltung des Islam Berücksichtigung. Die Darstellung richtet sich sowohl an angehende Islamwissenschaftler wie historisch interessierte Nichtorientalisten. Das Buch kann wegen seiner Karten, Übersichten und Tabellen sowie der ausführlichen Zeittafel auch als Nachschlagewerk benutzt werden. Ich nehme es immer wieder zur Hand, zur Vorbereitung einer Istanbulreise ist es allerdings nicht zwingend notwendig, aber sehr hilfreich.