Bell`s Three Nuns | Vintage von 1920

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1894 entwickelten J & F Bell in Glasgow den Curly Cut Three Nuns, der – wenn auch mit sehr wechselhafter Geschichte – bis heute erhältlich ist und zu den Tabaken wie Escudo und den Dunhills gehört, die stets kontrovers besprochen werden. Es gibt ungebrochene Enthusiasten und den Gegenpart, für den die drei Nonnen schlichtweg ungeniessbar sind. Wie immer, wenn Emotionen und die eigene Geschichte des Pfeifenrauchers ins Spiel kommen, ist alles richtig und doch vieles unsinning oder schlichtweg zu persönlich. Aus diesem Grunde, und weil ich nicht glaube, dass ich mit meinem Alter noch weitere 40 Jahre Tabakgenuß vor mir habe, öffne ich von Zeit zu Zeit einige Pretiosen aus meiner Vintage Tabak Sammlung, um Vergleiche zu den heutigen Versionen zu ermöglichen. Nach dem Ogdens St.Bruno Flake von 1940 [click] wurde in der Münchner Runde ein Three Nuns von 1920 geöffnet.

Ein wenig Tabakgeschichte vorweg. J & F Bell`s haben den Three Nuns lediglich 10 Jahre lang in Glasgow gefertigt. Das wird diejenigen verwirren, die heute noch behaupten, das die Bell`s Version um vieles besser sei als der seit etwa 1991 in Lizenz (von Imperial) durch Orlik produzierte. Denn die ebenfalls in Glasgow ansässige Mitchell & Sons Tobacco Company hatte 1904 Bell`s erworben. Damit gelangten u.a. die Three Nuns zur Imperial Tobacco (Great Britain & Eire) Company, zu deren Gründern auch Mitchell gehörte und wurden bis 1980 -dem Jahr der Schliessung der Mitchell Fabrik in Glasgow, von Mitchell hergestellt. Von da ab ist der Fortgang bei den Three Nuns für einige Jahre nebulös, vermutlich hat die Imperial Tochter Ogden in Liverpool die 3 Nonnen produziert, bis sich schließlich Orlik 1991 ihrer annahm. Das hat den Three Nuns nur gut getan, den Orlik mit seinem gewaltigen Tabaklager der besten Provenienzen ist in der Lage, eine solch gleichbleibende Qualität zu schaffen. Zwischenzeitlich wurde ein weiteres Nonnen-Kapitel geöffnet: der Tabak wird nicht mehr von Orlik, sondern von MacBaren hergestellt und hat nun aber auch jede Ähnlichkeit mit den Vorgängern verloren.

Nebenbei bemerkt: wer noch den Three Nuns von Mitchell oder gar von Bell geschmacklich in Erinnerung hält, um das Gegenteil zu behaupten, möge sich bitte jetzt und hier melden oder für immer schweigen. Biologisch jedenfalls wär er eine größere Sensation als der Tabak selbst.

Vermutlich stammt der Three Nuns von 1920 (lt. den Unterlagen des Vorbesitzers, von dem ich 5 Dosen 1971 gekauft habe) und wurde somit von Mitchell innerhalb der Imperial Tobacco Company in Glasgow hergestellt. Die Dose ist verlötet, das ist nicht die originale Verschlußmethode. Wie ich aber erfahren konnte, wurde das vor allem vor dem 2. Weltkrieg häufig gemacht. Ein alter Konservendosenöffner (Wickelöffner) wird benötigt. Die Überraschung ist groß: der Tabak ist nach 90 Jahren in perfekter Kondition, kein bißchen trocken, nicht krümelig – schlichtweg perfekt. Das Tabakbild ist etwas gräulich, gibt aber keineswegs den tatsächlichen Zustand wieder.

 

Eine straight grain- Il Ceppo mit Silberrand und mittlerem Füllvermögen wird herangezogen.Ich verzichte diesmal auf die probate Knick/Falt-Methode und schichte die kleinen Curlies flach in die Rauchkammer, 5 Scheiben. Obenauf zerkrümmele ich ein weitere Scheibe, zum besseren Anbrand.

Es sei mir nachgesehen: ein Glas Yelh Vinho Port, mit 35 Jahren nicht einmal halb so alt wie der Three Nuns, muß mich einstimmen. In vor-Orlik Zeiten bestand der Three Nuns aus Virginia und Perique, was heute wohl nicht mehr der Fall ist.


Und das ist der wesentliche Unterschied zur modernen Version. Der Tabak glimmt sofort, vom Start weg eine Virginia Bombe, sehr nikotinhaltig und zum jüngeren Bruder überhaupt nicht strohig oder kratzig. Der Hauptgeschmack ist natürsüßer, trockener, uralt-gereifter Virgina, das wird vom Perique noch intensiviert. Man muß sich Zeit nehmen, muß den Tabak verinnerlichen. Natürlich – mit dem Wissen über Herkunft und Alter schwurbelt sich so manch Krauses in die Gedankenwelt, was womöglich andere nicht nachvollziehen können. Das behalte ich jetzt auch mal für mich und überlasse es der Münchner Runde, diesen Faden weiter zu spinnen.


Nach gut 2 Stunden, in denen der Tabak keine Spitzen brachte, sondern sich unverändert als weicher, satter Virgina mit wundervoller Süße zeigt, gebe ich auf. Mein Magen wünscht eine Pause (ich nenne es das Erinmore Flake Syndrom), der Port muß wieder her, zum kompensieren.

Ein Fazit erspare ich mir: es kann überhaupt nicht objektiv sein, wenn man eine Vintage- oder Antik Affinität hat. Der Tabak kam mir überirdisch vor, gleichsam wie mein Cope`s Escudo, der real aber dem heute perfekten Orlik-Escudo in der gebackenen Version zumindest nicht über ist. Es war eine tolle Erfahrung, aber da ich viele alte oder gut „ge-agete“ Tabake besitze, auch keine unikate.

Aber ein Vergleichsrauch mußte heute dann doch noch erfolgen. Dazu wählte ich einen Three Nuns von 1999 aus, mit einer DM/€ Preisauszeichnung. (Das war vorgeschrieben, als der € 1999 als Buchgeld eingeführt wurde). Auch dieser Tabak ist perfekt konditioniert, ja sogar etwas feucht. Ein wesentlich helleres Tabaksbild zeigt sich. Mit gleicher Methode, aber in eine kleine Jörgen Larsen gefüllt, habe ich etwas Mühe, den Anbrand hinzubringen. Nach zwei, drei Versuchen ist endlich eine gleichmäßig glimmende Oberfläche da. Voller, sehr trockener Virginiageschmack, nur eine leichte Süße, ein ganz anderer Genuß wie der 1920er. Fehlt der Perique, unabhängig von den Auswirkungen des Altersunterschiedes?

Three Nuns 1920 (Imperial) und 1999 (Orlik)

Obwohl ich sehr, sehr behutsam und langsam rauche, stellt sich nach einer halben Stunde ein vordringliches Kratzen ein und die virginiatypische Heu-Note wird mir zu trocken. Das Erinmore-Syndrom kündigt sich an. Ich gebe auf, räume nach Zweidritteln den Pfeifenkopf aus. Scheinbar hat die 11-jährige Ruhephase dem Orlik-Three Nuns keine Verbesserung gebracht. Im Gesamten fehlt mir bei den Nonnen die Komposition, mir sind sie zu „einfarbig“. Da ziehe ich den Escudo, einen MacBaren Stockton oder Dunhill Flake um einiges vor.

Im Vergleich, was Wunder, ist der Three Nuns von 1920 ein geschmacklich farbenfroherer Tabak, der in Verbindung mit dem Periqueanteil überzeugt. Da die Vintageversion nicht jedem zugänglich ist, bleibt der heutige Three Nuns wohl nur den Enthusiasten vorbehalten.

Bodo Falkenried

exemplarischer Niederrheiner, seit fast 50 Jahren in München daheim, genauso lang Pfeifen- und Tabaksammler, versessen auf Musik, Literatur und andere Künste. Segler, Reisender [..unser Mann in Asien], Intensiver Marktgeher, immer am Herd.

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